CATHARINA VON SIENA
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Es geht den Heiligen wie den anderen ausgezeichneten Menschen. Die Zeit ist das Feuer, das sie vor unseren Augen läutert, indem sie das Vergängliche und Unzulängliche an ihnen zurückweist, das Wertvolle und Bedeutende aber zu einem Bildnis von individuellstem Umriß scheidet. Wenn daher Siena — nach mehr als fünf Jahrhunderten — vom Leben der hl. Catharina so erfüllt blieb, daß ein Echo dieses Lebens Sienas Luft, seine Türme und Felsen noch umhallt, so muß einem Dasein, das so kurz und doch so bleibend, Zügen, die so weltabgewandt und doch so unverweht der Welt geblieben sind, eine Zeit, der sie noch gelten, neue Deutungen entraten können. Vor allem heute! da für das ungeübte Auge alle Symptome hinfälligen Alters am Christentume haften, während es, wie eine Raupe eingesponnen, sein neues Wachstum umhüllt.
Denn wir sind heute so weit wie zuvor: Der Protestantismus wird seiner nicht mehr froh, und die Norm der Katholiken, durch zu viel gescheiterte Reformversuche eingeschüchtert, hat den Glauben an eine römisch-katholische Reformation verloren, jene Reformation, die Catharina nicht müde wird zu verkünden, und der ihre leidenschaftlichen und begeisterten Zurufe gelten. Und wenn heute unsere katholischen Gesellschaften, Vereine usw. ihre fortschrittlichen Bestrebungen verheißen, so belächeln wir im voraus die kümmerlichen Resultate, die sie uns bringen werden. Da dringt denn zu guter Stunde die kühne Sprache Catharinas wie ein frischer Luftzug in eine verbrauchte Atmosphäre.
Catharina von Siena, geboren am weißen Sonntag des Jahres 1347, war das Kind frommer und, trotz ihrer 22 Kinder, wohlhabender Leute: des Färbers Benincasa und der Monna Lapa. Ihr religiöser Hang zeigte sich schon sehr früh; doch war sie dabei ein munteres und sehr empfindsames Kind, und so anmutig, daß sie den Beinamen Euphrosyne erhielt. Ihre erste Vision — sie stand damals in ihrem sechsten Jahre — war für ihre Laufbahn bestimmend: sie kam mit ihrem Bruder vom Hause einer verheirateten Schwester, an der sie mit besonderer Zärtlichkeit hing, da erschien ihr über der Dominikanerkirche, in den Lüften schwebend, Christus als hoher Priester, eine dreifache Krone auf dem Haupte, der die Hand segnend nach ihr ausstreckte. Seitdem mied sie die Freuden ihres Alters. Daß sie gerade dem hl. Dominikus eine so besondere Verehrung widmet, hängt zusammen mit dieser ersten Vision. Seine Taten sind es, die sie zumeist beschäftigen; sie trägt sich mit dem Gedanken herum, als Mann verkleidet in den Predigerorden der Dominikaner zu treten, und Dominikaner sind überall der Gegenstand ihrer Ehrfurcht und Begeisterung. Schon jetzt führt sie ein Leben strenger Abtötung und gelobt in ihrem siebenten Jahr, nie einen anderen Bräutigam zu nehmen als Christus. Indes sie aber heranwuchs, hatten ihre Eltern andere Pläne und verlangten, daß sie sich wie andere Mädchen ihres Alters schmücke. Durch die Lieblingsschwester ließ sie sich dazu bewegen, als aber eifrig an ihre Verlobung gedacht wurde, und Catharina, um sich ihr zu entziehen, ihr schönes blondes Haar abschnitt, zog ihr ein so radikales Verfahren die erste schwere Prüfung zu. Um ihren Widerstand zu brechen, wird ihr die Kammer, die sie zu einer Kapelle sich errichtet hatte, genommen, und sie selbst im Hause ihrer Eltern wie eine Magd gehalten. Catharina, die sich ihren niedrigen Diensten mit großer Sanftmut und Freudigkeit unterzieht, hat bald eine neue Vision, die sie tröstet und ermutigt. Diesmal sind es die großen Ordensstifter, die ihr erscheinen: sie sieht den Gründer des Karthäuser-Ordens, den hl. Franz von Assisi, den hl. Benedikt: allein sie alle machen ihren Klosterschwestern strengste Klausur und Abgeschiedenheit zur Ordensregel, und Catharina läßt sie vorüberziehen. Sie hat nur Augen für den hl. Dominikus, der mit einer herrlichen Lilie auf sie zuschreitet und ihr das Kleid seines Tertiazordens entgegenhält.
Nicht länger hält sie mehr mit ihrem Entschlusse zurück, und die Eltern Benincasa lassen sie jetzt betrübten Herzens gewähren. Allein ihrem Wunsche standen noch die Dominikanerinnen selbst entgegen. Obwohl sie gewisse Ordensregeln befolgten, unter einer gemeinsamen Priorin standen und die Tracht des Ordens: das weiße Kleid und den schwarzen Mantel trugen, weshalb das Volk sie Mantellate nannte, so lebten sie doch ohne Klausur, ohne eigentliche Gelübde, und in ihrer eigenen Wohnung. Es gehörten denn auch meist Witwen gesetzten Alters dieser Genossenschaft an, und die 15 jährige Catharina aufzunehmen, schien ihnen in keiner Weise ratsam; aber Catharina verfällt in eine schwere Krankheit, und die Mutter selbst muß ihr nun helfen, die Mantellate zu bestürmen; zudem ist ihre Schönheit zerstört, nichts als eine gewisse morbide Grazie war ihr geblieben. So wird denn ihrem Verlangen endlich nachgegeben und nach ihrer Genesung an einem Sonntag des Jahres 1362 ihre feierliche Einkleidung in der Dominikanerkirche vollzogen.
Drei Jahre lebte sie nun im Hause ihrer Eltern ein den strengsten Bußübungen, der tiefsten Zurückgezogenheit und dem Schweigen geweihtes Leben. Die Nächte durchwachte sie im Gebet, aß nie Fleisch, nur ungekochtes Kraut, Früchte und Brot — später wurde ihre Nahrung so gut wie keine mehr — geißelte sich des Tags dreimal nach Dominikanersitte, und schlief zwischen einigen Brettern in einem sargähnlichen Bett und auf einem Kopfkissen aus Holz. Zu dieser Zeit sollen doch manche Anfechtungen und der Wunsch, wie andere Menschen zu leben, die Ruhe ihrer Seele gestört haben. Schlafend und wachend, ob sie ihren Leib noch so sehr marterte, hielt ihr ein Dämon verführerische Bilder vor, bis wieder eine Vision das Ende ihres Kampfes verkündet.
Einmal erscheint ihr die hl. Jungfrau, sie mit ihrem Sohn zu verloben. Christus steckt ihr einen goldenen Ring mit vier Perlen an, und David begleitet die Zeremonie auf der Harfe. Ein anderes Mal vertauscht Christus sein Herz mit dem ihrigen. In einer späteren Ekstase berstet ihr Herz von oben bis unten, so daß man sich fragt, wessen Herz es dann gewesen ist? Endlich waren es die Wundmale Christi, die sich in fünf blutigen Strahlen auf ihre Hände, ihre Füße und nach ihrem Herzen richteten. Bevor aber diese Strahlen die fünf Stellen ihres Leibes erreichten, verwandelte sich das Blut in Licht, und in Gestalt des Lichtes prägten sich ihr diese Strahlen ein. Daß diese Wundmale, die ihr ein Gefühl des Schmerzes zurückließen, gleich dem Verlobungsring[1] den Augen der anderen niemals sichtbar wurden, beirrte Catharina in ihrem Glauben daran nicht. Und der Grundton ihres Wesens ist so wahr und echt, daß sich ein ablehnendes Gefühl für ihre visionäre Seite mit dem Glauben an sie selbst vertragen kann. Allein bedeutsam bleibt es immerhin, daß Catharina, deren Heiligkeit es doch ist, die uns als die schwerste und ruhmreichste Tat ihres Lebens gelten muß, gerade in den Äußerungen dieser Heiligkeit so ganz ihrer Zeit angehört, und so ganz von der Anschauungsweise und der Phantasie des Mittelalters beherrscht ist, daß gerade das Visionäre an ihr sich nicht selten als das Veraltete zeigt! Ist doch auch das Wertvollste heute an ihren furchtbaren Kasteiungen die fesselnde und geistvolle Art, mit der sie über solche Dinge spricht — man könnte fast sagen, abspricht — und den ganz relativen Wert, den sie ihnen zuerkennt. So streng ihre eigene Askese ist, man fühlt, sie steht darüber. Nimmermehr würde sich wohl heute diese selbe Catharina bewogen fühlen, das eiterige und blutige Wasser, mit dem sie die ekelhaften Geschwüre einer Kranken gewaschen hatte, auszutrinken. Warum hat sie sich dann einer so extremen Lebensweise ergeben, als könnte sie es nicht erwarten, daß ihr Leib zugrunde gehe? Aber lag es nicht in der Natur der Dinge, daß ein Heiligenleben des 14. Jahrhunderts einen wesentlich büßenden Charakter trug? in einer Zeit, in welcher die Gemüter vom Geist des Christentums noch so wenig umbildet waren, und das Leben wie eingedämmt war von Grausamkeiten; da abgehauene Hände, geblendete Augen zu den üblichen Racheakten gehörten, und der Feind den anderen nicht schonte. Fand es doch mancher bedenklich, daß ein so liebendes Gemüt wie der hl. Franz von Assisi wenig Herz gezeigt habe für die Greuel der Inquisition, deren Kunde er doch vernahm. — Wenn aber Franz von Assisi zu jener selben Epoche sich gedrängt fühlen konnte, Aussätzigen um den Hals zu fallen und sie zu küssen, was war dies anderes, als der spontane Ausdruck eines trostlos-ohnmächtigen Mitgefühles? In ihrem Beweggrund allein lag der Sinn so überschwenglicher Werke. Wenn daher ihre Abtötungen es nicht sind, die Catharina zu einer großen Heiligen stempeln, so wäre sie die große Heilige nicht gewesen ohne den sublimen Drang, der sie zu ihnen trieb. Ein Herz wie das ihre mußte dürsten, die Blüte ihrer Jugend zu zertreten in einer von Leiden so befleckten Welt, vor der selbst ein Boccaccio in eine Karthäuserzelle flüchtete.
Nicht ganz so leicht läßt sich in der visionären Catharina unterscheiden. Wenn auch ihre in astrazione, das heißt in Verzückung geschriebenen Briefe ihren Gedankengang stellenweise zu erhabenem Ausdruck bringen, so erwecken sie doch anderseits den Eindruck einer von Hunger so geschwächten Catharina, daß ihr schwarz vor den Augen wird. Der eigene Bericht nun gar (in ihrem letzten Brief an Bruder Raimund da Capua), den sie von einer solchen Vision erstattet, liest sich nicht angenehm. Zum Teil mag es daran liegen, daß hier das Wort nun einmal ein schlechtes Vehikel ist, und der hl. Franz Solanos war sicher gut beraten, da er die Flöte blies, um seine mystischen Erlebnisse zu schildern. Allein vor allem ist es der Christus ihrer Visionen, dem wir nicht ohne Mißbehagen und einer gewissen Kälte des Herzens gegenüberstehen: es ist denn doch ein zu primitiver, zu sehr ein Klosterfrauen-Christus, der ihr da vorschwebt! Und auch hier ist ihre Auffassung des nichtvisionären Zustandes trotzdem, oder vielleicht weil sie ihr stets dieselben Worte leiht, von ungleich größerer Bedeutsamkeit.
Christus ist ihr da stets das von Liebe entbrannte Lamm Gottes, das dem Kreuzestode entgegen eilt, und stets sieht sie ihn als den von Nägeln durchbohrten, von der Liebe am Kreuze festgehaltenen, verblutenden Erlöser. Es war ein durchaus genialer Instinkt, der sie Zeit ihres Lebens an diesem Bilde, haften ließ: Denn wie die Geschichte des jüdischen Volkes vor der Ankunft des Messias von dessen künftiger Bahn so mächtig vorausbeschattet ist, daß die Gestalten der Führer dieses Volkes zu Vorbildern jenes Lebens sich verdichteten, so wirkt seitdem die vollendete Bahn dieses Gestirns auf die Evolutionen der gesamten christlichen Völker bestimmend zurück. Für das schauende Auge nun konnte die damalige Welt nur im Zeichen jenes trauernden Erlösers stehen, von dem die Scholastiker sagten, daß er am Ölberg gebrochenen Herzens zusammensank, weil sich ihm da die partielle Fruchtlosigkeit seines Opfertodes auftat.
Nicht ein einziges Mal sehen wir Catharina den Blick hinwenden nach jenem anderen rätselvollen Auferstehungstage eines verklärten und vergöttlichten Leibes, als sei es nicht an der Zeit, solcher Kunde zu gedenken. Aber wie entrückt die apollinischen Klänge jenes Tages uns auch verbleiben, die seither mit den christlichen Nationen vorgegangene Wandlung ist dennoch so groß, daß sich in vieler Hinsicht behaupten läßt: der Christus des Mittelalters und der Kreuzzüge ist der unsere nicht mehr. Es ist — wenn ich dies Bild gebrauchen darf — als träte nunmehr die Welt in das Zeichen der Grablegung, und als dämmerte unsere Zeit oder die nächstkommende, oder die kommenden Jahrhunderte, dem beruhigten, ahnungsvollen Zauber der Kartage entgegen. —
So lange Catharina in der Zelle ihres elterlichen Hauses verborgen blieb, unterschied sich ihr Leben nicht von dem der anderen Heiligen: die Liebe zu den Armen, die Krankenpflege, selbst die Wunder, die ihr zugeschrieben werden, dies alles findet sich in ähnlicher Weise in so vielen anderen Legenden wieder. Aber durch ihre große Heiligkeit wurde sie bald zum Mittelpunkte einer kleinen Gemeinde, und verschiedene Mantellate hatten sich ihr angeschlossen, vor allem jene junge Witwe Alessa, aus dem Geschlechte der Saraceni, der wir in den Briefen als dem Sekretär der Catharina begegnen. Denn Lesen und Schreiben war dieser nicht beigebracht worden; man erachtete es für Mädchen ihres Standes als einen Luxus, und sie lernte es erst in ihren letzten Lebensjahren. In dem Hause, das Alessa in ihrer Nähe gemietet hatte, zog sich Catharina vor dem Getriebe und Geräusche des Färberhauses zu längeren Aufenthalten und öfter zurück, und bald wird sie nun in ihre eigentliche Bahn gelenkt. Denn nicht nur Frauen und Mädchen, auch Männer traten bald in ihren heiligen Kreis, und nicht nur Geistliche wie ihr Beichtvater Raimund da Capua, sondern junge Ritter, wie Stefano di Maconi, der vor allen geliebte Jünger, und Francesco di Malvolti. Catharina kam nämlich mit Weltleuten vielfach in Berührung durch eine der denkwürdigsten Seiten ihrer Wirksamkeit: die der Friedensstifterin. Als solche weilt sie längere Zeit auf der Burg der Salimbeni, und wir sehen die Führer des kriegerischen Adels, später eine Stadt, einen Papst zur Schlichtung der Fehden sich an sie wenden. Der Ruf ihrer wunderbaren Heiligkeit — es hieß, sie hätte monatelang nichts anderes als das Abendmahl genossen — verbreitete sich immer mehr. Die Heiligkeit erlebte aber zur Zeit des Faustrechtes ihr größtes Prestige, und in dem Italien des 14. Jahrhunderts wob die Zeit selbst an dem Zauber, der ihr einen so unerhörten Einfluß verlieh.
Ihre erste Mission galt der eigenen Vaterstadt, dem von Fraktionen zwischen Adel und Bürger, Guelfen und Ghibellinen zerrissenen Siena. Im Jahre 1368 fiel dort die Macht den, größtenteils aus dem Pöbel zusammengesetzten, sogenannten „Fünfzehn“ zu, die unter Kaiser Karl VI. den Titel Reformatoren annahmen und das Reformieren auf ihre Weise betrieben. Ihnen galt Catharinas erster Mahnbrief, und von da an ruhte sie nicht mehr, die Menschen zur Liebe und zum Frieden aufzurufen. Ihr überströmendes Mitgefühl ist ihre Zauberformel, mit der sie die härtesten und die schwersten Herzen gewinnt. Zum Tod Verurteilte wollen sie sehen und von ihr getröstet werden. Ein junger Edelmann: Nicola Tuldo, der wegen seiner Teilnahme an einer Verschwörung wider die „Fünfzehn“ zur Enthauptung verurteilt wurde, raste vor Verzweiflung über sein bitteres Los. Da vermag es Catharina, ihn mit seinem Schicksal auszusöhnen: sie steht ihm bei, harrt bis ans letzte Ende mit ihm aus, und er stirbt getrost, ja glücklich, in ihren Armen.
Es läßt sich denken, daß Catharina von Anfeindungen nicht verschont blieb. Aber die Sonne ihrer Tugend überstrahlte so weit alle Verdächtigungen und Verleumdungen, daß ihr Ruf nur um so unantastbarer daraus hervorging.
Nachdem sie 1374 die Pestkranken in Siena gepflegt, verbrachte sie mit mehreren Mantellaten und Mönchen, darunter der getreue Raimund da Capua, einen großen Teil des Jahres in Pisa, von der Bevölkerung und von dem Tyrann Gambacorti begeistert aufgenommen. Dort pflegte sie häufige Unterredungen mit dem Gesandten von Cypern, der sich auf dem Weg nach Avignon befand und ihr Umständliches über die Mohammedaner berichtete, gegen die er den Papst zu einem Kreuzzug überreden sollte. Von diesem Gedanken ließ die Heilige nicht los. Sie schrieb an die Fürsten und Feldherrn Italiens, an Carl V. von Frankreich drei dringende Briefe, an die Königin Johanna von Neapel, an den Grafen Monna Agnola, und wendet sich unverzagt an Männer wie Barnabo Visconti und den Condottiere Hawkwood. Allein in ihrem so beherzten und naiven Verfahren leuchtet zugleich ihre große intuitive Menschenkenntnis hervor und ihr praktischer Sinn; denn das eigentliche Gebiet der Catharina von Siena ist nicht die Zelle noch die Krankenpflege, so mutig und groß sie sich dabei bewährte, sondern die Politik und die Diplomatie, eine Diplomatie freilich, deren ganzes Geheimnis Friedensliebe ist und Mitgefühl, und welcher trotzdem ein unleugbarer und großer Einfluß auf die Geschichte Italiens nicht versagt blieb.
Es war ihr Traum, daß die Fürsten der Christenheit ihre Fehden schlichten, um sich zu einem Kreuzzug alle zu vereinen. Es wurde auch wirklich daran gedacht, den Condottiere schwebte schon die reiche Beute vor, die ihrer im Lande der Ungläubigen wartete, und einen Augenblick durfte Catharina an die Erfüllung ihrer Hoffnungen glauben. Allein die Empörung Italiens wider die päpstlichen Legaten, die bald darauf ausbrechen sollte, machte ihre großmütigen Pläne zunichte. Catharina schrieb an die Konsuln von Bologna, schrieb an den Papst und faßte damals schon den Gedanken von der Notwendigkeit eines römischen Papsttums und seiner Rückkehr in die Stadt des hl. Petrus. Sie kam indessen wieder nach Siena und erfuhr dort, welche unheilvolle Wendung der Aufstand in Florenz genommen hatte: statt des Kreuzzuges sieht sie nun die Städte Italiens im Kriege wider den Stellvertreter Christi und die eigene Vaterstadt dem Bunde gegen ihn beitreten. Florenz aber, den eigentlichen Herd des Aufruhrs, dem schwersten Interdikt verfallen, das je eine Stadt betroffen hatte. Durch den päpstlichen Bannfluch fand es alle Häfen verschlossen und sah bald seinen ganzen Handel ruiniert. Da wandte sich Soderini im Namen der Kriegspartei an Catharina, von deren Einfluß auf Gregor er vernommen hatte, um sie als Vermittlerin zum Papst nach Avignon zu entsenden. Es lag nicht in Catharinas Natur, sich einem solchen Wagnis zu entziehen. Im Mai des Jahres 1376 ist sie in Florenz. Von Soderini, in dessen Hause sie wohnt, wird sie der Signoria vorgestellt und steht alsbald inmitten ihrer diplomatischen Aktion. Schon am 18. Juni hat sie Avignon erreicht, begleitet von 21 Gliedern ihrer geistlichen Familie, Mantellaten und Mönchen, dem treuen Raimund und Stefano di Maconi.
Man kann nicht sagen, daß die schweren Aufgaben, die Catharina stets so schnell entschlossen übernahm, ihr je erleichtert worden seien, und es zeugt für die Reinheit ihrer Ziele, daß sie durch keine Mißerfolge in ihrem Eifer erlahmte. Der Friede mit dem Papste scheiterte sowohl an dem Verhalten der Signoria, worüber wir bittere Klagen in ihren Briefen vernehmen, als an mancherlei Intrigen von seiten der Kardinäle. Catharina war den Gesandten von Florenz vorausgeschickt worden, um deren versöhnliche Gesinnung dem Papste zu verkünden. Als nun diese Gesandten nach langem Zögern in Avignon eintrafen, erklärten sie keine Vollmacht zu haben, mit Catharina zu verhandeln; von den Beratungen, die nun stattfanden und die zu einem neuen Bruche führen sollten, blieb sie ausgeschlossen. Die Vorschläge der Signoria an den Papst wurden als unannehmbar verworfen, das Interdikt aufrechterhalten und die Kriegserklärung von neuem ausgesprochen. Ergrimmt verließen die Gesandten Avignon; Catharina indessen, die noch eine andere Mission erfüllen mußte, blieb zurück. Es war Gregors frommer und geheimer Entschluß, das Papsttum nach Rom zurückzuführen. Aber die Kardinäle, die nahezu alle Franzosen waren, der Hof, Gregors Umgebung, seine eigene Neigung stand diesem Entschluß so mächtig entgegen, daß er ohne Catharina schwerlich zur Ausführung gekommen wäre. Allein gegen so mächtige Widersacher, zu welchen sie den Herzog von Anjou, des Königs eigenen Bruder, zu rechnen hatte, unternahm sie jetzt den Kampf. Aber Catharina hatte von Anfang an viel Einfluß auf Gregors hohe Seele gewonnen. In ihren Briefen an ihn spiegelt sich seine eigene liebenswürdige Natur, an die sie also zärtlich, naiv und stürmisch zugleich sich wenden kann. Denn Catharina war eine Herrschernatur: ein tyrannischer Zug geht sehr deutlich aus ihren Briefen hervor. Wie sie ihre Kreuzzugspläne nie aufgeben will, so läßt sie nicht nach, dem Papste die Reformation der Kirche, die Beseitigung der schlechten Hirten und der Mißbräuche vorzupredigen. Zwar kann ihr die Schwierigkeit eines solchen Unternehmens nicht verborgen sein, denn diese heilige Jungfrau hat für die Verderbtheiten der Menschen einen sehr durchdringenden Blick; allein es ist, als sei ihr als Ziel das Unerreichbare gerade recht.
Sowohl für die Zeit als für die Art der Abreise Gregors sollte ihr Rat bestimmend sein. Noch einmal zwar bedarf er ihres anfeuernden Mutes, um seinen Entschluß zu Ende zu führen, denn schon hatten sich andere Einflüsse geltend gemacht und ihn zur Rückkehr nach Avignon bewogen, als er nach einer stürmischen Seefahrt in Genua landete. Dort aber hat ihn die Heilige, die ihm auf dem Landweg vorausgekommen war, erwartet. Es finden geheime nächtliche Unterredungen zwischen den beiden statt, und wieder erweist sich Catharinas begeisterte Sprache siegreich über eine mächtige Partei, Gregors Unentschlossenheit und das Widerstreben der Kardinäle. Jetzt erst kehrte die Heilige, die ihre Aufgabe für erledigt hielt, nach Siena zurück. Dem feierlichen Einzug Gregors in Rom, den sie herbeigeführt, wohnte sie nicht bei, sondern war still zu den Ihren zurückgekehrt. Doch sollte ihr hienieden keine Ruhe mehr beschieden sein. Bald darauf ist sie auf Gregors Wunsch wieder in Florenz. Soderini, das Haupt der guelfischen Partei, hatte sie abermals dorthin berufen und in seinem Hause aufgenommen. Es neigten jetzt alle rebellischen Städte zum Frieden mit dem Papste: in Florenz war die guelfische Partei eifrig darum bemüht, und im Vorfrühling 1378 kam zu Sarzano glücklich ein Kongreß zusammen, als die Kunde von Gregors Tod die Verhandlungen unterbrach. Erst unter dem neuen Papste, dem der Friede mit Florenz dringend am Herzen liegen mußte, kam er zum Abschluß. Catharina, unversehens zum Werkzeug einer politischen Partei mißbraucht, war indessen durch Ausschreitungen der Guelfen in eine sehr schiefe und mißliche Lage geraten. Es kam soweit, daß ein Pöbelhaufe, von den Ghibellinen gegen Catharina aufgestachelt, Soderinis Haus umstellte und niederbrannte, um dann unter wilden Verwünschungen in den Garten einzudringen, in welchen sie mit einem Teil ihrer geistigen Familie geflüchtet war. Catharina aber eilte da selbst dem Führer der Rotte, der mit gezogenem Schwert auf sie losstürzte, entgegen, und ihre heitere Miene, ihre ruhigen Worte erfüllten ihn mit solchem Grauen, daß er entsetzt sich von ihr abwandte und seine wütende Schar hinwegführte. Sie aber brach in Tränen aus, weil ihr das lang ersehnte Märtyrertum versagt worden war.
Sie machte wenig Worte aus der Begebenheit und streifte sie nur flüchtig in einem Brief an Gregors Nachfolger Urban VI. Dieser Papst setzte in Catharina ein unbegrenztes Vertrauen, und als er bald darauf durch das Schisma und den Abfall seiner sämtlichen Kardinäle in die furchtbarste Not geriet, berief er die Heilige nach Rom. Noch einmal ergehen da ihre Briefe an die Fürsten und Kardinäle, die frommen Genossenschaften und Klöster, sie zur Treue für Urban aufzurufen. Auf ihr Zeichen eilen heilige Männer aus ihrer Zelle, ihrer Einöde herbei. Gestützt auf Catharinas klugen und umsichtigen Rat, gelingt es Urban, eine neue Anhängerschaft um sich zu sammeln, und mit fieberhafter Eile ist Catharina um seine Sache bemüht. Denn ihre Kräfte sind aufgezehrt; sie fühlt die lang ersehnte Nähe des Todes. Zum letzten Male schreibt sie an Urban, ihn zur Milde ermahnend, und an den getreuen Raimund, der in der Ferne weilt. Am 29. April 1380 stirbt sie „mit dem Angesicht eines Engels“ im Alter von 33 Jahren. Von einer inneren Stimme gerufen, war Stefano di Maconi an ihr Sterbelager geeilt. Auf seinen Schultern trug er sie zu Grabe. —
Catharina hatte wahr gesprochen, als sie im Scheiden ihren geistlichen Söhnen und Töchtern, die sie weinend umringten, verhieß: sie würde vollkommener mit ihnen sein, und vorteilhafter von dort, als sie es hienieden vermöchte. Gegen die Stürme, die nunmehr dem Papsttum beschieden waren, hätte Catharina nichts vermocht, und ihre Mission auf Erden war erfüllt. Ihr lag das Unanalytische zugrunde, das die Großen des Mittelalters kennzeichnet. Die Menschenliebe war das Geheimnis ihres Herzens. Ihr Suchen nach Gott und göttlichen Dingen hat bei den anderen Mystikern einen mächtigeren, transzendentaleren Zug. Gott ist wohl der Ausgangspunkt ihrer Mystik, die Menschheit aber deren Ziel; man könnte sie eine auf die Menschheit angewandte Mystik nennen; wie uns ja auch ihre Beziehung zur Gottheit mehr durch ihre eigenen Heilandszüge als ihre Unterredungen mit Gott beglaubigt wird. Sie hat nicht die Ader eines Franz von Assisi, nicht den Flug eines Ekkehard, noch die Lichtblicke eines Jakob Böhme. Im rein Beschaulichen zeigt sie sich nicht versonnen, noch von reicher Imagination. Auch für die tiefsinnigsten Probleme ist sie’s zufrieden, den Boden des Katechismus zu durchmessen, und das Rätselvolle, Vieldeutige und Heimliche eines Ausspruches ist für sie nicht vorhanden; denn der eigentliche Sinn dieser Ekstatikerin ist das Reale. Ihr staatsmännisches Talent verrät sich in der starken Logik, dem Aufbau ihrer Briefe; vielleicht fällt gerade das Unspekulative ihres starken Geistes mit ihrer politischen Begabung zusammen, wie dies in größerem Maßstab bei Dante zutage trat, und ihre Briefe sind deshalb von ungleich höherem Interesse als ihre anderen Schriften, weil sie uns von dem Interessantesten an Catharina — und das ist ihre Persönlichkeit — am meisten verraten.
Mit diesen Briefen geht es uns wie mit ihr selbst und wie es so vielen ihrer Zeitgenossen ging, die ihr voll Abneigung entgegentraten und ihrem Banne verfielen: so möchten wir zurückschrecken vor der Monotonie einer so einseitigen Weltanschauung und verfangen uns an dem Feuer eines so reinen und kühnen Herzens. Catharina wäre uns heute so stumm wie viele ihrer heiligen Genossen, die im Kalender stehen, wäre sie nicht als Frau so unvergänglich! — modern bis in die Fingerspitzen — als Frauenrechtlerin vielleicht die einzige, die ganz unserem Geschmack entspricht. Wie sie mit der Sitte, mit allen Konventionen bricht, wie diese Jungfrau, die Mönche und junge Ritter ihres Alters in ihrem Gefolge hat, frei und königlich einherschreitet und wie leicht und wie von selbst sich ihre Ausnahmestellung in der Welt ergibt, und wie hochgebildete Männer den Rat der Färberstochter einholen und der Spott der Rauhen vor ihr verstummt.
Das Geheimnis? — Ihr Geist allein war es nicht: eine so überbietende Gewalt hat der Geist einer Frau niemals. Das Überbietende an ihr war die Natur, und man möchte die italienische Volksseele darum beneiden, eine Blüte wie Catharina gezeitigt zu haben. Das mystische an Catharina ist sie selbst: Alles was Dianenhaftes in einer Frauenseele schlummert, griff sie leuchtenden Armes hervor. Bis zum innersten Kern eines unklaren und geheimnisvollen Dranges getrieben, erhebt sie ihn zu mächtiger Bewußtheit, zu einem Typus höchster Jungfräulichkeit sich entfaltend. Sie darf es verschmähen, hinter Klostermauern sich zu verschanzen und dem Manne, den sie in sich ausgeschieden, in ihrer männerliebenden Seele zu entsagen. Weit überragt ihre Bedeutung den Rahmen eigentlicher Heiligkeit. Ihre zarte Gestalt zieht wie ein Mythos am Himmel der Heiligen auf, und unwillkürlich erinnert sie an jene Worte des Psalms, die Christus an seine Jünger richtete — Worte, deren Geltung er ausdrücklich für den Menschen aufrechthielt und die an ihrer schlichten Seele vorüberhallten: „Ihr seid Götter!“
„Weißt du, liebster Sohn, daß bald ein größeres Verlangen, das du hast, erfüllt werden wird?“ sagte sie zu Maconi. „Was ist das für ein größeres Verlangen, das ich hätte?“ sagte er. Und sie: „Frage in deinem Herzen!“ Worauf Maconi: „In Wahrheit, ich weiß kein größeres Verlangen in mir aufzufinden, als immer bei Euch zu sein.“ Darauf sie rasch erwiderte: „Und das eben ist es!“ — Und nimmt ihn mit nach Avignon.
Ein solches Wesen mußte das feinbesaitete und stille Gemüt Gregors entzücken. Und wie gut durchschaut und kennt ihn Catharina! Ihn bestürmt und drängt sie und macht ihm Vorwürfe, und wieviel zurückhaltender, vorsichtiger, und unfreudiger ist dagegen ihre Sprache dem schrecklichen und ungeschickten Urban gegenüber. Auch ihn nennt sie ihr „süßes Väterchen“, aber sie holt weiter aus, um ihn zur Milde zu ermahnen; sie weiß, die von ihr ersehnte Reformation ist von ihm nicht zu hoffen: was er anfaßt, kann er nur zertrümmern. Aber an ihr findet Urban in seiner Not seinen festesten Halt: denn immer bleibt das stärkste Mobil in ihrer Seele die Treue einer Kirche gegenüber, in deren Dienst sie sich verzehrte. „Ich sterbe und kann nicht sterben!“ ruft sie oft in ihrer Sorge, wenn ihr prophetischer Geist ihr die bevorstehenden Leiden und Kämpfe verkündet.
Was mögen ihr für Bilder vorgeschwebt sein, wenn sie eine Reformation der katholischen Kirche verhieß?
Es ist nicht auszudenken, was die Geschicklichkeit, die Friedensliebe und der unparteiische Sinn der stürmischen, nie ungestümen Catharina verhütet haben würde in den verhängnisvollen Tagen, die ein Jahrhundert später sich bereiteten.
(Zeitlers Verlag.) Die Briefe der hl. C. v. S. 1906.