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Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Fünftes Kapitel. Einige Lebensszenen.

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Im Kaffeehause bei Daum trafen einige Tage darauf zwei Herren zusammen. Es war gegen Mittag, um welche Stunde dieses Etablissement sehr zahlreich und zwar von einer gewählteren Gesellschaft besucht wird. Hier sehen Sie den Stutzer, der so eben von seiner Toilette kommt, um sich hier in den vielen Spiegeln zu besehen, was er zu Hause niemals so gut kann, denn welcher Mensch, und sei er ein Pelham, besitzt in seinem Quartier ganz Spiegelwände? Uebrigens frühstückt hier der Stutzer auch, und das ist der Vorwand, unter welchem er erscheint. — Ferner werden Sie eine zahlreiche Auswahl junger Kavaliere in diesem Saale bemerken.... man beabsichtigt einen Morgenritt nach dem Prater und kommt früher hierher, sich zu erfrischen.... Ein großer Theil jener Beamten, die eben keine zärtlichen Freunde der Bureaux sind — sodann pensionirte Hauptleute und Majore und endlich Fremde, namentlich Franzosen, vollenden die Gesellschaft, welche Herrn Daums Kaffeehaus Vormittags zwischen zehn und zwei Uhr besucht.

Man tritt, wie gesagt, gewöhnlich unter dem Vorwande, ein Frühstück zu nehmen, ein, aber nur bei den Wenigsten lauert keine andere Absicht im Hintergrunde. Dieser Herr z. B. will sich zwei Stunden lang auf weichen Sopha’s umherwälzen und Neuigkeiten aufschnappen — — Jener sieht durch’s Fenster nach den vorübergehenden Damen oder er stellt sich zu diesem Behufe lieber gleich vor die Thür des Kaffeehauses — denn es liegt ja auf dem Kohlmarkt, der besuchtesten Straße Wiens; was einen Dritten betrifft, so hat dieser, dem die Gläubiger seine Wohnung stürmen, sich vor ihren zudringlichen Schaaren hierher, in dieses Asyl geflüchtet, weil öffentlich Niemand gemahnt werden darf. — Und so ließe sich dieses Thema, welches wie so viele andere Kapitel über den Unterschied zwischen Schein und Sein handelt, noch weiter behandeln, wäre hier der Raum zu dergleichen vorhanden. —

Wir eilen jedoch lieber zu einem der Hauptfäden unserer Geschichte und überlassen Schilderungen von Nebendingen jenen Autoren, die in ihrer Naivetät solche für Hauptsachen halten.

Jene zwei Herren, die sich bei Daum so eben getroffen haben und von welchen wir zuvor sprechen wollten, waren: unser wohlbekannter Weiberbesieger Althing — und Edmund von Randow. Sie begrüßten einander mit jenem Geschrei, welches zwischen gewissen noblen Leuten die herrschende Tonesart ist....

„Ah — mein lieber Edmund!“

„Ah — mein alter Bursche Althing!...“

Sie umarmten sich so herzlich als nur möglich.

„Wie kommst Du hierher?“

„Diese Frage wollte ich eben an Dich stellen, furchtbarster aller Adonisse — (ich hoffe, Du wirst mit dieser Charakteristik zufrieden sein!). Hab’ ich Dich doch niemals noch hier gesehen.... Ich glaubte immer, Du besuchtest dieses Etablissement nicht gerne — weil keine Damen hierher kommen...“

„O, o! soll das ein Scherz sein! Bin ich ein Narr, der den Weibern nachläuft? Hoffentlich wirst Du nicht so gering von mir denken, Edmund! Ich den Frauen nachlaufen... haha! So etwas ist nicht nöthig. — — Es giebt Männer, die von ihnen verfolgt werden, hahaha...“ Und unser Dicker zupfte an seiner Cravatte und schlug mit seinen Sporren, die er wie die alten Ritter immerwährend — vielleicht auch im Bette — an den Füßen trug, zusammen....

„Kurz gesagt: was suchst Du eigentlich hier?...“

„Theuerster Freund — bevor wir über diesen Gegenstand reden — lass’ uns eine Tasse Chocolate oder noch besser ein deutsches Frühstück zu uns nehmen.... das stärkt zum Diskours.... Marqueur! Marqueur! Chocolate, aber.... die Vanille nicht zu vergessen! hahaha!“

„Hahaha!“ — lachte auch Edmund und rief dem Aufwärter nach: „schlagt auch ein Ei hinein und gebt ein wenig von jenem gewissen Pulver dazu, welches in Apotheken schwer zu bekommen ist.... hahaha!“

„Hahaha! Mein Freund — Du übertreibst, Du übertreibst. Jene Ingredienzen sind bei mir alle noch nicht nothwendig, Dank Aeskulap, dem Gott der Gesundheit....“

„Und einem andern Gott, den man in unsern Schulmythologien nicht abgebildet findet.... hahaha!“

Althing hatte einen Tisch gewählt, von wo man sehr bequem auf den Kohlmarkt hinaussehen konnte — und der Jüngling nahm neben seinem Mentor Platz.

„In der That,“ sagte er, „ich bin äußerst neugierig, den Grund, der Dich hieher führte, zu erfahren, mein Alter....“

Zornig schnob ihn der Dicke an: „Ein für alle Mal, ich bin dieses Wort nun satt — und werde es in Zukunft als eine Beleidigung ansehen, die gerächt werden muß, Alter und immer Alter! — — Donnerwetter! Ihr macht es ja so, als gäbe es keinen Aelteren mehr in der Welt, als ich. Was soll das heißen?... Bin ich Euer Freund, oder foppt Ihr mich bloß!?“

„Ihr — Ihr? — sprichst Du zu mir per Ihr! —“

„Nun ja — Du und die Andern; Du verstehst mich schon. — Noch ein Mal, Edmund, wenn es in Zukunft zwischen uns nicht schrecklich hergehen soll — so sprich jenes verdammte Wort nicht mehr aus.... namentlich vor so vielen Leuten....“

In diesem Augenblick ging draußen ein junges und sehr schönes Mädchen — ein Ladenmädchen, Putzmacherin, Blumenmädchen oder dergl., kurz eine Grisette — vorbei und Althing fuhr mit einem Ruck, als habe ihn Jemand gestochen, in die Höhe: „Alle T—l!“ rief er: „Was seh’ ich? — Um diese Stunde schon? — Sie sagte mir, sie würde erst um ein Uhr.... Sapperment, dahinter muß etwas stecken.“ Und er bemühte sich, hinter dem Tische, der ihn und seinen Bauch einzwängte, rasch vor zu kommen.... Das gelang jedoch nicht so leicht — und unser Ritter, der sich mit den Sporren an den Wandtapeten verfangen, riß, während er davon stürmte, ein Stück davon mit sich....

Augenblicklich liefen ein Paar Marqueure herbei und stellten sich ihm in den Weg:

„Entschuldigen — Euer Gnaden!... — Verzeihen — Euer Gnaden.... aber....“

„Was wollt Ihr?“ schrie er wüthend und suchte durchzukommen.... augenscheinlich hatte er in der Eile von dem Schaden, welchen er verursacht, gar nichts gemerkt.... denn seine Wuth über die Kerle stieg von Moment zu Moment:

„Was soll das heißen?“ tobte er mit von Zorn erstickter Stimme: „Bin ich hier unter Wegelagerern und Mördern?...“

Er fing jetzt an so zu springen, als wollte er über die zwei Aufwärter wegsetzen; zum Glück aber war er nicht im Stande, höher als zwei Zoll sich zu erheben — dann plumpste er jedes Mal mit schrecklichem Geräusch auf den Boden herab. — Endlich jedoch aufs Aeußerste gebracht, ballte er seine Fäuste, streckte sie, wie ein Stier die Hörner, vor sich hin — und versuchte nun auf diese Weise eine Bresche zu machen; aber im selben Augenblick hatte ein dritter Marqueur ihn hinten beim Rockschoß ergriffen....

„Entsetzlich!“ stöhnte der Unglückselige, den bereits seine Kräfte — er besaß deren nicht große — verließen: „Entsetzlich! so etwas habe ich noch nicht erlebt!... Das ist hier eine Schlachtbank, aber kein Kaffeehaus!...“

Jetzt trat der Obermarqueur vor ihn: „Entschuldigen Sie,“ meinte dieser — „es ist ein Kaffeehaus, wie diese Herren hier alle bezeugen werden.... Man kommt jedoch nicht in ein Kaffeehaus, um Tapeten zu zerreißen, Frühstück zu bestellen und sich dann so beiläufig — fortzumachen.... Ich gebrauche noch einen sehr milden Ausdruck, wie Sie sehen....“

„Ha! mir das?“ schäumte Althing: „Mir das? — Fortmachen? „Durchgehen,“ wollen Sie wohl sagen! — Wissen Sie denn auch, mit wem Sie’s eigentlich zu thun haben, mein Mann?“

„Eben deßhalb, weil man Sie hier nicht kennt, weil Sie noch niemals da gewesen sind, mein Herr, durften Sie bei Ihrem forcirten Abgang keine andere Behandlung erwarten.... Mein Gott, wer wird uns zumuthen, unsere Tapeten von fremden Herren zerreißen zu lassen?....“

„Aber ich wäre wieder gekommen; ich hatte nur ein wichtiges Geschäft abzumachen, das keinen Aufschub litt.“

„Mein Herr, ich erlaube mir die Bemerkung, daß, bevor man zu wichtigeren Geschäften geht, man so unwichtige, wie eine Kaffeehausschuld, abmacht...“

„Aber — — bin ich denn allein da? Wo ist denn mein Freund, Herr von Randow? — War dieser denn Euch nicht Bürge genug? —“

„Allerdings; allein der Herr von Randow hatten ja eben die ganze Szene mit angesehen — und da Dieselben sich dessenungeachtet nicht in’s Mittel legten....“

Bei diesen Worten drehte der mißhandelte Liebesheld sich um, um nach seinem Freunde Edmund zu sehen. Dieser saß zwei Schritte davon und hielt sich vor Heiterkeit kaum mehr auf dem Sitze. In der That, die eben vorgefallene Szene hatte ihm ein Vergnügen gemacht, in welchem er sich um großer Schätze willen nicht hätte mögen stören lassen; von ihm war also eine Unterbrechung desselben und somit der Szene nicht zu erwarten.

Althing warf ihm einen indignirten Blick zu und sprach, bitter lächelnd: „— — O, das hat man für seine Freundschaft, für seine Lehren! — Gewöhnlich erzieht man sich an seinen Schülern — Schlangen und Nattern. — Doch schon gut! Ich werde diesen Vorfall nicht vergessen — und auch wie ritterlich man sich dabei gegen mich benommen....“

„Aber, mein Gott,“ entgegnete Edmund kichernd: — „Was sollte ich thun? — Du schlugst ja so wüthend umher, daß man nicht in Deine Nähe treten und Dir ein Wort zuflüstern konnte. ... Und überdies....“

„Schon gut! schon gut! Keine Entschuldigung, mein Herr!“ sagte unser Dicker in jenem kalten Tone, womit man einen Menschen seine Gleichgültigkeit fühlen läßt: „Marqueur! — Was macht der ganze dumme Spaß....“

„Nicht mehr als zehn bis zwölf Gulden,“ antwortete der Oberaufwärter.

„Was heißt das: Bis —“

„Das heißt, mein Herr, es läßt sich noch nicht ganz genau berechnen....“

„Wohl; hier habt Ihr zwölf Gulden! — — und nun ein Glas Limonade. Ihr bringt sie jedoch zu diesem Tische, hier nebenan.“

Der Gekränkte setzte sich wirklich an einen andern Tisch, jedoch hatte er auch von hier die Aussicht auf den Kohlmarkt. Er saß ganz allein — denn die ihm früher während seines Kampfes mit den Aufwärtern umgebende Menge hatte sich, bis auf einige junge Herren, die ihn aus einer gewissen Entfernung durch Lorgnets besahen, verloren. — Diese für ihn höchst wahrscheinlich jetzt sehr erwünschte Einsamkeit — fing der gute Dicke nun damit an zu benutzen, daß er sein Wesen und seinen Anzug, die ein bischen derangirt worden waren, in die vorige Ordnung zu bringen versuchte,.... er zog seine Cravatte straffer an — besah seine Sporren — wischte den Schweiß von der Stirne — und als die Limonade ankam, trank er sie auf einen Zug aus. Bei allen diesen Verrichtungen jedoch unterließ er nicht, sein Auge immerwährend nach der Straße hinaus zu richten.... Allein da konnte er lange schauen! es war Alles vergebens.

Jetzt trat Edmund näher heran, setzte sich auf einen Stuhl neben ihn und sprach: „Althing, ich will Dir’s nur sagen! Wenn Du nach jenem Mädchen lugst, der Du vorhin nachspringen wolltest — die ging bereits während Deiner Fehde mit den Aufwärtern zurück....“

Dieses Wort war im Stande, den Seladon Alles Geschehene vergessen zu machen: „Ist das wahr?“ rief er eifrig: „Du sprichst von jener hübschen, niedlichen Grisette?“

„Von jener niedlichen Grisette, ja, ja! — Sie hat, dünkt mich, sogar Deine Rauferei hier vor dem Fenster mit angesehen...“

„Ist das möglich! Und was that sie dabei? — Sie war gewiß im äußersten Grade entrüstet?“

„Nein, denn sie lachte wie toll und rief noch mehrere von ihren Freundinnen herbei, die eben vorbeigingen....“

„Aber das ist unglaublich! — das Mädchen liebt mich ungeheuer!“

„— Wie die Andern — haha!“

„Nein, nein, Diese ist in mich total verschossen! Du hast keinen Begriff davon, mein Freund. Willst Du einen Beweis? Nun gut: so wisse, daß sie mir heute ein Rendezvous gab; daß sie eben meinetwegen hier so oft vorüber geht — —“

„Ich sah jedoch ganz deutlich, daß sie auch nach andern Herrn blickte....“

„Blickte?“

„Und — lachte!“

„— Dieselben aus.“

„Nein, sondern: lachte sie an. Allein, Du scheinst Deiner Sache sehr gewiß.“

„Das bin ich auch, mein Freund! Sie gab mir Tausende von Beweisen, jene kleine Hexe.“

„Zum Beispiel.“

„Zum Beispiel —! — Ach, wozu erst viele Beispiele. Ich weiß, woran ich bin und damit gut. Uebrigens weißt Du, daß ich in diesen Dingen nicht von heute bin. Man hat Erfahrungen — man hat Abenteuer gehabt von allen Sorten.... kurz, man war glücklich... hehe!“

„Doch was seh’ ich!“ rief Edmund plötzlich: „Kommt sie da nicht schon wieder?...“

Rasch blickte der Alte durch’s Fenster: „Richtig! Richtig!“ rief er freudig aus.. „Nun, was sagst Du dazu, mein Junge! Siehst Du den Blick, welchen sie mir zuwirft.... hahaha! Wirst Du nun noch länger zweifeln.... daß man Sieger, daß man Geliebter des Herzens ist?“

Und kaum hatte er das gesagt, als er nun wieder aufsprang und — diesmal von den Aufwärtern — ungefährdet hinaus lief. Doch lief ihm fast das ganze Kaffeehaus nach und Alles lachte über eine Begebenheit, welche bisher in den Annalen von Daum’s Caffée unerlebt war.

Unter den Zuschauern, welche sich jetzt vor der Thür des Etablissements aufstellten, um dem Alten nachzusehen, befand sich auch Edmund. Er nahm sich vor, seinem verliebten Freunde zu folgen und ihn nöthigenfalls zu hindern, abermals einen dummen Streich zu begehen. Denn hatte der junge Mann auch jenem Auftritt im Kaffeehause mit ruhigem Blute beigewohnt und sich an demselben auch noch obendrein erlustigt — so war er gleichwohl, nach Art gutmüthiger Menschen, sogleich bereit, sein Vergehen durch eine edle That zu sühnen.

Althing verfolgte die Grisette inzwischen Schritt für Schritt; er ging ihr über den Kohlmarkt, den Michaelerplatz, die Herrengasse bis zur Freiung nach — — aber er bemühte sich vergebens, sie einzuholen, denn das Mädchen hüpfte leichtfüßig wie ein Reh, während er Mühe hatte, seinen dicken Bauch fortzubringen; und dann genirten ihn auch seine Sporren, mit denen er alle Augenblicke anstieß und hängen blieb. —

Aber der Eifer des Jägers wächst mit der Mühe der Verfolgung — und man sah es dem dicken Adonis an: er wollte sich lieber seine Beine und seine Lungen zu Grunde laufen, als von seinem Vorhaben, das Mädchen zu erreichen, abstehen.

Endlich schien das Glück sich ihm wieder zuzuneigen. Die Kleine, auf dem tiefen Graben angelangt, wohin sie jetzt ihre Schritte lenkte, mäßigte die letzteren.... das gab dem Alten neuen Lebensmuth, und er ruderte ihr nun aus Leibeskräften nach, wobei sich Arme, Beine, der Kopf, kurz der ganze Körper bewegte. —

„Ah!“ dachte Edmund, der immer in einer kleinen Entfernung nachzog — „sollte es wider Vermuthen günstiger ausschlagen? Doch, das ist unglaublich! — Sehen wir nur nach, was es wieder geben wird.“

Schon hatte Althing die Grisette erreicht; — er rückte ihr an die Seite und flüsterte ihr Etwas in’s Ohr... man konnte von hinten sehen, zu welcher freundlichen Fratze er sein rothes, schweißtriefendes Gesicht verzog; — — jetzt trennte ein Schubkarren, welcher mitten zwischen die beiden fuhr, den Ritter von seiner Dame.... und Jener mußte ein wenig zurückbleiben.... er wollte ihr rasch wieder nachspringen, aber in diesem Momente trat die Grisette in ein Haus, und unserem Dicken, welcher seinen Fuß schon auf die Schwelle gesetzt hatte, wurde die Thüre vor der Nase zugeschlagen... so daß wenig fehlte und er wäre um die letztere gekommen...

Er prallte heftig zurück und auf eine Frau, die zu dieser Zeit eben vorbeiging und auf den Armen einen Korb voll Gemüse trug; es war eine Fratschlerin (Höckerweib) — man weiß was eine Wiener Fratschlerin zu bedeuten hat.

Augenblicklich entlud sich eine Fluth von Schimpfwörtern aus ihrem Munde: „Der alte Mensch da! — Da seht ihn einmal an! Ist er toll? Wirft sich da in meinen Gemüsekorb hinein — als gehörte er darunter.... Nun ja, er sieht mir auch gerade so aus, wie ein hohler Kürbis.... Tausendsapperment hinein!“[B]

Althing schien der Verzweiflung nahe zu sein... Er hatte gänzlich den Kopf verloren; er wußte nicht wie ihm geschah — und blickte bald das tobende Höckerweib hinter, bald das Haus vor sich an.... Allein auf beiden Seiten war nichts Tröstliches zu sehen, und der wackere Mann schüttelte jammervoll sein edles Haupt....

Da warf er einen zerknirschten Blick nach den sechsten Stockwerk hinauf und murmelte wehmuthsvoll: „Dort oben soll sie wohnen, wie sie mir gesagt hat; aber wozu sagt sie mir dieses, wenn sie mir die Thüre vor der Nase zuschlägt?.... O, Althing, so ist Dir noch niemals mitgespielt worden! —“

Die Fratschlerin war wieder langsam weiter gegangen, jedoch nicht ohne noch immerwährend zu fluchen und sich von Zeit zu Zeit nach dem Unglücksmanne zornig umzusehen. Was Edmund betrifft, so hatte sich dieser hinter einen Mauervorsprung zurückgezogen und sah von hier aus dem Treiben seines alten Kameraden zu. Er wartete blos auf die Gelegenheit, wie ein echter Retter in der Noth hervorzuspringen, falls dieses irgend nöthig sein sollte. Ach, wahrhaftig! er wartete vergebens; die Gelegenheit überrumpelte ihn und seinen Freund, wie ein unbarmherziger Feldherr seinen gar zu sicheren Gegner....

Während nämlich Althing noch immerfort nach den Fenstern der sechsten Etage hinaufsah — denn er vermochte nicht sein Auge von da abzuwenden — wurde plötzlich aus einem dieser Fenster, gerade über seinem Haupte, ein Gefäß ausgeleert, dessen Inhalt den armen Ritter völlig überfluthete, so daß er laut aufschrie: „Ah! Ah! — Feuer! Feuer!“ und zuversichtlich noch mehrere ähnliche Rufe herausgestoßen haben würde — wäre in diesem Augenblick Edmund nicht herbeigelaufen und hätte sich seiner bemächtigt, um ihn hastig in’s nächste Haus zu ziehen und so der Polizei, die unfehlbar sogleich herbeieilen mußte, zu entreißen.

Denn ein unbegründeter Feuerruf mußte in Wien mit einer artigen Summe bezahlt werden.

Althing’s Kleider verbreiteten eben keinen angenehmen Geruch; zum Glück war es indessen blos Seifenwasser oder etwas Aehnliches. — — Der Dicke triefte wie ein Pudel und überdies schien ihn sowohl vor Schreck als vor Kälte ein Fieber ergriffen zu haben, denn er bebte, zitterte und klapperte mit den Zähnen, daß es ein Erbarmen war. —

„O, mein Freund!“ sagte er zu dem Jüngling: „Beweine mich! — Ich bin ein Märtyrer der Liebe geworden! — Ach, wäre ich nur schon zu Hause, um andere Kleider anzuziehen! — Der Zustand dieser hier wird mich tödten.... O, hätte ich das träumen können! — Ich, ich, der so viele Siege davon getragen hat; der mit Cäsar sagen konnte: veni, vidi, vici — — — und nun eine solche Erfahrung zu machen...... Allein,“ fuhr er nach einigen Augenblicken fort, indem er sich im Gesichte mit der Hand herumwischte.... „was bemerkst Du an meiner Physiognomie, Edmund?“

„Ich bemerke, daß sie voll Ruß ist; ihr unterer Theil sieht wie bei einem Schornsteinfeger aus.... Dein Schnurbart hat seine Farbe gelassen. — —“

„Glaube dies ja nicht; er ist von Natur schwarz und färbt nicht ab; du darfst dessen gewiß sein. Er ist immer schwarz gewesen, dieser Bart — in meinem zehnten Jahre schon! — Auch hat man dieses stets für eine meiner vorzüglichsten Zierden erklärt. Allein, werden wir nicht bald nach Hause gehen? Ich halte es hier nicht aus.“

„Willst Du der Polizei in die Arme laufen, Unglücklicher, und auf die Wachstube geführt werden?“

„Aber man wird uns nicht bemerken — — Schaffe einen Fiaker herbei, guter Edmund....“

„Das geht nicht; man darf auch mich nicht sehen. Wir müssen noch einige Zeit hindurch hier verweilen....“

„Das ist eine schlimme Aussicht.... Jedoch, was bemerke ich da rechts im Hofe, siehst Du — dort, aus dem vierten Fenster, hat so eben ein allerliebster Lockenkopf herausgesehen.... das gewährt Zerstreuung. —“

„Ach, Althing — wirst Du denn nie Vernunft annehmen? In unserer Lage haben wir nach andern Dingen zu sehen, als nach Lockenköpfen....“

„Ganz wohl; aber man darf keine Gelegenheit vorbeistreichen lassen —“

„Still doch! — Hast Du nichts gehört? — Mir schien es, als hätten sich draußen Stimmen hören lassen....“

Augenblicklich verstummte der Dicke und sein Fieberfrost kehrte zurück.... Jetzt vernahm man ganz in der Nähe eine Stimme, die keinen Zweifel über ihren Besitzer zuließ: „Hier hat Jemand Feuer gerufen! — Wer ist das gewesen?“

„Wir wissen nichts, wir wissen es nicht!“ antworteten mehrere Stimmen!

„Es war ein dicker Herr,“ rief jetzt eine —; „er muß in diesem Hause verborgen sein! — ich sah ihn da hinein laufen...“

„O mein Edmund!“ ächzte Althing und fiel bewußtlos seinem Freunde in die Arme.

Nun wurde die Thür geöffnet und ein Polizeimann trat ein; sogleich deutete ein Weib mit einem Korbe, die zu gleicher Zeit erschien, auf den Ohnmächtigen und rief: „Der da ist es gewesen! Der da hat Feuer geschrieen! Das ist der Vogel — — der früher auch in meinen Korb hinein flog, als hätte er sechs Tage nicht gefressen...“

„Mein Herr von Randow,“ bedeutete der Polizeisoldat gegen Edmund — denn der Dicke hörte nichts — „da ich so glücklich bin, Sie und diesen Herrn hier zu kennen, so ersuche ich Sie, falls es Ihnen nicht lieber wäre, sich sogleich auf die Direktion dieses Viertels zu bemühen — — einige Stunden später daselbst zu erscheinen, um über den Feuerruf, für dessen Urheber man Sie ausgibt, die nöthige Auskunft zu ertheilen...“

Nach diesen Worten empfahl sich der Diener der öffentlichen Sicherheit, wobei er nicht vergaß, mit der Spitze seiner Finger den Czako zu berühren.... zugleich jagte er die Schaar der Neugierigen, welche sich vor dem Hause angesammelt hatte, wie dies in Wien häufiger als anderswo zu geschehen pflegt, auseinander und öffnete so unsern beiden Freunden freies Feld, welches diese denn auch benutzten, nachdem Althing wieder zu sich gekommen war.

Edmund packte denselben in einen Fiaker und schickte ihn nach Hause; er selbst wurde von Verrichtungen nach einem andern Theile der Stadt gerufen.

Es war in der Nähe des Augartens, wohin er in einem Wagen sich bringen ließ. Eben stieg er aus, in der Absicht, sich nach einem von den schönen neuen Häusern, welche dort stehen zu begeben, — als ihm aus der Allee, welche den Augarten von Außen umgibt — ein Mensch entgegen stürzte, der auf den ersten Anblick einem Wahnsinnigen nicht unähnlich sah. — Ohne Mühe erkannte unser Freund den Baron von Leuben, jenen glühenden Verehrer Cölestinens, welchen wir auf dem Wasserglacis kennen gelernt haben. Aber was war mit dem Menschen vorgegangen! Sein Anzug sah im höchsten Grade zerrüttet aus, so als hätte er ihn seit 8 Tagen nicht gewechselt und als hätte er die Nächte auf freier Straße oder im Felde liegend zugebracht. Das Gesicht war fahl und eingefallen, die Züge verzerrt — das Haar flatternd, allen Winden Preis gegeben....

„Sind Sie es oder sind Sie es nicht?“ rief er Edmund an und faßte ihn bei der Hand.

Dieser, der ohne Zweifel weder Zeit noch Lust hatte, sich aufzuhalten, entschuldigte sich und schützte dringende Geschäfte vor....

„Nein, nein!“ sagte Jener mit zitternder Stimme: „ich lasse Sie nicht; Sie müssen mit mir sprechen. Zwei Worte nur, aber um Gotteswillen reden Sie mit mir!“

„Mein Herr,“ versetzte Jener; „wäre dazu vielleicht nicht ein ander Mal Zeit? Wollen Sie z. B. nicht hier auf diesem Platze einige Augenblicke lang auf mich warten? Ich werde sogleich wieder zurück sein....“

„Nicht doch! Keinen Schritt von hier!“ schrie Leuben: „Wollen Sie, daß ich völlig toll werde? Zur Hälfte bin ich’s schon. Ich kann es nicht länger ertragen. Bei der Barmherzigkeit des Himmels beschwöre ich Sie: hören Sie mich an!“

„Nun denn,“ antwortete Edmund, halb in Unmuth und halb mitleidig: „was steht zu Ihrem Befehl?“

„Kommen Sie unter jene Bäume dort.... denn hier werden wir gesehen — — und ich weiß, mein Aeußeres taugt nicht dazu. —“

Diese Rede rührte den jungen Menschen, der, wie erwähnt worden, so leicht zu rühren war: er folgte dem Baron und war mit demselben bald in der Allee....

„Sie sehen in mir,“ fing der Letztere an, „einen Unglücklichen, einen Elenden — dessen Herz gebrochen ist und für dessen Verstand nicht minder Gefahr droht.“

„— Nun wohl, mein Herr,“ entgegnete unser Freund: „was Sie mir sagen, ist schrecklich genug, um meine innigste Theilnahme zu erwecken: drum reden Sie, was kann ich für Sie thun?“

„Was Sie für mich thun können?“ seufzte Leuben schwer auf: „Jetzt vielleicht nichts mehr oder sehr wenig; früher jedoch würden Sie ganz gewiß mein Leben, meine Seele, mein Glück und meinen Frieden haben retten können. —“

Daß Edmund den Zusammenhang und Sinn dieser abgebrochenen Worte errieth, läßt sich wohl denken. Er hatte es längst bemerkt, daß dieser junge Mann auch zu der Zahl derjenigen gehörte, die von den Reizen Cölestinens bezaubert waren; er wußte jedoch bisher noch nichts von der namenlosen, alle Grenzen einer gewöhnlichen Empfindung übersteigenden Leidenschaft Leubens. Diese Stunde gab ihm indeß hinreichende Aufklärung. Da ihm nun solchergestalt das Unzukömmliche seines jetzigen Zusammentreffens mit dem jungen Mann und das gänzlich Verwerfliche seines längern Verweilens bei demselben einleuchtete, so bemühte er sich eifrig, sein Mitleid für ihn zum Schweigen zu bringen und sich rasch von hier zu entfernen.

Er wartete daher nur noch eine nähere Erklärung Leubens ab, sodann wollte er ihm ohne Rücksicht Adieu sagen. — Der Unglückliche beschleunigte selber diesen Plan. Er faßte Edmund an beiden Händen — stellte sich vor ihn hin und sprach mit düsterem Tone:

„Ich liebe Ihre Schwester!“

„Mein Herr!“ versetzte dieser, der jetzt augenblicklich sich losriß und zwei Schritte zurück trat — in kaltem Tone: „Meine Schwester ist seit acht Tagen die Gemahlin des Grafen von A—x.“

„Das weiß ich!“ sagte Leuben mit dumpfer Stimme.

„Das wissen Sie!“ rief Edmund streng: „und dennoch wagen Sie es, mir eine solche Erklärung zu geben.“

„Und warum nicht?“ fragte Jener finster.

„— Weil ich,“ entgegnete zornig Randow: „dieselbe nicht zu dulden willens bin, mein Herr.“

„Und was weiter —?“ meinte der Jüngling gleichgültig.

„Das Weitere ist, daß ich, Rücksicht auf Ihren Zustand nehmend, Sie nicht ferner anhören will. Adieu, mein Herr!“ Er wandte ihm den Rücken.

„Aber — — ich habe Sie beschworen, es zu thun, und Sie haben eingewilligt. Wollen Sie Ihr Wort brechen?“

„Nach dem, was ich so eben hören mußte, fühle ich mich meiner Pflicht vollkommen entledigt. Darum noch ein Mal: Adieu!“

Edmund ging jetzt raschen Schrittes fort.

Leuben aber lachte ihm in jenem schrecklichen Tone nach, welchen man so oft hört, wenn man an den Irrenhäusern vorbeikommt — und welcher Ton ein Menschenherz durchschneidet und zerreißt. — —

„O!“ rief der Unglückliche, so daß Edmund es noch hören konnte: „es ist auch so gut. Einer Wölfin Bruder — pflegt kein Lamm zu sein.... wohl, wohl. So ist also Alles vorbei — und mir bleibt nichts als Tod oder Verzweiflung.“

Einen Augenblick hielt er hier inne, dann kreischte er wild auf: „Doch nein! mir bleibt noch Eins! — Noch Eins!“ und abermals ließ er ein heiseres Lachen hören — doch schien durch dieses ein von dem früheren sehr verschiedener Grundton durchzuklingen. Jetzt verschwand er im Augarten.

Edmund aber trat in ein neues und schönes Gebäude ein. Es war das Palais des Grafen Alexander von A—x, welches dieser seit Kurzem mit Cölestine bewohnte.

Notes in this chapter

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