← Table of contents
Vögelchen

Adalbert Mannsthal

Reading edition

„Il avait toujours eu le malheur d’être riche.“

(Romain Rolland „Dans la Maison“)

Fünfundzwanzig Jahre vor diesen Begebenheiten saßen in dem Parke der Mannsthal-Villa in Hellwang einige Jungen und sprachen — sie waren etwa fünfzehnjährig — von „Unerlaubtem“. Einer von ihnen führte das Wort, manche warfen Bemerkungen ein, um Kenntnisse zu beweisen, andere stellten ab und zu eine zaghafte Frage. Nur Adalbert schwieg und es schien, als höre er nichts als das Brausen der nahen Stahlwerke und sähe nichts anderes als die feine Holzschnitzarbeit, die er eben handhabte. (Es war ein Kästchen, das einem besonderen Mineral als Aufbewahrungsort dienen sollte.) Immer wieder trieb es die Jungen an, vor ihm ihre Eröffnungen ins Lügenhafte zu steigern, um ihn endlich zur Anteilnahme hinzureißen. Während er äußerlich kühl blieb, entfiel ihm kein Wort des Gespräches, aber zum ersten Male bemächtigte sich nun seiner Unruhe. Er selbst war wohl von einem vernünftigen Vater hinreichend aufgeklärt worden, aber seine beherrschte Lebensart, die Beschäftigung mit künstlerischen Dingen, sein Interesse für das große Unternehmen des Vaters, sein stark entwickelter Schönheitsinn hatten ihn bisher vor den oft im Müßiggang vorzeitig aufkeimenden Trieben bewahrt. Zum ersten Male, obwohl älter als die Vettern und Freunde, begann nun ein heißer Drang in ihm aufzusteigen, der ihn so sehr betroffen machte, daß eine Beteiligung am Gespräche seine körperliche Anteilnahme verraten hätte. Während er nun mit unruhiger Hand die Laubsäge zu meistern suchte, ging quer über die Auffahrt zur Villa eine Dame mit einem etwa zwölfjährigen Mädchen. Dieses war sehr zart und blaß, ein Stadtkind. Ein leichtes, weißes Röckchen flatterte um gut gewachsene Beine, die zwischen den modisch hervorlugenden Spitzenhöschen und den Strümpfen nackt waren. Der Wind drohte sie noch weiter zu entblößen. Die Dame war die Frau eines neuernannten Werkdirektors, die Kleine ihre Tochter, die nun mit den Eltern in der Fabrik wohnen sollte. Sie waren gekommen einen Antrittsbesuch abzustatten. Adalberts Blicke folgten dem wehenden Röckchen, bis es hinter einer Baumgruppe verschwand. Nach einer Weile sandte die Tante, die Mutterstelle an ihm vertrat, Botschaft, um ihn in das Empfangszimmer zu rufen. Die Dame verneigte sich vor dem Sohn des mächtigen Fabriksherrn und sagte:

„Mach deinen Knix, Loli.“

Loli schien der Knix nicht am Platze. Sie reichte ihre Hand und sagte treuherzig: „Grüß Gott!“

Adalbert blieb eine Weile, aber so wohlerzogen er auch war, er fühlte seine Blicke immer wieder zu den nackten Knieen Lolis entgleiten, die ein blonder Flaum bedeckte, und weiterirren zu dem Höschen, das noch nackter schien, dann auf zu dem weißen Röckchen, das, vom Winde wie ein weißes Blütenblatt zerzaust, nun müde von ihren schmalen Hüften hing. Er wußte, daß er in diesem Augenblicke alles darum gegeben hätte, seine wertvolle geologische Sammlung, seine Eisenkristalle, seine Bücher, wenn der Sturm, der sich nun draußen erhob, durch die Türe der Terrasse brechend, ihm das enthüllen wollte, was ihn zu sehen gelüstete. Er war sehr blaß am nächsten Morgen. Als der Nachmittag kam, ein schwüler Julinachmittag, mit Lindenduft und müdem Gesang der Vögel, schlich er an das Gärtchen des neuen Direktors und sah Loli an einem Beet beschäftigt. Er pfiff leise. Sie horchte auf, sah ihn und sagte lächelnd: „Grüß Gott!“

„Willst du spazieren gehen?“ fragte er.

„Gern,“ sagte sie freudigst, rief ins Haus und kam dann aus dem Tor. Sie nahm ihre Schürze ab, warf sie auf die Hecke hinter den Zaun und reichte ihm kräftig die Hand. Wie frisch sie ihm erschien. Es ging ein Wohlbehagen von ihr aus, wie von neugesteifter, blütenreiner Wäsche, die sorgfältige Hände in einem Spind verwahrt hielten.

„Wollen wir in den Wald gehen?“ fragte er. Sie klatschte in die Hände.

„Fein,“ rief sie. Sie begannen zu plaudern nach Kinderart. „Wie alt bist du? In welche Schule gehst du? Was lernst du am liebsten? Hast du Geschwister?“

„Wo sind die vielen Jungen?“ fragte sie dann.

„Sie haben einen Ausflug gemacht.“

„Und du bist zu Hause?“

„Ich war zu müde, habe wenig geschlafen. Dann wollte ich dich herumführen. Du kennst hier noch nichts.“

„Wie freundlich von dir. Es ist so schön da. Mama hofft auch, daß ich hier stärker werde.“

„Ja, das könnte nicht schaden. Du siehst noch aus wie ein Junge. Vielleicht bist du einer.“

Loli wurde rot. „Was fällt dir ein!“

„Nun so beweise mir’s, daß du keiner bist.“

„Soll ich mit dir balgen?“

„Nein, das tut ihr Mädel ja auch. Anders sollst du mir’s zeigen, daß du kein Junge bist.“ Er sah sie von der Seite an und lächelte wie im Spott.

„Pfui, du bist ungezogen,“ rief Loli entrüstet. „Ich dachte, daß du ein feiner Junge bist. Und vor dir hätte ich knixen sollen.“

„Nun, sei nicht böse und verzünde mich nicht gleich bei deiner Mutter. Dann ist’s aus mit unseren Spaziergängen. Sieh, Loli, diesen kleinen Gefallen könntest du mir schon tun, damit ich sehe, daß du einer Freundschaft auch etwas zu Liebe tust. Und damit ich ganz sicher bin, daß du kein Junge bist.“ Er lachte, als scherze er. Sie waren schon im Walde, der hinter den großen Holzplätzen, die würzig in der Sonne dufteten, hinanstieg. Es war dunkel und still um sie. Loli sah blaß und erschrocken aus. „Ihr Jungen seid böse,“ sagte sie.

„Hat denn schon einer das von dir verlangt?“

„Ja,“ sagte sie. „Aber ich habe es nicht getan. Es waren fünf, alle meine Vettern. Hinter der Scheune bei Onkel Rudolf. Sie baten so, aber ich tat es nicht. Du hättest sie sehen sollen, sie wurden böse.“

„Willst du nun, daß auch ich böse werde? Und ich bin doch nur einer, da ist es dir doch leichter. Dann wollen wir doch auch Freunde werden. Im Winter fahren wir dann Schlitten, wenn ich zu den Ferien komme. Bitte, Loli!“ Seine Augen, die groß, grau und tief umschattet waren, leuchteten flehend in die ihren. „Einen Augenblick nur! Hier, siehst du, hinter diesem dicken Stamm. Hier sieht es niemand.“

Loli sah den hübschen Jungen, vor dem ihre Mutter sich verneigt hatte, sie leicht und dennoch herrisch an der Schulter berühren. Das Sonnengeflimmer rieselte grünlich durch die Zweige. Es war so still um sie her. Man hörte nur des Knaben erregten Atem. Da hieß das Äußerste seines Wunsches ihre Händchen seiner Bitte willfahren. Er kniete vor ihr. Ihre Haut war weißer als der Schnee. Er krampfte seine Fäuste ins Moos. Da raschelte ein Vogel auf. Loli erschrak. Bebend fiel die Hülle. Adalbert war auf dem Waldboden niedergesunken, vergrub sein Gesicht. Dann sprang er auf. Nun liefen sie aus dem Wald, als fürchteten sie Verfolger. Seine Überlegenheit war geschwunden.

Die folgenden Tage umgaben ihn die Kameraden. Adalbert schien ein anderer. Er war heiter und beweglich, beinahe rauflustig. Dann wieder verschwand er aus dem Freundeskreise. Er wollte sich abseits halten, um Loli wieder, ohne daß es die anderen gewahrten, zu einem Waldspaziergang aufzufordern. Es hätte ihm schon genügt, sie zu sehen, die Hand, die seinen Wunsch erfüllt, leicht zu berühren, unmerklich an ihr Röckchen anzustreifen. Aber immer war einer der Jungen hinter ihm her und es war ihm, als dürfe er keinen auf seine Fährte bringen. Er haßte sie alle in diesen Tagen, weil sie wie er vielleicht ein Gleiches erreicht hätten. Wenn ihm etwas lieb war, bekam es die Glorie der Heiligkeit. Es war nicht Neid, der ihn ängstlich seine Sammlung verschließen hieß. Er fühlte sich als Kronhüter.

Da geschah es, daß einer der Knaben vom Scharlachfieber ergriffen wurde. Er reiste, noch ehe die Krankheit sich entschieden geäußert, nach Hause, aber bald darauf erkrankte auch Adalbert. Er war in diesen Tagen in seinen Kräften sehr herabgekommen gewesen, hatte wenig geschlafen und gegessen. Nachdem der Ausschlag geschwunden war, stellten sich Folgekrankheiten ein. Er magerte ab. Das Fieber hatte ihn fast aufgezehrt. Die Schwäche löschte das Feuer der eben erwachten Sinne, die noch in den Phantasien der ersten Krankheitsnächte aufgeflammt waren. Eine seiner Lungen schien gefährdet. Im Spätherbst reiste man mit ihm nach dem Süden, dann in die Schweiz, deren Höhenkuren empfohlen wurden. Zwei Jahre lang lag er auf Terrassen, den Blick auf enzianfarbigen Himmel, von Schneekuppen gesäumt. Er las viel, lernte mit seinem Hauslehrer, einem Hochschulstudenten, der schwächlich war wie er. Lange Zeit war in der Liegehalle ein Russe sein Nachbar. Der war älter als er und eine brennende Seele wohnte in ihm. Sie sprachen leise, daß Arzt und Pflegerin sie nicht hörten, stundenlang. Der Geist war jetzt Herrscher über Adalbert. Nur ganz selten, wenn er die Augen schloß, müde des vielen Lichtes, sah er im Waldglanz an einen Baum gelehnt, ein fernes Bild. Wie im Traum.

Zu dieser Zeit bewegten ihn leidenschaftlich grundsätzliche Fragen. Daß man sein Vaterland vor allen anderen lieben müsse? Nikolai Karinski tat es. Nicht etwa daß er seine Nation über die anderen stellte. Rußlands Seele wolle den anderen dienen, es beugt sich vor der Kultur Europas, seit Peter sie heimgebracht. Nein, Rußland wäre wie kein anderes Land fähig, den Wert der anderen Nationen zu erkennen, und dennoch müsse die Erlösung der Welt von ihm ausgehen. Das Allmenschliche der russischen Seele sei die große Botschaft an Europa.

Adalbert verstand ihn zuerst nicht. Er meinte, daß Rußland und Zarismus das gleiche sei: eine ameisenhafte Anhäufung dürftiger Menschen, über der ewig die Knute des Despotismus drohe. Wie konnte Karinski sein Land lieben, wie von ihm Erlösung hoffen für die Welt. Und wie kam es, daß er das seine mit seinen alten Kulturtraditionen, seinen landschaftlichen Schönheiten nicht über alles lieben gelernt? Liebe fürs Vaterland, das war ihm nicht viel mehr als ein Schulgegenstand. Während der Reisen, die er mit seinem Vater unternommen hatte, war er in fremden Ländern gleichermaßen in Begeisterung entflammt, wenn das Schöne ihm begegnete. Karinski, der Graf, aber liebte sein Land im Volke, in der einfältigen Seele des Russen, die durch alle „Fegefeuer der Zweifel“ zu Gott ging und die Barmherzigkeit Christi auf Erden vertrat. Aber Adalbert hatte immer gehört, daß in Rußland die Korruption zu Hause, Bestechung und Grausamkeiten alltäglich seien. Dies habe ja das Volk groß gemacht, groß im Leiden, meinte Karinski. Dies habe die Seele des einzelnen erhöht und verbrüdert mit dem Niedersten seines Landes. Qualen, unsäglichste Leiden hatten den russischen Menschen widerstandslos gemacht gegen die Anfechtungen seiner dunklen Triebe und die Inbrunst seiner Gefühle. Deshalb sei er tierisch und kindlich, lasterhaft und einfältig zugleich, deshalb sei er grausam und gottesfürchtig, niedrig und großmütig, im Glück frevelnd, im Elend edel, eigensüchtig und freigebig, furchtlos bis zum Aberwitz und zernichtet in Angst und Schrecken. Immer ist er von den entgegengesetzten Polen seines Wesens abgestoßen und angezogen, Engel und Teufel, Kind und Verderber. Niemals könne das Gefühl für ihn erkalten, immer erregt er Bewunderung oder Mitleid, Abscheu oder Anbetungswürdigkeit.

Und Adalbert sah auf sein eigenes Volk zurück, er dachte an die Arbeiter seines Vaters, an arme Leute. Ja, auch sie lebten mit Leiden und seltenen kleinen Freuden, aber er sah nichts, was an ihnen begeistern konnte. Er erinnerte sich, wie er in seiner früheren Kindheit sich eins gefühlt mit den Kindern der Werkleute, daß ihn aber sogleich Befremden überkommen, wenn er einem Erwachsenen aus dem Volke sich gegenübersah. Nicht von ihm, dem Kinde, ging dies aus. Er liebte die arbeitenden Leute mit ihrem fremden Leben, das ihm unheimlich geheimnisvoll schien. Ihr Können, ihre Fertigkeiten waren ihm oft unerreichbar und reizvoll erschienen. Aber sie traten nicht als freie Menschen vor ihn, sie waren Diener, Sklaven oder mißlaunige Neider, die ihr wahres Gefühl schlecht verbargen. Wie mußten erst Rußlands Leibeigene hündisch unterworfen sein, wie unmöglich schien da eine Brüderschaft mit den Armen. Aber das war es ja, was Karinski so sehr an seinem Volke liebte, daß es seine eigene Würde bewahrte. Die Demut, die Neidlosigkeit, sie gaben dem Russen aus dem Volke das Selbstgefühl. Adalbert hatte geträumt dereinst als Fabriksherr der Wohltäter und Freund seiner Arbeiter zu sein. Nikolais Reden überzeugten ihn von neuem, daß ihn dieses Bestreben enttäuschen würde. Sein Widerwille dereinst über Tausende von Menschen zu herrschen wuchs stetig. Im Volk eine tote Masse zu sehen, die der Wille der Machthaber bewegt, war ihm unmöglich. Er sah den Einzelnen und sah die Vielen als Ausdruck einer Wesensart mit Wunsch und Willen, mit ihrem Eigenleben. Wäre er nicht unter den Arbeitern aufgewachsen, er hätte sie vielleicht wie eine ihm fremd geartete Masse angesehen, der er seinen Willen aufzulegen imstande gewesen wäre. Aber viele der Arbeiter waren seine Spielkameraden und deren Väter. Es fehlte ihm nicht an Herrschsucht, aber diese kam ihm einzig aus geistiger Überlegenheit oder Begierde. Eben deshalb kapitulierte sie hier vor seiner Einsicht.

Seines Vaters Tod traf ihn daher zwiefach. Er hatte sich mit dessen Einverständnis eine mehrjährige Lehrzeit in großen Unternehmen Amerikas gesetzt. Nun hieß es auf halbem Wege heimkehren. Er brach seinen Aufenthalt in England ab, wo er zwei Jahre studiert hatte, und begab sich sogleich nach Hellwang zur Übernahme des Werkes. Er war von seinem Leiden völlig ausgeheilt, aber anstrengende Tätigkeit machte bald wieder einen Urlaub notwendig. Als er zurückkehrte, begegnete ihm Lola Ritter, die Werkdirektorstochter. Sie war aus der Stadt gekommen, in der sie zur Sängerin ausgebildet wurde. Die Gesangsübungen hatten ihre Muskeln gekräftigt, so daß sie über ihr Alter entwickelt war. Als Adalbert sie sah, staunte er. „Sie ist erblüht,“ sagte er sich. Er erkannte den klugen Gesichtsausdruck, die Zartheit der Hände und Füße, ein blaues Äderchen zwischen den Augenbrauen, die noch immer unruhig waren wie damals. Seit jener kleinen Episode hatte er wohl Abenteuer mit Frauen gehabt und hatte mit Freunden die gebräuchlichen Stationen des Lasters kennen gelernt. Niemals hatte ihn seither eine Leidenschaft erfaßt und keine andere Neigung hatte das Bild der kleinen Loli verdrängt. Auch Lola Ritter, die Jungfrau, vermochte das nicht. Aber es war denkbar, das Kind in seinem erwachsenen Ebenbild stärker zu spüren.

Adalbert Mannsthal war damals zweiundzwanzig Jahre alt, aber auch er schien älter in seiner Selbständigkeit und er war in jeder Weise beherrscht und sicher in seinem Auftreten. Als er ihr in Hellwang begegnete, wo sie die Weihnachtsferien verbrachte, war er sich völlig klar, daß er sie besitzen würde, daß aber ein dauerndes Verhältnis an Ort und Stelle unmöglich sei. Warten aber bedeutete ihm nur Genuß. Lola, die in sich die Weihe der künftigen Sängerin trug, sah die Welt nur durch das Licht ihrer Kunst. Alles, was sich nicht auf sie beziehen ließ, war ihrer warmen Lebendigkeit fremd. So schien sie es auch mit der Liebe zu halten. Sie hatte, vierzehnjährig, mit einem seiner Vettern eine Freundschaft gehabt, die ihrer Neugier nur wenig mehr zu wünschen übrig gelassen hatte. Seither war sie gewarnt und hatte sich nur an ihre Kunstbegeisterung verschwendet. So hatte sie denn auch wieder ihre ursprüngliche Reinheit zurückgewonnen und war errötet in der Erinnerung jener Begebenheit im Walde, als ihr nun der Fabriksherr erschienen war. Aber bald fand sie ihm gegenüber die alte treuherzige Art wieder, die er an ihr so froh empfunden hatte. Sie erzählte ihm, wie sie damals um sein Fenster geschlichen sei, als er krank gelegen, alle Warnungen mißachtend, daß sie sich kindisch gewünscht, statt seiner zu erkranken. Wie sie gewartet habe, daß er dann zurückkehre, und daß sie sehr bestürzt gewesen, ihn während seines kurzen Aufenthaltes in der Stadt, ehe er nach England gereist sei, nicht gesehen zu haben. Seither gab es immer junge Leute, die ihr gut wären, aber sie sei nun schon zu erwachsen, um diese Dinge auf die leichte Achsel zu nehmen, und außerdem lenke dies alles vom Studium ab. Adalbert fühlte sich leicht und beruhigt, wenn sie bei ihm war. Unbewußt schien etwas an ihm gezehrt zu haben, das nun in des Mädchens Gegenwart schwand. Es war ihm gleichgültig, was sie sprach. Am liebsten hörte er sie von ihrer Kinderzeit erzählen. Zwei Tage nach ihrer Begegnung trafen sie sich heimlich zu einem Spaziergang und er lenkte ihre Schritte zu jener Stelle im Walde, die seinen Träumen so oft Nahrung gegeben. Sie erriet seine Absicht auf halbem Wege. Scham hinderte sie, ihm eine andere Richtung vorzuschlagen. Sie wollte sich lieber den Anschein geben, alles vergessen zu haben. Am nämlichen Platz blieb er stehen und zündete sich eine Zigarette an. Sein Blick brannte in dem ihren. Sie sprachen über gleichgültige Dinge. „Nun muß ich zurück,“ sagte er. Sie traten den Heimweg an.

Wenige Tage nach ihrer Rückkehr zur Stadt sandte er ihr (sie wohnte bei ihrer Großmutter) ein Billet zu einem Konzert. Er erwartete sie dann nach Schluß und bat sie, mit ihm zu nachtmahlen. Sie dankte mit Begeisterung für das seltene Fest; die Einladung zum Nachtmahl nahm sie an, für den Fall, als ihr ein baldiges Zuhausesein möglich wäre, damit ihre Großmutter nicht in Sorge sei. Sie verbrachten einen Abend, der Lola überzeugte, daß der junge Fabriksherr nicht zu fürchten sei. Bald sandte er ihr wieder eine Karte ins Theater unter dem Vorwand, daß die Trauer ihn verhindere, sie selbst zu benützen. Mählich waren es Stücke, zu denen er sie lud, die nicht nur Lolas Kunstbegeisterung erregten. Nach den Vorstellungen speisten sie in einem stillen, vornehmen Lokal. Wenig nach elf war sie zu Hause. Vor den Osterfeiertagen verabredete er mit Lola wieder eine gemeinsame Fahrt nach Hellwang. Er bat sie, ihn in seiner Wohnung zu erwarten, da er nicht gewiß sei, wann er abkommen würde. Keinesfalls sollte sie eine Ankunftsstunde ankündigen, da möglicherweise ein Hindernis eintreten könne. Lola war nach fünf Uhr gekommen. Sie trat in ein kleines palastartiges Haus. Der Diener bat sie, seinen Herrn zu erwarten. Als sie, noch ein wenig betäubt, sich in dem Zimmer umsah, hörte sie draußen die Eingangstür ins Schloß fallen. Sie war allein. Der Raum, in dem sie sich befand, war in einer ihr fremden Art eingerichtet. Hohe Kasten mit groß gemusterten Vorhängen verbargen Bücher und Sammlungen. In einer Kristallkugel, die in einer Sofaecke von der Decke herabhing, spiegelte sich regenbogenfarben der Glanz der verscheidenden Sonne. Jenseits der vornehmen Straße lag die Mauer eines Parkes, eben ergrünende Bäume streckten ihre Zweige hervor. „Frühling,“ dachte sie und es fuhr ihr ein süßer Schauer durch die Glieder. Wo blieb er nur? Es war bald sechs Uhr. Zweieinhalb Stunden hatten sie Fahrzeit. Die Türen der beiden Nebenzimmer waren geöffnet. In dem einen stand ein übermächtig großes Bett, große Kasten, eine Tür mit einem gerafften Vorhang ließ einen Baderaum sehen. Im anderen Zimmer stand ein Flügel, kostbare Bilder hingen an den Wänden. Lola erinnerte sich jetzt, daß Adalbert ihr einmal gesagt habe, er lebe mit seiner Tante in dem Hause, das seine Familie seit vielen Jahren inne hatte. Von einem Umzug hatte er ihr nichts erzählt. Wenn sie ihm etwas mitzuteilen hatte, schrieb sie ihm in sein Bureau. Plötzlich befiel sie jetzt in der fremden Behausung heftige Sehnsucht nach seiner beruhigenden Gegenwart. Es war dunkel geworden, als draußen Adalbert die Tür aufsperrte. Er bat, zu entschuldigen. Nun sei es ja wohl zu spät, hinauszufahren, zumal für sie, denn augenblicklich könnte er auch nicht fort. Ob sie ihm nicht ein wenig vorsingen wolle, er würde sie begleiten, und ob sie sich bei der Großmutter abgemeldet hätte. Er war sehr unruhig. Schließlich setzte er sich neben sie, nahm ihre Hände, küßte sie und meinte, es wären noch ganz der kleinen Loli Hände. Dann wieder sprang er auf und sagte, er wolle den Wagen für den Morgen bestellen, und ob ihre Großmutter nicht gestört sei, wenn sie so zeitig das Haus weckte. Lola hatte kaum Zeit zu antworten, da bat er sie, mit ihm zu nachtmahlen. Es war von einem gedeckten Tischchen, das immer bereit stand, nur ein Deckel zu heben. Sie aßen und Lola erschien alles unwirklich, zauberhaft. Nach dem Essen bat er sie, die Nacht bei ihm zu verbringen, dies wäre doch weitaus bequemer, niemand würde etwas erfahren und auch von ihm brauche sie nichts zu fürchten. Sie durchblätterten Bücher, er zeigte ihr nicht ganz einwandfreie Bilder, sie tranken Likör, setzten sich an den Flügel, aber Unruhe jagte sie von dort wieder auf. Schließlich bat er sie, sich zu legen, da sie früh am Morgen aufbrechen mußten. Er selbst würde sich auf dem Sofa des Bücherzimmers zurecht machen, er wolle ihr nur brüderlich behilflich sein. Sie lachte und lachte immer wieder in Verlegenheit und Ungeduld. Ein starkes Licht brannte in ihren Augen. Er öffnete, kaum ihre Haut berührend, die Knöpfe ihres Kleides. Dann entfernte er sich mit seltsamem Lächeln. Als er sein Lager aufgesucht hatte, hörte er ein leises Schreiten. Er schloß einen Augenblick die Augen. Dann hielt er sie still in den Armen. Sie blieben schlaflos aneinandergeschmiegt, bis drüben im Park die Vögel zu singen begannen. Sie konnte sich kaum erheben, die unerfüllte Begierde lag ihr lähmend in den Gliedern. In seinen Augen flammte ein böses und gleichfalls beseligtes Licht. Sie war ihm verfallen. Er wußte es.

Während der Osterfeiertage sah er sie nicht. In den ersten Tagen des Juli traf er, nach einer kleinen Reise, wieder in Hellwang ein. Als er Lola begegnete, war er herzlich und artig. Er machte spät abends Spaziergänge und ließ sie das wissen. Einmal trat sie plötzlich aus dem Dunkel auf ihn zu. Ein Mann tauchte auf und verscheuchte sie. Eines Tages fragte er sie — er sprach sie niemals allein, ob sie nicht wieder im Walde gewesen wäre, an jener Stelle, wo sie vor Jahren ihm ein Bild gezeigt, die heilige Elisabeth, die sich eines Sünders erbarmt. Sie antwortete leise, sie würde nachts dort sein. Er verbarg sich, ließ sie warten. Und dann, als sie schon müde ins Moos hinsank, kam er zu ihr und nahm sie ohne Zärtlichkeit. Er reiste bald darauf ab. Als er wiederkam, sagte sie ihm, daß sie guter Hoffnung sei. Da ging er zu ihrem Vater und hielt um ihre Hand an. Alles sollte vorläufig geheim bleiben.

„Aber du liebst mich ja nicht,“ sagte sie, als sie allein waren. Seine Werbung schien ihr unwahrscheinlich.

„Nein, ich liebe dich nicht,“ antwortete er. „Ich liebe die kleine Loli.“

Lola war in den folgenden Tagen recht wunderlich. Sie aß wenig und magerte ab. Stundenlang stand sie vor dem Spiegel und versuchte allerlei Verkleidungen. Ihre Mutter überraschte sie, als sie eben im Begriffe war, den Saum ihres Rockes zu kürzen. Sie ging mit hängendem Zopf umher, sang Kinderlieder und kramte in ihren alten Schulheften. Eines Tages mischte sie sich unter die Schulkinder und war eben daran, eines der Klassenzimmer zu betreten, als ihr Vater bestürzt hinzukam. Gewaltsam mußte sie aus dem Schulgebäude entfernt werden. Zu Hause befiel sie ein hysterisches Kichern, dann heftige Weinkrämpfe. Allmählich beruhigte sie sich und lag willenlos in unheimlichem Schweigen. Als Adalbert sie zu sprechen kam, weigerte sie sich des Wiedersehens, sie ließ ihm sagen: Loli sei tot. Man brachte sie in eine Nervenheilanstalt. Dort wurde die traurige Hoffnung auf das Kind zunichte. Die Verlobung ward aufgelöst. Der Direktor avancierte. Adalbert ging auf Reisen, um Karinski zu treffen.

„Nun, wie stehst du mit deinen Fabriksleuten?“ fragte ihn der Graf.

„Meine erste Tat war, die Tochter eines Werkdirektors zu verführen und ihren Verstand zu verwirren,“ erwiderte er.

„Gib es auf, ein Herr zu sein,“ riet Karinski.

Adalbert verfiel in Schwermut, wenn er an Lola Ritter dachte. Er wußte nun, daß er die kleine Loli getötet hatte. Er fühlte sie nicht mehr wie ein menschliches Wesen, wie ein Geist und Dämon stand sie unentrinnbar in seinem Leben. Mit jener Armen, deren Verstand getrübt war, hatte sie nichts mehr gemein. Lola Ritter wurde jedoch bald aus der Anstalt entlassen und es zeigten sich keine Symptome mehr. Sie versuchte wieder zu singen, aber die Stimme, so schön sie auch ansetzte, brach mißfarben ab. Adalbert bat den Direktor, ihr eine Rente aussetzen zu dürfen. Später verheiratete sie sich.

Mannsthal wußte jetzt: das Geld kauft los von Gewissensschuld. Mit Geld kann man zerbrochene Seelen leimen und Jungfräulichkeit vergüten, ein schlechtes Gewissen beruhigen. Aber eben deshalb verachtete er es und fühlte sich gemeiner als der Arme, der seine Schuld austragen muß ein Leben lang, Armut ist ihm Warnung und Verhängnis. Hätte er Lola geheiratet? Vielleicht — weil seine Eitelkeit es gefordert hätte, nicht als Verführer gezeichnet zu sein. Aber er wußte, er konnte diese Heirat nur zum Schein eingehen. Seine Mittel erlaubten ihm, an anderen Orten zu leben als seine Frau, Abenteuern nachzustreben und sich der Ehe zu entledigen. Für ihn war sie nicht der eiserne Ring, der den Armen in das Leben des Gefährten einkettet. Und er fühlte sich nicht verantwortlich für die Einrichtungen des Staates.

Ein Vetter seines Vaters und dessen Sohn, die höhere Stellen im Werk innehatten, räumten ihm mit unverhohlenem Widerwillen eine Machtstellung ein, die er selbst nur ungern auf sich nahm. Sie warteten, daß er sich unfähig erweise. Diesen Verhältnissen für einige Zeit völlig entfliehen zu können, lockte ihn. Er hatte das Werk so sehr geliebt, jede Maschine war ihm Freund gewesen als Knaben. Aber er hatte gehofft, dies alles noch lange genießen zu können wie einen großen Konstruierkasten, spielerisch, da und dort Versuche anstellen zu dürfen, ohne die Lasten der Verantwortung zu tragen. Was kümmerte ihn der Vertrieb, die Erfolge der Reisenden, die Preisunterbietungen der Konkurrenz, die Repräsentation unter den Industriellen. Bestenfalls war er Ingenieur und Erfinder, und er war es weit weniger als in seiner Knabenzeit, denn nun lockte ihn das Leben in seiner Vielfalt. Wäre sein Vater am Leben gewesen, er wäre mählich hineingewachsen in all die Notwendigkeiten und hätte sie schließlich als selbstverständlich empfunden. Nun aber ließ ihn sein Hang zum Wesentlichsein erkennen, daß es sich letzten Endes um Geldverdienen handle, um Zuhäufung des großen Vermögens. Er dachte an Beteiligung der Arbeiter. Seine erste Tat war gewesen, die Gehalte aufzubessern, ging er noch weiter, so wurde er beinahe lächerlich. Und er betrachtete das Unternehmen immer noch als Besitz und Werk des Großvaters und Vaters. Ein Kongreß im Ausland, dem er als Chef der großen Firma beiwohnen mußte, war ihm willkommen. Bei diesem Anlaß lernte er den Neffen eines Teilnehmers kennen, Gilbert von Tirotzky. Mit seinem märchenhaft schönen Gesicht bezauberte der ihn. Seine Augen waren zuweilen die eines in seiner Ehre gekränkten Mädchens. Aber nichts Weibliches war sonst an ihm: er war die Vollendung der Jünglingsschönheit. Adalbert konnte den Blick nicht von ihm wenden. Es ergötzte ihn, die heimliche Empörung zu beobachten, die in Gilbert aufstieg, wenn bei den reichlich tagenden Banketten die Gespräche frei wurden und sich in saftigen Anekdoten bewegten. Zu Adalberts maßlosem Erstaunen war der Jüngling, der im Begriffe stand, wie er ein großes Unternehmen zu leiten, unschuldig wie ein Kind. Da sie die Jüngsten waren, schien es natürlich, daß sie sich einander näherten. Eine gemeinsame Reise zur Besichtigung eines Eisenwerkes wurde unternommen. Als sie Munitionsfabriken besuchten, stieg plötzlich die Vision des Krieges vor ihnen auf. Sie sahen blutende, hinsterbende Menschen, eingeäscherte Gegenden, verwüstete Kunstdenkmäler. In ihren Schauern erinnerten sie sich, daß ihre Unternehmen Munition erzeugten und so den Kriegsgeist förderten. Derselbe Mannsthal, der wissentlich Lola Ritter gequält hatte und sich nun heimlich daran machte, Gilberts Reinheit zu zerstören, derselbe Mensch schwor sich, seine Hand aus einem Unternehmen zu ziehen, das Vernichtungszwecken der Menschheit sein Hauptaugenmerk widmete. Derselbe Adalbert auch, der sich mit seinem jungen Freund stundenlang über die Gedichte des Novalis und Hölderlin, über die Märtyrer des Mantegna und die Jungfrauen des Botticelli begeistern konnte, lenkte, wenn sie nachts im selben Zimmer lagen, zielbewußt das Gespräch auf die Jünglingsliebe, für die er sich entflammt fühlte, seitdem er Gilbert kannte. Er hütete sich, ihm dies zu beweisen, aber als sie sich trennten, war sein Freund in Bahnen gelenkt, die ihn dereinst ins Verderben stürzen sollten. Adalbert befiel eine böse Nervenkrise. Er litt um Gilbert, um die Erfüllung seiner frevelhaften Wünsche, die, wie er bald erfuhr, ein anderer erntete. Wie ein Strahl aus himmlischen Reichen erschien ihm Angele von Tirotzky, Gilberts kleine Schwester, die er anläßlich des Besuches, den er der Familie auf ihrem Gute abstattete, kennen lernte. Seltsam, als sie nach vielen Jahren wieder in sein Leben trat, glaubte er an eine himmlische Sendung, an eine Mission, die sie an ihm zu vollziehen hatte. Vor dieser entscheidenden Begegnung traf er sie einmal mit ihrer Mutter in Homburg, ohne sie sprechen zu können. Von Gilbert aber hatte er schon zur Zeit jenes Besuches keine Nachricht mehr. In diesen bösen Tagen rettete ihn vor dem Zusammenbruch ein Miniaturbild auf poliertem Gold, eine alte Brosche darstellend, die er bei einer Auktion erblickte und die die erste Erwerbung seiner kostbaren Sammlung wurde. Dieses Bild ähnelte Loli und Angele und sollte dereinst noch ein deutlicheres Ebenbild finden. Kenner bezeichneten es als Kopie einer Buchminiatur. Ein leiser Heiligenschein schimmerte um ein kindliches Haupt.

Bald waren ihm Namen und Werke Müelichs und Holbeins des Älteren, Luithard und Berengar, geläufig. Petitot, den Schweizer, die Deutschen Grahl, Hengel, Glocker, Aldenraths, Graff kannte er, Bouvier, Bossi und Harper, Füger und die Österreicher Daffinger, Theer, Saar, Peter. Er kannte alle Manieren, die auf Pergament, Elfenbein, Gold, Silber, Kupfer. Er reiste in süddeutsche Städte die preziöse Kunst des sechzehnten Jahrhunderts kennen zu lernen und kaufte und kaufte. Als er zurückkam, waren seine Nerven scheinbar in Ordnung. Nun arbeitete er im Werk, drei Jahre lang, fast ohne Unterbrechung. Er musizierte dort, hatte irgendeine Geliebte und war mit Sammlern und Kunsthändlern in Verbindung.

Er hatte keine Freunde, nur Genossen, von deren wesentlichem Leben man ebensowenig wußte wie von dem seinen: Männer, die etwa Beziehungen zu Courtisanen von Rang hatten und hinter einem Sport oder Spleen sich verbargen. Adalbert Mannsthal war wohltätig, aber auch dies erfuhr man nur durch Zufälligkeiten. Seine größte Schöpfung aus späteren Jahren (als er das Werk schon in eine Aktiengesellschaft verwandelt hatte) war eine Anstalt für blinde Mädchen. Er besichtigte jeden neuen Zögling, hatte unter ihnen seine Lieblinge, die er auch zu sich nach Hause nahm. Mehreren dieser Mädchen ward durch ihn eine musikalische Ausbildung zuteil. Sein Wesen blieb verborgen. Er genoß den Leumund hoher Moralität. Seine Heirat mit Frau Ruthland befestigte seinen Ruf. Seine Scheidung bekräftigte ihn. Ein Mann wie er konnte begreiflicherweise nicht die Auffassung teilen, die in einer Ehe Entgleisungen duldet. Mehrere Jahre vor seiner Heirat, nachdem er das Werk umgestaltet, reiste er ins Ausland, in ferne Weltteile. Einige Zeit schien er verschollen. Dann arbeitete er an neuen Maschinen und schloß sich einem berühmten Physiker in bewunderndem Dienst an. Zuweilen lebte er in dem Landhaus am See, das ihm seine mütterliche Tante vererbt hatte. Er besaß im Seehaus eine Voliere mit fünfunddreißig Vögeln, die er zum Teil aus fremden Ländern mitgebracht hatte. Als ein Marder mehr als die Hälfte von ihnen zerrissen hatte, aß er zwei Tage lang nichts und schenkte den anderen Tieren die Freiheit. Seine Miniaturensammlung betrieb er mit wachsendem Eifer. Durch sie lernte er Urbacher kennen, der menschliche Kuriositäten studiert hatte, aber dessen überdrüssig nunmehr seine Kenntnisse nur gelegentlich verwertete. Gleichfalls unabhängig, Herr seiner Zeit und seines Vermögens, war dieser in allerlei Leidenschaften verfallen, die in Müßiggang und Überfluß gedeihen, aber sein Wesen war durch seine Güte zwiespältig und durch fixe Vorstellungen skuril geworden. Er konnte keinen entscheidenden Einfluß auf Mannsthal gewinnen, wiewohl er in das Verborgene seines Wesens einzudringen imstande war. Hingegen war Adalbert durch Verstand, Schlauheit, Überredungskunst und durch eine Art Unwiderstehlichkeit befähigt, Menschen zu beeinflussen, wie es ihm gut dünkte. Er selbst fragte nicht danach, wie man sein Leben beurteilte. Äußere Ehrbarkeit hält die Neugier fern. Er trug sie wie ein schützendes Kleid.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings