← Table of contents
Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Zehntes Kapitel. Ernste und heitere Zwischenszenen.

Reading edition

Allein wir haben eine sehr ehrenhafte Person dieser Geschichte gänzlich aus den Augen verloren und beeilen uns daher, sie wieder aufzusuchen, um uns auch nach ihrem Schicksale zu erkundigen und dies um so mehr, als dasselbe in letzterer Zeit sehr traurig sich zu gestalten anfing. Was kann es auch Lustiges um eine Erkältung oder gar um eine polizeiliche Vorladung sein; und beide diese Schläge trafen doch, wie wir wissen, zu gleicher Zeit das Haupt Althings, unseres Bruders Althing, des großen Herzenstyrannen und Weiberbesiegers Althing! — O wie seufzte er unter diesen Schlägen auf, der Arme. Fürwahr, so hat noch Niemand geseufzt! Man hörte ihn bis in’s dritte Nachbarhaus hinüber.

Mit der Erkältung war es noch so ziemlich gegangen; einige Gläser Essenz, (ein Artikel, welchen Althing zu Hause in allen Sorten und zu allen möglichen Zwecken: Aufregungen und Dämpfungen besaß) hatten auf seinen dicken Leib die wohlthätigste Wirkung geäußert;... allein die Polizei, die Polizei! Diese war dem Armen viel gewaltiger in den Leib gefahren, als die Kälte.

Die Sache war, daß unser Dicker mit ihr zum ersten Male in Berührung kam; und Jedermann weiß doch, wie ängstliche Menschen ein Uebel, welches sie noch nicht kennen, für weit furchtbarer halten, als es wirklich ist. Althing dachte schon, man würde ihm auf dem Polizeibureau die eiserne Jungfrau zu küssen geben, und ein so großer Freund der Jungfrauen er im Ganzen auch war — vor dieser hatte er doch sehr großen Respekt. —

Wie glücklich war er daher, als nach angestelltem Verhör ihm bedeutet wurde, er sei verurtheilt, 10 Gulden zu bezahlen und einen Verweis zu bekommen.

„O tausend Verweise, wenn Sie wollen, meine Herren!“ hatte er in seiner entzückten Dummheit gerufen; und in der That, es war ihm ein Leichtes mit dem Verweis: er hörte ihn nicht. Ach, seine Phantasie flog schon wieder auf den Straßen der schönen Kaiserstadt und in den 2ten, 3ten, 4ten, 5ten und 6ten Etagen umher.

Er war kaum aus dem Polizeihause getreten, als er sich schon auf’s Casino verfügte, um da eine körperliche Restauration mit sich vorzunehmen: er aß und trank jedoch so eilfertig, als beabsichtige er irgend eine Flucht. Wirklich stürzte er auch, noch mit dem letzten Bissen im Munde, hinaus — — um dem ersten Dämchen, das ihm begegnen würde, die Begleitung seiner holden Persönlichkeit anzubieten.

War es Zufall oder Schicksalsfügung — (wir haben es schon irgendwo bemerkt, daß dies zwei Benennungen für eine Sache seien) er stieß — und das beinahe mit der Nase — zuerst auf jenes böse Wesen, um derentwillen er alle letzteren Schläge erlitten hatte; um derentwillen er bei Daum compromittirt, im tiefen Graben begossen und endlich von der Polizei aufgegriffen und verurtheilt worden.... dieses reizend-verhängnißvolle Wesen stand schon wieder vor ihm. Er besann sich einen Augenblick, denn er fühlte sich wirklich ein wenig consternirt. Aber unser Mann wurde bei solcher Gelegenheit zuletzt immer entschlossener, als ein Türke: „Ah! Bah!“ murmelte er unter seinem gefärbten Schnurbart: „das sind Possen, was mir da einfällt! Es gibt kein Fatum — kein Omen! Es gibt in der Welt nur Gewißheiten, und nichts ist mir reellere Gewißheit, als ein hübsches Schürzchen. Darum — ohneweiters dieser da nach, Freund Althing! — und hat sie dich auch früher in die Patsche geführt — vielleicht wird sie dir’s jetzt um so süßer vergelten. Die Weiber haben ein mitleidiges Herz... namentlich bei Männern von einem gewissen Aussehen!“ Noch ehe er diesen Satz beendigte, hatte er sie schon eingeholt: „Mein schönes Kind,“ fing er an und watschelte an ihre linke Seite: „erkennen Sie mich noch?“ Die Grisette antwortete nicht und setzte rasch ihren Weg fort.

„Ei,“ begann er wieder: „Sie thun, als ob Sie mich in Ihrem Leben niemals gesehen hätten! Das ist ein wenig stark! Blicken Sie mich doch ein Bischen an — vielleicht wird Ihnen (wenn nicht Ihr Herz, doch) Ihr Auge Etwas sagen.“

„Ich wüßte nicht,“ lachte das Mädchen, „was mir mein Auge sagen sollte!“

„Wie? Sie wissen es wirklich nicht? Nun, mein Täubchen — versuchen Sie’s doch nur ’mal. Vielleicht werden Sie finden, daß ich für Sie keine fremde Person mehr bin, — hm, hm!“

Dieses „Hm, hm“ hatte Althing ertönen lassen, weil er so eben wieder mit seinen Sporren hängen geblieben war und seine Beinkleider tüchtig ausgerissen hatte. Jedoch es war jetzt nicht die Zeit, an Kleiderrisse — es war vielmehr die Zeit, an Herzensrisse zu denken und er fuhr fort:

„Sie dürften am Ende doch noch finden, mein Schätzchen — daß ich derselbe Herr bin, welchem Sie da neulich bei Daum’s Kaffeehause ein Rendezvous gegeben — — ein Rendezvous, was mir, bei Gott, theuer genug zu stehen gekommen; Sie dürften ferner finden, daß ich auch derselbe Herr bin, der Ihnen auf dem tiefen Graben nachgegangen — dem Sie die Hausthüre vor der Nase zugeschlagen — — und zuletzt noch als höchstes Liebeszeichen vom 6ten Stockwerk den Inhalt eines Gefäßes auf den Kopf gegossen haben — das Alles dürften Sie finden. Und doch, meine Theuerste, ist das Alles — bei weiten nicht das ganze Alles. Da kann ich Ihnen noch mit einigen andern Aufopferungsgeschichten aufwarten: so zum Beispiel, daß ich mir aus Liebe zu Ihnen eine Erkältung zuzog, aus welcher ein heftiges Nervenfieber entstand — ferner, daß ich von der Polizei in Beschlag genommen und wie ein blutiger Verbrecher behandelt wurde, — das Alles und noch unzähliges Andere habe ich für Sie erduldet, getragen, gelitten, mein reizendes Kind.... und mit gutem Gewissen kann ich hinzusetzen, gelitten wie ein Mann, wie ein Held! Und jetzt frage ich Sie: wollen Sie noch immer so thun, als kennten Sie mich nicht; als wäre ich für Sie nichts? — Antworten Sie, Holdeste!“

„Nun wohl,“ versetzte das Mädchen, die seiner ganzen früheren Schmerzengeschichte unter anhaltendem Kichern und Gelächter zugehört hatte: „so will ich Ihnen denn sagen, mein Herr — daß Sie der unausstehlichste und zudringlichste alte Mensch sind, der mir je vorgekommen!“

„Was?“ schrie Althing, wie gelähmt stehen bleibend und sie am Arme ergreifend: „Was unterstehen Sie sich da?“

„Lassen Sie mich los!“ schrie sie: „oder ich rufe um Hilfe! — Ja, ja, ich will es Ihnen nochmals wiederholen: noch niemals habe ich einen überlästigeren Menschen gefunden, als Sie. Was haben Sie nöthig, mich beständig zu verfolgen?... Alles was Sie bei mir erreicht zu haben oder zu erreichen glauben, ist pure Einbildung. — — Erstens habe ich Ihnen niemals eine Bestellung gegeben....“

„Wie — Sie haben mich nicht zu Daum bestellt?...“

„Ich weiß kein Wort davon.“

„Sie sagten ja, Sie würden dort um 2 Uhr Nachmittags vorüber gehn.“

„— Ich sagte das, um Sie los zu werden, als Sie mir nicht auf andere Art vom Halse gehen wollten....“

„Ah, so also?“

„Ja, ganz so.“

„— — Indeß — indeß gingen Sie gleichwohl bei Daum vorbei.“

„Aber nicht um 2 Uhr.“

„Was schadet das: um 2 oder 12 Uhr, das ist gleich. Ich war einmal dort und wollte Ihnen eben folgen —“

„Dies wäre Ihnen schlecht bekommen.“

„Weßhalb, mein Fräulein?“

„Weil der Obermarqueur, der mein Geliebter ist, Sie am Rockschoße hielt — und —“

„Ach! Ach!“ fuhr Althing auf: „jetzt begreife ich den ganzen Zusammenhang. Jener unverschämte Bengel oder Marqueur war also Ihr — — Geliebter! Darum wollte der Kerl mich durchaus nicht fortlassen —“

„Bis Sie bezahlt hätten; das ist so Weltgebrauch....“

„Allein — Mademoiselle, für diesen Weltgebrauch habe ich Ihrem holden Geliebten einen Fußtritt versetzt — hahaha!“

„Und er gab Ihnen denselben zurück, hahaha!“

„Er empfing von mir annoch eine Ohrfeige...“

„Und er blieb Ihnen auch diese nicht schuldig, hahaha!“

„— O — aber, meine Theure, glauben Sie mir, es beweis’t einen sehr schlechten Geschmack, einen Marqueur zum Geliebten zu haben...“

„Der Geschmack ist verschieden. Was mich betrifft, so ist mir ein hübscher Marqueur viel lieber — als ein häßlicher alter Geck.... Ich habe in dieser Hinsicht den Geschmack so mancher Fürstin und brauche mich seiner also nicht zu schämen...“

„Allein...“

„Allein, mein Herr, ich erlaube mir Ihnen zu bemerken, daß dies Gespräch mich bereits dermaßen langweilt — daß ich, sofern Sie mich nicht augenblicklich verlassen, ernstlich auf Mittel denken werde, mich von Ihnen zu befreien.... Ah, dort sehe ich meinen Freund! Es ist Franz, der Polizeikorporal. — — Heda! Herr Franz! Herr Franz, hören Sie!“

„Um Gotteswillen!“ rief der Dicke erbleichend und einen Satz seitwärts machend, daß er von der Grisette weg bis mitten auf die Straße gerieth: „verschonen Sie mich mit Ihrem Freund! — Von dieser Gattung Freunde habe ich schon genug erfahren!...“ Und ohne sich weiter lange zu bedenken, machte unser Liebesheld schnell noch einen Satz, welcher ihn bis zur andern Seite der Straße brachte — ließ Liebe, Leidenschaft und Zärtlichkeit im Stich und schlug eilends einen Weg ein, der entgegengesetzt von demjenigen war, welcher die Grisette mit ihrem „Freunde“ zusammenführte.

„Teufel!“ meinte Althing, als er endlich nach langem Rennen sich in der Gegend der Piaristen in Sicherheit fand —: „Teufel! dieses Mädchen hat aber auch ganz kuriose Freundschaften: Marqueurs, Polizeikorporale und ähnliche Staatsmänner.... da bleibe ich, aufrichtig gesagt, recht gern aus dem Spiele. — Allein, was man auch sagen mag,“ fuhr er fort, „sie bleibt doch eine ganz allerliebste Hexe — und wäre nur wenigstens der verdammte Polizeikorporal nicht — ich glaube, sie würde mir noch immer den Kopf verdrehen können.... Allein, so wie die Sachen stehen, bin ich freilich vollkommen geheilt und preise mein Schicksal, das mir zum zweiten Male beistand gegen Anfechtungen der Polizei.... Jedoch in Zukunft will ich mich auch in Acht nehmen und nicht mehr so hineinstürmen in’s Leben und in die Liebe. — Alle Donner! mein lieber Althing — Du hast freilich auch ein viel zu hitziges Temperament! Das Jugendblut schäumt noch zu sehr in Deinen Adern! Du mußt Dich gewöhnen, kälter, hartherziger, stolzer zu werden.... Dann werden Deine Siege sich verdreifachen — wiewohl, was ihre Zahl betrifft, Du mit ihnen auch jetzt nicht eben unzufrieden zu sein brauchst — haha!“ Er fing an seine Schritte zu mäßigen; jetzt machte er die Bemerkung, daß die Menschen, bei denen er vorbeikam, Blicke nach ihm warfen: „Was hat das zu bedeuten?“ fragte er sich. — „Nun, nun — was wird es wohl zu bedeuten haben? Sie sehen Dich an, mein guter Althing, das ist Alles. — Die Liebe hat so eben Deine Wangen geröthet, — Dein Auge glänzt noch im höhern Feuer, alle Muskeln Deines Körpers zeigen eine gewisse Elastizität: es ist kein Zweifel, Du imponirst diesen Leuten — sie bewundern Deine Gestalt — Deinen Reiz.“ — Er fuhr selbstgefällig fort: „Das, was man nicht von Natur hat, kann man sich nicht selber geben. Die Schönheit ist ein Geschenk Gottes.... Man kann sie nicht erwerben. — Wie muß ich über so manchen armen Teufel lachen, der von dem Allerhöchsten in dieser Hinsicht weniger bedacht ward — wie muß ich über seine Anstrengung lachen, sich schöner zu machen, als er ist... Ach, mein Guter, sag’ ich ihm dann: lass’ das! alle Mühe ist hier vergebens. Du wirst nie ein erträgliches Gesicht zu Stande bringen, — alle Deine Salben, Pomaden und Schminken nützen Dir zu nichts. Bei uns hingegen thut es einfaches Brunnenwasser — ein bischen Seifenschaum dazu! Wir sind in dieser Hinsicht wie unsere Göttin: die holde Venus. Ihre und unsere Reize steigen fertig aus Wasser und Schaum hervor. —“

„Aber zum Guckuk — — was sehen mich denn diese Menschen gar so sehr an, und einige lachen noch dazu?... Sollte meine Gestalt heute ungewöhnlich verführerisch sein?... Ach, sie werfen ihre Blicke nach meinen Beinen... haha! Ja, unsere Beine!... Alle Donner!“ fuhr er plötzlich auf, nachdem er seine stolzen Blicke hinabgerichtet hatte auf seine Füße: „Was ist da mit meinen Beinkleidern geschehen? — Sie sind lauter Fetzen! — — O verfl— Sporren! O Unglück! — O entsetzliches Unglück!“ Und er lief so schnell er vermochte in den offenen Thorweg eines Hauses hinein — einige Gassenjungen aber, die ihm beständig gefolgt waren, stellten sich draußen vor dem Thore auf und erhoben ein lautes Geschrei:

„Wohnt kein Tandler hier! Wohnt kein Tandler[D] hier! Es will Einer eine alte Hose verkaufen! Eine Hose! Eine Hose!“

Althing schwitzte drinnen dicke Tropfen. Er fand sich schon wieder in einer fürchterlichen Klemme. Das Schicksal hörte nicht auf ihn zu verfolgen.... und womit hatte er es denn verdient?

Da führte dasselbe plötzlich einen leeren Fiaker vorbei. Dies war eine große Gnade vom Schicksal. Althing rief den Fiaker an und dieser lenkte seinen Wagen dicht vor den Thorweg. So stieg denn unser Unglücksmann unter dem Jauchzen von dreißig Jungen ein, die ein Vivat um’s andere riefen, daß ihm dabei die Sinne vergingen.

„Wohin befehlen Euer Gnaden?“ hatte der Kutscher schon mehrmals gefragt, ohne daß es von dem Dicken vernommen worden wäre.

„In die nächste Straße,“ sagte er endlich: „vor das Palais des Generals von Randow — mein Freund.“

„Wie — Euer Gnaden wollen in diesem Aufzuge dem Herrn General eine Visite machen? —“

„Bewahre Gott, bewahre Gott!“ seufzte Althing: „ich will bloß zu seinem Sohne — der mein Freund ist und zum Glück hier nahe bei dem Schauplatze meines Unglücks wohnt — zu ihm will ich mich begeben. Er wird mich einstweilen mit andern Beinkleidern versorgen...“

„Ah — das ist etwas Anderes, und Euer Gnaden thun daran sehr recht; denn in diesem da — sehen Sie gerade so aus, wie der Herr Knieriem im Lumpacivagabundus. - Hott, Brauner! hott! —“

Der Wagen hielt vor dem Palais. Wie aber hineingelangen? Das ganze Haus mußte den Unglücklichen und seine Beinkleider sehen. Es war eine neue Schlinge, die ihm das boshafte Schicksal legte.... Da fiel dem Fiaker plötzlich ein großer Gedanke ein (die Fiaker sind geborne Genies!):

„Wissen’s was, Euer Gnaden?“ sagte der Bursche.

„Nun?“ spitzte unser Adonis seine Ohren.

„Ziehen’s da meinen Mantel an — und kein Mensch im Hause wird Sie erkennen. In dieser Maskirung können’s dann bis zu Ihrem Freunde, dem jungen gnädigen Herrn kommen....“

Dieser Rath war Goldes werth. Althing dankte dem Fiaker mit einer Thräne im Auge, dieser aber zog seinen Mantel vom Bocke herab und warf ihm denselben um.... Alles dieses geschah in wenigen Augenblicken.... Althing sah in diesem Costüme einem Banditen nicht unähnlich, denn der Mantel war von hellgrüner Farbe und der spitzbübische Fiaker hatte ihm denselben so umgeworfen, daß er sich drappirte und auf Althing’s Schultern hing, wie ein Theatermantel... Aber da war keine Zeit zu verlieren.... Der Dicke schritt mit entschlossenem Wesen in das Palais bei dem Portier vorbei, welcher die Augen aufriß, wie über eine nächtliche Erscheinung. Der Fiaker aber, mit dem Hut in der Hand, schritt unserem Alten nach — und lachte in’s Fäustchen.

So gelangten sie quer durch den Hof nach dem linken Flügel des Gebäudes, wo Edmund wohnte. Althing ging die Treppe hinauf und fragte einen Diener, der ihm begegnete, ob dessen Herr zu Hause wäre....

„Was will man denn bei ihm?“ antwortete der Kerl mit mißtrauischem Blick.

Da öffnete der Seladon seinen Mantel, und der Diener rief nun: „Ah, Sie sind es, gnädiger Herr? Aber in welchem Aufzuge! Ist denn heute Maskenball bei uns?“

„Dummkopf!“ fuhr Althing auf: „ob der Herr zu Hause ist, frage ich.“

„Nun ja — gewiß; aber er wird in diesem Augenblicke nicht zu sprechen sein.“

„Und weßhalb? Wegen meines Anzuges da?“

„Nein, sondern weil ein fremder Herr bei ihm ist, mit welchem er eifriger Geschäfte halber sich in ein Zimmer eingeschlossen hat.“

„Ei — was thut das? — Er wird doch wohl nicht ewig mit diesem Herrn eingeschlossen bleiben.... und überdies brauche ich ihn am Ende gar nicht zu sprechen.“

Althing war während dieser Gespräche immer höher gestiegen; jetzt stand er vor den Zimmern seines Freundes. Er riß hastig die Thür des nächsten auf — — und durchzog mit stürmenden Schritten eine ganze Reihe. Die Diener, welche auf seinen Anblick nicht vorbereitet waren, flohen entsetzt nach allen Seiten, indem sie riefen: „Ein Räuber! Ein Bandit! Zu Hülfe! — —“

Dieses Geschrei verbreitete sich im ganzen Quartiere — es gelangte auch zu Edmund. Dieser, der nicht wußte, was es bedeutete, öffnete seine Thüre und wollte eben darnach fragen. — — Da stürzte ihm Althing im romantischen Costüme entgegen — wenig fehlte, so hätte er auch den jungen Mann in die Flucht geschlagen:

„Aber — zum Teufel!“ rief dieser: „bist Du es denn, Althing?“

„Ich bin’s! ich bin’s, lieber Freund.“

„Aber was hat denn das Alles zu bedeuten? Kommst Du aus dem Tollhause oder vom Theater?“

„Keines von Beiden, bester Edmund...... Es war eine Laune von mir, weiter nichts....“

„Was — eine Laune?“

„Oder vielmehr — eine Nothwendigkeit! — Und hier dieser Mann,“ — er wies auf den Fiaker, welcher nicht von seiner Seite wich — „hat Alles zu verantworten. —“

„Das heißt: die zerrissenen Hosen des gnädigen Herrn haben es zu verantworten....“

„Nun, ja auch das!... Denke Dir nur, lieber Edmund — wie ich da unten an den Beinen aussehe — hehe!“ Er warf den grünen Mantel ab und wies die hintern Theile seines Körpers und seiner Kleider...

„Tausend Sapperment! — Aus welchem Welttheile kommst Du denn? Was sind denn dies Alles für Kleider?“

Jetzt erst erzählte Althing den ganzen Zusammenhang der Geschichte und nun war Edmund nicht länger im Stande, den Ernst, welchen er aus dem Zimmer mitgebracht hatte, zu behaupten. Er lachte wie toll — ließ seinen Kammerdiener kommen und befahl ihm, den dicken und entblös’ten Freund in die Garderobe zu führen. „In einer halben Stunde,“ setzte er gegen diesen gewendet hinzu, „sehen wir uns wieder; Du magst bis dahin Dich in mein Rauchzimmer verfügen — dort wirst Du neue Cabannas finden oder wohlriechenden Persier, den Du aus Wasserpfeifen rauchen mußt...! Bis dahin Adieu!“

Der Fiaker erhielt seinen grünen Mantel und seinen Lohn und begab sich inmitten einiger Lakaien hinweg, denen er den ganzen Vorfall erzählen mußte und welche, wie es die Art dieser Schelme ist, über das Malheur ihrer Herren oder dessen Freundes ein größeres Vergnügen empfanden, wie über irgend ein fremdes.

Althing hatte sich bald wieder angekleidet. Nur mit seinem Schnurbart war er noch brouillirt. Dieser hatte unter dem Mantel, womit der Dicke sich zeitweise bis zur Nase bedeckt hatte, die ganze Farbe verloren; und ein solcher Artikel war auf Edmunds Toilette nicht zu finden, weil der Jüngling von Natur mit einem Haar vom schönsten Kastanienbraun bedacht war... Allein einem so wichtigen Mangel mußte abgeholfen werden und unser Adonis besann sich nicht lange; er schickte den Diener, der ihm beim Ankleiden geholfen, fort, griff nach einem in der Nähe stehenden Gefäße, welches er für ein Dintenfaß hielt, und bestrich sich mit dem Inhalt tüchtig den Bart...

Aber o Entsetzen! Kaum daß er damit angefangen, als er ein Prickeln und ein Surren an seiner Lippe verspürte... bald erfüllte ein höllischer Gestank seine Nase — ein brennender Schmerz verbreitete sich an der Lippe, drang immer tiefer ein — der schöne Bart krümmte sich, schrumpfte ein — — und fiel stückweise herab... der Schmerz wurde fürchterlich — die Lippen schwollen an...

Der Unselige hatte sich mit Vitriolöl eingeschmiert.

Wo aber war während der Operation seine Nase gewesen? Hatte er das Oel nicht gerochen? — Ach, er war zu sehr beschäftigt und von seinen Reizen erfüllt... er hatte keinen Geruch, kein Gehör, keinen Geschmack — er hatte nur Augen gehabt, der Bedauernswerthe. Diese Augen sahen aber auch nur — ihn. —

Auf sein Geheul liefen abermals die Diener herbei. O weh! wie sah dieser noch vor wenigen Augenblicken so schöne Mann aus! Es schien, als gehörte er, seinem Kopfe nach, zu dem Geschlechte der Elephanten — so rüsselförmig hatte sein Mund sich gestaltet.

Man brachte ihn aus dieser Rauchatmosphäre heraus, die sehr nachtheilig auf das metamorphosirte Glied einzuwirken schien, und trug ihn in ein anderes Zimmer. Hier wurde er auf ein Sopha gelegt und man begann ihn oder eigentlich seinen Rüssel mit Eisumschlägen zu traktiren. Die jedoch schienen seine Schmerzen nur zu vergrößern und so sah man sich denn genöthigt — da keiner von den Dienern medizinische Kenntnisse besaß — nach einem Arzte zu senden. Aber die Zeit, bis dieser erschien, war für unsern unglücklichen Adonis eine Epoche schauderhafter Höllenqualen: „Oh! Oh!“ wehklagte er — „was ist mit mir geschehen?.. Das brennt und sengt ja, als wenn zehntausend Pechfackeln darauf geschleudert würden! — Ein ganzes Rudel von Beelzebubs tanzt mir auf dem Munde herum! — Ein Gehenna, ein Gehenna — wächst mir unter der Nase hervor! — —“ Aber so deutlich wie hier angegeben wird — konnte der Gequälte nicht sprechen. — Es war ein stotterndes und stammelndes Geschrei, was seinem Munde entströmte... Zuletzt wurde es ganz unverständlich — er konnte die Lippen nicht mehr auseinander bringen — sie schienen zu verwachsen. —

Nach ewiglangem Zögern erschien der Sohn Aeskulaps. Sogar er schlug die Hände zusammen und konnte ein leises Gelächter nicht unterdrücken — als er hier einen berüsselten Menschen vor sich erblickte. Der Fall war ihm noch nicht vorgekommen. — Die Gesetzbücher Aeskulaps jedoch haben auch einem solchen Fall vorgesehen; überhaupt findet man in ihnen selbst für die unmöglichsten Fälle Rath — — nur daß letzterer häufig nicht viel hilft.

Zu S. 216
Zu S. 216

War es Bleiweißsalbe oder ein anderes Spezifikum, was der Doctor verordnete, genug es wurde eine Salbe auf einen Leinwandlappen gestrichen und dies dem Patienten auf den Rüssel gelegt.... Da ein ungeschickter Lakai ihm auch die Nase damit bedeckte, so war der Arme in Gefahr zu ersticken — und nur indem er sich des Lappens mittelst eines kühnen Risses entledigte, befreite er sich vom Tode.... Eine gewandtere Hand legte das Pflaster jetzt dahin, wohin es gehörte — und so ward die Ordination des Doctors vollzogen.

— — Mittlerweile fand in dem Zimmer nebenan ein sonderbarer Auftritt statt. Es war dies dasselbe Zimmer, wo Edmund sich mit jenem fremden Herrn, von welchem der Diener zu Althing, als dieser sich im Banditenkostüm die Treppe hinauf begab, gesprochen...

Der fremde Herr nun war noch bis zur Stunde mit Edmund in diesem Zimmer eingeschlossen. Man urtheile also, von welcher Wichtigkeit diese Conferenz sein mußte — da nicht einmal der pathologische Vorfall mit Althing im Stande war, Edmund aus dem Zimmer zu locken.

Der fremde Herr, von welchem die Rede ist, war ein merkwürdiger Kauz. Seine Figur rangirte ihn zur Hälfte unter die Affen, zur andern Hälfte unter die Menschen. Seine Physiognomie läßt sich am besten mit der jenes Meisters Jocko vergleichen, der in Van Akens Menagerie so große Sprünge machte. Aber unter dieser Physiognomie saß der Verstand eines Archimedes. Mit einem Worte, unser Mann war in der Mathematik ein wahres Phänomen; denn er konnte Euch auf’s Haar beweisen — daß Ihr, falls Ihr ihm für 1000 Thlr. 3000 verschreibt, mindestens 500 dabei gewinnen müsset.

Ich glaube für einige meiner geliebten Leser deutlich genug gesprochen zu haben.

Was den Anzug des Biedermannes betraf, so bestand dieser aus folgenden Stücken:

Ein graues Beinkleid aus dem Zeitalter der Maria Theresia mit einem braunen Fleck am Hintertheil, welcher (nämlich der Fleck) aus der Zeit Josephs stammte — einem blauen Fleck auf dem rechten Knie, der unter Leopold geboren war und einem hellgrünen Besatz vorne auf dem Bauche; dieser Besatz entstand während der ersten französischen Invasion.

Ferner ein Rock — zweien Dritteln nach einen Frack und einem Drittel nach einen Spenzer bildend — von einer unzuenträthselnden Farbe. Dieser Rock war zu allererst ein Mantel gewesen — aus welchem man später ein Wams — dann einen Ueberrock — dann eine altfränkische Schößen-Weste — und endlich das gegenwärtige Mittelding zwischen Frack und Bonjour gedrechselt hatte. — Der älteste Ursprung dieses Kleidungsstückes verliert sich in die Zeiten Gustav Adolphs.

Ferner die Weste. Ihr Ursprung war nicht anzugeben. Sie schien indeß schon bei dem heidnischen Götzendienst der alten Germanen als Priestergewand funktionirt zu haben.... Statt der Knöpfe waren an dieser Weste natürliche Eicheln angenäht.... Zur Schonung jedoch knöpfte ihr Eigenthümer seine Weste niemals zu.

Vom Hemde war bei ihm keine zuverläßliche Spur.

Das Halstuch mochte wohl schon einmal bei einer Leiche als Trauerflor geglänzt haben.

Die Stiefeln des Mannes waren veritable Wunderstiefeln, unzugänglich dem Wasser sowohl wie dem Feuer. — Hier saß ein Fleck auf zehn andern... Man konnte sagen: vor lauter Flecken sah man den Stiefel nicht.

Den Hut endlich anlangend, so mochte derselbe in guten Zeiten auch als Pferdesattel gedient haben... Man konnte nicht sagen: „er hatte diese oder jene Form,“ weil dieser merkwürdige Hut alle Formen annahm...

Von den Stiefeln bleibt noch zu bemerken, daß sie ursprünglich verschiedenen Gattungen angehört hatten: der eine war lang und mit Kanonen versehen — der andere ein Trichterstiefel, wie sie die Ritter trugen. An dem letzteren war noch ein Stück, von einem Sporren zu sehen.

Es darf jedoch das Beste nicht vergessen werden. Der achtungswürdige Besitzer dieser Kleidersammlung trug in der Hand ein Instrument, welches einer Keule nicht ganz unähnlich war: deßhalb man auch eher sagen konnte, er schleppte, als er trug dieses Instrument. An diesem Instrument oder an dieser Keule war oben ein Handriemen, welchen der Biedere um seine Finger geschlungen hatte.... so daß er das holde Instrument daran hin und her schwingen konnte wie einen Glockenschwengel.

Der Mann nannte die Keule sehr zärtlich seinen „besten Freund“ und dabei lächelte er so seelenvergnügt, als hätte Achilles von seinem Freunde Patroklus gesprochen.

Nachdem wir nun die Gestalt des Mannes beschrieben haben, bleibt uns nur noch übrig, Einiges von dem Gespräche mitzutheilen, welches er mit Edmund in diesem Zimmer bei festverschlossenen Thüren seit länger als einer Stunde führte. — Freilich muß der Leser darauf verzichten, das Ganze dieser interessanten Unterredung zu erfahren; indeß wird er sich hoffentlich auch bei dem Wenigen begnügen.

„Lips“ hatte Edmund gesagt, indem er mit zorniger Miene ein Papier zwischen seinen Händen herumzerrte: „Lips, Sie sind mir ein entsetzlicher Mensch! Ein Teufel, ein Schurke!“

„Alles was Euer Gnaden beliebt,“ hatte Lips geantwortet; „ich bitte nur um Eins — — zerren Sie dieses Papierchen nicht so sehr hin und her: es wird, auf Ehrenwort! noch entzwei gehen...“

„Was schadet das, da Du Dir von jeder Schuldverschreibung, von jedem Wechsel zwei Originale geben lässest.“

„Zwei ist besser als Eins — — sagte ein großer Philosoph in Spanien, und dieser große Philosoph hatte, auf Ehrenwort! Recht....“

„Aber — Lips.... Du mußt mir noch in dieser Stunde 300 Dukaten schaffen — und solltest Du sie in der Hölle holen.“

„Das ist nicht nöthig, mein Gnädiger: ich trage die 300 Füchse bei mir — —“ antwortete Lips und schwang seine Keule hin und her...

„Nun was zögerst? Du dann? Heraus mit ihnen!“

„Augenblicklich — sobald es Ihnen früher gefallen wird, mir das Papierchen, welches ich da Ihren hohen Händen präsentirte und was Sie so erschrecklich verarbeiten — zu honoriren. Es macht 1500 Gulden! Auf Ehrenwort! Eine Kleinigkeit!“

„Aber wenn ich sie besäße — brauchte ich ja Deine 300 Dukaten nicht.“

„Das ist gewiß; allein wie können Sie einem Geschäftsmanne zumuthen, Ihnen neuen Kredit zu geben — da Sie Ihre alte Schuld bei ihm noch nicht getilgt haben...?“

„Aber — ich sagte Dir, bei allen Teufeln, zum hundertsten Male: ich habe kein Geld.“

„— Aber — ich sagte Ihnen ebenfalls schon hundert Mal: Was nützt mir das? — Sie brauchen Geld, Sie brauchen Geld! — — Ich, auf Ehrenwort! brauche auch Geld, mein gnädigster Herr Graf.“

„— Du hast dessen genug — — bei Dir wachsen die Banknoten in allen Winkeln.... bei mir fliegen sie zu allen Fenstern hinaus.“

„Dies ist eben der Unterschied zwischen unsern Geschäften, mein Gnädigster. Auf Ehrenwort!“

„Lips!“ schrie Edmund: „bringe mich nicht zur Verzweiflung. Bei Gott, ich lasse Dich zur Thür hinauswerfen. —“

„Wie es Euer Gnaden gefällt!“ lächelte dieser und schwang seine Keule. — „Aber“ fuhr er fort, „bedenken Sie, daß, wenn Sie mich zur Thür hinauswerfen lassen — die 300 Dukaten darum noch nicht zur Thür herein spaziert kommen... Auf mein Ehrenwort!“

„Hol’ Sie der Satan mit Ihrem Ehrenwort! Mißbrauchen Sie diesen Ausdruck nicht, der nur Ehrenmännern ziemt... und schaffen Sie lieber das Geld herbei!“

„Auf Ehrenwort, Gnädigster — ich kann nicht anders —“

„Als —?“

„Als — wenn Sie, wie ich gesagt habe, zuvor das alte Papierchen bezahlt haben...“

„Sind Sie denn taub, Verdammter Lips? Habe ich denn nicht schon so laut wie ein Löwe gebrüllt: ich habe kein Geld! ich habe kein Geld! —“

„Auf Ehrenwort, das ist schlimm! Auf Ehrenwort!“

„Endlich — zum letzten Male: Geld! oder packen Sie sich im Augenblick aus meinen Augen fort — elender Wucherer! Seelenverkäufer!“

„Auf Ehrenwort, das trifft mich nicht! — Ich habe noch in meinem Leben keine Seele gekauft. Was soll ich mit diesem Artikel? — Er ist nicht courant! — Auf Ehrenwort, behalten Sie Ihre gnädige Seele — und geben Sie mir lieber mein Geld....“

Edmund ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und nieder... er hatte tausend Mal Lust, den Spitzbuben zu erwürgen; aber damit half er weder sich noch seiner fatalen Lage. Er brauchte Geld, er brauchte 300 Dukaten, keinen Pfennig weniger... Er hatte eine Schuld zu bezahlen, die morgen fällig war und welche nicht zur Wissenschaft seines Vaters gelangen durfte; denn wiewohl der alte General seinen Sohn liebte — so stand gleichwohl der Grundsatz bei ihm fest — nicht einen Thaler an Edmunds Gläubiger zu bezahlen. Er wollte diesen dadurch vom Schuldenmachen abschrecken. Vergebliche Mühe! — Ein junger Mensch wie dieser, den Verlockungen seiner Standesgenossen und Freunde — dem Anbringen jener Blutigel, welche an dem Mark einer großen Stadt saugen, preisgegeben — war von diesen Wegen nicht abzuhalten — oder man hätte seiner ganzen Erziehung eine strengere Haltung, eine ernstere Richtung geben müssen, woran es jedoch im Hause des Generals gänzlich fehlte: er selbst mochte in seiner Jugend nicht die wenigsten tollen Streiche gemacht haben.

Während Edmund so auf und ab lief, sah der biedere Herr Lips ihm ruhig zu. „Was soll das Alles heißen?“ sagte er achselzuckend: „Wozu rennen Sie so umher, Gnädiger! — Auf Ehre, damit wird die Sache nicht besser werden.... Oder können Sie, wie Schillers Wallenstein, „Dukaten aus dem Boden stampfen?““

Meister Lips war auch in der Literatur bewandert. Ja, ja — dieser Mann konnte Alles. Er wußte aus seiner Waare immer drei und vierseitigen Nutzen zu ziehen. So pflegte er die Bücher, welche man bei ihm verkaufte,[E] zuerst selbst zu lesen, sodann verlieh er sie für Geld an Andere — dann gab er sie seiner Tochter zum Lesen (sie war ein sehr gebildetes Fräulein und hieß Philomela) und endlich verkaufte er dieselben.

— In diesem Augenblick sprang Edmund auf, lief nach einem Schranke, öffnete ihn und zog eine Pistole heraus. Mit grimmigem Tone schrie er: „Jetzt, nichtswürdiger Elender, wirst Du mir Geld geben — oder beim Allmächtigen!“ Und hiermit legte er die Pistole nach ihm aus...

Doch Lips war bei dem Manoeuver kein bloser Zuschauer geblieben. Flink wie der Wind hatte er seine Keule erhoben — und an eine Feder gedrückt — sogleich verwandelte sich diese bescheidene Keule zu einem allerliebsten Doppelgewehre, dessen Mündungen sich noch überdies trompetenförmig erweiterten (wie die alten Musketons), daß die Ladung (gewöhnlich bestehend aus einem Dutzend kleiner Kugeln) sich in die Höhe und Breite zerstreuen konnte und also ihren Gegenstand mehrfältig traf.

Man muß gestehen, dieser Lips war ein Originalmensch.

Als Edmund solche Demonstrationen sah, konnte er, so wüthend er war, das Lachen nicht halten. Die Pistole warf er auf den Tisch — und ließ sich auf einen Stuhl nieder:

„Aber zum Teufel!“ sagte er — „Du bist ja eine wahre Festung, mein Freund Lips!..“

„Das muß man bei dieser Zeit auch sein, in welcher man einen armen Teufel, wie Unsereins, seines ehrlichen Erwerbes nicht froh werden läßt.... Glauben Sie mir, gnädiger Herr, ich habe ein weiches Herz — — aber es hätte Ihnen nur noch eine Miene gekostet — und ich hätte Sie zusammengepfeffert, wie ein Schock Lerchen. Auf Ehre!“

„Aber — dann wärest Du ja gehängt worden!“

„Wer weiß. Ich hätte mich aus dem Hause so ungesehen hinaus gemacht, wie ungesehen ich mich hereingeschlichen habe.“

„Jedoch man hätte Deinen Schuß gehört...“

„Sie vergessen, daß mein Gewehr eine Windbüchse ist...“

„Spitzbube — von einem Lips! Wer könnte Dir böse sein?“

„Auf Ehre, während der Dauer dieser guten Meinung, die Sie jetzt für mich gefaßt haben — könnten Sie mir schnell das Papierchen bezahlen... Gnädigster.“

„Lips! Endlich höre mit Deinen Possen auf. Es ist Zeit, daß wir ernstlich in der Sache verfahren. Hinweg mit den Phrasen! Schenken wir uns gegenseitig reinen Wein ein. Ich habe keinen Groschen Geld und brauche 300 — besser 400 Dukaten. — Willst Du sie mir geben? Und was verlangst Du dafür?“

Lips hatte sein Gewehr wieder maskirt; es war wieder die schlichte, alte, treue Keule — — er erhob den Kopf — zog Stirne, Mund und die übrigen Theile des Gesichtes, soweit dies nämlich möglich war, in den Mittelpunkt des Gesichtes zusammen (man erinnere sich seiner eigentlichen Physiognomie!) und nachdem er zwei Mal mit den Lippen geschmatzt und im Ganzen zwei Minuten nachgedacht hatte — versetzte er:

„Sie wollen reinen Wein haben? Nun gut! — Zuerst: ob ich Ihnen Geld gebe? — Ja — — wenn nämlich zweitens: Sie mir das geben, was ich brauche.“

„Und worin besteht dieses?“

„In einer Verschreibung von lumpichten 4000 Gulden nebst den gesetzmäßigen Zinsen!... Ist Ihnen das recht, sollen Sie: 1tens augenblicklich die 300 Dukaten — und 2tens sollen Sie Ihr altes Papierchen über die 1500 Gulden zurückhaben in beiden Originalen, mein Gnädigster. — Dies nennt man einen brüderlichen Handel, auf Ehre!“

Edmund besann sich nicht lange; so Etwas lag, bei einem Falle wie der gegenwärtige, nicht in seiner Art. Er unterschrieb — zerriß die alten Papiere und empfing das neue Geld.

So endete diese Szene, nach welcher Meister Lips sich gehorsamst empfahl — und durch eine Hinterthüre aus dem Palais schlich — begleitet von Edmund, der ihn die verborgensten Wege führte. —

Notes in this chapter

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings