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Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Siebentes Kapitel. Ein Tête à tête — jedoch kein zärtliches.

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Es schlug sechs Uhr. Dies was die Zeit des Diners. Im kleineren Salon der Generalin waren bereits alle Gäste versammelt, unter denen uns mehrere Personen nicht ganz unbekannt sind. Denn es fanden sich hier der Graf und die Gräfin von Wollheim — Herr und Frau von Porgenau — die Wittwe jenes Feldmarschall-Lieutenants E—z, so wie die Stiftsdame, Fräulein Eugenie von Bomben (62 Jahr alt). Auch Herr von Labers, der Mann, welchen Alles hochachtete, war zugegen.

Man schritt paarweise in den Speisesaal, wo eine auserlesene Tafel bereit stand, die Gäste aufzunehmen. Dies Diner wäre ein ganz gewöhnliches gewesen und hätte sich durch nichts von einer materiellen Mahlzeit oder Esserei unterschieden, hätten nicht unsere drei oder vier Paar Originale, dergleichen nicht überall in der Welt zu finden sind, daran Theil genommen. So aber war für den Geist mehr als hinreichend gesorgt; d. h. für den Geist, welcher Kontraste und satirische Verwickelungen liebt.

Nach den ersten Gängen — man servirte in diesem Hause auf französische Weise — wurde endlich jene einförmige Stille, die den Anfang eines Mahles bezeichnet, durch einige schlechte Witzworte des trefflichen Herrn von Porgenau unterbrochen und der Genius der Unterhaltung senkte sich auf die Gesellschaft herab.

Es ist im Grunde zwar nicht nöthig, so gewissenhafte Geschichtsschreiber wir übrigens auch sind — jedes alberne Wort Herrn von Porgenau’s durch unsern Griffel der Unsterblichkeit zu überliefern... Indeß dürfen wir auch diesem Manne, da er einmal ein Charakter ist, (obgleich nicht in dem Sinne, worin Börne von Gutzkow ein Charakter genannt wird) nicht Unrecht thun, und so geben wir denn so viel Züge und Striche von ihm, als zur vollständigen Zeichnung seines Bildes nothwendig sind.

So möge man also wissen, daß der erste brillante Einfall Porgenau’s heute an dieser Tafel darin bestand, daß er einen Kalbskopf in einer sauce piquante mit den Liebesgedichten des berühmten Lokalhumoristen Herrn Saphir verglich und hinzusetzte: so sehr dieser Kopf auch mit Saucen, Citronenscheiben, Gewürzen, Lorbeerblättern, Blumen und Blüthen begossen und bedeckt sei — erkenne man doch augenblicklich, daß er vom Kalbe komme.... Der Bonmotist setzte noch hinzu, daß man im Orient auf diese Weise auch Affenköpfe bereite — — und meinte, dieser Vergleich sei noch viel passender.

Ferner behauptete derselbe: eine schlechte Tafel sei die beste Universität, man werde da voll Geleersamkeit.

„Wissen Sie,“ wandte er sich zur Gräfin von Wollheim, wobei er wieder im Voraus so sehr lachte, daß es eine wahre Freude war: „wissen Sie, gnädige Frau — haha! — welches mein schönster Calembour ist.... In der That, hahaha! ich bin stolz darauf, denselben geschaffen zu haben — hahaha!“

„Lassen Sie ihn hören, lassen Sie ihn hören, trefflicher Herr von Porgenau!“ hieß es an der ganzen Tafel; denn die Albernheit ist oft belustigender als Verstand und Witz.

„Mein erster Calembour —“ sagte Porgenau stolz — „aber,“ fuhr er nach einer Pause fort und verzog das Gesicht so breit, als es ihm nur möglich war — „in der That, ich kann mich vor Lachen kaum halten, sobald ich diesen göttlichen Calembour preiszugeben im Begriffe stehe — hahaha! hahaha! — So hören Sie denn: Was ist der Mensch? Antworten Sie mir, meine Herrschaften, auf die Frage: Was ist der Mensch? — hahaha!“

Alles lachte; aber Niemand sprach.

„Ah — hahahaha!“ platzte Porgenau aus: „Nicht wahr, Sie wissen es nicht. Hahaha! Das ist lustig! das ist sehr lustig — hahaha!“

„Aber so sagen Sie es uns doch selbst!“ bemerkte die Gräfin achselzuckend.... „Sie sehen ja, daß es hier Niemand erräth.“

„Nun — wenn Sie es wissen wollen.... hahahaha! — hahahaha! — Der Mensch — ist ein unbefiedertes Thier mit zwei Beinen. — Hahahaha! hahahaha!“ Und der große Mann wälzte sich in seinem Stuhle.

„Zu diesem Porträt,“ bemerkte Edmund gegen einen jungen Mann: „hat ohne Zweifel Er selbst gesessen....“

„Gewiß. Die Aehnlichkeit ist sehr auffallend.“

Aber Porgenau hörte es nicht, wiewohl es ziemlich laut gesprochen wurde; er lachte noch immer und hielt sich den Bauch — es entzückte ihn, daß die ganze Gesellschaft mit lachte, was er als Resultat seines unwiderstehlichen Witzes nahm.

„Dieser Porgenau,“ meinte Herr von Labers gegen seinen Nachbar, welches der General von Randow war: „ist ein halber Fallstaf; denn wenn er auch nicht selber witzig ist, so macht er doch Andere dazu. —“

„Sehr richtig,“ bemerkte General Randow — „und wiewohl ich eigentlich nicht weiß, wer dieser Fallstaf sei, so kann ich mir denselben doch recht gut vorstellen. — — Ah, jetzt entsinne ich mich! Es ist, glaube ich, eine dicke, lustige Person in irgend einem Schauspiele. —“

„Ganz recht! in einem Shakspeare’schen.“

„Ah — dies ist ja derselbe Dichter, welcher so viele kriegerische Stücke verfaßt hat, deren Namen mir leider zum größten Theil entfallen sind....“ antwortete der General, der wie so manche tüchtige Offiziere und — Kavaliere des Kaiserstaates eben kein großer Literat war und welcher, gleich dem edlen Herzog von Reichsstadt, Schillers Wallenstein nur wegen der großen Kriegsseite dieses Stückes so sehr liebte. —

„Sie sagen, meine Beste,“ sprach Gräfin Wollheim zu dem Stiftsfräulein — „Ihr Vorschlag an das Comité, betreffend die Befestigung von Strümpfen, Jacken und andern Kleidungsstücken auf dem Leibe der Armen, sei zurückgewiesen worden? — Ich halte dies nicht für möglich. Es wäre abscheulich!“

„Auch ich war darüber empört, glauben Sie mir, theuerste Gräfin —“ versetzte Fräulein von Bomben —; „es heißt dies die menschenfreundlichsten Absichten vernichten, mit Füßen treten.... aber so ist einmal unsere lasterhafte, sündige Welt. Ich bin überzeugt, mein Vorschlag wurde blos deßhalb nicht angenommen — weil mehrere Damen des Comités, wie ich aus sicherer Quelle weiß — mit einigen hübschen Armen im vertrauten — — u. s. w. — Sie verstehen, beste Freundin!“

„Aber — dies scheint mir unmöglich! —“

„Es ist wahr; ich kann es nöthigenfalls beschwören... Und,“ fuhr sie schwärmerisch fort, wie ein verliebter Jüngling, der von seinen Entwürfen spricht, mit welchen er die Geliebte seines Herzens glücklich machen will: „und ich hatte mich bereits mit allen Materialien versehen! Ich kaufte en gros ein. Zwei Zentner Pech — 80 Pfund Teufelsd— 300 große und kleine Ketten, Schlösser, Fangeisen, Daumenschrauben...“

„Daumenschrauben? Wozu denn diese?“

„Um unseren lieben Armen die Handschuhe, welche wir ihnen im Winter geben, an die Finger zu schrauben....“

„Ah, mein Gott — wie erfinderisch Sie sind, mein theures Fräulein!“

„O, wo es sich um das Wohl der Menschheit handelt!“

„Ach die Menschen verdienen es kaum.“

„Gewiß, gewiß; sie verdienen es nicht. Sie sind Wölfe und Hyänen — und ich wollte nur, daß ich sie in Wolfsgruben oder mit Fußeisen fangen und ihnen das Fell abziehen könnte. Das wäre so meine Passion!“

„Indeß — — da wir Mitglieder des Hilfsvereins sind.... meine Beste: scheint mir diese Ihre Passion doch ein wenig barbarisch.“

„Ei was!“ schrie das fromme Stiftsfräulein und warf Blicke umher wie eine Hyäne, von welcher sie eben gesprochen: „barbarisch hin — barbarisch her; ich halte es mit Kaiser Nero und wünsche der ganzen Menschheit einen Kopf, um ihn mit einem Schlage abzuhauen.“

Das war ein schönes Mitglied frommer Stiftungen und edler Wohlthätigkeitsvereine.

Es war jetzt am obern Ende der Tafel die Rede von den Fremden, welche in letzterer Zeit die Residenz besucht hatten und Herr von Labers führte darunter auch den Namen eines Chevalier de Marsan an. — Sogleich erhob sich Edmund und lebhafte Freude malte sich in seinem Gesichte: „Wie?“ rief er, „der Chevalier de Marsan — jener Marsan, der, vor zwei Jahren bei der N**schen Gesandtschaft attachirt, mit seinem Chef Wien besuchte.... jener elegante, hübsche, glänzende Kavalier: ist dieser gemeint?“

„Derselbe!“ entgegnete Herr von Labers: „Man sagt, er werde dies Mal für längere Zeit in unserer Stadt verweilen. Seine Gegenwart hängt übrigens mit keiner politischen Mission zusammen....“

„So wird man wohl diesen Herrn,“ sagte Frau von Porgenau, die Gemahlin des berühmten Calembouristen — „zu sehen bekommen! Ist derselbe schon in vielen Häusern eingeführt?“

„So viel ich weiß, in mehreren — — doch scheint dieser stolze Chevalier nur die schwindelnden Höhen der Gesellschaft zu goutiren. Man erzählt sich, er habe neulich, als man ihn der Gräfin Holborlow vorstellen wollte, gefragt, ob diese Dame nicht zu jenen Holborlows gehörte, die erst vor beiläufig 150 Jahren in den Adelstand erhoben wurden — und erst, nachdem man ihn überzeugte, daß jene neugeschaffene Familie eigentlich Holbarolow heiße — während die ersten Holborlow’s bereits aus den ältesten Zeiten Moskowitischer Herrschaft abstammten, willigte er ein, mit der Gräfin bekannt zu werden.“

Von zahlreichen Stimmen erscholl jetzt das Lob des ausgezeichneten Kavaliers, dessen Grundsätze man als vom ersten Wasser erkannte.... und diese Personen, welche applaudirten, wünschten insgeheim alle mit dem Chevalier bekannt zu werden.

Einer Dame, die ihre diesfällige Sehnsucht dem Sohne des Hauses vortrug, antwortete Edmund: „Nichts in der Welt ist leichter.... wenigstens für mich ist nichts leichter, als den Ritter von Marsan dahin zu führen, wohin es mir gefällt. — In der That wir sind seit einer Reihe von Jahren die wärmsten Freunde. — Unsere Verbindung schreibt sich noch von meiner Reise nach Paris her, wo ich damals den Chevalier in der Umgebung des Hofes fand. Dort wie an jedem Horizonte war er ein Stern erster Größe — und ich gestehe es offen, auf keine Freundschaft stolzer zu sein, als auf die seinige.“

„In Wahrheit,“ rief Frau von Porgenau: „Sie machen uns neugierig und im höchsten Grade gespannt. — Herr von Marsan muß eine Art kleinen Wunders sein!“

„Sagen Sie lieber großen Wunders, beste Freundin!“ fiel die Stiftsdame ein: „Sieht er nicht etwa dem Antinous ähnlich — und ist er an Geist nicht ein Cicero — an Muth nicht ein Leonidas — und an Reichthum nicht ein Rothschild....? hehehe! Wirklich, er muß sehr außerordentlich sein....“ schloß das Fräulein mit einem Lächeln, welches halb bitter und halb unverschämt war. —

Edmund ergriff den besten Ausweg und gab ihr keine Antwort — er zuckte die Achsel und wandte ihr, so weit dies möglich war den Rücken. .... Darüber schien die liebenswürdige Menschenfreundin sehr ungehalten zu werden — und begann nun ihrer Zunge vollen Lauf zu lassen: „Ei, ei — wie Schade! daß unsere Residenz nicht auch solche illustre Exceptionen des Menschengeschlechtes aufzuweisen hat. — Wahrlich, wir sind in dieser Hinsicht noch sehr weit zurück; — und müssen, Dank Frankreich, von dort aus sowohl mit den Alleweltbezwingern, wie mit Seiltänzern und Harlekins versorgt werden....“

„Welche Versorgung uns indeß oft sehr große Sorgen verursacht... hahahaha! hahahaha! hahahaha!“ rief Herr von Porgenau, und dies war sein neuester Witz.

„Ach, was dieser Porgenau — witzig ist!“ schrie seine Gemahlin, von der wir noch nicht erwähnt haben, daß sie die staunende Bewunderin des Genies ihres Mannes war — und stets in dessen unmäßiges Gelächter einstimmte, sobald derselbe ein soi-disant Bonmot machte. „O, wie glänzend seine Einfälle heute wieder sind!“ und hielt sich die Seiten, was ihr sehr schwer wurde, denn sie hatte verschiedene sehr große Seiten. Sie war so ein verkleinerter Abguß des Heidelberger Fasses.

„Meiner Treu!“ meinte der Graf von Wollheim: „diese Aeußerungen über den Chevalier stimmen keineswegs überein — — und wollte man sich nach ihnen halten, würde man von Herrn von Marsan nur ein sehr schwankendes Bild erhalten. Indessen scheint mir die Meinung meines Freundes Edmund da — nicht ohne Gewicht, da derselbe den Ritter bereits seit so langer Zeit kennt, und überdies ein Jüngling ist, auf dessen Urtheil und Wort ich ungeheuer viel gebe....“

„Dies scheint mir,“ fuhr die Stiftsdame mit ihrem schneidenden Tone dazwischen — „eben kein großes Kompliment für uns — —“

„Erlauben Sie, mein Fräulein,“ schrie der Jäger, roth werdend vor Zorn — „erlauben Sie —“ wiederholte er mit einer Stimme, als befände er sich im Walde und hätte sein Horn verloren.... „erlauben Sie!...“ Er konnte vor lauter „Erlauben Sie“ nicht weiter; — seine Entrüstung war zu groß....

Diese wuchs noch, wo möglich, als Fräulein von Bomben sich ruckweise mit ihrem Stuhle zurückzog und stets rief: „O mein Gehör! Mein armes Gehör! — Mein unglückliches Gehör! — Gnade! Gnade! —“

„Das heißt wohl so viel, als, daß ich in Ihrer Nähe verstummen soll — ich, ein alter Jäger, der schon vor manchem größern Ungeheuer nicht verstummt ist.... Alle Donner und Wehrwölfe!“ Der Nimrod hatte sich mit diesen Worten Luft gemacht — aber die Stiftsdame war bei ihrem Klange auch leblos auf die Lehne ihres Stuhles zurückgesunken, indem sie leise das Wort „Ungeheuer!“ flüsterte. Sie verdrehte ganz entsetzlich die Augen und bald schien sie nicht mehr zu athmen.... Man konnte sie für todt halten.

Dies war für den argen Nimrod ein ungeheures Gaudium und er unterließ es nicht, dasselbe auf folgende Weise auszuschreien: „Ah — sie ist in Ohnmacht gesunken, die vortreffliche Frau!... Fräulein, wollt’ ich sagen.... Wie schade um eine so liebenswürdige, gutmüthige Dame! Ach, sie hat ein zu weiches Herz! Dies war immer ihr größter Fehler. Sie, die keiner Mücke weh thun kann — empfindet natürlich selbst jede Verletzung in dreifachem Maße... Ach! daß ich das so wenig berücksichtigt habe! — Und was vollends ihre Tugend — ihre Reinheit betrifft....“

Hier vermochte das Fräulein nicht länger ohnmächtig zu bleiben. Sie, die früher einer Verstorbenen ähnlich gesehen, sprang jetzt plötzlich mit solcher Lebhaftigkeit auf, als sollte es zum Hochzeitstanze gehen: „Was?“ rief sie aus: „Welche Worte! Welche abscheuliche Rohheit! — Und dieser sieht man sich in einer auserlesenen Gesellschaft ausgesetzt! Ist dies das Haus der Generalin von Randow, jener vornehmen Dame, die zu den ersten unserer haute crême zählt — — oder was ist dies Haus für eines? — — —“ Sie überließ sich, wie man sieht, wieder so ganz recht ihrer milden Suade. Mittlerweile war die Hausfrau bereits längst an ihren Stuhl getreten und hatte die Erzürnte zu besänftigen gesucht — wobei sie von noch zwei oder drei Damen unterstützt wurde. Den alten Waldmenschen aber hatte auf einen Wink des Generals Edmund bei Seite genommen und, da die Gelegenheit dazu eben günstig war, (das Mahl neigte sich nämlich seinem Ende zu) ihn aus dem Saale weggeführt.

„Kommen Sie, kommen Sie, bester Graf —“ raunte er ihm in’s Ohr: „ich kann es nicht länger mit ansehen, daß Sie sich mit dieser alten Hexe da befassen.... Es ist empörend — —!“

„Ja!“ fiel der Jäger ein: „Du sprichst ein wahres Wort aus, mein Jüngelchen! Empörend ist es, daß eine dürre und von Zorn ausgetrocknete Kreatur dieser Art es wagt, mit einem alten Jäger, der bereits so manchem Zauberhirsch und Waldteufel in’s feurige Gesicht geschaut.... haha! Aber ich hab ihr’s auch recht gegeben! Nicht wahr, Edmund! Ich habe sie ordentlich zugerichtet.... hahaha!“

„Ja — Sie haben sie ordentlich — —“

„Donnerwetter! Nenne mich nicht immer „Sie!“ Was hast Du heute?... Sind wir nicht mehr die alten Freunde?“

„Ei, das wäre!“ rief der Jüngling aus, als er sich mit dem Alten endlich in einem Seitenzimmer befand: „Du weißt,“ fing er an: „daß meine Familie von unserer Intimität nicht allzu viel merken darf. Unter uns — meine Mutter sieht es nicht gerne, sie meint, ich nehme von Dir wilde Sitten an. — —“

„Alle Hirsche und Rehe! — Das wird sie doch nicht meinen! — Geht dies wirklich auf mich? — Wild, wild! — Ja, freilich ein wilder Bursche bin ich.... aber dazu — bei St. Hubertus! — eine so ehrliche Haut, wie je eine in germanischen Wäldern von Regen und Wind durchgegerbt wurde. — Allein, was fällt mir da ein? Mich dünkt, wir hätten jetzt die schönste Gelegenheit, in die Kellnerei hinüber zu spatzieren, die, (ich wittere die Spur!) hier irgendwo in der Nähe sein muß.“

„Der Einfall ist nicht übel! — — Ja, ja, der Einfall ist nicht schlecht!“ schrie Edmund: „Er ist sogar köstlich, beim Teufel!“

Diesen Einfall indeß hatte der Alte jeden Augenblick.

Und alsbald saßen diese edlen Brüder wieder in einem still bescheidenen Winkel und vor ihnen erhoben sich mannigfache Humpen — — und alsbald hatte Edmund wieder seine eigenthümliche Laune (es war seine eigenste eigenthümlichste) angenommen; er trank, sang und betrank sich mit seinem Freunde, so, als wären sie in irgend einer Dorfkneipe eingekehrt. Nach Verlauf von einer Stunde befanden sich diese musterhaften Edelleute im Zustande vollkommener Bewußtlosigkeit — und lagen mit erstarrten, bleischweren Gliedern — Edmund auf, der Jäger unter dem Tische.

Die Dienerschaft, welche dergleichen schon gewohnt war und für diesen Fall ihre Verhaltungsregeln von Edmund empfangen hatte, schloß sie im Zimmer ein, damit die Biedern nicht etwa erwachen — im halbnüchternen Zustande das Zimmer verlassen und im Hause Skandal machen könnten, wie sie es bereits einmal gethan.

Das Schnarchen, welches sie entwickelten, war bis in den Gesellschaftssaal vernehmbar, wo die Gäste beim Kaffee saßen und wo eine Dame von sehr furchtsamer Natur beständig sagte: „Ich glaube, es zieht ein Gewitter heran. — Ich glaube, es donnert in der Ferne....“

Die Verfassung, worin die Gesellschaft sich nach dem Abgang der beiden Herren befand, war übrigens von bewundernswürdiger Ruhe. Nachdem der Jäger, dessen derbe, waldmännische Natur sattsam bekannt war, sich entfernt hatte — machte man dem Stiftsfräulein bemerklich, daß er ihr mit diesem Letzteren eine glänzende Genugthuung gegeben habe; — Gräfin Wollheim selbst sprach dieses aus und wandte sich noch überdies mit der Versicherung, daß sie selbst das Betragen ihres Mannes mißbillige, an die ungeheuer empfindsame Dame.... so gelang es endlich, dieselbe zu versöhnen, und Alles kam wieder ins rechte Geleis. — Herr von Porgenau machte wieder seine geistvollen Calembours — lachte sich dabei sammt seiner Gemahlin halbtodt — Gräfin Wollheim sprach von der nächsten Zusammenkunft des Frauenstiftsvereins, zu welcher sie bereits drei Unterröcke und sechs Beinkleider fertig liegen habe; zuletzt wurde auch noch die Stiftsdame cordial — sprach von der Immoralität unter den Armen und bemerkte dazu sehr scharfsinnig:

„Wer weiß, was in so manchen dieser Jacken und Beinkleider getrieben werden wird...“

Ja, endlich kam sie sogar auf ihr beliebtes Thema von Nero, wo sie der ganzen Menschheit nur ein Haupt wünschte, um es mit einem Schlage herabzusäbeln... —

Dieses Stiftsfräulein hätte in den Türkenkriegen leben und unter die Janitscharen gehen sollen. Sie würde dort große Dinge vollbracht haben. —

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