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Ueber den Umgang mit Menschen

Erster Theil.

Reading edition

Einleitung des Herausgebers.

Der Umgang mit Menschen gehört zu den wirksamsten Bildungs-, Erheiterungs- und Anregungsmitteln des menschlichen Geistes und Gemüths; aber wohlthätig werden seine Wirkungen nur dann für uns seyn, wenn wir gehörig vorbereitet unter die Menschen treten, und im Umgange eben so viel Weisheit, als Klugheit, eben so viel Festigkeit, als Geschmeidigkeit, eben so viel Offenheit, als Zurückhaltung zeigen und anwenden. Die Vorbereitung besteht in der Fertigkeit, den Schein von der Wahrheit zu unterscheiden, die Sprache des feinen Welttons zu reden, ohne in's Gezierte und Höfische zu verfallen, und in der Sammlung allgemeiner Kenntnisse; endlich in der richtigen Würdigung der Menschen, damit ein Bewußtseyn des eigenen Werthes erwache, und die Blödigkeit verschwinde, welche unfähig macht, den Umgang mit Menschen von höherer Bildung und Erfahrung zu benutzen und zu genießen. Man könnte sagen, daß dieß alles, was hier als Vorbereitung auf den Umgang mit Menschen dargestellt und erfordert wird, eigentlich das Erzeugniß dieses Umgangs selbst sey; allein wenn auch zugegeben werden muß, daß alle jene Kenntnisse und Fertigkeiten größtentheils in der Gesellschaft gewonnen werden, so ist doch eben so gewiß, daß die Gesellschaft ein Recht habe, von ihren Mitgliedern zu fordern, daß sie einen Beitrag zur Unterhaltung geben, nicht bloß empfangen und genießen sollen. Diese billige Forderung aber kann nur von denjenigen erfüllt werden, welche gehörig vorbereitet und ausgestattet in die Gesellschaft treten. Dazu soll die Erziehung vor allem mitwirken, und daneben die schriftliche Belehrung und Anweisung, welche nicht bloß aus Schriften, wie die vorliegende des trefflichen Menschenkenners Knigge, sondern auch, und vielleicht noch mehr aus solchen Romanen und historischen Darstellungen geschöpft wird, welche sich durch eine lebhafte und getreue Charakterschilderung auszeichnen, und Menschen von allen Seiten, und in allerlei Lagen, Verhältnissen und Beziehungen darstellen. Nicht bloß Menschenkenntniß, sondern auch die Sprache des feineren Gesellschaftstones findet sich in solchen Schriften, und sie gehören eben deswegen unstreitig zu den wirksamsten Bildungsmitteln. In wie fern, und unter welchen Bedingungen auch der Umgang ein Bildungsmittel sey, soll hier nur angedeutet, nicht ausgeführt werden, denn für die Ausführung findet sich im Verfolg eine passendere Stelle. Die Weisheit im Umgange würde zunächst in der Sichtung der Spreu von dem Weizen bestehen, damit sich nicht, zugleich mit den Kenntnissen und berichtigten Urtheilen, mit den Ansichten der Welt und der Menschen, mit der Erwärmung für das Schöne, Gute und Edle, auch Vorurtheile aller Art, schiefe und ungerechte Urtheile, falscher Geschmack, Heuchelei und Verstellungskunst, Leichtsinn und Eitelkeit in die Seele einschleiche. Ohne diese Weisheit hat die Gesellschaft nur verderblichen Einfluß, wird sie endlich selbst die Kraft überwältigen, mit welcher heilsame Eindrücke der Erziehung auf unsern Willen wirken, wird sie den, der sich sorglos ihrem Einfluß hingibt, zum Sclaven der Mode und Sitte machen, und ihn um sein bestes Lebensglück betrügen.

Aber mit der Weisheit reicht man in der Gesellschaft nicht aus; sie fordert eben so sehr jene vorsichtige und besonnene Klugheit, welche uns lehrt, erlaubte Vortheile zu erkennen und zu benutzen, und den Klippen auszuweichen, an welchen so leicht die Fassung, die Heiterkeit und Laune scheitern kann. Wer im Umgange mit der großen Welt zu oft in Verlegenheit kommt, zu oft, durch den Schein irre geführt, sich zu einer Offenheit verleiten läßt, die er hernach mit Schrecken gemißbraucht oder gemißdeutet sieht; wer nicht zu rechter Zeit ein Gespräch abzubrechen, oder es auf eine ungezwungene und verständige Weise anzuknüpfen und fortzuführen weiß, ohne vorlaut und zudringlich zu werden, oder sich selbst zum Thema der Unterhaltung zu machen; wer nicht mit Klugheit die Personen, aus welchen die Gesellschaft besteht, nach ihren bürgerlichen und Familienverhältnissen berücksichtigt, und seine Urtheile ohne alle Rücksicht fällt, seine Bemerkungen ohne alle Umsicht mittheilt: der wird für alle diese Verstoße gegen die Klugheit im Umgange hart büßen müssen, und sich bald genug von der Gesellschaft ausgeschlossen sehen. Jene Weisheit, welche der Umgang fordert, und jene Klugheit, welche er voraussetzt, besteht ferner in der Festigkeit, die nie in Starrsinn und Rechthaberei ausartet, und in der Geschmeidigkeit, welche eben so weit von Heuchelei, als von Blödigkeit und Menschengefälligkeit entfernt ist. Wer immer der Meinung dessen ist, der zuletzt sprach, oder der das Wort in der Gesellschaft führt, nie eine eigene Meinung hat, oder sie wenigstens sogleich feigherzig aufgibt, wenn sie Widerspruch findet, wird der Gesellschaft eben so wenig verdanken, als der, welcher mit rechthaberischer Heftigkeit seine Gegner nur überschreit, nicht mit Gründen bekämpft. Aber vorzüglich kommt es hier auf die Art an, wie man solche Meinungen und Urtheile, welche lebhaft bestritten werden, vertheidigt und begründet. Es gibt Menschen, welche bei solchen Vertheidigungen alle Rücksichten und jede Schonung und Milde, welche zum Wesen des Umgangs gehört, bei Seite setzen, und in leidenschaftlicher Lebhaftigkeit ihre Gegner mehr anfallen und mißhandeln, als bekämpfen. Hier ist die Grenze sehr leicht überschritten, besonders wenn die Klugheit nicht von wohlwollenden Neigungen unterstützt wird, oder persönliche Mißverhältnisse der Streitenden einwirken und sichtbar werden. Dennoch gehört die Festigkeit recht eigentlich zu den geselligen Tugenden, weil die Gesellschaft nicht ohne Reizmittel bestehen kann, und der Widerspruch zu den wirksamsten Reizmitteln gehört; aber auch deswegen, weil nur Festigkeit gegen die gefährlichen und verderblichen Eindrücke des Umgangs waffnet und sichert, so wie gegen die Verlegenheit und Bedrängniß, in welche wir diejenigen so oft in der Gesellschaft gerathen sehen, welche dem Hochmuth, der Anmaßung, Unbescheidenheit und leeren Prahlerei nichts entgegen zu setzen wissen, und da verstummen, wo sie recht laut werden und mit Nachdruck sprechen sollten.

Aber wie der Umgang verderblich werden kann, wenn man seinem Einfluß nicht mit Festigkeit zu widerstehen, und durch festen Muth alles abzuwehren weiß, wodurch das Vergnügen der Gesellschaft gestört, oder das Recht des Einzelnen gekränkt wird; so wird sein Reiz und sein Genuß durch die Geschmeidigkeit erhöht, mit welcher sich Jeder in den Ton der Gesellschaft überhaupt, und in die Schwachheiten der Einzelnen insbesondere zu finden und zu schicken, Störungen des gesellschaftlichen Vergnügens zu entfernen, und alles herbeizuführen weiß, was die Unterhaltung nähren und beleben, die Bande der Gesellschaft fester knüpfen, und den Genuß Aller erhöhen kann, und zwar auf eine solche Art, daß Keinem etwas aufgedrungen, und nichts erzwungen wird. Wie leicht diese Geschmeidigkeit ausarte, und wie lästig, verächtlich und erniedrigend sie in ihrer Ausartung sey, davon finden sich die auffallendsten Beispiele in jeder zahlreichen Gesellschaft. Sie muß in theilnehmenden und wohlwollenden Gefühlen, in der Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit, welche sich nie vordrängt, und keine Auszeichnung begehrt, und in dem Wunsche, sich zu belehren, ihren Grund haben, wenn sie für eine gesellschaftliche Tugend gelten soll. Häufig erscheint die Geschmeidigkeit als Herablassung zu den Schwachen, als Herabstimmung zu einem uns fremden und ungemüthlichen Gesellschaftstone, und in so fern sie selbst lauter Schwäche, nicht Grundsatz und nicht Wohlwollen oder Klugheit ist, als ein Heulen mit den Wölfen, als ein feigherziges und unsittliches Einstimmen in einen Ton, den man für schlecht und niedrig erkennt. Hier würde die Festigkeit an ihrem Orte seyn. Dagegen ist es hohe Gesellschaftstugend, den Schwachen in der Gesellschaft sein Ohr zu leihen, wenn sie über die Gebühr von sich selbst und ihren besondern Angelegenheiten sprechen; der Mutter theilnehmend zuzuhören, welche von den Anlagen und von der Liebenswürdigkeit ihrer Kinder, oder von häuslichen Leiden mit großer Ausführlichkeit spricht; den ehrlichen Handwerksmann ausreden zu lassen, oder durch Fragen selbst zu veranlassen, vom Handwerk zu sprechen und seine Erfahrungskenntnisse gutmüthig mitzutheilen, wobei dem Hörenden wohl noch durch manche nützliche Sachkenntniß seine Herablassung vergolten wird.

Eben so viel Offenheit, als Zurückhaltung, fordert endlich der Umgang mit Menschen. Offenheit ist die Seele des Umgangs; aber sie setzt Vertrauen voraus, und wer kann sogleich Vertrauen zu Personen fassen, die er nur in ihren Feierkleidern sieht, und nicht beobachten kann, wenn sie in ihrer Alltagskleidung einhergehen. Es gibt eine Offenheit, welche mit kluger Vorsicht vereinbar ist, und diese soll im Umgange herrschen. Niemand soll seine Grundsätze und Ueberzeugungen verheimlichen, oder schweigen, wo die Pflicht, sich des Verleumdeten anzunehmen, den Splitterrichter zu demüthigen und zu strafen, den Heuchler zu entlarven, den Prahler in seiner Erbärmlichkeit darzustellen, oder auch nur die Pflicht, seinen Beitrag zur Unterhaltung zu geben, das Schweigen verbietet. Aber Rücksicht auf Kinder, auf Schwache und Unwissende, auf Schüchterne und Aengstliche, auf Horcher und Wortverdreher, auf Neuigkeitsträger und Klatschschwestern, gebietet auch oft Zurückhaltung des Urtheils, des Spottes, eines witzigen Einfalls, einer wahren, aber bitteren Bemerkung, einer Meinung oder Erklärung, die leicht gemißdeutet oder gemißbraucht werden kann.

Dieß also wären die Bedingungen, unter welchen der Umgang Bildungs-, Erheiterungs- und Anregungsmittel werden kann. Wem übrigens die Wahl frei steht, zwischen großen, stark gemischten Gesellschaften, und kleineren Gesellschaftskreisen, der handelt weise, wenn er diese vorzieht, und jene so viel als möglich vermeidet. Denn je zahlreicher die Gesellschaft ist, desto leerer ist der Umgang, und nur da ist die Unterhaltung ergiebig und lehrreich, wo Alle daran Theil nehmen, und Keiner durch Rücksichten der Klugheit und Vorsicht zur Zurückhaltung bestimmt wird, sondern Jeder frei und unverhohlen seine Meinung äußert.

Auf der andern Seite ist der Umgang mit Einzelnen, wenn sie mit einer ächten Geistesbildung eine reiche Erfahrung verbinden, und in mannigfaltigen Verbindungen leben, viel ergiebiger und belohnender, als das eigentliche Gesellschaftsleben, und diejenigen, welche das Leben in dem edelsten Sinne genießen wollen, ziehen sich daher aus der großen Welt zurück, und wissen sich in dem Familienleben einen Genuß zu bereiten, welcher in großen und gemischten Gesellschaften vergebens gesucht wird. Vielleicht ist es auch nur in solcher Zurückgezogenheit möglich, das Herz vor Thorheiten und Verirrungen zu bewahren, in welche es so leicht durch den Einfluß der Gesellschaft verwickelt wird, und die Ausartung des Herzens zu verhüten, welcher diejenigen nicht entgehen, die ihrem Umgange die möglichste Ausdehnung geben, und darin den höchsten Genuß des Lebens finden. Denn neben dem wohlthätigen Einflusse, welchen der Umgang mit Menschen aus allen Ständen auf die Entwickelung unseres Geistes, Veredlung unseres Herzens, und Erheiterung unseres Gemüths haben kann, wenn er ein gewählter ist, und mit Mäßigung und Vorsicht genossen wird, übt er auch einen nachtheiligen und selbst verderblichen Einfluß auf unbewachte und unbereitete Herzen aus.

Wenn auf der einen Seite unsere Begriffe durch den Umgang bereichert und berichtigt werden, so verwirrt er sie auf der andern. Wir hören Menschen, mit Witz und Scharfsinn ausgestattet, ihre vorgefaßten Meinungen, ungerechten Urtheile und fixen Ideen mit einer solchen Beredsamkeit und Zuversicht als unstreitige und unläugbare Wahrheiten darstellen, daß wir uns überreden, ein ganz neues Licht über diese Gegenstände erhalten zu haben, und ihre Jünger werden. Ein andermal fällt ein witziger Spötter über das Heilige her, und es gelingt ihm, den religiösen Gefühlen einiger Schwachen in der Gesellschaft einen Stoß zu geben. Er hat ihnen das Unersetzliche genommen, und sie werden diesen Verlust nie verschmerzen. Der Umgang wird heute Nahrung für unsere wohlwollenden und theilnehmenden Gefühle; aber morgen gerathen wir in eine Gesellschaft, in welcher der Hofton herrschend ist; wir stoßen auf lauter verlarvte Gesichter, hören lauter Redensarten, werden überall durch die unverschämten Uebertreibungen einer frechen Schmeichelei verletzt, sehen eine ganze Gesellschaft von Schauspielern vor uns, von welchen jeder seine Rolle spielt, und nirgends wird uns Nahrung für Geist und Gefühl gereicht; was ist natürlicher, als daß wir Menschenverachtung aus dieser Gesellschaft mitnehmen, und uns nicht sobald wieder mit den Menschen aussöhnen; daß sich Mißtrauen unseres Herzens bemächtigt, und der Glaube an die Menschheit seine Kraft verliert.

Ein unbewachtes und unbefestigtes Herz geräth in einer Gesellschaft unter feine und beredte Schmeichler; der Giftsaame wird in das Herz gestreut, und die Früchte werden nicht ausbleiben.— Und wer hätte nicht in der Gesellschaft die Kunst zu scheinen, Gefühle zu verhehlen, eine Rolle zu spielen, zu heucheln, und sich zu verstellen, wider seinen Willen, und ohne sein Wissen gelernt? Man gewöhnt sich in der Gesellschaft an alles, selbst an das Lächerlichste, Erbärmlichste, Platteste, an Mangel und Mißbrauch des Verstandes, an die häßlichsten Gesichter und Gemüther, die widrigsten Fehler des Körpers und des Sprachorgans; man bemerkt am Ende diese Gebrechen kaum mehr. Daher sieht man, besonders in den höheren Ständen, die Mitglieder der Gesellschaft ihren faden Witz, ihre beredten Verleumdungen, ihren ungesalzenen Spott und ihre kläglichen Tagesneuigkeiten mit einer Unbefangenheit gegen einander austauschen, als ob die unschuldigsten Dinge vorgingen, und es fällt Keinem auch nur von ferne ein, sich einer solchen Unterhaltung zu schämen, noch weniger, ihr eine bessere Wendung zu geben, oder Salz zu verlangen und zu erwarten. Aber es sind nicht bloß die Geistlosen oder Armen am Geist, die es so arg treiben; auch Geistreiche lassen sich endlich, wenn sie lange genug Zuhörer gewesen sind, zu solchem Kleinhandel herab, und werden aus lauter Gefälligkeit, oder um der langen Weile zu entgehen, mit geistlos. Es gehört Muth, Geduld und große Gewandtheit dazu, einen faden und dürren Gesellschaftston zu beschwingen, und endlich zu verdrängen; aber diese Kunst sollte jeder zu erringen suchen, weil dadurch großes Verdienst zu erwerben ist, und der, welcher sie besitzt und ausübt, der Wohlthäter einer ganzen Stadt werden kann.

Mehr oder weniger trägt jeder das Gepräge der Gesellschaft, und wird ihr Zögling, oft ein zu folgsamer; denn indem sie allen seinen Trieben die mannichfaltigste und reichste Befriedigung darbietet, besonders dem Ehrtriebe, indem sie das Bedürfniß, zu lieben, und geliebt zu werden, eben so sehr aufregt, als kräftig stillt, und allen seinen Zwecken dient, legt sie ihn in unauflösliche Fesseln. Doch sie soll auch seine Kräfte in Bewegung setzen und beschäftigen, darum muß sie Reibungen veranlassen, und jeglichem Bestreben, wozu die vereinte Kraft Mehrerer erfordert wird, so wie jeglicher ungeselligen Neigung Hindernisse und Widerstand entgegenstellen. Nicht überall kommt uns in der Gesellschaft (das Wort hier im weitesten Sinne genommen) Theilnahme und guter Wille entgegen, nicht überall die Anerkennnng unserer Verdienste und unserer sittlichen Güte, und da, wo wir gern Einfluß gewinnen möchten, stößt sie uns zurück, weil wir nicht ihre Sprache zu reden wissen, oder uns weigern, sie zu reden, und in den Ton, der jetzt gerade der herrschende ist, einzustimmen. Auf der andern Seite legt sie dem Rohen und Ungesitteten Fesseln an, und zwingt ihn durch die Gewalt ihrer conventionellen Gesetze, die Sprache der Bescheidenheit und Ehrbarkeit zu reden; sie nöthigt ihn zu einer sehr beschwerlichen Selbstverleugnung, und straft ihn auf der Stelle, wenn er sich weigert, ihre Gesetze anzuerkennen und ihnen zu gehorchen. Wenn es scheint, daß sie dadurch theils Heuchler bildet, theils Menschenhasser, so kann sie zwar von dieser Schuld nicht ganz frei gesprochen werden; aber sie weiß wenigstens den Schaden, welchen sie anrichtet, mannichfaltig zu vergüten, theils durch die Ermunterungen, welche sie denen zu Theil werden läßt, die sich in ihr geltend zu machen wissen; theils durch die Veranlassungen, welche sie dem Thätigen und Wohlwollenden gibt, sich gemeinnützig zu machen, vorzüglich aber durch die Kunst und Sorgfalt, mit welcher sie die rohen Edelsteine schleift, so daß ihr Werth erkannt und richtig geschätzt wird. Sie kommt durch dieß alles der Erziehung sehr wirksam zu Hülfe, und rettet Viele, die sonst für die Welt verloren gegangen seyn würden, errettet Andere aus dem Verderben der Milzsucht, Hypochondrie und üblen Laune, der Blödigkeit und Verzagtheit, des Versinkens in Eintönigkeit, Einsylbigkeit und Verschlossenheit, verhilft ihnen zu der Entdeckung, daß ihnen auch die Gabe der Sprache, oder wohl gar die des Witzes und Humors zu Theil geworden sey, weckt in viel Tausenden wohlwollende und theilnehmende Gefühle, und heilt sie gründlich von den Krankheiten, welche ihnen durch eine verkehrte Erziehung, oder durch den Einfluß eines bösen Familiengeistes, oder durch die Macht böser Gewohnheiten eingeimpft worden sind. Auch für diejenigen wird sie oft Retterinn und Wohlthäterinn, welche am Müßiggange und an der langen Weile krank liegen, und nur der Anregung bedürfen, um sich zu fühlen, und zur Thätigkeit zu erwachen.

Die schwerste Aufgabe, welche uns die Gesellschaft zu lösen gibt, und wodurch sie besonders die festen und gediegenen Charaktere, und die einfachen Gemüther abschreckt, ist die, sich in die oft ganz kontrastirenden Tonarten zu finden und einzustimmen, welche in den verschiedenen Kreisen die herrschenden oder beliebten sind. Denn seinen Geschmack verleugnen, seine Vernunft gefangen nehmen unter dem Glauben an die Untrüglichkeit der Mode, oder faden Witz verschlucken, und immer wieder dieselben Späßchen sich vormachen lassen, oder einem Treibjagen gemeiner Anekdoten zusehen, dazu gehört, wenn man wahrhaft gebildet ist, eine Selbstverleugnung, die auch des Geduldigsten Langmuth erschöpft, oder ein Humor, der nicht zu zerstören ist. Da aber in dieser besten Welt niemand der Nothwendigkeit, die Menschen zu nehmen, wie sie sind, entgehen kann, so dürfte es zur Lebensklugheit gehören, sich mit einer solchen Fassung und humanen Langmuth auszustatten, daß man auch die schwersten Prüfungen dieser Art bestehen könne.

Zur Erwerbung einer solchen Fassung und Langmuth kann eine Anleitung, wie sie Knigge in dem vorliegenden Buche gegeben hat, allerdings etwas beitragen, da sie die Menschen nicht nur in allerlei Gestalten lebendig darstellt, sondern auch lehrt, wie man sie, nach Maßgabe ihres Charakters und ihrer Bildung, zu nehmen und zu behandeln, welche Klippen man im Umgange zu vermeiden, welche Saiten man zu berühren und nicht zu berühren habe, und wie man sich gegen den nachtheiligen Einfluß sichern könne, welchen der Umgang auf Gesinnung, Sitte und Urtheil ausübt, wenn man nicht die Spreu von dem Weizen zu sondern versteht, und sich durch das Ansehen hoher Einsicht und untrüglicher Urtheilskraft, welches die dreisten Tonangeber in der Gesellschaft anzunehmen wissen, täuschen und bethören läßt. Wenn der humoristische Verfasser hie und da seiner Laune zu sehr den Zügel schießen ließ, und sich, um einen witzigen Einfall nicht unterdrücken zu dürfen, eine kleine Uebertreibung oder Entstellung erlaubte; wenn er sich von einem Vorurtheil, welches man seiner Zeit zu Gute halten muß, verleiten ließ, den französischen Gesellschaftston und die geselligen Tugenden der Franzosen, auf Unkosten der Teutschen, zu preisen; so thut dieß im Ganzen dem Werthe dieses Buches keinen Eintrag, da es nicht schwer ist, in diesen Stellen die Uebertreibung zu erkennen und abzusondern; auch hat es sich der Herausgeber angelegen seyn lassen, des Verf. Bemerkungen in dieser Hinsicht zu berichtigen, und sein Urtheil zu mildern.

Einleitung des Verfassers.

1.

Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen Leben Schritte thun, wozu wir den Kopf schütteln müssen.

Wir sehen die feinsten theoretischen Menschenkenner das Opfer des gröbsten Betrugs werden.

Wir sehen die erfahrensten, geschicktesten Männer, bei alltäglichen Vorfällen, unzweckmäßige Mittel wählen; sehen, daß es ihnen mißlingt, auf Andre zu wirken; daß sie, mit allem Uebergewicht der Vernunft, dennoch oft von fremden Thorheiten und Grillen und von dem Eigensinne der Schwächern abhängen; daß sie von schiefen Köpfen, die nicht werth sind, mit ihnen verglichen zu werden, sich müssen regieren und mißhandeln lassen; daß hingegen Schwächlinge und Unmündige an Geist Dinge durchsetzen, die der Weise kaum zu wünschen wagen darf.

Wir sehen manchen Redlichen fast allgemein verkannt.

Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften, wo Aller Augen auf sie gerichtet waren, und jedermann begierig auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen würde, eine untergeordnete Rolle spielen; sehen, wie sie verstummen, oder nur gemeine Dinge sagen, indeß ein andrer, äußerst leerer Mensch die kleine Summe von Begriffen, die er hie und da aufgesammelt hat, so durch einander zu werfen und aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt, und, selbst bei Männern von Kenntnissen, für etwas gilt.

Wir sehen, daß die glänzendsten Schönheiten nicht allenthalben gefallen, indeß Personen, mit weniger äussern Annehmlichkeiten ausgerüstet, allgemein interessiren. —

Kurz, wir werden täglich gewahr, daß die klügsten und gelehrtesten Männer, wenn nicht zuweilen die untüchtigsten zu allen Weltgeschäften, doch wenigstens unglücklich genug sind, durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit zurückgesetzt zu bleiben, und daß die Geistreichsten, von der Natur mit allen innern und äussern Vorzügen beschenkt, oft am wenigsten zu gefallen, zu glänzen verstehen.

Manche Leute glauben, ausgezeichnete Eigenschaften berechtigten sie, die kleinen gesellschaftlichen Schicklichkeiten, die Regeln des Anstandes, der Höflichkeit, oder der Vorsicht zu vernachlässigen — Sie irren sehr. Großer Eigenschaften wegen verzeiht man große Fehler, weil Menschen von feinerm Stoffe heftige Leidenschaften zu haben pflegen. Wo aber keine Leidenschaft im Spiele ist, da soll der bessere Mann auch weiser handeln, als der alltägliche; und es ist nicht weise gehandelt, die unschuldigen Gebräuche der Gesellschaft zu verachten, wenn man in der Gesellschaft leben und wirken will.

Ich rede aber hier nicht von der freiwilligen Verzichtleistung des Weisen auf die Bewunderung des vornehmen und geringen Pöbels. Daß der Mann von bessrer Art da in sich selbst verschlossen schweigt, wo er nicht verstanden wird; daß der Witzige, Geistvolle, in einem Cirkel schaler Köpfe sich nicht so weit herabläßt, den Spaßmacher zu spielen; daß der Mann von einer gewissen Würde im Charakter zu viel Stolz hat, sein ganzes Wesen nach jeder ihm unbedeutenden Gesellschaft umzuformen, die Stimmung anzunehmen, wozu die jungen Laffen seiner Vaterstadt den Ton mit von Reisen gebracht haben; daß es den Jüngling besser kleidet, bescheiden, schüchtern und still, als nach Art der mehrsten unsrer heutigen jungen Leute, vorlaut, selbstgenügsam und plauderhaft zu seyn; daß der edle Mann, je klüger er ist, um desto bescheidner, um desto mißtrauischer gegen seine eignen Kenntnisse und Urtheile, um desto weniger zudringlich seyn wird; oder daß, je mehr innerer, wahrer Verdienste sich jemand bewußt ist, er um desto weniger Kunst anwenden wird, seine vortheilhaften Seiten hervorzukehren, so wie die wahrhafte Schönheit alle kleine anlockende, unwürdige Buhlkünste, wodurch man sich bemerkbar zu machen sucht, verachtet — Das alles ist wohl sehr natürlich! — davon rede ich also nicht.

Auch nicht von der beleidigten Eitelkeit eines Mannes voll Forderungen, der unaufhörlich eingeräuchert, geschmeichelt und vorgezogen zu werden verlangt, und, wo das nicht geschieht, ein finsteres Gesicht macht; nicht von dem gekränkten Hochmuthe eines abgeschmackten Pedanten, der mißlaunig wird, wenn er das Unglück hat, nicht aller Orten für ein großes Licht der Erde bekannt, und als ein solches behandelt zu seyn; wenn nicht Jeder mit seinem Lämpchen herzuläuft, um es an diesem großen Lichte der Aufklärung anzuzünden. Wenn ein steifer Professor, der gewohnt ist, von seinem bestaubten Dreifuße herunter, sein Lehrbuch in der Hand, einem Haufen gaffender, unbärtiger Musensöhne stundenlang hohe Weisheit vorzupredigen, und dann zu sehen, wie sogar seine platten, in jedem halben Jahre wiederholten Späße sorgfältig nachgeschrieben werden; wenn ein Solcher einmal die Residenz, oder irgend eine andere Stadt besucht, und das Unglück nun will, daß man ihn dort kaum dem Namen nach kennt, daß er in einer feinen Gesellschaft von zwanzig Personen gänzlich übersehn, oder von irgend einem Fremden für den Kammerdiener im Hause gehalten und Er genannt wird, wer mögte es ihm verargen, wenn er ergrimmt, und ein verdrossenes Gesicht zeigt; oder wenn ein Stuben-Gelehrter, der ganz fremd in der Welt, ohne Erziehung und ohne Menschenkenntniß ist, sich einmal aus dem Haufen seiner Bücher hervorarbeitet, und dann, äusserst verlegen mit seiner Figur, buntschäckig und altväterisch gekleidet, in seinem, vor dreißig Jahren nach der neuesten Mode verfertigten Bräutigamsrocke, da sitzt, und an nichts von Allem, was gesprochen wird, Antheil nehmen, keinen Faden finden kann, um mit anzuknüpfen: so gehört das alles nicht hieher.

Eben so wenig rede ich von dem groben Cyniker, der alle Regeln verachtet, welche Uebereinkunft und gegenseitige Gefälligkeit den Menschen im bürgerlichen Leben vorgeschrieben haben, noch von dem Kraft-Genie, das sich über Sitte, Anstand und Vernunft hinauszusetzen, einen besondern Freibrief zu haben glaubt.

Und wenn ich sage, daß oft auch die weisesten und klügsten Menschen in der Welt, im Umgange und in Erlangung äusserer Achtung, bürgerlicher und anderer Vortheile, ihres Zwecks verfehlen, ihr Glück nicht machen; so bringe ich hier weder in Anschlag: daß ein widriges Geschick zuweilen den Besten verfolgt, noch daß eine unglückliche leidenschaftliche oder ungesellige Gemüthsart bei Manchem die vorzüglichsten, edelsten Eigenschaften verdunkelt.

Nein! meine Bemerkung trifft Personen, die wahrlich allen guten Willen und treue Rechtschaffenheit mit mannigfaltigen, recht vorzüglichen Eigenschaften und dem eifrigen Bestreben, in der Welt fortzukommen, eignes und fremdes Glück zu bauen, verbinden, und die dennoch mit diesem Allen verkannt, übersehen werden, zu gar nichts gelangen. Woher kömmt das? Was ist es, das Diesen fehlt und Andere haben, die, bei dem Mangel wahrer Vorzüge, alle Stufen menschlicher, irdischer Glückseligkeit ersteigen? — Es fehlt ihnen: die Kunst des Umgangs mit Menschen — eine Kunst, die oft der schwache Kopf, ohne darauf zu studiren, viel besser erlauert, als der verständige, weise, witzreiche; die Kunst, sich geltend zu machen, ohne beneidet zu werden; sich nach den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten, ohne falsch zu seyn; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft stimmen zu können, ohne weder Eigenthümlichkeit des Charakters zu verlieren, noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen. Der, welchen nicht die Natur schon mit dieser glücklichen Anlage hat geboren werden lassen, erwerbe sich Menschenkenntniß, eine gewisse Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, lerne sich zu rechter Zeit verleugnen, erringe Gewalt über heftige Leidenschaften, Wachsamkeit auf sich selber, und Heiterkeit des immer gleich gestimmten Gemüths; und er wird sich jene Kunst zu eigen machen. Doch hüte man sich, sie zu verwechseln mit der schädlichen, niedrigen Gefälligkeit des verworfenen Sclaven, der sich von Jedem mißbrauchen läßt, sich Jedem preisgibt, um eine Mahlzeit zu gewinnen; dem Schurken huldigt, und, um eine Bedienung zu erhalten, zum Unrechte schweigt, zum Betruge die Hände bietet, und die Dummheit vergöttert.

Indem ich aber von jenem esprit de conduite rede, der uns leiten muß, bei unserm Umgange mit Menschen aller Gattung: will ich nicht etwa ein Complimentir-Buch schreiben, sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehn, die ich gesammelt habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren, in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände umhertreiben mußte und oft in der Stille beobachtete. — Kein vollständiges System, aber Bruchstücke, vielleicht nicht zu verwerfende Materialien, Stoff zu weiterm Nachdenken.

2.

In keinem Lande in Europa ist es vielleicht so schwer, im Umgange mit Menschen aus allen Klassen, Gegenden und Ständen, allgemeinen Beifall einzuerndten: in jedem dieser Kreise wie zu Hause zu seyn, ohne Zwang, ohne Falschheit, ohne sich verdächtig zu machen, und ohne selbst dabei zu leiden, auf den Fürsten wie auf den Edelmann und Bürger, auf den Kaufmann wie auf den Geistlichen, nach Gefallen zu wirken, als in unserm teutschen Vaterlande; denn nirgends vielleicht herrscht zu gleicher Zeit eine so große Mannigfaltigkeit des Conversationstons, der Erziehungsart, der Religions- und andrer Meinungen, eine so große Verschiedenheit der Gegenstände, welche die Aufmerksamkeit der einzelnen Volks-Klassen in den einzelnen Provinzen beschäftigen. Dieß rührt her von der Mannigfaltigkeit des Interesse der teutschen Staaten gegen einander und gegen auswärtige, von dem Unterschiede der Verbindungen mit diesem oder jenem auswärtigen Volke, und von dem sehr merklichen Abstande der Klassen in Teutschland von einander, zwischen denen verjährtes Vorurtheil, Erziehung und zum Theil auch Staats-Verfassung eine viel bestimmtere Grenzlinie gezogen haben, als in andern Ländern. Wo hat mehr, als in Teutschland, die Idee von sechszehn Ahnen des Adels wesentlichen moralischen und politischen Einfluß auf Denkungsart und Bildung? Wo greift weniger allgemein, als bei uns, die Kaufmannschaft in die übrigen Klassen ein? Wo macht mehr, als hier, das Corps der Hofleute eine ganz eigne Gattung aus, in welche hinein, so wie zu der Person der mehrsten Fürsten, nur Leute von gewisser Geburt und gewissem Range sich hindrängen können? Wo durchkreuzen sich mehr Arten von Interesse? — Und diese treffen nicht etwa auf irgend einen dem ganzen Volke merkbaren Punkt zusammen, auf allgemeine National-Bedürfnisse, Volks-Angelegenheiten, Vaterlands-Nutzen, wie in England, wo Aufrechthaltung der Constitution, Freiheit und Glück der Nation, Flor des Vaterlandes, der Punkt ist, in welchem sich das Streben, Dichten und Trachten so mancher originellen Charaktere vereinigt, noch wie in fast allen übrigen europäischen Ländern, die entweder unter einem einzigen Oberhaupte stehen, oder durch ein einziges, allen Gliedern wichtiges Interesse beherrscht werden, wie die Schweiz, oder in welchen eine allein herrschende Religion, oder ein tyrannisches Clima, über Denkungsart, Ton und Stimmung allgemein überwiegende Gewalt hat.

Daß im Ganzen unsere teutsche Verfassung, so zusammengesetzt sie auch ist, sehr große, wesentliche Vorzüge gewährt, das leidet keinen Zweifel; allein es ist nicht weniger gewiß, daß dieselbe den mächtigsten Einfluß auf die Verschiedenheit der Stimmung in den einzelnen Provinzen und Staaten und unter den mancherlei von einander abgesonderten Ständen hat. Eben daher kommt es, daß unsre Schauspieler, Schauspiel-Dichter und Romanen-Schreiber ein viel schwereres Studium haben, wenn sie alle diese Nüancen kennen, bearbeiten und dennoch einen Anstrich von originellem National-Charakter wollen durchschimmern lassen; viel schwerer, als in Frankreich, wo die Sitten der verschiednen Stände und einzelnen Provinzen nicht so sehr gegen einander abstechen. Eben daher kömmt es, daß man über wenige unsrer literarischen Produkte ein allgemein einstimmig beifälliges Volks-Urtheil hört, daß überhaupt so wenige unserer Werke wie National-Monumente auf die Nachwelt übergehen, und eben daher endlich kömmt es, daß es so schwer ist, mit Menschen aus allen Ständen und Gegenden in Teutschland umzugehn und bei Allen gleich wohl gelitten zu seyn, auf Alle gleich vortheilhaft zu wirken.

Der treuherzige, naive, zuweilen ein wenig bäurische, materielle Bayer ist äusserst verlegen, wenn er auf alle verbindlichen, artigen Dinge antworten soll, die ihm der feine Ober-Sachse in einem Othem entgegenschickt; dem schwerfälligen Westphälinger ist alles hebräisch, was ihm der Oesterreicher in seiner, ihm gänzlich fremden Mundart vorpoltert; die zuvorkommende Höflichkeit und Geschmeidigkeit des durch französische Nachbarschaft polirten Rheinländers würde man in manchen Städten von Nieder-Sachsen für Zudringlichkeit, für Niederträchtigkeit halten. Man glaubt da, ein Mann, der so äusserst unterthänig und nachgiebig ist, müsse gefährliche oder niedrige Absichten haben, oder müsse falsch, oder sehr arm und hülfsbedürftig seyn; und oft ist dort ein wenig zu weit getriebne äussere Höflichkeit hinlänglich, den Mann, der sich am Rheine dadurch allgemeine Liebe erwerben würde, an der Leine verächtlich zu machen. Dagegen wird aber auch der, nicht kältere, nur weniger leichtsinnige, weniger zuversichtliche, nicht so im Gedränge von Fremden, noch auf Reisen an Leib und Seele abgeschliffene, geglättete, sondern ernsthafte Nieder-Sachse, der bei der ersten Bekanntschaft nicht sehr zuvorkommend, sondern wohl gar ein wenig verlegen ist, an einem Hofe im Reiche vielleicht für einen schüchternen Menschen, ohne Lebensart, ohne Welt, angesehen werden[1].

Sich nun also nach Ort, Zeit und Umständen umzuformen, und von verjährten Gewohnheiten sich loszumachen: das erfordert Studium und Kunst.

In Gegenden, aus welchen weder Unzufriedenheit mit dem Vaterlande, noch Müßiggang, noch Verderbniß der Sitten, noch unbestimmte, rastlose Thätigkeit, noch Anekdoten-Jagd, noch vorwitzige Neugier, die Menschen schaarenweise auswandern macht, und jeden Pinsel zum Reisen treibt, sind die Einwohner mit dem, was es daheim gibt, so herzlich wohl zufrieden, daß sie nichts Größeres kennen, nichts Größeres kennen mögen, als das, was sie in ihrem Vaterlande von Jugend auf betrachtet, schon als Knaben bewundert, oder von ihren Verwandten und Freunden haben stiften, bauen, anlegen gesehn. Ihnen sind die kleinen jährlichen oder andern Feste immer neu, immer gleich glänzend und merkwürdig. — Glückliche Unwissenheit! nicht zu vertauschen mit dem Ekel, welcher den Mann anwandelt, der in seinem Leben so gar viel aller Orten erlebt, erfahren, gesehn, bauen und zerstören gesehn hat, und zuletzt an nichts mehr Freude finden, nichts mehr bewundern kann, alles mit Tadel und Langerweile erblickt! — Doch macht die treue Anhänglichkeit an einheimische Sitten zuweilen ungerecht, ungeschliffen gegen Menschen, die sich durch kleine Verschiedenheiten, wäre es auch nur in Anstand, Kleidung, Ton, Mundart oder Gebehrden, unschuldigerweise auszeichnen.

In freien Städten ist diese Anhänglichkeit an väterliche Sitten, Kleidertrachten u. dgl. sehr auffallend, und hat nicht selten Einfluß auf Regierungs-Verfassung, Religions-Verträglichkeit und andre wichtige und unwichtige Dinge. Ich meine, diese Verschiedenheit der Sitten und der Stimmung in den teutschen Staaten macht es sehr schwer, außer seiner vaterländischen Gegend, in fremden Provinzen, in Gesellschaften zu gefallen, Freundschaften zu stiften, Geschmack am Umgange zu finden, Andre für sich einzunehmen, und auf Andre zu wirken.

Diese Schwierigkeiten werden größer und fühlbarer, und erzeugen eine nicht geringe Verlegenheit, wenn man in Teutschland in Gesellschaften geräth, welche aus Personen von verschiedenen Ständen und Erziehungsweisen zusammengesetzt sind. Dem Teutschen wird es schwer, sich zu einem fremden Gesellschaftston zu erheben oder herabzustimmen; seine Theilnahme wird nicht sogleich rege; er fühlt sich verstimmt, wenn die Form der Unterhaltung von derjenigen, an welche er in seiner Heimath gewöhnt ist, merklich abweicht. Kommt er aus der Provinz in die Hauptstadt, so macht ihn die Neuheit der Form verlegen, ängstlich, schüchtern, und also unbeholfen; ist der Fall umgekehrt, so wird er entweder einsylbig, kaltsinnig und verdrießlich, oder er überläßt sich der Spottlust, und wird ein Friedensstörer. Lebt er auf dem Lande, so fühlt er sich in der Hauptstadt durch die im Umgange herrschende Geschmeidigkeit und Gewandtheit geängstigt, weil er gewohnt ist, sich gehen zu lassen, und auf sein äusseres Wesen wenig Aufmerksamkeit zu wenden, und daher sitzt er stumm und gefühllos da.

Man sehe nur einen ehrlichen Land-Edelmann, aus treuer Lehnspflicht, einmal nach langen Jahren wieder an dem Hofe seines Landesherrn erscheinen! Er hat sich schon früh Morgens auf's beste ausgeschmückt und sich die sonst gewöhnte liebe Pfeife Tabak versagt, um nicht nach Rauch zu riechen. Auf den Gassen der Stadt war es noch öde und still, als er schon in seinem Wirthshause umherwandelte und alles in Bewegung setzte, um ihm beizustehen, bei dem beschwerlichen Geschäfte, sich hofmäßig auszuschmücken. Jetzt ist er endlich fertig; die seidnen Strümpfe ersetzen bei weitem nicht, was die heute zurückgelegten Stiefel ihm sonst gewähren; ihn friert gewaltig an den, ihm nackend scheinenden Beinen. Der modisch zugeschnittene Rock ist in den Schultern nicht so bequem, wie sein treuer, alter, warmer Ueberrock; das Stehn wird ihm unerträglich sauer. — In dieser qualvollen Gemüthsverfassung erscheint er im Vorzimmer. Um ihn her wimmelt ein Haufen Hofschranzen herum, die, obgleich sie sämmtlich vielleicht nicht so viel werth, wie dieser ehrliche, nützliche Mann, und im Grunde ihrer Herzen nicht weniger, als er, von Langerweile geplagt sind, dennoch mit Naserümpfen und Verachtung hier, wo sie in ihrem Elemente zu seyn scheinen, ihn ansehen. Er fühlt jeden Spott, übersieht sie, ist ihnen an gesundem Verstande und Urtheilskraft bei weitem überlegen, und muß sich dennoch von ihnen demüthigen lassen. Sie nähern sich ihm, thun mit zerstreuter, wichtiger Miene einige Fragen an ihn; Fragen, an denen das Herz keinen Antheil nimmt, und worauf sie auch die Antwort nicht abwarten. Er glaubt Einen unter ihnen zu entdecken, der ihm theilnehmender scheint, als die Uebrigen; mit diesem fängt er ein Gespräch von Dingen an, die ihm, vielleicht auch dem Vaterlande, wichtig sind: von dem Wohlstande, den eigenthümlichen Vorzügen, den Naturschönheiten der Provinz, in welcher er lebt; er redet mit Wärme; Redlichkeit athmet alles, was er sagt — aber bald sieht er, wie sehr er sich in seiner Hoffnung getäuscht hat. Das Männchen hört ihm mit halbem Ohre zu, erwiedert irgend ein Paar unbedeutende Sylben zur Antwort, und läßt dann den braven Hausvater ohne Unterhaltung da stehen. Nun nähert er sich einem Cirkel von Leuten, die mit Interesse und Lebhaftigkeit zu reden scheinen. An diesem Gespräche wünscht er Theil zu nehmen; aber alles, was er hört, Gegenstand, Sprache, Ausdruck, Wendung, alles ist ihm fremd. In halb teutschen, halb französischen Redensarten wird hier eine Sache abgehandelt, auf welche er nie seine Aufmerksamkeit gerichtet, von welcher er nie geglaubt hat, daß es möglich wäre, teutsche Männer könnten sich damit beschäftigen. Seine Verlegenheit, seine Ungeduld steigt mit jedem Augenblicke, bis er endlich das verwünschte Schloß weit hinter sich sieht.

Und nun, den Fall umgekehrt, lasse man einen sonst edlen Hofmann einmal hinaus auf das Land in die Gesellschaft biederer Beamten und Provinzial-Edelleute gerathen; — hier herrschen ungezwungene Fröhlichkeit, Offenherzigkeit, Freiheit; man redet von dem, was am nächsten den Landmann angeht; man wiegt die Worte nicht ab; der Scherz ist kunstlos, treffend, gewürzt, aber nicht zugespitzt, nicht witzig und gesucht. Unser Hofmann versucht es, sich in diese Manier hineinzuarbeiten: er mischt sich in die Gespräche; aber der Ausdruck der Offenheit und Treuherzigkeit fehlt. Was bei Jenen naiv war, wird bei ihm beleidigend. Er fühlt dieß, und will die Leute in seinen Ton stimmen. In der Stadt gilt er für einen angenehmen Gesellschafter: er spannt alle Segel auf, um auch hier zu glänzen; allein die kleinen Anekdoten, die feinen Züge, worauf er anspielt, sind hier gänzlich unbekannt, gehen verloren. Man findet ihn spottsüchtig, da in der Stadt niemand ihn einer solchen Gesinnung beschuldiget. Seine Höflichkeitsworte, die er wahrlich gut meint, hält man für Falschheit; die Süßigkeiten, die er den Frauenzimmern sagt, und die nur höflich und verbindlich seyn sollen, betrachtet man als hämischen Spott. — So groß ist die Verschiedenheit des Tons unter zweierlei Klassen von Menschen! —

Ein Professor, der in der literarischen Welt eine nicht gemeine Rolle spielt, meint, in seiner gelehrten Einfalt, die Universität, auf welcher er lebt, sey der Mittelpunkt alles Lebens und aller Wirksamkeit im Staate, und das Fach, in welchem er sich Kenntnisse erworben, die einzige, dem Menschen nützliche, der Anstrengung, des Nachforschens und Studiums würdige Wissenschaft. Er nennt Jeden, der sich darauf nicht gelegt hat, verächtlicherweise einen Schöngeist. Eine Dame, die bei ihrer Durchreise den berühmten Mann kennen zu lernen wünscht, und ihn desfalls besucht, unterhält er in einer Sprache und über Gegenstände, wovon sie nicht ein Wort versteht; er unterhält die Gesellschaft, welche sich darauf gefreuet hatte, ihn recht zu genießen, bei der Abendtafel, mit Zergliederung des neuen akademischen Credit-Edikts, oder, wenn der Wein dem guten Manne jovialische Laune gibt, mit Erzählung lustiger Schwänke aus seinen Studenten-Jahren.

In welcher Verlegenheit ist zuweilen ein Mann, der nicht viel Journale und neuere Modeschriften liest, wenn er in eine Gesellschaft von schöngeisterischen Herren und Damen geräth.

Gleichsam wie verrathen und verkauft scheint ein sogenannter Profaner, wenn er sich unter einem Haufen Mitglieder einer geheimen Verbindung befindet, oder wenn er in eine Gesellschaft geräth, welche aus lauter wissenschaftlich gebildeten Personen zusammengesetzt ist.

Freilich kann nichts ungesitteter, den wahren Begriffen einer feinen Lebensart mehr entgegen seyn, als wenn eine Anzahl Menschen, die sich auf diese Art unter einander verstehen, einem Fremden, der gutmüthig unter sie tritt, um an den Freuden der Geselligkeit Theil zu nehmen, durch ununterbrochene Lenkung des Gesprächs auf Gegenstände, wovon Dieser gar nichts versteht, jeden Genuß der Unterredung raubt. Auf diese Art habe ich zuweilen in meiner ersten Jugend in Familien-Cirkeln, wo die Unterhaltung beständig mit Anspielungen auf mir gänzlich unbekannte Anekdoten durchflochten, und durch gewisse mir fremde Redensarten und Bonmots, womit ich gar keinen Begriff verbinden konnte, gewürzt war, tödtende Langeweile gehabt. Man sollte wohl mehr Rücksicht nehmen: allein selten sind ganze Gesellschaften so billig, sich nach Einzelnen zu richten; auch läßt sich das nicht immer mit Recht fordern; folglich ist es wichtig für Jeden, der in der Welt mit Menschen leben will, die Kunst zu studiren, sich nach Sitten, Ton und Stimmung Anderer zu fügen.

3.

Ueber diese Kunst will ich etwas sagen. — Aber habe ich denn auch wohl Beruf, ein Buch über den feinen Gesellschaftston zu schreiben, ich, der ich in meinem Leben vielleicht sehr wenig von diesem Ton gezeigt habe? Ziemt es mir, Menschenkenntniß auszukramen, da ich so oft ein Opfer der unvorsichtigsten, einem Neulinge kaum zu verzeihenden Hingebung gewesen bin? Wird man die Kunst des Umgangs von einem Manne lernen wollen, der beinahe von allem menschlichen Umgange abgesondert lebt? — Lasset doch sehn, meine Freunde, was sich darauf antworten läßt!

Habe ich widrige Erfahrungen gemacht, die mich von meiner eigenen Ungeschicklichkeit überzeugt haben — desto besser! Wer kann so gut vor der Gefahr warnen, als Der, welcher darinn gesteckt hat? Haben Temperament und Weichlichkeit — oder darf ich es nicht Güte eines so gern sich anschließenden Herzens nennen? — haben Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft, nach Gelegenheit, Andern zu dienen, und sympathetische Empfindungen zu erregen, mich oft unvorsichtig handeln gemacht, oft die klügelnde Vernunft weit zurückgelassen; so war es wahrlich nicht Blödsinnigkeit, Kurzsichtigkeit, Unbekanntschaft mit Menschen, was mich irre leitete; sondern Bedürfniß zu lieben und geliebt zu werden, Verlangen thätig zu seyn, zum Guten zu wirken. Uebrigens werden vielleicht wenig Menschen in einem so kurzen Zeitraume in so manche sonderbare Verhältnisse und Verbindungen mit andern Menschen aller Art gerathen, wie ich, seit ungefähr zwanzig Jahren; und da hat man denn schon Gelegenheit, wenn man nicht ganz von der Natur und Erziehung verwahrloset ist, Bemerkungen zu machen, und vor Gefahren zu warnen, die man selbst nicht hat vermeiden können. Daß ich aber jetzt einsam und abgezogen lebe, geschieht weder aus Menschenhaß, noch Blödigkeit; ich habe sehr wichtige Gründe dazu; allein diese hier weitläuftig zu entwickeln, das hieße zu viel von mir selbst reden, da ich ohnehin noch, zum Schlusse dieser Einleitung, etwas über meine eignen Erfahrungen werde sagen müssen, bevor ich zum Zwecke komme. — Also nur noch dieses:

4.

Ich trat als ein sehr junger Mensch, beinahe noch als ein Kind, schon in die große Welt, und auf den Schauplatz des Hofes. Mein Temperament war lebhaft, unruhig, bewegsam, mein Blut warm; die Keime zu mancher heftigen Leidenschaft lagen in mir verborgen. Ich war in der ersten Erziehung ein wenig verzärtelt, und durch große Aufmerksamkeit, deren man meine kleine Person früh gewürdigt hatte, gewöhnt worden, sehr viel Rücksichten von andern Leuten zu fordern. In einem Vaterlande aufgewachsen, wo Schmeichelei, Verstellung und ein gewisses kriechendes Wesen nicht sehr zu Hause sind, hatte man mich freilich auch nicht zu jener Geschmeidigkeit vorbereitet, deren ich bedurfte, um, unter mir ganz fremden Leuten, in despotischen Staaten große Fortschritte zu machen; auch ist der theoretische Unterricht in wahrer Weltklugheit bei der Jugend theils selten mit Erfolge, theils nicht immer ohne Gefahr zu ertheilen; eigne Erfahrung muß da in der Folge das Beste thun. Diese Lectionen, wenn man das Glück hat, wohlfeil daran zu kommen, sind von der heilsamsten Wirkung, und prägen sich tief ein. Noch erinnere ich mich einer kleinen Scene von der Art, die mich auf eine Zeitlang vorsichtig machte. Ich saß in C*** in der italiänischen Oper in der herrschaftlichen Loge; ich war früher, als der Hof, gekommen, weil ich Mittags nicht auf dem Schlosse, sondern in der Stadt als Gast gespeist hatte. Noch waren wenige Menschen da; in der ganzen Reihe des ersten Ranges saß nur einzig der Land-Commandeur, Graf I***, ein würdiger Greis. Er hatte, wie es schien, auch darauf gerechnet, daß es schon später wäre, als es wirklich war; weil er nun Langeweile hatte, und mich gleichfalls einsam da sitzen sah, trat er zu mir herein, und fing eine Unterredung mit mir an. Er schien sehr zufrieden mit dem, was ich ihm über verschiedene Gegenstände, von denen ich einige Kenntniß besaß, sagte; der Greis wurde immer freundlicher und herablassender, und dieß kitzelte mich so sehr, daß ich darauf allerlei Seitensprünge in meinem Gespräche machte, und zuletzt ein wenig vorwitzig und muthwillig wurde. Endlich entwischte mir eine, mir gegenwärtig nicht mehr erinnerliche, grobe Unvorsichtigkeit im Reden; der Graf sah mir ernsthaft in das Gesicht, und ohne weiter ein Wort zu verlieren, ließ er mich stehn, und ging zurück in seine Loge. Ich fühlte die ganze Stärke dieses Verweises, aber die Arzenei half nicht lange. Meine Lebhaftigkeit verleitete mich zu großen Verletzungen der Bescheidenheit und guten Sitte; ich übereilte alles, that immer zu viel oder zu wenig, kam stets zu früh oder zu spät, weil ich immer entweder eine Thorheit beging, oder eine andere gutzumachen hatte. Daher kamen unendliche Widersprüche in meinen Handlungen, und ich verfehlte fast bei allen Gelegenheiten des Zwecks, weil ich keinen einfachen Plan verfolgte. Zuerst war ich zu sorglos, zu offen, gab mich zu unvorsichtig hin, und schadete mir dadurch; alsdann nahm ich mir vor, ein feiner Hofmann zu werden. Mein Betragen wurde gekünstelt, und nun traueten mir die Bessern nicht; ich war zu geschmeidig, und verlor dadurch äussere Achtung und innere Würde, Selbstständigkeit und Festigkeit. Erbittert gegen mich und Andre, riß ich mich dann los, und wurde ein Sonderling. Dieß erregte Aufsehn; die Menschen suchten mich auf, wie sie alles Sonderbare aufsuchen. Dadurch aber erwachte mein Trieb zur Geselligkeit wieder; ich näherte mich auf's neue, lenkte wieder ein, und nun verschwand der Nimbus, den nur meine Abgezogenheit von der Welt um mich her gezogen hatte. In einer andern Periode spottete ich der herrschenden Thorheiten, zuweilen nicht ohne Witz; man fürchtete mich, aber man liebte mich nicht; dieß schmerzte mich; um das wieder gut zu machen, zeigte ich mich von der unschädlichen Seite, entfaltete ein liebevolles, wohlwollendes Herz, unfähig zu schaden und zu verfolgen — und die Wirkung davon war, daß jedermann, der noch einen Rest von Groll gegen mich hegte, oder irgend einen lustigen Einfall von mir, auf seine Rechnung geschrieben hatte, mich jetzt mit einer Art von Geringschätzung behandelte, sobald er sah, daß ich nur mit Rappieren und nicht mit Schwerdtern focht, daß meine Waffen nicht zum Morde geschliffen waren. Oder wenn meine satyrische Laune durch den Beifall lustiger Gesellschafter aufgeweckt wurde, hechelte ich große und kleine Thoren durch; die Spaßvögel lachten dann; aber die Weisern schüttelten die Köpfe, und wurden kalt gegen mich. Um zu zeigen, wie wenig bösartig meine Laune wäre, hörte ich auf, zu spotten, und fing an, alle Thorheiten und Fehler gutmüthig zu entschuldigen; und nun hielten Einige mich für einen Pinsel, Andre für einen Heuchler. Wählte ich mir meinen Umgang unter den ausgesuchtesten, aufgeklärtesten Männern, so erwartete ich vergebens Schutz von dem am Ruder stehenden Dummkopfe; gab ich mich elenden Leuten preis, so wurde ich mit diesen in Eine Klasse gesetzt. Menschen ohne Erziehung, von niederm Stande, mißbrauchten mich, wenn ich mich ihnen zu sehr näherte; mit Vornehmern verdarb ich es, sobald sie meine Eitelkeit beleidigten. Bald ließ ich den Geistesarmen zu sehr meine Ueberlegenheit empfinden, und wurde verfolgt; bald war ich zu bescheiden, und wurde übersehen. Bald richtete ich mich geschmeidig und schonend nach den Sitten der Leute, nach dem Ton aller unbedeutenden Gesellschaften, in welche ich gerieth, verlor goldne Zeit, Achtung der Weisern, und Zufriedenheit mit mir selber; dann wurde ich wieder zu einfach, und spielte eine verkehrte Rolle, da, wo ich hätte glänzen oder wenigstens mich geltend machen können und sollen, durch Mangel an Zuversicht zu mir selber. Zu einer Zeit ging ich zu wenig unter Menschen, indem ich mich meiner Laune hingab, und man hielt mich für stolz oder menschenscheu; zu einer andern zeigte ich mich überall, und wurde als ein Alltagsgesicht übersehen oder belächelt. In den ersten Jünglingsjahren gab ich mich unbedachtsam, Jedem ausschließlich, mit vollem Vertrauen, und ohne alle Vorsicht hin, der sich meinen Freund nannte, und mir einige Zuneigung bewies; und sahe mich schmerzlich getäuscht, oder schändlich betrogen und gemißbraucht; dann war ich wieder, in einem Anfall von Menschenliebe und Wohlwollen, eines Jeden Freund, bereit, Jedem zu dienen, und nun mußte ich mit Verdruß erfahren, daß sich niemand mit ganzer Seele an mich anschloß, weil niemand mit dem kleinen, in so viel Partikeln getheilten Stückchen Herzen vorlieb nehmen wollte. Wenn ich zu viel erwartete, wurde ich getäuscht; wenn ich ohne allen Glauben an Treue und Redlichkeit unter den Menschen umher irrte, hatte ich gar keinen Genuß, nahm an gar nichts Theil. Es ist bekannt, welchen thätigen Antheil ich an der Verbindung der sogenannten Illuminaten genommen, wovon ich in einer eignen Schrift (Philo's Erklärung &c. ) Rechenschaft gegeben habe. Diese Verbindung, an deren Spitze Personen standen, die zum Theil, ihrer Geburt, ihren bürgerlichen Verhältnissen und ihren Talenten nach, zu den wichtigsten Männern in Teutschland gehörten, machte vorzüglich auch Menschenkenntniß zu einem Gegenstande ihrer Nachforschungen. Der, durch dessen Hände, wie das bei mir eine Zeitlang der Fall war, fast alle Geschäfte einer so ausgebreiteten Gesellschaft gingen, fand freilich Gelegenheit genug, Leute aus allen Ständen und von sehr verschiedener Bildung und Stimmung, welche Mitglieder des Ordens waren, von mancher Seite und in allerlei Lagen kennen zu lernen; allein da man mit diesen Leuten größtentheils nur schriftlichen Umgang pflog, so gewann im Ganzen meine praktische Erfahrung nicht so viel dabei. Reichhaltiger war die Ausbeute, die ich an Höfen, an welchen ich mich vielfältig umhertrieb, gemacht habe. Soll ich es mir aber zur Schande, oder zur Ehre rechnen? — genug! auch auf diesem Schauplatze habe ich mehr beobachtet, als meine Beobachtungen zu eignem Vortheile nützen gelernt, und nie habe ich über mein zu lebhaftes Temperament so viel gewinnen können, daß ich meine schwachen Seiten so sorgfältig, wie ich thun sollen, verborgen hätte. — Und so vergingen dann die Jahre, in welchen ich hätte mein Glück machen können, wie man das gewöhnlich nennt. Jetzt, da ich die Menschen besser kenne, da Erfahrung mir die Augen geöffnet, mich vorsichtig gemacht, und vielleicht die Kunst gelehrt hat, auf Andre zu wirken; jetzt ist es zu spät für mich, von dieser so theuer erkauften Kunst Gebrauch zu machen. Mein Rücken krümmt sich mit Mühe zu Reverenzen; ich habe nicht viel unnütze Zeit mehr zu verschwenden, die ich preisgeben könnte; das Wenige, was ich noch in dem Reste meines Lebens auf solchen Wegen erlangen könnte, lohnt die Mühe und Anstrengung nicht, die mich das kosten würde, und es ziemt dem Mann, dessen Grundsätze Alter und Erfahrung befestigt haben, eben so wenig, jetzt erst anzufangen, den Geschmeidigen, wie den Stutzer zu spielen. — Es ist zu spät, sage ich, mit der Ausübung anzuheben; aber nicht zu spät, Jünglingen zu zeigen, welchen Weg sie wandeln müssen — und so lasset uns denn den Versuch machen und der Sache näher rücken!

Erstes Kapitel. Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang mit Menschen.

1.

Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als er sich selbst gelten macht. Das ist ein goldner Spruch, ein reiches Thema zu einem Folianten, über den esprit de conduite und über die Mittel, in der Welt seinen Zweck zu erlangen; ein Satz, dessen Wahrheit auf die Erfahrung aller Zeitalter gestützt ist. Diese Erfahrung lehrt den Abentheurer und Großsprecher, sich bei dem Haufen für einen Mann von Wichtigkeit auszugeben, von seinen Verbindungen mit Fürsten und Staatsmännern, mit Männern, welche nicht einmal von seinem Daseyn etwas wissen, in einem Tone zu reden, der ihm, wo nichts mehr, doch wenigstens manche freie Mahlzeit, und den Zutritt in den ersten Häusern erwirbt. Ich habe einen Menschen gekannt, der auf diese Art von seiner Vertraulichkeit mit dem Kaiser Joseph und dem Fürsten Kaunitz redete, obgleich ich ganz gewiß wußte, daß diese ihn kaum dem Namen nach, und zwar als einen unruhigen Kopf und als eine Lästerzunge kannten. Indessen hatte er hiedurch, da niemand genauer nachfragte, sich auf eine kurze Zeit in solches Ansehn gesetzt, daß Leute, die bei des Kaisers Majestät etwas zu suchen hatten, sich an ihn wendeten. Dann schrieb er auf so unverschämte Art an irgend einen Großen in Wien, und sprach in diesem Briefe von seinen übrigen vornehmen Freunden daselbst mit einer solchen Dreistigkeit, daß er, zwar nicht Erlangung seines Zwecks, aber doch manche höfliche Antwort erschlich, mit welcher er dann weiter wucherte.

Diese Erfahrung, daß es möglich ist, durch den Ton der Zuversicht und durch eine vornehme Miene sich Gehör zu verschaffen, macht den frechen Halbgelehrten so dreist, über Dinge zu entscheiden, wovon er nicht früher, als eine Stunde vorher, das erste Wort gelesen oder gehört hat, aber so zu entscheiden, daß selbst der anwesende bescheidene Literator es nicht wagt, zu widersprechen, noch Fragen zu thun, die des Schwätzers Fahrzeug auf's Trockene werfen könnten.

Diese Erfahrung ist es, welche uns Aufschluß über den Erfolg gibt, mit welchem ein Dummkopf sich um die ersten Stellen im Staate bewirbt, die verdienstvollsten Männer zu Boden tritt, und niemand findet, der ihn in seine Schranken zurückwiese.

Auf diese Erfahrung gestützt, fordert der fremde Künstler hundert Louisd'or für ein Stück, das der einheimische, zehnfach besser gearbeitet, um funfzig Thaler verkaufen würde; allein man reißt sich um des Ausländers Werke: er kann nicht so viel fertig machen, als von ihm gefordert wird, und am Ende läßt er bei dem Einheimischen arbeiten, und verkauft das für ultramontanische Waare.

Auf diese Erfahrung gestützt, erschleicht sich der Schriftsteller eine vortheilhafte Recension, wenn er in der Vorrede zu dem zweiten Theile seines langweiligen Buchs mit der schamlosesten Frechheit von dem Beifalle redet, womit Kenner und Gelehrte, deren Freundschaft er sich rühmt, den ersten Theil beehrt haben.

Diese Erfahrung gibt dem vornehmen Bankerottirer, der Geld borgen will und nie wieder bezahlen kann, den Muth, das Anlehn in solchen Ausdrücken zu fordern, daß der reiche Wuchrer es für Ehre hält, sich von ihm betrügen zu lassen.

Fast alle Arten von Bitten um Schutz und Beförderung, die in diesem Tone vorgetragen werden, finden Eingang, und werden nicht abgeschlagen; dahingegen Verachtung, Zurücksetzung und nicht erfüllte billige Wünsche fast immer der Preis des bescheidenen, furchtsamen Bewerbers sind.

Kurz! der Satz: daß jedermann nicht mehr und nicht weniger gelte, als er sich selbst gelten macht, ist die große Panacee für Abentheurer, Prahler, Windbeutel und seichte Köpfe, um fortzukommen auf diesem Erdballe — ich gebe also keinen Kirschkern für dieses Universalmittel — Doch still! sollte denn jener Satz uns gar nichts werth seyn? Ja, meine Freunde! er kann uns lehren, nie ohne Noth und Beruf unsre ökonomischen, physikalischen, moralischen und intellectuellen Schwächen aufzudecken. Ohne also sich zur Prahlerei und zu niederträchtigen Lügen herabzulassen, soll man doch nicht die Gelegenheit verabsäumen, sich von seinen vortheilhaften Seiten zu zeigen.

Es gibt eine falsche Bescheidenheit und Zurückhaltung, die in einem kleinmüthigen Mißtrauen gegen sich selbst ihren Grund hat, und die Furcht erzeugt; von dieser gefesselt, läßt Mancher, der viel zu leisten vermag, die günstigste Gelegenheit, sich geltend zu machen, oder die Aufmerksamkeit der Vielvermögenden auf sich zu lenken, ungenutzt vorübergehen; eine Gelegenheit, die nimmer wiederkommt. Daß man hiebei mit Bescheidenheit zu Werke gehen, nichts zur Schau tragen, nicht sein eigner Lobredner seyn müsse, darf nicht erinnert werden, denn es bleibt dabei, daß der, welcher sich selbst erhöht, erniedrigt werde. Auszeichnung läßt sich nicht ertrotzen, und die ertrotzte würde nicht frommen. Hängt man ein gar zu glänzendes Schild aus, so erweckt man dadurch die spähende und lästernde Eifersucht, oder reizt zu den strengsten ungerechtesten Forderungen. Die Splitterrichter erheben kreischend ihre Stimme; und so ist es sogleich um den erborgten Glanz geschehn. Zeige Dich also mit einem gewissen bescheidnen Bewußtseyn innerer Würde, und vor allen Dingen mit dem auf Deiner Stirne strahlenden Bewußtseyn der Wahrheit und Redlichkeit! Zeige Vernunft und Kenntnisse, wo Du Veranlassung dazu hast! Nicht so viel, um Neid zu erregen und Forderungen anzukündigen; nicht so wenig, um übersehn und überschrien zu werden! Laß Dich aufsuchen, und sey nicht zu bereitwillig, ohne daß man Dich weder für einen Sonderling, noch für scheu, noch für hochmüthig halte!

2.

Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine der Vollkommenheit und Unfehlbarkeit. Die Menschen beurtheilen und richten Dich nach dem Maaßstabe Deiner Forderungen, und sie sind noch billig, wenn sie nur das thun, wenn sie Dir nicht Forderungen aufbürden. Dann heißt es, wenn Du auch nur des kleinsten Fehlers Dich schuldig machst: »Einem solchen Manne ist das gar nicht zu verzeihn;« und da die Schwachen sich ohnehin ein Fest daraus machen, an einem Menschen, der sie verdunkelt, Mängel zu entdecken, so wird Dir ein einziger Fehltritt höher angerechnet, als Andern ein ganzes Register von Bosheiten und Pinseleien.

3.

Sey aber nicht gar zu sehr ein Sclave der Meinungen Andrer von Dir! Sey selbstständig! Was kümmert Dich am Ende das Urtheil der ganzen Welt, wenn Du thust, was Du sollst? und was ist Dein ganzer Prunk von äussern Tugenden werth, wenn Du diesen Flitterputz nur über ein schwaches, niedriges Herz hängst, um in Gesellschaften damit zu prunken?

4.

Vor allen Dingen wache über Dich, daß Du nie die innere Zuversicht zu Dir selber, das Vertrauen auf Gott, auf gute Menschen und auf das Schicksal verlierest! Sobald Dein Gefährte oder Gehülfe auf Deiner Stirne Mißmuth und Verzweiflung liest — so ist alles aus. Sehr oft aber ist man im Unglück ungerecht gegen die Menschen. Jede kleine böse Laune, jede kleine Miene von Kälte deutet man auf sich; man meint, Jeder sehe es uns an, daß wir leiden, und weiche vor der Bitte zurück, die wir ihm thun könnten.

5.

Schreibe aber auch nicht auf Deine Rechnung das, wovon Andern das Verdienst gebührt! Wenn man Dir, aus Achtung gegen einen edlen Mann, dem Du angehörst, Auszeichnung oder Höflichkeit beweist, so brüste Dich damit nicht, sondern sey bescheiden genug, zu fühlen, daß dieß alles vielleicht wegfallen würde, wenn Du einzeln aufträtest! Suche aber selbst zu verdienen, daß man Dich um Deinetwillen ehre! Sey lieber das kleinste Lämpchen, das einen dunklen Winkel mit eignem Lichte erleuchtet, als ein großer Mond einer fremden Sonne, oder gar Trabant eines Planeten!

6.

Fehlt Dir etwas; hast Du Kummer, Unglück; leidest Du Mangel; reichen Vernunft, Grundsätze und guter Wille nicht zu: so klage Dein Leid, Deine Schwäche, Deine kleinmüthigen Besorgnisse niemand, als dem, der helfen kann, selbst Deinem treuen Weibe kaum! Wenige helfen tragen; fast Alle erschweren die Bürde; ja! sehr Viele treten einen Schritt zurück, sobald sie sehen, daß Dich das Glück nicht anlächelt. Sobald sie aber gar annehmen, daß Du ganz ohne Hülfsquellen bist, daß Du keinen geheimen Schutz hast, niemand, der sich Deiner annimmt — o! so rechne auf Keinen mehr! Wer hat den Muth, und die Liebe, einzig und fest als die Stütze des von aller Welt Verlassenen öffentlich aufzutreten? Wer hat den Muth zu sagen: »Ich kenne den Mann; er ist mein Freund; er ist mehr werth, als Ihr alle, die ihr ihn schmähet!« Und fändest Du ja einen Solchen, so würde es doch nur etwa ein anderer armer Tropf seyn, der selbst in elenden Umständen, aus Verzweiflung sein Schicksal an das Deinige knüpfen wollte, dessen Schutz Dir mehr schädlich, als nützlich wäre.

7.

Rühme aber auch nicht zu laut Deine glückliche Lage! krame nicht zu glänzend Deine Pracht, Deinen Reichthum, Deine Talente aus! Die Menschen vertragen selten ein solches Uebergewicht, ohne Murren und Neid. Lege daher auch Andern keine zu große Verbindlichkeit auf! Thue nicht zu viel für Deine Mitmenschen! Sie fliehen den überschwenglichen Wohlthäter, wie man einen Gläubiger flieht, den man nie bezahlen kann. Also hüte Dich, zu groß zu werden in Deiner Brüder Augen! auch fordert dann Jeder zu viel von Dir, und eine einzige abgeschlagene Wohlthat macht tausend wirklich erzeigte in Einem Augenblicke vergessen. Oder wäre nicht Undank der Welt Lohn? Du wirst Ausnahmen erleben, aber rechne nur nicht auf diese, sondern sey auf das gefaßt, was die tägliche Erfahrung bringt.

8.

Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern! Man höret Dir wohl zu, besonders wenn Du Deine Darstellungen mit Witz zu würzen weißt, aber man hasset Dich gleichwohl. Dagegen wie edel ist es, da zu schweigen, wo alle Lippen in Bewegung sind, zu lästern, zu verkleinern, und herabzuwürdigen. O daß Du zu diesen Edlen gehören möchtest, ob auch die Welt sie nicht zu schätzen und zu ehren weiß!

9.

Suche weniger selbst zu glänzen, als Andern Gelegenheit zu geben, sich von vortheilhaften Seiten zu zeigen, wenn Du gelobt werden und gefallen willst. Wenige Menschen vertragen ein Uebergewicht von Andern. Lieber verzeihen sie uns eine zweideutige Handlung, ja! ein Verbrechen, als eine That, durch welche wir sie verdunkeln. Doch, wenn Du fern von ihnen, ausser ihrem Wirkungskreise stehst und ihnen nirgend in den Weg treten kannst; dann vielleicht lassen sie Dir Gerechtigkeit widerfahren. Auch im bloß geselligen Umgange soll man sich hüten, hervorstechen zu wollen. Ich habe den Ruf eines vernünftigen und witzigen Mannes aus mancher Gesellschaft mitgenommen, in welcher wahrlich kein kluges Wort aus meinem Munde gegangen war, und in welcher ich nichts gethan hatte, als mit musterhafter Geduld vornehmen und halbgelehrten Unsinn anzuhören, oder hie und da einen Mann auf ein Fach zu bringen, wovon er gern redet. Wie mancher besucht mich, mit der demüthigen Ankündigung: (wobei ich mich oft nicht des Lachens erwehren kann) er komme, um mir, als einem gewaltigen Gelehrten und Schriftsteller, seine Ehrerbietung zu bezeigen! Der Mann setzt sich dann hin und fängt an zu reden, läßt mich, den er bewundern will, gar nicht zu Worte kommen, und geht, entzückt über meine lehrreiche und angenehme Unterhaltung, zu welcher ich nicht zwanzig Worte geliefert habe, von mir, höchst vergnügt, daß ich Verstand genug gehabt habe — ihm zuzuhören. Habe Geduld mit allen Schwächen dieser Art! Wenn daher auch jemand ein Geschichtchen, oder sonst etwas vorbringt, das er gern erzählt, und Du hättest es auch schon mehr gehört, und es wäre vielleicht ein Märchen, das Du selbst ihm einst mitgetheilt hättest; so laß es ihm doch nicht auf unangenehme Weise merken, daß die Sache Dir alt und langweilig ist, wenn die Person anders Schonung verdient! Was kann unschuldiger seyn, als solche Ausleerungen zu befördern, wenn man dadurch Andern Erleichterung, und sich einen guten Ruf verschafft? Und wenn die Leute unschuldige Liebhabereien haben, z. B. gern von Pferden reden, es gern sehen, daß man eine Pfeife Tabak mit ihnen rauche, ein Glas Wein mit ihnen trinke; so erzeige man ihnen diese kleine Gefälligkeit, wenn es ohne große Ungemächlichkeit und ohne kriechende Demuth geschehen kann! Desfalls habe ich nie die Gewohnheit der Hofleute von gemeinerm Schlage gut finden können, die jedermann nur mit halbem Ohre und zerstreueter Miene anhören, ja! gar mitten in einer Rede, die sie veranlaßt haben, einfallen, ohne das Ende abzuwarten.

10.

Gegenwart des Geistes ist ein seltnes Geschenk des Himmels, und macht, daß wir im Umgange in sehr vortheilhaftem Lichte erscheinen. Dieser Vorzug nun läßt sich freilich nicht durch Kunst erlangen; allein man kann an sich arbeiten, daß, wenn er uns fehlet, wir wenigstens nicht durch Uebereilung uns und Andre in Verlegenheit setzen. Sehr lebhafte Temperamente haben hierauf vorzüglich zu achten. Ich rathe daher, wenn eine unerwartete Frage, ein ungewöhnlicher Gegenstand, oder irgend etwas anders uns überrascht, nur eine Minute still zu schweigen und der Ueberlegung Zeit zu lassen, uns zu der Parthei vorzubereiten, die wir nehmen sollen. So wie ein einziges rasches, unvorsichtiges Wort, oder ein in der Verwirrung unternommener Schritt zu späte Reue und unglückliche Folgen wirken können; so kann ein schnell auf der Stelle gefaßter und ausgeführter rascher Entschluß, in entscheidenden Augenblicken, in welchen man so leicht den Kopf verliert, Glück, Rettung und Trost bringen.

11.

Wünschest Du zeitliche Vortheile, Unterstützung, Versorgung im bürgerlichen Leben; mögtest Du in einer Bedienung angestellt werden, in welcher Du Deinem Vaterlande nützlich seyn könntest: so mußt Du darum bitten, ja! nicht selten betteln, d. h. Du mußt es Dir gefallen lassen, in einem solchen Tone und mit einer solchen Andringlichkeit zu bitten, als ob Dir das, was Du leisten kannst, gar keine Ansprüche auf das Erbetene gäbe. Rechne nicht darauf, daß die Menschen, sie müßten denn Deiner ganz nothwendig bedürfen, Dir etwas anbieten, oder sich ungebeten für Dich verwenden werden, wenn auch Deine Verdienste oder Leistungen noch so laut für Dich reden, und jedermann weiß, daß Du Unterstützung bedarfst und verdienst! Jeder sorgt für sich und die Seinigen, ohne sich um den bescheidnen Mann zu bekümmern, der indeß nach Gemächlichkeit in seinem Winkelchen seine Talente vergraben, oder gar verhungern kann. Darum bleibt so mancher Verdienstvolle bis an seinen Tod unerkannt, ausser Stand gesetzt, seinen Mitmenschen nützlich zu werden — weil er nicht betteln, nicht kriechen kann, oder weil er, in einem falschen Selbstgefühl, jede Bitte um das, worauf er gerechte Ansprüche hat, unter seiner Würde hält. Warum wolltest Du ein Märtyrer dieses Selbstgefühls werden, oder es zu einem Wurm machen, der unaufhaltsam Deine Lebenskraft zernagt? Suchet, so werdet ihr finden!

12.

So wenig wie möglich lasset uns indessen von Andern Wohlthaten fordern und annehmen! Man trifft gar selten Leute an, die nicht früh oder spät für kleine Dienste große Rücksichten forderten, und das hebt dann das Gleichgewicht im Umgange auf, raubt Freiheit, hindert uneingeschränkte Wahl, und wenn auch unter zehnmal nicht einmal der Fall einträte, daß dieß uns in Verlegenheit setzte, oder Verdruß zuzöge; so ist es doch weislich gehandelt, dies mögliche Einmal zu vermeiden, und lieber immer zu geben, Jedem zu dienen, als von Andern Dienste oder sonst etwas anzunehmen. Auch gibt es wenig Menschen, die mit guter Art Wohlthaten erzeigen. Versuchet es, meine Freunde! wie viele unter Euren Bekannten nicht auf einmal, mitten in der fröhlichsten, höflichsten Gemüthsstimmung ihr Gesicht in feierliche Falten ziehen, wenn Ihr Eure Anrede mit den Worten anhebet: »Ich muß eine große Bitte an Sie wagen! Ich bin in einer erschrecklichen Verlegenheit.« Sehr bereit aber pflegen die Menschen zu seyn, uns solche Dienste anzubieten, deren wir nicht bedürfen, oder gar, die sie selbst nicht zu leisten im Stande sind. Der Verschwender ist immer willig, mit Gelde zu dienen; der Dummkopf mit gutem Rathe.

Vor allen Dingen hüte man sich, jemand um eine Gefälligkeit zu bitten, wenn man voraus wissen kann, daß er uns nicht wohl, wenn er auch gern möchte, eine abschlägige Antwort geben kann! (z. B. wenn er uns Verbindlichkeit schuldig, oder sonst von uns abhängig ist.)

Wohlthaten annehmen, macht abhängig; man weiß nicht, wie weit das führen kann. Man kömmt da oft in's Gedränge zwischen der Nothwendigkeit, schlechten Menschen zu viel nachzusehn, oder undankbar zu scheinen.

Um nun des fremden Beistandes entbehren zu können, dazu ist das beste Mittel, wenig Bedürfnisse zu haben, mäßig zu seyn, und bescheidne Wünsche zu nähren; das heißt nicht: Du sollst ein Diogenes in der Tonne seyn, und Deine Hand zum Pokal erheben, sondern es heißt nur: Du sollst nicht eitler Ehre geitzig seyn, nicht glänzen wollen, nicht meinen, daß es ein Unglück sey, in einer gewissen Verborgenheit und Zurückgezogenheit leben zu müssen. Das, was Du hiebei entbehrst, ist wahrlich keines Seufzers werth: das laß Dir von den bleichen, früh veralteten Gesichtern und tief liegenden Augen voll Mißmuth und Trübsinn erzählen, welche die von Dir Beneideten als Warnungstafeln vor sich hertragen. Denn wer von unzähligen Leidenschaften in rastlosem Taumel umhergetrieben wird, bald Ehrenstellen, bald Wucher, bald Erwerb, bald wollüstigen Genuß verlangt; wer, von dem Luxus des Zeitalters angesteckt, alles begehrt, was seine Augen sehen; wen vorwitzige Neugier und ein unruhiger Geist treiben, sich in jeden unnützen Handel zu mischen; der geräth in eine zwiefache Sclaverei; er wird der Menschen Knecht, und seiner Leidenschaften Sclave; er lebt in einer eben so drückenden, als verführerischen Abhängigkeit: drückend ist sie, weil sie ihn beständig der Ungerechtigkeit der Menschen preisgibt; verführerisch, weil sie ihn beständig reizt, sich zu erniedrigen, um im kläglichsten Sinn des Worts erhöht zu werden.

13.

Wenn ich aber gesagt habe, daß man lieber Allen geben, als von irgend jemand empfangen sollte; so hebt doch das den Satz nicht auf, daß man nicht gar zu viel für Andre thun dürfe. Ueberhaupt sey dienstfertig, aber nicht zudringlich! Sey nicht jedermanns Freund und Vertrauter! Vor allen Dingen wirf Dich nicht zum Sittenrichter der Menschen, besonders gewisser Menschen auf, und sey der Warnung eingedenk: Ihr sollt die Perlen nicht vor die Säue werfen, damit sie sich nicht umwenden, und euch zerreissen. Nicht einmal Deinen unmaßgeblichen Rath sollst Du den Menschen aufdringen. Begehren sie Deinen Rath, so begehre Du erst ein Glaubensbekenntniß von ihnen, damit Du weißt, wen Du vor Dir hast, und wie ihm beizukommen ist. Die Wenigsten wissen Dir Dank dafür, und selbst wenn sie Dich um Rath fragen, sind sie gewöhnlich schon entschlossen zu thun, was ihnen gefällt. Mische Dich auch nicht in Familien-Händel! Vor allen Dingen hüte Dich, Zwistigkeiten schlichten und Versöhnungen stiften zu wollen! (Es sey denn unter geliebten, geprüften Personen.) Mehrentheils werden beide Partheien einig, um dann über Dich herzufallen. Das Kuppeln und Heirathen-Schmieden überlasse man dem Himmel und einer gewissen Klasse von alten Weibern!

14.

Keine Regel ist so allgemein, keine so heilig zu halten, keine führt so sicher dahin, uns dauerhafte Achtung und Freundschaft zu erwerben, als die: unverbrüchlich, auch in den geringsten Kleinigkeiten, Wort zu halten, seiner Zusage treu, und stets wahrhaftig zu seyn in seinen Reden. Nie kann man Recht und erlaubte Ursachen haben, das Gegentheil von dem zu sagen, was man denkt, wenn gleich man Befugniß und Gründe haben kann, nicht alles zu offenbaren, was in uns vorgeht. Es gibt keine Nothlügen; noch nie ist eine Unwahrheit gesprochen worden, die nicht früh oder spät nachtheilige Folgen für jemand gehabt hätte; der Mann aber, der dafür bekannt ist, strenge Wort zu halten und sich keine Unwahrheit zu gestatten, gewinnt gewiß Zutrauen, guten Ruf und Hochachtung. Du darfst zwar nicht alles sagen, was wahr ist, aber eben so wenig statt der Wahrheit eine Unwahrheit. Demjenigen, welcher Dein Bekenntniß oder Deine Offenherzigkeit gewiß mißbrauchen wird, oder der die Wahrheit, die er von Dir begehrt, nicht würde ertragen können, bist Du keine Offenherzigkeit schuldig.

15.

Sey strenge, pünktlich, ordentlich, arbeitsam, fleissig in Deinem Berufe! Bewahre Deine Papiere, Deine Schlüssel und alles so, daß Du jedes einzelne Stück auch im Dunkeln finden könntest! Verfahre noch ordentlicher mit fremden Sachen! Verleihe nie Bücher, oder andre Dinge, die Dir sind geliehen worden; hast Du von Andern dergleichen geborgt, so bringe oder schicke sie zu gehöriger Zeit wieder, und erwarte nicht, daß sie, oder ihre Domestiken, weite Wege machen sollen, um ihr Eigenthum wieder zu erlangen. — Jedermann geht gern mit einem Menschen um, auf dessen Pünktlichkeit und Treue in Wort und That er sich fest verlassen kann, und der unfähig ist, Andere zu täuschen. So gehört es auch zu den Eigenschaften, welche Vertrauen und Gunst erwerben, zur rechten Zeit zu erscheinen, wo man erwartet wird, möge die Zusammenkunft zu einem Vergnügen, oder einem Geschäft bestimmt seyn. Das Spätkommen gehört zu denjenigen bösen Gewohnheiten und Mißbräuchen in der Gesellschaft, welche eben so ausgebreitet, als verderblich, eben so unsittlich, als ungesittet sind. Gute und böse Beispiele von der Art reizen zur Nachfolge; und die Ungerechtigkeit anderer Menschen rechtfertigt nicht die unsrige.

16.

Gib Andern Beweise Deiner Theilnahme, um Dich der ihrigen zu versichern. Wer untheilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft, Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt verlassen, wenn er sich nach Beistand sehnt.

17.

Verflechte Niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und fordere nicht von Denen, mit welchen Du umgehst, daß sie Theil an den Uneinigkeiten nehmen sollen, die zwischen Dir und Andern herrschen!

Eine Menge dieser Vorschriften umfaßt die alte Regel: setze Dich in Gedanken oft in andrer Leute Stelle, und frage Dich selbst: »Wie würde es Dir unter denselben Umständen gefallen, wenn man Dir dieß zumuthete, gegen Dich also handelte, von Dir das forderte? — diesen Dienst, diese Verwendung, diese langweilige Arbeit, diesen Zeitaufwand, für einen geringfügigen Zweck, diese Erklärung?«

18.

Bekümmre Dich nicht um die Handlungen Deiner Nebenmenschen, in so fern sie nicht Bezug auf Dich, oder so sehr auf die Sittlichkeit im Ganzen haben, daß es Verbrechen seyn würde, darüber zu schweigen! Ob aber jemand langsam oder schnell geht, viel oder wenig schläft, oft oder selten zu Hause, prächtig oder schlecht gekleidet ist, Wein oder Bier trinkt, Schulden oder Kapitalien macht, eine Geliebte hat oder nicht — was geht das Dich an, wenn Du nicht sein Vormund bist? Thatsachen hingegen, die man durchaus wissen muß, erfährt man oft am besten von dummen Leuten, weil diese ohne Witz, ohne Consequenzmacherei, ohne Seitenblicke, ohne Verbrämung und ohne Leidenschaft, geradehin erzählen.

19.

Von Deinen Grundsätzen gehe nie ab, so lange Du sie als richtig anerkennest! Ausnahmen machen ist sehr gefährlich, und führt immer weiter, vom Kleinen zum Großen. Hast Du Dir also einmal aus guten Gründen vorgenommen, keine Bücher zu verleihen, keinen Wein zu trinken u. dgl.; so müsse kein Sterblicher Dich bewegen können, davon abzugehen, so lange die Gründe Deiner ersten Entschließung nicht wegfallen! Sey fest; aber hüte Dich, so leicht etwas zum Grundsatze zu machen, bevor Du alle mögliche Fälle überlegt hast, oder eigensinnig auf Kleinigkeiten zu bestehen; denn was kann thörichter seyn, als sogenannten Grundsätzen, d. h. einer Handlungsweise, welcher nichts weiter, als ein vernünftiger Grund mangelt, oder die keinen andern, als den Eigensinn, oder das ungerechteste Mißtrauen, oder die unverzeihlichste Undienstfertigkeit, so lange und so hartnäckig getreu zu bleiben, bis man alle Liebe und alle Achtung der Bessern verloren hat.

Vor allen Dingen also handle nur stets folgerecht (consequent)! Mache Dir einen Lebensplan, und weiche nicht um ein Tüttelchen von diesem Plane, hätte dieser Plan auch allerlei Sonderbarkeiten, d. h. weiche er auch noch so sehr von der gemeinen und gepriesenen Denkungsart und Lebensweise ab. — Die Menschen werden eine Zeitlang die Köpfe darüber zusammenstecken, und am Ende schweigen, Dich in Ruhe lassen, und Dir, wenn Du anders Deinen Plan mit Festigkeit und Weisheit durchführst, ihre Hochachtung nicht versagen können. Man gewinnt überhaupt immer durch Ausdauern und durch planmässige, weise Festigkeit. Es ist mit Grundsätzen, wie mit jeden andern Stoffen, woraus etwas gemacht wird, nämlich, daß der beste Beweis für ihre Güte der ist, wenn sie lange halten, und in der That, wenn man recht genau den Gründen nachspüren will, warum auch den edelsten Handlungen mancher Menschen nicht Gerechtigkeit widerfährt; so wird man oft finden, daß das Publikum deswegen Verdacht gegen die Wahrheit und den Zweck dieser Handlungen gefaßt hat, weil sie nicht zu dem Lebensplan und zu der Handlungsweise dessen, der sie unternimmt, nicht zu seinen übrigen Schritten zu passen scheinen.

20.

Was aber noch wichtiger, als jene Vorschrift ist: sey redlich, und weihe Deine Kraft und Dein Leben der Liebe und der Pflicht; führe ein menschliches Leben, d. h. ein Vernunftleben; halte es für den höchsten Ruhm Deines Lebens, als ein Vernunftwesen zu leben. — Habe immer ein gutes Gewissen! Bei keinem Deiner Schritte müsse Dir Dein Herz über Absicht und Mittel Vorwürfe machen dürfen! Gehe nie schiefe Wege; und baue dann sicher auf gute Folgen, auf Gottes Beistand und auf Menschenhülfe in der Noth! Und verfolgt Dich auch wohl eine Zeitlang ein widriges Geschick — o! so wird doch die selige Ueberzeugung von der Unschuld Deines Herzens, von der Redlichkeit Deiner Absichten, Dir ungewöhnliche Kraft, festen, unerschütterlichen Muth und unzerstörbare Heiterkeit geben; Dein kummervolles Antlitz wird im Umgange mehr, weit mehr Theilnahme erwecken, als die Fratze des lächelnden, grinzenden, glücklich scheinenden Bösewichts.

21.

Sey, was Du bist, immer ganz, und immer derselbe! Nicht heute warm, morgen kalt; heute grob, morgen höflich und zuckersüß; heute der lustige Gesellschafter, morgen trocken und stumm, wie eine Bildsäule! Es ist unbegreiflich, daß diese wetterwendischen, launenhaften und kaltherzigen Menschen nicht endlich vor sich selbst erschrecken und zurückfahren, da sie doch täglich durch die Scheu und den Widerwillen, womit sich Alles von ihnen entfernt, auf die klägliche Rolle, die sie spielen, aufmerksam gemacht werden, und da sie sich selbst eben so sehr, als Andern, zur Last leben. Wenn sie einmal, in einem Anfall von guter Laune oder Schaam, im Umgange Freundschaft und Theilnahme zeigen, so spielen sie eigentlich die Rolle der Betrüger. Wir bauen in der Meinung, daß sie sich gebessert haben, auf ihre Zusicherungen und Aeusserungen, und wollen wenig Tage nachher den Mann wieder besuchen, der uns so gern bei sich sieht, der uns so freundlich eingeladen hat, recht oft zu kommen. Wir gehen hin, und werden nun so frostig und verdrießlich empfangen, oder man läßt uns ohne Unterhaltung in einer Ecke sitzen, antwortet uns nur mit gebrochnen Sylben, weil man grade von Menschen umgeben ist, die mehr Weihrauch spenden, als wir. Von solchen Menschen muß man sich unmerklich zurückziehn, und wenn sie nachher, in einem Augenblicke von Langerweile, uns wieder aufsuchen, gleichfalls gegen sie den Spröden machen, und ihnen unter den Händen fortschlüpfen.

22.

Mache einigen Unterschied in Deinem äussern Betragen gegen die Menschen, mit denen Du umgehst, in dem Zeichen von Achtung, die Du ihnen beweisest! Reiche nicht Jedem Deine rechte Hand dar! Umarme nicht Jeden! Drücke nicht Jeden an Dein Herz! Was bewahrst Du den Bessern und Geliebten auf, und wer wird Deinen Freundschafts-Bezeugungen trauen, ihnen Werth beilegen, wenn Du sie so verschwenderisch austheilst?

23.

Zwei Gründe hauptsächlich müssen uns bewegen, nicht gar zu offenherzig gegen die Menschen zu seyn: zuerst die Furcht, unsre Schwäche dadurch aufzudecken und gemißbraucht zu werden, und dann die Ueberlegung, daß, wenn man die Leute einmal daran gewöhnt hat, ihnen nichts zu verschweigen, sie zuletzt von jedem unsrer kleinsten Schritte Rechenschaft verlangen, alles wissen, um alles zu Rathe gezogen werden wollen. Allein eben so wenig soll man übertrieben verschlossen seyn; sonst entsteht der Verdacht gegen uns, es stecke hinter allem, was wir thun, etwas Bedeutendes, oder gar Gefährliches, und das kann uns in unangenehme Verlegenheit verwickeln und veranlassen, daß wir verkannt werden, besonders in fremden Ländern, auf Reisen, bei manchen andern Gelegenheiten, und kann uns überhaupt auch im gemeinen Leben, selbst im Umgange mit edeln Freunden, schaden.

24.

Suche keinen Menschen, auch den Schwächsten nicht, in Gesellschaften lächerlich zu machen! Ist er dumm: so hast Du wenig Ehre von dem Witze, den Du an ihm verschwendest; ist er es weniger, als Du glaubst: so kannst Du vielleicht der Gegenstand seines Spottes oder seiner Rache werden; ist er gutmüthig und gefühlvoll: so kränkst Du ihn; und ist er tückisch: so kann er Dir's vielleicht auf eine Rechnung setzen, die Du früh oder spät auf irgend eine Art bezahlen mußt. — Und wie oft kann man nicht, wenn das Publikum auf unsre Urtheile über Menschen achtet, einem guten Manne im bürgerlichen Leben wahrhaften Schaden zufügen, oder einen Schwachen so niederdrücken, daß aller Muth in ihm erlöscht, und alle Keime zu bessern Anlagen erstickt werden, indem man ihn, durch Hervorziehn der Schwachheiten, welche Stoff zum Spotten und Lachen geben, der Verachtung preisgibt.

25.

Schrecke, zerre und necke auch niemand, selbst Deine Freunde nicht, mit falschen Nachrichten, mit Witzeleien, oder was sonst auf einen Augenblick beunruhigt, und leicht in Verlegenheit setzt! Es gibt der wahrhaft mißvergnügten, unangenehmen, ängstlichen Augenblicke so viele im Leben, daß es wohl Bruderpflicht ist, alles hinwegzuräumen, was die Last der wirklichen und eingebildeten Plagen auch nur um ein Sandkorn erschweren kann. Für eben so unschicklich halte ich es, einem Freunde, aus Scherz, wie es die Gewohnheit mancher Leute ist, mit selbst erfundnen erfreulichen Neuigkeiten ein kurzes Vergnügen zu machen, das nachher schmerzlich vereitelt wird. Das alles ist Neckerei, durch welche die Freuden des Umgangs nicht gewürzt, sondern verkümmert werden. Eben so unverzeihlich ist es, die Neugierde zu reizen, wenn man sie nicht befriedigen kann, oder will, oder die, welche sich reizen ließen, hernach als Getäuschte dem Gelächter der Kaltblütigen preiszugeben. Es gibt Menschen, welche die Gewohnheit haben, ihren Freunden mystische Warnungen hinzuwerfen, wie z. B.: »Es läuft ein böses Gerücht von Ihnen herum, aber ich kann, ich darf Ihnen noch nichts darüber sagen.« Dergleichen hat gar keinen Nutzen, und beunruhigt.

Ueberhaupt muß man so wenig wie möglich die Leute in Verlegenheit setzen, vielmehr sich bemühen, wenn auch jemand im Begriff ist, eine Unvorsichtigkeit zu begehen (z. B. schlecht von einem Buche zu reden, dessen Verfasser gegenwärtig ist), oder sonst beschämt zu werden, ihm diese Verlegenheit zu ersparen, oder die Sache auf irgend eine Weise wieder in's Gleiche zu bringen. Und wenn jemand aus Unachtsamkeit etwas zerbrochen, oder sonst sich einer kleinen Unvorsichtigkeit schuldig gemacht hat: so fordert es die Humanität, nicht hinzublicken, wenigstens nicht mit Lächeln, oder mit sichtbarem Unwillen, noch betroffen, um seine Verwirrung nicht zu vermehren!

26.

Vor allen Dingen vergesse man nie in der Gesellschaft, daß die Leute unterhalten, nicht belehrt und unterwiesen seyn wollen; daß selbst der unterrichtendste Umgang ihnen in der Länge ermüdend vorkommt, wenn er nicht zuweilen durch Witz und gute Laune gewürzt wird; daß ferner nichts in der Welt ihnen so witzreich, so weise und so ergötzend scheint, als wenn man sie lobt, ihnen etwas Schmeichelhaftes sagt; daß es aber unter der Würde eines klugen Mannes ist, den Spaßmacher, und eines redlichen Mannes unwürdig, den Schmeichler zu machen. Allein es gibt einen gewissen Mittelweg; denn da jeder Mensch doch wenigstens Eine gute Seite hat, die man loben darf, und dies Lob, wenn es nicht übertrieben wird, aus dem Munde eines verständigen Mannes, Sporn zu größerer Vervollkommnung werden kann: so kann es sogar Pflicht werden, denen ein ermunterndes Lob nicht schuldig zu bleiben, welche es eben so sehr verdienen, als bedürfen, und es denen nicht vorzuenthalten, die es nicht entbehren können, ohne an sich selbst zu verzagen, oder auf halbem Wege stehen zu bleiben.

Zeige, so viel Du kannst, eine immer gleiche, heitre Stirne! Nichts ist reizender und liebenswürdiger, als eine gewisse frohe, muntre Gemüthsart, die aus der Quelle eines schuldlosen, nicht von heftigen Leidenschaften aufgeregten, sondern von Wohlwollen und Theilnahme bewegten Herzens hervorströmt. Wer sich's in der Gesellschaft merken läßt, daß er sich Zwang anthue, um heiter zu erscheinen, oder wer sich recht sichtbar anstrengt, um das Wort zu führen, und daher unaufhörlich Anekdoten auskramt, Späßchen macht, und nach Witz hascht; wem man es ansieht, daß er darauf studirt hat, die Gesellschaft zu unterhalten: der gefällt nur auf kurze Zeit, und wird bei Wenigen Interesse erwecken. Er wird nicht aufgesucht werden von denen, deren Herz sich nach besserm Umgange, und deren Kopf sich nach lebendiger und durch Mannigfaltigkeit gewürzter Unterhaltung sehnt.

Wer immer Spaß machen will, der erschöpft sich nicht nur leicht und wird matt, sondern hat auch die Unannehmlichkeit, daß, wenn er einmal gerade nicht aufgelegt ist, seinen Vorrath von lustigen Kleinigkeiten zu öffnen, seine Gefährten das sehr ungnädig aufnehmen. Bei jeder Mahlzeit, zu welcher er gebeten wird, bei jeder Aufmerksamkeit, die man ihm beweist, scheint die Bedingung schwer auf ihm zu liegen, daß er diese Ehre durch seine Schwänke bezahlen, und die Unkosten der Unterhaltung allein tragen solle; und will er es einmal wagen, einen höheren und reineren Ton anzustimmen, und etwas Ernsthaftes oder Gescheutes zu sagen, so lacht man ihm gerade in's Gesicht, ehe er mit seiner Rede halb zu Ende ist. Wahrer Humor und ächter Witz lassen sich nicht erzwingen, nicht erkünsteln; aber sie wirken, wie ein milder Sonnenstrahl, erwärmend, befruchtend und wohlthuend. Willst Du witzige Einfälle anbringen, so überlege auch wohl, in welcher Gesellschaft Du Dich befindest! Was Personen von einer dürftigen oder mittelmäßigen Bildung sehr unterhaltend scheint, kann Andern sehr langweilig und unschicklich vorkommen; und ein freier Scherz, den man sich in einem Kreise von Männern erlaubt, würde bei Frauenzimmern übel angebracht seyn.

27.

Gehe von niemand, und laß niemand von Dir, ohne ihm etwas Lehrreiches oder etwas Verbindliches gesagt, und mit auf den Weg gegeben zu haben; aber beides auf eine Art, die ihm wohlthue, seine Bescheidenheit nicht verletze, und nicht studirt scheine, damit er die Stunde nicht verloren zu haben glaube, die er bei Dir zugebracht hat, und fühle, Du nehmest Interesse an seiner Person: es gehe Dir von Herzen: Du verkaufest nicht bloß Deine Höflichkeits-Waare ohne Unterschied jedem Vorübergehenden! Man verstehe mich also recht! Ich möchte gern, wenn es möglich wäre, alles leere Geschwätz aus dem Umgange verbannt sehen; möchte, daß man, ohne Aengstlichkeit, auf sich Acht hätte, nie etwas zu sagen, wovon Der, welcher es anhören muß, weder Nutzen noch wahres Vergnügen haben, woran er, weder mit dem Kopfe, noch mit dem Herzen, Antheil nehmen könnte. Weit entfernt bin ich also, jene Gefallsucht oder Gleißnerei in Schutz nehmen zu wollen, die Jeden ohne Unterlaß mit leeren Complimenten, Schmeicheleien oder Lobsprüchen in die Verlegenheit setzen, ihnen auf tausend nicht eins antworten zu können. Ein Beispiel wird meine wahren Grundsätze darüber deutlicher machen. Ich saß einst an einer fremden Tafel, zwischen einer hübschen, verständigen jungen Dame und einem kleinen, garstigen Fräulein, von etwa vierzig Jahren. Ich beging die Unhöflichkeit, die ganze Mahlzeit hindurch mich nur mit Jener zu unterhalten, zu Dieser hingegen kein Wort zu reden. Beim Nachtische erst erinnerte ich mich meiner Unart; und nun machte ich den Fehler gegen die Höflichkeit durch einen andern gegen die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gut. Ich wendete mich zu ihr, und redete von einer Begebenheit, die vor zwanzig Jahren vorgegangen war — Sie wußte nichts davon — »Es ist kein Wunder,« sagte ich, »Sie waren damals noch ein Kind.« Das kleine Wesen freute sich innigst darüber, daß ich sie für so jung hielt, und dies einzige Wort erwarb mir ihre Gunst. — Sie hätte mich dieser niedrigen Schmeichelei wegen verachten sollen. Wie leicht hätte ich einen Gegenstand zu einem Gespräche mit ihr finden können, das ihr auf irgend eine Weise anziehend gewesen wäre, oder eine Gelegenheit, ihr meine Aufmerksamkeit zu beweisen; und es war meine Pflicht, darauf zu denken, und ihr nicht einen ganzen Mittag hindurch die Thür der Unterhaltung zu verschließen; eine Ungerechtigkeit, die so oft in der Gesellschaft gegen diejenigen begangen wird, die so unglücklich sind, einen unangenehmen oder widrigen sinnlichen Eindruck auf uns zu machen. Sie sollten vielmehr Gegenstände unserer Theilnahme werden, und wir sollten die Ungerechtigkeit und Zurücksetzung, welche sich die Gesellschaft gegen sie erlaubt, vielmehr zu vergüten suchen, als nachahmen.

Man kann sich indessen oft sehr schlecht empfehlen, indem man den Menschen etwas recht Verbindliches gesagt zu haben meint. So gibt es Leute, die es sehr übel nehmen würden, wenn man ihnen versicherte, daß man sie für gutmüthig halte, und Andre, die sich beleidigt fühlen, wenn man sie versichert, sie sähen gesund aus, oder sie hätten noch etwas so Jugendliches in ihrem Aeussern, daß man ihr wahres Alter unmöglich ahnen könne.

28.

Wem es darum zu thun ist, dauerhafte Achtung sich zu erwerben; wem daran liegt, daß seine Unterhaltung niemand anstößig, Keinem zur Last werde; der würze nicht ohne Unterlaß seine Gespräche mit Lästerungen, Spott, Tadelsucht und Satyre, und gewöhne sich nicht an den auszischenden Ton der Spottsucht! Das kann wohl einigemal, und, bei einer gewissen Klasse von Menschen, auch öfter gefallen; aber man flieht und verachtet doch endlich den Mann, der immer auf anderer Leute Kosten, oder auf Kosten der Wahrheit die Gesellschaft vergnügen will, und man hat Recht dazu; denn der gefühlvolle, verständige Mensch muß Nachsicht haben mit den Schwächen Anderer. Er weiß, welchen großen Schaden oft ein einziges, wenn gleich nicht böse gemeintes Wörtchen anrichten kann; auch sehnt er sich nach einer unschuldigeren und edleren Unterhaltung; ihm ekelt vor leerer Spötterei und liebloser Tadelsucht. Gar zu leicht aber nimmt man im Verkehr mit der sogenannten großen Welt diesen elenden Ton an; man kann nicht genug davor warnen, da er den Charakter entstellt, und dem Dünkel die gefährlichste Nahrung gibt, die Freuden des Umgangs vergiftet, und die Bande der Gesellschaft zernagt.

Uebrigens aber möchte ich auch nicht gern alle Satyre für unerlaubt erklären, noch leugnen, daß manche Thorheiten und Unzweckmäßigkeiten, im weniger vertrauten Umgange, am besten durch einen feinen, nicht beleidigenden, nicht zu deutlich auf einzelne Personen anspielenden Spott bekämpft werden können. Endlich bin ich auch weit entfernt, zu fordern, man solle alles loben, und selbst offenbare Fehler entschuldigen; vielmehr habe ich nie den Leuten getrauet, die so sichtbar sich das Ansehen geben, alles mit dem Mantel der christlichen Liebe bedecken zu wollen. Sie sind mehrentheils Heuchler, wollen durch das Gute, das sie von den Leuten reden, das Böse vergessen machen, welches sie ihnen zufügen, oder sie suchen dadurch Nachsicht für ihre eigenen Gebrechen zu erlangen, und ein günstiges Vorurtheil für sich zu erschleichen.

29.

Erzähle nicht leicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend jemand in ein nachtheiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen nach! Sehr oft sind sie gar nicht auf Wahrheit gegründet, oder schon durch so viel Hände gegangen, daß sie wenigstens vergrößert, verstümmelt worden sind, und dadurch eine wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig kann man dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich schaden, und öfter sich selber großen Verdruß zuziehn.

30.

Hüte Dich, Nachrichten aus einem Hause in das andre zu tragen, vertrauliche Tischreden, Familien-Gespräche, Bemerkungen, die Du über das häusliche Leben von Leuten, mit welchen Du viel umgehst, gemacht hast, u. dergl. auszuplaudern! Wenn dieß auch nicht eigentlich aus Bosheit geschieht, so kann doch eine solche Geschwätzigkeit Mißtrauen gegen Dich, und allerlei Zwist und Verstimmung veranlassen.

31.

Sey vorsichtig im Tadel und Widerspruche! Es gibt wenig Dinge in der Welt, die nicht zwei Seiten haben. Vorurtheile verdunkeln oft die Augen, selbst des klügern Mannes, und es ist sehr schwer, sich gänzlich an eines Andern Stelle zu denken. Urtheile besonders nicht so leicht über kluger Leute Handlungen, oder Deine Bescheidenheit müßte Dir sagen, daß Du noch weiser, als sie seyst! und da ist es denn eine mißliche Sache um diese Ueberzeugung. Ein kluger Mann ist mehrentheils lebhafter, als ein Andrer, hat heftigere Leidenschaften zu bekämpfen, bekümmert sich weniger um das Urtheil des großen Haufens, hält es weniger der Mühe werth, sein gutes Gewissen durch ausführliche Apologien zu rechtfertigen. Uebrigens soll man nur fragen: »Was thut der Mann Nützliches für Andre?« und, wenn er dergleichen thut, über dies Gute die kleinen Gemüthsfehler und Schwachheiten, die nur ihm selber schaden, oder höchstens unwichtigen, vorübergehenden Nachtheil wirken, vergessen.

Vor allen Dingen maße Dir nicht an, die Bewegungsgründe zu jeder guten Handlung ergründen und beurtheilen zu wollen! Bei einer solchen Strenge würden vielleicht manche Deiner eignen edlen Handlungen als sehr unedel, oder als reine Schwachheit, als Erzeugniß einer flüchtigen Rührung, Deiner gereizten Eitelkeit, Deiner Selbstsucht erscheinen. Jedes Gute muß nach seiner Wirkung für die Welt beurtheilt werden.

32.

Habe Acht auf Deine Gesellschaftssprache, daß Du in Deinen Unterredungen nicht durch einen wässrigen, weitschweifigen Vortrag ermüdest! Ein gewisser Laconismus, d. h. eine kräftige Kürze — in so fern er nicht in die Sucht, nur in Sentenzen und Aphorismen zu sprechen, oder jedes Wort abzuwägen, ausartet — ein gewisser Laconismus und die Geschicklichkeit, einen nichtsbedeutenden Umstand durch die Lebhaftigkeit der Darstellung interessant zu machen — das ist die wahre Kunst der gesellschaftlichen Beredtsamkeit. Ueberhaupt aber rede nicht zu viel! Sey haushälterisch mit Spendung von Worten und Kenntnissen, damit es Dir nicht früh an Stoffe fehle, damit Du nicht redest, was Du verschweigen sollst, verschweigen wolltest, und niemand Deine Unterhaltung lästig finde. Laß auch Andre zu Worte kommen, ihren Theil zur allgemeinen Unterhaltung mit hergeben! Es gibt Leute, die, ohne es selbst zu merken, aller Orten die Sprachführer sind; und wären sie in einem Zirkel von funfzig Personen, so würden sie sich dennoch bald Meister von der ganzen Unterhaltung machen.

So unangenehm dieß für die Gesellschaft ist; eben so widrige, Freude störende Eindrücke macht die Weise mancher Leute, die stumm und gespannt horchen und lauern, und die man leicht für gefährliche Beobachter halten kann, denen es nur darum zu thun scheint, jedes unvorsichtige, nicht gehörig gewählte Wort, das man in sorgloser Redseligkeit fallen läßt, zu irgend einem hämischen Zwecke aufzusammeln.

33.

Es gibt Menschen, die (so wie Manche nur zum Genießen da zu seyn glauben) auch im geselligen Leben immer nur empfangen, nie geben wollen; die vom übrigen Theile des Publikums belustigt, unterrichtet, bedient, gelobt, bezahlt, gefüttert zu werden verlangen, ohne etwas dafür zu leisten; die über Langeweile klagen, ohne zu fragen, ob sie Andern weniger Langeweile gemacht haben; die behaglich da sitzen, sich's wohlseyn, sich erzählen lassen, aber nicht daran denken, auch ihren Beitrag, und wär' es auch nur ein Scherflein, zur Unterhaltung beizusteuern. — Das ist aber eben so ungerecht, als lästig.

Noch Andre findet man, die immer nur ihre eigne Person, ihre häuslichen Umstände, ihre Verhältnisse, ihre Thaten und ihre Berufs-Geschäfte zum Gegenstande der Unterredung machen, und alles dahin zu drehen wissen, jedes Gleichniß, jedes Bild von daher nehmen. So wenig wie möglich laß in gemischten Gesellschaften den Schnitt, den Ton, den Dir Deine specielle Erziehung, Dein Handwerk, Deine besondre Lebensart geben, hervorblicken! Rede nicht von Dingen, die, ausser Dir, schwerlich jemand interessiren können! Hüte Dich, in den Fehler Derjenigen zu verfallen, die sich selbst bespötteln, ihre eigne werthe Person zum Besten haben! Das setzt die Anwesenden in Verlegenheit, und verräth einen eiteln Egoismus. Spiele nicht auf Anekdoten an, die Deinem Nachbar unbekannt sind, auf Stellen aus Büchern, die er wahrscheinlich nicht gelesen hat! Rede nicht in einer fremden Sprache, wenn es glaublich ist, daß nicht jeder, der um Dich ist, dieselbe versteht! Lerne den Ton der Gesellschaft annehmen, in welcher Du Dich befindest! Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn der Arzt einige junge Damen mit Beschreibung seiner Sammlung anatomischer Präparaten, der Rechtsgelehrte einen Hofmann über die unwirksame Professions-Ergreifung und das edictum Divi Martii, der alte gebrechliche Gelehrte eine junge Cokette von seinem offnen Beinschaden unterhält.

Oft aber tritt der Fall ein, daß man in Gesellschaften geräth, wo es schwer ist, etwas vorzubringen, das Theilnahme erweckte. Wenn ein verständiger Mann von leeren, beschränkten, in die Eitelkeiten des Alltagslebens versunkenen Menschen umgeben ist, die für gar nichts von bessrer Art Sinn haben; ei nun! so ist es seine Schuld nicht, wenn er nicht verstanden wird. Er tröste sich also damit, daß er von Dingen geredet hat, die billig interessiren müßten!

34.

Rede also nicht zu viel von Dir selber, ausser in dem Kreise Deiner vertrautesten Freunde, von welchen Du weißt, daß die Sache des Einen unter ihnen eine Angelegenheit für Alle ist; und auch da bewache Dich, daß Du nicht Egoismus zeigest! Vermeide, selbst dann zu viel von Dir zu reden, wenn gute Freunde, wie es vielfältig geschieht, das Gespräch aus Höflichkeit auf Deine Person, auf Deine Unternehmungen oder Deine Schriften leiten! Bescheidenheit ist eine der liebenswürdigsten Eigenschaften, und macht um so vortheilhaftere Eindrücke, je seltner diese Tugend in unsern Tagen wird. Sey also auch nicht so bereit, jedermann Deine Schriften unaufgefordert, oder gleich bei der ersten, oft nicht so ernstlich gemeinten Aufforderung vorzulesen, Deine Anlagen zu zeigen und Deine rühmlichen Handlungen zu erzählen, noch auf feine Art Gelegenheit zu geben, daß man Dich darum bitten müsse! Auch drücke niemand durch Deinen Umgang, das heißt: zeige in keiner Gesellschaft ein solches Uebergewicht, daß Andre verstummen, sich in schlechtem Lichte zeigen oder an sich selbst verzagen müssen!

35.

Widersprich Dir nicht selbst im Reden, so daß Du einen Satz behauptest, dessen Gegentheil Du ein andermal vertheidigt hast! Man kann seine Meinung von Dingen ändern; allein man thut doch wohl, in Gesellschaften nicht eher, wenigstens nicht entscheidend zu urtheilen, als bis man alle Gründe für und wider gehörig abgewogen hat.

36.

Hüte Dich, in die Fehler Derjenigen zu verfallen, die, aus Mangel an Gedächtniß, oder an Aufmerksamkeit auf sich, oder weil sie so verliebt in ihre eignen Einfälle sind, dieselben Histörchen, Anekdoten, Spässe, Wortspiele, und witzigen Vergleichungen, bei jeder Gelegenheit wiederholen! Ueberhaupt ist es, und besonders auch für den geselligen Umgang, wichtig, sein Gedächtniß zu schärfen, und sich deswegen nicht zu sehr daran zu gewöhnen, alles schriftlich aufzuzeichnen, was man behalten will. Bist Du Deiner Sache nicht gewiß, so verleugne Dich selbst, und widerstehe der Lust, eine Anekdote zu erzählen, wenn es möglich wäre, daß Du sie schon einmal aufgetischt hast, oder suche das Gespräch so zu wenden, daß Du zur Gewißheit kommst, ohne etwas gewagt zu haben.

37.

Würze nicht Deine Unterhaltung mit Zweideutigkeiten, mit Anspielungen auf Dinge, die entweder Ekel erwecken, oder keusche Wangen erröthen machen; zeige auch keinen Beifall, wenn Andre dergleichen vorbringen! Ein verständiger Mann kann an solchen Gesprächen keine Lust haben. Auch in bloß männlichen Gesellschaften verleugne nicht die Schamhaftigkeit, das Zartgefühl und Dein Mißfallen an Zoten, denn Du erwirbst Dir dadurch eben so viel Ehre, als Verdienst, und rettest die Ehre Deines Geschlechts.

38.

Flicke keine platte Gemeinsprüche in Deine Reden ein; z. B.: daß Gesundheit ein schätzbares Gut; daß das Schlittenfahren ein kaltes Vergnügen; daß Jeder sich selbst der Nächste sey; daß, was lange dauert, gut werde, wovon ich das Gegentheil zu beweisen übernehme; daß man durch Schaden klug werde, welches leider! selten eintrifft; oder daß die Zeit schnell hingehe — welches, im Vorbeigehen zu sagen, gar nicht wahr ist; denn da die Zeit nach einem bestimmten Maaßstabe berechnet wird: so geht sie nicht schneller vorbei, als sie grade muß, und Der, welchem ein Jahr kürzer vorkömmt, als es ist, der muß in demselben über Gebühr geschlafen haben, oder sonst seiner Sinne nicht mächtig gewesen seyn, oder er läßt sich von einer leeren Täuschung irre führen — oder: daß Ausnahmen die Regel bestätigten — Gleich als wenn ein partikularer verneinender Satz die Wahrheit eines allgemeinen bejahenden beweisen könnte, oder umgekehrt! da doch vielmehr durch die Ausnahme klar wird, daß die Regel nicht allgemein ist. Solche Sprüchwörter sind sehr langweilig, und nicht selten sinnlos und unwahr.

Es gibt solche mechanische Menschen, deren Gespräche zur Hälfte aus gewissen Formeln bestehen, welche sie, ohne etwas dabei zu denken, herplappern. Sie treffen Dich tödtlich krank im Bette an, und freuen sich, Dich wohl zu sehn. Zeigst Du ihnen Dein Bildniß: so finden sie, daß es zwar ähnlich sehe, aber viel zu alt gemalt sey. Allen Kindern sagen sie: sie seyen groß für ihr Alter, und gleichen dem Vater, und was dergleichen leeres Geschwätz mehr ist. Einen eben so dürftigen Stoff zur Unterhaltung liefern Räthsel, Wortspiele, Pfandspiele u. dgl., wenn sie nicht ausgezeichnet sinnreich sind. Wenigstens wird selten in einer Gesellschaft, die nur einigermaßen gemischt ist, das Wohlgefallen daran allgemein seyn, denn es werden sich immer Einige finden, welche sich durch solche Unterhaltungen gedrückt fühlen, weil sie nicht Kenntnisse, oder Geist genug haben, hiebei eine anständige Rolle zu spielen, oder der Verlegenheit zu entgehen.

39.

Belästige nicht die Leute, mit welchen Du umgehst, mit unnützen Fragen! Man findet Menschen, die, nicht eben aus Vorwitz und Neugier, sondern weil sie nun einmal gewöhnt sind, ihre Gespräche in Katechesations-Form zu verfassen, uns durch Fragen so beschwerlich werden, daß es gar nicht möglich ist, auf unsre Weise mit ihnen in Unterhaltung zu kommen.

40.

Lerne Widerspruch ertragen! Sey nicht kindisch eingenommen von Deinen Meinungen! Werde nicht hitzig, noch grob im Zanke; auch dann nicht, wenn man Deinen ernsthaften Gründen Spott und Bitterkeit entgegensetzt! Du hast, bei der besten Sache, schon halb verloren, wenn Du nicht kaltblütig bleibst, und wirst wenigstens auf diese Art nie überzeugen und nie gefallen.

41.

An Oertern, wo man sich zur Freude versammelt: beim Tanze, in Schauspielen, rede mit niemand von häuslichen Geschäften, noch weniger von verdrießlichen Dingen! Man geht dahin, um sich zu erholen, um auszuruhen, um kleine und große Sorgen abzuschütteln, und es ist also unbescheiden, jemand mit Gewalt wieder mitten in sein tägliches Joch hineinschieben zu wollen.

42.

Daß ein redlicher und verständiger Mann über wesentliche Religionslehren, auch dann, wenn er das Unglück haben sollte, an der Wahrheit derselben zu zweifeln, sich dennoch keinen Spott erlauben wird: ich meine, das versteht sich von selber; aber auch über kirchliche Verfassungen, über die Menschensatzungen, welche von einigen Sekten für Glaubenslehren gehalten werden, über Ceremonien, die Manche für wesentlich halten, und dergleichen, soll man nie in Gesellschaften spotten. Man respektire das, was Andern ehrwürdig ist! Man lasse Jedem die Freiheit in Meinungen, die wir für uns selbst verlangen! Man vergesse nicht, daß das, was wir Aufklärung nennen, Andern vielleicht Verfinsterung scheint! Man schone der Vorurtheile, die Andern Ruhe gewähren! Man raube niemand, ohne ihm etwas Besseres an die Stelle desselben zu geben, was ihm auf seiner Bildungsstufe, oder in dem Zusammenhange seiner Vorstellungen als Wahrheit erscheint, und unentbehrlich geworden ist! Man vergesse nicht, daß Spott nicht bessert; daß unsre, hier auf Erden noch nicht entwickelte Vernunft über so wichtige Gegenstände leicht irren kann; daß ein mangelhaftes System, auf welchem aber der Grund einer guten Moral liegt, nicht so leicht umzureissen ist, ohne zugleich das Gebäude selbst über den Haufen zu werfen, und endlich, daß solche Gegenstände überhaupt gar nicht von der Art sind, daß man sie in Gesellschaften abhandeln könne!

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