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Wege und Umwege

TORSCHLUSSTYPEN

Reading edition

Man hat den Futurismus vielfach als „beißende Satire“ auffassen wollen, als einen Hohn auf die Kritiklosigkeit der Menge, für die kein Humbug grob genug sei, — aber ich glaube da an keinen Spaß, höchstens einen, der dem Ernst zuvorgekommen wäre. Denn ich kann mir unsere Zeit ohne den Futuristen garnicht denken. Waren sie nicht als Nachzügler vor Torschluß noch gerade recht eingezogen, so würde den künftigen Dokumenten über unsere Epoche ein Blättchen fehlen. Nicht daß ich leugnen wollte, es sei ein grausamer Spaßmacher gewesen, der als erster den Futurismus „in Malerei setzte“. Es mag wohl eine Posse gewesen sein, ihm zu einem so drastischen Organ zu verhelfen und ihm „mit dem Pinsel zu kommen“; ich leugne nur, daß er durch die Malerei entstanden sei. Wer eine Anzahl junger Leute aus bestimmten Jahrgängen kennt, der sieht im Futurismus der Maler vor allem eine Inversion, und er wird den Maler nicht mit dem Modell verwechseln, weil dieses zufällig so gut getroffen ist, und in diesem Falle so leicht zu treffen war. So wird er nicht umhin können, zu finden, daß der Futurismus, rasch bevor er antiquierte (was seine unweigerlichste Bestimmung ist), durch die futuristischen Maler glänzend fixiert und der Nachwelt überliefert wurde. Ihre Bilder haben eine sehr schöne Zukunft, wenn auch nicht in der Malerei, so doch in der Kulturgeschichte, wo sie weniger ihren Rang, als ihren Platz einzunehmen bestimmt sind, um dereinst äußerst interessanten Quellenstudien zu dienen. Daß man tatsächlich einmal so malte, wird dabei von ganz relativem Interesse sein, wie nicht der Name des Schneiders von Belang ist, der diese oder jene wunderliche Tracht zurechtschnitt; wohl aber, daß man sie trug, daß man wirklich einmal so einherging. So wird künftig die merkwürdige Tatsache interessieren, daß es Personen gab, die genau so dachten und empfanden, wie es die futuristischen Bilder heute veranschaulichen.

Und wie ließen sich Leute, welche die Dinge ununterschiedlich sehen, besser als durch das Darstellen eines „Alleszugleichsehens“ persiflieren? Solche Leute aber gibt es heute! Ich kenne sie sehr gut. Wollte ich sie aber beschreiben, so wird — ich warne den Leser auch — alsbald ein futuristisches Bild daraus werden.

Also solche junge Männer (sofern man sie Männer nennen kann), solche junge Männer also sehen auf den ersten Blick mit nichten wie die ausgemachten Narren aus, die sie doch sind. Oft manierlich und gut gekleidet (denn der aktive Futurismus, setzt ein gewisses Nichtstun voraus, und die Not machte ihm schnell den Garaus), können sie sogar durch eine gewisse sterile Urteilsschärfe in belanglosen Dingen, eine scheinbare Kompetenz in nichtssagenden Details über ihren vollkommenen Mangel an Verständnis recht glücklich hinwegtäuschen. Zudem sie mit ihrer eigentlichen Narrensprache nur unter ihresgleichen herausrücken. Nur da heben sie das Visier von ihren unheimlichen Ohrfeigengesichtern und gestehen sich lächelnd ein, wie unsagbar hoch sie über den Ereignissen des Tages stehen. Mit der den Narren eigentümlichen Schläue bringen sie es daher auch fertig, nie zu wissen, was alle Welt weiß, weil es unter ihrer Würde ist, zu erfahren, was in der Zeitung steht; sie finden das gemein. Sie fanden es gemein, sollte ich besser sagen. Denn das ist ja das Witzige am Futurismus, daß er mit diesem Namen in Szene tritt, als die Futuristen schon aufgehört hatten zu sein, und zum Teil vernünftiger, zum Teil kleinlauter geworden waren. Schnell bevor sie ganz um die Ecke waren, nahm sie da der Futurismus noch beim Schlafittchen und entlarvte sie. Ihre kurze Blüte fiel in die Zeit der ersten Luftschiffahrten. Damals rannte einmal ein atemloses Stubenmädchen an die Stubentür eines solchen Jünglings und rief ihm zu, daß soeben ein Aeroplan über dem Dache flöge. Er zog daraufhin die Brauen hoch, begab sich zum Fenster, machte ein überlegenes Gesicht und zog die Vorhänge zu. Aber noch capabler dünkte er sich, wenn er inmitten einer durch Kriegsgerüchte oder eine schreckliche Katastrophe aufgeregte Menge geratend, von den grellen Plakaten, die an allen Straßenecken alarmieren, Kenntnis zu nehmen verschmäht. Denn er ist eitel wie ein Krämer, ein verkappter aber unverbesserlicher Bourgeois. Das Leben ist ihm ein großes Federbett, in dessen Daunen er seine Existenz so behaglich versenkt, daß von einem Überblick keine Rede sein kann. Gehört er (dessen chaotische Zustände gewisse Bilder uns heute veranschaulichen), gehört er doch ach! zu den zweifelhaften Produkten, die ein langer Friede zeitigen durfte. Seine Generation neigt ohnehin dazu, die Dinge zu nivellieren und die Abstände, die zwischen ihnen liegen, nicht zu merken. Er aber, als die Karikatur seines Jahrganges, nimmt überhaupt keine Unterschiede wahr. Für ihn gibt es kein Hoch und Niedrig, kein Gut und Böse, weder Scheidungen noch Schranken, nur seine berühmte Amoral, und eine weite Düne ohne jegliche Akzidenzen. Er wird es für absolut zulässig, was sage ich, er wird es für geistreich halten, seine Frau mit einer Kokotte verkehren zu lassen, wie er denn überhaupt zur Wertschätzung der Kokotte ungemein neigt. Infolgedessen ist er für das Verdienst, den inneren Wert, das Talent, das Genie, für alles, was die Menschen so unüberbrückbar voneinander sondert und was eine so strenge unsichtbare Hierarchie unter den Menschen aufrechthält, so unempfindlich und blind wie ein Tier auf der Weide. Er lehnt es ab zu vergleichen, er wird nie etwas verehren, wie es zu seinem unerläßlichen Merkmal gehört, daß er nie in den Dunstkreis eines bedeutenden Menschen trat. Er wird höchstens für etwas so Unvorhandenes wie die tote Mischfarbe einer Papierblume oder die erdichtete Kurve eines Mauseschwanzes Begeisterung äffen. Denn nichts ist ihm trostlos und öde genug, und was die futuristischen Bilder uns zeigen, das ist er.

Weswegen denn auch kein Wort, noch weniger ein Bild über ihn zu verlieren gewesen wäre, hätte er als Typ nicht etwas so Ominöses. Mag die Zeit noch so achtlos über ihn hinwegziehen, seine Existenz jagt doch das leise Grauen der Verwirrung ein, einer Verwirrung der Zeit selbst, wie jener grotesk-schauerliche Gedanke eines allseitig unerwünschten europäischen Krieges, den wir bei aller Rückständigkeit noch immer in die Zukunft rücken sehen. Auf die Möglichkeit solcher Verwirrung deuten — für das Gefühl — manche Verirrungen hin, die der Politik ganz fernab liegen: die allzuvielen unmännlichen jungen Männer dieser Epoche, die nur aus Verlegenheit ein Interim von Generation zu bilden scheinen, ja sogar so geringfügige Symptome wie die Ratlosigkeit der heutigen Mode. Den besten Schneidern fällt plötzlich nichts mehr ein, und die Kleider variieren in derselben Tonart provisorisch weiter. Vieles mahnt heute an die Ebbe, bevor die neue Flut ihre ersten Wogen ans Ufer wälzt.

1913 Neue Rundschau.

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