Cecile führt ihren Plan aus
Reading edition
Das Asyl hatte nur wenige Zöglinge mehr aufgenommen, seitdem Cecile ihre Helferinnen verloren hatte. Clothilde war Krankenpflegerin geworden, Anna leitete in Felix Blancs Lungenheilstätte den wirtschaftlichen Betrieb. Helene war in ihrem Heim beschäftigt. Die Behörden von Chaly wurden überdies von Jahr zu Jahr unduldsamer gegen das Asyl. Cecile verlängerte den Pachtvertrag nicht mehr, als er abgelaufen war. Es gelang ihr mit Hilfe ihrer Schwester das Häuschen Givos in St. Cloud einzurichten und darin die Schützlinge unterzubringen. In Paris gewann sie leichter Hilfe und im Notfall Ersatz für sich selbst.
Besonders lieb war es ihr, daß sie sich von Gaston Lantrec, der nun die Hochschule besuchen sollte, nicht zu trennen brauchte. Dieser junge Mensch fürchtete sich vor dem Gespenst jenes Mordes, das ihm nun oft und oft erschien. Ein Besuch bei dem Vater im Gefangenenhaus hatte ihn in tiefste Schwermut gestürzt und Cecile wußte es, sein brennendster Wunsch war alles aufzubieten, des Vaters Begnadigung herbeizuführen. Er wollte unmäßig viel Geld verdienen, Stunden geben, Erfindungen machen, den besten Verteidiger zu bezahlen, daß der alte Prozeß wieder aufgenommen würde. Nachdem Cecile das Heim in St. Cloud eingerichtet hatte, löschte sie ihren Namen aus der Leitung. Sie fühlte sich sehr müde. Man riet ihr zu Kuren und Reisen, aber sie wußte Bescheid, es half ja nur zu einer Galgenfrist. Eines Tages gab sie Gaston einen Brief, er möge ihn heimlich dem Vater zustecken. Bald darauf erkrankte sie ernstlich, sie begab sich in Spitalspflege und starb nach wenigen Wochen. Gaston war bei ihr in den letzten Stunden. Ninidh mit der weißen Hand drückte ihr die Augen zu. Unter ihren Papieren fand sich ein Brief, der für das Gericht bestimmt war. Sie teilte darin mit, daß sie vor sechzehn Jahren aus Eifersucht Frau X. erschossen habe, weil diese die Geliebte des Bildhauers Lantrec, ihres heimlich Verlobten, gewesen sei. Der Mann habe die Schuld auf sich genommen und ihr das Gelübde abgerungen zu schweigen. Nun aber brachte sie die Wahrheit an den Tag. Der Tod löse ihre schweigenden Lippen. Sie testierte eine größere Summe für die Kosten des neuen Prozesses und für Gefangenenfürsorge. In einem Brief an Givo bat sie ihn, Gaston in seinen Bemühungen zu unterstützen. Man solle nicht versuchen sie für die Öffentlichkeit reinzuwaschen. Sie hoffte, daß ihr Leben ein solches gewesen, daß ihre Freunde, was immer sie auch in Leidenschaft getan habe, sich ihrer nicht zu schämen brauchten. Hector Lantrecs Prozeß wurde wieder aufgenommen. Zwei Monate nach Ceciles Tod wurde er aus dem Gefängnis entlassen.