Elftes Kapitel
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Unförmige Wolken zogen wie seltsame Tiere durchs Himmelsblau. Es war Nacht, und die Mondsichel lugte gleich einem gelben, schielenden Auge über die Wolkentiere herüber. »Er scheint; aber ich kann ihn hier nicht sehen,« murmelte John, der im Nachthemd am Fenster saß und Selterwasser trank. Sein Wohn- und Schlafzimmer war jetzt der Saal in der elterlichen Wohnung, weil er die Treppe zu seiner eignen nicht mehr hinaufsteigen konnte, und dann war es auch oben zu heiß für ihn geworden.
Im Saal war fast alles rot. Tapete, Türen, Vorhänge, der Samtüberzug der Möbel, die Teppiche, alles war rot. Rote Stoffe deckten auch den schwarzen Flügel und den dunkeln Tisch. Auf den großen, düsteren Ölgemälden, die allerdings goldene Rahmen hatten, war die rote Farbe die vorherrschende. Das war Zarnoskyscher Geschmack. Dann gab es noch zwei vergoldete, weiße Vasen im Saal, die mit roten Blumen gefüllt auf schwarzen Ständern standen, es gab da noch einen dunkel gerahmten großen Spiegel und einen alten Messingkronleuchter in roter Musselinhülle.
Neben dem roten Sofa stand jetzt Johns Bett, sein niedriges, breites, dunkles Bett, das in Form und Farbe ganz gut in den Saal hineinpaßte. John graute es in der Nacht beim Anblick der vielen roten Sessel, die so still und leer um den Tisch und an den Wänden standen, und am meisten graute ihm dann vor den geflügelten schwarzen Drachen, die die Tischplatte trugen. Er sah die Drachen im Traum auf seinem Deckbett kauern und ihn bedrohen, oder er hörte sie, nach ihm suchend, durchs Zimmer schwirren, während er sich in wilder Angst hinter einem Sessel zu verbergen suchte. Wachte er auf, so glaubte er ihre großen, schrägen Augen böse und lauernd auf sich gerichtet zu sehen. Der Tisch war eine Qual mehr für seine Nächte; aber das verriet er niemand, dazu war er viel zu stolz.
Der Saal hatte drei dicht verhängte Fenster mit purpurnen Übergardinen. John thronte auf einem roten Sessel an dem Fenster, das sich seinem Bett zunächst befand, vor sich ein Tischchen mit Selterwasser besetzt. Er hatte die Gardine ein wenig zur Seite geschoben und blickte mit traurigen Augen bald nach dem Himmel, bald in die totenstille Grätengasse. Von Zeit zu Zeit beugte er sich vor und lauschte angestrengt nach der letzten Saaltür hin, die in das Schlafzimmer seiner jüngeren Brüder führte. Dort wurde noch geflüstert und halblaut gelacht. Auf seine Kosten, dünkte es John. Wenn er seinen Namen zu verstehen glaubte, machte er jedesmal eine Bewegung mit dem Kopf, als ob er ein Insekt verscheuchen müsse.
Das Licht des Mondes erhellte die linke Seite der Grätengasse mit einer matten, geisterhaften Helle. Die alte, enge Straße, in der nur noch wenige Laternen brannten, mündete gleich einem Rohr auf einen breiten, tiefen Strom, in den schon manch Betrunkener in dunkler Nacht hineingetorkelt war. Johns Züge belebten sich, als ein einsamer Wanderer vor dem Fenster auftauchte und über die Straße nach der Grätengasse ging. Den Sargtischler erkennend, zog er sich hinter die Gardine zurück, um seinen Todfeind ungesehen zu beobachten. Der Tischler blieb auf der gegenüberliegenden linken Ecke neben der Laterne stehen und grinste höhnisch zu Johns Fenster herüber. Die wenigsten wußten, warum er die Familie Zarnosky so haßte, und die Zarnoskys wußten es selbst nicht; außer Onkel John: der Märchenerzähler und Verleumder wußte es.
Nach einer Weile löste sich der Tischler von dem Laternenpfahl und ging torkelnd die Straße herunter. Jetzt erst bemerkte John, daß er stark betrunken war und sich nur mit Mühe aufrecht erhielt. Am nächsten Laternenpfahl sah er ihn wieder stehen bleiben und mit der Faust herüberdrohen. John lachte; aber seine Zähne schlugen vor Begier zusammen, wenn er sich vorstellte, er besäße noch seine alte Kraft und könne jetzt hinlaufen, um den Kerl durchzubläuen.
Die linke Seite der Grätengasse hatte noch immer ihre geisterhafte Mondbeleuchtung, doch schon trieben große Wolken heran, um den blanken Halbmond zu verschlingen. Der Tischler war weitergetorkelt und bei seinem Häuschen angelangt, ohne es zu bemerken, wie es schien. John sah, wie er ohne zu zögern daran vorbeischwankte. Zwei Häuser weiter drehte er um und ging auf die andere Seite der Straße, und dann ging er wieder vorwärts. Darauf wurde es recht dunkel, denn nun hatten die Wolkentiere den Mond verschlungen.
Als der Mond wieder hervorbrach, war von dem Tischler nichts mehr zu sehen. Die Grätengasse lag starr und still wie eine Leiche da, und die Laternen hielten die Totenwacht. John nahm an, daß der Betrunkene entweder nach Hause gefunden hatte, oder daß er seinen Rausch in irgendeinem offenen Torweg ausschlief. Daß er verunglückt sein könne, hielt er kaum für möglich.
Das Starren in die leere Straße hatte ihn müde gemacht, er stand auf und legte sich ins Bett. Aber der Schlaf wollte trotzdem nicht kommen. Immer wieder mußte er an den schönen Nachmittag denken, als er zusammen mit Vater und Mutter zu sterben glaubte. Nun sollte er wieder allein in das große ungewisse Land. Und er wollte nicht, es graute ihm zu sehr davor. Alle sollten ihn begleiten, seine ganze Familie.
Und das war doch nicht möglich ...
Gegen Morgen erwachte er nach einem schönen Traum und ganz ohne die traurige Musik, die stets beim Erwachen in seinen Ohren zu klingen pflegte. Ihm hatte geträumt, er küsse große, weiche, violette Blumen, und das war so angenehm gewesen, so schön, so beruhigend. Ihm war so wohl gewesen im Traum, und auch noch viel besser war ihm als sonst. Er sehnte sich jetzt nur nach Blumen, nach vielen weichen, kühlen Blumen, in die er sein Gesicht hineinbetten konnte wie in seinem Traum.
Um sieben klopfte es. Frau Kalnis brachte einen Rosenstrauß, den Onkel John geschickt hatte.
Wunder über Wunder, dachte John entzückt, und wie ein Rausch überkam ihn die Hoffnung, er könne vielleicht doch noch gesund werden.
Da er sich so wohl fühlte, stand er bald auf, um sich auf die Veranda zu setzen. Als er heraustrat, wurde er sofort von Peter entdeckt, der schon Turnübungen auf den Rollwagen vollführte. Fröhlich meckernd kam das Tier dahergestürmt, warf die Vorderbeine hoch in die Luft und fiel seinem Herrn buchstäblich in die Arme.
»Herr Johnche!« rief Rodenberg vom Pferdestall her. »Se sollen mal jleich was Neies heren kommen!«
Johns Herz begann vor Neugier zu klopfen. Vielleicht kommt noch mehr Gutes, dachte er. Peter am Halsband nehmend, humpelte er so schnell er konnte über den Hof. »Na?« fragte er den strahlenden Kutscher.
»Der Beese is diese Nacht besoffen im Wasser jefallen und ertrunken.«
»Das ist gut! Das ist gut!« rief John mit triumphierender Miene und den zuckenden Bewegungen eines Hampelmannes.
»Ich frei mir ja auch,« sagte Rodenberg bieder.
»Ich hab' ja zugesehen, wie er in der Nacht durch die Grätengasse nach dem Wasser ging,« stammelte John, den die Neuigkeit förmlich elektrisierte. »Er war mächtig im Tran. Und alle Augenblicke ist er stehen geblieben und hat nach unserm Hause gedroht.«
»Die Wichse, die uns der Schuft damals beide einjetragen hat, was?« fragte Rodenberg mit zwinkernden Augen.
John lachte bereitwillig mit. Wie ein Rausch war aufs neue die Hoffnung über ihn gekommen, er könne – wenn so viel Unerwartetes geschehen konnte – auch noch gesund werden.
Aber als er wieder auf der Veranda saß, da wußte er plötzlich nicht mehr, ob das, was er soeben gehört zu haben glaubte, Traum oder Wirklichkeit gewesen war, und ihm wurde ganz sonderbar und schwindlig. Die Wirklichkeit schien sich langsam von ihm zu entfernen, alle Geräusche wurden leiser, alle Farben matter, und er wurde immer schläfriger, je weiter alles von ihm fortwich. Mit einem angstvollen Lachen griff er nach Peter, der wie ein treuer Hund an seiner Seite stand.
Alles geht von dir, dachte John, aber der verläßt dich nicht.
Wie warm Peter war. Und wie voll von klopfendem Leben. Und das wollte er töten?!
Das Tier sah seinem Herrn vertrauensvoll ins Gesicht. John wandte den Blick zur Seite und reichte ihm allen Zucker, den er bei sich hatte. Dann stand er auf. »Wir müssen frisches Öl auf die Lampe gießen,« murmelte er, »sonst geht sie aus.« Er schob Peter auf den Hof und begab sich hinein zu der großen Flasche, aus der er tagtäglich Beruhigung und Kräfte bezog.
Seit jenem häßlichen Abend im Gewürzladen erinnerte John diese Flasche immer wieder an den Ölkrug der biblischen Witwe, denn sie wurde wie einst dieser niemals leer. John konnte aus der Flasche trinken, soviel er wollte; unsichtbare Hände füllten sie immer aufs neue voll. Aber der Kognak schmeckte ihm nur noch selten wie früher, und er vertrug auch nicht mehr viel. Er trank jetzt weniger zum Vergnügen, er trank, um existieren zu können, um nicht vor Schwäche, Unruhe und Schmerzen zu vergehen.
Im Saal war es angenehm kühl nach der Hitze draußen. Frau Kalnis saß strickend und hustend an einem der Fenster und sagte kein Wort, als John ein Wasserglas bis zur Hälfte mit Kognak füllte, das er dann, in seinen Sessel gelehnt, langsam leerte. Sein Gedächtnis kehrte zurück. »Wissen Sie das Neuste?« fragte er Dore.
»Daß der Tischler ins Wasser jefallen is? Ja, das weiß ich.«
»Na, was sagen Sie dazu?«
»Is gut. An dem war nichts dran. Die Frau wird froh sein.«
»Er ist ins Wasser gefallen, weil ich es wünschte,« prahlte der Trinker.
»Stuß!« murmelte Dore.
»Hier hab' ich in der Nacht gesessen und zugesehen, wie er nach dem Wasser torkelte. Und da hab' ich gewünscht, was ich konnte, er möchte reinfliegen – und da is'r reingeflogen.«
»Pfui! Dann sind Se ja e Mörder!« krähte Dore.
»Stuß!« echote John.
Nun hatte er wieder Kraft und Unternehmungsgeist, die Schläfrigkeit war gewichen. Die Neuigkeit von heute morgen hatte ihn sensationslüstern gemacht, neugierig spähte er durch die Gardine die Grätengasse herunter nach dem kleinen, braunen Häuschen, das dem Tischler gehörte. Und je länger er nach dem Häuschen blickte, desto mehr verlangte es ihn, hinzugehen und die Leiche zu sehen. Er liebte es, Leichen zu betrachten, er konnte sich nicht satt sehen an ihren stillen Gesichtern; das Geheimnisvolle in der Ruhe des Totenantlitzes zog ihn immer aufs neue an. Er gab seiner Mutter nur kurze Antworten, als sie sich liebevoll nach seinem Befinden erkundigte; er wollte fort und sobald wie möglich. Kaum hatte man ihn nach dem Frühstück allein gelassen, so stand er auf und verließ den Saal, um seiner Sehnsucht zu folgen.
Auf der Grätengasse lag das Sonnenlicht so schwer wie ein Alp. Die Straße war wenig belebt, und die meisten Fenster waren verhängt, was den Häusern ein blindes, totes, abweisendes Aussehen gab. Auf einem Hof spielte eine verstimmte Leier eine unschöne Melodie. Die Töne zogen rauh und schrill durch die stille, trockne Luft. Von Zeit zu Zeit sprang die Melodie wie toll vor Hitze in die Höhe, um dann jedesmal mit einem häßlichen Schnarren zu enden. John biß die Zähne zusammen, denn er konnte keine Musik hören, ohne nicht weinen zu müssen. Es fror ihn bald vor Unbehagen, trotz der Hitze, und die Musik erpreßte ihm Schweißtropfen. Er hatte schon Lust umzukehren; aber das kleine braune Haus lockte ihn unwiderstehlich.
Auch dort waren alle Fenster verhängt, so daß von außen nichts zu erspähen war. Scheu wie ein Dieb trat John in den Flur und sah durch das kleine Fenster in der Stubentür. Es war von innen mit einem roten Gardinchen verhüllt, durch dessen gehäkelte Spitze man bequem hindurchblicken konnte. John sah die Frau des Tischlers still und vergrämt an einem Tisch sitzen und nähen. Auf dem Fußboden kauerte ihre schwachsinnige kleine Tochter und spielte, unaufhörlich die Lippen bewegend und die Zähne fletschend, mit einer zerrissenen Puppe. Das Bild war unschön und traurig – und von einer Leiche war nichts zu sehen. Entweder befand sie sich in der Hinterstube, oder sie war auch gar nicht im Hause. John wandte sich hastig ab und verließ rasch den Flur.
Vor der Haustür blieb er wieder stehen und starrte, gegen seinen Willen gefesselt, auf das große, schmutzige Schild des Verunglückten.
Solch einen Holzsarg wie da auf dem Schild bekam er nicht, er bekam natürlich einen schönen, weißen Zinksarg, – und der wurde über ihm verlötet, so daß er nicht mehr heraus konnte.
Er wollte nicht verlötet werden. Er wollte lieber so, wie er ging und stand, zur Hölle fahren, als verlötet werden.
Was dachte er immer ans Sterben?! Er konnte ja auch noch gesund werden.
Die Hitze verursachte ihm Schwindel und Herzklopfen, es wurde ihm bald heiß, bald kalt. Dazu schossen noch immer die schrillen Leiertöne wie Raketen durch die Luft, und es roch nach qualmendem Pech, das in einiger Entfernung auf der Straße gekocht wurde. John wurde es so übel und so wirr im Kopf; er wußte nicht mehr, wo er war. Die gellenden Töne schienen schadenfroh gegen ihn anzuspringen, schienen ihn umwerfen zu wollen. Es sah aus, als wolle er tanzen, so drehte er sich plötzlich um sich selbst.
»Solch eine Frechheit,« stammelte er. »Ich ...,« er griff in die Luft und fiel besinnungslos zur Erde.