Vierzehntes Kapitel. Die Morgenszene nach dem vorigen Tage.
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„Ach, mein lieber Alexander, wie köstlich haben wir uns gestern unterhalten. Es herrschte die allgemeinste Fröhlichkeit. — Alles war vergnügt: man wird sich gewiß dieses Tages noch lange erinnern, und das gereicht uns zu großer Ehre. — Man hat nun den Maßstab in Händen, nach welchem man für die Zukunft unser Haus beurtheilen wird.... Wie bin ich erfreut, daß dieser Maßstab kein gewöhnlicher ist.“
So, mit diesen Worten begrüßte Cölestine den folgenden Morgen ihren Gatten, als dieser, wie es seine Gewohnheit war, in ihr Boudoir trat, um ihr hier galanterweise einen Guten Morgen zu wünschen. — Alexander schien sehr heiter — fast so wie seine Frau; er küßte mit dem Ausdruck inniger Zärtlichkeit ihre Hand und nahm neben ihr auf einem Tabouret, welches etwas tiefer als ihr Sessel stand, Platz.
„Allein,“ fuhr sie fort, indem sie sich mit jenen tausend Quincaillerien, die eine vornehme Dame in einem Boudoir vor sich liegen hat, zu schaffen machte: „allein,“ sagte sie: „wie kommt es, daß wir seit dem gestrigen Tage bis zu dieser Stunde für einander fast gar nicht existirt haben, mein Freund? Ich erfuhr weder, zu welcher Stunde Du schlafen gingst, noch wann Du aufstandest....“
„— Noch,“ setzte lachend der Graf hinzu: „was mit mir gestern während des Festes geschah, nicht wahr, mein liebes Kind?“
„Ja, ja — ganz recht. Jetzt erinnere ich mich, daß ich Dich in der That gestern während der Dauer der Unterhaltung auch nicht mit einem Auge sah —“
„Jetzt erst erinnert sie sich!“ sagte er zu sich, und, ohne sie zu unterbrechen, ließ er sie fortfahren: —
„Wie hängt das zusammen, mein Freund? Erkläre mir es!“
„Ach, was liegt daran?“ versetzte er unbefangen und fast im lustigen Tone: „es ist eine Kleinigkeit — eine Kinderei, wer wird von ihr reden. Dir sowohl, der Frau, wie mir, dem Herrn vom Hause, war der Platz getrennt angewiesen, und wir durften ihn nicht verlassen, um uns einander zu nähern... Bei solcher Gelegenheit besteht eine Pflicht, wie die unsrige war, darin, daß man sich dem Vergnügen seiner Gäste opfert ... und dies, meine liebe Cölestine,“ sagte er, ohne dem Drange widerstehen zu können, eine Schärfe in den Ton zu legen: „hast mindestens Du in vollem Maße erfüllt...“
„Ach ja,“ entgegnete sie, nicht ahnend, worauf er zielte: „ich sah mich gestern ununterbrochen von einem Kreise interessanter und liebenswürdiger Bekannter umgeben, und muß gestehen, daß ihnen gegenüber meine Obliegenheit als Frau vom Hause mir nicht schwer erschien. Gewiß bin ich jenen Personen zu eben so großem Danke verpflichtet wie sie mir. — Es war ein reizender Abend!“
„Er war reizend und die Nacht darauf ebenfalls!“
„Ich erinnere mich z. B. nicht, daß die Baronin von Halderstein, diese Blume der guten Gesellschaft, ihren glänzenden Geist sowohl wie ihre schöne Seele jemals freudiger entfaltet hätte, als sie es gestern in meiner Nähe that. So war auch Herr von Labers dadurch, daß er sich meiner Gesellschaft gütig erwies, dies gegen mich; — er allein streute so viel edle Heiterkeit im Kreise aus, daß man noch manchen Tag daran wird zu zehren haben.... Sodann die liebe gute E—z, diese alte Freundin meiner Mutter, und die Letztere selbst: o, wie sind uns an der Seite dieser ehrwürdigen Frauen die Stunden verflossen!... Endlich mein guter Vater, sogar Edmund, Alle schienen sich wonnevoll nur um mich zu vereinigen....“
„Sie verschweigt absichtlich den Namen Marsan’s!“ sagte er im Stillen: „O — diese Manier ist ungeheuer veraltet — — wiewohl man sie in neuerer Zeit wieder in Mode zu bringen versucht.“
In seinem Herzen wühlten die Leiden eines Trostlosen, eines in der innersten Seele Verzweifelnden — — aber auf dem Angesichte zeigten sich hiervon keine Spuren; dieses glänzte nicht minder zufrieden, wie jenes Cölestinens.
„Was sagst Du,“ warf er leicht hin — „zu Herrn von Marsan, der, wie ich mich erinnere, gestern längere Zeit mit Dir gesprochen? —“
In diesem Augenblicke überzog eine schreckliche Blässe das Gesicht der jungen Frau — und indem sie starr nach seiner Stirne blickte, schrie sie auf: „Um Gotteswillen! was ist das? Was ist mit Dir geschehen, Alexander? — Deine Stirne ist verwundet — mit Blut unterlaufen....“
„Oh!“ höhnte es in seinem Innern: „die Elende! Welche Ausflucht! — Jetzt da meine Frage sie in die Enge getrieben, weiß sie keinen Ausweg, als daß sie von einer unbedeutenden Verletzung redet, die sie schon längst bemerkt haben muß....“
Ob er Recht hatte, so zu urtheilen, bleibt dahin gestellt. Da jedoch seine Wunde sehr hoch oben auf der Stirne war, so konnte sie zuvor leicht durch sein dunkles Haupthaar bedeckt — und erst jetzt, da er mehrmals mit den Fingern durch dasselbe strich — blosgelegt und von Cölestinen bemerkt worden sein... Sie hatte sich ihm rasch genähert, sein Haupt mit beiden Händen ergriffen und bebend in ihn gedrungen: „Sprich, um Alles in der Welt! Was soll ich denken, Alexander? — Erkläre mir’s! Lasse mich nicht in Ungewißheit? — Dir ist irgend ein Unglück widerfahren! — O rede, rede! hörst Du denn nicht?..“
„Wie man’s nehmen will,“ entgegnete er in dem gleichgiltigsten Tone: „ein Unglück oder auch keins. Jedenfalls aber ist das Ganze nicht dieses Aufhebens werth — und deßhalb laß uns endlich schweigen.“ Er entwand sich sanft ihren Händen, die aber sogleich wieder nach ihm griffen, sich um seinen Hals legten, ihn heran zogen....
„Die nichtswürdigste aller Heuchlerinnen!“ dachte er und ließ sie gewähren. — Indessen jammerte sie fort: „O mein Alexander, o mein Gemahl! Es ist nicht recht von Dir, mir Dein Vertrauen bei einer Gelegenheit wie diese zu entziehen. Womit hätte ich das auch verdient? — Alexander — etwas Besonderes muß seit der ewiglangen Zeit, daß wir uns nicht sahen, vorgefallen sein — — etwas sehr Schlimmes.... mir sagt es mein Herz.... Bei unserer Liebe, bei unserer Treue beschwöre ich Dich, meine Bitte zu erhören!“
Während der letzteren Worte lachte er gellend auf, so daß sie entsetzt von ihm losließ und die Hände zusammenschlagend vom Sitze aufsprang, indem sie rief: „Mein Gott — erbarme Dich seiner und meiner! Träume ich blos oder geschieht das wirklich hier, was ich nicht fassen kann?!“
Er richtete sich nun selbst auf und antwortete ganz in der Art, wie er sie heute seit seinem Eintritt in das Boudoir angenommen: „Aber — meine Freundin, Du bist in der That ganz außer Dir, und ich, ich selbst hätte Grund, jene Fragen an Dich zu stellen. — Was soll denn geschehen sein? Weßhalb erschrickst Du? weßhalb fährst Du von Deinem Sitze so auf — als sei der Tod vor Dich hingetreten? — Es ist ja nichts geschehen — sonst hätte ich Dich davon natürlich schon in Kenntniß gesetzt. — Du starrst noch immer nach meiner Stirne! Nun wohl, diese Wunde von der ich bisher selber nichts wußte — und die ich erst jetzt im Spiegel bemerke — ich muß sie mir im Schlafe geschlagen haben....“
„Nachts im Schlafe?“ schüttelte Cölestine das Haupt.
„Nun ja. Es ist wohl schon vorgekommen, daß man so fest schlief, daß man selbst von einem Stoß an die Wand — an die Säulen der Bettvorhänge — nicht erwachte.... Uebrigens, wie gesagt, ich spüre die Wunde kaum. Ich fühle keinen Schmerz!“
Wirklich konnte diese Rede auch ein furchtsameres Herz beschwichtigen, und nach einigen Augenblicken sprach man bereits nicht mehr von diesem Gegenstande...
„Es war ihr nur darum zu thun,“ meinte er „recht lange hierbei zu verweilen und mich die Frage wegen des Chevaliers vergessen zu machen;..“ und laut setzte er hinzu:
„Hast Du dem engern Kreise unserer Freunde gestern nicht eröffnet, an welchem Tage außer dem Sonnabend Du Dich ihrer Gesellschaft erfreuen möchtest?“
„Ich sprach davon, mein lieber Mann,“ sagte sie: „und wir wählten den Dienstag, den Donnerstag und den Freitag....“
„Auf diese Weise,“ bemerkte er laut: „wird ja in unserem Hause ewige Lust und Freude herrschen....“
„Ich dachte bei mir, es sei dies zu Deinem Besten, Dein ernster Sinn werde dadurch zerstreut werden.“
„Gewiß, gewiß — Sie hat bei jedem Schritt, den sie thut, mich im Auge — — wie ein kluger Fechter seinen Gegner. Und,“ fragte er sie: „wird auch die Baronin von Halderstein uns recht oft besuchen —“
„Ja, mein Freund, sie hat mir’s bestimmt zugesagt.“
„Auch der Chevalier von Marsan.“
„Du weißt — daß er sich in letzterer Zeit innig an meinen Bruder Edmund anschloß, und demnach dürften wir ihn wohl häufig bei uns sehen.... Uebrigens,“ lächelte sie fein: „habe ich mit Herrn von Marsan noch einen eigenen Plan...“
„Wirklich?“
„Wenn mich nicht Alles trügt, so hat er während des gestrigen Abends — sich mit unserer theuren Baronin von Halderstein angelegentlicher als mit einer andern Person beschäftigt. — Es verging keine Viertelstunde, so kehrte er immer wieder zu ihr zurück....“
„Nämlich — von Dir!“ dachte Alexander: „denn für diesen Herrn scheint es nicht zu viel, bei zwei Damen auf einmal den Ritter zu spielen...“
„Und was die Baronin betrifft —“
„Nun?“
„Es schien nicht eben — daß sie seine Bewerbungen zurückgewiesen hätte.“
„Das Alles ist möglich!“ murmelte der Mann.
„Kurz, wenn es glückt, so soll die reizende Frau, welche gegen einen Gatten, der sie verließ, keine Pflichten mehr hat, — die schöne Freundin Halderstein soll es übernehmen, den unbezwinglichen Roland, den nie überwundenen Tankred in Fesseln zu legen...... Wir haben uns dieses gelobt...“
„Wir? — Wer ist darunter zu verstehen?“
„Das Nähere kann ich Dir leider nicht vertrauen, mein Freund. Genug an dem — ich bin es nicht allein, die sich über diesen Fall freuen wird...“
„Und,“ fragte nach einigem Sinnen Alexander: „wird das Spiel, von dem Du sprichst, bald beginnen?..“
„Es nimmt mit dem morgigen Tage seinen Anfang. Du weißt, wir sind morgen bei der Generalin E—z. Es ist ihr Tag.“
„So wird also auch der Chevalier dort sein?“
„Ohne Zweifel — und auch die Halderstein wird nicht fehlen....“
„— Ich weiß genug!“ sagte er zu sich. — — Er verließ seinen Platz, umarmte Cölestine und empfahl sich ihr.
„Wohin so eilig?“ fragte sie.
„Eine wichtige Angelegenheit ruft mich nach der Stadt.“
„Wirst Du heute nicht mit mir frühstücken?“
„Ich habe dies bereits allein auf meinem Arbeitszimmer gethan.“
„So geh mit Gott und komme bald zurück!“
„Sehr bald, liebe Cölestine.“ Er war bereits an der Thür, als sie ihn noch einmal zurückrief — ihn umfing, leidenschaftlich mit Küssen bedeckte und dann mit den Worten zärtlich fortstieß: „Jetzt gehe!“ — Sie wandte sich von ihm ab — gleichsam um sein Scheiden nicht zu sehen. Er aber draußen vor der Thür schüttelte das Haupt, sein Gesicht verfinsterte sich und wild rief er aus: „O schändlich! schändlich! — — und dies Alles ist Lüge..... Falschheit...... Betrug!...“