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Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Zweites Kapitel. Cölestine von Randow und Alexander von A—x.

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Cölestine von Randow war eine der reizendsten Jungfrauen der Residenz. Ihre Familie gehörte zu den edelsten des Landes. Erst vor einem Zeitraum von 100 Jahren aus Polen eingewandert, hatte der damalige Stammhalter durch Dienste, die er dem Staate leistete, derselben schnell eine der glänzendsten Stellungen zu verleihen gewußt. Doch verlor unter seinem Sohne das Geschlecht wieder einen Theil seiner Geltung und seines Vermögens, und erst den beiden Nachfolgern gelang es — jene Fehler zu verbessern. Freilich ist ein Schade nicht so leicht gehoben wie gemacht, und noch bis zum heutigen Tage empfand die Familie Randow jene Nachwehen, die ihr von ihrem Großvater hinterlassen worden waren. — Ueberhaupt war es ein Familienfehler der Randow, den fast jedes Glied derselben mehr oder minder theilte — unüberlegt, ja leichtsinnig zu sein, und wiewohl sie alle von Herz und Geist edel und vortrefflich waren, so überwog in ihnen jenes Erbgebrechen oft so sehr, daß dadurch alle andern und bessern Eigenschaften häufig in Schatten gestellt wurden, wie dies z. B. gegenwärtig bei Edmund von Randow, dessen Charakter wir schon ziemlich deutlich bezeichnet zu haben glauben, der Fall war.

Was wir von Cölestine zu sagen haben, wird in Nachfolgendem bestehen. Sie war, wie gesagt, eine der schönsten, der glänzendsten Erscheinungen in der höheren Frauenwelt. Man begreift, daß, um in dem Kreise der Schönheiten Wiens auf jene Benennung Anspruch zu haben, man weit über den Verhältnissen eines gewöhnlichen Maaßes stehen müsse. In der That war Cölestine so schön, daß man aus ihrem Bilde einen modernen Canon für zeitgenössische Maler hätte machen können. Man stelle sich eine zarte, schlanke, feine und doch im höchsten Grade plastische Gestalt vor, als wäre sie aus einer Composition, die geschmeidiger als Marmor und fester als Wachs ist, von einem neuen Pygmalion gebildet worden.... Fürwahr, diese Frau schien nicht aus dem Alltagsmaterial, woraus uns der liebe Gott schafft, zu bestehen! — Das schmale Oval des Gesichtes wies einen wie mattes Silber schimmernden Teint, der so durchsichtig war, wie Florgewebe, und durch welchen an den Wangen ein zart geschämiges Inkarnat, auf den Lippen aber das brennende Roth der Granatblüthe durchdrang.... Diese mandelförmig geschnittenen Augen mit der feurig dunklen Iris, die einen stechend schwarzen von goldnem Schimmer durchwirkten Kreis bot — diese schweren dunklen Wimpern und diese dünnen gewölbten Brauen, die von Meistershand auf die glatte, nicht allzu hohe Stirne gezeichnet schienen — — diese feine, doch ein wenig gestülpte Nase, dieser nicht allzu kleine Mund, der geschlossen von einem eigenen unaussprechlichen Zauber — geöffnet es jedoch in einem noch höheren Grade war — da dann eine entzückende Kindlichkeit daraus sprach (eben so wie er, geschlossen, Ernst und Sinnigkeit ausdrückte) — — ferner dieses Kinn vom reinsten Ebenmaße, welches an einen Hals grenzte, der zugleich schlank und kräftig war.... wenn wir zu all diesem noch den prachtvollen, reichen Haarwuchs vom tiefsten Schwarz hinzuthun, der wegen seiner Ueppigkeit und strotzenden Fülle das Haupt nach hinten fast unverhältnißmäßig verlängerte, so daß er jenem der alten Griechinnen glich: so haben wir im Grunde nur erst einen Theil des reizenden Bildes Cölestinens gemalt. Es müßte uns jedoch ein weit kunstreicherer Pinsel als der, welchen die Muse unserer schwachen Hand anvertraut, zu Gebote stehen — um Alles, Alles, um jedes einzelne Attribut der Schönheit dieses Originals in den vergänglichen Rahmen dieses Gemäldes zu fassen....

Gewöhnlich war der Ausdruck von Cölestinens Gesicht still und ernst, ohne Trauer; zeitweise jedoch wurde er von einer Lebhaftigkeit und jenem muntern Wesen durchstrahlt, das nur einer Französin und einer Polin in so entzückender Weise eigen. Cölestine träumte und schwärmte nicht — sie emfang, sie faßte deutlich und zugleich tief auf; leicht aber gab sie sich der Wirkung irgend einer ungewöhnlichen Erscheinung in der Außenwelt hin und dann blitzte ihr dunkles Auge hell auf — ihr Mund öffnete sich — ihre Lippe verzog sich zum Lachen, zum Spott, zum Zorn, zur Zärtlichkeit, kurz zu dem Ausdruck jeder Empfindung.

Man erzählte sich von ihren Kinderjahren, daß sie zu jener Zeit ein kleiner Wildfang und dazu über alles Maß eitel gewesen sei. In Wahrheit, die letztere Eigenschaft hatte sie bei sich noch immer nicht gänzlich abgestellt, so große Mühe sie sich deswegen übrigens auch gab. Sie wußte recht gut, daß Eitelkeit, Gefallsucht und leichter Sinn ein so tüchtiges Gemüth und einen so glänzenden Geist, wie womit sie ausgestattet war, entwürdigen, und gleichwohl ertappte sie sich — mißtrauisch wie sie war — alle Tage wohl zehn Mal bei diesen Fehlern. Sie zürnte dann mit sich, sie schmollte, sie bestrafte sich sogar.... allein naturam si furca etc.

Allein welcher Charakter ist frei von Mängeln und welches Geschöpf tadellos in der Schöpfung? Ich mißtraue jenem Reinen und Fehlerlosen gar gewaltig und würde, hätte ich die Wahl frei, mich zehntausend Mal eher an diejenigen schließen, welche von irdischer Gebrechlichkeit nicht frei sein wollen. — O, der Mann, welcher Cölestine einst besitzen sollte, hätte sich wahrhaftig in lautem Dankgebet an das Schicksal dafür wenden sollen, daß es ihm ein solches Geschenk gewährt.

Dieser Mann nun, von dem wir reden, dieser Glückliche, der Cölestine als sein Weib in die Arme schließen sollte — es war, wie wir schon erfahren haben, der Graf von A—x. — Sein Geschlecht war inländischen Ursprungs und mindestens eben so glänzend wie jenes der Randow. Graf Alexander von A—x (denn das ist sein Vorname) war keineswegs mehr ein Jüngling; er stand im vollkräftigen Mannesalter von 36 Jahren — — und dieser Umstand war eine von den Ursachen, um derentwillen ihm die achtzehnjährige Cölestine den Vorzug vor dem Heere ihrer andern, theils stillen, theils ziemlich aufdringlichen Anbeter gegeben. — Alexander bekleidete eine wichtige Stelle im Staatsdienste und man glaubte ihn an dem Vertrauen hochmächtiger Personen betheiligt. Er war ein düsterer, kalter, verschlossener, fast schwermüthiger Charakter — falls man ihn blos nach der Oberfläche beurtheilte.... aber ach, welches Feuer von Liebe, welche Lava der Leidenschaft mochte da tief unten auf dem Grunde der Seele glühen! — Seine Gestalt war männlich und kräftig; eine nicht allzu hohe aber derbe Statur würde ihn als einen gewöhnlichen Kraftmenschen bezeichnet haben, wenn sein farbloses oder vielmehr braungelbes Angesicht, in welchem zwei gewaltig große, oft wildbewegte, oft düster starrende Augen wohnten — durch die mannigfachen Bewegungen, denen es zeitweise unterworfen war, nicht auf ein höchst bewegtes Seelenleben würde gedeutet haben. Zwar wollte die Welt damit — ein wüstes und wildes Sinnenleben in Verbindung bringen, welches der Graf in früheren Jahren und fremden südlichen Ländern geführt haben sollte; allein Niemand konnte hierüber etwas Bestimmtes sagen — und so dürfen diese Behauptungen eben sowohl in das Reich der Annahmen — wie in jenes der Wirklichkeit gestellt werden. — Mit Einem jedoch verhielt es sich vollkommen richtig, nämlich, daß Graf Alexander in der Liebe von einer wahrhaft schrecklichen Eifersucht verfolgt wurde — wie man aus einem Verhältnisse, in welchem er vor mehreren Jahren mit einer jungen liebenswürdigen Dame stand, die bereits als seine Braut galt, wußte. — Jene Dame war in Folge eines Verdachts, den Alexander auf sie, die ganz unschuldig war, geworfen, von ihm so tief in der Seele gekränkt worden, daß sie ihr Schicksal nicht ertragen konnte und an der Seite des zu spät zur Reue zurückkehrenden Bräutigams ihren Geist aushauchte.

Seit dieser Zeit hatte Alexander absichtlich der Liebe widerstrebt — er schien sich hieraus eine Buße gemacht zu haben. Doch in der Nähe Cölestinens, wohin der Zufall ihn führte, und wo irgend ein verhängnißvoller Zwang ihn festhielt, war er nicht länger fähig zu widerstehen.... er faßte eine verzehrende Leidenschaft für das reizende Wesen und trat mit einer unglaublich großen Anzahl von Mitbewerbern in die Schranken.

Trotzdem, daß Cölestine im Ganzen auch die Mitwerbung der Uebrigen nicht ohne geheimes Vergnügen sehen mochte — trotzdem, sagen wir, daß sie, Gott weiß durch welche magische oder vielleicht auch ganz natürliche und positive Mittel, jenen dichtgeschlossenen Verehrer-Kreis (worunter es Einige von der glühendsten, ja von der wüthendsten Sorte gab) beständig um sich erhielt: hatte doch entschiedenermaßen Graf Alexander seit ziemlich lange her ihr Herz erworben, und endlich ward ihm ihre Hand in feierlicher Form zugesagt.

In der Zeit, mit welcher dieser Roman beginnt, gingen in allen Kreisen der haute crême Anzeigen folgenden Inhaltes herum:

„Wir beehren uns, Ihnen anzuzeigen, daß am 15ten dieses Monats unsere Tochter, Fräulein Cölestine von Randow, mit dem Herrn Grafen Alexander von A—x, K. K. etc. etc. vermählt werden wird. Wir werden nicht ermangeln, Ihnen das Weitere demnächst bekannt zu geben und um die Auszeichnung Ihrer Gegenwart zu bitten.

Wien am 9ten Mai 1842.

Eugenie von Randow, geborne Ernini von Kronau.

Friedrich von Randow, K. K. General-M.“

So war denn also über Cölestinens und Alexanders von A—x Verhältniß kein Zweifel mehr — man hatte die handgreiflichste Gewißheit.

Als diese zu den früher so hoffnungsreichen, aber jetzt so jämmerlich durchgefallenen Amateurs und Adorateurs Cölestinens gelangte — da schäumten Einige von ihnen vor Wuth, Andere sannen still auf Rache — noch Andere verzweifelten — und endlich Einige, (das waren die Wenigsten, weil die Vernünftigsten), lachten über dieses Ende vom Liede — gingen nach Hause, wuschen ihre Erinnerungen mit Rosenwasser ab — und traten als vollkommene Gentlemen wieder auf die Straße; denn es ist der Grundzug des wahren Mannes von Welt

nil admirari,

d. h. über Alles höchstens — die Achsel zu zucken.

Warum aber hatte Cölestine dem Grafen Alexander einen so entschiedenen Vorzug vor so vielen Andern eingeräumt? — — Ach es ist schwer, die Calcule der Liebe zu verfolgen. Die Liebe berechnet nach einem dynamischen Zahlensysteme, wofür wir in der materiellen Welt keine Zeichen haben. Wer kann sagen, warum Diese Jenen liebt und nicht den Andern? — Ja, das Beste dabei ist: wir selber können in den meisten Fällen uns das von unserer eigenen Liebe nicht nachweisen. Mich dünkt, Shakspeare hat es gesagt: Der Eine verliebt sich in die blauen Strümpfe seiner Dame, ein Zweiter in ihren süßen Athem — — ein Dritter findet in der Pupille ihres Auges eine Gottheit, die ihn zu ihren Füßen hinreißt; oft ist ein Traum, in welchem uns eine bisher ganz gleichgültige Person erscheint, hinreichend — um uns in Wirklichkeit mit rasender Liebe zu ihr hinzureißen; ja man hat Beispiele, daß uns Jemand durch seine enorme Häßlichkeit eben so bezaubert, wie ein anderer Jemand unsern Freund durch seine unaussprechliche Schönheit.

Das sagt Shakspeare. Und sollte er es auch nicht sagen, so sage ich es, was, wenn es gut gesagt sein sollte, die Sache am Ende auch nicht schlimmer macht.

Was nun Alexander und Cölestine betrifft, so ist es höchst wahrscheinlich, daß die ernste, bedeutungsvolle, stolze und düstere Männlichkeit des Grafen — sie zu allererst zu ihm hinzog. — Solche ungewöhnliche tiefromantische und geheimnißvolle Charaktere beschäftigen zu sehr die Neugierde der Weiber, als daß sie später nicht auch deren ganze Seele herüberziehen sollten. Denn mag man dagegen sagen, was man will — Neugierde ist der erste Ring in der Kette weiblicher Empfindungen; an ihm hangen die übrigen der Theilnahme, des Mitleids, der Freude, der Furcht, der Hoffnung, der Freundschaft und der Liebe.

Ueberdies war Alexander, dieser stolze, selbstständige und geistreiche Mann auch — ein nicht unschöner Mann. Grund allein schon, ihn zu lieben — wenn er auch sonst nichts besessen hätte. Denn ist materielle Schönheit an sich nicht schon hinreichend, ein Weiberherz, oft das gebildetste und zarteste, zu besiegen? Wenigstens treffen wir täglich auf Beispiele, die hierher gehören. In Rom hat erst kürzlich eine jugendliche hochgeborne und hochgebildete Miß ihren — Kutscher geheirathet, und Madame Dudevant in Paris hat sich, wie man mir erzählt, neulich in einen allerliebsten handfesten Ouvrier vernarrt, wiewohl die große Schriftstellerin nachgerade im Begriffe steht, eine — Matrone zu werden.

Doch wohin verirre ich mich? Graf Alexander ist ja nicht in diese Kategorie zu versetzen; aber man gelangt beim Raisonniren so leicht vom Hundertsten in’s Tausendste, und dies darum: weil es in der Natur so viele Aehnlichkeiten — nahe und entfernte — giebt.

Genug an dem: sie hatten sich gefunden, sie hatten sich erreicht — ein Himmel voll Lust ging auf über ihren Häuptern und der Erdendämon des Kummers zog grollend von dannen. Sie kannten ihn nicht mehr.

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