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Wege und Umwege

ALARMGLÖCKCHEN

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Wenn feine und feinste Nadelspitzen abbrechen, so werden sie bekanntlich stumpfer wie eine weniger dünne, die nicht entzwei ging. Feinste Nadeln sind also gerade in ihrer Feinheit gefährdet; sogenannte „feinste Kreise“ seit etwa zehn Jahren in eben dem Sinne auch.

Diese Behauptung bitte ganz à l’Européenne aufzufassen, nicht aber mich deshalb als Sozialistin, denn ich bin garnichts.

Wer aber hin und wieder zum Wanderstabe greift und dann nach der Rückkehr am alten Fleck sich wieder umsieht, in dem drängen und schieben sich die Eindrücke wie Bücher in ihren Regalen zurecht, Bilder finden ihren Platz, und jener merkwürdige Vorgang, den man „vergleichende Geographie“ zu nennen versucht ist, fängt an in seinem Kopfe zu entstehen. Dabei werden ihn die Verschiedenheiten, die er in der Fremde wahrnahm, natürlich viel weniger stutzig machen, als die Ähnlichkeiten. Ja, diese sind es wohl, die dann der Bereicherung durch das Gesehene fürs erste jenen leisen Untergrund von Ernüchterung beimischten, den der Heimgekehrte spürt. In Wien, Berlin, Paris, London, Rom liegen, trotz der verschiedenen Atmosphären, doch dieselben Dinge „in der Luft“. Als man anfing, geschmacklose Bauten zu errichten, baute man allerorts — wie auf geheime Order hin — geschmacklos. Vorm Buckingham Palace erhebt sich etwas nicht minder Scheußliches, als gewisse Neubauten in den Straßen Roms. Machte sich doch das Gemeine bis in die jüngste Vergangenheit besonders in Palästen, Banken und Bahnhöfen breit; ob es Millionen kostete, ob überall eine Anzahl Menschen die Hände darüber rangen, es setzte sich wie nach einem: Pardon wird nicht gegeben, überall durch.

Das geschmackvolle Frankreich bemühte sich hierin vor dem geschmacklosen Deutschland erfolgreich um den Rekord. Gewisse moderne Monumente im Park Monceau und in den Tuilerien sind sogar im Tiergarten noch unerreicht. Vielmehr ist man bei uns zuerst zur Besinnung gelangt, und es durften wieder anständige Häuser entstehen. Erst seit München sich des Hubertustempels erfreut, durfte in Piccadilly ein interessantes Bankhaus auf die Welt kommen. Denn wenn in Paris oder Berlin etwas in der Luft liegt, kommt in Wien einer darauf. Denn es gibt eine europäische Gemeinsamkeit der geistigen Einstellung allen Triple-Alliancen und Triple-Ententen zum Hohn, wie ja der Begriff Europäer sich immer mehr zusammenschließt, und wie ja die Idee eines europäischen Krieges wirklich mit jedem Tage geistreicher wird.

Und weil mir die Europäerin dabei einfällt: von ihr läßt sich wohl im großen Ganzen sagen, daß sie in aufsteigender Linie begriffen ist. Seitdem sie vernünftiger erzogen wird, nicht selten etwas Tüchtiges lernt, und nicht mehr so ausschließlich ihren Himmel in einer Verheiratung erblickt, während ihre Panik sich auf ein eventuelles Keinen-Mann-Kriegen konzentriert, seitdem haben sowohl der „Backfisch“ wie die „Gans“ ein wenig von ihrer typischen Rassenreinheit verloren. In den Köpfen der Mädchen wurde ja die Leere prinzipiell gezüchtet, und durch das bißchen Geographie und Klavier der bedauerlichen Tatsache ihres Nichtbeschäftigtseins nur noch mehr Nachdruck verliehen. Dies also ist — allen Teilen zum Glück — merklich anders geworden. Wir wollen uns daher nicht länger dabei aufhalten.

Ich glaube, eine aufsteigende Kurve ließe sich bei uns zu Lande auch für jene Kreise ansprechen, welche bislang die innere Bildung gleichsam in Pacht hielten, ihre Innerlichkeit aber leider auf Kosten ihrer Äußerlichkeit pflegten, Schönheitssinn mit Frivolität verwechselten und auch in ästhetischen Dingen sich durchaus als Protestanten dokumentierten.

Wer aber nicht in aufsteigender Linie begriffen ist?

Ich sagte es ja schon.

Als ich zum erstenmal Gelegenheit hatte, es wahrzunehmen, traute ich allerdings meinen Augen kaum.

In feudalen Burgen der französischen Provinz fiel es mir zuerst auf, wie sehr das geistige Niveau der vornehmen Gesellschaft gesunken ist. Aber auch in Schlesien, Österreich, England und Bayern weiß ich von Schlössern mit wundervollen Deckengemälden und unnachahmlichen Stiegenrampen und köstlichen Lüstern, Schlösser, in denen es sich traumhaft lebt, umgeben von Dingen, alle edel und beglückend anzuschauen. Vom mittelalterlichen Söller direkt ins Auto zu steigen, neuester Komfort zu alter Pracht gesellt, hat seinen eigenen Reiz. Wenn dann der Gong ertönt, drehen sich schmucke Türen in ihren Angeln, und Herren mit blanken Gesichtern, schimmernde Damen betreten hoch erhobenen Kopfes, Neugier erweckend, den Saal. Und der erste Abend mit diesen geschmückten Menschen, die man noch nicht kennt, verbringt sich behaglich und charmant.

Wie kommt es nur, daß man schon im Laufe des nächsten Tages fein leise sich ins Dorf schleicht und in einem dringlichen Kartenbrief den Wortlaut der Depesche bestellt, welche dem verheißungsvoll begonnenen Aufenthalt ein rasches Ende bereiten soll? und daß man schon genug hat, und sich zu Tränen langweilt?

Woher kommt es nur?

Weil die Unbildung sehr zivilisierter Menschen von einer Öde ist, über die kein Feenpalast hinweghilft. Es hat mehr Würze, mit einer alten Taglöhnerin, die mit ihrem Bündel über das Feld zieht, ein Gespräch zu führen, als mit einer unwissenden und ahnungslosen Fürstin. Denn dort können unausgelöste Werte sein, hier aber starrt uns ein überzüchtetes und selbstzufriedenes Nichts entgegen.

In allen Ländern aber, in welchen ich gewesen bin, habe ich bemerkt, daß die „höchsten Kreise“ eine gewisse Kurve zur Vergröberung genommen haben. Und ich hebe es hervor, weil es schade ist um uralte Geschlechter, Träger hochtönender Namen, die innerlich verbauern. Die Gefahr ist da. So gewiß es keinen Stillstand in menschlichen Dingen gibt. Wer sich nicht auf seiner Höhe erhält, d. h. sie immerzu fördert, der fällt von ihr. Schlösser, Paläste, die man ganz durchstöbern könnte, ohne ein gutes Musikstück oder ein nennenswertes Buch drin vorzufinden, sind nicht mehr vereinzelt.

1913 Neue Rundschau.

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