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Vögelchen

Das dritte Mütterchen

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Helene war nach ihrem Aufenthalt bei Arabella mit Alphi zu dessen Vater übergesiedelt und hatte das verwaiste Hauswesen neu eingerichtet. Sie war fast siebzehn Jahre alt und ihre Mutter billigte es nicht, daß sie in Paris in einem frauenlosen Haushalt leben sollte. Aber es zeigte sich, daß Helene kaum Zeit hatte auszugehen und der junge Gelehrte flößte ihr ein Vertrauen ein, das sich in einer Art verächtlichem Zweifel über seine tatsächliche Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht ausdrückte. Zudem sah Cecile, die der Schauspielerin als ein höheres Wesen galt, hier für Helene eine Lebensaufgabe. Was sollte sie auch mit der großen Tochter anfangen! Sie hatte einen Hund, den sie in ihrem Muff trug und abgöttisch liebte. Dieses Format war ihrer mütterlichen Liebe gemäßer. Helene fühlte sich sehr wohl bei Tallandre, sie war trotz ihrer jungen Jahre ihm in mancher Weise überlegen. So hatte sie bald zu ihrem Ergötzen entdeckt, daß er sich vor ihr fürchtete und sich alle Mühe gab vor ihr den Wüstling zu spielen, der mit anständigen Mädchen nichts anzufangen weiß. Es war auch ein Teil Wahrheit dabei, denn er war ein wenig ausgehungert auf seiner Afrikareise. Aber eben deshalb wußte er, daß ihm Helene nicht ungefährlich war. Der gute Fifi, wie ihn seine Freunde nannten, war zudem ein großes Kind, das auch gern vor sich selbst prahlte. Er wollte schon fertig werden mit dieser Anfechtung. Bah, solch ein kleines Mädchen und er, der Elefanten gejagt hatte! Wenn aber Helene Alphi liebkoste, bekam er alle Zustände. „Ob es denn eigentlich gesund sei, daß sie und das Kind einander so oft küßten?“ fragte er eines Tages erbost. „Gesund nicht eben, aber gut sei es,“ antwortete Helene und, als er den Kopf schüttelte, sagte sie lachend: „Wenn Sie nicht glauben, daß es gut ist, so versuchen Sie es doch — bei Alphi natürlich.“ Eines Tages hatte seine Schwägerin den Kleinen für einen Ausflug aufs Land abgeholt. Helene saß vereinsamt über ein Buch gebeugt, als er nach Hause kam. Sie sah ihn an und lächelte vertraulich. Aber er wußte, es war nicht der borstige, nörgelnde Tallandre, den sie anlächelte, sondern der wirkliche, der in Helene verliebt war. Sie war also liebevoll, ohne von ihm Notiz zu nehmen, sie liebäugelte mit ihm über seinen eigenen Kopf hinweg, mit seinem freundlicheren Ich. Er ärgerte sich über die Geringschätzung eines Anwesenden. „Nun, wen haben Sie heute zu küssen?“ fragt er hämisch.

„Alphis Vater,“ sagte sie, stand auf und trat mit strahlenden Schelmenaugen auf ihn zu. Da packte ihn die Liebeswut und er vergaß seine schnöde Verachtung für die anständigen Frauen. Er vergaß sie so gründlich, daß nach einem Monat Helenes Mutter in ihrem Freundeskreis erzählte: „Meine Kleine ist ein Ungeheuer, sie hat mich zur wirklichen Stiefgroßmutter gemacht.“ Und sie zeigte mit Stolz das Bild Alphis. Zur Großmutter war sie begabt. Sie entschädigte Alphi für die Zärtlichkeit, die nun sein drittes Mütterchen Helene zum Teil seinem Vater zuwandte.

Helene schrieb überschwengliche Briefe an Vögelchen. Das Einzige, was ihr junges Eheglück trübte, war Ceciles fortschreitende Krankheit und schließlich ihr opfergekrönter Tod.

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