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Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2)

Achtes Kapitel. Der Chevalier von Marsan.

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Der Chevalier von Marsan machte wirklich in der großen Welt gewaltige Sensation. Er hatte sich bereits in den Cirkeln der Fürstin O— M— G—, der Herzogin B—, der Marquise A—, und Re—, der Lady P— und noch in mehreren von den allersublimsten sehen lassen, und Alles war von dem Manne entzückt, der gekommen schien, die Zeiten eines Alcibiades nach modernen Principien zurückzurufen. In Wahrheit, dieser Kavalier vereinigte in sich eine Summe von Liebenswürdigkeit und Vorzügen, die ihn zu einem wahren Prototyp der fasshionablen Männerwelt machten. Es hatte Natur und Kunst für ihn mit einem Worte — Alles gethan, und noch ein Stückchen dazu. Er war schön, reizend, blendend, er war geistreich, witzig, gelehrt, er war vornehm, fürstlich, ja uns dünkt sogar — von königlicher Verwandtschaft; er war reich, mächtig, großmüthig, verschwenderisch, stark wie ein Cyklope und sanft wie eine Hamadryade....

Und doch hatte bei diesem Monstrum von Schönheiten — der Schöpfer Eines vergessen; Dasjenige nämlich, was er ihm schon deßhalb nicht geben kann, weil er ihm alles Uebrige gab, denn Dieses und Jenes sind Gegensätze, die einander aufheben. Dieses Eine, was dem Chevalier fehlte, und welches kein Gott ihm zu ersetzen im Stande war — es war Dasjenige, was gerade einem Charakter die höchste poetische Weihe gibt: es war jene schöne menschliche Mangelhaftigkeit, jener große, oder jene tausend kleinen Fehler, wodurch ein kleines Individuum interessant, ein großes zum tragischen Helden wird. Dieses Ingredienz, dieser Mangel im Menschen, oder eigentlich dieser negative Vorzug ist es ja, welcher uns, in seiner höchsten Potenz, beim Anblick eines Cäsar, eines Byron, eines Napoleon, hinreißt — während uns die makellose, glatte Reinheit eines edlen Menschen blos kalt erhebt. —

Nicht daß es dem Chevalier an Fehlern und Untugenden gemangelt hätte; ich weiß nicht, ob er auch nur im entferntesten Sinne einen Vergleich mit jenen edlen Menschen ausgehalten hätte, welche wir zuletzt nannten, vorausgesetzt, wir hätten ihn mit dem Maßstabe der reinen Moral zu messen; nach den Begriffen der Gesellschaft und Zeit jedoch war Herr von Marsan das Muster eines vornehmen Mannes, d. h. eines Salonsubjektes.

Ach, Ihr guten Seelen, die Ihr in kleinen Häuschen mit Strohdächern, unter denen Schwalben und Bienen nisten, wohnt, Ihr habt freilich keinen Begriff von dieser Tugendhaftigkeit und dieser Mustergiltigkeit. Nach Eurer unverständigen Meinung wäre dieser Chevalier vielleicht weiter nichts, als ein hübscher, reicher, leichter, träger, thörichter, vielleicht auch gutherziger, jedenfalls aber ausgelassener und gewissenloser junger Springinsfeld gewesen. Gut, daß Euer Votum in der Wagschaale der bessern Gesellschaft nicht gilt — Ihr würdet dort eine schöne Confusion damit anrichten.

Doch wir wissen jetzt ungefähr genug von dem Charakter des Ritters von Marsan und eilen nun zu den Begebenheiten, worein wir denselben schnell verflochten sehen.

Eines Tages machte Edmund mit seinem Freunde, dem Grafen von Wollheim, einen Spazierritt in den Prater, als er, beim ersten Kaffeehause angelangt, ungefähr hundert Schritte davon ein Gedränge von Menschen, Pferden und Equipagen bemerkte. Hier muß etwas Außerordentliches vorgefallen sein, wiewohl dies nicht nothwendig ist und schon eine unbedeutende Kleinigkeit hinreicht, die guten Wiener sich mitten auf der Straße zu einer Schaar versammeln und neugierig den Himmel anstaunen zu sehen....

Als unser Freund näher kam, bemerkte er einen Herrn zu Pferde, der mit dem Thiere, welches äußerst widerspenstig schien, mit einer Kunst verfuhr, die ihn zum größten Reiter des Jahrhunderts stempelte. Dieser Herr hatte den Rücken gegen Edmund gekehrt, und so konnte dieser nicht wissen, wen er da vor sich habe. Jedoch schien es ein junger und äußerst glänzender Kavalier — sein Pferd aber war von arabischem Vollblut, „halb Hirsch und halb Vogel,“ wie Balzac sagt.

„Er wird das Thier doch nicht zum Stillstehen bringen.“

„Es ist vergebens! Das ist ein wahrer Teufel von einem Afrikaner!“

„Wie heißt das Pferd nur gleich!“

„Jussuf! Jussuf ist sein Name.“

Diese Urtheile und Reden erschollen rings herum. Mitunter ließ eine von den schönen Damen, die aus den Wagen den schönen Reiter durch ihre Lorgnetten betrachteten — einen leisen kokettirenden Angstruf hören.... oder die Herren zu Pferde suchten durch das gewöhnliche: „Prrr! — Ohe! Heh! Heh!“ den wilden Jussuf zu besänftigen helfen — was jedoch von dem fremden Reiter stets mit einer stolzen und unwilligen Bewegung erwiedert ward. — Dieser schien endlich in die höchste Wuth zu kommen — er riß den Zügel so heftig an sich und versetzte dem muthwilligen Thiere mit Sporn und umgekehrter Gerte einen so furchtbaren Schlag — daß Jussuf wie ein Mensch aufstand, sich auf die Hinterbeine setzte — und schon zu überschlagen in Gefahr war....

Ein tausendstimmiger Schrei der Zuschauer erfüllte die Luft....

Aber im Augenblick, wo die Gefahr am größten war, wo das Leben von Mensch und Thier nur mehr auf einer Nadelspitze stand — machte der Fremde, welcher kalt und lächelnd in den Steigbügeln stand — eines von jenen Maneuvres mit Zügel und Schenkel, die ein Geheimniß der Araberhäuptlinge und zwei bis drei Europäer sind — — und Jussuf, als sei er plötzlich in ein Hündchen verwandelt worden, ließ die Ohren fallen — senkte die Augen, welche zuvor höllische Funken gesprüht hatten — zog die dampfenden Nüstern zusammen — — jetzt mit einer Viertelkreiswendung drehte es sich auf den Hinterfüßen herum und ließ sich ruhig auf die Erde nieder, ohne ferner auch nur mit einer Muskel zu zucken.

Bei dieser Evolution, welche an die Mythen der Centauren erinnerte — lös’te sich ein zweiter allgemeiner Ruf aus der Mitte der Zuschauer; es war einer der Bewunderung und des Erstaunens.

Noch nie hatte man so etwas in Wien gesehen, wo es doch in der That an bedeutenden Reitern, deren Koryphäe der Graf S— ist, auch nicht fehlt.

In dem Augenblick, in welchem der außerordentliche Fremde sein Pferd herumgedreht hatte — erkannte Edmund in ihm den Chevalier von Marsan. Es bedurfte keinen zweiten Augenblick und der Jüngling hatte sich durch den dichten Kreis der Umstehenden hindurchgedrängt und stand neben seinem Freunde. Dieser erkannte ihn sogleich und ein lauter Willkomm erscholl von beiden Seiten. Zuerst bezeigte Edmund ihm seine Bewunderung über die glänzende That, deren Zeuge er so eben gewesen — der Chevalier jedoch bat lächelnd, nicht weiter von „dieser Kleinigkeit“ zu sprechen — wischte sich jedoch mittlerweile den dichten Schweiß von der Stirne, welchen diese Kleinigkeit darauf gesäet hatte. — Nach und nach zerstreuten sich wieder die Zuschauer, die meisten jedoch nicht eher, als bis sie sich dem Wundermanne noch einmal ganz dicht genähert hatten, um ihn auf ewige Zeiten ihrem bereitwilligen Gedächtnisse einzuprägen.... Nur noch einige Herren zu Pferde blieben neben Marsan, da sie zu seiner Gesellschaft gehörten. Es waren meist auch Bekannte des jungen Randow und sie störten daher nicht bei der Freude des Wiedersehens, welche sowohl dieser wie der Chevalier empfand.

Man setzte nun den Ritt nach dem Jägerhause fort, gefolgt nur noch von einigen Spießbürgern, die zu spät gekommen waren — den Wundermann jedoch noch, und sei es mit Aufopferung einiger Jahre ihres Lebens, sehen mußten; auch etliche Gassenjungen trabten beständig zur Seite einher. —

„Ach, mein theurer, theurer Marsan! — wie finde ich Sie verändert, seit wir uns das letzte Mal sahen! Es war vor 5 Jahren und Sie zählten damals 21. Jetzt hat das Mannesalter Alles an Ihnen vervollkommnet. Es sind zwar dieselben Züge, aber kräftiger und fester — es ist derselbe Wuchs, dieselbe Haltung, Alles, Alles — — nur in Allem viel gediegener, wie soll ich sagen? perfekter! —“ Es fehlte wenig und der gutmüthige Bursche, der in Liebe und Freundschaft eine Andacht besaß, die ihm im ganzen übrigen Leben so sehr fehlte, ja, deren Gegentheil ihn hier sogar charakterisirte — — es fehlte wenig und er wäre dem Franzosen sammt dessen Jussuf — vom Pferde aus um den Hals gefallen...

„Und Sie, mein bester Edmund, wie ist es Ihnen seither ergangen?“ fragte der Chevalier theilnahmsvoll: „Uebrigens sind Sie mir seit länger als einem Jahre die Antwort auf mein letztes Schreiben, welches ich Ihnen von Brüssel durch den Baron d’Orville zugesandt habe, schuldig.“

„Beim Himmel, Freund, ich habe weder den Baron noch Ihren Brief gesehen; auch ist es mir nicht erinnerlich, daß ein d’Orville jemals unsere Stadt berührt hätte. Allein wie verhält es sich um diese Sache — Herr von L**?“ wandte der junge Randow sich an einen ältern Herrn, der ihm zur Seite ritt, und welcher Herr eines von den lebendigen Neuigkeitsbureaux vorstellte, an denen in der société einer großen Stadt wahrlich kein Mangel ist.

Herr von L**, das Neuigkeitsbureau, (er wußte Alles) sann ein wenig nach, murmelte dann zwischen den Lippen „d’Orville, d’Orville“ — — und sagte zuletzt mit der größten Bestimmtheit: „Ein solcher Kavalier ist hier ganz gewiß nicht durchgereis’t.“

„Das kann möglich sein.... denn der Baron, der immer auf Reisen ist, hat die Gewohnheit, seine Route hundert Mal in einem Tage zu verändern.... und er ist im Stande, sich z. B. von hier aus auf die Reise nach dem Ladoga-See zu begeben; in der Nähe der russischen Grenze — besinnt er sich dann — kehrt um und reis’t nach Portugal. —“

In diesem Augenblick fuhr an der Cavalcade eine Equipage vorbei. Marsan wandte sich zufällig nach der Seite und stieß beim Anblick der Personen im Wagen einen leisen Ruf aus.

„Was haben Sie? Was haben Sie?“ fragte Edmund.

„Können Sie mir vielleicht sagen,“ gegenfragte der Chevalier rasch — „wem dieser Wagen gehört?“

Erst jetzt blickte Edmund nach demselben: „Mein Gott!“ rief er erstaunt — „sollte dies möglich sein? — Dies ist die Equipage meiner Schwester, der Gräfin A—x; da sie uns jedoch bereits zu weit vorgekommen ist, kann ich nicht sagen, ob Cölestine selbst sich darin befinde. Indeß wäre dies ihre erste Fahrt im Prater.... die ganz unvermuthet geschehen sein würde — denn so viel ich weiß, ist die Zeit, wo sie sich zum ersten Male mit ihrem Gemahle zeigen sollte — noch nicht erschienen.“

„Ah!“ versetzte Marsan nachdenklich: „jener Herr neben ihr war also ihr — Gemahl....“

„Wenn sie es ist — ganz zuverläßlich.“

„Brünett, ernst, männlich, fast etwas stark...“

„Ganz recht, ganz recht! — Es ist Alexander!“

Marsan erstaunte einen Augenblick lang; er sah einige Mal angelegentlich der Equipage nach, die bereits sehr weit vor ihnen dahin rollte, abwechselnd von einer Staubwolke eingehüllt.

„Also — erst seit kurzem vermählt?“ richtete derselbe halbleise die Frage an Edmund...

„Seit einigen Wochen!“ versetzte dieser: „Allein wie es scheint, so nehmen Sie ungewöhnlich Antheil an dieser Begebenheit, mein Freund. Ist Ihnen vielleicht Graf A—x näher bekannt?...“

„O nicht doch,“ erwiederte Marsan lächelnd: „ich habe nie etwas von diesem Herrn gehört...“

Der Ton in dem letztern Worte war fast schneidend und der Chevalier, der dies erst jetzt zu merken schien, setzte schnell, gleichsam als wollte er sich korrigiren, mit einer freundlichen Ungezwungenheit hinzu: „Ich wollte nämlich sagen, daß mir die Person des Grafen gänzlich unbekannt sei — denn sein Name ist es keineswegs; dieser Name, der einer der glänzendsten des Kaiserstaates ist — —“

„Nun gut;“ fiel Edmund ein — „aber dann sagen Sie mir, was diese Theilnahme sonst zu bedeuten hat...“

„Ei, mein Freund,“ bemerkte Marsan mit jener Liebenswürdigkeit in Ton und Blick, der man nicht leicht zu widerstehen vermochte: „die Sache ist, daß eine Dame meiner Bekanntschaft auf dem Gute meiner Mutter in der Provence jener Dame im Wagen, die Sie Ihre Schwester nennen, überraschend ähnlich sieht... das ist das Ganze...“

Hiermit ward das Gespräch auf einen andern Gegenstand geleitet und die Cavalcade trabte einem Seitenwege zu. Marsan war der Leiter, jedoch hatte er diesen Seitenweg gleichsam nur so zufällig eingeschlagen....

Auf diesem kürzeren Wege nun konnte man nach dem Jägerhause, welches der Schlußpunkt einer gewöhnlichen Praterpromenade ist, — schneller als auf jedem andern gelangen, und kam daher den Wagen und Reitern, welche die Hauptstraße einschlugen, vor. — Hieran dachte jedoch Niemand, auch wußte Marsan die Unterhaltung so zu lenken, daß durch sie die Gesellschaft hinlänglich beschäftigt ward. So allein war es möglich, daß man die Equipage Cölestinens, worin in der That sie mit ihrem Gemahle saß, zum zweiten Male begegnete — ohne daß Jemand etwas davon merkte. Nur der Chevalier machte hiervon eine Ausnahme.... er warf in einem Augenblick, wo alle Andern tausend Schritte weit davon wegsahen, einen raschen und kurzen Blick in den Wagen; dieser Blick jedoch war hinreichend, um in Marsans Geiste eine Fülle entzückender Bilder — in seinem Herzen eine Fülle heißer Wünsche zu erregen....

Alles dieses schien jedoch äußerlich nur dazu zu dienen, um aus seinem Munde ein kaltes, gleichgiltiges Gelächter, wie man ein solches hundert Mal des Tages aufschlägt, zu locken, womit er sich dann an seine Umgebung wandte, indem er dabei nach zwei Jungen wies, die in einiger Entfernung davon sich balgten.

Man kehrte noch vor dem Jägerhause um und begab sich auf den Rückweg. Der Chevalier war nicht heiterer und auch nicht trauriger wie zuvor. Es schien nichts vorgefallen zu sein. Er sprach über Dieses und Jenes, kam aus dem Hundertsten ins Tausendste, wie es der Charakter einer Conversation unter jungen Männern dieses Standes mit sich bringt.

Am Eingange des Praters trennte sich die Gesellschaft und zerstreute sich nach verschiedenen Gegenden. Der Chevalier und Edmund indeß blieben beisammen, da der Erstere ihn eingeladen hatte, seine Wohnung kennen zu lernen und mit ihm zu Mittag zu speisen.

„Wir haben uns ja so lange Zeit nicht gesehen — und so müssen wir uns endlich recht fest und ordentlich ansehen. Ach, mein Freund, wie freue ich mich, so wider Vermuthen mit Ihnen zusammengetroffen zu sein!“ bemerkte Marsan.

„So wußten Sie also nicht, daß ich in Wien sei?“

„Gewiß nicht; ich vermuthete Sie tausend Meilen weit von hier. Sie stießen mir ja in keiner der ersten Gesellschaften auf...“

„Mein Freund — der Grund hievon ist die Heirath meiner Schwester. So lange sie nicht in die Gesellschaft zurückkehrte — hielt ich es für passend, ihr darin zu folgen.“

„Sehr richtig; dies beweis’t einen feinen Takt, lieber Edmund. — Uebrigens — wird vielleicht die Abgeschiedenheit der Gräfin A—x, Ihrer Schwester, nicht mehr lange dauern...“

„Ich vermuthe es selbst, nachdem ich weiß, daß sie sich heute im Prater gezeigt hat. — Ach, die theure Cölestine! Wie gerne hätte ich sie gesehen!“

Dieses Gespräch über Cölestine schien den Chevalier sehr anzuziehen und er suchte den Andern so lange als möglich dabei festzuhalten. Sie gelangten so in die Wohnung Marsan’s, welcher eine Etage auf dem Graben gemiethet hatte und sich hier mit fürstlichem Glanze umgab.

Eine reichgallonirte Dienerschaft empfing sie in der Einfahrt des Hauses und nachdem die Freunde vom Pferde gestiegen waren, schritten sie hinauf in eine der prachtvollsten Belletagen, welche Edmund jemals gesehen.

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