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Wege und Umwege

DER UNVERSTANDENE MANN

Reading edition

Wie ist binnen kurzem alles so anders geworden!

Unsere gute Tante Nora ist doch noch garnicht so alt! Sie, die unter dem Beifall der ganzen Christenheit, gleichsam mit fliegender Fahne, und mit so beispiellosem Erfolg, Mann und Kindern davonlief, daß auf zwei Jahrzehnte ein schier endloser Zug der Unseren, die von ihren Männern nicht verstanden werden wollen, sich ihr anschloß! Ja, wir heirateten nicht selten gerade daraufhin und kamen als Incomprises von der Hochzeitsreise zurück. Je hübscher wir waren, desto incompriser durften wir dann sein, desto eifriger erklärten andere Männer sich bereit, uns für unergründlich halten zu wollen und zu ergründen. Und dabei brauchten wir weiter garnichts zu tun, als zu bescheinigen, was sie in uns hineinlegten, und uns für rein nichts zu interessieren, als für das Interesse, das wir hervorriefen. Es war so furchtbar nett!

Doch ach! wie jäh hat sich das Blatt gewendet!

War der Mann des Spieles müde? Langweilte es ihn eines Tages, oder war er beim Rätselraten zu oft hängen geblieben? Ich weiß es nicht. Aber mit einem Male fand er, daß es spannender sei, selbst ein Incompris zu sein, und sogleich vertrat er dies mit jener angestammten Gründlichkeit, welche die neun Gymnasialklassen, die uns noch lange nicht im Blute liegen werden, so deutlich verraten. Wir anderen waren doch nur à conto mißverstanden gewesen, er will garnicht verstanden werden. Er kommt, nimmt uns die schöne Pfründe weg und ist der Unverstandene an sich.

Wir indessen müssen bis auf weiteres das Spiel verloren geben, denn uns fehlt der Partner. Gerade die jüngsten und reizvollsten Frauen sind heute so vielfach ausgeschaltet, als wären sie noch eingesperrt. Nicht im mindesten fehlt es ihnen an Anerkennung, vielmehr wird keiner sie so gut verstehen, keiner so schöne und erlesene Worte über sie finden, wie der Unverstandene Mann. Den Kult, den er zum Ausdruck bringt, hätte keiner früher einer Frau erwiesen, ohne für sie zu entbrennen. Glaubt aber nicht, daß er für sie glühe! Wenn er zu ihr geht, vergißt er nie das Opernglas, das er verkehrt vor seinen Augen hält, um sie weit von sich zu scheiden, ob sie noch so hart vor ihm stünde. Denn sie tief und richtig zu erfassen, gleichsam mit allen Gründen, wie durchleuchtet, wie geschliffen ans Licht zu heben, ist ihm genug. Sein Feuer ist damit verblasen. Nie fände sie ihn so fern, so frostig, ja so abgeneigt, als nachdem er soeben eine Dithyrambe über sie sprach. Denn hiermit entließ er sie aus seinem Herzen. Und so zieht er denn in Wahrheit den Hut vor ihr, — aber dabei empfiehlt er sich.

Und ihn, faute de mieux, soll man heute lieben, denn ein anderer ist nicht da. Der Typ des Don Juan ist ausrangiert, oder zum Hausvater vorgerückt. Hier zeigt sich der Unverstandene Mann von seiner unzulänglichsten Seite, und der moderne Verführer ist nicht sehr gefährlich: mit seinen schwach konzentrierten Sentiments vermag er nur schwache Köpfe zu verdrehen. Denn es ziert nur Frauen, unsichere und halbe Herzen zu vergeben.

Allein sein Wesen strebt nun einmal nicht nach Steigerungen, sondern drängt ihn, von all den schönen Dingen, für die er so lange eingestanden ist, auf eine Weile auszuruhen, wie man erst nach zurückgelegtem Marsche der ausgestandenen Müdigkeit anheimfällt. So zieht er nunmehr kühle, blumenlose Pfade des Gefühles vor und jene schattigen Seitenwege der Begriffe, die sich nur spalten, um kurz auszulaufen und sich zu verzweigen. Alle schimmernden Fernen hingegen, alle postulierten Verheißungen und Aussichtspunkte sind seinen zu empfindlich gewordenen Augen unerträglich. Nichts von „Saaten“, nichts von „Ernten“ mehr, nichts von Allgemeinheiten und nichts von Zielen und besonders, nichts von Idealen. Nichts von so grellen Dingen. Nicht solche Worte. Sie verletzen ihn nur. Mit fiebernder Hand wehrt er sie ab, besonders den Enthusiasmus mit all den fälligen Raten, die ihn nur allzuoft schon überdauerten. Zu „Wein, Weib und Gesang“ hält er da andere Distanzen ein, und sein Verhältnis zur Musik hat sich ebenso gelockert oder verschoben wie das zur Frau. Aber ich sage: respektieren wir auch dies. Was er heute für seine Willkür hält, ist nur ein Feiern und ein Atemholen. Der Fehler des Unverstandenen Mannes liegt viel weniger darin, daß er mit seiner Jugend keine rechte Gemeinschaft pflegt, (dies ist seine Sache) als daß er von ihr absieht, eine Attitude, an der jeder Tag etwas verändert, als unverrückbar hinstellt, das Zeitliche, an das sich seine Erfahrungen erst ketten müssen, zurückweist, und alles à priori sein und nicht sein zu können glaubt. An seiner vielgescholtenen Unproduktivität hingegen kann ich nichts finden, sie fällt nicht ins Gewicht und ist so wenig definitiv, so wenig ein Finale, wie die gehaltene Note vor dem neuen Auftakt. Soll denn immer ohne Pause produziert werden? Ist es das Einzige? Ach, es laufen ja unter den schöpferischen Naturen so viel erschöpfte mit unter, während gewisse Unschöpferische unerschöpflich erscheinen. Gerade in seiner Unproduktivität schlage ich vor, ihn nicht zu stören. Es ist ja mit den Menschen, wie sie einmal geraten, nicht viel anders als mit der Mode, von der wir wissen, wie groß ihre relative Berechtigung ist und wie sehr es in ihrem Charakter liegt, sich zu behaupten. Wer jüngst ein groß Geschrei wider die engen Röcke erhob, trägt heute keine anderen. Ihr Vorzug beruht darin, daß sie uns zur Haltung und Linie erziehen, und hierin gleichen sie auf ein Haar dem Unverstandenen Mann: daher es ratsamer ist, sich in ihn zu finden, ja von ihm enchantiert zu sein. Denn er, und weder der Mann, noch der Rockschnitt von Anno Dazumal, welches auch seine Qualitäten sein mochten, ist heute das Gegebene, zu dem wir uns zu stellen haben. Wer fände dies zu frivol? Ist nicht vielmehr das einzig Interessante an diesem sich ewig überlebenden Leben, daß hinter den frivolen Dingen so häufig der Ernst, hinter den ernsten der Schalk sitzt? Wer hielte es sonst aus?

Nur deshalb sind ja die schlimmen Dinge, wenn man mitten in ihnen steht, zum Glück nicht ganz so arg, wie sie von außen anzusehen sind. Indem sie evoluieren und ins Gedränge kommen, rücken sie nicht selten so nahe zusammen, daß die letzten die ersten überholen, und das unterste nach oben treibt. Wer sie dann wendet und betrachtet, hält sie bald wie jene chiffrierten Briefe, die anders lauten als sie heißen, und das Tolle und das Disparate mit dem Sinnfälligen zusammenführen.

Und so steht für uns im Stich Gelassene von heute, Herrinnen von gestern, Schutzflehende von einst, der Zeiger anders als die Uhr. Keime in uns, deren Wachstum durch die Gegenwärtigkeit des Mannes zurückgehalten oder überboten wurden, finden eben jetzt ihr Gedeihen. Inmitten dieser schlechten Zeiten wuchsen unsere Tage unversehens in den Sommer hinein. Draußen reift das Korn, die Halme knistern, und in der mittäglichen Öde erstarkt das Laub. Ihr ist die Ferne zu vergleichen, die wir jetzo nützen. Denn es ist nicht zu leugnen, daß uns der Mann verließ und eine Genugtuung darin findet, uns zu meiden. Ohne eine gewisse Grimmigkeit zwar geht es nicht her. Und hier liegt unsere Genugtuung an der Sache. Denn wenn er es höchstens bis zur Genugtuung bringt, indem er sich uns entzieht, so gereicht es uns, die seiner so schwer entraten, zum inneren Jubel, wenn wir ohne ihn bestehen.

Ich sehe, daß ich von meinem Thema abgewichen bin, aber ich wollte nur das letzte Wort haben. Und wäre denn der Unverstandene Mann in Wahrheit unverstanden, wenn ich mehr von ihm wüßte?

1911 Neue Rundschau.

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