RANDGLOSSE ZUR PSYCHOLOGIE DER NATIONEN.
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Es ist nicht anders: eine Nation fällt meist unter dieselben Gesichtspunkte wie der einzelne Mensch, der, je nachdem seine Licht- oder Schattenseiten hervortreten oder ins Auge gefaßt werden, uns höchst liebenswert erscheinen kann, oder höchst wert, daß er zu Grunde geht.
Und wo wäre heute die Nation, an der nicht hassenswerte Züge hafteten?
Ich gedenke eines dreitägigen Aufenthaltes in einer englischen Pension in Florenz, mit 45 englischen Spinsters. — In ihrer Haltung, ihren Ellenbogen, ihren fantasielosen Fingerknöcheln, dem Behagen und der Gravität, mit der sie ihren Afternoon-Tea ins Auge faßten, ihre Bröter bestrichen und über Italian Art verhandelten, feierte die englische Borniertheit wahre Orgien. Man glaubte eine weit vorgeschrittene Tumeur Nationale vor sich zu haben; und es war erdrückend, ja, es war fast spukhaft, so wenig existenzberechtigt und zugleich so lady-like zu sein!
Einige Tage später hatte ich das Mißgeschick, in Rom einer Aufführung des Tristan beizuwohnen. Der Dirigent, der das Hornsolo am Schlusse der Introduktion zum III. Akt als weinerliche Berceuse auffaßte, konnte sich an seinen falschen Betonungen nimmer satt hören und zog und dehnte sie mit wahrer Wonne immer mehr hinaus. Und als dies überstanden war, erlebte man einen, jenem Hornsolo entsprechenden, als männliche Cameliendame dahingestreckten Tristan.
Ganze Scharen hochfahrender Betrachtungen und Vergleiche drangen da unwillkürlich auf mich ein; und meine Blicke schweiften im Hause umher, wie um ein deutsches Wesen ausfindig zu machen und einen verständnisvollen Salut mit ihm zu wechseln. Denn was hatten wir für Orchester, was hatten wir für eine Auffassung, und überhaupt, was waren wir für Leute!
Allein errötend erkannte ich da gleich in meiner nächsten Nähe — in einem Aufzug, der meine nationale Eitelkeit auf das Empfindlichste verletzte, — eine deutsche Familie. Und dabei mußte ich mir zugestehen, daß diese Leute sich ebenso unverkennbar als Deutsche, wie die Spinsters der Florenzer Pension auf den ersten Blick als Britinnen sich verrieten. —
Es ist ja stets eine ungeheure Mannigfaltigkeit von Dingen, aus welchen sich in der Physiognomie einer Nation das Charakteristische gewisser einheitlicher Züge zusammenstellt. Der Schwerpunkt solcher Probleme liegt denn auch in ihren Beziehungen, so daß wir einer Lösung näher schreiten, je synthetischer wir hier verfahren; doch sind es Beziehungen, an welchen nur zu oft, durch die geringe Sichtung, welche sie bisher erfuhren, der Schein des Unzusammenhängenden haftet.
Unvermittelt erregten in mir jene deutschen Touristen lebhafte Betrachtungen über die Reformation. Und weil die Größe der Gesinnung zwar die persönliche Verantwortung, doch keine Konsequenzen deckt, erschien mir Luther als eine tragische, doch höchst unpolitische Gestalt; der Kahlheit wegen, die sich im Lauf der Zeiten in den Lutherischen Protestantismus schlich; denn es liegt seiner unkatholischen Färbung ein unkünstlerisches Element zu Grunde, vor dem sich zwar der deutsche Geist schadlos halten konnte, das deutsche Naturell aber nicht ohne bedenkliche Einbuße blieb. Im katholischen wie im protestantischen Deutschen ist heute der katholische Zug zur Temperamentssache geworden: der Lutherische Protestantismus ist einmal nichts fürs Auge!
Zeitler Almanach 1907.