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Vögelchen

Ein Heim

Reading edition

Konrad war heimgekehrt. Herr Hofrat Engelbert Kruger, der verdiente Landesschulinspektor, der aussah wie ein nordischer Fischer (sein weißer Bart lief wie ein Röllchen unter dem Kinn zu den Schläfen hinauf bis zu den Brillenhaken), Herr Hofrat kam des Nachmittags später ins Amt und versäumte abends seine Kartenpartie. Das bedeutete nichts anderes als: Konrad ist heimgekehrt. Frau Hofrats rundliche Wangen hatten rote Flecken — Frau Rat nannten sie die Kinder, weil sie Goethes Mutter glich —, Frau Rats flinke Augen schossen umher wie ein Eichkätzchen in seinem Bauer und liefen forschend und erschrocken umher und sie suchten Schlüssel und fanden sie nicht. Anselma Kruger, der Tochter zärtlich verblühtes Gesicht, sah plötzlich böse aus und sie hatte ihre äußerst sorgfältig ausgeführten Spitzen zur Seite gelegt, weil sie eine Migräne nahen fühlte. Das hieß: Konrad ist heimgekehrt. Lisbeth, das Mädchen, vertauschte ihre verwaschene Bluse mit einer neueren, die ihren Busen vorteilhafter erscheinen ließ, denn diesen hatte „der junge Herr“ schon des öfteren belobt. Fürbaß, der Dackel, verübte mit seinem Schwänzchen die kunstvollsten Windungen und war gleichgültig gegen Lisbeth. Der Hausmeister sandte seinen Jungen um Bier, denn er wußte, die nächsten Abende brachten reichlicheres Sperrgeld. Dies alles besagte: Konrad ist heimgekehrt.

Ob aber mit Ausnahme von Fürbaß irgend jemand an des verlorenen Sohnes Heimkunft menschlich Anteil nahm, schien zweifelhaft.

Warum war er zurückgekehrt? Er wußte, wenn er Arabella folgte, war der Bruch mit dem Elternhaus besiegelt. Er besaß kein Geld für Lustreisen und konnte es sich in kurzer Zeit nicht standesgemäß erwerben. Das Honorar seiner geheim erteilten Privatlektion hatte er eben aufgezehrt. Wenn er nicht wieder sein gedankenschweres Haupt unter das häusliche Joch beugen wollte, war es ihm unmöglich, die Sekretärstelle jenes einflußreichen Vereines zu erlangen, die ihm sein Vater für alle Fälle bereit hielt. Wenn er sich liederlich in die Welt schlug, war er ein für alle Mal unbrauchbar geworden für die Zucht des hofrätlichen Familienherdes. Aber er wußte auch abseits seiner Selbstgefühle, der Vater war alt, die Pension würde einst nicht reichen, wenn dann auch Anselma ihre aufgestapelten Spitzen verkaufte. Das wenige Geld, das vorhanden gewesen war, hatte man für Anselmas Aussteuer (die in einer Truhe verschlossen blieb) und für die Hedwigs verausgabt. Für Hedwig, die nun verstoßen war. Und deshalb hatten sich die Eltern, wiewohl sie fromm waren, seinem Vorsatz, Pfarrer zu werden, widersetzt. Sie ahnten, er wähle dies Amt, um seine ekstatische Seele jubilieren zu lassen, und daß diese durch alle beruflichen Schranken durchbrechen würde. Frau Hofrats Vater war akademischer Maler gewesen und in der Schule, wo Engelbert Kruger seine erste Supplentenstelle einnahm, Professor im Zeichnen. Er trank gern und liebte die Frauen, er spielte sogar und arbeitete wenig. Kruger wollte das mutterlose Töchterchen geborgen wissen und heiratete sie bei der ersten Gehaltsaufbesserung. Aber er ließ die Frau niemals vergessen, daß er eine Edeltat an ihr verrichtet hatte. Nun waren zwei Kinder mißraten und zeugten wider sie. Oder war dem nicht so? Manchmal stiegen ihr Zweifel auf, ob denn Hedwig und Konrad, diese begabten, schöpferischen Menschen, wirklich mißlungen waren. Aber diese zweifelnde Stimme kam aus dem Grab einer Gewesenen, denn die müde, alte Frau widersprach Herrn Hofrat Engelbert Kruger längst nicht mehr. Konrads Willen aber bis zum äußersten zu durchkreuzen, war nun auch dem Hofrat nicht möglich gewesen. Er war also für Theologie auf der Hochschule eingeschrieben. Nun war aber der Junge ein Sonderling. Er liebte es, allerlei Vorgänge haargenau zu beobachten. Kinder, die sich prügelten, Menschen, die sich betranken, Eheleute, die sich zankten, und besonders fesselte ihn das Treiben der Liebespaare. Er nannte das Psychologie zu seelsorgenden Zwecken betreiben, hatte aber wohl seine heimliche Freude daran und vergaffte seine Lehrzeit dabei. Er kam spät abends, oft erst nachts nach Hause, weil er in Kneipen saß ohne zu trinken oder des Frühlings in Gärten zwischen heimlichem Liebesgetändel ohne selbst zu tändeln. Schließlich begann er ein umfangreiches Buch zu schreiben und veröffentlichte eine Studie über die Schriften Athenagoras, an die er eine neue Auffassung des Logos knüpfte, die ihm einen Verweis seiner Lehrer eintrug. Bald war es auch kein Geheimnis mehr, wer der Verfasser der in der „Hochwarte“ erscheinenden „Kritiken der Lebensführung“ war, die eine stupende Kenntnis geheimer Dinge bezeugten, zu denen sonst ein junger Theologe weder eine bejahende noch eine verneinende Beziehung hat. Sein Vater nannte sie den Auswurf eines Verlorenen und Anselma, die sie heimlich las, behauptete, daß der letzte ihrer Freier ihnen zum Opfer gefallen sei, da kein anständiger Mensch sich einfallen lasse, mit dem Verfasser dieser Schändlichkeiten eine Verwandtschaft einzugehen. Wenn Konrad nicht rechtzeitig zu Hause war, wurde ihm fortan das Essen entzogen, das Taschengeld wurde gekürzt und alle seine Bücher, die dem Hofrat verdächtig erschienen, verkauft. Als der Vater erfuhr, daß er Hedwig besuche, gab er ihm eine Ohrfeige. Daraufhin verließ Konrad das Haus.

Nun aber war er dennoch zurückgekehrt. Eine plötzlich erwachte Zärtlichkeit hatte, alle Einwände besiegend, ihn nach Hause getrieben. Er liebte des Vaters Art, über die Brille hinwegzusehen, seine liebreiche Beschäftigung mit Blumen und Tieren bei den gemeinsamen Ausflügen, er liebte der Mutter dunkle Augen, die allmählich heller geworden waren, ihre geheime Nachgiebigkeit, ihr Leid um Hedwig, er liebte Anselmas zärtlich verblühtes Gesicht und ihre nach Quittenäpfeln duftende Ordnungsliebe, ihre Trauer um den gestorbenen Verlobten. Er erinnerte sich an Fürbaß, den Dackel, und an Weihnachten. So war er denn wieder da und trotz allem entschlossen zu bleiben, wenn man ihn gut empfing und rücksichtsvoll behandeln wollte. Er erwartete Zugeständnisse, aber seine Abwesenheit hatte sich als eine sorgenlose Zeit bewährt und seine Rückkehr wurde nicht einer Belohnung wert befunden. So wurde denn der Spieß umgekehrt und Konrad dazu verhalten auf die Veröffentlichung bedenklicher Aufsätze zu verzichten, seine Besuche bei Hedwig zu unterlassen und nur ausnahmeweise die Abende außer Hause zu verbringen. Man behandelte ihn wie einen Mieter, der das Kostgeld nicht mehr bezahlt, den man aber nicht unverblümt vor die Türe setzen will. Im Spätherbst wurde die Sekretärstelle frei. Bis dahin mußte Konrads Aufführung musterhaft sein, auch sollte er schon einen Monat vorher als Volontär sich einarbeiten. Er ließ sich einige Tage Bedenkzeit. Dann kam Vögelchens Brief, darin standen hell drei Worte: „Warten Sie ab.“

Ausreißen konnte man immer noch. So gab er sich scheinbar zufrieden. Aber die Stadt begann ihren verderblichen Einfluß zu üben. Hatte er am See nur seiner Arbeit an dem Buche „Von St. Bernhard“, den Wanderungen in der Landschaft und seinen Träumen um Arabella gelebt, so begannen nun die erregten Nerven ihre Gifte auszuscheiden. Seine Arbeiten wurden wieder eifernden Geistes, seine Spaziergänge jenen hämischen Beobachtungen gewidmet, seine Sehnsucht nach dem geliebten Wesen Wahn und Eifersucht. So entstand der teuflische Plan in ihm, Mannsthal an Vögelchens Mutter zu verraten und ihr Geld zu entlocken unter dem Vorwand, die Vorgänge aus nächster Nähe beobachten zu wollen. Es schien ihm zweifelhaft, daß ein Brief an jene Deckadresse die Dame noch erreichen würde; geschah dies dennoch, so hatte sich eben der Zufall für seine Absicht entschieden. Er schrieb:

„Gnädige Frau, es gehen Dinge vor, die Ihre Duldung nicht finden würden. Gestatten Sie, daß ich Ihnen mündlich berichte. Ich habe die Gefahr erkannt, in der Ihre Tochter schwebt, und stelle mich Ihnen zur Verfügung, um ihre Errettung zu bewerkstelligen. Hochachtend ergeben Konrad Kruger, Student der Theologie, Sohn des Hofrats Engelbert Kruger, Landesschulinspektors usw. Postlagernd Treustraße.

P. S. Bitte um Diskretion.“

Konrad war bald als lästiger Nachfrager auf dem bezeichneten Postamt bekannt. Vierzehn Tage lang stahl er sich, vorsichtig auslugend, ob niemand ihm folge, dahin, und als ihm tatsächlich am fünfzehnten Tage ein Brief eingehändigt wurde, erbleichte er vor staunender Erregung und Erwartung.

Er las: „Mein Herr, finden Sie sich, bitte, am 3. dieses um zehn Uhr vormittags in meiner Stadtwohnung, Ring Nr. 3, Tür 5, in der ich mich eben vorübergehend aufhalte, ein. Sollten wir einander versäumen, erbitte ich sogleich Nachricht nach Hetzendorf bei Wien, Villa Martha.“

Konrad sah auf die Uhr. Es war zehn Uhr vorbei, aber das Datum stimmte. Er konnte nun nicht mehr nach Hause, um seinen Anzug zu wechseln, alles, was er riskierte, war, sich beim nächstbesten Friseur rasieren zu lassen. Es war elf Uhr, als er in das kühle, vornehme Haus eintrat und im ersten Stock klingelte. Nach angstvollem Horchen vernahm er Schritte und, während er auf der gegenüberliegenden Türe las: Dr. Franz Gunter, Hof- und Gerichtsadvokat, vernahm er, wie das Guckloch an der Türe sich bewegte. Frau Martha Gunter öffnete. Es war noch alles verdunkelt in der Wohnung, die Luft war dumpf trotz des geöffneten Fensters in dem Raum, in den Konrad ihr folgte. Bilder und Lampen waren verhängt, an ihrer Größe und den kostbaren Wandbehängen ließ sich eine prunkvolle Einrichtung erkennen. Im Nebenzimmer wurde ein Kamin abgetragen. Aus diesem Grunde war Frau Gunter zur Stadt gekommen und hatte bei dieser Gelegenheit nach dem Brief jenes rätselhaften Waldmenschen gefragt, der auf geheimnisvolle Weise in die Erlebnisse ihrer Tochter eingeweiht schien. Die Stimme der Dame war nicht dieselbe, die erregt und heiser aus jenem Gespräch am See geklungen hatte. Der schwere Schlag der Augenlider und der Schleier der Wimpern jagten ihm Fieber der Erinnerung durch die Glieder. Und des geliebten Wesens deutlichere Gestalt gab ihm Mut und er begann:

„Meine Gnädige, Sie werden mich für einen Narrn oder für einen Schwindler halten, jedenfalls für einen Menschen, der sich dreist in fremde Angelegenheiten mengt und der deshalb wenig vertrauenerweckend scheint. Ich will Ihnen aufrichtig die Wahrheit sagen. Ich habe Ihre Tochter sehr lieb gewonnen und die Eifersucht hat mir die Gefahr gezeigt, in der sie schwebt. Weniger Tage der Freundschaft hat es bedurft, um zu erkennen, daß ihr Stiefvater sie liebt und daß dieser Herr nur wartete, bis ihm sein Opfer mundgerecht war.“

„Was sagen Sie! Schweigen Sie, schweigen Sie,“ unterbrach die erbleichende Frau die einstudierte Rede. „Machen Sie mich nicht noch unglücklicher. Woher wissen Sie, daß es geschehen ist? Es ist furchtbar. War je eine Mutter unglücklicher?“

„Beruhigen Sie sich, gnädige Frau. Noch ist nicht alles verloren. Arabella ist ein himmlisches Wesen. Noch reicht ihr der Schmutz nicht bis zu den Knöchelchen der Füße. Sie kann nicht, sie wird nicht verderben. Ich glaube an sie, wie an ein göttliches Wesen. Aber sie muß fort von dem Verführer, sie muß zu Ihnen zurückkehren.“

„Sprechen Sie sich deutlicher aus! Haben Sie Nachrichten von dort? Haben Sie Briefe?“

Konrad zog ein Schreiben Camills hervor und zeigte, indem er es vorsichtig festhielt, der Dame folgende Stelle:

„Sie wohnen allein und schicken mich fort, wann es nur angeht. Das Fräulein ist ganz verändert und läßt sich vor ihm nicht blicken. Dann wieder sind die Kissen noch am Nachmittag in Unordnung. Ich schreibe Ihnen das, weil ich Ihnen es versprochen habe und wir Freunde sind. Wenn Sie es weiterreden, verlier ich den Posten, also denken Sie an die Freundschaft, die wir uns zugetrunken haben.“ Es folgten noch einige zweideutige Ausführungen über den Geschlechtsverkehr ungleichaltriger Menschen, die an ein Gespräch anzuknüpfen schienen, das der Schreiber mit Konrad geführt hatte. Offenbar lag für Camill hier die Basis der seltsamen Freundschaft mit dem Studenten. Frau Gunter las nur die ersten Zeilen dieser Bemerkungen, dann legte sie errötend die Hände vor ihr Gesicht.

„Es ist so gut wie sicher,“ sagte sie, ohne ihr Antlitz zu enthüllen, mit erstorbener Stimme. „Aber Beweise sind das nicht und rechtlich kann ich nichts erwirken. Es ist ungeheuerlich!“

„Ich will Ihnen Beweise schaffen. Ich werde es bezeugen können. Es wird mir nicht an Mut und Schlauheit fehlen, glauben Sie mir.“

„Und was dann?“ sagte Frau Gunter, deren Körper wie im Frost erschauerte. „Mein Mann wird einen Prozeß zu verhindern wissen und niemals werde ich ihm das arme Kind entreißen können. Es ist mir fremd geworden. Es kennt mich nicht mehr.“

„Sie irren, man muß Ihre Tochter erwecken mit geistlicher Kraft und ihn mit Drohungen erschrecken. Geben Sie mir die Befugnis, in Ihrem Namen den Verführer zu entlarven. Ich will alles aufgeben, Beruf und Elternhaus. Ich habe nur einen Gedanken, das himmlische Wesen in Sicherheit zu bringen. Um des Seelenheiles willen ...“

„Und wenn nur ein Wahn Sie treibt, wenn nichts geschehen oder nur ein unschuldiges Spiel, nur Zärtlichkeit —“ Sie sah fern ein Bild. Eine Frau am Traualtar, die nach bangen Jahren wieder Geborgenheit fühlt. Es war so schwer, das Böse zu denken.

„Wenn Sie zweifeln, wenn Ihr Gewissen Sie nicht antreibt, dem Retter, der durch scheinbare Zufälligkeiten zu Ihnen gelangt ist, zu vertrauen — — Meine Nachforschungen können ja nur nützlich sein.“

„Warten Sie einige Tage, ich will mich beraten. Nein, nicht meinen Mann will ich fragen, für den ist die Sache erledigt —“

„Jede Mitwisserschaft kann unseren Plan vereiteln. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

„Und was verlangen Sie?“ fragte die gequälte Frau.

„Nichts als die Reisekosten und eine geringe Vergütung meines Lebensunterhaltes.“

Frau Gunter streifte einen Perlenring vom Finger, der von Brillanten eingefaßt war. Aus ihrem Portemonnaie nahm sie eine Geldnote. „Dies ist für die Reise. Den Ring versetzen Sie und bringen mir gleich den Versatzschein. Ich habe jetzt nicht mehr entbehrliches Bargeld und, da ich die Sache geheim halten muß, können Sie auch in nächster Zeit nichts erwarten.“ Sie legte den Kopf auf den Arm, als wollte sie nichts hören mehr und sehen. Ein lautloses Schluchzen erschütterte sie. Konrad nahm Geld und Ring, verbeugte sich und verließ rasch die Wohnung.

Er ging zunächst in das Versatzhaus, erhielt eine erstaunlich hohe Summe für den Ring und machte sich dann auf den Weg zu Hedwig, bei der er das Geld bis zu seiner Abreise aufbewahren wollte. Sie war nicht zu Hause. Nachmittags brachte er den Schein zu Frau Gunter, die ihn nochmals über seine Absichten ausforschte und, nun ruhiger geworden, Weisungen gab, wie er sie benachrichtigen und was er im Notfall veranlassen sollte. Er fühlte, daß es ihr unmöglich gewesen war, seine Hilfe abzuweisen, da ihr Gewissen sich belastet fühlte, aber er empfand deutlich, daß er als Ruhestörer aufgetreten sei und eine schon begrabene Hoffnung aufgewühlt hatte. Er ersah, daß Vögelchen heimatlos war und daß nur Leidenschaft ihr Obdach bot. Aber hinter all den Zweifeln über seine Mission stand die Gewißheit, er würde Ariel wiedersehen.

Als es dämmerte, klingelte er nochmals bei Hedwig an. Sie wohnte weit draußen in der Vorstadt, im entgegengesetzten Stadtteil der väterlichen Wohnung. An der Türe war mit einem Reißnagel eine Visitenkarte angebracht. Auf dieser stand: Hedwig Torn-Kruger, Malerin.

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