← Table of contents
Vögelchen

Student Kruger

Reading edition

Vögelchen begann sich nun langsam der Welt zu besinnen, wie die sich nun zu ihr, der kleinen Arabella Rutland, verhalten mochte. Sie lernte bewußt sich als Einzelwesen fühlen. Als sie eines Morgens im Rasen lag und von ihrer Anhöhe bald zum See herab, bald zum unendlich blauen Himmel aufblickte, empfand sie sich als ein wanderndes Stäubchen, ein losgelöstes Fünkchen auf Wanderschaft. Immer wieder sah sie noch das Feuerzeichen des Brandes, sah den Funkenregen und wie Teile sich loslösten und in der Luft verglühten oder im Wasser einen vorzeitigen Tod fanden. Alle schienen bis ans Ende ihrer Kraft zu fliegen und wurden Asche und Erde, nachdem ihr Leuchten in Dunkelheit untergegangen. Asche und Erde aber wurden von Wetter und Zeit zu feuchtem warmen Boden. Da grünten die Fünkchen von neuem ins Leben. Über ihr blitzte der Flügel einer Schwalbe im Sonnenlicht. „Flieg, Fünkchen, flieg,“ sang sie leise und es war ihr, als würde sie selbst ganz leicht und brauchte nur aufzuflattern. Waren alle Menschen beschwingt wie sie? In den Familien, in deren Nähe sie nach dem Brande gelebt, schienen kleine Widerhaken die Einzelnen aneinander festzuhalten. Wäre „Er“ denn sonst nicht mit ihr geflogen? Ach, sie war ein Sonderwesen, hatte nicht Vater, nicht Mutter, nicht Schwesterlein und Brüderlein. Va war ja nicht ihr Vater, das wußte sie. Aber auch für sie mußte es kleine Quellen geben, wo sie trinken konnte, Nester, wo sie ruhen würde, wenn die Wanderschaft begann und sie ermüdete. Va wußte alles. Er würde sie weisen. Va, der Zauberer, würde ihr die Türen öffnen. Die Reise, das wußte sie, die war der Anbeginn ihrer Wanderung, und die Wanderung würde ihr Leben sein. Die Leute in den Kirchen blickten zum Himmel auf, wenn sie beteten. Dort wohnte wohl Gott. Aber da unten im Seegrunde hauste ein anderer. Oder war das nur der Himmelsgott, der sich im Wasser spiegelte? Nein, der Gott da unten war verflochten in den Pflanzen der Tiefe und Fischlein schwammen silbern um seinen Bart. Der Gott im Himmel war sein Bruder und ewige Sehnsucht stieg auf und ab von ihnen. Vögelchen war es, als ginge der Strom ihrer Sehnsucht durch ihren eigenen Leib, aufsteigend und absteigend. In ihrem Herzen begegnete er sich, floß ein, floß aus. Ihr Blut nährte sich von ihm. Er hielt sie. Sie konnte nicht fallen. Sie bekam Weisungen von Höhe und Tiefe, in ihr verschwisterten sie sich. Dies alles war nicht Traum. Ließ es sich in Worte bilden?

Ja, sie konnte es in wirklichen Worten aus sich herausstellen. Von diesen Dingen erzählte sie dem Studenten Kruger, dem mißratenen Hofratssohne, der in ihrem Gasthof wohnte. Der hatte die Familienwiderhaken sich blutig aus dem Fleische gerissen. Nun heilte er die Wunden in Einsamkeit. Aber der Brand seiner Seele riß sie immer wieder auf. Schmerzten sie, so ward er wunderlich. Der Geist war ihm Seelsorger und Hofnarr zugleich. Vögelchen störte ihn nicht. Er nannte sie Ariel. Arabella klang ihm zu menschlich.

Student Kruger war ein wenig verwachsen oder es schien so. Man wußte nicht, wo und wie seine Gestalt abnorm war. Seine Augen hatten etwas Überraschendes wie die eines Falken oder Adlers, die sich, seltsam an der Ferne geschärft, unter bergenden Lidern enthüllen, und seine hohe Stirn, sein dichtes Haar ließen die Gestalt noch dürftiger erscheinen. Sein Mund aber war wie ein Hohn auf die Geistigkeit seiner blaugeäderten Schläfen. Er hockte wie ein Affe mit langen Armen neben Ariel und sprach in sie ein, bis er das Geheimnis des „Stromes“ aus ihr holte.

„Wer ist Gott?“ fragte sie.

„Gott ist ein einförmiges, göttliches, einfältiges Wesen und wirkt doch alle Mannigfaltigkeit und ist alles in allen Dingen, eines in allem und alles in einem, sagt der heilige Augustin. Gott sind Sie, Ariel, Gott bin ich, Konrad Kruger, Student der Theologie, Verkünder meiner Religion.“

„Und was ist das, was ihr die Seele nennt?“ fragte Vögelchen.

„Seele ist ein Aufgang zu Gott durch das Getümmel der Welt. Seele ist das Entsinken deiner selbst, dein Schauen, dein Warten, dein Empfangen, dein Geben in Demut.“

„Und was ist Demut?“ fragte Vögelchen.

„Demut ist Aufgeschlossensein, Demut ist Einlaß und Ausströmen der Liebe, Erkennen, Duldung und Dank, Bewährung im Glück und Schmerz, Demut ist Liebe gewordenes Leid.“

„Trauere nicht über Leid, Schmerz erhöht,“ sagte Vögelchen und bescheiden setzte sie hinzu: „Das weiß ich von Onkel Clemens, er schrieb mir das zum Abschied.“ Und plötzlich brach sie aus: „Ach, warum ist er fort, der gute, gute Onkel Clemens?“ Sie begann zu weinen. Student Kruger saß dabei und grinste aus Verlegenheit.

„Schmerz, wenn ein Rad über mein Bein fährt,“ fragte sie dann und trocknete ihre Tränen.

„Nein, Ariel, körperlichen Schmerz, sofern er nicht maßlos und andauernd ist, verspüren wir nicht, du und ich und die anderen, die wie wir sind.“

„Ich war nie krank,“ sagte Vögelchen.

„Und bist doch so zart. Sind Blumen krank? Die Narzisse auf wiegendem Stiel, das Buschwindröschen, die Orchidee? Nein.“

„Ich hatte eine schwarze Amme, eine Negerin säugte mich.“ Sie sah ihn kindlich triumphierend an. Das kann nicht jeder von sich erzählen, prahlte ihr Blick.

„Hattest du nicht die Masern, Scharlach, den Keuchhusten? Nein, daran wärest du gestorben,“ sagte Student Kruger. Er starrte sie eine Weile an. „Bist du eigentlich schon ein Mädchen?“ fragte er plötzlich. „Wie alt bist du?“

Vögelchen verschwieg gern ihr Alter. „Ich war immer ein Mädchen,“ antwortete Vögelchen ernsthaft.

„Ich meine, ob du noch Kind bist?“

Vögelchen richtete sich zornig auf. „Ich wäre ja beinahe Braut geworden,“ rief sie. „Und wenn wir nun reisen, so bin ich Frau Mannsthal. Das haben wir beschlossen. Va ist nicht mein Vater, müssen Sie wissen. Ich habe keinen Vater.“

„Und deine Mutter?“ Vögelchen erbleichte. Sie riß einen Halm aus und warf ihn von sich. Dies war die Antwort.

„Aber das mit dem Schmerz, daß wir es, ich und die anderen (sie ging immer auf seine Andeutungen einer geheimen Gemeinschaft ein), daß wir den Schmerz nicht spüren! Geben Sie mir Ihr Federmesser, ich will das versuchen.“ Gehorsam zog er es hervor. Soll ich öffnen, deutet er. Sie nickte.

„Rasch, sonst verliere ich den Mut.“ Er tat es. Sie ritzte sich in der Handfläche. Es ging nicht leicht. Ihre Haut wehrte sich des stählernen Eindringlings. Plötzlich sprang ein kleiner roter Strahl empor. Vögelchen war kreideweiß im Gesicht. „Wahrhaftig, es schmerzte nicht,“ sagte sie. Aber sie hielt den Atem an. Es wurde ihr übel. Student Kruger hockte neben ihr, seine Haare sträubten sich vor Erregung, seine Ohren reckten sich spitz, seine Augen hatten einen stumpfen, fast blödsinnigen Glanz.

„Ariels Blut,“ sagte er leise. „Wein des Lebens.“

„Ich kann es nicht sehen,“ sagte Vögelchen, die immer bleicher wurde.

„Und müßt doch bluten, ihr Frauen.“

„Red’ nicht so hoch daher,“ rief sie unwillig und wand ihr Tuch um die Hand. „Ich hasse euer ewiges Gescheitsein.“

„Ich möchte dir alles geben, was ich habe, Ariel, alles Gescheitsein auch.“

„Ich mag nichts von dir,“ sagte sie. Er sah sie an wie ein getretener Hund, dann beugte er sich über sie und flüsterte angstvoll: „Aber ich lasse dich nicht.“ Vögelchen sah zu ihm auf; wie sein Antlitz über ihr schwebte, war ihr, als ob das Grauen sich in einer Wolke über ihr ballte. Ein Druck legte sich wie eine eisern würgende Faust auf ihren Hals, ein blauer Strom ging an beiden Schläfen zu ihrem Herzen hinab. Sie wurde ohnmächtig.

Camill, der Kammerdiener, kam, vom Ruf des Studenten angetrieben. Er rieb ihr die Stirne mit Essig. Man trug sie auf ihr Zimmer. Dort schlug sie die Augen auf. „Er hat mich gebissen,“ sagte sie und deutete erzürnt auf Kruger, der bestürzt da stand. Der Kammerdiener machte ihm hinter Vögelchens Lager ein Zeichen. Er tippte mit dem Finger an seine Stirn, andeutend, daß er an der Vernunft seines Fräuleins zweifle.

Vögelchen streifte tags darauf wieder allein im Wald umher und war einsam bei den Mahlzeiten. Kruger begrüßte sie mit tiefen Verbeugungen. Er saß in einem Gartenhaus hinter Büchern bei einer Schreibarbeit. Manchmal stand er auf und fuhr wild gestikulierend mit den Armen in die Luft. Vögelchen war sehr neugierig, was er da treibe. Sie ging einige Mal um das Häuschen herum, setzte sich dann in Hör- und Sehweite, mit dem Schnitzen einer Gerte beschäftigt.

„Ja, da brauchte man ein Papier,“ sagte sie, scheinbar zu sich selbst sprechend. Ein kleiner Junge lief vorüber und sah das kleine Fräulein an. „Ich mache eine Fahne,“ sagte sie, „für mein Schiff. Aber dies ist erst der Mast. Ich brauche ein Papier. Und dann schreib’ ich darauf ‚Fünkchen, flieg‘. So heißt mein Schiff. Hast du verstanden, Peter? Oder heißt du vielleicht Seppel?“ Der Junge nickte. „Nun, kannst du nicht reden? Aber nicken kannst du doch? Andere können nicht einmal nicken, und wenn du ein Student wärst, hättest du auch ein Papier.“ Seppel murmelte etwas, das seine Zahnlosigkeit unverständlich machte, und verschwand auf das schrille Pfeifen eines Genossen.

Jetzt erschien Kruger vor dem Gartentor und hielt einen Bogen in der Hand.

„Ach, Sie sind hier?“ sagte Vögelchen.

„Sie suchen mich ja schon eine gute Weile.“

„Einbildung,“ sagte sie.

„Das ist keine Schande unter guten Freunden.“

„Freunden? Ich kenne Sie doch kaum. Vor acht Tagen wußte ich noch nichts von Ihnen.“

„Oh, das tut nichts zur Sache. Liebe auf den ersten Blick.“

„Ich, Sie lieben!“ Sie lachte.

„Lieben Sie den Vogel dort, der über dem Baum schwirrt? Vor einer Sekunde noch war er nicht in Ihrem Leben und vielleicht werden Sie ihn nie wiedersehen. Lieben Sie dieses Marienkäferchen, das morgen tot sein wird, den Fisch, der dort aufblitzt im See, den Seppel, der eben fortlief?“

Sie dachte nach. „Ja,“ sagte sie. „Aber Sie? Nein.“

„Auch mich, aber das ist nichts.“ Er machte eine Handbewegung, als schöbe er etwas weit weg, und immerzu noch lächelte er unter dem Glück, daß sie wieder zu ihm gekommen. „Auch mich, aber Ihre Liebe gehört allen und niemandem. Sie bleiben nirgends. Ihr Herz hat Flügel. Es saugt sich dort an und da an und es wird süß werden wie Honig. Dies ist der Sinn Ihres Lebens, Honig des Herzens zu geben und den Gesang Ihrer Seele. Sie werden nicht Landschaften malen, nicht auf den Brettern agieren und nicht studieren, es sei denn, Sie täten es einem Menschen zulieb. Sie werden nicht sticken und Bücher lesen, und ich glaube, daß Sie niemals ein Kind haben werden.“

Vögelchen hatte still zugehört. Jetzt kam Bewegung in sie. „Ich will Kinder haben, sehr bald will ich kleine Kinder haben. Nächstes Jahr vielleicht schon,“ sagte sie.

Kruger lachte, aber plötzlich standen seine Augen voll Tränen. Er hatte tagsüber in Ekstase gearbeitet und war sehr erregt. „Deine Wiege stand im Wüstensand, im Land des Morgens,“ sagte er mit weitausschauendem Blick, als predigte er. „Ehelich gebunden bist du, ehe du zum Weibe wardst. Du bist gebenedeit, denn zwischen dir und Gott ist kein Ich und Du.“ Und plötzlich beugte er sich herab, rasch hinknieend wie ein Frommer, der eine Kirche verläßt, und küßte den Saum ihres Kleidchens. Sie warf eine Blume, einen himmelblauen Enzian, auf ihn herab. Er barg ihn in seiner Brust.

Am Kiesweg knirschte ein Tritt. Camill, der Kammerdiener, stand hinter ihnen.

„Der gnädige Herr sind angekommen,“ sagte er.

Student Kruger war nun abgesetzt. Er war jetzt ganz auf Camill angewiesen, der eine starke Anziehungskraft für ihn hatte. Wenn Vögelchen zur Ruhe gegangen war, pflegte er mit ihm, der gern trank, im Schankzimmer des Gasthofes zu sitzen. Diese Freundschaft anzubahnen, schien ihm wichtig. Durch Camill hoffte er Vögelchens Wege verfolgen zu können. Der Diener sprach nicht wenig von schlüpfrigen Dingen und Student Kruger, mißratener Hofratssohn und Hörer der Theologie, vernahm sie mit Verständnis und Wohlbehagen. Er erfuhr auch einiges über Mannsthal, den er als Vögelchens Besitzer bewunderte und haßte. Camill ließ Andeutungen fallen von Abreibungen, elektrischen Kuren, von Medikamenten und Bädern, von gymnastischen Übungen, die alle der Erhaltung jugendlicher Manneskraft dienten. Konrad Kruger versuchte sich heimlich in ähnlichen Prozeduren und sie hatten die Wirkung, daß Minna, das Schankmädchen, ihm eine Ohrfeige gab. Eine Reihe von Gedichten entstand aus dem neuentfachten Brand seiner Sinne. Sie verklärten sich alle ins Mystische und alle waren an Ariel-Vögelchen gerichtet, das ihm von ferne ernsthaft zulächelte. Mannsthal hatte die Versuche, ihm Kruger näher zu bringen, mit leichtem Spott abgewiesen.

Da geschah es am Tage vor der Abreise, daß am späten Nachmittag eine Dame vorfuhr und nach Mannsthal fragte. Suchend irrte ihr erregter Blick umher. Sie war beinahe korpulent, was zu ihrem merkwürdig zarten, von Leid gezeichneten Gesicht im Widerspruch stand. Vögelchen sah, wie Mannsthal vorsprang und sich mit bleichem Gesicht kühl und wie abwehrend verbeugte. Die Dame sah forschend auf Arabella und ein schmerzliches, mit Neugier gepaartes Lächeln streifte sie. Dann folgte sie Mannsthal, der ihr Vorwürfe zu machen schien, in das nahe Wäldchen.

Vögelchen war sogleich von Argwohn erfüllt. Sie haßte es, von fremden Leuten betrachtet zu werden. Blicke krochen ihr bis an die Haut und verursachten ihr oft Unbehagen. So hatte sie sich auch unter diesem Lorgnettieren abgewandt und den forschenden Blick durch eine rasche Umdrehung der Schultern gleichsam abgeschüttelt. Eine vielleicht geplante Annäherung der Dame schien dadurch augenblicklich unmöglich geworden. Arabellas Mißtrauen war nach den Erlebnissen in K. begreiflicherweise noch nicht geschwunden und, wäre sie nicht Kruger begegnet, der ihrer innern Welt schon durch die Hemmungslosigkeit seiner Rede näher stand, sie hätte den Zweifel an einen möglichen Zusammenschluß mit Menschen nicht so bald überwunden. Aber noch beherrschte er sie. Mit dieser Fremden wollte sie nicht sprechen. Va schien über ihr Kommen erzürnt. Eine geplante Segelfahrt war nun überdies versäumt. Obwohl Arabella zu einem Buch griff, war sie innerlich aufgewühlt und las nicht. Sie ahnte wieder die Geheimnisse, die um sie wuchsen, wie undurchdringliches Gestrüpp. Ein Gefühl, aus Trotz und Scham gemengt, drängte jede Frage zurück. Dennoch zehrte Neugier an ihr und Grübeln, ob sie mit Wissen ein Drohendes, Unheimliches nicht würde bannen können.

Kruger lag im Walde, als Mannsthal mit der Dame herankam. In seiner grünen Lodenjoppe war er vom Moosboden nicht zu unterscheiden. Er las. Da hörte er eine Frauenstimme erregt sagen: „Bitte, setzen wir uns doch endlich, ich bin müde.“ Die nächste Bank war nicht in Hörweite. Student Kruger kroch auf allen Vieren, bis er Brocken des Gespräches erhaschen konnte.

„Was nützte dir der neuerliche Prozeß? Sie ginge ja doch nicht mit dir. Willst du das Kind gegen seinen Willen zwingen?“ Dann hörte er weiter aus Mannsthals Munde das Wort „Erbin“. „Du willst ihr ein glänzendes Leben verscherzen? Du, eine Fremde! Denn sie kennt dich ja nicht mehr.“ Die Frau antwortete: „Ein glänzendes Leben? Du wirst sie zugrunde richten. Du hast eine Wilde aus ihr gemacht. Ich dulde das nicht länger.“

„Man hat dich nicht gewarnt? — Urbacher? Oder spionierst du?“

„Nein, verdächtige niemanden. Gewissen —“

„Warum schwieg es denn damals? Warum hast du das Kind deinem Mann geopfert, der von mir bezahlt war? Muß ich dich wieder daran erinnern?“ Die Stimmen wurden lauter.

„Du lügst. Deine Spitzfindigkeiten boten uns keinen Ausweg.“

„Willst du endlich seine Unterschrift sehen? Ich habe diese kleine Kostbarkeit immer bei mir. Für alle Fälle.“

„Aber ich dulde nicht, daß du im Ausland lebst. Daß du das Kind verschleppst.“

„Sie haben keine Rechte zu verbieten.“

„Und wenn ich dich verdächtige, daß du nicht als Vater an ihr handelst?“

„So werde ich vor den gröbsten Mitteln nicht zurückscheuen. Noch einmal solch ein Überfall und ich erzähle Arabella alles.“

„Willst du ihr verächtlich werden?“

„Willst du, daß sie die Erinnerung an dich, daß sie das Wort ‚Mutter‘ für immer austilgt?“

„Erpresser,“ sagte die Frau.

„Du reizt mich zum Äußersten. Du weißt, ich liebe sie unüberwindlich, mehr als Recht und Ehre. Kehr’ in dein Leben zurück, das du dir freiwillig gewählt hast, und beunruhige das Kind nicht.“

Die Frau stand auf. „Treib’ es nicht zu weit. Gott gebe, daß ich dir Unrecht tue. Aber auch, wenn du reist, werde ich Mittel finden, das Kind im Auge zu behalten.“ Sie schluchzte. Sie entfernten sich. Kruger sprang auf. Er lief durch den Wald bis zu jener Stelle, wo die Fahrstraße ansteigt und Wagen im Schritt fahren. Dort wartete er. Als das Gefährt herankam, grüßte er.

„Auf ein Wort, bitte.“ Die Dame fuhr erschrocken auf und fragte:

„Was wollen Sie?“ Ein Bettler war das nicht.

„Ihre Adresse,“ sagte Kruger — „für alle Fälle.“

Die Dame erbleichte. „Wer sind Sie,“ stieß sie hervor.

„Wozu? Nebensache. Zu Ihrem Vorteil frage ich. Geben Sie zumindest eine Deckadresse. Den Namen Ihrer Tochter Arabella zum Beispiel. Welches Postamt?“

Die Dame sah den Menschen an. Sie besann sich mühselig. Zögernd nannte sie das Verlangte. Kruger zog rasch den Hut und verschwand im Walde.

Vögelchen konnte nicht einschlafen. Sie saß auf ihrem Balkon im Dunkel und kämmte ihr Haar. Sie tat das gern und immer länger, als es nötig war. Vor dem Gartenhaus sah sie Kruger herumwandern. Er sah ernst und vergrämt aus, schwer von Wissen. Mannsthal hatte sich zurückgezogen und ihr jede Frage abgeschnitten. Er wollte sie nicht mehr belügen. Seitdem er sie in ein neues Leben aufgenommen, versuchte er so ehrlich zu sein als möglich. Später würde er ihr für alle Teile gleich schonungslos die Wahrheit sagen. Später! Vögelchen starrte auf das Licht seines Zimmers. Jetzt losch es. Zorn stieg in ihr auf. War sie denn immer noch das Kind, dem versagt wird, was der bloße Anstand erforderte? Aufklärung von Vorgängen, die sich vor ihr abspielten und dies alles mit Selbstverständlichkeit. Ihre Freundschaft mit Urbacher, mit dem Studenten, wortlos wurden sie ihr genommen. Warum war dies zwischen ihr und Va, daß sie nachts sich nicht mehr zu ihm getraute, wenn ihr ängstlich zu Mute war? Alles schien ihr nun unnatürlich. Wie traumverloren stand sie auf, stieg mit ihren roten Pantöffelchen und aufgelöstem Haar zu dem Menschen, den sie da unten bei der Arbeit wußte, zu ihm, der die Tore seines Wesens für sie aufgeschlossen hatte. Morgen würden sie ja reisen. Da mußte alles anders werden. Dann würde wohl auch Va sie einnehmen in sein eigenes Leben. Aber, wenn das nicht geschah? Wenn sie allein bliebe? Gab es einen Weg aus ihrem Bangen? Nun würde sie Kruger Adieu sagen und seinen Predigersegen empfangen. Als sie so plötzlich vor ihm aufstieg, weiß und lautlos, griff er in die Luft, als gelte es eine Erscheinung zu fassen: „Wieder auferstanden?“ sagte er grinsend.

„Schweig,“ flüsterte sie. „Va braucht uns nicht gleich zu hören und Camill verrät uns.“

„Nein, der tut es nicht, und wenn auch? Morgen fährt Frau Arabella Mannsthal in die Welt.“

„Ja, morgen fahren wir in die Welt.“

„Du Glückliche,“ seufzte Kruger, „wenn du wüßtest, wie ich mich hinaussehne, wie ich es erlechze, die weißen Firne im Spiegelbild der blauen Seen zu erblicken, die berühmten Stätten der Kunst, die uralten Baudenkmäler, deren lebendiges Geschehen mir gegenwärtig ist! Wie ich mich nun doppelt sehnen werde, in diese schon von alter Kunstheiligkeit schaurig gewordenen Kirchen zu treten. Wird er dir auch alles zeigen können, wie ich es könnte? Wird er dich beten lehren und dichten, wenn Bewunderung keine täglichen Worte mehr findet? Wird er jene unzerreißbaren Fäden ziehen, die unsere Sterblichkeit an das göttliche Ewige binden? Für dich müßten die Steine wieder ihre alten Worte finden. Von den Wänden der Kapellen müßten Schwester und Brüder aus heiligen Landen herabsteigen und Zwiesprache halten mit dir. Statt dessen, Ariel, wird der große Brand über dich kommen. Sieh,“ fuhr er in schlichter Ergriffenheit fort, „dein Blut wird sich entzünden, es harrt schon des Feuersteines. Aus der schmalen Schale deines Kinderleibes werden Flammen brechen. Hüte ihre Heiligkeit. Möge es dich nicht vernichten, das Feuer.“

Vögelchen sah das Feuer, das die Stätte ihrer Kindheit verheert hatte. Es war eins mit dem Brande, vor dem er warnte. Welch Wunder, sie verstand ihn! Endlich kam ein Licht über ihr dumpfes Ahnen. In jener Nacht mit Mila Maquard, in jenen Stunden, da seltsame Liebkosungen Fluten von Wärme und heißer Gier in ihr erweckt hatten, da hatte zugleich ein Gefühl traurig beseligter Weltflucht, ein Enteilen ihres Körpers über alles Irdische sie erhöht. Sie ahnte, seine Warnung hieß: „Lass’ dich gleiten, verweile nicht auf den Wogenkämmen der Eigenlust. Ströme aus in unendlichem Geben.“

Daß sie ihn verstand, beglückte sie. Und nun war darüber kein Zweifel mehr, als er sagte: „Tu es mit ganzer Seele.“ Sie sah nicht, wie seine bebende Hand sich ballte und wie zum Fluch sie sich aufrecken wollte zum erloschenen Fenster Mannsthals.

„Ich werde dich wohl nie mehr sehen,“ sagte sie traurig.

„Du wirst mich sehen. Ich werde dir nahe sein, immer, immer wirst du nur zu rufen brauchen. Immer wird dein Bild vor mir schweben und mich zum Äußersten stärken.“ Er blickte auf sie mit halbgeschlossenen Augen und leicht geöffnetem Mund wie einer, der einen lieblichen Traum erschaut. Dann schlug er den Blick nieder zu ihren roten Pantöffelchen, ein Märchen kam ihm in den Sinn. Sie tippte ihn leise an der Schulter.

„Schreib mir,“ hauchte sie. Und dann verschwand sie, von seinen Worten durchschauert.

Tags darauf fuhr der Wagen vor, die riesigen Koffer aufgeschnallt. Vögelchen stieg ein wie eine Braut, ihr Schleier flatterte in der Brise des Morgens. Mannsthal folgte ihr, bettete sie ein in weiche Decken. Eine feierliche Entschlossenheit lag kalt wie Marmor auf seinem Antlitz. Camill sprang auf und blinzelte zu einem Fenster. Dort stand Kruger. Der Wagenlenker tat seine Arbeit. Ein leichtes Grüßen. Nun flog das Gefährt in die Landschaft ...

Hunde, die man zu Hause läßt, brechen zuweilen ihre Fesseln, Wagen oder Eisenbahn nachzujagen mit hängender Zunge. Also flog schweißtriefend Konrad Krugers Seele neben Vögelchens Wagen und heulte auf zu ihr in verschmachtendem Schmerz.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings