Zweites Kapitel
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John stand vor dem Spiegel und legte seine Orden an. So nannte er die blauen, an Bändchen hängenden, parfümierten Oblaten, mit denen er seine Jacke zu schmücken pflegte, wenn er »zu Zarnoskys« ging. Er trug sie dann seiner jüngeren Brüder wegen, die immer behaupteten, sie könnten seinen Geruch nicht ertragen. John roch wirklich nicht schön, was auch weiter nicht verwunderlich war, und seine Kleider verbreiteten die Luft der Arbeiterkneipen. Aber er verschmähte es, sich mit Parfüm zu begießen, er fand es männlicher und stilvoller, mit den blauen Oblaten auf der Jacke zu gehen. Obgleich sie lange nicht die Wirkung ausübten, die ein starkes Parfüm getan hätte. John war noch so kindisch. Mit strahlenden Augen war er eines Morgens, die Oblaten auf der Brust, bei der Mutter erschienen: »Sieht das nicht fein aus? Sieht das nicht jroßartig aus? Und nun werde ich auch nicht mehr schlecht riechen. Nicht wahr, ich rieche jetzt fein? Paul, Leo, rieche ich jetzt nicht fein?« Sie hatten es aus Mitleid bejaht, und die Mutter hatte sogar behauptet, daß sie noch nie einen schlechten Geruch an ihm bemerkt habe, Paul und Leo seien nicht klug. Das hatte den jungen Alkoholiker bis zu Tränen gerührt. An diesem Tage trank er keinen Tropfen.
Während sich John noch vor dem Spiegel bewunderte – es war Sonntag: Palmsonntag – kam etwas trapp, trapp, trapp, wie auf kleinen Jungenstiefeln, die Treppe herauf und hämmerte dann energisch an die Küchentür. Das Väterchen stürzte hin, um dem Söhnchen zu öffnen. Peter trat ein und schob seine kleine weiche Nase zur Begrüßung in Johns ausgestreckte Hand. Peter wollte seinen Morgenzucker haben, und den erhielt er auch reichlich. John hätte seine Uhr verkauft, um Peter mit Zucker füttern zu können.
Der Ziegenbock mußte auf dem Hof bleiben, als John ins Vorderhaus zu seinen Eltern ging. Er bedeutete ihm, auf dem Hof herumzuspringen, solange »Papa« auf Besuch war.
Papa setzte sich im elterlichen Eßzimmer an den warmen Ofen, verschämt »guten Morgen« stotternd. Paul und Leo verzogen sich rasch nach seinem Eintritt, und Eugen begrüßte ihn mit den spöttischen Worten: »Na, wieder mal betrunken gewesen, alter Ziegenbockvater?«
»Betrunken gewesen? Wer? Ich doch nicht?« stotterte der Trinker. Er hatte die Hände gefaltet und ließ die Daumen langsam umeinanderlaufen, indem er auf die Mutter blickte, die mit einer Handarbeit am Fenster saß.
»Ach John,« sagte sie traurig, »kannst du es denn gar nicht lassen?«
»Nein,« platzte er naiv heraus.
Sie seufzte und verstummte.
»Was gibt's zu Mittag?« fragte er verlegen in die Stille hinein. John war ein Feinschmecker und hielt sich gern in der Küche auf. Dort, bei Amalie, war ihm auch viel wohler als bei Vater und Mutter. »Muß mal sehen, was gekocht wird,« sagte er, sich wieder erhebend, da niemand auf seine Frage antworten wollte.
In der Küche stand eine Kiste, die der Faktor zur Bahn tragen sollte. Auf dem Deckel lagen dreißig Pfennige Trinkgeld für ihn. John vergaß das Mittagessen und blickte wie gebannt auf das Geld. Sein Portemonnaie war leer; denn der Vater gab ihm immer weniger und weniger Taschengeld, um ihm das viele Kneipenlaufen unmöglich zu machen. (Das Resultat davon war, daß John auf Kredit trank und die Faktore anpumpte.) Die dreißig Pfennige lockten ihn, wie den Igel das Blut. »Wissen Sie was, Amalie,« sagte er zu der kugelrunden ältlichen Köchin, »das da kann ich selbst verdienen! Die Kiste trag ich noch allemal!« Damit nahm er sie auf und wandte sich nach dem Ausgang.
»Sie werden doch nich!« rief Amalie. »Der Friedrich wird doch jleich kommen. Aber, junger Herr, das schickt sich doch nich fir Sie. Wenn das der Herr sieht!?«
»Aber ich schlepp' sie doch bloß so lange, bis ich einen Jungen treffe, der sie mir für fünf Pfennige trägt.«
»Lassen Se ihr stehen, ich jeb Ihnen dreißig Pfennige,« sagte Amalie zärtlich.
»Geben Sie her,« brummte John, »dann sind es sechzig.« – »Her damit!« beharrte er mit dem Eigensinn des Alkoholikers, da die Köchin unter diesen Umständen nicht mit dem Gelde herausrücken wollte.
Es blieb ihr schließlich nichts andres übrig, als ihm den Willen zu tun. Sie öffnete zwei Knöpfe ihrer karierten Taille und zog ein rot- und braungestreiftes Beutelchen hervor, das von der Wärme ihres gewaltigen Busens Zeugnis ablegen konnte. »Na machen wir uns auf die Socken,« sagte John kurz, als er das Geld hatte. »Ist mir ein Kinderspiel, diese Kiste zu tragen.«
Die Köchin wollte es bestreiten, und das reizte John, weil es seinen Stolz verletzte. Nun ging er mit der Kiste, kostete es, was es wollte. Einen flotten Gang erzwingend eilte er nach der Tür.
»Adieu, Amalie.«
Die Dicke sah ihm sorgenvoll nach. »Kommen Se gut nach Hause, junger Herr.«
Das Zarnoskysche Haus stand vis-à-vis einer Querstraße, die sich in langer enger Windung vor ihm auftat. Die Straße hieß Grätengasse. Eugen stand gerade am Fenster, als John mit der Kiste aus dem Hause trat und nach der Grätengasse steuerte. »Was soll das heißen?« rief er, das Fenster aufreißend. »Holla! John! Du kommst sofort zurück!«
Der Angerufene drehte ihm sein gelbes Gesicht zu und schnitt ihm eine tolle Grimasse, dann trollte er weiter.
Eugen knickte vor Lachen zusammen. Johns Anblick war überwältigend komisch gewesen, so tragisch er im Grunde auch war. Und nun schwankte er auch schon die Grätengasse hinunter, er hüpfte und torkelte, die Kiste unterm Arm, von rechts nach links. »Mutter, Paul, Leo!« rief Eugen in das nach hinten gelegene Eßzimmer hinein. »Kommt doch bloß mal her!«
Frau Zarnosky war entsetzt, als sie John in dem Kistenträger erkannte. Eugen sollte ihn sofort zurückholen, weil sie fürchtete, daß John hinfallen könne. Aber Eugen machte Einwendungen: er werde ihm nicht gehorchen und Streit anfangen, er werde auch nicht gleich hinfallen. Der Faktor könne ihm ja nachlaufen.
Aber der war noch immer nicht da, Amalie versicherte indessen, daß er nun gleich kommen müsse. Alle stellten sich ans Fenster und blickten gespannt in die Grätengasse, die beiden Jungen voll heftigster Lachlust. Plötzlich prusteten sie los; denn John hatte sich umgedreht und die Zunge herausgehängt.
In der Grätengasse standen viele alte Speicher. Einer von ihnen hatte an der Front eine steinerne Ruhebank. Als John diese Bank erreicht hatte, stellte er die Kiste herauf, setzte sich pustend daneben und faltete ergeben die Hände. So traf ihn Onkel John, der des Weges daherkam, um irgendwo Märchen erzählen zu gehen.
»Was tust du da? Was hast du da für eine Kiste?« fragte er mit heftig angeregter Phantasie.
Der Neffe tat verschämt. »Der Vater braucht Geld. Ich muß unser Silberzeug verkaufen gehen. Eugen tut es nicht,« erwiderte er so gedrückt als er konnte.
Onkel John kicherte wild in sich hinein. »Armer Junge,« sagte er bedauernd, und als habe er durchaus nichts Merkwürdiges gehört, »die Kiste ist wohl sehr schwer?«
»Ja,« hauchte der Neffe mit schwermütigem Augenaufschlag.
Der Onkel pustete stark, um nicht lachen zu müssen, dann sagte er: »Deine Eltern tun unrecht, wenn sie dich bei deinem Gesundheitszustand mit einer solchen Kiste schicken. Indessen soll man Vater und Mutter ehren. Doch« – Onkel John weitete furchtbar die Augen – »wenn sie dich noch einmal mit einem solchen Monstrum heraushetzen ... heraushetzen,« wiederholte er mit erhobener Stimme, »dann kommst du zu mir, und das Weitere wird sich dann schon finden.«
Der Trinker nickte ganz ergriffen. »Gib doch was, damit ich sie mir wenigstens tragen lassen kann,« stammelte er, die Hand ausstreckend, in kläglichem Tone.
»Hast du denn gar kein Geld?« fragte Onkel John, bis zu Tränen gerührt.
Der Neffe kehrte hurtig die leeren Hosentaschen heraus. »Und sie lassen mich nächstens verhungern,« brummte er, dem Himmel ein Paar feuchte Pudelaugen zeigend.
Onkel Johns Phantasie schwoll mächtig an. Die Eindrücke arbeiteten so gewaltig in ihm, daß er einen Augenblick ganz sprachlos blieb. Und wenn er auch genau wußte, daß sein Neffe ihn aufs albernste belog, gelang es ihm, bei seiner Einbildungskraft, doch ganz vortrefflich, sich die Unwahrheit als Wahrheit vorzustellen. Sein fuchsgelber Schnurrbart zitterte, denn er befand sich in angenehmster Aufregung, und seine grellblauen Lügneraugen glitzerten wie Katzenaugen im Dunkeln. »Zunächst,« sagte er, hoheitsvoll das Portemonnaie ziehend, »zunächst sind hier fünf Mark, damit du nicht ganz ohne Pfennig herumläufst – mein armer Junge.«
John nahm dankend die gereichten zwei Mark. Er wußte, daß es immer nur zwei Mark waren, wenn Onkel John fünf Mark sagte.
»Und nun gehe ich zu deinen Eltern,« fuhr dieser fort, »um für dich das Notwendigste anzuordnen. Schlimmstenfalls« – er rollte die Augen – »wird die Polizei meinen Worten Nachdruck verleihen. – Holla!« rief er dem Faktor entgegen, der der Kiste wegen gelaufen kam, »tragen Sie das da! Ich übernehme die Verantwortung, verstanden?«
John lehnte es ab, den Onkel zu begleiten, weil er ein unreines Gewissen hatte. Der Onkel ging auch lieber allein, um je nach Empfang mit seinen Märchen herauszurücken. Es war ein hellgrauer Sonntagvormittag, und die Grätengasse lag still und leer und sauber da. Onkel John eilte wie mit Flügeln am Mantel davon, während sein Neffe auf der Steinbank sitzen blieb, die Daumen umeinander drehte und sich seine Mischung wünschte.
»Guten Tag, meine Lieben,« sagte der alte Fuchs mit wärmster Innigkeit, als er bei Zarnoskys ins Eßzimmer trat. Paul und Leo reichten ihm die Hand, seine Schwägerin unterließ es, Eugen und Herr Zarnosky brummten etwas, Onkel Chlodwig war nicht da.
»John sitzt am Traumannschen Speicher und weint,« hub der gute Onkel an. »Die Kiste war doch wirklich zu schwer für ihn.«
»Wer hat ihm befohlen, mit der Kiste zu gehen?!« sagte ärgerlich der Vater.
»Das wollen wir nicht untersuchen,« versetzte Onkel John sanft und schlicht. »Apropos (»Jetzt geht's Schwindeln los,« flüsterte Paul hinter Eugens Rücken) was ich sagen wollte« – er hob die eine Fußspitze ein wenig in die Höhe und besah sich versunken den Stiefel – »ja, richtig; es gehen über dich merkwürdige Gerüchte in der Stadt herum, ganz merkwürdige Gerüchte, mein lieber Richard.«
»Phantasiere doch nicht immer!« unterbrach ihn sein Bruder in wegwerfendem Tone. Richard Zarnosky log nicht mehr als andere Kaufleute, und seine Phantasie hielt sich in bürgerlichen Grenzen.
»Du solltest – du solltest nicht so zu mir sprechen – in – in einer Lage wie der deinigen, mein lieber Richard.«
»In was für einer Lage bin ich denn, mein lieber John?«
»In keiner angenehmen, sollte ich meinen. Es gehen Gerüchte in der Stadt, daß« – –
»Daß?«
»Daß es mit dir schief stände, mein lieber Richard.«
»Wer sagt das?« fragte Herr Zarnosky amüsiert.
Onkel John entblödete sich nicht, eine Reihe von Namen zu nennen, wobei er ab und zu die Augen schloß, als ob ihm angst und bange würde. »O Gott!« rief er plötzlich. »Richard, Richard, bring nur nicht Schande über deine angesehene Familie, über mich und meine unschuldige Tochter, über unsern armen Bruder Chlodwig!«
»Erster Akt, erste Szene,« sagte Eugen lachend.
Herr Zarnosky tippte mit einer nicht mißzuverstehenden Gebärde an seine Stirn, indem er den Bruder bedeutungsvoll anblickte. Aber Onkel John übersah die Beleidigung, weil er noch lange nicht fertig war. Sich seinem ältesten Neffen zuwendend sagte er: »Mein lieber Eugen, du solltest dich schämen, deinen alten Onkel zu hänseln. Aber ich weiß ja, du ehrst auch nicht Vater und Mutter. Du schämst dich, in ihrem Interesse zu handeln. Du schämst dich, Schritte zu tun, die ihre mißliche Lage verbessern könnten.«
»Nu wird's Tag,« brummte Eugen belustigt.
Herr Zarnosky öffnete die Tür und sagte gelassen: »Mein lieber John, hier hat der Zimmermann das Loch gelassen.«
Der Märchenerzähler fauchte wie ein schwergereizter Kater, seine grellen Augen rollten hin und her. »Richard,« brachte er angestrengt heraus, »ich kündige dir hiermit ein für allemal meinen Speicher.«
»Schön,« erwiderte Herr Zarnosky, »mir ist dein ew'ges Künd'gen auch über. Es gibt mehr Speicher in unserer Gegend.«
»Geh nur hin!« krähte Onkel John. »Es dürfte dir keiner so passen wie meiner.«
»Und wenn auch! Schlimmstenfalls behelfen wir uns eine Weile mit einem. Wir räumen zum ersten Juli, du kannst dich darauf verlassen.«
Das kam dem Märchenerzähler weder erwartet noch erwünscht. Wer weiß, ob ihm ein andrer die hohe Speichermiete zahlen würde, die ihm sein Bruder zahlte, ganz abgesehen von allerhand Vorteilen, die er daraus zu ziehen verstand, daß sein Speicher dem Bruder so sehr gut paßte. (Onkel John zog es schon lange vor, den Speicher zu vermieten, anstatt ihn selbst zu benutzen, weil er zuviel mit Prozessen zu tun hatte. An denen gewöhnlich seine Märchen schuld waren.) »Richard,« flüsterte er, das Gesicht in schelmische Falten ziehend und aufs versöhnlichste loskichernd, »du kannst nicht Scherz von Ernst unterscheiden. Das war doch bloß Spaß mit der Kündigung. Benutzt ihn in Gottes Namen weiter. Mir genügt der Schuppen.«
»Bis zum ersten Juli und nicht länger,« versetzte Herr Zarnosky schroff.
»Es ist nicht recht, daß du dem Bruder den Verdienst nehmen willst, um ihn vor einen Fremden zu werfen,« predigte Onkel John in salbungsvollem Tone; aber seine Augen funkelten böse. »Unser Bruder Chlodwig wird es auch nicht wollen,« setzte er theatralisch hinzu.
»Dein ew'ges Künd'gen paßt uns schon längst nicht mehr!« schrie Herr Zarnosky, die Geduld verlierend. »Und es paßt uns auch nicht, daß du deine fünfzig Puten tagtäglich von unserem Getreide mästest!«
»Erstens sind es nur vierzig,« stotterte Onkel John, »und zweitens haben sie noch nie in ihrem Leben auch nur ein Körnchen von deinem Getreide bekommen. Und außerdem sind nur noch sechs am Leben.«
Alle lachten. Von vierzig auf sechs war selbst für Onkel John ein kühner Sprung.
»Wißt ihr denn nichts von dem Unglück, das vergangenen Montag bei uns passierte? Nein, ihr wißt wohl noch nichts?!« rief nun der Märchenerzähler, froh wie ein Kind über den guten Einfall, der ihm gekommen, und über die versöhnliche Stimmung, die sich anzubahnen schien. »Richard, Anna, Eugen, Kinder, laßt euch erzählen, was vergangenen Montag bei uns passierte. Da fuhr mir doch ein Wagen mit durchgehenden Pferden in meine jungen Putchen hinein. Die Hälfte wurde totgefahren, die Hälfte kreuzlahm getreten. Dem Truthahn Fritz, meinem Liebling – ihr kennt ihn ja – dem armen Tier war das linke Beinchen gebrochen. Ich habe ihn dann selbst geschlachtet ...«
»Aber Onkel!« platzte Paul lachend heraus. »Den Fritz habe ich doch noch gestern nachmittag gefüttert.«
Onkel John zuckte zusammen wie jemand, den unerwartet ein Insekt gestochen. »Paul,« begann er eindringlich, die lachenden Zuhörer mit hoheitsvollen Blicken messend, »besinne dich recht, mein Junge! Du hast – gestern nachmittag – den Fritz gefüttert? War es nicht vor acht Tagen?«
»Gestern war es.«
Onkel John blickte auf Paul wie auf einen armen Schwachsinnigen, dann wandte er sich seiner Schwägerin zu. »Liebe Anna, ich habe es Ihnen – ich habe es euch allen noch immer verbergen wollen, was ich seit einem halben Jahre an Paul beobachte. Der arme Junge – aus unsrer Familie hat er das nicht – das arme Kind weiß nämlich nie, wann sich ein Ereignis zugetragen, ob es gestern, vorgestern oder sonstwann war. Er verliert das Gedächtnis. Ist euch das noch nie aufgefallen?«
»Nein, du alter Schwindler,« sagte Herr Zarnosky mit Nachdruck.
»Alter Schwindler?« sprühte der Märchenerzähler, seinen Speicher vergessend. »Statt mir zu danken, daß ich dich auf eine Krankheit deines Kindes aufmerksam mache, beleidigst du mich? Du bist mir ein netter Vater! Den einen lassen sie verlumpen, den andern verblöden!«
Herr Zarnosky ging ruhig zur Tür und öffnete sie ein zweites Mal. »Soll ich vielleicht den Faktor rufen, damit er dir den Ausgang zeigt?« fragte er grob.
»Ich gehe,« schnaubte Onkel John, »und ich komme nicht eher wieder, als bis ihr mich auf Knien und Ellbogen darum bitten werdet.«
Es erfolgte ein Gelächter, in das nur Paul und Frau Zarnosky nicht einstimmten. Paul machte ein ängstliches, beinahe verstörtes Gesicht. Frau Zarnosky erhob sich erregt und sagte: »Onkel John, wenn Sie jetzt hingehen und etwa in der Stadt erzählen, daß Paul anfängt, schwachsinnig zu werden, so werde ich Sie nie mehr in meinem Hause dulden.«
Der gute Schwager verklärte sich. »Aha,« sagte er, »diese Tatsache ist Ihnen also doch nicht entgangen?! Aus unsrer Familie hat er das jedenfalls nicht ...« Dabei schlüpfte er aalgeschwind nach der Tür, um sich von dort mit einer spöttischen Verbeugung zu empfehlen. Die angenommene Kündigung hatte er total vergessen.
Richard Zarnosky zuckte nur die Achseln, als sein angenehmer Bruder hinausschlüpfte. Die ganze Familie war an derartige Auftritte mit Onkel John gewöhnt. Frau Zarnosky war meist die einzige, die sich dabei aufregte.
Paul ging auf den Hof, um über das nachzudenken, was der Onkel von ihm behauptet hatte. Da er die Sensibilität seiner Mutter und eine große Phantasie besaß, so hatte ihn die seltsame Behauptung in Unruhe und Angst versetzt.
»War es nicht gestern vor drei Wochen, daß Vater die beiden Rappen kaufte?« fragte er Rodenberg.
»Ja, das is nu all drei Wochen her,« erwiderte der Kutscher.
»Am ersten wurden sie beschlagen, nicht wahr?«
Rodenberg kratzte sich den Kopf. »Kann sind. Ich weiß nich mehr jenau,« und er trollte sich.
Paul setzte sich auf eine Wagendeichsel und versank in angestrengtes Grübeln; er stellte die schwierigsten Daten in seinem Kopfe fest. Eine der vielen Speicherkatzen sprang ihm auf den Schoß und rieb sich schmeichlerisch an seiner Jacke. Der Junge wollte sie vertreiben, weil ihn das beim Nachdenken störte; aber die Katze klammerte sich fest, freundlich schnurrend und vergnügt mit dem Schwanze wippend. Paul streichelte sie mit abwesender Miene, bis ihm der wippende schwarze Katzenschwanz plötzlich zwischen die Lippen geriet. Da sprang er auf und ließ das Tier fallen, die klebengebliebenen Haare ärgerlich vom Munde wischend.
»Was ist los?« fragte Onkel Chlodwig hinter ihm.
»Ach nichts. Ich bekam Katzenhaare in den Mund,« erzählte der Junge.
Chlodwig Zarnosky (eine Art Kompagnon seines Bruders Richard) war ein kleiner, gelblicher Junggeselle mit großen Ohren und großen weißen Händen. (Außerdem gab es noch einen vierten Zarnosky, den die Brüder seiner »eigentümlichen Anlagen« wegen nach Amerika verpflanzt hatten.) »Katzenhaare!« rief Onkel Chlodwig, die großen weißen Hände mit gespieltem Entsetzen zusammenschlagend. »Paul, Junge, du hast doch wohl keins hinuntergeschluckt?«
»Ich weiß nicht,« sagte Paul verwirrt.
»Kind, dann müßtest du ja sterben,« flüsterte Chlodwig mit großen geheimnisvollen Augen. Und nun ging seine Phantasie mit ihm durch. Er sprach dem schon erschreckten Jungen von einem schweren Tode, den heruntergeschluckte Katzenhaare öfters zur Folge hätten. Er schilderte dessen Qualen so genau, als habe er sie schon einmal durchgemacht. Paul lächelte gezwungen. Schwachsinn und Tod, das waren ja nette Aussichten. »Onkelchen, du schneidest auf,« sagte er mit unsicherer Stimme.
Für gewöhnlich gab es keinen liebevolleren Onkel, als den kleinen Chlodwig, den jüngsten der vier Zarnoskys. War er es einmal nicht, dann lag das nur an seiner großen Phantasie. Sobald er merkte, daß er seinen Neffen erschreckt hatte, brach er in lautes Lachen aus. »Paulemännchen,« rief er, »was bist du für ein gläubiger Thomas?! Komm, jetzt trinken wir zusammen Rotwein, das ist das beste Mittel gegen Ängstlichkeit und Katzenhaare!«
John hockte noch immer mit gefalteten Händen auf der Steinbank in der Grätengasse. Aber er dachte nicht mehr an seine Mischung, er hatte sich angelehnt und lauschte den lieblichen dünnen Tönen, die aus einem kleinen stillen Hause kamen. Dort blies ein Pfeifer zu seiner Sonntagserbauung:
Nachtigall, Nachtigall,
wie sangst du so schön,
sangst du so schön ...
Es war ein Herbstlied, aber es brachte John seinen ganzen Frühling zurück. Seine Kindheit erhob sich bei dieser halbvergessenen Melodie aus ihrem Grabe und zog licht und herrlich an ihm vorüber. »Das warst du einmal,« klang es in ihm. »Warst du einmal,« schien die Pfeife zu wiederholen. Die Erinnerung nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm vergessene Wege zu vergessenen Herrlichkeiten. John war aufs neue geboren. Der einsame Lauscher in der Grätengasse war eine leergewordene Hülle.
Da brach der Pfeifer plötzlich ab – und die auferstandene schöne Zeit sank langsam ins Grab zurück. Die Hülle auf der Steinbank bekam wieder eine Seele. Der Trinker schlug langsam die Augen auf. Wo war alles geblieben? Ein trauriges Grinsen verzerrte sein Gesicht, als sein suchender Blick auf die blauen Oblaten auf seiner Jacke fiel. Das war er jetzt! Und das war kein Traum; es war nicht zu vertreibende Wirklichkeit. Er riß die Oblaten ab und schleuderte sie wild auf die Straße. Aber dann erhob er sich bald und suchte sie wieder auf. Er konnte sie heute nicht entbehren. Beschmutzt waren sie seiner auch noch würdiger.
Die Leute kamen aus der Kirche. Die Grätengasse belebte sich. John setzte sein Imperatorenlächeln auf und machte sich auf den Heimweg.
»Guten Tag, Herr Zarnosky.«
»Diener, Herr Zarnosky.«
John erwiderte die Grüße, indem er jedesmal zwei Finger nachlässig an die Mütze hob. Als er einen toten Sperling auf der Erde liegen sah, hob er ihn auf und betrachtete ihn. Das Tierchen war so jung, so niedlich und noch ganz warm. Ein Gruß vom Tode, dachte der Trinker, und seine Hand bebte, und seine Orden bebten. »Ich komme bald,« schien eine Stimme zu flüstern.
»Bald?« fragte seine Angst.
Der Osterwind raunte eine tonlose Antwort.
»Ich will nicht!« schrie es gewaltig in John, denn ihm war, als habe er soeben sein Todesurteil vernommen. Und er hob den Arm und schleuderte den Sperling über den nächsten Zaun. Er wollte nichts vom Tode wissen, nichts mit ihm zu tun haben; er amüsierte sich höchstens über ihn. Sein Leben konnte hundert Jahre währen. Doch die Angst sprach anders in ihm, und ihm war, als stände der Tod schon irgendwo hinter einem Mauervorsprung der Grätengasse, seinen knöchernen Arm ausstreckend, um ihn für immer aufzuhalten. Er torkelte auf den Fahrdamm, um den Mauervorsprüngen auszuweichen; er trabte nach Hause und setzte sich neben die lebenswarme, liebevolle dicke Amalie. Aber die Köchin wurde bald ins Eßzimmer gerufen und kehrte mit der unangenehmen Botschaft zurück, daß ihn der Vater zu sprechen wünsche. John machte ein betretenes Gesicht und schlich wie ein armer Sünder hinein.
»Wer hat dich geheißen, mit der Kiste zu gehen?« fragte ärgerlich der Vater.
»Es hat mir Spaß gemacht,« stotterte John.
»Unterlaß diese Späße in Zukunft, hast du verstanden?«
»Ja,« sagte John wie ein artiges Kind.
Herr Zarnosky schneuzte sich, um eine freundlichere Miene zu verbergen. »Was hast du mit Onkel John gesprochen?« fragte er dann.
»Ich – ich weiß nicht mehr.« John lachte blöde.
»Du weißt nicht mehr? Dann hast du wieder geschwindelt! Ich will wissen, was du zu ihm gesagt hast?«
»Guten Tag hab ich gesagt – und – und in der Kiste wären Patronen.«
Der Vater versetzte ihm gereizt eine Ohrfeige, die mit stiller Tücke hingenommen wurde.
»Wie kannst du nur?!« rief Frau Zarnosky in vorwurfsvollem, klagendem Tone. »Wie kann man nur einen erwachsenen, schwerkranken Menschen schlagen?!«
»Schwerkrank?« wiederholte John entsetzt, die Ohrfeige vergessend.
Wenn Frau Zarnosky eine Roheit ihres Mannes rügen oder gutmachen wollte, hatte sie häufig das Pech, nicht minder roh oder wenigstens sehr taktlos zu sein – ohne sich ihres Fehlers immer bewußt zu werden; denn sie war ein wenig denkträge und hielt sich auch für die Vollkommenheit selbst. Johns angstvolle Frage blieb unbeantwortet, weil die Eltern ins Streiten geraten waren, ob der Vater einen erwachsenen Sohn schlagen dürfe oder nicht.
John dachte mit Sehnsucht an Amalie. Die machte ihm keine Vorwürfe, die schalt ihn weder aus, noch erschreckte sie ihn. Die schenkte ihm Geld, wenn er Durst hatte, und tröstete ihn, wenn er traurig war. Die hatte sogar seinen Peter ins Herz geschlossen. Zwar die Mutter war auch gut; aber Amalie war doch noch besser. Still drückte er sich hinaus.
»Herr Johnche trautstes,« sagte die Köchin innig, »haben se inne Stub wiedermal auf Ihnen jepucht?«
Der Trinker schlug mit der Hand. »Die müssen doch immer was haben!«
Er ließ sich auf die Küchenbank fallen, daß es krachte. »Bin müde,« sagte er düster.
»Hätten Se der Kiste doch bloß stehen lassen, junger Herr!«
»Glauben Sie wirklich an Gott?« fragte John, ins Herdfeuer starrend.
Die Köchin machte ein dummes Gesicht, weil sie nicht gleich wußte, was sie auf diese unerwartete Frage antworten sollte.
»Ob Sie wirklich an Gott glauben?« wiederholte der Trinker.
»Na jewiß. Natirlich. Ich werd nich?! Wieso fragen Se, Herr Johnche?«
»Fiel mir so ein.«
»Glauben Se man auch,« predigte Amalie, »dann werden Se auch wieder jesund werden. Bloß nich zuviel trinken!«
John schien voller Angst einer andern Stimme zu lauschen. »Hörten Sie nicht?« fragte er plötzlich.
»Wa–as? Wa–as?«
»Vorher sagte es der Wind. Jetzt sagte es das Feuer.«
»Die können doch nichts sagen.«
»›Ich komme bald,‹ sagte es eben.«
»Ich hab nichts nich jehert.«
»Der Tod will kommen,« flüsterte John mit großen angstvollen Kinderaugen.
»Haben Se man keine Angst!« tröstete die Köchin. »Sie können noch Ihre ganze Familie iberleben. Sie allemal!« Dann öffnete sie die Bratofentür und sagte: »Kommen Se man sehn, junger Herr, wie fein se braten.«
Zwölf Täubchen lagen in Reih und Glied in der Bratpfanne, zwölf angenehm duftende, kleine braune Körperchen, die Amalie mit Stolz und Schweiß auf der Nase vorwies. Johns Miene erheiterte sich beim Anblick der Tierchen. Er ergriff eine Gabel und prüfte, ob sie schon weich waren. Da es sich so verhielt, riß er der größten ein Beinchen aus, blies ein wenig herauf und benagte es dann mit der Miene eines Menschen, der hat, was er braucht. Die Köchin hatte die fetten Hände überm Bauch gefaltet und sah ihm wohlgefällig zu.
»Schmeckt gut?« fragte sie.
»Ja,« sagte er.
»Vielbeliebt und anjenehm zu heren.«