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Vögelchen

Am Wege

Reading edition

Vögelchen schrieb an Student Kruger: „Ich weiß Ihre Adresse nicht. Camill verspricht, den Brief zu besorgen. Sie sind wohl schon zur Stadt zurück. Am Ende vergessen Sie, sich mit Onkel Clemens anzufreunden und ihm meinen Gruß zu bestellen. Dies haben Sie versprochen. Und, Herr Prediger, was ist’s mit Ihnen? Was treiben Sie? Ist ein Buch schon fertig? Haben Sie eine Braut genommen?

Ich will Ihnen von mir erzählen, von uns. Und Sie dürfen Va nicht länger böse sein. Va ist jetzt mein Freund, der so gut zu mir ist, daß ich es gar nicht aufzählen kann. Zuerst waren wir in einer Stadt und blieben dort, um Bilder anzusehen. Mögen Sie heilige Bilder? Gewiß, Herr Prediger. Die Leute sehen meist dumm darauf aus. Ich finde das so rührend. Das Jesukind ist oft reizend. Aber das mag ich nicht, wenn Teufel mit Gabeln sich überpurzeln. Die Farben waren auch oft so geschmacklos früher und vieles sieht jetzt so unbeholfen aus, weil man auf den Photographien die wirklichen Menschen sieht. Aber die neuen Bilder mag ich noch weniger. Ich finde sie oft roh und sie sehen zerstört aus. Landschaften gefielen mir z. B. ein Tal, auf das ein Wanderbursch hinuntersieht, so einer, der im Lindenbaum vorkommt, den wir zusammen gesungen haben. Da ist der Himmel und die Bäume und die Berge wie nach einem Gewitter. Aber alles zu erzählen, das geht nicht an. Niedliche Sachen bekam man zu kaufen aus Ton und hübsche Stoffe, alles sehr bunt. Ich trank schwarzes Bier aus Steinkrügen auf einem Faß, auf das mich Va hinaufgesetzt hatte. Alle Leute sahen mich an und waren freundlich. Abends fuhren wir in einen Garten und fütterten weiße Hirsche. Wie die seltsam sind, wie aus einem Märchen glotzen sie. Auch an Seen waren wir, die groß sind, und alles ist überfüllt, die Ufer und die Kähne. Ich wollte wieder schwimmen. Das Wasser war schmutzig. Va hat bekannte Leute getroffen. Ich mag fremde Leute nicht. Sie reden immer Gleichgültiges und man wartet immer, daß sie schon fertig sind. Wir haben auch Musik gehört, das war das Schönste. Va hat sich eine neue Geige gekauft. Dann fuhren wir. Es tanzte eine halbe Welt vor unseren Coupefenstern vorüber und jetzt sind wir wieder an einem See, wo es warm ist und nie regnet. Die Berge sind in der Ferne, der Himmel sehr blau, die Bäume Pinien und Zypressen und ähnliches, viele blühende Sträucher, Blumen, wie man sie bei uns nur in den Läden und Glashäusern sieht, wachsen in den Gärten und duften, daß man wie im Traum ist. Manchmal flimmert es über den See, den ich eben vor mir sehe, als wären viele Libellenflügel wie ein Schleier vor ihm aufgehängt. Nachts seh ich noch das Flimmern und die vielen Blumengesichter. Es sind auch viel andere Menschen da und sprechen fremde Sprachen. Wir wohnen nicht im großen Hotel, gehen nur zum Speisen hin. Wir haben ein Häuschen, auf dessen Dach man spazierengehen kann, mit einem großen Garten, der an der Seepromenade unten eine Türe hat. Abends ist auf der Hotelterrasse Musik und alles wie im Fest. Va ist vergnügt wie nie zuvor. Wir laufen um die Wette. Ich sage jetzt Albert. Camill wohnt im Hotel, ich habe kein Mädchen. Va wollte es nicht. Ich fürchte mich nachts manchmal, weil es seltsame Tiere gibt, die rufen. Aber die Tür zu Alberts Zimmer ist offen und er sieht zuweilen nach mir und ist gut zu mir, wenn ich böse Träume habe. Dann sprechen wir oft lange. Auch über den lieben Gott. Er sagt, Frauen müßten Gott in dem Menschen lieben, der ihnen am liebsten ist. Albert liest mir auch vor: aus der Bibel von Ruth und Josef und seinen Brüdern, vom armen Hiob und dann vom Heiland. Das muß schön gewesen sein, eine Frau zu sein, die ihm die Füße mit ihrem Haar trocknet. Aber meine Haare sind nicht so lang. Einmal träumte ich, daß ich Jairis Töchterlein sei und er mich aufgeweckt hat. Dann lesen wir auch Märchen, die aber auch für große Leute sind, und Theaterstücke von großen Dichtern. Die kennen Sie wohl alle. Auch spreche ich wieder fremde Sprachen, die ich früher einmal konnte, sagt Va. Bei manchen Worten fällt mir meine Mutter ein. Sie haben mich einmal nach ihr gefragt. Albert hat es mir gesagt; sie konnte nicht bei ihm bleiben. Ich möchte auch nicht, daß eine andere Frau bei Albert ist. Ich erinnere mich nicht, wie meine Mutter aussah. Warum ist sie aber weggegangen und hat mir nie einen Brief geschrieben? Nun schreibe ich schon so lange und weiß gar nicht, ob Sie noch an Ariel denken.

Machen Sie noch Verse, Herr Prediger? Wenn Sie Geld brauchen, so schreiben Sie gleich. Ich habe viel; Albert sagt, ich müsse damit selbst zurechtkommen. Also nur zu, wenn Sie Not daran haben und wenn man zu Hause wieder böse zu Ihnen ist. Es grüßt Sie bestens

Arabella Mannsthal.

P. S. Erinnern Sie sich noch an unser Sterngucken? Nicht weit von hier soll eine Sternwarte sein, von wo aus man durch lange Rohre die Augen am Himmel spazieren schicken kann und dort viele Geheimnisse sieht. Das muß das Schönste sein. Ich möchte zu gern hin. Albert hat mir eine Überraschung versprochen. Er ist manchmal abwesend, um sie vorzubereiten.“

Als Vögelchen den Brief verschloß, träumte ihr Blick den Garten hinab zum See, der sich dort wie eine tiefblaue Wand aufstellte. An seinem Ende erblickte sie einen aufschnellenden Gegenstand, der einem pfeilgeschwind hinsausenden Vogel glich, vor dem das Wasser in weißem Gischt zur Seite rauschte. Es war ein Gleitboot. Wie ein tierisches Wunder schoß es daher. An den Ufern hörte man rufen. Vögelchen eilte hinab. Schon sieht man es näher, es vergrößert sich in rasender Geschwindigkeit, nun erblickt man den schmalen Schiffskörper, hört das Knattern eines Motors. Die seitlich geschleuderten Wassermassen überfluten ihn, ein Mensch in Taucherkleidung wird sichtbar. Nun ist das Sausen ganz laut, das Boot schnellt aufbäumend glatt auf das beruhigte Wasser hin und schwebt ans Ufer heran. Arabella ist unter den Leuten, die sich in Neugier und Bewunderung am Dampferplatz zusammengeschart haben. Der Gleitflieger springt ans Land. Es ist Mannsthal. Vögelchen fällt ihm um den Hals. Sie zittert am ganzen Körper. Er hebt sie auf wie eine Feder und trägt sie durch die gaffende Menge. Nun ist ihr der Zauberer zum Helden geworden.

„Das ist dein Geheimnis?“ fragte Arabella noch atemlos.

„Ein Scherz vorläufig,“ sagte er lächelnd.

Adalbert pflegte mit Arabella auf der Terrasse an einem Tischchen abseits zu speisen. Als sie eines Abends, von neugierigen Blicken empfangen, eintraten, sprang rasch ein hochgewachsener Herr, der allein an einem Tische saß, auf, blieb wie vor einer Erscheinung stehen und stürzte dann auf Mannsthal zu. Es war Nikolai Karinski, von dem er schon mehrere Jahre nichts gehört hatte. Zum Erstaunen der Gäste, die ringsumher saßen, küßten sich die beiden Männer, blickten einander prüfend an, schüttelten sich die Hände und umarmten einander abermals.

„Das ist Arabella, du weißt —“ stellt Mannsthal vor. „Ein alter Freund, Graf Karinski.“ Sie waren abgesondert in ihrer Freude unter den fremden Menschen und Vögelchen war gleich die Dritte im Bunde. Der Russe, von dem sie kaum etwas wußte, war ihr nach wenigen Augenblicken kein Fremder mehr. Er trug sich ein wenig à la Lord Byron und hatte ein Gesicht, dem man immer neue Reize abgewann, obwohl es nicht schön war. Nichts schien in ihm aufeinander gestimmt, selbst die dunklen, sanften und doch flammenden Augen waren ungleich, das linke höher als das rechte, wie man es bei Menschen sieht, die lange ein Monocle getragen haben. Die Nase stach absonderlich hervor, sie war wie ein Haken kühn und adelig. Auch das Kinn unter dem breit geradlinigen Mund war kantig. Sein Haar, von einem weichen, metallenen Braun, war in kindhaften Scheiteln zurückgelegt und wenig dicht. Die starken Backenknochen, der Ausdruck der Augen, die Gestalt verrieten den Russen. Was diesem Antlitz das farbig Wechselnde des Kaleidoskops gab, war sein Lächeln und Schauen. Das konnte bald dem eines fröhlichen Kindes, bald dem eines weisen Greises gleichen und es konnte Verklärung und Andacht und tiefste Zerknirschung spiegeln. Übermut und Trauer flogen schattenhaft wie Licht und Dunkel darüber hin und zuweilen wurde es fratzenhaft (ganz selten in Vögelchens Gegenwart) und oft brach die Flamme des Geistes aus ihm und brannte heiß über seinen Zügen. Und dies alles schien oft zurückzustürzen, auszulöschen. Dann war das Antlitz einer verkohlten Landschaft gleich, über die fahler Nebel schwelt. Er hatte große Hände und starke Arme. Vögelchen dachte, daß er sie bis ans Ende der Welt würde tragen können ohne zu erlahmen.

„Also dies ist dein Kind, dein Täubchen, dein Weibchen,“ sagte er und sah sie an wie ein treues, derbes Tier. „Ich darf du zu ihr sagen, darf ich das, Porzellankindchen?“

„Ihr werdet bald gute Freunde sein,“ ermunterte Mannsthal.

„Habe ja auch ein Kleinod zu Hause. Du weißt, wie ich auf die Frauen zu sprechen war — aber die Gräfin! Ja, die meine, hat mich beten gelehrt.“

Und er begann von Tanjä zu erzählen. Eine barmherzige Schwester sei sie und ihre Seele wäre eine Wünschelrute, die jede Quelle des Leides aufspüre in der Menschen Drangsal. Ihre Stimme glätte Aufruhr und Zwiespalt, ihrer Worte Balsam sei Sanftmut ohne Ende! Und Nikolai Karinskis Augen waren die eines Beters und gleich darauf fiel sein Kopf zur Brust herab und er glich einem Büßer, der eine Züchtigung gewärtigt. Er erinnerte sich wie immer, wenn er von ihr erzählte, daß er sie einmal geschlagen, von Neugier getrieben, ob sie böse werden konnte. Er hatte einen Streit vom Zaune gebrochen, indem er eine Rücksicht, die sie üben wollte, barsch abwies, und als sie, seine Worte nicht ernst nehmend, sich anschickte, ihr sorgliches Vorhaben auszuführen, hatte er ihr mit Schlägen erwidert, die aus den Riemen einer Hundspeitsche auf sie niedergingen. Sie hatte sich, noch immer an Scherz glaubend, zu ihrem Bett geflüchtet und sich darin vergraben. Als es vorüber war, lag sie still und starrte zu ihm auf, als wäre ein Wunder geschehen. Aber kalt und starr war sie anzufühlen, als er sich in grenzenloser Selbstverdammung vor ihr auf die Kniee hinstürzte. Kein Schauer durchbebte sie. Wie eine Tote lag sie ihm im Arm. Tags darauf war sie still und gütig wie zuvor. Er bekam Krankenkost, das bedeutete eine Anzahl leichter Leckerbissen, und die Kinder mußten leise sein. Karinski erzählte das Arabella, als sie schon gute Freunde waren. Es tat ihm wohl einem Kinde zu beichten.

„Du wirst bis in den Tod daran denken müssen,“ sagte Vögelchen böse. „Ich wäre daran gestorben.“

„Ja, vielleicht ist auch sie daran gestorben und ich weiß es nicht. Ich fühle alle Schuld in dieser Erinnerung,“ sagte Karinski, „alle Qual, die seit Weltbeginn Menschenherzen gemartert hat. Und Tanjä ist eine Heilige geworden und viele Frauen sind Heilige. Sieh das Gesicht der Schwangeren und vergleiche es mit dem der Gottesfrauen und Gottesmänner in den Kirchen, und Gott liebt sie, weil sie Schuld abtragen in ihrer Mutterschaft. Und auch die Armen liebt er und tröstet sie in seinen Kirchen. Wir Reichen aber und im Geist Mächtigen, wir können nur unsere Inbrunst aufheben zu ihm mit verzückten Händen, bis sie erlahmen und wieder nur taugen zum Verzagen, zum Laster und zur Knute.“ Und er fuhr fort, von Tanjä in Ehrfurcht zu sprechen, und hatte dennoch keine Eile, obwohl sie sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte und mit vielen kleinen Kindern sich sorgte, zu ihr zurückzukehren.

Eines Tages erschien dann eine russische Familie und Karinski umarmte sie, wie er Mannsthal umarmt hatte. Wenige Tage später reiste er mit den Landsleuten ab, nachdem er unter Tränen von Adalbert und Arabella Abschied genommen. Vögelchen trauerte ihm nach. Bald bekam sie ein Schreiben von Tatjana Gräfin Karinska, die sie ihrer Freundschaft versicherte und zu einem Briefwechsel lud.

Auch Mannsthal war jetzt schweigsamer als zuvor. Karinski hatte ihm die Ereignisse seines Lebens erzählt, die in die Zeit fielen, wo ihr Briefaustausch aufgehört hatte. Aber Adalbert hatte geschwiegen. In ihm war alles aufgewacht, was er seither erfahren, und hatte sich vorgedrängt bis zur Schwelle des Vertrauens. Nikolai hatte ihm dunkle Dinge gebeichtet und Reue und Scham, die er dabei empfand, waren ihm erwünschte Strafe. Was er selbst zu sagen hatte, war in seinen Einzelheiten so unfaßbar, daß er vermeinte, die Luft nicht weiter atmen zu können, in die der Hauch seines Geständnisses sich mengte. Er konnte nur eines bekennen, daß Arabella ihn gerettet und daß er sich aufgespart für sie. In diesen Tagen war nichts mehr von Strenge in ihm, sein Wille wollte sie nicht zwingen mit geheimen Mitteln. Eine grenzenlose Dankbarkeit floß zu ihr hin, fand seine Sinne in Gehorsam und entwaffnete seine List. Zu dieser Zeit lag glosende Hitze über dem südlichen See. Mählich verödeten die Straßen. Das Hotel, die Villen waren fast unbewohnt. Kaum daß die Häuser der Einwohner tagsüber die schirmenden Läden hoben. Die Bäume und Sträucher waren so üppig im Laub, daß sie ineinander sich verstrickten und Blüte an Blüte sich drängte. Die Insekten wurden gefährlich, die Nächte seltsam duftend und voll der Wunder. Aber weder die Nächte noch der See brachten Abkühlung. Vögelchen vertrug die Hitze besser als er, ja sie breitete sich aus wie eine treibende Pflanze. Leise Anzeichen sprachen dafür, daß ihr Körper reife. Auf ihren Wangen lag ein Schein erblaßter Rosen, die das Leuchten ihrer Augen steigerte, ihre Lippen öffnete ein scheuer Durst. Er sah es in unendlicher Entzückung. Seine Versuche mit dem „Mannsthal-Gleitboot“ hatte er aufgegeben. Er begnügte sich, den Stand seiner technischen Leistung in verschlossenem Brief in der Akademie der Erfindungen zu hinterlegen.

Eines Abends brachte Mannsthal ein etwa vierzehnjähriges Mädchen in den Garten. Es war blind. Vögelchen war erschüttert, als es die Kleine erblickte. Sie hörte nicht auf sie zu streicheln und schließlich küßte sie die leblosen Augen. Sie brachte ihm eisgekühlte Früchte, wusch ihm die heißen Wangen, erzählte ihm allerlei, sang ihm vor, so gut sie es konnte. Adalbert aber war weitaus gewandter im Umgang mit Blinden und seine Zärtlichkeit für die Unglückliche hatte für Vögelchen etwas Erstaunliches. Er schien ein anderer, wenn er Rosina berührte, als wisse er, wie Blinde empfänden. Vögelchen holte sie zuweilen aus dem Uhrmacherladen, wo sie zu Hause war, und schlich sich mit ihr in einen entfernten Teil des Gartens und verbarg sie vor Mannsthal. Oder sie entfernte sich, wenn dieser sich mit Rosina befaßte. War es möglich, daß sie dem Kinde Adalberts Güte neidete, oder wollte sie in ihren Bemühungen nicht übertroffen werden? Mannsthal entging das nicht. Er verdoppelte seinen Eifer um Rosina und seine Zärtlichkeit war nicht mehr verstohlen wie bisher. Vögelchen selbst suchte sie und erwiderte sie.

Die Landschaft lechzte nach Regen. Die Einwohner aber wußten, daß keiner zu erwarten war. Mannsthal fühlte feurige Dämonen um sich kreisen. Manchmal war ihm, als erhöbe sich lautlos ein glühender Gewittersturm und jage ihn. Ein anderer Mensch in ihm riet zur Flucht, zu Tod, zu Verwandlung. Er trug es nicht länger. Kam ihm nicht Erlösung, so brach er zusammen und die Frucht seiner Sehnsucht schnellte für ewig aus den erlahmenden Händen. Aber er wußte auch, plötzlich konnte „es“ geschehen, ohne Warnung und Zeichen, ohne Donner und Posaunenschall.

Auch Vögelchen war voll Unruhe jetzt. In der Dunkelheit trieb es sie in den Garten oder sie schlich Adalbert nach, wenn er noch spät sich entfernte, und wartete am Gartengitter auf seine Rückkehr. Einmal nachts, als er wie betäubt auf seinem Bette lag, weckte ihn das Leuchten eines Scheinwerfers. Weiße Lichtgarben sprengte er über das Land. Er tauchte den Garten von Dunkelheit rein, weckte die Statuen in den Hainen und die schlummernden Farben der blühenden Büsche. Vögel fuhren erschreckt aus ihrem Schlaf und huschten dann ängstlich wieder in ihre Nester nieder. Als der Schein wiederkam, war es Adalbert, als sähe er nächst den Rhododendrenbüschen eine lichte Gestalt, die traumhaft ihre Arme in das fliehende Licht hob. Der Strahl schien sie aufzunehmen und aufzulösen in seiner Helle. Mannsthal stieg zum Garten herab. Unhörbar war sein leichter Schritt im Moos. Er war sehr schlank geworden in diesen Tagen der zehrenden Sehnsucht. Die Luft schien um ihn zu knistern, als wären Millionen dunkeläugiger Fünkchen in ihr verborgen. Ihm war, als griffe der Duft der Blumen nach ihm und umstricke ihn. Er suchte die Hängematte, ein Frauengewand lag da. Seine Hände fieberten, als er es an seine Lippen hielt und seinen Kopf darein verwühlte. Dort im Rhododendrenhain stand die Statue nicht mehr. Der Mantel der Nacht hing ihr um die Schultern, aber leuchtender als Marmor schimmerte es im Moos: Schlafend lag ihm Arabella zu Füßen. Ihr Atem zog leise in die Nacht, der seine war verhalten in Grauen und Lust. Lange mußte sie gekämpft haben um diesen tiefen Schlaf. Er kniete neben ihr hin in Glut und Anbetung und segnete die Luft, die zwischen ihm und ihr war und ihm Raum gab, seine schauernde Seligkeit auszugießen über ihre ahnunglose Nacktheit. Warum, oh warum hatte die Nacht sich dem Licht geöffnet, warum, warum hatte der Strahl, aus den sein Schlummer ihn gerufen, ihn zu dieser Stätte geführt! Lenkte nicht einer unbezwinglichen Macht gefügiger Geist das Ziel seinem brennenden Wunsch entgegen? Nein, sein Schicksal weigerte sich nicht. Es entzündete ihm die Brautfackel und ließ sie leuchten über die Lande. Aber noch wollte er die Qual erdulden, sie neben sich zu fühlen, ohne sie zu berühren. Nicht im Schlafe wollte er sie aus der Kindheit wecken. Nicht doppelt unbewußt durfte sie erwachen in ihre Vermählung. Noch wollte er sich die Drohung ins Herz stoßen, von ihr zu lassen, wenn sie nicht erwachte, ehe vom Glockenturm der dumpfe Schlag der nächsten Stunde anschlug. Er fühlte ringsum den unsichtbaren Garten, der Dolden regungsloses Blühen und wie sich das Netz von Düften immer enger um ihn spannte, wie der Wohlgeruch von tausend Rosen sich mit dem der Glycinen verband und weiter wob zum leisen Hauch der Iris, zum goldenen Atem der Azaleen, zum linden Duft der Karthäusernelken. Erinnerung ferner Gärten stieg vor ihm auf, Wälder hoben ihre Dunkelheiten, Indiens Haine erstanden ihm, die ansteigenden Wege zu den heiligen Bergen des Ostens, gesäumt von Kirschblüte und Chrysanthemum. Affen saßen auf Zweigen, bunte Vögel flitzten durch beerenbeladene Äste. Fern blaute das Meer. Landschaft war ihm nur Rahmen der Erinnerung. Ein Zug von Frauen begann zu schreiten. Er sah sie alle wieder, die fremdartigen, die aus einer Stunde traten und sie bunt färbten, Loli, jenes Bild seiner Kindheit, der Wald hinter dem Werk, Tirotzky, Angele, dann das lachende Kirschengesicht einer Tänzerin, die Blinden, die bleiche Frau, die er zu sich nahm, auf daß sie bei ihm verstürbe, und die Entstellte dann, die er so namenlos beglückt, das Bettelkind in jenem irischen Dorf, in dem er unversehens genächtigt, die Fürstin C., dann die erträumten Wirklichkeiten seiner Miniaturen, Camilla, die an einem Kinde starb, das nicht das seine gewesen, Mila, das Weinstubenmädchen, mit der wahnsinnigen Mutter, das aufstieg zur Halbweltdame, Landmädchen, Courtisanen, dann — ein verhüllter Zug, der ihn erschauern machte. Geisterhaft stumm zogen sie. Aus aller Welt waren sie gekommen, aus Gräbern und Himmeln, aus Leben, das er nicht mehr kannte, über fremde Schwellen schreitend, aus fremder Umarmung sich lösend, aus Häusern des Lasters, aus Klöstern und vom trauten Tische sich stehlend, über dem Kinder und Gatte sich zum Mahle neigten. Ledig der Last der Jahre waren sie gekommen ihn zu grüßen, ehe sie versanken vor einem großen Licht. Denn sie waren alle Priesterinnen in seinem Liebestempel gewesen, nur daß keine ihm gefolgt war über die letzten Stufen des Hochaltars. Nun waren sie vorbei. Da fühlte er den Einstrom eines Lichtes. Wolken aus milchweißen Schleiern verbreiteten blendende Helle, Sterne schwebten wie Silberbienen zu knospenden Lilien, deren Kelch goldener Tau benetzte. Auf den Wellen des Lichtes schwebten weiße Wasserrosen. Da sah jene Sterbende aus spiegelnden Tiefen und goß ihm ihren mahnenden Blick ins Herz. Der Blick ging durch die Hallen des Lichtes, wie durch gläserne Wände, metallisch, rieselnd wie heiliges Wasser bespülte er Adalberts Seele. Er baute einen Baldachin weißer Blüten über das schlummernde Kleinod im Moos. Wie ein Taubenpaar schwebten der Bleichen Hände schützend über ihm. Ein Chor kleiner Engel schwebte heran. „Laß ab,“ beteten die Seelen der blinden Mädchen. „Wirf nicht Brand in den Schnee,“ flehten die Kelche der Lilien. „Rühr mich nicht an,“ sangen die Sterne, die wie Silberbienen schwebten. „Fliehe,“ säuselten die milchweißen Schleier. Und die Wasserrosen öffneten die siebenfach verschlossenen Lippen und seufzten:

„Laß ab!“

Und das Licht war ein Mund und posaunte:

„Laß ab!“

Aber lauter als sein Schall war der linde Atem der Schlafenden, denn er war lebendig. Schmal und flüchtig wie einen Traum wußte er sie hingebettet und dennoch wirklich, wie nur Leben sein kann. Und wenn er ging und abließ, dachte er, würde der glitzernde Leib einer Schlange sich aus dem Dunkel ringeln und Giftzähne in ihr Fleisch graben? Sie war einer Glut hingegeben, die sie ahnte und ersehnte. Konnten nicht Helden oder Unglückliche, die ihr mitleidiges Herz gewannen, sie ihm entreißen, morgen schon, und sie verheeren für immer. Denn er nur würde sie befähigen, höchste Lust zu geben und zu nehmen, eine Göttin, nicht eine Magd der Liebe zu sein. Er nur, der sie kannte wie kein anderer, würde sie, wie die Mutter sprechen lehrt, die Welt der Liebe lehren. Er würde Schätze heben aus ihrem aufpochenden Blut, Kleinode entsiegeln in ihren geheimsten Schreinen und unlösbar würde er ihre Seele mit ihrem Blut vermählen und so sie feien vor der Erniedrigung der wissenden Liebesglut. An ihr sollte das Laster sich heiligen und Keuschheit menschlich werden. Er nur, er konnte sie wecken zu verklärtem Brand, zu heiligem Genuß. Und doch, dies hatte der Dämon seiner Selbstqual über ihn verhängt, wenn die Turmuhr schlug, eh’ sie ihm erwachte, war sie ihm und sich selbst verloren in ewigem Durst. Er wußte, jenes blinde Kind wachte im Turm und hütete die Glockensträhne. Oft war er bei ihr gewesen. Konnte nicht jetzt ihr rächender Wille, müde seiner zu harren, die Strähne ziehen, ehe die Geliebte erwachte?

Da plötzlich griff es, ehe die Versuchung ihn überkam sie zu wecken, mit weißen Fingern in die Luft. Des Scheinwerfers Geisterhand schwebte auf und nieder, kaum die Baumwipfel berührend, und jetzt fiel sie pfeilschnell herab und ließ den Garten aufstrahlen in Licht. Vögelchens Schlaf zerriß, mit leisem Aufschrei haschte sie die Helle und im letzten aufstrebenden Strahl erblickte sie den Mann. Als würde Traum zur Wirklichkeit, schlang sie ihren Arm um seinen Hals, preßte die schlafheißen Wangen an seine Brust. Langsam ließ er sie zurückgleiten ins Moos, Hände kosten sie und grüßten die Kleinode ihres Leibes. Ihre Haare waren wie besonnte Seide, darunter die Pulse in den Schläfen pochten, wie kleine gläserne Hämmerchen. Auf die Wangen senkten sich die Lider herab wie bebende Schmetterlingsflügel. Ihre Lippen öffneten sich und er erschauerte, bald würde er ihre Süße kosten. Nun fühlte er die gläsernen Hämmerchen durch die feine Haut des Halses an seinem Mund und vor der Zartheit ihrer Schultern erbebte er, denn sie waren die eines Kindes. Ihre Brüstlein waren jungen Tauben gleich, die rosige Schnäbelchen aus dem Gefieder spreizten, wenn der Flügelschlag der Liebe ihrem Durste naht. Er meinte zu vergehen. Einen Augenblick vergrub er, Ruhe suchend, seinen Kopf an ihrem Halse, aber da fühlte er ihren Duft und war völlig berauscht. Er sah sich selbst und spürte, was er sah. Der andere Mensch, den er nicht mehr hielt und kannte, war an der Arbeit. Noch einmal verdrängte er ihn. Er faßte das Wesen und hob es von sich weg, um warnend es vor sich zu sehen. Federleicht spürte er seine Wehrlosigkeit. Aber dem andern war das nur recht, er riß dem Zauderer die Beute aus dem Arm und flüsterte betörende Worte. Oh, diese Worte! Arabella vergaß sie niemals. Ihre Erinnerung übergoß sie mit Gluthauch bis spät in die Jahre. Und wie gefällig machten sie diese Worte, wie beflissen ihn zu verstehen, wie willig alles zu erdulden, den Schmerz und die Lust. Aber dann, als nur mehr der andere herrschte und der Zaudernde verschwunden war hinter glühenden und tobenden Wolken, als Feuer auf sie niederbrach und sie unbarmherzig sengte mit Eisen und Schwert, über ihre Kraft es zu bergen, da befiel sie eine wahnwitzige, grenzenlose Furcht, die sie mit wunderbaren Schauern durchdrang. Aber nur bei ihm gab es Schutz, Zuflucht nur an seiner Brust, zu der sie hindrängte. War er ihr böse, daß er sie von sich stieß, um gleich wieder sich eisern in sie einzuschmieden? Da, als er wie ein von göttlichem Zorn Besessener über ihr raste, fühlte sie plötzlich namenlose Erlösung und während ihr ganzes Sein ausströmte in demütiger Verzückung zu randloser Ewigkeit, sah sie im ersten fahlen Licht des Morgens ihn zur Seite stürzen, als hätte Gott ihn an Felsen zerschellt. Die Vögel erwachten in ihren Nestern. Ein leiser Wind strich kühlend vorbei. Vögelchen richtete sich steil auf und sah über den Regungslosen mit großen, erstaunten Augen in das erwachende Leben.

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