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Wege und Umwege

DAS LEBEN DER HEILIGEN WALPURGA

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Welch’ goldumwobene Täler tun sich dem Blicke auf, der einzudringen sucht in das Wesen des Wunders! Der Schwung, der den Menschen vom Tiere weg zu einem neuen Tag und neuen Ufern hinwies, fuhr fort, ihn zu bewegen. Vom niedrigsten zum höchst Gearteten gähnte schon ein Abgrund, als der Heilige neue Höhen erklomm. Mußte der weit überbotenen Natur, mußte diesem neu geschaffenen Erdreich das Übernatürliche nicht „natürlich“, wie die Blume dem Abhang entsprießen?

Der Tod, so heißt es, sei durch die Sünde in die Welt gekommen. Aber dem wirklich Wahren ist ja stets von mehr als einer Seite beizukommen, und es trägt stets ein doppeltes Gesicht. — In der Idee des Menschen lag das Prinzip des Todes nicht enthalten. Es war nicht gemeint, daß er sterbe. Die Torheit und der Schimpf des Todes waren ihm nicht zugedacht. Es entsprach ihm nicht, daß er modere; noch solcher Möglichkeiten, wie daß der Wolf oder die Hyäne ihn, den Herrn, stumpfsinnig zu seinem Fraß erniedrige. Dies war von einem höheren Plane aus gesehen wider die Natur. Nicht aber, daß unter den Füßen des Gottmenschen ein aufrührerisches Meer sich wie zu Marmor-Fließen glättete, um seine Schritte hinzutragen.

Nur dem Chaos sehen wir Halt geboten, nur die Ordnung scheint uns hergestellt, wenn wir vernehmen, daß Walpurgas Leichnam unversehrt gefunden wurde und ihr blühweißes Gebein von einem duftenden Oel tauartig troff. Gott allein weiß, wen er zu ehren hat. Daß er in das Herz des Menschen sieht, heißt soviel, als daß der Mensch es nicht sieht. Denn seine Psyche ist ein Angesicht, nur für ein höheres Ich ersichtlich. Und wenn es heißt, daß reine Herzen Gott schauen werden, so heißt dies, daß Gott sie schaut. Und darum heißt es, daß der Herr des Lügners Angesicht nicht sieht und seine Stimme nicht hört. Denn sein Augenstrahl dringt nur zu dem was ist. — Ach, zwei Welten gibt es, die einander meiden müssen! Wo das Seiende seinen stobenden Funken auf die Welt des Scheines hinschlägt, da ist ihr starres unabwendbares Gesetz ungewesen und zerflossen. Wie jene Strahlen, die Fleisch und Blut übersehend, sich nur auf Wirbel und Knochen richten, so ist ein Auge denkbar, das absieht von Bergen und Wolken und Kuppeln, Dächern, und der menschlichen Hülle. Ein moderner Denker hat jene vageste und zugleich bestimmteste Art des Fassens zu Ehren gebracht, die ein auf das verstandesmäßige Sehen verzichtleistendes Schauen ist — jener unter Schutt und Gebälk ringende Funken, Intuition genannt, kraft deren sich die Kreatur ihrem Joche entzieht und das Unfaßliche erfaßt.

Der Pförtner, der sich eines Abends weigerte, Walpurgas Befehle auszuführen, und die Lichter ihres Klosters anzustecken, ist das Bild des unintuitiven Menschen, der immerzu sieht und nie erschaut, indes Walpurgas lauterem Herzen ein Licht entquoll und ihre Gestalt umflutete, die mitten in der Nacht so hell zu leuchten begann, daß die Schar der Nonnen bestürzt herbeieilte und sprachlos vor Staunen die Strahlende umringte.

Aber die dem Unwahren überwiesene, vom Schein genarrte und gefolterte Kreatur hat das nur der Intuition erkennbare Wahre diskreditiert und das Wort Mirakel dafür gesetzt.

1911.

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