DIE MARKGRÄFIN VON BAYREUTH
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Es gibt Menschen, welchen das Schicksal die volle und glückliche Auslösung ihrer Fähigkeiten so sehr verkürzt, daß wir ihnen nur gerecht werden, indem wir neben ihren Betätigungen auch ihre Möglichkeiten ins Auge fassen. Zu ihnen gehört die älteste Schwester Friedrichs des Großen, Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth.
Ihre Mutter, die Königin Sophie Dorothea von Preußen, versah sich nur in den Mitteln und Wegen, nicht aber in der Höhe der für ihre Tochter angestrebten Ziele; denn wäre diese wirklich Königin von England geworden, ihr Name stünde heute unzweifelhaft als der einer großen Regentin in der Geschichte verzeichnet. Elle aurait certainement compris les grandes Affaires, wie Lavisse von ihr sagte. Ihre oft gerügte Unkenntnis der politischen Konjunkturen, wie ihr Mangel an historischem Überblick rührten nicht von mangelndem Verständnis, sonder von mangelnder Schulung her; sie hat diese Lücke später aus freien Stücken so wohl zu ersetzen gewußt, daß Friedrich, der nicht leicht etwas aus der Hand gab, sie während der schwierigsten Phasen des siebenjährigen Krieges sehr heikler Unterhandlungen walten, mit Vertretern fremder Nationen verhängnisvolle Fäden anknüpfen, selbst diplomatische Instruktionen erteilen ließ. Für sie fand der große Spötter Voltaire nur Worte der Anerkennung, und für Friedrich blieb sie die Unvergeßliche, deren Andenken er wie kein anderes gefeiert hat. Seine hohe Meinung von ihrem Werte sollte jedoch von der Nachwelt nicht unwidersprochen fortbestehen; vielmehr wurde durch die Veröffentlichung ihrer Memoiren, so fesselnd und geistvoll sie sind, das Urteil späterer Geschichtsschreiber in vielfach ungünstiger Weise bestimmt.
Die Denkwürdigkeiten der Markgräfin von Bayreuth erschienen zum ersten Male in Tübingen, und zwar in deutscher Übersetzung, von Dr. Cotta herausgegeben, und umfaßten die Jahre 1709 bis 1733. Im selben Jahre veröffentlichte von Osten in Braunschweig das von 1706 bis 1742 führende französische Original. Zeit und Ort des Erscheinens: das Jahr 1810 und die preußenfeindlichen Rheinbundstaaten verrieten nur zu deutlich, wie sehr mit der Publikation dieser höchst interessanten, mitunter aber sehr verblüffenden Mitteilungen eine sensationelle Wirkung beabsichtigt war. Der Streit entspann sich fürs erste zwischen beiden Herausgebern, von welchen sich jeder darauf berief, der alleinige Besitzer des Originalmanuskripts zu sein. Da sich aber beide Handschriften in der Folge als Kopien erwiesen, mußte die Echtheit der Memoiren bis zu dem Tage angezweifelt werden, an dem Pertz im Jahre 1848 das wirkliche Originalmanuskript der Markgräfin bei einer Bücherversteigerung entdeckte. Es stammte aus dem Nachlaß ihres ehemaligen Leibarztes Dr. von Superville, war, dank einer Abschrift, durch die Braunschweiger Ausgabe schon veröffentlicht worden, und brach wie dieses mit dem Jahre 1742 ab. Zugleich führte es aber bis ins Jahr 1754, da es auch mit dem Vermerk: ceci ne doit pas être imprimé das versiegelte Tagebuch aus Italien enthielt. In den Memoiren fanden sich viele noch ungedruckte Stellen vor; mehrere Blätter waren herausgerissen, oder durch Alter beschädigt und nicht nur zahllose einzelne Stellen durchstrichen, sondern ganze Seiten verworfen, und durch einen neuen Text ersetzt. Jeder Zweifel an der Echtheit der Memoiren war nunmehr behoben, und es erübrigte sich nur mehr die Frage ihrer Glaubwürdigkeit. Daß sie durch Legat in die Hände Supervilles gelangt waren, ist zwar behauptet, jedoch nie mit Sicherheit erwiesen worden; so wenig wie der Ursprung all der Abschriften, die schon früh in Umlauf kamen; entsprach es doch der Sitte der damaligen Zeit, mit Manuskripten hoher Persönlichkeiten allerlei Mystifikationen und Mißbräuche zu treiben. Weder für die Verantwortlichkeit der Markgräfin in Hinsicht der Verbreitung ihrer Memoiren noch der Zeit ihres Entstehens, haben sich trotz aller Nachforschungen bestimmte Angaben ermitteln lassen. Die Feststellung gerade dieser negativen Resultate aber ist für die Beurteilung der Markgräfin von großer Wichtigkeit, besonders wo es sich, wie hier, um die mit so mannigfachen Streichungen, Umarbeitungen und Zusätzen versehene, spätere Redaktion der Denkwürdigkeiten handelt, wobei zwar ihr Talent gereifter und glänzender zu Tage tritt, ihr Urteil aber um vieles härter und schonungsloser zum Ausdruck kommt. Denn verglich man dieses Urteil mit brieflichen Äußerungen der Markgräfin aus derselben Zeit, so ergaben sich bedenkliche Widersprüche, und nicht nur chronologische Irrtümer, sondern nachweisbare Entstellungen von Tatsachen und Briefen. Da mußte es denn nahe liegen, daß man über die Verfasserin ziemlich formell zu Gerichte saß, sie der Doppelzüngigkeit und Verlogenheit zieh, die Aufmerksamkeit auf ihre politische Ahnungslosigkeit sowie ihre Unkenntnis historischer Vorkommnisse lenkte und damit ihre Person, und zum Teil ihre Memoiren für erledigt hielt.
Wird sie von Ranke mit ziemlicher Kälte ihres Weges beschieden, so schlägt Droysen schon fast den Ton des Staatsanwaltes ihr gegenüber an, welcher dann bei Onckens Schüler Bernbeck pflichtschuldig in Grobheit ausartet.
Sein Ton kontrastiert lebhaft genug mit der ritterlichen Weise Carlyles, dem Wilhelmine zwar die „schrille Prinzessin“ ist, der nie müde wird, auf ihre Übertreibungen hinzuweisen; wo er sich auf ihre Aussagen beruft, das „Verkleinerungsglas“ nie aus der Hand legt, und dennoch ein so edles Bild von ihr festhält. Und es zeigt sich heute, da wir gelernt haben, eine weniger summarische Psychologie zu treiben, wie sehr er ihr gerade in seiner Parteilichkeit gerecht wird.
Um sie zu verdammen, wären Daten erforderlich, die uns wahrscheinlich für immer entzogen sind, da ihre Memoiren bedauerlicherweise unvollendet blieben. Wir wissen nur, daß zwei Fassungen derselben bestanden, — das Original der früheren ging verloren — daß die spätere in durchaus schärferem und boshafterem Sinne umgearbeitet wurde, und daß zwischen beiden Redaktionen Jahre liegen. Es fragt sich nur, wie Fester hervorhebt, welche Jahre.
Die Markgräfin nennt uns für ihre Memoiren ein einziges Datum, nämlich: das Jahr 1744, als dasjenige, in welchem sie die Schilderung der Eremitage entwirft. Weitere Schlüsse lassen sich nur noch aus einer Stelle ziehen, welche den Tod des Fürsten Leopold von Dessau, der im Frühling des Jahres 1747 fiel, voraussetzt. Fester nimmt als Zeit der Abfassung die „Jahre der Erbitterung“ 1742—1747 an, während ihrer Entfremdung und vor ihrer Aussöhnung mit Friedrich; und keine Vermutung könnte glaubwürdiger sein, als daß die Markgräfin gerade in jenen Zeiten innerster Verlassenheit Trost und Ablenkung in ihren Erinnerungen suchte, dabei aber die Not des Augenblickes auf lichtere Tage übertrug, und Vergangenes mit den Schatten der Gegenwart übermalte.
Bisher war immer noch Sonne in ihrer „carrière d’adversité“. Ihre wechselvollen und durchkreuzten Pfade sind stets von der großen, fast ausschließlichen Liebe ihres Bruders, später der ihres Gatten erhellt. Als sie sich mit diesem durch fremde, mit jenem größtenteils durch eigene Schuld zerworfen, und ihrer Familie entfremdet fühlte, da suchte sie einen imaginären Halt in ihrer eigenen Erbitterung. Über diese selbst sich uns mitzuteilen, versagte ihr jedoch der Mut, und so entnehmen wir ihre ferneren Schicksale ihren Briefen und den Briefen ihres Bruders.
Eine merkliche Kühle zwischen den Geschwistern war schon seit Friedrichs Thronbesteigung eingetreten. Die herrische Haltung, in die Friedrich als junger König verfiel, der Abstand, der sich jetzt zwischen seiner und ihrer Stellung geltend machte, ihr unbefriedigter Ehrgeiz, dies alles quälte die Markgräfin schon lange. Aber äußerlich stand alles noch beim Alten, als Friedrich im September 1743 zum Besuch der Schwester in Bayreuth erschien. Zwar konnte er nur kurz bei ihr verweilen und mußte politische Nebenabsichten mit dieser Reise vereinen, da er bei den süddeutschen Reichsfürsten eines Rückhaltes gegen Österreich bedurfte, ließ aber seinen Hofstaat, seine Sänger, seinen Bruder, den Prinzen August Wilhelm, und vor allem Voltaire bei ihr zurück. Dieser sollte nun der wahre Mittelpunkt all der Festlichkeiten werden, die jetzt auf kurze Zeit das stille Bayreuth mit so viel Glanz und Leben überzogen, und in diesen froh bewegten Tagen fühlte sich die geistvolle und gesellige Fürstin in ihrem Elemente; einem Manne wie Voltaire mußte sie sich in ihrem besten und zugleich wahrsten Lichte zeigen. Sie war nichts für Philister, für einen bedeutenden Verkehr aber wie geschaffen. Wies doch ihr eigener Geist nichts von den Halbheiten und Unzugänglichkeiten auf, die selbst bei talentierten Frauen nicht selten verdrießen: er war vom Besten wie edler Wein.
So mußte ihrem großstädtischen Sinn die froh bewegte, wohl etwas geräuschvolle Note, die während Voltaires vierzehntägigen Aufenthaltes in dem abgelegenen Städtchen anschlug, von Grund auf zusagen, als jedoch Friedrich zurückkehrte und mit dem ganzen glänzenden Gefolge wieder von dannen zog, sollte sie auf lange verklungen sein.
Schon wenige Monate später entstand zwischen der Markgräfin und dem König Friedrich das große Zerwürfnis. Der Markgraf hatte sich vor Jahr und Tag in eine ihrer Damen, Fräulein von Marwitz, verliebt, und trug jetzt seine Neigung immer offener zur Schau. Wilhelmine fühlte sich durch seine Untreue nicht nur ins Herz getroffen, sie empfand sie in ihrem Stolze als eine nicht zu verwindende Schmach. Sie setzte indes, wohl um die Rivalin zu entfernen, deren Heirat mit dem österreichischen Grafen Burghaus durch. Hiermit brach sie aber, wie man aus den Memoiren ersehen wird, ein ihrem Vater, dem König Friedrich Wilhelm gegebenes Versprechen, und beschwor zugleich den Bruch mit Friedrich herauf, dessen Interessen durch diese Ehe in rücksichtsloser Weise mißachtet wurden. Die gehoffte Entfernung der Marwitz unterblieb, der österreichischen Partei aber, deren Einfluß Friedrich bei seinem Besuche in Bayreuth schon wahrgenommen hatte, ward durch diese Ehe ein neuer Vorschub gewonnen. Die Markgräfin stand nun bald vor aller Welt in einem sehr zweideutigen Lichte. Als sie vollends der zur Krönung nach Frankfurt ziehenden Maria Theresia huldigend entgegen kam, mußte dies nicht nur bei ihrem Bruder, sondern bei allen ihren Angehörigen Entrüstung hervorrufen. Für die feindlichen Strömungen am Bayreuther Hofe, wie für die anti-preußischen Presse-Äußerungen in ihrem Lande, wurde sie nun verantwortlich gemacht. Aber sie schien alles, selbst die gehaßte Nähe der Burghaus-Marwitz eher zu ertragen, als daß sie es über sich brachte, durch einen Skandal das offene Zugeständnis dessen zu geben, was doch alle Welt seit Jahren wußte und besprach. Je einfacher ihre Motive gewesen waren, desto komplizierter und rätselhafter wurde jetzt ihr Verhalten, so daß zuletzt selbst Friedrich irre an ihr wurde. „Une vraie querelle d’amants“ hat Lavisse ihr Zerwürfnis genannt. Und in Wahrheit konnte nur die tiefste innere Zusammengehörigkeit einer so andauernden Entfremdung standhalten. Die spärlichen Briefe, die Friedrich während der folgenden Jahre an die Markgräfin richtet, sind meist diktiert; nur hin und wieder gibt ihr ein Vorwurf oder eine grimmige Anspielung zu verstehen, wie schwer Friedrich den Verlust dieser Freundschaft empfindet. Wilhelminen mag er in ihrer inneren Verlassenheit wohl noch schmerzlicher gefallen sein. Dennoch wurde beiderseits nichts unternommen, die stets größer werdende Kluft zu überbrücken. Ohne die freundliche Vermittlung des Prinzen August Wilhelm hätten sie den Weg zu einander wohl nie wieder gefunden. Durch ihn wurde im Jahre 1746 endlich eine Versöhnung der Geschwister angebahnt, und im Spätsommer des folgenden Jahres folgte Wilhelmine einer Einladung Friedrichs nach Berlin. Was sie ihm auch jetzt noch verschweigt, verraten ihm ihre abgehärmten Züge und ihre Erschöpfung; und mit seinen durchdringenden Augen sieht er Dingen auf den Grund, die auch die letzten Schatten seines Grolles verscheuchen.
Wilhelmine hatte bei ihrer Abreise die Burghaus todkrank zurückgelassen und glaubte sich auf immer von ihr befreit. Statt dessen tritt diese der zurückkehrenden Markgräfin wohlbehalten und triumphierend entgegen. Es kommt nun doch zu der so lang vermiedenen Szene. Die Burghaus sieht sich zwar genötigt, das Schloß zu räumen, bezieht aber dafür, auf Kosten des Markgrafen, eine Wohnung im Gesandtschaftspalais. Ihr Gatte war ruiniert, ihr eigenes Vermögen aber, infolge ihrer Heirat mit einem Österreicher, die einzig und allein Wilhelminens Werk gewesen war, gesetzmäßig eingezogen worden. Diese entschließt sich nun endlich, ihren Bruder zu Hilfe zu rufen; er allein kann sie aus ihrer Lage retten. Der Brief, in dem sie ihm gegenüber die Sachlage erörtert, ist noch gewunden genug, aber Friedrich weiß jetzt längst, welches Geständnis aus ihren gepreßten Worten und zwischen den Zeilen ihrer Briefe herauszulesen ist, und er zögert keinen Augenblick, ihr beizustehen: der Burghaus wird ihr väterliches Erbe ausbezahlt unter der Bedingung, daß sie Bayreuth sofort verläßt. Die unerquickliche Episode findet somit ihr Ende.
Sie hatte zu lange gewährt, und einen so finsteren Ring um Wilhelminens Leben gezogen, daß die elastische, trotz aller Lamentos so frohlaunige Fürstin daran zerschellte. In immer schlimmere Widersprüche geratend, mit der Feindin befreundet, den Freunden verfeindet, läßt sie heterogenen Einflüssen ungehinderten Lauf, ihr Gemüt aber bis zur Krankhaftigkeit sich steigern, indem sie eine unerträgliche Situation, die sie als inavouable empfindet, scheinbar nicht bemerkt.
In diesem Konflikt einer Selbstlüge, nicht in ihrem Charakter ist das Geheimnis ihrer vermeintlichen Verlogenheit zu suchen, wie ihrer vermeintlichen Härte und Herzlosigkeit, und der wahre Grund so mancher Widersprüche zwischen ihren Memoiren und ihren Briefen. Ihre bitteren Ausfälle gegen Friedrich aber stimmen ebenso gut zu ihrem Verhalten während jener Jahre der Entzweiung, als sie mit ihrem späteren kontrastieren. So war es, in Ermanglung aller Gegenbeweise, eine Zubilligung, ihre Memoiren in eben diese Jahre zu verweisen.
Dazu kommt, daß selbst den klügsten Frauen nicht entfernt dasselbe scharfe Gefühl für die starke Realität des geschriebenen Wortes innewohnt, wie dem Manne. Bei aller Begabung, die aus dem Buche der Markgräfin hervorleuchtet, steht sie sich dabei doch sehr im Lichte, weil es ihr zwar nicht an literarischem Talente, aber ganz und gar an literarischer Perspektive fehlt. Der schöne Nachruf Friedrichs des Großen an seinen Vater ist darum nicht minder schön, weil darin auch nicht eine Spur jener Subjektivität zu finden ist, mit welcher doch auch Friedrich sich seinerzeit brieflich über seinen Vater ausläßt. Es ist darum nicht minder schön und nicht minder empfunden, weil Friedrich das Gefühl für die objektive Wirkung dieses, auch für ihn selbst so ehrenvollen Nachrufes in sich trug. Der innere Vorgang ist hier so einfach, daß es sicher kein Kalkül, kaum ein Bewußtsein zu nennen ist, daß es vielmehr einem Manne kaum begreiflich scheinen muß, wie er bei einer so überragenden Persönlichkeit wie der Markgräfin davon absehen soll.
Um ein wahres Bild von ihr zu gewinnen, dürfen wir der Umgebung, von welcher es sich so mächtig abhebt, nicht vergessen. Hier hat sie sicherlich nicht übertrieben. Sie war, noch sehr jung, nach all den großartigen Aussichten, mit welchen sie aufwuchs, in ein Provinz-Städtchen und in eine geistige Öde verschlagen worden.
Wenn wir von Voltaires kurzem Aufenthalt in Bayreuth und den paar Besuchen und Gegenbesuchen zwischen ihr und Friedrich absehen, war die Anregung im Leben der Markgräfin sehr gering. Nur durch sie ward in ihrem Ländchen für Architektur und Musik, für Kunst und Wissenschaft ein Boden gewonnen, und ohne sie wäre die kulturelle Geschichte Bayreuths ein leeres Blatt. An dem adeligen Stempel, den sie dem Städtchen aufdrückte, hat ihr liebesfroher Markgraf keinen Teil. Und sie war es, welche Bayreuth „créierte“.
Volle Würdigung ihrer Interessen wie ihrer Initiative findet sie hier nur bei ihrem Leibarzt von Superville, der ihr seine reichen Fähigkeiten und sein organisatorisches Talent zu Diensten stellt, ihr die Gründung der Universität Erlangen ermöglichte, und ihr neun Jahre hindurch als Freund und berufener Ratgeber zur Seite steht. Daß sein Sturz sich um dieselbe Zeit ereignete, in welcher die Burghaus aus Bayreuth verwiesen wurde, hat zu der Hypothese geführt, Superville habe sich als Arzt die Freiheit genommen, den Markgrafen zu warnen, daß er seine Liaison mit der Marwitz auf die Dauer nicht aufrecht halten könne, ohne an die zerrüttete Gesundheit der Markgräfin gefahrvolle Zumutungen zu stellen. Gewiß ist, daß sie Superville aufs wärmste an ihre Schwester, die Herzogin von Braunschweig, anempfahl, an deren Hofe er bis zu seinem Ende verblieb. Die Bedeutung dieses Mannes scheint übrigens größer gewesen zu sein wie sein Prestige. Falls sie ihm wirklich das Originalmanuskript ihrer Memoiren zum Vermächtnis machte, scheint sie sich gewisser wenig schmeichelhafter Stellen betreffs seiner nicht mehr erinnert zu haben, eine Vergeßlichkeit, die wieder darauf hindeuten würde, wie wenig sie sich in ihren letzten Jahren mit ihren Memoiren befaßte.
Es brach durch ihre Versöhnung mit Friedrich eine so andere Zeit für sie an, so wenig geeignet, sie weiterhin zu Rückblicken anzuregen. In den Jahren 1750 und 1753 verweilt sie wieder auf einige Zeit zu Besuch ihres Bruders in Berlin, 1754 besucht er sie zum letzten Male in Bayreuth, und im Herbst desselben Jahres tritt sie ihre langersehnte Reise nach Italien an. In Lyon kommt sie wieder mit Voltaire zusammen; sie hat besser als ihr Bruder die Regungen seines Herzens durchschaut, das die Bewunderung für den großen Friedrich so wenig als die erlittene Kränkung verwinden konnte, und sie versteht es, neue Brücken zwischen ihnen anzubahnen. Mit ihrer Reise nach Italien, das sie mit so offenen Augen betrachtet hat, ist dann das Register ihrer sonnigen Tage geschlossen. Wenn aber sieben Jahre der Entfremdung ihre Liebe zu Friedrich nicht ertöten konnten, so steigert sie sich jetzt, da seine Lage immer bedrängter wird, ins Heroische, und nicht länger darf sich Maria Theresia der Sympathien seiner Schwester rühmen: Wilhelmine politisiert, intrigiert und vermittelt, sucht durch Folard, den Vertreter Frankreichs, an mehreren deutschen Fürstenhöfen, durch Voltaire, den sie in Bewegung setzt, auf den Frieden hinzuwirken. Dem König ist ihre starke Anteilnahme eine Stärkung und ein Trost. Als er im Jahre 1757 im scheinbar aussichtslosen Kampf wider die Übermacht seiner Feinde den Selbstmord ins Auge faßt, schreibt ihm Voltaire auf Wilhelminens Bitte den zwar inspirierten, aber von prachtvoller Empfindung getragenen Brief, um ihm von diesem Vorhaben abzuraten. So knüpft sie überall Fäden an, mit unverkennbarem Geschick, wenn auch aller Erfolg jenseits der Tage liegt, die ihr noch beschieden sind. Ihrer Sorge um den König vermögen ihre aufgezehrten Kräfte nicht mehr lange zu widerstehen. Man ist in Berlin über ihren Zustand unterrichtet, und sie selbst weiß, daß keine Rettung für sie ist; nur Friedrich bringt es nicht über sich, der traurigen Tatsache ins Auge zusehen, und ihm verhehlt sie ihre Lage, wie er selbst sie über die eigene zu täuschen sucht. Denn beide wissen nur zu gut, was das Los des einen dem anderen bedeutet. „Auf meinen Knien“, schreibt ihr Friedrich, als könne sie über ihr sinkendes Leben gebieten, „bitte und beschwöre ich Dich zu tun, was Du nur tun kannst, um dieser Krankheit zu entrinnen; iß, nimm die Arzneien, folge blindlings den Anordnungen Deines Arztes. Denke, daß Dein Tod mich zur beklagenswertesten Kreatur der Erde machen würde.“
Seinen letzten Zuruf, den er zwei Tage vor ihrem Tode an sie ergehen läßt, vernimmt sie nicht mehr. Sie stirbt am 14. Oktober 1758, um dieselbe Stunde, zu der Friedrich die schwere Niederlage bei Hochkirch erleidet.
Die Welt kennt den Nachruf, den er ihr widmet, weiß von dem Freundschaftstempel mit den korinthischen Säulen, den er im Park von Sanssouci zu ihrem Gedächtnis errichten ließ. Bis zu seinem Lebensende pilgerte er gerne zu dieser Stätte hin, wo sich, inmitten von Bildnissen der Heroen der Freundschaft, ihre Statue erhob und er die stille Sprache der Erinnerung mit ihr führte.
Ein Tempel war in der Tat der gemäße Ausdruck für die Harmonie, welche diese beiden großen Herzen umspann.
Und der Markgraf?
Zwar tritt er in Wilhelminens letzten Jahren hinter ihrer Teilnahme an dem mächtigen Geschicke ihres Bruders etwas zurück; dennoch bleibt sie ihm bis ans Ende ihrer Tage leidenschaftlich zugetan, sodaß sie die eifersüchtigen Regungen, zu welchen er ihr auch nach der Marwitz-Affäre mehr denn einmal Anlaß gibt, nie ganz unterdrücken kann. Es fällt uns ja heute nicht leicht, den Zauber zu begreifen, den dieser nichtssagende Mann auf eine Frau wie die Markgräfin auszuüben vermochte. Aber wir wissen, daß er auch an ihrer jüngeren Schwester nicht verloren ging, und daß sie mit Vergnügen den eigenen Verlobten mit dem Wilhelminens eingetauscht haben würde. Er gehörte also wohl zu jenen typischen „Menschen des Augenblicks“, die gleichsam mit jedem Tage die Summe ihres Wesenswertes ganz und voll verausgaben und die nichts überdauert, deren Reiz aber nicht selten umso mächtiger fesselt, je illusorischer er ist. Wo immer der Markgraf Proben selbständigen Urteils abzugeben hat, versagte er gänzlich, und als er einmal auf eigene Faust im Interesse seines Hauses eine Reise nach Dänemark unternimmt, kehrt er unverrichteter Sache heim. Aber die Markgräfin, als die loyalste Gattin, die sich denken läßt, hält stets zu ihm und macht mit wahrer Vorliebe seine Verdienste und seine Fähigkeiten geltend.
Im ganzen gehörte sie zu den Menschen, die wenig positives, aber reichliches Glück im Unglück haben; so fällt ihr in ihrer aufgezwungenen Ehe zwar eine geringe Partie, zugleich aber ein Prinz zu, den sie passionément liebt, was mehr ist, als man von einer Vernunftehe erwarten darf. Der geistigen Sphäre der Geschwister freilich gehört er nicht an, und daß er die große Illusion und nicht der wahre Gefährte ihres Lebens war, blieb ihr wohl nicht immer verborgen.
Aber hier gerade kommen wir zum Prüfstein ihres Wertes.
Wenn Friedrich begeistert an ihr loben durfte, daß man sich „über die heterogensten Dinge, über Frisuren, über Krieg und Politik mit ihr unterhalten könne“, so hatte sie sich allein zu dieser Vielseitigkeit vermocht, und ganz von innen heraus die scharfen geistigen Umrisse gezeichnet. Und darum nehmen wir an ihr jenes starke Relief wahr, das wir an so manch berühmter Frau vermissen, deren Züge an Ebenmaß gewannen, was sie an Deutlichkeit verloren, weil ein Größerer als sie selbst sie ihrer eigenen Bedeutung liebend überbot, hier ein bißchen untermalte, dort kleine Mängel wegretouchierte . . . . . . Denn Frauen lieben es, ohne sich dabei einer Unredlichkeit bewußt zu werden, sondern wie sie es lieben sich zu schmücken, so lieben sie es, sich auch intellektuelle Ritterdienste erweisen zu lassen.
In dieser Hinsicht aber war Wilhelmine nicht verwöhnt. Kein Lehrer, kein Geliebter, der ihren inneren Werdegang beeinflußt oder erleichtert hätte. Auf ihrer geistigen Bahn fehlen alle Abstecher und alle Wegweiser, und Echtheit und Eigenwert sind ihre Marke, wo sie sich hervortat. Wir fühlen, ohne daß sie es nur andeutet, mit welchem Erfolge sie bei den Frankfurter Krönungsfesten erschien, und wie groß der Reiz dieser jungen Frau gewesen sein muß, die, so tugendsam, und dabei so verführerisch, nach einem ziemlich verloren gegangenen Rezept deutsche Solidität des Geistes mit französischer Grazie vereinte. Kraft eigenster Energie fuhr sie fort zu werden, bis sie vor der Schwelle ihres Alters und zugleich der ihres Todes stand. Ihre Briefe an Voltaire über kriegerische Dinge und friedliche Endziele sind durch die erstaunliche Klarheit und Sachlichkeit, wie durch die wahrhaft künstlerische Reife des Ausdrucks gleich bewundernswert.
Man denke, woher sie stammt:
Von Eltern, die weniger Kontraste als Unvereinbarkeiten aufweisen. Carlyle wirft ihr vor, sie hätte ihren Vater nur „von außen gekannt.“ Es ist aber viel leichter, diesem König par distance gerecht zu werden: seiner Umgebung war es fast unmöglich. Wilhelminens Eindrücke stimmen nur zu wohl mit den Berichten der damaligen Gesandten am Hofe Friedrich Wilhelms überein. Er galt ihnen als ein gefährlicher Narr: sein Hauptargument war der Stock. Die Tochter konnte es dem König nicht recht machen, ohne die Königin zu erzürnen. Bald in Gnaden, dann, wenn ihre Aussichten auf eine glänzende Partie sich verschlechterten, zurückgestoßen und malträtiert, wird sie Zeuge und unfreiwillige Ursache furchtbarster Szenen. So tritt sie, als ein altkluges Dämchen, aus einer Kinderstube, die jeglicher Hygiene und Pädagogik spottete. Gewiß ist, mag man ihren Übertreibungen noch so sehr Rechnung tragen, daß die zu frühen und zu fortgesetzten Aufregungen ihre zarte Konstitution frühzeitig untergruben. So ist in ihrer Schrillheit zugleich ein Echo; an ihrer späteren Vollendung und edlen Reife aber haftet nichts Fremdes. Wir heben es noch einmal hervor. Denn sie selbst, die sich oft zu Unrecht lobte, hat sich dessen nicht gerühmt. Die sonst so Ranglustige weiß nicht, wie abseits sie steht. Es war noch nicht die Zeit der Selbstanalysen, und man war noch nicht darauf verfallen, sein Ich herauszugreifen und zu bespiegeln. In dieser verfrühten Blume geistiger Kultur ist noch viel Herbheit in der Verfeinerung. In ihrer etwas morbiden Selbstherrlichkeit aber liegt ihr großes Anrecht auf unsere Bewunderung wie auf unsere Nachsicht.
Ich für meinen Teil möchte auch ihren Hochmut nicht missen. Er hat dieselbe Befugnis wie die weitläufigen Zieraten des damaligen Kostüms, und er verhält sich zu ihrer Aufgeklärtheit wie zu ihrem schmalen Gesicht die mächtige Perücke und der immer höher steigende Kopfputz. So hat ihr gewaltiger Dünkel die große relative Berechtigung der Mode. Der Geist einer Zeit umgibt sich nie so sehr mit dem Scheine des Unwandelbaren, wie kurz bevor er schwindet. Die Zopfgeschichten, die Wilhelmine wegen ihrer Audienz bei der Kaiserin aufführt, stehen ihr noch allerliebst. Und man begreift, daß der Fürstbischof von Würzburg, trotz aller Impertinenzen, die er sich in seiner eigenen Hoffart von ihr gefallen lassen mußte, von ihr entzückt war.
Wie es einen letzten Ritter gab, und wie Carlyle in Friedrich den letzten König sehen wollte, so war Wilhelmine die letzte Prinzessin alten Stiles, eine so typische Prinzessin, daß sich die Prinzessin, — was auch bei Prinzessinnen selten ist, — nicht von ihr wegdenken, die Frau nicht ohne die Prinzessin in Erwägung ziehen läßt. Dies wurde bei ihr zu Unrecht übersehen. Denn es ist etwas Geheimnisvolles um eine königliche Geburt.
Wie die Wasserfläche diese Welt des Scheines reflektiert, so liegt in der geistigen Sphäre das getreue Abbild — oder Vorbild? — aller Schranken und Unterschiede, welche die menschliche Gesellschaft geschaffen hat. Und das ganze Kortege, vom Edlen zum Niedrigen, zieht — nur so anders — von neuem auf. Aus den ungeheuren Fluktuationen aber, dem Schwanken, dem Hin und Wider ihrer Würden — und ihren Gleichungen — sind alle Adelsbriefe in dieser krausen Welt geschrieben.
Daher der mystische Zug erlesenen Blutes zu erlesenen Kräften. So wahr ist dies, daß an einer Stelle dieses Buches, der, an welcher Wilhelmine die Boskette der Eremitage beschreibt, und mit so viel Wohlgefallen die vielen Lauben und Glorietten, und die Unmenge von Springbrunnen aufzählt, die sich da alle paar Schritte ereignen, daß sie da als die vollendetere Prinzessin erschiene, wenn sie ein Gefühl dafür hätte, daß dies kein Garten ist, sondern eine Spielerei.
1910 Inselverlag.