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Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Viertes Kapitel. Der Hochzeitsball.

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Des Abends waren die Salons des Palastes glänzend erleuchtet. Natürlich, man mußte ja einen Ball geben, ohne das läuft so was nimmer ab. Wie hätte sonst die halbe Welt Gelegenheit haben sollen, die ersten Augenblicke des Ehepaars mit jener schmählichen Neugierde zu kontrolliren, welche Ihr — Ihr armen braven Handwerksleute, Bürger und Bauern nicht kennt. Gewisse Gebräuche und Sitten der beau monde hat die bloße, nackte Unverschämtheit erfunden — und die herzlose Fühllosigkeit sanktionirt sie und bringt dieselben in Ausübung. Hierher gehört auch die Sitte, von welcher wir gegenwärtig sprechen.

Wozu ein Ball, ein Fest, eine Versammlung nach der Vermählung? Sind sich in diesen Stunden Mann und Weib nicht genug, halten sie sich denn nicht zum ersten Male mit den Armen umschlungen, und sind diese nicht noch kräftig genug, um fremder Stütze zu entbehren? — Bei Gott, es ist eine Perfidie — mich unter dem Vorwande eines Gebrauchs — von der ersten Besitznahme meines Eigenthums zu trennen. Der erste Augenblick ist ja der entzückendste, warum stört Ihr mich gerade jetzt? — — —

Oder sollen diese Gesellschaften am Tage der Vermählung soviel sagen, als: von nun an wollen wir immer und so oft als irgend möglich zwischen Euch treten und Euch die einsamen Augenblicke, die so süß sind, rauben.... von nun an wollen wir es hindern, daß Ihr Euch so ganz vereinigt, wie es in der Schrift geschrieben steht: ein Leib und eine Seele.

— Die Räume der Salons waren jetzt bereits so sehr angefüllt, daß kaum mehr Platz da war für neue Gäste, und doch kamen deren immer mehr und mehr. Namentlich Frauen waren mit ihren Männern in großer Menge erschienen und auch junge Leute; weniger waren Mädchen zu bemerken, die man von solchen Festen gerne ausschließt.

Schon sammelte und sonderte man sich in Kreisen und Gruppen, schon unterhielt man sich in jener halbleisen und halbschreienden Weise, welche die Conversation der Leute vom guten Ton auszeichnet. Der Gegenstand dieser Conversation, dieser Blicke, dieser Deutungen und Zeichen war, wie natürlich — Cölestine und ihr Mann. Ich weiß nicht, ob noch irgend ein anderes menschenmögliches Ereigniß im Stande gewesen wäre, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich zu ziehen, es müßte denn allenfalls das Herabfallen der Decke des Salons gewesen sein.

„Allein finden Sie nicht, beste N**, daß er beiweiten hübscher ist, als wie man uns ihn beschrieb?“

„Gewiß, gewiß, meine Freundin: er kann sogar ein schöner Mann genannt werden.“

„Was sagen Sie zu seinem Benehmen, theure Gräfin V**? Finden Sie es nicht ein wenig schroff? ungewöhnlich?“

„In der That — ja.... indeß kleidet es ihn nicht schlecht, wie ich glaube....“

„Ist er Ihnen schon einmal irgendwo vorgestellt worden, meine Beste?“

„Das nicht, kleine Freundin; jedoch habe ich ihn zeitweise bei der Baronin von G—r getroffen, wo er sehr beliebt ist.“

„Es scheint mir unbegreiflich, daß dieser Mann beliebt sein könnte.“

„Warum nicht, liebste Beste! Sie thun ihm wahrhaftig Unrecht....“

„Ach — wovon reden Sie da, meine schönen Damen?“

„Guten Abend, theure Freundin.... Sie sehen, wir reden von ihm....“

Und wer ist dieser Er und Ihm, und: dieser Mann? Wer sonst, als Graf Alexander, der junge Ehemann, der so glücklich ist, von heute an für zwölf volle Tage Stoff zu liefern für die Conversation der schönen Welt.

Aber entgeht vielleicht Cölestine ihrem Schicksal? O, ein solcher Fall ist noch nicht da gewesen.

In einigen Gruppen, gebildet aus jungen Leuten und auch älteren Gesellen, ist ein solches Flüstern und Lachen und Deuten (natürlich bloß mit den Augen) zu bemerken, daß es die Umstehenden genieren müßte, wären diese an dergleichen nicht gewöhnt. Man spricht nämlich in diesen Gruppen von der schönen jungen Frau, ohne jedoch hierbei außer Acht zu lassen, nebenbei auch über ihren Mann ein Wörtchen hineinzumengen. In dieser Beziehung sind die Klatschereien der Herren noch weit abscheulicher als jene der Damen, da hier in der Regel ihr eigenes Geschlecht viel günstiger beurtheilt wird. Wir haben in jener Damen-Unterhaltung, der wir vorhin beiwohnten, nur immer über den Gemahl, über Alexander reden gehört — — aber glaube Niemand, daß er jetzt in der Herren-Unterhaltung, die wir sogleich besprechen wollen, bloß den Namen Cölestinens zu hören bekommt; im Gegentheil wird jener ihres Mannes tausend Mal genannt werden, und zwar nicht nur sein Name, sondern auch sein Kopf, sein Hals, seine Brust, sein Arm, sein Bein, sein Rock, sein Taschentuch.

O über die männlichen Klatschschwestern!

„Ach ja — guter T*** — Du findest diese Cölestine wirklich so allerliebst? Ich bemerke so eben, daß sie eine abscheuliche Stumpfnase hat.“

„Das deutet auf Herrschsucht und Trotz, meine Herren!“

„Um so besser. Der Herr Gemahl wird sich ihr trefflich fügen, denn wenn ich nicht irre, so deutet sein hängender Backenbart ein großes Talent zur Unterwürfigkeit an!“

„Hahahaha! hahahaha!“

„Ein vortrefflicher Einfall.... Er dürfte aus dem Munde des alten Porgenau kommen! — hahaha!“

„O, dann wäre er gestohlen!“

„Schadet nichts! Gedanken sind keine Waare!“

„Allein — wie finden Sie diese Haltung ihres Kopfes? Der Kopf an sich ist bewundernswürdig schön!“

„Jedoch entstellt ihn die übermäßige Coiffure.“

„Was man immer sagen mag: sie ist eine der ersten Schönheiten Wiens.“

„Gewiß! Vom ersten Wasser! Vom ersten Wasser!“

„Vom ersten Kaliber.“

„Still — — welcher Vergleich!“

„Die Zahl ihrer Anbeter soll Legion gewesen sein.“

„Ich wenigstens gehörte nicht dazu.“

„Jedenfalls war dieser Graf Alexander der Glücklichste unter allen...“

„Oder eigentlich der Unglücklichste, wie man’s nehmen will...“

„Ach, ach — ich denke, er ist an sich schon unglücklich genug; wenn man die Physiognomie dieses Menschen betrachtet, so wird man finden, daß dieselbe aus lauter Unglücken, oder deutscher: Unglücksfällen zusammengesetzt ist...“

„Mäßigen Sie sich, Herr von G—r; denn da kommt eben die Schwiegermama, und die scheint in Beziehung auf ihren Tochtermann entgegengesetzter Meinung.“

Augenblicklich entstand in diesen Versammlungen eine musterhafte Stille und die Gesichter der Herren, welche erst von Satyre und Ironie (aber ziemlich erbärmlicher) überflossen, wiesen sich so freundlich süß, wie eine Hausfrau von ihren Gästen sie nur immer erwarten kann. Ja noch mehr, diese trefflichen jungen Leute umringten die Generalin und wußten ihr in einem Athemzuge so viel Schmeichelhaftes zu sagen, daß man gemeint hätte, über deren Zungen wäre niemals etwas Anderes als Lobgesang und Psalmodei gekommen.

Nichts als Glückwünsche und zwar „aus dem Innersten des Herzens“ wurde gespendet — man pries ihr Haus über diesen neuen Zuwachs an Ehre und Glück, der demselben so eben geworden war, und dann was den Grafen Alexander von A—x betraf, so bezeichnete man ihn als „einen der ausgezeichnetsten Kavaliere der Residenz und einen der einflußreichsten Diener des Staates.“

Die alte Dame erwiederte diese Höflichkeiten mit jener Miene von Liebenswürdigkeit und jenem feinen Takte, die einer vornehmen Frau immer zu Gebote stehen und wovon die erstere durch den zweiten stets sicher geleitet und bemessen wird.

Man ordnete sich alsbald zum Tanze. Hierzu waren zwei weitläufige Säle bestimmt, wohin man sich jetzt paarweise begab. Cölestine, nun Gräfin von A—x, eröffnete an der Hand des Herrn von Labers den Zug, — Graf Alexander bot ihrer Mutter und der General der Feldmarschall-Lieutenants Wittwe den Arm. Die übrigen Gäste schlossen sich ohne Rangordnung, die in der höhern Gesellschaft nicht existirt, an — da hier mit dem Privilegium des Eintritts auch jenes der Gleichheit verbunden wird.

Gräfin Cölestine hatte zum ganzen Feste so viel heitern Sinn und eine so sichere Fröhlichkeit mitgebracht, daß alle Welt sagen mußte: sie sei glücklich und hoffe es stets zu sein. Von dem Grafen, ihrem Gemahle, ließ sich dasselbe sagen, doch schien ihn in manchen Augenblicken dieses geräuschvolle und ostensible Treiben zu belästigen; man sah es ihm an — er wünschte lieber allein zu sein mit Derjenigen, die er jetzt sein nannte. Sollte man es Besorgniß nennen, die sich momentan in seiner Miene kundgab? Vielleicht war es das nicht — und doch flüsterten zwei seiner eifrigsten Beobachter, die vielleicht früher auch seine Nebenbuhler gewesen waren:

„Ach, es ist die Eifersucht, die sich selbst in den ersten Tropfen seines Freudenkelches mischt! wie wird dies erst später werden?“

Dann lachten diese guten Herren und meinten, der Tag ihrer Rache würde schon von selbst kommen.

Einige Stunden später — Graf Alexander hatte während dieser Zeit nach der Sitte der vornehmen Welt mit seiner Frau so wenig als möglich gesprochen und getanzt — konnte ein feiner Menschenkenner Spuren eines tiefern Unmuths auf des jungen Ehemanns Stirne lesen. Und in der That, Alexander war jetzt von einem jener schrecklichen Gefühle geplagt, denen seine Seele in früherer Zeit so oft zur Beute geworden. Die immerwährende und sich stets gleichbleibende Heiterkeit Cölestinens hatte ihn bitter berührt, sie hatte ihn schmerzlich verletzt. Woher diese so bestimmt ausgesprochene Zufriedenheit bei ihr — — da doch er dieselbe nicht theilte? So fragte er sich. Der Bedauernswerthe! er bedachte nicht, daß seine Frage ein Widerspruch sei — — — waren denn ihre beiderseitigen Gemüther gleich? ja, entsprangen denn ihre jetzigen so verschiedenen Stimmungen aus einer Quelle?

So oft es der Anstand und die Umstände erlaubten, versuchte Alexander sich seiner Gemahlin zu nähern und — da traf er denn immer auf Hindernisse, die sich zwischen sie und ihn stellten.

Cölestine war eine leidenschaftliche Tänzerin, und warum sollte sie an dem heutigen Freudentage sich diesem Vergnügen nicht mindestens im selben Maße überlassen, wie zu andrer Zeit? Werden doch, wenn wir fröhlich gestimmt sind, unsere innern Triebe freier entfesselt wie sonst.

Aber so urtheilte Alexander keineswegs. Seine glühende, spanische, eifersüchtige Liebe lechzte nach dem Besitze des Gegenstandes, auf welchen nur er ein Recht zu haben meinte.... Zum Glück war sein Charakter fast eben so stolz und verschlossen wie eifersüchtig; sonst hätte er die Bewegungen seines Herzens nicht bemeistert.

Indessen wurde sein Betragen zuletzt auffallend genug, daß einige Damen und Herren, die eher gekommen waren, zu beobachten und zu secciren — als sich zu unterhalten, unter einander sprachen:

„Unser junger Ehemann scheint von höchst eigenthümlicher Sorte zu sein; man könnte fast glauben, er befinde sich hier, um die Gäste, die seine Schwiegermutter eingeladen hat — zu vertreiben...“

„Ohne eben weit zu sehen — ließ sich dergleichen von ihm im Voraus erwarten. Sie kennen den Grafen A—x also nicht?“

„O! man muß ihm aber auch Gerechtigkeit widerfahren lassen: er macht schon im Voraus das Programm zu den künftigen Gesellschaften seines Hauses. Man wird sich darnach richten können. Sie dürften nicht ganz so glänzend ausfallen, wie die junge Gräfin vielleicht beabsichtigt.“

„Man spricht davon,“ sagte Frau von Porgenau, die sich so eben näherte, „Gräfin Cölestine werde ihre jour fix am Sonnabende geben.“

„In der That?“ versetzten einige Damen und sagten zu einander im Stillen: „Um so besser, denn an diesem Tage gibt auch Gräfin Wollheim, Frau von H— — und die Marquise d’M— ihre cercles.“

„Vortrefflich! Vortrefflich!“ ließ sich in diesem Augenblick die schallende Stimme des Grafen von Wollheim vernehmen. Der große Jäger sprach jedoch nicht zu dieser Gruppe, sondern zu einer einige Schritte von hier, in deren Mitte er saß. Seine Worte galten dem ersten tanzenden Paare, über welches alle Welt entzückt war. Edmund von Randow tanzte nämlich mit seiner Schwester. Man hatte niemals ein eleganteres, ein schöneres Paar gesehen. Es war die Mazurka, ein Tanz, worin vielleicht in der ganzen Residenz Niemand so vollkommen war wie die beiden Geschwister. Man sah, daß es das nationelle Element sei, welches in ihnen zu einem so schönen äußern Leben erwache; denn wie wir wissen, waren die Randow ursprünglich Polen, und noch hatte das alte Vaterland an ihnen nicht ganz seine Söhne verloren.

Die Mazurka war zu Ende. Man konnte sich nicht enthalten, die Virtuosen zu beklatschen — — Alexander sah von ferne zu; ob er sich freute, ob nicht, ist ungewiß; allein es zuckte keine Muskel auf seinem Gesichte, welches starr, kalt, theilnahmlos oder niedergeschlagen schien. — —

Edmund verließ seine Schwester und ging kaum zwei Schritte, als er von den offenen Armen des großen Nimrod in Empfang genommen wurde. Denn beiläufig gesagt, waren Edmund und der alte Graf von Wollheim sehr große Freunde, weil Jener mit Diesem auf die Jagd ging, trank und spielte, von welchen Beschäftigungen sämmtlich unser Nimrod ein großer Liebhaber war.

„Alle Hirsche und Rehe!“ rief Letzterer aus: „Edmund, Du hast Dich wacker gehalten. Fast so wie auf jener großen Treibjagd, Anno 1839, wo Du unter meiner Leitung Dein Meisterstück machtest. — Aber wo zum Guckuck hast Du diese Gelenkigkeit in Deinen Knieen und Flechsen her?... ein Pullcinell hätte es nicht besser thun können....“

„Ganz recht, lieber Graf,“ versetzte der Jüngling; „übrigens machen Sie mir da kein Kompliment. — Freilich ist es nicht Ihre Sache, von diesen Dingen zu sprechen — und aufrichtig gesagt, ich unterhalte mich mit Ihnen tausend Mal lieber über unsre alten Gegenstände.... Kommen Sie daher, mein vielgeliebter Wehrwolf... lassen Sie uns dorthin zur Kredenze treten — erst einige Schluck Wein und dann findet sich schon das Uebrige...“

„Köstlicher Junge! Köstlicher Junge!“ exklamirte der Jäger: „Er ist und bleibt immer derselbe. Nun fürwahr, an Dir, mein Edmund, habe ich mir einen Schüler erzogen, auf welchen ich stolz sein kann.... Allein, was meinst Du, wird uns nicht etwa Deine Mutter belauschen? Du weißt, sie sieht Dich nicht gerne mit dem Glase in der Hand.... Es scheint mir, auch Dein Vater schielt nach uns herüber.... Nehmen wir uns in Acht! Hübsch gescheidt, mein Jüngelchen.“

„Schon gut!“ entgegnete Edmund: „Kommen Sie nur... ich verspüre in mir einen teufelsmäßigen Durst.... Das kommt stets, wenn ich ein Mal etwas lang solid gewesen bin...“

„Ja, ja, Du hast Deiner Schwester heute den Hof gemacht, und zwar —“

„Still — theurer Mann! Darüber kein Wort mehr.... Können wir nicht über andere Dinge reden? Du weißt, ich liebe jenes Thema nicht unter uns.“

„Nun so will ich Dir eine alte Jagdgeschichte von einem Herzog von Würtemberg erzählen. —“

„Erzähle in Gottes Namen! — So, jetzt wären wir in der Nähe der Gläser.“

Wie man sieht, so dutzten sich die zwei an Alter zwar ungleichen, aber an Gesinnung desto ebenmäßigeren Freunde. So machte es Edmund übrigens immer. Er war mit allen Leuten seines Schlages auf Du.

Während dieses hier vor sich ging, während Wollheim und Edmund, in eine dunkle Ecke zurückgezogen, dem Nierensteiner, oder was es sonst war, die möglichst größte Ehre anthaten und dabei Gespräche führten, wie sie der Wein eingibt und wie wir sie hier zu wiederholen uns sehr hüten werden, unterhielt man sich auf andern Punkten der Salons auch nicht übel.

So zum Beispiel beglückte Gräfin von Wollheim einen Kreis alter und buckliger Zuhörerinnen mit einer Erzählung ihrer letzten Leistung im Fache „der Strümpfe für den Wohlthätigkeitsverein.“

„Glauben Sie, meine Damen,“ so sprach sie, „daß es eine der süßesten Empfindungen gewährt, unsere Talente und unseren Fleiß im Dienste der Armuth und Noth anzuwenden.... Im vergangenen Winter habe ich 4½ Paar guter Socken und Strümpfe gemacht, jedes Paar zu 2½ Pfund... Das gab eine Bekleidung! Welche Wärme!“

„Ja, ja — welche Wärme!“ erwiederte ein altes Stiftsfräulein ohne Zähne, dafür jedoch mit einer Zunge, die hinreichend schnitt, sobald es sich um den Ruf eines Nebenmenschen handelte.... „Auch ich habe zwei Paar wollene Jacken an das Comité des Frauen-Vereins gesendet. — — Alles eigene Arbeit! — Wer weiß, welches Pack sie jetzt auf dem Leibe trägt.... Denn Sie wissen doch, meine Freundinnen, daß diese unverschämten Armen, welche wir mit unserer Hände Arbeit beglücken, die letztere bei nächster Gelegenheit zum Trödler oder in’s Branntweinhaus tragen...“

„Sollte das möglich sein?“

„Sie können mir’s glauben!“

„Mein Gott, das wäre ja recht abscheulich! — Wozu arbeiten wir denn? — Dann könnten wir ihnen ja die paar Kreuzer, welche sie für unsere Sachen lösen, viel bequemer selbst geben....“

„Das ist Alles wahr und ich habe darüber schon mehrfach nachgedacht. Hören Sie mich, meine Besten, welchen Vorschlag ich gesonnen bin, bei dem Comité des Frauen-Vereins in den nächsten Tagen einzureichen. — Man soll in Zukunft jedes Stück unserer Handarbeiten mit kleinen Schlössern versehen: Strümpfe, Socken, Unterbeinkleider, Unterröcke — kurz Alles. Jedes Stück wird sodann dem damit betheilten Armen mittelst des Schlosses förmlich an den Leib geschlossen.... den Schlüssel aber behalten wir oder besser das Comité. — Sollte dieser Vorschlag nicht durchgehen, so habe ich einen zweiten in Bereitschaft. Man klebt mittelst einer Mischung, bestehend aus Gummi, Pech, Sägespänen und Teufelsd— —, den Leuten ihre Kleidungsstücke an den Leib.... Jene Mischung muß in einem glühenden Becken heiß gemacht und in diesem Zustande unsern theuern Schützlingen über die nackten Glieder gegossen werden, sodann kommt das Kleidungsstück darauf — und es geht niemals wieder herunter. — Ist dies nicht eine köstliche Erfindung? Was sagen Sie dazu, meine Damen?“

So schloß die Stiftsdame.

Die Uebrigen waren nicht ganz ihrer Meinung. Besonders schüttelte Gräfin Wollheim sehr unwillig das Haupt und sagte:

„Aber da wird ja unsere schöne Arbeit völlig zu Grunde gerichtet. Das abscheuliche Pech muß ja durch alle Nähte dringen....“

Man sieht, sie dachte menschenfreundlich!

„Fürchten Sie dieses nicht, meine Beste!“ beruhigte die Stiftsdame: „Das Pech dringt nicht heraus. Dagegen hilft der Teufelsd— —, den ich nicht umsonst beigemischt habe. — Der Teufelsd— —, wie Sie wissen werden, meine Damen, hat eine contraktive Eigenschaft und ist überhaupt auch für die Gesundheit sehr zuträglich.... Unsere Armen werden dabei dick werden, wie ungarische Mastschweine....“

Die Stiftsdame hatte unter andern lieben Eigenschaften auch jene, daß sie alle Gegenstände bei ihren natürlichen Namen nannte, von welcher Gewohnheit sie keine Rücksicht abhielt. Da man dies von ihr wußte, ließ man sie reden; freilich redeten mit ihr nur die Buckligen und Häßlichen.

— — Seit einer halben Stunde bereits lauerte Alexander auf eine Gelegenheit, die ihm eine ungestörte Zusammenkunft mit Cölestine verschaffen sollte. — Jetzt schien auch sie seine Wünsche zu begreifen und gab ihm hierauf ihre Antwort durch sanfte und wehmüthige Blicke zu verstehen. — Alexander war nun der seligste Mensch! — So hatte er sich also wieder umsonst gequält!.... Er hätte früher nur gleich ihre Nähe aufsuchen und sie nicht verlassen sollen, so hätte er sich jeden Kummer erspart. — Er brauchte ja deßhalb nicht die übrigen Leute von Cölestine zu verscheuchen. — Ein günstiger Augenblick gönnte ihm jetzt, mit ihr mehrere Worte zu sprechen, und er flüsterte ihr zu:

„Ach, wie sehne ich mich nach Dir, Cölestine!“

„Ich theile Dein Verlangen, mein theurer Geliebter!“ antwortete sie ihm leise und ein Blick ihrer schönen schwarzen Augen bestätigte die Wahrheit dieser Worte.... Dieser Blick versengte jedoch mit seiner Glut wieder die Besonnenheit des Grafen und er sprach mit dumpfem Schmerze:

„Soll ich Dich noch lange entbehren — so sterbe ich! Erbarme Dich meiner! Noch nie habe ich so gefleht.“

Aber in demselben Augenblick fühlte er sich an der Schulter berührt. Der Vater seines Weibes stand neben ihm:

„Ei, ei!“ sprach der General: „was soll das heißen, Alexander? Sie rauben unseren Freunden ein sehr wichtiges Recht. Heute gehört Cölestine noch ihnen — — erst von morgen an dürfen Sie allein über Ihre Frau verfügen...“

Es ist nicht möglich auszudrücken, wie schwer diese Worte den Grafen verletzten; gleich einem vergifteten Degen fuhren sie durch sein Herz, und zwar eben deßhalb, weil sein Schwiegervater es war, der sie gesprochen. Mit einem unaussprechlichen Blick sah Alexander denselben an, zerdrückte in seiner Brust einen heftigen Seufzer und ließ sich sodann stumm von dem General fort führen. Dieser hatte ihn unterm Arme ergriffen und durchschritt mit ihm einen, zwei Säle.... Es schien, als könnte er ihn nicht weit genug weg von Cölestine führen....

Alexander hätte den Alten ermorden mögen — aber was blieb ihm zu thun übrig? Er folgte, folgte wie ein Opferthier, das man zwar mit Blumen bekränzt, aber dennoch zur Schlachtbank führt. Der General hatte ihn zu einer Ottomane gebracht und ihn genöthigt, hier Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich neben ihn und begann nunmehr ein Gespräch von Geschäftssachen und Gegenständen, die sich auf den zukünftigen Haushalt der Eheleute bezogen.... Alexander hätte vor Wuth aufspringen mögen wie ein Wahnsinniger... Der General aber schien sehr kalt und ruhig.

Dies ist leicht zu begreifen; er war ein Greis und hatte so eben seine Tochter versorgt — während der Andere vor Leidenschaft glühte, diese Tochter zu umarmen. Das war der Unterschied; bei Gott ein ziemlich großer.

Um das Unglück voll zu machen, kam auch noch Herr von Porgenau herbei und fing an, alte Witze aufzutischen, die im Jahre 1805 Mode waren, ja einige darunter mochten noch in der Arche Noah von dessen Söhnen aus Langerweile gemacht worden sein.

„Ei — so schön beisammen!“ rief der alte Bonmotist und lächelte schon im Voraus über den Witz, welchen er sofort zu machen beabsichtigte. Denn Herr von Porgenau hatte die Gewohnheit jener Humoristen und Komiker, sowohl auf dem Theater als auf dem Druckpapiere (ich will hier ihre Namen nicht nennen!), die, bevor sie einen Gedanken, den sie für einen Witz halten, preisgeben — selbst zu lachen anfangen und sich so gleichsam den Erfolg sichern; denn die Zuhörer lachen dann auch mit — freilich bloß über die Albernheit des Witzmachers.

Herr von Porgenau war übrigens nicht ganz mit diesen Leuten zu vergleichen. Jene lachen nur vor oder während ihres Witzes — — er aber lachte auch nach demselben.

„Ah! Ah!“ rief er dem General in’s Gesicht und schien dabei vor Lust und Vergnügen umzukommen: „Sie theilen diesen Platz mit ihrem Schwiegersohne, guter Randow! — Sie haben ihm also einen Theil ihrer Besitzungen übergeben....“

Um dem alten Narren eine Freude zu machen, lachte der General über diesen schauderhaften Einfall mit; Alexander aber warf ihm einen durchbohrenden Blick zu, der so viel sagte, als: „Packen Sie sich, alter Dummkopf!“

„Guter Gott!“ fing Porgenau an, als er sich von seiner Heiterkeit wieder erholt hatte: „Wie sehen sie d’rein, lieber Graf von A—x? Das ist nicht die Miene eines jungen Ehemannes.... das ist, hahaha! hahaha! hahaha! — vielmehr die Miene eines jungen Wehemannes!“

Ueber dieses Wortspiel konnte nicht einmal der heute so dienstfertige General lachen, was Herrn von Porgenau gar sehr verdroß. Er regalierte sich also zuvörderst durch eigenes Gelächter — und sodann sann er auf einen neuen Witz, der, wie er sich vornahm, Alles besiegen würde, was bisher in diesem Fache geleistet worden war.

„Finden Sie — hahaha! Finden Sie, hahaha!“ begann er: „finden Sie nicht, daß, hahaha! hahaha!“

Er konnte vor Selbstvergnügen kaum fortkommen.

„Finden Sie nicht, meine Herren — daß heute ein, hahaha! — sehr schöner Tag ist? hahaha!“

„Gewiß — ein schöner Tag,“ bestätigte der General.

„Und wissen Sie — hahaha! — weßhalb heute der Tag so schön ist — hahaha!?“

„Nun?“

Der Bonmotist nahm eine Triumphatormiene an, platzte dann in eine entsetzliche Lache aus, und rief:

„Also — Sie wissen nicht, weßhalb — hahaha!“

„Nein.“

„Nun — ich weiß es auch nicht! — Hahaha! hahaha! hahaha! hahaha! hahaha.“ — Das war der Witz! Porgenau wälzte sich in einem Lehnstuhle wie Einer, der den Lachkrampf hat....

Hier vermochte es Graf Alexander nicht länger auszuhalten. Er fuhr gleich einem Gehetzten von seinem Sitze auf, entriß sich den Armen seines Schwiegervaters und lief hinaus auf den Gang in die frische Nachtluft, wo er den Vater über den Sternen fragte, warum er auch solche Wesen, wie diesen Porgenau, geschaffen habe....

Er stand lange auf demselben Fleck, dann trat er auf eine Terrasse, die mit Orangenbäumen und Blumen bepflanzt war und einen Rasensitz darbot. Auf diesen warf er sich, das Antlitz in das feuchte Grün gedrückt — und, zum ersten Male im Leben, weinte er.... Er mochte sehr lange hier liegen. —

Zu S. 79
Zu S. 79

Da fühlte er sich von zwei heißen Armen umschlungen.... Vor ihm knieete Cölestine, sein Weib.

Ihm schwindelte und er wollte das nicht glauben: „Es ist ein Traum!“ murmelte er vor sich und schüttelte das Haupt.

„Es ist kein Traum, mein Geliebter!“ lispelte es ihm so süß von den Lippen der Geliebten entgegen, daß er die Hand nach ihr ausstreckte. Und was er erfaßte, war warmes, holdes, köstliches Leben.... er konnte nicht widerstehen, er tauschte das seinige damit aus — mit fieberischem Entzücken stürzte er sich in dieses jetzt zur klarsten Einheit gewordene Doppeldasein: sie versanken beide in seinen unergründlichen, schwindelnden Tiefen. —

„Aber, meine Seele,“ sagte er darauf: „wie kommst Du hierher? Und wird man Dich mir nicht sogleich wieder entreißen?“

„Fürchte nichts, mein Geliebter!“ flüsterte sie und schmiegte sich ihm innig an, wie der Epheuzweig einer starken Säule....: „Jene Menschen, die uns einen ganzen Tag lang von einander gerissen — haben nicht die Macht, uns auch noch die Nacht zu rauben. Alles entfernt sich bereits aus den Sälen unseres Hauses — es ist ein wilder Tumult — und in diesem stahl ich mich weg, um Dich aufzusuchen. — Wenn Du glaubst, ich folgte Dir nicht überall mit den Augen, so hast Du Dich betrogen!... O Du wähnest, daß nur Du mich liebst! So weißt Du nicht, daß ich mich ganz, ganz Dir zu eigen gegeben habe? — Diese Stunde soll es Dir sagen. Spricht sie nicht mit tausend Geisterzungen meine Liebe Dir aus — — so wird nie eine andere es Dir sagen. — Ja, ja, ich liebe Dich — tiefer, seliger, und ernster vielleicht, als Du mich.... Urtheile nicht voreilig über uns beide! Glaube meinen Worten!“

„Ja, sie reden jetzt mit überzeugender Gewalt zu mir!... Du bist mein — und hast Dich aus freiem Trieb mir übergeben, und so mußt Du mich ja lieben! — Entschuldige meine Thorheit, die mich vorher sich wie ein Kind betragen ließ.... Allein wenn man im innersten Herzen erregt ist, dann, in Wahrheit, geht man seines Verstandes verlustig, man wird ein Narr, ein Wahnsinniger, ein Elender!“

„Sprich, geliebter Engel — —“ kos’te das holde Weib, das auf seinem Schoße saß — „sprich,“ sagte sie mit einem Tone, der klang und duftete wie eine wehende Rose: „wirst Du auch immer so sein, wie jetzt? Wirst Du mich immer lieben? — — Denn jetzt, ich weiß es, werde ich von Dir vielleicht mehr geliebt, als irgend ein Weib von einem Mann. Aber wird dies auch immer so bleiben? Kannst Du mir dafür Gewißheit geben?“

„Und würde es Dich glücklich machen, wenn ich das könnte?“

„Gewiß — mein Alexander! Liebte ich Dich nicht, hätte ich Dich nicht genommen.... und weil ich Dich liebe, muß ich ja wünschen, daß es immerdar so bleiben möge.... Allein es ist ein böser Zustand, hiefür keine Bürgschaft zu haben.... Höre mich, mein Gemahl! So wie ich jetzt fühle und denke — würde ich die Hälfte meines Lebens dafür geben, wenn ich sicher wäre, daß während der andern Hälfte ich auch nicht einen Gran von Deiner Liebe einbüßen sollte!.... Glaubst Du meinen Worten, oder meinst Du, ich treibe nur Scherz?....“

Alexander vermochte kaum zu antworten; er preßte den blühenden Leib seines jungen Weibes an seine Brust, an seinen Körper — er that ihr mit seinen ungestümen Umarmungen beinahe weh.... doch sie empfand es nicht....

„Alexander!“ rief sie mit gedämpfter, tiefer Stimme: „in dieser entzückenden Stunde, der heiligsten Stunde unseres Lebens, schwöre ich Dir, Dir ewig treu zu sein. Schwöre Du mir’s auch!“

Er wollte sprechen.

„Still!“ rief sie und legte ihr kleines Händchen auf seinen Mund: „schwöre nicht eher, als bis Du Alles erwogen hast.... ich gebe Dir eine halbe Stunde Zeit.... aber länger vermag ich nicht zu harren, dann gelobst Du mir, was Du Deinem Schöpfer geloben kannst.... und jetzt, jetzt lass’ uns diesen Ort verlassen, lass’ uns eilen, um, bevor noch alle Gäste die Säle verlassen haben, dort gegenwärtig zu sein. — Du gehst durch jene, ich durch diese Thür. Nach einer halben Stunde treffen wir uns — — — —“

„Im einsamen Brautgemache!“ ergänzte er leise und verließ sie zitternd an allen Gliedern, glückselig wie ein Gott.

In der That war ihm in diesem Augenblick der Zufall günstiger, wie heute den ganzen Tag über. Noch waren die Gäste in reicher Menge im Saale zugegen, und eben weil sich Alles zum Aufbruch rüstete (gewisse Leute brauchen dazu einige Stunden Zeit), war seine wie Cölestinens vorige Abwesenheit nicht bemerkt worden.

Mutter und Vater vermutheten die junge Frau unter irgend einer Gruppe von Bekannten; dasselbe dachte man von dem Grafen, und da die Neidischen und Nebenbuhler zufällig alle längst fortgegangen waren, so konnten auch diese das geheime Glück der Eheleute nicht stören.

Endlich war Alles aus dem Hause. Dieses stand jetzt still und leer.... die Lichter in den Sälen wurden ausgelöscht — die Lakaien nahmen nunmehr von diesen Schauplätzen Besitz. Der General mit seiner Gemahlin entfernten sich nach dem rechten Flügel des Palais; Alexander mit Cölestine am Arme schlug seinen Weg nach dem linken ein.

Nachdem sie eine Reihe von Gemächern durcheilt waren, nahm er sie auf seine Arme und ras’te mit ihr, wie ein Riese mit einem Kinde, in’s Brautgemach.

Hier leistete er ihr den Schwur, welchen sie verlangte: ewig ihr treu zu bleiben.

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