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Der Trinker

Achtes Kapitel

Reading edition

Frau Kalnis setzte die Brille auf ihr schlaues, gelbes Chinesinnengesicht und öffnete mit zitternden Händen den großen, blauen Brief, den ihr der Briefträger soeben gebracht hatte. Die Buchstaben verneigten sich vor ihren Augen, tanzten spöttisch hin und her und wollten sich durchaus nicht fangen lassen. Es währte geraume Zeit, bis sie des Inhalts habhaft wurde.

»Herrjeses!« schrie sie da. »Hat ein Mensch schon mal sowas erläbt?! Neineinei! Ich zieh! Ich zieh!« Wie von der Tarantel gestochen, stürzte sie mit dem Brief in Johns Zimmer, um ihn zur Rede zu stellen. John lag mit gefalteten Händen auf dem Sofa.

»Herrr!« brach sie los, mit »Rs« wie Trommelwirbel. »Wer kann mir das einjebrockt haben als Sie?! Wer kann mir das sonst schreiben als Ihr verdrähter Onkel?! Ich kenn seine Handschrift. Da schreibt er: Man beobachtet mich. Und ich soll meine langen Finger doch im Zaum halten, sonst krieg ich's mit der Polizei zu tun ... Gott, das muß ich mir, mir sagen lassen! Für nuscht, für rein gar nuscht! Ich zieh! Ich bleib nich unter solche Menschen! Ich ...« Hier verlor sich ihre Rede in einem heftigen Hustenausbruch.

John versuchte eine scheinheilige Miene zu machen, aber er war viel zu kindisch, um über Dores Zorn nicht lachen zu müssen. Bald kicherte er wie ein dummer Junge.

»Sie Hottentott!« stöhnte Dore. »Ich laß Sie im Stich! Ich werf Ihnen hin! Wer bleibt bei einem Menschen wie Sie?! Was möjen Se doch bloß wieder aufjebracht haben?!«

»Zügle dich,« sagte John vornehm und mit einem sehr spitzen »Ü«.

»Ziejiln Sie sich man lieber!« brauste Dore auf.

»Übrigens,« sagte John, das Sofakissen betrachtend, »möchte ich wissen, weshalb ich Ihnen das gerade eingebrockt haben soll?«

»Kein andrer,« knurrte sie.

»Verklagen Sie doch Onkel John, wenn Sie meinen, daß er den Brief geschrieben hat.«

»Ich? D'n Onkel John verklagen?« Dore lachte grimmig. »Eher nähm ich meine sieben Sachen und mach mir auf die Sohlen. Nei! Mit dem bind ich nich an! Der kann e unschuldjen Menschen durch seine Märchen ins Zuchthaus bringen.«

»Wissen Sie was?« flüsterte der gute Neffe. »Er hat doch ein durchgegang'nes Reitpferd eingefangen und dann vor Gericht geschworen, daß es seins ist.«

»Nanana!«

»Wahrhaftig Gott!«

»Eins, was wahr ist,« sagte Dore feierlich, »daß es mit dem noch mal ein schlechtes Ende nimmt, das steht fest. Sie und d'r Onkel, ihr wißt ja gar nicht, was ihr anjeben sollt? Wozu ihr auf der Welt da seid?!«

»Weißt du vielleicht, wozu du da bist?« näselte er.

»Na, jewiß weiß ich.«

»Das bild'st du dir ein!«

Dore schlug nur stumm mit der Hand, denn der Husten überfiel sie aufs neue. »Was muß e Mensch sich ärjern,« hub sie dann wieder an. »Solche Jemeinheit! Mir zittert alles! Aber der liebe Gott wird ihn schon finden! Der wird ihn schon strafen!«

»Was weißt du von Gott?« sagte John spöttisch.

»Daß er Sie und Ihren Onkel strafen wird,« entgegnete sie wild.

»Dann ist dein Gott ein Teufel!« rief er, gereizt werdend, denn er dachte: bin ich nicht schon elend genug?!

»Mein Gott ist ein Teifel?« wiederholte Dore entsetzt. »Daß Ihnen nich der Blitz erschlächt!«

John lachte. »Er kann nicht blitzen. Er ist doch nur ein Märchen.« – »Gott,« sagte er und sah zur Decke auf, »das sollte etwas sein, wie Blumenduft, wie Harfenspiel und Sonne; nichts als Süße und Herrlichkeit. Strafe und Gott? Blitz und Gott? Das sollte nicht zusammenpassen.«

Er schloß die Augen und sein ganzes Gesicht arbeitete. »An Gott denken,« stammelte er, »das sollte sein, wie an silberne Quellen denken in tiefen grünen Märchenwäldern, wie an frische Wiesen denken, neben rauschenden blauen Strömen, das sollte sein, wie ein Versinken in etwas himmlisch Weiches und Beruh'gendes.«

»Bring mir Papier und Bleistift,« sagte er dann barsch und verlegen, »ich habe zu schreiben.«

»Sie wollen schreiben?« fragte Dore, die Augen noch weiter aufreißend. »Das haben Se ja noch nie jetan.«

»Das Personal hat seine Meinung für sich zu behalten.«

»Sie werden d's Schreiben verlernt haben.«

Nun lag Papier und Bleistift vor ihm, und John machte ein dummes Gesicht, weil er nicht wußte, wie er anfangen sollte.

»Was wollen Se doch bloß schreiben, mein Lieberche?« fragte Dore, immer neugieriger werdend.

Der Trinker rieb sich mit wichtiger Miene das Kinn und schwieg. »Wie schreibt man Dienstag?« fragte er dann. »Mit langem oder rundem S?«

Frau Kalnis entschied sich mit Energie für das runde.

»Etwas scheinst du ja jelernt zu haben,« bemerkte John herablassend.

Dore fühlte sich geschmeichelt. »Etwas?« wiederholte sie. »O! ich hab scheen jelernt. Ich war immer die Erste in meine Klass'.«

John war müde, als er Dienstag und das Datum geschrieben hatte. »Schwer!« sagte er mit dem Kopfe wackelnd und sich einen Kognak eingießend.

»Ja,« sagte Dore, »d's Schreiberhandwerk is nich so ohne ... Was haben Se doch bloß zu schreiben, Herr Johnche?«

Der Gefragte machte ein verschmitztes Gesicht, indem er die Wärterin leise pfeifend angrinste. Er brannte darauf, das Geheimnis mitzuteilen; aber wiederum war es auch hübsch, die neugierige Dore zappeln zu lassen. »Holen Sie erst das Frühstück,« gebot er gravitätisch.

Frau Kalnis war von Natur so neugierig, wie die Nachtigall es sein soll. Das Frühstück stand in fünf Minuten auf dem Tisch. »Nu?« fragte sie gespannt, den linken Arm in die Seite gestemmt.

»Erst essen,« grinste John.

Dore errötete vor Ärger und Enttäuschung. »Sie sind mir erst e Koboldche,« sagte sie vorwurfsvoll.

»Ich bin Ihnen erst e Koboldche,« spöttelte er.

Die Litauerin wurde noch röter und ging stracks in ihr Zimmer, die Tür hinter sich zuknallend.

Nach einer Stunde bekam sie das große Geheimnis zu wissen. John beabsichtigte, ein Schriftstück zu verfassen, in dem er die ganze Welt vor dem Trinken warnte. All seine Qualen wollte er darin schildern und all seine Todesangst. »Wer das lesen wird,« sagte er, »der wird nie, nie mehr zuviel trinken, das kannst du mir glauben, Dore. In allen Zeitungen soll es stehen, auch in den kleinsten.«

»Das is mal scheen,« sagte Frau Kalnis, bis zu Tränen gerührt, »Sie werden auch noch im Himmel kommen.«

»Will ich gar nicht,« brummte er. »Hier will ich bleiben und gesund werden. Und was ich zu schreiben beabsichtige, das soll hier, rot gedruckt, über dem Sofa hängen.« Er klatschte mit der Hand auf die Wand. »Du sollst mal sehen, Dore, wie mir das gut tun wird, wenn ich das so tagtäglich vor Augen haben werde. Das wird mir schon das Trinken abgewöhnen.«

»Vel–leicht« ... zerrte sie unter krampfhaftem Gähnen heraus.

»Aber für heute wollen wir es genug sein lassen,« sagte er dann, das Papier mit dem schief und zittrig geschriebenen Datum von sich schiebend. »Sowas will erst ordentlich überlegt sein.«

»O – ja!« erwiderte Dore, langsam mit dem Kopfe nickend, und warf sich einen geheimnisvollen Blick im Spiegel zu.

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