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Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Sechstes Kapitel. Die ersten Tage eines jungen Ehepaars.

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Sie lebten so glücklich. —

Welcher Abschnitt des Lebens läßt sich wohl mit jener Zeit vergleichen, da die erste Liebe in ehelicher Sicherheit und Kraft blüht, wie die Blume des Feldes, die von sorgsamer Hand in das Beet des Gartens versetzt wurde.... Ach, sie saugt jetzt edlere Säfte aus diesem edleren Boden — und voll, farbig, duftreich, wie nie, steigt sie empor in die blauen Lüfte. —

Was ist die Liebe? Eine Waise, die arm und nackt nach einem Freunde sucht, der sie aufnimmt in seiner Hütte.... Hier wird sie groß gezogen — reift zum Weibe — und bringt als Hausfrau Segen über das ganze Haus.

Wir fürchten in der That allzusehr hinter der Wirklichkeit zurückzubleiben, indem wir ein Bild von dem jetzigen häuslichen Leben Alexanders und Cölestinens zu geben versuchen. So hatten sie sich denn endlich erreicht. — Niemand konnte mehr Eines dem Andern entreißen. — Niemand? — Mit Gewalt wenigstens nicht!

Wir wissen nicht, wer von beiden das Glück, welches ihm an der Seite des Gatten geworden war, inniger und tiefer empfand. Es war zwischen ihnen ein steter Wettstreit von Zärtlichkeit: Jedes wollte hierin den Preis davon tragen.

Das Haus, welches sie vom Tage ihrer Vermählung an bewohnten, war sehr geräumig und mit allen Bedürfnissen eines eleganten und wohnlichen Aufenthaltes auf verschwenderische Weise ausgestattet. Es enthielt zwei Etagen, wovon die erste zwei Salons und viel große Gemächer, die zweite kleinere Wohnzimmer, vorne zum untergeordneten Gebrauch der Herrschaft und nach hinten zu für die Beamten des Hauses dienten. Die eigentlichen Domestiken bewohnten das Parterre. Hinten schloß sich an’s Haus ein schöner geräumiger Garten an, ein Gegenstand, der in diesen Theilen Wiens nicht eben häufig angetroffen wird. Wie wir schon bemerkten, war dieser Wohnplatz, dieses Palais in Bezug auf seine innere und äußere Einrichtung im Sinne des Wortes glänzend und vollkommen. Es konnte den ersten Häusern der Stadt den Rang ablaufen. Graf Alexander hatte von dem Augenblick, als er zu dem Besitze des Herzens Cölestinens gelangt war und sich Hoffnungen zu machen anfing auf ihre Hand — mit wunderbarem, mit wahrhaft rührendem Eifer gestrebt, hier der Geliebten seines Herzens einen Sitz der Freude, der Bequemlichkeit und der Pracht zu schaffen. Was der zärtlichste Sinn ihm nur Schönes und Vortreffliches eingab, Alles suchte er zur Wirklichkeit zu bringen — seine Sorgfalt für dieses Stückchen Erde glich derjenigen, welche fromme Gläubige für einen Platz, der ihrem Gott geweiht ist, hegen, und welchen Platz sie mit einem Tempel schmücken.

Die Lebensweise des jungen Ehepaars war im Aeußeren ein Bild voll Jugend, Anmuth, Einfalt und Glückseligkeit. So ist die Zeit der ersten Gattenliebe immer. — — Cölestine war nicht getrennt von ihrem Manne; ihre beiderseitigen Zimmer wurden durch zahlreiche Thüren und jene süßen geheimen Gänge verbunden, welche die Liebe erfunden hat. — Von den Verwandten und Freunden des Ehepaars war es schön, daß sie während der ersten Wochen seine Einsamkeit nicht störten. In der That, es hatte noch kein fremder Fuß diese Schwelle entweiht, welche den geheiligten Mysterien der ersten Gattenliebe geweiht war. — Wenn Er und Sie früh erwachten, fanden sie einander in ihren Armen, so wie sie Abends sich umschlungen hatten — dann erhoben sie sich Beide, um auf einige Augenblicke Abschied von einander zu nehmen.... Sie gingen in ihre Ankleidezimmer — das einfachste Gewand wurde gewählt — nur um keinen der kostbaren Momente zu verlieren, die sie zusammen genießen konnten. — Alexander bot jetzt seiner Frau den Arm und führte sie in den Garten, über welchen eben der heranrückende Sommer das entzückende Kleid der Blätter, Gräser und Blumen ausbreitete. Schon winkten trauliche Boskets — doch nicht belaubt genug, um in sich dieselben wie in eine undurchdringliche Freistätte zu flüchten. Alexander las seiner Gemahlin aus einem Buche vor und wovon handelte dieses Buch? Von — glücklicher Liebe. — Diese war für sie übrigens allenthalben vorhanden, wohin sie auch immer ihre Blicke wandten. Sie fanden diese glückliche Liebe bei den Blumen, die einander umschlangen, und im Bache, wo eine Welle in die andere hinüberfloß — sie fanden sie am Himmel, wo die Sonnenstrahlen sich mit den kleinen Wölkchen eines schönen Tages vermählten und diese zärtlich vergoldeten — — sie fanden sie auch in den Vöglein unter den Wolken, welche da die Luft durchzogen und einander zärtlich verfolgten, sich dann auf einen Zweig niederließen und zusammen sangen.... ja sie fanden diese heilige und beseligende Liebe überall im Himmel und auf Erden, ja selbst zwischen diesen beiden; denn jener mit seiner blauen Decke umschlang diese in ihrem bräutlichen Festgewande, und sie streckte ihm durch die Bäume und Aeste ihre blühenden Arme entgegen. —

Aber wo wäre auch Liebe nicht? Hat man sie ja tausend Mal den Gottesodem genannt, der das Universum durchweht.

Und als nun die Stunde erschien, in der früher die Liebenden, da sie noch nicht sich selbst sondern der Welt gehörten, sich aufmachen mußten, um im schalprunkenden Staate dem Götzen der Gesellschaft zu dienen — als jene traurige Stunde erschien, in der man Besuche gibt und empfängt bei und von Leuten, die für unsere Herzen eben so fremd sind wie alltäglich für unsere Augen — Leute, welche uns verleiten, mit ihnen im Verein einen Dienst der Lüge zu begehen, der unsere Seele verhärtet und unsern Geist verderbt — — der uns immer mehr von uns selbst und unserem geheiligten Innern ablenkt — — um diese Stunde nun saß jetzt das junge Paar noch immer beisammen und lebte noch immer für sich und pflanzte und bewirthschaftete den Baum des Glückes, dessen Wurzel ihre beiden Herzen waren — und unter dessen Laub sie still und vergnügt wohnen — von dessen Früchten sie dankbar essen sollten. —

Auch beim Mittagstische fanden sie einander wieder — und widmeten die nächsten Stunden dann gewöhnlich einer süßerquickenden Ruhe. Gegen Abend verließen sie entweder zu Wagen oder zu Fuße das Haus und begaben sich hinaus in die freie Natur, wo sie gleich Kinder, auf den Wiesen umherhüpften, einander neckten, verfolgten, bis zum Rande des Flußes liefen, hier bunte Steinchen, Muscheln und Wasserblumen suchten — — auch wohl einen Kahn bestiegen und sich hinüber auf die einsame Insel rudern ließen, wo sie, nachdem sie die Dienerschaft zurückschickten, mit dem Bedeuten, erst nach einigen Stunden wieder zu kommen — diese Zeit wie Einsiedler durchlebten; wie Robinson. — Sie gaben sich hier dem unmittelbaren Naturgenusse hin, dessen erhabene Süßigkeit ein gewöhnliches Herz nicht zu fassen fähig ist. —

Abends im Sternenschimmer und im Silberscheine des Mondes fuhren sie sodann auf dem Flusse zurück und verlängerten, wenn es ging, immer diese Fahrt. — Rings um sie herrschte das tiefe Schweigen der Nacht und langsam stiegen im Umkreise die Wassergeister aus der Fluth und umgaukelten den Kahn — setzten sich auch wohl mit ihren luftigen, neblichten Gliedern auf den Rand desselben und glotzten das liebende Paar neugierig aus kristallenen Aeuglein an; — dann, wenn die Gatten sich umarmten oder küßten — hüpfte das Wasservölkchen schnell wieder in ihre nasse Heimath zurück, indem es ein leises Gekicher zurückließ, das sich mit dem Rudergeräusch vermählte. —

Mitternacht war längst vorüber und noch fuhren oft die jungen Gatten auf dem Wasser, oder wandelten in Auen, Wiesen und Wäldern; und überall, wo sie sich nur immer befanden, schien ihnen das bunte kleine Völkchen der Kobolde, Elfen und anderer Naturpüppchen zu folgen. — — Man sagt, dies begegne allen glücklichen Menschen. Elfen und Gnomen strömen gerne dahin, wo Freude herrscht — so wie Dämonen und schlimme Geister sich stets an die Ferse des Elends und Unglücks hängen. —

Ja, Cölestine und Alexander fanden sich nicht selten noch unter freiem Himmel, da auf diesem bereits die ersten Lichtstreifen der Morgensonne sich ausbreiteten. — Ach, sie hatten sich aber auch so Vieles zu sagen, wozu daheim im Hause der Raum zu beengt war. Warum suchen Liebende und Unglückliche so gerne die Einsamkeit? Weil das Glück wie das Unglück nur verstanden und mitempfunden wird von der Natur. Die Welt hat für unsere mittleren Zustände allein Raum — für die kleinlichen, bürgerlichen, philisterhaften, katzenjämmerlichen Freuden und Leiden; was drüber hinaus geht, was über die Höhe der Marktpfähle und Schlagbäume reicht — das muß draußen zwischen Himmel und Erde verhandelt werden.

Das Gemüth Alexanders war weich und sanft geworden wie das eines jungen Mädchens; er war nicht mehr jener düstere, stolze, verschlossene Mann, der mit Niemand verkehrte als mit seinem Amte und seinem einsamen Hochmuthe — — dieser Alexander schmiegte sich jetzt an alle Freuden des Lebens an, sofern sie nur in seiner Liebe zu Cölestine begründet waren. — Er wäre um dieses Weibes willen Alles geworden, was sie wollte. — Sie hingegen, sie blieb sich gleich, nur daß sie das rauschende Sonntagskleid der Welt abgelegt und ein einfaches weißes der Poesie und Häuslichkeit angezogen hatte. Sie war noch immer das heitere, fröhliche, neckische Wesen mit den schwarzen, brennend funkelnden Augen und den tiefrothen Lippen, die sich so gerne zur Lust verzogen.... sie war noch immer jenes leichte, erregbare Wesen, fern von Melancholie oder Schwärmerei, einfach, natürlich und fröhlich. — Indessen hatte doch das Gefühl der Gattenliebe durch ihr ganzes Wesen einen Ton durchklingen gemacht — sanfter als alle andern, die bisher in ihrem Herzen wohnten. Es war dies jener Ton, den die Liebe allein nicht hervorbringen kann — jener Ton, worin schon ein mütterliches Gefühl spricht. —

„Weißt Du, mein guter Alexander,“ sagte sie eines Tages zu ihrem Manne, als sie im Garten beisammen saßen — „daß ich mit jedem Tage, ja ich könnte sagen mit jeder Stunde Dich mehr liebe! — Bist Du gar so liebenswürdig oder entfaltet die Sehnsucht meines Herzens sich in immer mehr gesteigertem Maße? — — Ich habe Dich nun, ich habe Dich allein, ich glaube Dich ganz zu besitzen, und doch enthüllt mir jeder Augenblick, daß im vorhergegangenen Du mir noch nicht so vollständig angehörtest, wie jetzt. — O, eine solche Liebe ist ein großes Glück! Niemand begreift sie, der sie nicht erfahren hat.“

„Und geht es mir nicht ebenso, Geliebte meines Herzens?“ entgegnete er, sie an seine Brust drückend — ihre Lippen, ihre Augen, ihre Stirne, ihren Hals, ihre Schulter, ihre Arme und Fingerspitzen küssend — —: „Ist meine Liebe zu Dir etwa weniger fortschreitend? Mein Gott, kommt es mir doch in manchen Augenblicken vor — als seien wir zwei zu nichts Anderem in der Welt, als um unser Wesen immer tiefer in einander zu versenken, eine stets innigere Vereinigung zu bewirken. Was ist die Liebe doch so Unendliches und Geheimnißvolles! Wer hat sie noch ergründet in allen ihren Tiefen und Schätzen? — Darum aber lass’ uns auch immer uns lieben — jede Spanne Zeit dazu anwenden, uns in diesem göttlichen Beruf immer mehr zu vervollkommnen. Vielleicht, daß diese Stufenleiter des Liebesglücks jener Himmel mit seinen Rangstufen ist, von welchem unsere Dichter und frommen Weisen so begeistert reden... vielleicht, daß dies dieselbe Stufenleiter ist, auf deren untersten Sprossen wir standen, als wir zum ersten Male uns sahen — auf deren oberen die seligen Cherubim und Seraphim wohnen, auf der obersten aber der allmächtige Gott selber thront. —“

„Wie dem auch sei,“ rief das zärtliche Weib aus: „so lass’ mich Dich lieben — und es störe keine Betrachtung, keine Berechnung den Genuß unserer Wonne. Diese erfülle unser Herz, so weit dasselbe Raum hat — und mag es auch überfluthen, was schadet das? Wir stürzen uns dann in einen Ozean von Glückseligkeit — — sollten wir darin auch untergehen. — O, wie lieb’ ich Dich, mein Geliebter, mein theurer Alexander!... Wie preise ich mich glücklich, Dich jetzt so in meinen Armen halten — — Dir sagen zu können: Alles, Alles, was ich habe, worüber ich verfügen kann, gehört Dir!... Denn ich bin Dein Sklave, Dein Eigenthum, mein lieber Mann.... aber Dein Sklave aus entzückender Hingebung — ein Eigenthum, das ich selber längst nicht mehr besaß....“

Sie umschlang seinen Nacken mit ihren beiden schönen, blüthenweißen Armen und zog sein Haupt herab auf ihren vollen, wogenden, duftenden Busen, der, hart wie Marmor, zu zerspringen drohte unter keuscher Sinnenlust. Sein Mund küßte die Stelle, wo ihr Herz schlug, und jeder Schlag durchfuhr sein ganzes Wesen mit einer magischen Gewalt, davon jede Faser in ihm selig erbebte. Er war keines Wortes mächtig — er zitterte wie ein Kind in ihren Armen — er hätte weinen mögen — — noch nie war es ihm so gewesen, wie jetzt: „So hab’ ich Dich noch nie geliebt, wie in diesem Augenblick!“ rief er ganz aufgelös’t.

„Auch ich, auch ich!“ bebte es von ihren Lippen: „Auch ich habe Dich noch niemals so geliebt!“

Und diese beiden Wesen schienen von einer unaussprechlichen Trunkenheit erfaßt zu werden...

Sie verloren alles Bewußtsein. —

— — Auf ihrem einsamen Wohnsitze erhielten sie zuerst den Besuch von Cölestinens Mutter, darauf erschien Edmund, der den Moment nicht erwarten konnte, seine Schwester in die Arme zu schließen. Diese Besuche störten nicht mehr das idyllische Glück des jungen Ehepaars — — es kam dann auch der alte Vater und auch er war willkommen; aber jetzt befürchtete man, daß sie nur allzubald herbeiströmen würden, die Schaaren der „Freunde,“ der Neugierigen, der Argwöhnischen und Neidischen. — Alexander jedoch beschloß, so lange als möglich die feste Mauer, welche sein Haus umzog, zu vertheidigen. — Ach, er kannte den unerschütterlichen Sinn und die sich immer erneuernde Tapferkeit der Belagerer nur zu gut, und so war denn höchstens nur noch für ein paar Wochen Sicherheit zu hoffen.

Es war eines Vormittags, als sie von der Generalin besucht wurden.

„O, meine Kinder,“ sprach Cölestinens Mutter, diese würdigste und tugendhafteste aller Matronen des Geschlechtes der Randow — „wie danke ich meinem Schöpfer, der Alles so gefüget hat, wie es zu Eurem Glück erforderlich ist. So sind wir, so seid Ihr am Ziele aller Wünsche und unser Gebet kann sich nur auf den Fortbestand dieses gesegneten Zustandes beschränken. — Ja, er wird fortbestehen und währen, bis Euer Auge bricht, bis Eure Herzen ausschlagen.... Ihr werdet Euch lieben und glücklich sein bis an’s Ende Eurer Tage. Mir sagt es mein ahnendes, mein vertrauendes Mutterherz — und ich lese hierzu die Bestätigung in Euren Augen. — O Cölestine, mein Kind, liebe Deinen edlen Gatten, sänftige und erquicke seinen ernsten, schwermuthvollen Sinn!... Aber, was sage ich? Du hast es ja schon gethan! — Und so bleibt mir nur noch eine Bitte an Dich übrig: daß Du es auch in Zukunft nicht unterlassen sollst. — — Und nun zu Ihnen, mein theurer Freund und Sohn Alexander! — Bewahren Sie für alle Zeiten Ihrem Weibe jene Zärtlichkeit, die Sie ihr jetzt widmen, eine Zärtlichkeit, an welcher Ihr großes Herz so reich ist!... Sie sind nicht mehr unverstanden, Sie sind nicht mehr ungeliebt.... es hat sich Ihnen ein Herz ergeben, das Ihrer würdig ist und das streben wird, dies immer mehr zu sein. — Merkt Euch noch Eines, meine Kinder: Lasset Eure Liebe von der Tugend geheiligt werden; seid fromm, sittig, rein und bescheiden: eine Liebe, welche dies nicht ist, sie wird, glaubt es mir, nimmerdar bestehen. — Die echte Liebe ist nicht von dieser Welt; sie sucht an ihrem Gegenstande die höheren Eigenschaften und liebt ihn um so inniger, je mehr sie diese in ihm entdeckt — — ebenso bemüht sie sich, diese in der eigenen Brust zu erwecken, um sie ihm anzubieten — um dieselben gegen die seinigen auszutauschen. Das ist wahre Liebe — und so haben sich immer jene edlen Menschen geliebt, von deren Herzensgeschichte uns die alten Bücher so Rührendes erzählen....“

Die jungen Gatten, ergriffen von der Ermahnung Derjenigen, die jetzt ihnen Beiden Mutter war, sanken zu ihren Füßen nieder und gelobten feierlich, nach dieser Lehre zu leben. Da segnete sie die fromme Alte und weihte sie mit ihren Zähren, welche langsam auf deren Häupter herabrieselten.

Zu S. 128
Zu S. 128

Edmund, der in diesem feierlichen Momente eintrat, wurde von dem Anblick, der sich ihm hier bot, erschüttert, so daß auch er, ohne ein Wort zu sprechen, hinstürzte neben die Knieenden, die Hand der Mutter sowohl wie die der Schwester ergriff und sie abwechselnd an Herz und Mund drückte.... Dann schloß Cölestine den Jüngling in ihre Arme und nun konnte auch er seine Thränen nicht mehr zurückhalten: er vermischte sie mit denen der beiden Frauen.

Niemals noch hatte er so selig geweint.

In diesem Kreise waren nur zwei Augen trocken, die Alexanders, aber sie deuteten, auch trocken, auf eine, wenn auch stille, doch eben so tiefe Wehmuth — als von welcher die übrigen Herzen erfüllt waren.

„So bist Du nun ganz glücklich, meine Schwester!“ begann Edmund in jenem innigen, wunderbar gerührten Tone, welchen er für Niemand sonst in der Welt, als für sie hatte: „Du bist glücklich! — Und so weißt Du: daß auch ich es bin. — Ja, in der That, ich habe niemals Deine lieben Augen von so sanfter Zufriedenheit, niemals Deine holden Wangen von so heiterem Roth strahlen sehen, wie in diesem Augenblick; und nie, nie, Cölestine, warst Du so schön! — O, wie glücklich wird Dein Mann sein in Deinem Besitze! — Tausende werden ihn beneiden — wie Fürsten einen König beneiden, der in seiner Krone eine Perle besitzt, die an Glanz und Werth die Summe aller der ihrigen übertrifft.... — Doch Alexander hat Dich auch verdient! Ja, ja, er war der Edelste unter seinen Mitwerbern — und so gönne ich Dich ihm.“

Diese Worte waren für den Grafen nicht ohne Bitterkeit; allein was ein romaneskes, schwärmerisches Bruderherz in seinem schrankenlosen Enthusiasmus verbrochen, das suchte die Schwester bei dem geliebten Manne ihrer Wahl wieder gut zu machen. Sie wandte sich mit einer Zärtlichkeit, deren Wahrheit jeder Athemzug ihrer Brust bestätigte — zu Alexander und überhäufte ihn mit Beweisen von Liebe, dergleichen sie ihm sonst nur, wenn sie allein waren, widmete. Sie schien es gänzlich zu vergessen, daß sie nicht ohne Zeugen seien.

Alexander verstand diese zarte und großmüthige Rücksicht: er fand in ihr einen hinreichenden Ersatz für die Unbill, welche er zuvor erfahren — und ein zärtlicher Blick dankte seiner Gattin dafür.

Da trat rasch und überraschend auch noch der alte General ein; er fand alle so heiter und gemüthlich, wie er sie brauchte:

„Allons Kinder!“ rief er „fliegt mir an den Hals! — Das geht mir noch Alles zu langsam. — Ach, richtig, ich vergesse, daß ich hier nicht in meinem Hause bin, sondern unter jungen Eheleuten — kleinen Turteltäubchen, die mit einander genug zu thun haben, als daß sie noch an einen so alten Steinadler, wie Unsereins, ihre Zärtlichkeit verschwenden sollten.... Nun denn, guten Tag, mein lieber Alexander — guten Tag, theure Tochter Cölestine — und auch Du, Mama, sei herzlich gegrüßt. — — Doch, alle Donner! da hätte ich fast eine sehr wichtige Person vergessen —“ bemerkte der lustige Alte, sich gegen Edmund wendend, der ehrfurchtsvoll, wie er es gewohnt war, vor seinem Vater stand: „Verzeihen Sie mir, mein Herr!“ fuhr der General gegen ihn fort: „und entschuldigen Sie ein schlechtes Gedächtniß, das bekanntlich gerade die nächsten Dinge am leichtesten vergißt...“

Cölestine hing am Halse ihres Vaters und küßte ihn so lange, daß er selbst endlich ausrief: „Ich denke, meine Tochter, es wird nunmehr genug sein!“ Dann reichte er dem Grafen die Hand und ließ sich im Kreise der Gesellschaft nieder.

Nun mußte Cölestine ihm genau Bericht abstatten über ihren ganzen Haushalt — und Alles, Alles bis auf die letzte Kleinigkeit sagen; denn der greise Kavalier zeigte eine Neugierde, als sei er an die Stelle irgend einer alten Haushälterin getreten.

„Also dort auf jener Seite sind nun Deine Zimmer und hier die Deines Gemahls?“ fing er an.

„Ja, bester Vater. Das habe ich so eingerichtet, denn Alexander überließ Alles meiner Bestimmung.“

„Dies ehrt sowohl Dich, wie Deinen Mann, und ich statte ihm für diese Liebenswürdigkeit meinen väterlichen Dank ab.“

„Ah — aber glauben Sie mir, mein Vater, dies ist noch die kleinste der schönen Eigenschaften Alexanders.... Er ist an größern so reich....“

„Gewiß, gewiß, liebe Cölestine. Aber die innere Einrichtung Eures Hauses betreffend, so sage mir: ist Alles Uebrige in einem eben so feinen und großartigen Geschmack ausgeführt, wie dasjenige, was ich zu bemerken Gelegenheit hatte....“

„Alles, mein Vater. —“

„Aber — dies wird Deinem lieben Manne große Auslagen verursacht haben, welche ich, da Du die Urheberin von Allem bist, mißbillige...“

„O, bester Vater, seien Sie überzeugt —, daß in dieser Hinsicht Alexander meine Wünsche stets übertroffen hat.... Dieser kleine Feenpalast war bereits in Allem fertig, als ich von ihm Besitz nahm — — und ich veränderte nur hie und da Etwas in der Anordnung. Darin besteht meine ganze Schuld.“

„Wie mich dünkt,“ fuhr der alte General in seinem Beichtamte fort: „so ist die Dienerschaft Ihres Hauses, mein theurer Schwiegersohn, mindestens um das Dreifache, gegen deren frühern Etat, vermehrt.... Habe ich nicht Recht?“

„Allerdings — Herr General; ich fand es nothwendig, das Haus meiner Gemahlin in jeder Beziehung auf eine Stufe zu stellen, welche sowohl ihren Verdiensten als ihrem Range angemessen ist.... Ich fürchtete, noch zu wenig gethan zu haben. —“

„Und was Ihren Marstall anlangt — lieber Graf — so fand ich Gelegenheit, einen Blick hineinzuwerfen, wiewohl ich mir das Vergnügen, ihn genauer zu besichtigen, noch vorbehalte. — — Ihr Marstall nun, mein theurer Alexander, ist wirklich unvergleichlich, und ich weiß nicht, ob er es nicht mit jedem andern in der Residenz aufnehmen könnte. Dies nimmt mich um so mehr Wunder, da ich weiß, daß Sie im Ganzen keiner von unsern leidenschaftlichen Pferdeliebhabern sind ... ich glaube, Sie gehören auch nicht zu unserem Jokey-Clubb....“

Der Graf erwiederte lächelnd: „Bisher noch nicht; doch bin ich Willens, mich in denselben aufnehmen zu lassen.“

„Aber — Sie besteigen ja höchst selten ein Pferd.“

„Ich werde es jetzt öfter thun.“

„Und der Grund davon?“

„Meine Frau wünscht es.“

Der General umarmte seinen Schwiegersohn. —

„Sie sagt,“ fuhr dieser fort: „ein Mann erscheine niemals schöner, als wenn er zu Pferde sitzt, und ich will mir das merken.“

„O!“ sagte Cölestine gerührt: „Du hast es nicht nöthig, Alexander, Dich werde ich ewig lieben — und mehr Dich lieben, wie ich, ist kein Herz fähig.“

Jetzt schloß sie ihn in ihre Arme und eine Pause entstand, reicher an stiller tiefer Wonne, als deren manches ganze Leben enthält.

Die Eltern segneten die Stunde, welche den Grafen zum ersten Male in ihr Haus geführt. Nach einiger Zeit erhob man sich und nahm die Wohnung der Kinder in Augenschein. Man besichtigte sie von oben bis unten, man ließ nicht die kleinsten Winkel unbeachtet — und es bestätigte sich Alles, was man früher von ihr erfahren hatte. Sodann ging man in den Garten hinab, dann in den Hof, in die Seitengebäude, Alles entsprach einem großartigen Plane, und Alles stand unter einander in der schönsten Harmonie.

Endlich nahmen die Alten mit ihrem Sohne Abschied von dem Ehepaar — und begaben sich auf den Rückweg nach Hause; denn es war heute bei ihnen, aus Anlaß des Nachfestes zu der Vermählungsfeier Cölestinens — Tafel, bei welcher einige nähere Freunde des Hauses erscheinen sollten. —

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