Zweiter Theil. (continued 3)
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Man mache nicht, besonders bei einem Kranken von sehr empfindlicher, weicher Gemüthsart, sein Leiden durch Wehklagen und ängstliches Bezeigen noch schwerer!
Man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund wäre, unangenehm seyn würden, — nicht von häuslichen Verlegenheiten, vom Tode, noch von Vergnügungen, an welchen er nicht Theil nehmen kann!
Leute, die bloß in der Einbildung krank sind, muß man zwar nicht verspotten, noch zu überzeugen suchen, daß ihnen nichts fehle; denn das macht eine ganz entgegengesetzte Wirkung auf sie; aber man soll sie auch nicht in ihrer Thorheit bestärken, sondern, wenn vernünftige Vorstellungen nichts helfen, nur gar keine Theilnahme zeigen, ihre Klagen mit Stillschweigen beantworten, und, wenn der Sitz des Uebels im Gemüthe ist, sie durch weise gewählte Zerstreuungen auf andre Gedanken zu bringen suchen.
Auch gibt es Menschen, die dadurch Interesse zu erwecken glauben, daß sie sich kränklich stellen. Das ist eine höchst thörichte Schwäche! Man suche solche Leute durch sanften Spott und kräftige Ansprache von ihrer Albernheit zurückzuführen, sie zu überzeugen, daß es besser sey, Bewunderung, als Mitleiden zu erregen, und daß nichts so allgemein vortheilhafte Eindrücke mache, als der Anblick eines Wesens, das, an Leib und Seele, in seiner vollen Kraft, zur Ehre der Schöpfung dasteht!
Endlich: in solchen Krankheiten, wo der Geist viel über den Körper vermag, wo Seelen-Leiden das Uebel vermehren, und die Besserung hindern, da soll man alle Kräfte, seine ganze Lebhaftigkeit aufbieten, um Heiterkeit, Muth, Trost und Hoffnung in das Gemüth des Kranken zurückzurufen.
4.
Noch schonender, als mit diesen Leidenden, soll man mit Leuten umgehen, auf welchen die schwere Hand des Schicksals liegt, — mit Unglücklichen, Armen, Bedrängten, Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit Verirrten und Gefallenen.
Nimm Dich des Armen an, wenn Dir Gott die Mittel in die Hände gegeben hat, seine Noth zu erleichtern! Weise nicht den Dürftigen von Deiner Thür zurück, so lange Du noch, ohne Ungerechtigkeit gegen die Deinigen, eine kleine Gabe zu geben hast! Sey es wenig oder viel, so gib es mit gutem Herzen, und — wie ich bei Gelegenheit gesagt habe, als von der Art, Wohlthaten zu erzeigen, die Rede war, — gib es mit guter Art! Ein Wort ist oft besser, als eine große Gabe, und ein holdseliger Mensch gibt sie beide, sagte schon Sirach; und was für ein Wort könnte er meinen, als das erquickende Wort der herzlichen Theilnahme. — Sey ferner nicht allzu gerecht, wo vom Helfen und Erbarmen die Rede ist. Berechne nicht so genau, ob der Mann, dem Du helfen kannst, selbst an seinem Unglücke Schuld sey, oder nicht! Wer in der Welt würde ganz unschuldig an den Leiden, die ihn treffen, befunden werden, wenn man alles strenge untersuchen wollte? Willst oder kannst Du aber gar nichts, oder nur wenig geben, so brauche keine leere Ausflüchte! Laß den Armen nicht durch Deine Bedienten unter allerlei Vorwande wieder bestellen, oder vertrösten! Am wenigsten aber erlaube Dir, etwa zu Rechtfertigung Deiner Hartherzigkeit, z. B. Grobheiten, beleidigende Strafpredigten gegen Den, dessen Bitte Du abzuschlagen entschlossen bist, harte Vorwürfe; sondern sprich den Bittenden selbst, und sage ihm kurz und menschenfreundlich, warum Du nicht geben kannst, nicht geben willst! Thue auch auf das erste Wort, was zu thun vernünftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man durch wiederholtes Betteln Dein Herz erweiche! Gib aber nicht wie ein Verschwender, sondern laß Deine Wohlthaten von der Gerechtigkeit gegen Dich und Andre bestimmt werden, und verschleudre nicht an den Landläufer, Bettler von Handwerke und Faullenzer, was Du dem hülflosen Alter, der Gebrechlichkeit, und dem durch widrige Zufälle Verunglückten schuldig bist! Und wo es Labsal geben kann, da begleite Deine kleine Gabe ein sanftes Trostwort, ein vertraulicher Rath, und ein freundlicher, mitleidiger Blick! Gehe schonend und äusserst fein mit Leuten um, die in unangenehmen häuslichen Lagen sind! Sie pflegen sehr empfindlich zu seyn, pflegen leicht zu glauben, man verachte sie, setze sie zurück, ihrer Armuth wegen. Das elende Geld hat leider nur gar zu viel Einfluß auf den Pöbel aller Stände. Unterscheide Dich von diesem Haufen! Ehre den verdienstvollen Armen öffentlich! Suche ihm wenigstens einen frohen Augenblick zu machen, wenn Du auch seine Umstände nicht verbessern kannst! Ueberhaupt sind alle Unglückliche mißtrauisch, und meinen, jedermann sey gegen sie. Suche ihnen diesen quälenden Wahn zu benehmen! Bemühe Dich, ihr Zutrauen zu gewinnen! Entziehe Dich nicht dem Anblicke des Jammers! Fliehe nicht die Hütte der Noth und der Dürftigkeit! Man muß vertraut seyn mit dem mancherlei Elende auf dieser Welt, um bei dem Leiden des unglücklichen Bruders recht innig theilnehmend mitempfinden zu können. Wo der bescheidne Arme im Verborgenen seufzt, es nicht wagt, sich herbeizudrängen und um Hülfe zu bitten; wo widrige Vorfälle den fleißigen Mann, den Mann, der einst bessre Tage gesehen hat, zu Boden schlagen; wo eine zahlreiche ehrliche Familie, mit allem Fleiße, durch die tägliche Arbeit ihrer Hände nicht so viel erringen kann, um sich gegen Hunger, Blöße und Krankheit zu schützen; wo auf hartem Lager, in durchwachten, durchseufzten Nächten, schamhafte Thränen über gerungene Hände rollen: — dahin, menschenfreundlicher Wohlthäter! dahin dringe Dein Blick! Da kannst Du Deine Gelder herrlich anlegen, und Zinsen erwerben, die keine Bank auf Erden Dir zusichern kann.
Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Muth. Er fürchtet aller Orten zurückgesetzt zu werden, glaubt jede Demüthigung ertragen zu müssen, und zeigt sich überall in ungünstigem Lichte. — Ach! ermuntre einen also Niedergedrückten! Ehre ihn, wenn er es sonst verdient, und bewege Deine Freunde, daß sie ein Gleiches thun!
Manchen aber drücken schwerere Leiden, als die der Armuth und des Mangels: Seelenleiden, die an der Knospe des Lebens nagen. O! schone des Kummervollen! Pflege seiner! Suche ihn aufzurichten, zu trösten, mit Hoffnung zu erfüllen, Balsam in seine Wunden zu gießen, und wenn Du seine Last nicht erleichtern kannst, so hilf wenigstens tragen, und weine eine brüderliche Thräne mit ihm! Richte aber die Art Deiner Behandlung vernünftig ein! Es gibt Augenblicke des Schmerzes, wo alle Gründe der Philosophie keinen Eingang finden, und da ist das Mitgefühl oft das beste Labsal. Es gibt einen Kummer, dessen Tilgung man ruhig und still der Zeit überlassen muß; es gibt Leidende, die erleichtert werden, wenn man ihnen Gelegenheit gibt, ihr Herz auszuschütten, und von dem zu reden, was ihr ganzes Herz erfüllt; es gibt Schmerzen, die nur Einsamkeit lindert, und Lagen, in welchen ein festes, männliches Zureden, Erweckung des Muths, Aufruf zu stolzer Zuversicht, die besten Tröstungen sind; ja es gibt selbst solche, wo man den Niedergebeugten mit Gewalt herausreissen muß, wenn er nicht der Verzweiflung zum Raube werden soll. Die Klugheit aber allein kann uns in jedem dieser einzelnen Fälle lehren, welche unter diesen Mitteln wir zu wählen haben.
Die Unglücklichen ketten sich gern an einander. Statt sich aber gemeinschaftlich zu trösten, winseln sie mehrentheils nur mit einander, und versinken immer tiefer in Schwermuth und Hoffnungslosigkeit. Darum suche doch der Kummervolle, dem weder die Forderungen und Gründe seiner eigenen Vernunft, noch Zerstreuungen seinen Zustand erträglich machen, den Umgang eines verständigen, nicht empfindelnden Freundes, damit er an seiner Seite die Kraft gewinne, die Gedanken auf andere Gegenstände zu richten, die seinen Schmerz nicht nähren.
Es gibt Menschen, die in unglücklichen Lagen und Verhältnissen, weniger traurig, als mürrisch, zänkisch, ja, sogar hämisch sind, so daß sie Unschuldige darunter leiden lassen, wenn nicht alles nach ihrem Kopfe geht. Ein edles Herz wird sanfter durch den Schmerz; und selbst der Menschenfeind, den Schicksale erbittert haben, wird, wenn er sonst ein guter Mensch ist, wohl düster, verschlossen, auch nach seinem Temperamente vielleicht einmal ungeduldig und auffahrend werden; aber er wird nie vorsätzlich auf einen Dritten die Last seines Kummers wälzen, und dieß um so weniger, je schwerer seine Leiden sind.
Die mehrsten Menschen haben nur Mitleid mit stillem Kummer, empfinden aber Ueberdruß bei lauten Klagen; vielleicht weil diese sie gleichsam zwingen zu wollen scheinen, Theil daran zu nehmen.
Der Unterdrückten, Zurückgesetzten und Verfolgten soll man sich annehmen, in so fern es die Klugheit erlaubt, und wir ihnen dadurch nicht etwa mehr schaden, als nützen. Dieß ist nicht nur Pflicht, wenn von thätiger Hülfe und Rettung des ehrlichen Namens die Rede ist; auch im gesellschaftlichen Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft übersehen und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird, wo Rang und Glanz gegen den innern Werth verblenden, wo Schwätzer und Windbeutel den Weisen überschreien, wird es sich der Edle zur Pflicht machen, das bescheidene und schüchterne Verdienst hervorzuziehen, und den Verdienstvollen, der stumm und verlegen dasteht, von niemand angeredet, ja, mit Verachtung behandelt, gedemüthigt, lächerlich gemacht wird, durch ehrenvolles Anreden und Entgegenkommen zu ermuntern und auszuzeichnen. Wie unedel und wie ungerecht ist die Geringschätzung und Härte, mit welcher zuweilen Stabs-Officiere jungen Leuten begegnen, die doch schon die erste Stufe erstiegen haben, um zu werden, was Jene sind; oder Patronen ihren Hofmeistern und Predigern, oder vornehme Damen ihren Gesellschafterinnen, oder eitle Stadtmädchen einem armen eingeschüchterten Landmädchen, das in ihre Mitte verschlagen wird. Solch ein Betragen ist eben so sehr Verletzung der Klugheit, als der Pflicht.
Neid und Mißgunst verfolgen den Glücklichen; Bosheit und Kabale ruhen selten eher, als bis sie alles niedergedrückt haben, was über sie emporragte; aber kaum ist ein Mensch ganz zu Boden geschlagen, so sucht Jeder, selbst Der, welcher ihn verfolgt hat, eine Ehre darin, seine Parthei zu ergreifen; doch, wohl zu merken! wenn keine Hoffnung mehr da ist, daß er hierdurch wieder emporkomme. Man möchte also fast sagen, man wäre nicht ganz verloren, so lange man noch Feinde hätte.
Unter allen Unglücklichen sind wohl die Verirrten und Gefallenen am meisten zu bedauern. Hierunter verstehe ich Solche, die, vielleicht durch einen einzigen Fehltritt in eine Kettenreihe von Vergehungen verflochten, das Gefühl für die Tugend erstickt, oder die Fertigkeit, schlecht zu handeln, erlangt, oder alle Zuversicht zu Gott, zu den Menschen, und zu sich selbst, also auch den Muth verloren haben, den bessern Weg wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriff stehen, so tief zu fallen. Sie sind höchst bedauernswürdig; denn sie entbehren den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden aufrichten kann: das Bewußtseyn, nicht muthwilliger Weise sich ihr hartes Schicksal zugezogen zu haben. Diese Unglücklichen verdienen aber nicht nur unser Mitleiden, nein, auch unsre brüderliche Nachsicht, unsre Zurechtweisung, und, wenn es noch Zeit ist, unsern Beistand. Wenn man immer weise, duldend und unpartheiisch genug wäre, zu überlegen, wie leicht das schwache menschliche Herz irre zu leiten ist; wie unwiderstehlich bei heftigen Leidenschaften, warmem Blute und verführerischen Gelegenheiten, manche Reizungen werden können; wie blendend, anlockend und bezaubernd die Aussenseiten mancher Laster sind; wie das Laster sogar, mit Geist verbunden, durch sophistische Gründe die innere Stimme der bessern Ueberzeugung zum Schweigen zu bringen weiß, und wie es dann nur auf einen kleinen Schritt ankömmt, um das Opfer der feinsten Täuschung, und stufenweise unmerklich in das schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden; wenn man bedenken wollte, wie oft Mißmuth, oder Verzweiflung über ein feindseliges Schicksal aus einem Menschen von den besten Anlagen einen Bösewicht und Verbrecher machen; wie man durch ungerechtes, entstehendes Mißtrauen alle gute Gefühle einbüßen, alles Vertrauen zu sich selbst verlieren, und in den Abgrund des Lasters geschleudert werden kann, so würde man aufhören, die Gefallenen mit unbarmherziger Strenge zu richten, würde nicht so zuversichtlich auf Tugenden trotzen, die nicht selten nur das Werk eines kalten Temperaments, das Werk glücklicher Verhältnisse und einer vorzüglichen Leitung sind; würde es für Pflicht erkennen, sich der Gefallenen anzunehmen, und dem Strauchelnden liebevoll die Hand zu reichen. — Aber heißt das nicht, tauben Ohren predigen? — Doch mein Herz drängt mich, über diesen Gegenstand etwas zu sagen. Also zur Sache! — Nichts bessert weniger, als kalte moralische Predigten. Es gibt wenig Menschen, selbst unter den Lasterhaften, die nicht eine Menge herrlicher Gemeinsprüche über die Pflichten, welche sie übertreten, zu sagen wüßten; das Unglück ist nur, daß die Stimme der Leidenschaft mit wärmerer Beredtsamkeit spricht, als die Stimme der Vernunft. Willst Du also dieser gegen jene Gewicht geben, so mußt Du die Kunst verstehen, Deine Tugend-Lehren in ein reizendes Gewand zu hüllen, mußt nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die Sinnlichkeit Dessen, den Du zurechtweisen willst, auf Deine Seite bringen; Dein Vortrag muß warm, und nach den Umständen bildreich, sinnlich, erschütternd, hinreissend seyn. Allein der Mann, den Du vor Dir hast, muß Dich auch lieben und hochschätzen, muß sich zu Dir hingezogen fühlen, muß mit Enthusiasmus für das Gute und Schöne erfüllt werden, und dabei in der Entfernung Ehre, Freude und Genuß auf dem Wege erblicken, auf welchen Du ihn zu leiten suchst. Dein Umgang, Dein Rath und Dein Trost muß ihm zum Bedürfniß werden. Dieß aber erlangst Du nicht, wenn Du als ein stolzer, strenger Gesetzprediger vor ihn hintrittst; wenn Du ihm mit Deiner kalten Moral Langeweile machst; wenn Du ihn mit Anmerkungen über das Geschehene, das doch nun nicht mehr zu ändern ist, ermüdest, und ihm erzählst, wie es ganz anders würde gekommen seyn, wenn — es nicht so gekommen wäre, wie es gekommen ist, wenn er Dir hätte folgen wollen. Nichts ist ferner so fähig, zur Niederträchtigkeit zu verleiten, als öffentliche Verachtung und Aeusserung eines fortdauernden Mißtrauens in die Besserung eines Menschen. Wem es daher ein Ernst ist, einen Verirrten zu retten, der begegne ihm mit Schonung, und zeige ihm wenigstens äusserlich ein ermunterndes Vertrauen; der lasse ihn das stolze und selige Bewußtseyn und die unerschütterliche Seelenruhe ahnen, welche der schöne Lohn seiner Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung seyn wird; der werfe dem Gefallenen nie, auch nicht auf die entfernteste Weise, seine ehemaligen Verirrungen vor; sondern scheine nur Augen für seine jetzige Aufführung zu haben! Allein es geht nicht so schnell mit Ablegung von Lastern, die uns schon zu einer Art von Fertigkeit geworden sind; also darf uns ein kleiner Rückfall nicht befremden; und obgleich Du dann die Stärke Deines Vortrags und der Mittel zur Besserung verdoppeln mußt, so sollst Du doch nicht muthlos werden, noch dem Rückkehrenden den Muth benehmen. Laßt uns endlich zur Ehre der Menschheit und zur Erweckung unsers Eifers glauben, daß niemand in der Welt so tief gefallen, so von Grund aus verdorben seyn könne, daß ihm nicht, bei redlicher, eifriger Anwendung der besten Rettungsmittel, noch zu helfen wäre! Und Ihr, die Ihr in der großen Welt lebet, und so bereitwillig seyd, einen Mann oder ein Weib, die durch irgend eine zweideutige oder schlechte Handlung sich erniedrigt, oder auch wohl nur etwa lächerlich gemacht haben, auf immer aus Euren Gesellschaften zu verbannen, und mit Schande und Spott zu beladen, indeß Hunderte unter Euch umherwandeln, die entweder dasselbe heimlich treiben, oder wenigstens treiben würden, wenn es die Umstände erlaubten; denket, daß Ihr es zu verantworten habt, wenn Verzweiflung Jene ergreift, wenn sie von Stufe zu Stufe hinabsinken, und wenn sie, da die bessern Häuser ihnen verschlossen sind, sich einen Umgang wählen, in welchem sie immer niederträchtiger werden, und zuletzt, ohne Rettung verloren, durch Eure Schuld zu Grunde gehen!
Zwölftes Kapitel. Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen Leben.
1.
Ich habe bei mancher Gelegenheit Gegenwart des Geistes und Kaltblütigkeit, als Haupt-Erfordernisse zu allen Geschäften und Verrichtungen im menschlichen Leben, empfohlen; nirgends aber sind uns diese Eigenschaften nothwendiger, als in Vorfällen, wo wir, oder Andre, in augenscheinlicher Gefahr schweben. Hier hängt die ganze Rettung in kritischen Augenblicken zuweilen von einem raschen Entschlusse ab. Halte Dich daher nicht mit Geschwätzen auf, wo es Noth ist, zu handeln! Unterdrücke Dein zu zartes Gefühl, und winsele nicht, wo Du zugreifen solltest! Sey besonnen in Feuer- und Wassers-Noth und ähnlichen Gefahren, wo man oft alles verliert, wenn man den Kopf verliert, — wo Die, welche wir retten können, zuweilen mit unwiderstehlicher Gewalt gezwungen werden müssen, sich uns zu überlassen! Vorzüglich wichtig wird diese Gegenwart des Geistes auch dann, wenn man unerwartet von Dieben und Mördern angegriffen wird. Räuber und Banditen sind fast immer entweder furchtsam, oder, wenn Verzweiflung sie kühn macht, nicht genug auf ihrer Hut, — auf ernsthaften, förmlichen Widerstand nicht vorbereitet. Ein entschlossener, kaltblütiger Mann ist da stärker, als zehn solcher Elenden, die ihn angreifen. Hier muß aber wohl überlegt werden, ob es Schaden oder Nutzen stiften könne, sich mit Schieß- oder anderm Gewehre zu vertheidigen, oder nicht; ob es gerathener sey, Lärm zu machen, oder sich in sein Schicksal zu finden; der Uebermacht zu weichen und mit Hingebung seines Mammons sein Leben zu erkaufen, oder das Leben daran zu setzen. Es lassen sich darüber unmöglich allgemeine Regeln geben. Um aber auf jeden dieser Fälle sich gefaßt zu halten, rathe ich, bei kaltem Blute sich in dergleichen Lagen hineinzudenken, und sich dann dienliche Maaßregeln vorzuschreiben. Ich halte es auch für einen wichtigen Theil der Erziehung, seine Kinder zuweilen nicht nur durch Fragen, wie sie sich bei solchen Gelegenheiten betragen würden, aufmerksam auf unerwartete Vorfälle aller Art zu machen, sondern sie auch zuweilen in wirkliche kleine Verlegenheit zu setzen, um sie an Gegenwart des Geistes zu gewöhnen, und sie auf die Probe zu stellen.
2.
In einer Schrift über den Umgang mit Menschen kann nur ein geringer Theil der Regeln Platz finden, welche man auf Reisen und unter Fremden zu beobachten hat; doch darf ich diesen Gegenstand auch nicht ganz mit Stillschweigen übergehen; denn zu dem, was man unter Menschen treibt, gehört doch auch das Reisen. Also einige Bemerkungen über das Betragen auf Reisen und gegen Reisende.
Es ist weise gehandelt, bevor man ausreist, aus Büchern oder mündlichen Erzählungen sich genau von dem Wege, den man nehmen will, von demjenigen, was unterweges und in den Oertern, die man besuchen möchte, zu bemerken, zu beobachten und zu vermeiden ist, nicht weniger von den Preisen und den unvermeidlichen Geld-Ausgaben zu unterrichten, damit man weder betrogen werde, noch in Verlegenheit gerathe, noch etwas zu sehen verabsäume, das der Aufmerksamkeit werth scheint.
Der Mann von Kenntnissen, von einigen Talenten, von unbescholtenem gutem Rufe und von feinen und guten Sitten bedarf nicht einer Menge von Empfehlungs-Briefen, wie die mehrsten Reisenden von gemeiner Art mit auf den Weg zu nehmen pflegen. Er wird sich schon überall bekannt zu machen und in Achtung zu setzen wissen, ohne sich und Andern Zwang aufzulegen. Oft fügt es sich indessen, daß man in einer Stadt, durch Empfehlungs-Briefe oder sonst, mit zwei Personen in Bekanntschaft kömmt, die mit einander in Feindschaft leben. Es ist daher der Klugheit gemäß, an einem fremden Orte, bevor man von solchen kleinen Umständen unterrichtet ist, in den Häusern, in welchen man Zutritt erhält, von seinen übrigen Verbindungen nicht zu reden, gelegentlich aber zu äussern, daß man, als ein Fremder, sich um dergleichen Händel nicht bekümmern wolle.
Man verrechnet sich leicht in seinen Ueberschlägen der Reise-Kosten; ich rathe daher nicht nur, nach gemachtem Ueberschlag, sich immer etwa auf ein Drittel mehr gefaßt zu halten, als die gezogene Summe beträgt, sondern auch besorgt zu seyn, daß man in den Haupt-Oertern, durch welche man kömmt, an sichre Geschäftsmänner gewiesen sey, oder sonst Mittel habe, im Fall unvorhergesehene Umstände eintreten, sich aus der Verlegenheit zu reissen.
In Deutschland hat man mehr, als in andern Ländern, Ursache, wegen des sehr verschiedenen Münzfußes, sich beim Geld-Wechseln in Acht zu nehmen, und es ist etwas sehr Gewöhnliches, daß schelmische Gastwirthe den Fremden dabei hintergehen, oder ihm auf Gold Münze herausgeben, die er auf der nächsten Post nicht brauchen kann.
Wem es ein Ernst ist, seine Menschen- und Länder-Kenntnisse zu erweitern, der mische sich klüglich unter Personen von allerlei Ständen! Die Leute von gutem Tone sehen einander in allen europäischen Staaten und Residenzen ähnlich; aber das eigentliche Volk, oder noch mehr der Mittelstand, trägt das Gepräge der Sitten des Landes. Nach ihnen muß man den Grad der Kultur und Aufklärung beurtheilen.
Zum Reisen gehört Geduld, Muth, gute Laune, Vergessenheit aller häuslichen Sorgen, und daß man sich durch kleine widrige Zufälle, Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost u. dergl. nicht niederschlagen lasse. Dieß ist doppelt zu empfehlen, wenn man einen Gesellschafter bei sich hat; denn nichts ist langweiliger und verdrießlicher, als mit einem Manne zu reisen, und in einem Kasten eingesperrt zu sitzen, der stumm und mürrischer Laune ist, bei dem geringsten unangenehmen Ereigniß aus der Haut fahren will, über Dinge jammert, die nicht zu ändern sind, und in jedem kleinen Wirthshause so viel Gemächlichkeit, Wohlleben und Ruhe fordert, wie er zu Hause hat.
Das Reisen macht gesellig; man wird da mit Menschen bekannt, und auf gewisse Weise vertraut, die man ausserdem schwerlich zu Gesellschaftern wählen würde; das ist auch weiter von keinen Folgen, wenn man sich hütet, in der Vertraulichkeit gegen Fremde, die man unterweges antrifft, zu weit zu gehen, und dadurch Abentheurern und Spitzbuben in die Hände zu fallen.
Ich rathe niemand, sich auf Reisen einen fremden Namen zu geben; man kann dadurch, ehe man sich's versieht, in große Verlegenheit gerathen; und selten ist es nöthig und nützlich, ein solches Incognito zu beobachten.
Manche Leute suchen etwas darin, auf Reisen zu prahlen, viel Geld zu verzehren, glänzen zu wollen, und prächtig gekleidet zu seyn. Das ist eine thörichte Eitelkeit, die sie in den Wirthshäusern theuer abbüßen müssen, ohne für ihr Geld mehr zu erhalten, als der einfache Reisende. Niemand erinnert sich weiter des Fremden, der so viel Aufwand gemacht hat, wenn dieser weiter gereiset, und nichts mehr von ihm zu ziehen ist. Doch ist es der Klugheit gemäß, anständig, und was man rechtlich nennt, in seinem Aufzuge zu seyn, sich nicht zu vornehm und nicht zu demüthig, nicht zu reich und nicht zu arm zu stellen, weil man sonst, in beiden Fällen, leicht entweder für einen unwissenden Pinsel, dessen erste Ausflucht dieß ist, und den man also nach Gefallen prellen kann, oder für einen gewaltig vornehmen Herrn, von dem etwas zu ziehen ist, oder für einen Abentheurer angesehen wird, dem man aus dem Wege gehen, und der mit schlechter Bewirthung vorlieb nehmen müsse.
Man spare auf der Reise nicht am unrechten Orte! So gebe man z. B. den Postknechten zwar nicht übertriebene, aber doch nach den Umständen reichliche Trinkgelder. Sie sagen sich das Einer dem Andern auf den Stationen wieder; man kömmt dann schneller fort, und hat manche Vortheile davon, besonders den, daß man ihrer Grobheit nicht ausgesetzt ist.
Wer Bäder besucht, und seine Ruhe, seine Gesundheit und sein Geld nicht verlieren will, fliehe das Spiel, das eigentlich aus allen Bad- und Brunnen-Oertern auf ewig verbannt seyn sollte, und überhaupt nur für die nichtswürdigsten Menschen eine Lieblings-Beschäftigung seyn kann. In Bädern soll Jeder dazu mitwirken, allen lästigen Zwang, nicht aber Sittsamkeit und Gefälligkeit, aus den gesellschaftlichen Zirkeln zu verbannen. Hier muß, besonders wenn der Kreis der Gäste klein ist, eine Menge Rücksichten und Vorsichtigkeits-Regeln, denen man sich im bürgerlichen Leben unterwirft, wegfallen, Duldung und Einigkeit herrschen, und aller Partheigeist bei Seite gesetzt werden. Man lebt da nur für unschuldigen Genuß und Vergnügen. Nach Ablauf dieser Zeit rückt Jeder wieder in die Rolle ein, die der Staat ihm anvertrauet hat.
Deutsche Posthalter, Wagenmeister und Postknechte pflegen in dem Rufe einer ausgezeichneten Grobheit zu seyn. Es kömmt aber alles auf die Art an, wie man mit ihnen umgeht; ein ernsthaftes, von einer gewissen Würde begleitetes Betragen, und, wo es anzubringen ist, ein freundliches Wort, wird bei diesen Leuten selten ohne gute Wirkung angewandt.
Wenn man an dem Wagen etwas zerbricht, so sind mehrentheils in den Städten die Handwerksleute sogleich bei der Hand, verstehen sich auch wohl mit den Postknechten, den Schaden für viel größer anzugeben, als er ist, um desto mehr Geld von dem Reisenden zu ziehen. Ich rathe desfalls, bei solchen Gelegenheiten alles selbst zu untersuchen, oder durch treue Bediente untersuchen zu lassen, bevor man Befehle zur Ausbesserung gibt.
Die Postknechte sind größtentheils von den Gastwirthen bestochen (oder ein Wirth verabredet sich mit dem andern in der nahe gelegenen Stadt), um dem Fremden gewisse Gasthöfe zu empfehlen, die darum aber weder immer die besten, noch die wohlfeilsten sind. Es ist daher vernünftig, sich hierauf nicht zu verlassen, sondern sich bei andern sichern Leuten zu erkundigen: wo man am besten und billigsten behandelt werde.
Die Bedienten, die man mit sich auf Reisen nimmt, sollen wohl darauf Acht geben, daß die Postknechte, welche mit den Pferden zurückreiten, nicht, wie es vielfältig geschieht, Schwengel, Nägel oder andere Kleinigkeiten, die zum Wagen gehören, mitnehmen. Auch pflegen diese mit den Chaussee-Aufsehern sich zu verstehen, an den Weghäusern vorbeizufahren, unter dem Vorwande, uns nicht aufhalten zu wollen, nachher aber eine Rechnung zu machen, vermöge deren Reisende doppelt so viel bezahlen müssen, als festgesetzt ist, und sie gegeben haben würden, wenn sie das Weggeld jedesmal selbst entrichtet hätten.
Es ist eine Regel der Klugheit, vorher mit Handwerksleuten auf das genaueste zu dingen, bevor man etwas ausbessern läßt, oder sonst Dinge, die zur Bequemlichkeit dienen, an fremden Oertern anschafft.
Kehrt man zum erstenmal in ein Wirthshaus ein, so kann es Vortheil bringen, wenn man den Wirth hoffen läßt, man werde öfter da ansprechen; er pflegt dann billiger mit der Zeche zu seyn, um sich zu empfehlen.
Wenn der Gastwirth übermäßig viel für die Zehrung fordert, und sich nicht auf einen starken Abzug einlassen will: so thut man doch nicht wohl, ihm schriftliche Rechnung und genaue Specification jedes einzelnen Punkts abzufordern, es müßte denn der Mühe werth seyn, ihn bei der Polizei zu belangen. Fängt er an aufzuschreiben, so rechnet er immer noch mehr heraus, als er anfangs gefordert hatte; — und wer kann dann mit einem solchen Taugenichts über die Preise der Lebensmittel sich herumzanken? In Wirthshäusern, wo Wein zu haben ist, wird der Wirth, wenn man Bier fordert, immer versichern: das Bier sey sehr schlecht. Hier ist der beste Rath, nur gleich Wein zu bestellen, und das Bier hinterher zu verlangen.
Die Wirthe fragen gemeiniglich: was der Gast zu essen wünsche? — Das ist ein Kunstgriff, durch den man sich nicht fangen lassen muß. Denn, bestellt man nun etwas, z. B. ein Huhn, einen Pfannekuchen, oder dergleichen: so muß man das Gericht, und noch obenein eine gewöhnliche Mahlzeit bezahlen. Man thut da am besten, zu antworten: man verlange nichts, als was gerade im Hause, oder schon zubereitet sey. Auch ist es rathsam, keine fremde Weine, sondern nur gemeinen Tischwein zu begehren. Es kömmt doch alles aus demselben Fasse, nur mit dem Unterschiede, daß das, was man dem Fremden als alten oder fremden Wein verkauft, kostbareres Gift ist, als das, womit man ihn am allgemeinen Wirthstische versorgt. Und selbst an dieser Wirthstafel zu speisen, ist gewiß für einen einzelnen Reisenden wohlfeiler und unterhaltender, als auf seinem Zimmer seiner eignen Person gegenüber zu sitzen.
Manche Postmeister, die zugleich Gastwirthe sind, brauchen folgenden Kunstgriff zu ihrem ökonomischen Vortheile: Wenn man Pferde wechselt, und indeß eine kleine Mahlzeit bestellt, so dauert es ungebührlich lange, ehe diese fertig wird. Indeß werden die Pferde gefüttert und angeschirrt. Kaum aber steht das Essen auf dem Tische, so meldet schon der Postillon mit dem Horn, daß er fertig sey und fort wolle. Man soll also in Eil wenig essen, und dennoch eine ganze Mahlzeit bezahlen. Ich rathe aber, wenn man nicht sehr eilig ist, sich nicht irre machen zu lassen, sondern mit voller Muße zu speisen.
Wenn in Ländern, wo keine gute Post-Ordnung eingeführt ist, Postmeister dem Reisenden mehr Pferde aufdringen wollen, als billig ist, und zu Fortschaffung seines Fuhrwerks nöthig sind, sey es nun unter dem Vorwande von schlechten Wegen, böser Jahrszeit, oder daß die Kutsche zu schwer sey: so hilft es selten, wenn man sich auf's Bitten legt, oder sein Recht, auf eben solche Weise weiter befördert zu werden, wie man gekommen ist, strenge behaupten will; denn jene Leute wissen wohl, daß einem Fremden mehr daran gelegen ist, nicht aufgehalten zu werden, als sich zu verweilen, um einen Proceß bei dem Ober-Postamte zu führen. Da indessen das Vorspannen mehrerer Pferde Folgen für alle übrigen Stationen hat, so pflegen sich die Posthalter, wenn sie recht höflich sind, zu erbieten, einen schriftlichen Schein auszustellen, daß dieß weiter nicht von Folgen seyn solle. Hierauf aber lasse man sich nicht ein! Dies Papier hat keinen Nutzen. Auf dem nächsten Wechselplatze wird man, wenn gerade ein Paar Pferde müssig stehen, nichts desto weniger eben so viele vorspannen, und wiederum einen Schein anbieten, der eben so unwirksam bleiben würde, wie der erste. Das sicherste Mittel bei solchen Fällen ist, entweder dem Wagenmeister ein gutes Trinkgeld zu geben, und den Postillon, welcher fahren soll, auf eben diese Art zu gewinnen, oder ein Pferd mehr zu bezahlen, ohne es vorspannen zu lassen.
Wenn man Wasser-Reisen auf Strömen macht, oder Hausrath auf diese Weise fortbringen läßt: so baue man nie auf die Versprechungen der Schiffer, in Ansehung der Zeit, binnen welcher sie an Ort und Stelle seyn wollen! Sie halten sich mehrentheils unterwegs auf, um noch mehr Fracht zu ihrem Vortheile aufzunehmen, oder Schleichhandel zu treiben, wenn sie heimlich Kaufmannsgüter mit eingeladen haben; es müßte denn über dies Alles der bündigste schriftliche Contract aufgesetzt seyn.
Wer zu Pferde reist, sey es nun mit oder ohne Reitknecht, der darf sich nicht auf die Leute in den Wirthshäusern in Ansehung der Verpflegung seiner Pferde verlassen, sondern muß selbst besorgt seyn, oder seine Bedienten dazu anhalten, daß die Pferde in einem guten, reinen und gesunden Stalle, von fremden Gäulen getrennt, gehörig gewartet und gefüttert werden.
Wenn ich nicht fürchtete, weitschweifig zu werden, so würde ich hier noch manche, gewiß nicht unnütze Vorschrift geben, z. B. daß man fremde Pferde schonen; daß man, wenn man größere Reisen machen will, langsam in den Stall, und langsam aus dem Stalle reiten solle; daß man nicht wohl thue, in Städten über Kanäle, die mit Brettern bedeckt sind, zu reiten, und so ferner. Man sage nicht, daß dieß bekannte Dinge sind, Sehr viel Leute lernen zu Pferde sitzen und Pferde bändigen! aber praktisch reiten lernt man nicht auf der Bahn. Allein ich sehe schon die Herren Krittler die Nase darüber rümpfen, daß so etwas in einem Buche über den Umgang mit Menschen Platz finden sollte. Wer aber überlegt, daß in diesem Buche überhaupt Vorschriften zu einem glücklichen, ruhigen und nützlichen Leben in der Welt und unter Menschen gegeben werden sollen, der wird sich wundern, wenn er hört, daß ein deutscher Recensent gesagt hat: ich sey in den Fehler so vieler deutscher Schriftsteller gefallen, die ihren Werken zu viel Vollständigkeit geben wollten, und darüber freilich — weniger unterhaltend schrieben.
Das Fußgehen ist gewiß die angenehmste Art zu reisen. Man genießt die Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt unter allerlei Leute mischen; beobachten, was man ausserdem nicht erfahren würde; man ist ungebunden, kann das freundlichste Wetter und den schönsten Weg wählen, sich aufhalten, einkehren, wann und wo man will; man stärkt den Körper, wird weniger erhitzt und gerüttelt, hat gute Eßlust und süßen Schlaf, und ist, wenn Müdigkeit und Hunger der Bewirthung das Wort reden, leicht mit jeder Kost und jedem Lager zufrieden. Doch ist diese Art zu reisen in Deutschland mit einiger Schwierigkeit verknüpft. Zuerst hat man die Ungemächlichkeit, nur wenig Kleidungsstücke, Bücher, Schriften u. dgl. mit sich führen zu können. Diesem kann man indessen dadurch einigermaßen abhelfen, daß man, was etwa ein Bote nicht tragen kann, mit der Post in die Haupt-Oerter schickt, durch welche man reisen will. Allein eine zweite Unbequemlichkeit besteht darin, daß diese, in Deutschland für einen Mann von Stande ungewöhnliche Art zu reisen, zu viel Aufmerksamkeit erregt, und daß die Gasthalter nicht eigentlich wissen, wie sie uns behandeln sollen. Ist man nämlich besser gekleidet, als gewöhnliche Fußgänger, so wird man entweder für einen verdächtigen Menschen, für einen Abentheurer, oder für einen Geizhals gehalten; man wird beobachtet, ausgefragt, und, mit Einem Worte: man paßt nicht in den Tarif, nach welchem die Wirthe ihre Fremden zu taxiren pflegen. Ist man aber schlecht gekleidet, so wird man, wie ein reisender Handwerksbursche, in Dachstübchen und schmutzige Betten einquartirt, oder man muß jedesmal weitläuftig erzählen: wer man sey, und warum man nicht mit Kutschen und Pferden erscheine? Bei Fußreisen ist die Gesellschaft eines verständigen und muntern Freundes vorzüglich angenehm.
Man verlasse sich nicht auf die Bauern, wenn sie uns Fußwege anzeigen, die näher, als die gewöhnlichen, seyn sollen! So wie überhaupt diese Menschen voll Vorurtheile und voll Anhänglichkeit an alte Gewohnheiten sind, so gehen sie auch immer die Wege, die vom Vater auf den Sohn herab für die nächsten sind anerkannt worden, ohne daß sie Augenmaß und Ueberlegung gebrauchen, um die Irrthümer ihrer Voreltern zu berichtigen. Doch kann man hierin auch leicht das Mißtrauen zu weit treiben.
Hat man große Tagereisen zu Fuße zu machen, so genieße man früh Morgens nichts, als ein Glas Wasser! Hat man dann einige Stunden zurückgelegt, und fühlt sich ermüdet, so ist Kaffee und Brod zur Erquickung heilsam. Zuweilen ein Glas Wein, kann auch nicht schaden; Branntewein macht müde und schlaff.
Macht man den Weg durch einen unbekannten Wald, und denkt binnen ein- oder zwei Tagen wieder zurückzukehren: so streue man hie und da abgerissene Zweige auf seinen Pfad, um darnach den Weg wieder zu finden; man gehe nie ohne Gewehr, wenigstens nie ohne Stock!
Ueber das Betragen gegen fremde Reisende ist schon im neunten Kapitel dieses Theils etwas gesagt worden. Hier füge ich nur noch folgende Bemerkungen bei: man hat in jetzigen Zeiten Ursache, vorsichtig gegen solche Leute zu handeln, nicht nur, um von Abentheurern und schlechten Menschen unbehelligt zu bleiben, sondern auch den sogenannten reisenden Gelehrten nicht Gelegenheit zu geben, aus unsern vertraulichen Gesprächen ihre Anekdoten-Sammlungen zu bereichern, und uns nachher, zum Danke für unsere Gastfreundschaft, gedruckt aufzustellen. Auf der andern Seite aber sey man auch so billig, Fremde, die sich uns nicht aufdringen, edel zu behandeln, und sie nicht etwa zur Geschwätzigkeit zu verleiten, um nachher aus diesen unsichern einzelnen Zügen ein Bild von ihnen zu entwerfen, und der Welt mitzutheilen.
3.
Da leider die Nüchternheit in der Welt immer seltener zu werden anfängt, und der Rum, selbst in Damengesellschaften, an der Tagesordnung ist, so mag hier auch von dem Umgange mit betrunkenen Leuten die Rede seyn, obgleich bei diesem Umgange wenig Vernunft und Klugheit anzubringen ist. Der Wein erfreuet des Menschen Herz, und wenn man diese Arzenei nicht wie ein nothwendiges Bedürfniß, ohne welches man durchaus nicht in frohe Laune zu setzen ist, sondern wie ein Erweckungsmittel braucht, um in trüben Augenblicken den natürlichen guten Humor, der nie ganz aus dem Gemüthe eines ehrlichen Biedermannes weichen darf, unter dem Schutte von häuslichen Sorgen hervorzurufen: so ist nichts dagegen einzuwenden. Allein kein Anblick ist so widrig für den verständigen Mann, als der eines Menschen, welcher sich durch starke Getränke um Sinne und Vernunft gebracht hat. Wenn es aber auch nicht bis zur völligen Betrunkenheit kommt, sondern nur bei einem Rausche bleibt, so ist es doch eine etwas unbequeme Lage, der einzige ganz Kaltblütige in einer Gesellschaft von Leuten zu seyn, die sich durch ein Gläschen über die Gebühr erhitzt, begeistert, und um einen Ton höher gestimmt haben; und wenn man den Tag mit ernsthaften Geschäften hingebracht hat, und dann des Abends in einen Zirkel solcher Gäste geräth: so ist fast kein anderes Mittel zu finden (oder man müßte denn von Natur zu den Lustigmachern gehören), als ein wenig mit zu zechen, um sich denselben Schwung zu geben, oder vielmehr: mit den Wölfen zu heulen.
Die Wirkungen des Weins auf die Gemüther der Menschen sind aber, nach ihren natürlichen Temperamenten, sehr verschieden. Manche zeigen sich äusserst lustig; Andre sehr zärtlich, wohlwollend und offenherzig; Andre melancholisch, schläfrig, verschlossen; Andre hingegen geschwätzig, und noch Andre zänkisch, wenn sie berauscht sind. Man thut wohl, der Gelegenheit auszuweichen, mit Betrunkenen von dieser letztern Art in Gesellschaft zu gerathen. Ist dieß aber nicht zu vermeiden, so kann man doch darin mehrentheils mit einem vorsichtigen, nachgebenden und höflichen Betragen, und dadurch, daß man ihnen nicht widerspricht, so ziemlich gut fortkommen. Daß man auf das, was ein Mensch im Rausche verspricht, nicht bauen dürfe; daß man sich wo möglich hüten müsse, eine Ausschweifung im Trunke zu begehen, wenn man aus warnender Erfahrung weiß, daß man einen bösen Rausch hat; daß es unedel gehandelt sey, diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nützen, um ihm Zusagen oder Geheimnisse zu entlocken; und endlich, daß man mit Leuten, die zu tief in die Flasche geschauet haben, keine ernsthafte Sachen verhandeln müsse: — das versteht sich wohl von selbst.
Allgemeine Behandlung der Kinder in den Jahren der ersten Entwickelung.
1.
Die in ihrer richtigen und ungestörten Entwickelung begriffene Natur des Kindes unterstütze man so, daß sie immer sichtbarer und glücklicher gedeihe. Dazu dient zweckmäßige und abgestufte Beschäftigung — Uebung der Denkkraft (man soll nicht abweisen die Fragen der Wißbegier und des Forschens), und Mittheilung neuer Kenntnisse, welche an die erlangten geknüpft werden, damit die Seele sie desto leichter aufnehme, und das Unbekannte durch das Bekannte erläutert werde. — Eine Hauptsache hiebei ist die Belebung des Selbstgefühls durch gemäßigtes Lob und wohlwollende Ermunterung (daher kein Kritteln); Stärkung der Liebe zum Guten durch Belohnung, doch mit Verhütung des Eigennutzes.
2.
Man wechsele mit der mehr negativen und mehr positiven Behandlung, so wie in der Jugend-Entwickelung mehr das eine oder andere vorherrscht. Nicht zu frühes Antreiben zum Lernen und Arbeiten — und zum Sprechen — kein Erzwingen von Artigkeit, so lange das Kind noch keinen Sinn für das Anständige haben kann. So soll die früheste Erziehung in dem Erregen und Einflößen guter Gefühle bestehen, oder vielmehr darin, daß man das Kind mit freundlichen Eindrücken umgibt, unter welchen sein Inneres sich still entfaltet.
3.
Mit dem Alter des Spieles und der wirkenden Phantasie wird die positive Einwirkung nothwendig; denn überließe man die Kinder sich selbst, so würden sie auf dieses und jenes, und auf allerlei Thörichtes und Gefährliches verfallen, oft nicht wissen, wie sie der Langenweile wehren sollen, schiefe Richtungen annehmen, alles Gesehene und Gehörte blindlings nachmachen, und schlechte Gewohnheiten sich aneignen. So geschiehet es auch durch Verspätung und Vernachlässigung des positiven Einwirkens durch Gebot und Strafe, Ermahnung und Warnung, daß die Kinder den Eltern über den Kopf wachsen. Je mehr die Kraft sprudelt, desto mehr muß sie beschäftigt und geleitet werden. Die Kinder wollen und bedürfen dann viel, besonders körperliche Beschäftigung, und fehlt diese, so regt sich Unmuth, Widerspenstigkeit, und es erscheint eine ganze Reihe von Unarten. — Man verhüte mit Strenge üble Gewohnheiten. Jedes Ausarten der Lebhaftigkeit und der Freude in Wildheit und Ausgelassenheit, jeder Ausbruch des Eigensinnes, des Leichtsinnes und des Muthwillens; jeder entschiedene Ungehorsam, so wie das Abweichen von der Wahrheit; endlich beharrliche Trägheit und Faulheit erfordern eine unmittelbare und kräftige Einwirkung der Erziehung, und hiebei sich leidend verhalten, heißt: sich an den Kindern schwer versündigen. Denn wird z. B. den eigensinnigen Kindern nicht zu rechter Zeit der Wille gebrochen, den Trägen der Sporn angesetzt, den Wilden Einhalt gethan, so werden endlich die Hindernisse der Erziehung unüberwindlich, und es entsteht eine solche Ausartung des kindlichen Gemüths, ein solches Uebergewicht der Sinnlichkeit, daß zu gewaltsamen Mitteln geschritten werden muß. Die weichliche und falsche humane Erziehung scheuet und vermeidet jedes Verbot, als Eingriff in die vermeintlich-rechtmäßige Freiheit der Kinder, und verdirbt dadurch das ganze Werk. Durch Verbote muß man den Kindern, nie durch Strafe, zu Hülfe kommen, und sie aus Fesseln erlösen, die sie nicht selbst zu zerbrechen die Kraft haben, so wie man sie eben dadurch aus sinnlicher Betäubung weckt, in welcher sie zu Grunde gehen müßten.
4.
Je jünger der Mensch, desto mehr werde von Seiten des Gefühls, je älter, desto mehr von Seiten des Verstandes auf denselben gewirkt, doch so, daß er nie von der einen oder andern Seite vernachlässigt, auch daß er durch Beides zur Vernunft geführt werde.
Was im frühsten Alter bloß empfunden wurde, wird späterhin gedacht, für nützlich und gut erkannt. Man würde also widernatürlich handeln und verderben, wenn man das frühere Alter mit Vorstellungen, oder das spätere mit bloßen Gefühls-Eindrücken lenken wollte. — Bewahrung der kindlichen Herzens-Reinheit, durch Verhütung alles verführenden Umgangs und verführerischer Beispiele durch milde Behandlung — dann Gewöhnung zum Nachdenken durch fleißiges Fragen: warum willst Du dieß, hast Du dieß gethan? — Gewöhnung zur Ordnung und Thätigkeit, das sind die einfachen und wirksamen Bildungsmittel, welche, zu rechter Zeit angewandt, ihres Zweckes nicht verfehlen. Es ist also das Moralisiren bei Kindern von 3 bis 6 Jahren nicht nur vergeblich, sondern auch verderblich. Bei Kindern von lebhafter Phantasie und lebhaften Gefühlen muß das Nachdenken früher angeregt, und mehr auf Entwickelung des Verstandes gewirkt werden.
5.
Das Gefühl werde von Anfang und immer zart behandelt, doch so, daß es zur Ertragung des Widrigen erstarke.
Harte Eindrücke stumpfen ab und erregen zugleich widrig; daher rauh behandelte Kinder gefühllos, träge, kalt, störrisch, verschlossen, boshaft und linkisch werden, wie das besonders an Bauernkindern sichtbar wird. Die Schule kann hier nur wenig entgegen wirken. Doch muß die Jugend für das Leben erzogen werden, und also auch Unannehmlichkeiten ertragen lernen; daher hüte man sich vor dem Bedauern bei geringfügigen Unfällen und Beschwerden, vor dem Entfernen oder Erleichtern jeder Beschwerde und Anstrengung, vor Verwöhnung durch Gemächlichkeit, z. B. wenn man die Kinder in geheizten Zimmern sich auskleiden und schlafen läßt. Doch soll die Jugend jeder Stunde ihres Lebens froh werden. Sie wird es aber eben dadurch am sichersten, daß man sie in die Nothwendigkeit setzt, die Freude und den Genuß durch Beschwerde zu erringen, und daß man sie vor jener Verzärtelung bewahrt, welche die Quelle der bösen Laune und so vieler peinlichen Zustände des Körpers und des Gemüths ist, in welchen alle Freude und aller Genuß untergeht. Der Verwöhnte hat immer etwas zu fürchten oder zu leiden; überall zeigen sich Störungen seiner Freude — er begehrt einen Zustand, welcher in der wirklichen Welt nicht Statt finden kann, und darum behagt ihm die Wirklichkeit nicht. So ist es auch, und in noch höherm Grade, mit der Verwöhnung der Empfindung — Empfindelei ist der Tod alles Lebensgenusses und aller frohen Gefühle.
6.
Der Verstand werde von Anfang erweckt, fortgebildet, und auf seine Sphäre hingewiesen, so daß das heranwachsende Kind immer mehr zur Einsicht gelange.
Auf seine Sphäre oder den ihm von der Natur angewiesenen Kreis, aus dem also die Erziehung und der Unterricht nicht heraustreten dürfen, wenn sie mit glücklichem Erfolge begleitet seyn sollen. Das Kind soll an Selbstthätigkeit und Selbstgefühl gewinnen, damit es die natürliche Trägheit auf der einen, und den ungeregelten Trieb zur Thätigkeit auf der andern Seite beherrschen lerne. Jene aber muß ein verderbliches Uebergewicht erhalten, wenn das Kind zu spät, oder seinen Kräften nicht angemessen beschäftigt wird, und dieser wird ausarten, wenn er nicht zu rechter Zeit seine Richtung auf das Nützliche und Gute erhält. Daher die Erscheinung, daß der Mehrtheil der Kinder entweder an einer unheilbaren Schwäche des Denkvermögens, oder an einer eben so verderblichen Schwäche der Einsichten leidet, indem man den Verstand mit einer Menge von Kenntnissen überladet, die er nicht zu fassen vermag. Hier wird es sichtbar, wie viel auf richtige und naturgemäße Methode, auf die Geistes-Diät ankommt, denn die wahre Methode entfernt sich nicht von der Natur. Sie verschmäht daher nicht den Buchstaben, als der den Geist tödte, noch die Erfahrungs-Kenntnisse, und sämmtliche Hülfsmittel, als unnütz und unwirksam — noch den Stoff, als der formalen Bildung nachtheilig. Sie sorgt vorzüglich dafür, daß alles Gelernte auch ein Verstandenes oder Begriffenes werde, und legt es daher nicht einseitig auf Bereicherung des Gedächtnisses mit einer Menge unverarbeiteter Materialien an — sie läßt das Kind in der Natur und Kunst beobachten, erkennen, vergleichen und unterscheiden; sie erneuert und belebt das früher Gelernte und Gedachte, und macht es dadurch immer mehr zum Eigenthum des kindlichen Geistes. So verhütet sie alles Scheinwissen, und einen Wahn des Vielwissens, der das ganze Innere verdirbt.
7.
Die Kräfte des heranwachsenden jungen Menschen erhöhe man in ihrer Zunahme, so daß er sie immer freier gebrauche, und zur Selbstständigkeit gelange.
Hier scheidet sich die Abrichtung von der Erziehung, oder die einseitige von der allseitigen oder vollständigen. Wenn Kinder von selbst ihre Kräfte an etwas versuchen, so störe man sie nicht durch Tadeln und Kritteln. Dieß gilt von Körper- und Geistes-Kraft. Man überlasse zuweilen sie ihrem Thätigkeitstriebe, und dämme ihn nicht durch Vorschriften ein; aber man suche ihm durch Winke eine nützliche und angemessene Richtung zu geben — oder — eine gemeinschaftliche, so daß die geselligen Triebe in Thätigkeit kommen. Ein bewährter Pädagoge (Himly) sagt hierüber folgendes beherzigungswerthe Wort:
»Zuletzt erscheint doch das Wesentliche aller Erziehung darin, daß der Mensch seine Kräfte frei, zweckmäßig und so umfassend nützlich, als möglich, gebrauchen lerne, weil dieß seinem Leben einen Werth gibt, und ihm die Stelle anweiset, wo er als Glied des großen Ganzen wirksam wird. Jeder soll sich, durch Hülfe derer, die auf seine Bildung gewirkt haben, an der Stelle befinden, wo er unter harmonischer Zusammenstimmung seiner Kräfte zu einer ihm selbst befriedigenden, und sein Bestehen in der Gesellschaft sichernden Thätigkeit gelangt. Aber ihn selbst befriedigt keine Thätigkeit, die ihn nur bis zum Brod-Erwerb führt, und keine, die nicht nach Aussen gerichtet ist, nicht irgend etwas hervorbringt. Denn zum Handeln, das heißt, zum Thun nach Aussen, zum Wirken in seiner Umgebung, ist der Mensch bestimmt, und daher ist es das Ziel seiner Bestrebungen und sein innigster Wunsch, einen ihm angemessenen und also ihn befriedigenden Wirkungs- oder Thätigkeits-Kreis zu erhalten. Je freier aber, und je harmonischer und allseitiger sich seine Kräfte entwickelt haben, desto leichter wird er einen solchen Wirkungskreis finden, der ihn befriedigt, und seinem Leben einen Werth gibt. Der Mensch wird aus sich selbst hinausgetrieben, um für Andere zu wirken, und das vereinigte Daseyn der Menschen gleicht einer Maschine von tausend und abertausend in einandergreifenden Rädern. Es erfordert so mannigfache und so viel geartete Verwendung. Darum mußten auch die Einzelnen so vielgeartet seyn, damit jedes Bedürfniß des Ganzen befriedigt werden möge. Der unzerstörbare Zusammenhang menschlicher Dinge fordert und gebietet den wechselseitigen Austausch der Thätigkeit. Die Gesellschaft stößt denjenigen aus, der nichts für sie thun kann oder will. So geschiehet es denn, daß die nächsten physischen Bedürfnisse des Menschen, wie seine feinsten und geistigsten, nur darin befriedigt werden, daß er zu einer angemessenen Thätigkeit nach Aussen gelange. Der Mensch ist also nur dann erst mündig, wenn er seine bestimmte, ihm angemessene Stelle in der Gesellschaft einzunehmen vermag. Er will und bedarf zu seiner Glückseligkeit das Bewußtseyn, daß er im Kreise einer ihm angemessenen Thätigkeit Andern nützlich und werth sey.«
8.
Daher die Regel: Sorge immer für eine angemessene und bestimmte Beschäftigung deines Zöglings, und für eine solche, wodurch die harmonische Ausbildung seiner gesammten Körper- und Geistes-Kräfte bewirkt wird, und übereile und versäume dabei nichts.
Jene unordentliche, von einem zum andern überspringende, bei nichts aushaltende Thätigkeit, ist nur Versplitterung der Kraft. Sie wird verhütet durch eingeflößte Liebe für jede Art nützlicher Thätigkeit, erregten Wetteifer, und Vereinigung der Thätigkeit Mehrerer. Die Liebe zur Thätigkeit entsteht durch die Bemerkung des Hervorgebrachten und des Wohlgefallens daran. Der regelmäßigste Gebrauch der Kräfte ist der freieste.
9.
Man gestatte der fortgehenden Bildung immer mehr Freiheit durch eigne Kraft.
Es ist zweckwidrig, bei dem Unterricht und Lernen den Kindern zu Hülfe zu kommen, oder auch in leiblichen Angelegenheiten ihnen alles zu erleichtern. Hat man nicht mehr gefordert, als sie leisten können, so bestehe man auch darauf, daß sie es durch eigene Kräfte leisten. Neigt sich die Thätigkeit vorzüglich auf einen Punkt hin, so zwinge man sie nicht — man impfe ihnen nicht künstlich und gewaltsam ein, was ihrer Natur, ihrem Gemüth und ihren Anlagen nicht zusagt — man gräme sich nicht, daß sie nicht leisten, was andere Kinder ihres Alters leisten. Haben sie einmal nicht die Anlage dazu, so würde doch nur eine Manier oder steifer Zwang herauskommen, oder man würde wenigstens vergeblich arbeiten. Nur das gehört dem Menschen wahrhaft an, was aus seinem Innern hervorgeht.
Bringt ihr es dahin, daß das Kind fragt, so ist es besser, als wenn ihr ihm vordemonstriret — erfindet es selbst etwas, so ist es besser, als wenn ihr es ihm vorsagt — macht es etwas auf seine Weise, und es ist Verstand darin, so lasset es dabei.
So besonders auch bei dem Spielen, wo sich der kindliche Verstand am meisten thätig erweist, und am glücklichsten entwickelt. Da störe man Kinder nicht, enge sie nicht zu sehr ein.
Ein Kind macht Verse, man lasse es. Es zeichnet oft und gern, mögen es für's erste auch nur Karrikaturen seyn; wenn einiges Talent darin sichtbar wird, so halte man es nicht ab. Aber freilich hat diese Regel ihre Grenze. Wenn man sieht, daß ein Kind eine ganz verkehrte Richtung nimmt, seine Kräfte zersplittert — so thue man Einhalt.
10.
Man veranstalte in der Erziehung alles, so viel möglich so, daß mehr die ganze Umgebung auf den Zögling bildend und erhebend wirkt, als daß er der eigentlichen und strengen Zurechtweisung bedürfe.
Von jeher ist in der Erziehung dadurch gefehlt worden, daß man zu viel ermahnt und zurechtgewiesen hat. Es ist nichts natürlicher, als daß sich Kinder endlich daran so sehr gewöhnen, daß zuletzt keine Ermahnung oder Zurechtweisung mehr Eindruck macht. Hier muß man mehr das Thörichte und Unrechte zu verhüten, und unmöglich zu machen suchen, auch dadurch schon, daß man Kinder auf Reizungen und Versuchungen aufmerksam macht, in die sie gerathen werden, oder diese entfernt und entkräftet. Je liebevoller z. B. die Behandlung ist, und je mehr Vertrauen man den Kindern eingeflößt hat, desto mehr hat man sie vor Versuchungen zum Lügen gesichert; je weniger man ihre Sinnlichkeit durch leckerhafte Speisen reizt, je mehr man sie an einfache Nahrungsmittel gewöhnt, und dafür sorgt, daß der Hunger ihnen die Speise würze, desto weniger werden sie naschen; je sorgfältiger man den Einfluß roher oder unsittlicher Menschen von ihnen entfernt, desto weniger Unarten werden sie begehen; denn die meisten Unarten erzeugt der Nachahmungs-Trieb, der bei Kindern eine unwiderstehliche Kraft hat; je anhaltender und zweckmäßiger man sie beschäftiget, desto weniger Thorheiten werden erscheinen. Wenn Kinder überall, wo sie sich befinden, Ordnung und Reinlichkeit, Fleiß und Betriebsamkeit, Einfalt und Sitten-Reinheit gewahr werden; wenn sie nur gerechte, besonnene und billige Urtheile hören, nur Worte des Friedens und der Liebe, so entsteht Sittlichkeit und Rechtlichkeit von selbst.
In dieser Hinsicht haben Erziehungsanstalten einen bedeutenden Vorzug vor der häuslichen Erziehung, weil sie alles regelmäßiger einrichten, Störungen und Versuchungen kräftiger entfernen, eine genauere Aufsicht anordnen, regelmäßiger beschäftigen und eine feste Tagesordnung durchführen können; nur daß sie auf der andern Seite durch die strenge Regelmäßigkeit auch wohl der freien Entwickelung nachtheilig werden. Und doch ist es so mißlich, von der Regel abzuweichen, und Ausnahmen zu gestatten.
11.
Daß Kinder immer heitere Gesichter, willige Arbeiter, einträchtige Menschen um sich sehen; daß sie einer bestimmten Tagesordnung sich unterwerfen müssen, und von dieser in keinem Falle abweichen dürfen — dieß entscheidet über ihre Sittlichkeit. Jede feigherzige Unterwerfung unter den Zeitgeist und herrschenden Gesellschaftston, jedes Anschmiegen an Mode und Sitte, auch da, wo sich Vernunft und Gefühl dagegen sträuben, ist in der Erziehung unverzeihlich und führt zu den traurigsten Ausartungen. Die Erziehung darf sich eben so wenig, wie die Frömmigkeit, dieser Welt gleich stellen, wohl aber muß sie die Welt überwinden lehren, und daher dem verderblichen Einfluß des Zeitgeistes die Kraft einer sittlich-reinen Gewohnheit, feste Grundsätze und reine Gefühle entgegenstellen, und die Gesundheit des Verstandes gegen die giftigen Dünste des Zeitgeistes und Zeitgeschmacks zu schützen wissen.
12.
Beschränke die Freiheit Deines Zöglings nicht ohne Noth, und bewache ihn nicht, anstatt ihn zu beobachten und zu leiten; versage ihm nicht eine Freiheit, die seine Natur und seine Entwickelung fordert. Suche dagegen den Mißbrauch der Freiheit möglichst zu verhüten durch Belebung sittlicher Gefühle, durch Warnung und Zurechtweisung, und dadurch, daß Du seinen Kräften eine angemessene Richtung gibst.
Diejenigen Eltern, welche ihre Kinder aus übergroßer Aengstlichkeit gar nicht aus den Augen lassen wollen, machen sich und diese zu Sclaven, und erreichen ihren Zweck nicht. Allemal werden diejenigen Kinder die ausgelassensten seyn, die zu sehr beschränkt wurden. Man muß erdulden lernen, was Kinder, weil sie Kinder sind, nicht unterlassen können. Nur in Ansehung des Umganges und der Zeit dürfte eine vernünftige Beschränkung der Freiheit sehr nöthig und heilsam seyn, da Kinder noch nicht beurtheilen können, welcher Umgang ihnen nachtheilig, und wie wichtig die Benutzung der Zeit sey. Auch will die Freiheit des Sprechens und Urtheilens bei lebhaften Kindern beschränkt seyn. Diesen aber kann nichts Unglücklicheres begegnen, als wenn sie in die Hände alter Erzieher fallen. Wenn Kinder Liebe zu ihren Eltern und Geschwistern haben, so werden sie sich am meisten im Kreise der Ihrigen gefallen. Zeigen Kinder eine frühe Gesetztheit und Besonnenheit, so lasse man ihnen mehr Freiheit. (Jesus zu Jerusalem im zwölften Jahre.) Besonders verkümmere man ihnen die Spielstunde nicht, lasse aber auch nicht zu, daß sie sie willkührlich erweitern.
13.
Nimm dem Kinde nie sein Eigenthum, und laß es nie ungestraft, wenn es in fremdes Eigenthum greift; halte ihm immer Dein Versprechen, und sey daher auf Deiner Hut, wenn Du ihm etwas versprichst; verletze nie sein Recht (z. B. auf Erholung, Nachsicht, Vertheidigung oder Entschuldigung), und wenn Du etwas der Art thun müßtest, so richte es so ein, daß das Kind Dein Verfahren nicht als Ungerechtigkeit empfinde: laß es sich selbst das Urtheil sprechen; zeige ihm, daß es sein Recht verwirkt habe; beschränke nur den Gebrauch des Rechts, oder die Verwaltung und den Genuß seines Eigenthums.
14.
In der Erziehung darf keine Willkühr herrschen, denn sie erstickt die edelsten Gefühle, entzieht Vertrauen und Liebe, bringt Verschlossenheit und tückisches Wesen hervor. Hat z. B. ein Kind sein Spielzeug verdorben, so verschenke man nicht das andere, sondern entziehe es ihm nur eine Zeitlang; hat es Geld vertändelt oder vernascht, man nehme ihm das übrige nicht. Zeigt es Geldgeiz oder Habsucht, so wirke man auf eine andere Art entgegen, als durch Wegnehmen, indem man z. B. seine Theilnahme reizt. — Ist ihm ein unverständiges Geschenk gemacht, so entziehe es ihm nur so, daß Du es aufzubewahren versprichst.
Wenn das Kind nachlässig gearbeitet hat, hat es dann sein Recht auf Erholung verwirkt? Oder wenn es zum zweitenmale fehlt, auf Nachsicht? Oder soll ihm diese immer schwerer zugestanden werden? Darf sich ein Kind lebhaft vertheidigen? Wie leicht kann man Kindern Unrecht thun! Oft wird man durch die Farbe der Handlung irre geführt.
Haben Kinder auch ein Recht, zu weinen, auf ihrem Willen zu bestehen, ungeduldig zu werden?
Besonders hüte man sich, etwas zu versprechen, vor allem Belohnungen, und hernach, bei bessrer Einsicht, nicht zu halten, wenn man dem Kinde nicht begreiflich machen kann, daß die Erfüllung des Versprochenen ihm nachtheilig seyn würde. Es raubt dem Erzieher das Vertrauen und die Liebe.
15.
Tadle nie bitter, und strafe nur dann, wenn Du voraussiehst, oder die Erfahrung gemacht hast, daß gelindere Mittel nicht zum Zweck führen; laß aber auch das gestrafte Kind weder zu schnell, noch zu spät, Beweise Deiner Verzeihung und Liebe sehen. Doch unterlaß es nie, ihm die Fehler seiner Arbeiten und seines Betragens zu zeigen, und sey karg mit Deinem Lobe, aber freigebig mit Deiner Nachsicht, Schonung und Ermunterung. Von der Art, wie Kinder getadelt und gestraft werden, hängt vorzüglich der Erfolg der Erziehung ab. Die Strafe und der Tadel müsse dem Kinde eben so gut als Erweisungen der Liebe erscheinen, wie die Belohnung und das Lob. Ironie und Bitterkeit wirken gefährlich. Das Ehrgefühl muß nicht nur geschont, sondern auch gepflegt werden, doch so, daß dem Kinde immer Liebe mehr gelte als Lob, und es nach jener vorzugsweise strebe. Eine gewisse Weichlichkeit hält vom Strafen und Tadeln zurück, und bringt dadurch viel Böses hervor. Man lasse sich nicht durch die Empfindlichkeit der Kinder abschrecken. Diese Seelenschwäche kann nur durch Wohlwollen und wiederholten Tadel geheilt werden. Eitle Kinder bedürfen vorzüglich als Arznei des Tadels; aber er muß bei diesen besonders in der Sprache des Wohlwollens ausgedrückt seyn, wenn er wohlthätig wirken soll. Den bittern Tadel empfinden sie als eine Ungerechtigkeit, und ihr Herz verschließt sich dagegen. Den Tadel begleite oft das Wort der Ermunterung, und immer trage er mehr die Farbe der Betrübniß, als des Unwillens. Er werde nur dann ausgesprochen, wenn es ungezweifelt ist, daß das Kind etwas Besseres hätte machen können.
16.
Soll der Tadel nicht seine Wirksamkeit verlieren, so muß er nicht zu oft kommen; nicht seine Wohlthätigkeit, so muß er nicht im Tone der Verachtung ausgesprochen werden; nicht seine Würde, so muß er kein ironischer und spottender seyn; nicht seine anregende Kraft, so muß er mit lebhaftem Gefühl und in der Sprache des Gefühls ausgesprochen werden. Bei lebhaften Kindern, die in jedem Augenblick fast Uebereilungen und Thorheiten begehen, muß die Erziehung mehr übersehen, als rügen, und mehr verhüten, als strafen, mehr abhalten, als verbieten.
Gelindere Mittel, als Tadel und Strafe, z. B. Entziehung einer Bequemlichkeit, ernstes Gesicht, Drohung, Zurechtweisung — scheinen oft nur unwirksam, weil die Wirksamkeit nicht gleich sichtbar wird; sie wirken nach, wie fast alle Erziehungsmittel. Ist der wiederholte und verstärkte Tadel unwirksam, so folge ihm unmittelbar die Strafe.
17.
Dem gestraften Kinde gebe man, besonders wenn es zu den lebhaften gehört, und noch keine Spuren der Besserung sich zeigen, nicht zu schnell wieder Beweise der Liebe.
Da die Kinder eher durch Lob, als durch Tadel verdorben werden, so sey jenes noch sparsamer, als dieser. Dagegen darf man in der Erziehung mit seiner Nachsicht freigebig seyn, besonders bei Kindern von zartem und reizbarem Gefühl. In seltenen Fällen nur lobe man, mit Herabsetzung eines anderen Kindes, — beides, Lob und Tadel, geschehe mehr unter vier Augen, als in Gegenwart Anderer, weil es sonst zu stark als Reizmittel wirkt.
18.
Rousseau verwarf alle Strafen, und vergaß, daß die vorherrschende Sinnlichkeit eines Widerstandes bedarf, wenn ihr das Kind nicht hingegeben werden soll. Es ist eine Art von Ungerechtigkeit, ja es ist Grausamkeit, wenn man das Kind ungestraft läßt, denn man überliefert es dadurch der Knechtschaft seiner Sinnlichkeit, und legt den Grund zu seinem physischen und moralischen Verderben. Der freie Wille muß dem Kinde eben so folgerecht und unaufhaltsam in seinen Wirkungen erscheinen, wie die physischen Folgen, damit es eine moralische Nothwendigkeit erkenne. Wie soll auch das Kind zur Anerkennung der Güte im Gefühl kommen, wenn es diese nie entbehrt, wenn es bei pflichtmäßigem und pflichtwidrigem Betragen mit gleicher Güte behandelt wird? Die weichlichsten, und mit ihrer Güte freigebigsten Eltern haben die undankbarsten und ungehorsamsten Kinder. Der Mensch und das Kind weiß nur zu achten, was errungen seyn will, und nicht unverdient gegeben wird. Das Kind wird und muß sich seinen Eltern gleich setzen, wenn diese ihm nicht den Abstand fühlbar machen.
19.
Alles kommt auf die Art des Strafens, des Tadelns, des Ver- und Gebietens an. Man kann so strafen, daß die Strafe bessert; aber auch so, daß sie erbittert, und zum trotzigen Widerstande reizt. Darum sind folgende Regeln hiebei sorgfältig zu beobachten:
1. Habt keine Freude am Gebieten und Verbieten, sondern mehr am kindlichen Freihandeln, und mildert das Verbot nach Zeit und Umständen; haltet es zurück, wo es unzeitig ist.
2. Verbietet seltener durch die That, als durch Worte. Reisset also z. B. dem Kinde das Messer nicht weg, sondern lasset es selber, aufs freundliche Gebot, dasselbe weglegen, damit es mit Freiheit handeln lerne.
3. Greifet nie durch euer Verbot in die Rechte des Kindes, z. B. »Du sollst nicht springen, rennen, klettern.«
Das Kind unterscheidet sehr gut den starken und ernsten Ton von dem zürnenden; die Mutter fällt leicht in diesen, wenn sie jenen dem Vater nachzumachen gedenkt. Sie nimmt leicht ihr Verbot zurück, oder beschränkt es, und schwächt es dadurch. So kommt es, daß sich die Kinder endlich nichts mehr wollen verbieten lassen. — Das Verbieten geschehe in kräftiger Kürze, und je jünger das Kind ist, desto nöthiger ist diese Kürze; ja sie ist nicht einmal nöthig; schüttle den Kopf, und damit gut. Das wortreiche Verbieten macht die Kinder nur unmuthig und reizt sie zum Spott. Nur sey das Verbieten kein heftiges; besser geschieht es zuerst mit leiser Stimme, damit eine ganze Stufenleiter der Verstärkung freistehe — und nur einmal, und für den kleinsten Ungehorsam erfolge augenblickliche Strafe.
20.
Was das Strafen betrifft, so ist noch hiebei zu beobachten: Strafe verhüten, ist besser und weiser, als strafen. Da, wo alle andere mildere Mittel unwirksam geblieben sind, trete die Strafe unausbleiblich, und mit voller Strenge ein; doch auch hier beobachte man eine Stufenleiter, und erwäge, ob das Kind Entschuldigung verdiene, und ob es seine Schuld zu erkennen im Stande sey, denn Strafe gebührt nur dem, der sich der Schuld bewußt ist. Wo große und strenge Strafen nöthig sind, da steht es schlecht um die Erziehung, und die Strafen werden bald vergeblich seyn. Nicht strenge, aber unausbleibliche und unerläßliche Strafen sind mächtig. »Unter dem Volke nicht nur, auch unter den Gebildeten erzeugen die Schläge des Schicksals, welche die Eltern empfingen, Gegenschläge auf die Kinder.« Wie oft wird nur gestraft, weil eine üble Laune reizbar macht. Wie oft härter, als recht ist, weil das Schreien der Kinder zum Unwillen hinreißt.
»Wer sich gern lässet strafen, der wird klug werden; wer aber ungestraft seyn will, bleibt ein Narr,« sagt Salomo, und daher sorge der Erzieher dafür, daß seine Zöglinge nicht ihr Herz der Strafe verschließen, daß sie ihnen Wohlthat werde, und das wird sie seyn, wenn sie ohne Unwillen und Heftigkeit geschieht, mit allen Zeichen des Bedauerns, daß man strafen muß. — »Wer seiner Ruthen schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, züchtiget ihn bald« (Pred. Sal. 13, 24.). Die Strafe zu rechter Zeit und auf die rechte Art macht bald alle Strafe unnöthig und entbehrlich. »Der hat die Ruthe schlecht angewendet, der sie hernach zum Stock verdichten muß.« Aber ganz entbehren kann das Kind der Strafe nicht, ob es gleich einige gibt, die so weiche moralische Anlagen haben, daß schon die leiseste Aeusserung des Unwillens harte Strafe ist. Kinder von heftiger Gemüthsart werden unerträglich verwildern, und bringen es bis zur Wuth, wenn sie nicht gestraft werden. Sir. 30, 9. 12. — Ein Kind, das schlägt, werde geschlagen. Aber hütet euch, ein Kind durch Schlagen zu zwingen, daß es abbitten soll — oder ihm eine Schand-Strafe aufzulegen. — »Schande,« sagt Friedrich Richter, »ist eine geistige Hölle ohne Erlösung, worin der Verdammte nichts werden kann, als höchstens ein Teufel.« — Auch werde nie die kleinste Strafe spottend auferlegt, sondern ernst, öfter trauernd. Der elterliche Gram läutert dann den kindlichen, und macht das Herz für die Ermahnung empfänglich, die die Strafe begleitet.
21.
Strafe kann nicht so viel verderben, als Lob und entzogene Nachsicht. Wir haben gewöhnlich einen falschen Maßstab, nach welchem wir das Betragen, die Aeusserungen und die Unarten der Kinder beurtheilen. Wer sich am besten in die Kindes-Seele hinein versetzen kann, wird der beste Erzieher seyn. »So ihr nicht werdet wie die Kinder,« das gilt auch hier. Liebevolle und freundliche Behandlung sey durchaus in der Erziehung herrschend; doch fehle auch Strenge und Strafe nicht, so oft das jugendliche Gemüth durch diese erst jene muß verstehen und schätzen lernen. Wer nicht hört, soll fühlen. — Aber ferne sey jenes eben so unnütze als verderbliche Moralisiren über das Betragen und die Unarten der Kinder, womit viele Erzieher ihre ganze Pflicht erfüllt zu haben glauben, und das nur in seltenen Fällen, und als liebreiche Vorstellung der traurigen Folgen eines Vergehens fruchtet. Je mehr Freiheit, desto mehr Güte und Wahrheit. »Was also durch einen Wink bewirkt werden kann, soll nicht durch ein Wort geschehen, und was ein Wort ausrichten kann, dazu soll nicht eine Ermahnungs-Rede gehalten werden.«
In der Erziehung wird eben so oft und sehr durch Versagung als Zugestehung der Nachsicht und Schonung gefehlt, und fast alle Erziehungs-Gebrechen lassen sich hierauf zurückführen. Die Mittelstraße hier zu entdecken, ist auch eben so schwer, als sie ohne Abweichung zu gehen, da die meisten Kinder eben so sehr zur Liebe, als zum Unwillen reizen, und die Geduld so sehr in Anspruch nehmen, als sie der Liebe bedürfen, und da dem durch Weichlichkeit oder Erziehungs-Vorurtheile befangenen Erzieher so leicht die nachtheiligen Folgen der Nachsicht und Strenge entgehen, besonders was die Lüsternheit der Kinder betrifft.
22.
Bei allem Unterricht und aller sittlichen Bildung durch Ermahnung, Warnung, Ermunterung, Tadel und Strafe, werde immer mehr dahin gearbeitet, daß das Kind sich selbst bestimmen, und aus eigenem Antriebe handeln lerne, damit es früh zur Selbstherrschaft gelange, und keiner Bewachung oder peinlicher Aufsicht bedürfe.
Nie muß man den Zweck alles Erziehens aus den Augen verlieren, welcher ist, daß der Mensch selbstständig werde, sich selbst beherrschen und leiten lerne, ein ganz freier Mensch werde. Daher stärke die Erziehung seine Vernunft und seine sittliche Kraft, übe ihn im Ueberlegen, Nachdenken, Entsagen und Erdulden, belebe seine guten Gefühle, wecke und nähre Ehrfurcht gegen Gott, und lehre ihn merken auf die Regungen und Urtheile seines Gewissens, damit so früh als möglich die eigentliche Aufsicht und Erziehung entbehrlich werde. Aus solchen Kindern, die immer unter der strengsten Zucht, und unter peinlicher Aufsicht gehalten werden, können nie recht brauchbare Menschen werden. Je früher Kinder an feste Grundsätze gewöhnt, und durch ihr Gefühl und ihre Einsicht gebunden werden, desto früher entwickelt sich der Charakter. Doch gibt es auch gewisse weiche Naturen, die jeden Eindruck annehmen, und gewisse lebhafte und sinnliche, die es nie oder sehr spät erst zu reifer Ueberlegung und Selbstbeherrschung bringen. Diese bedürfen der längern und sorgsamern Erziehung und Leitung. Aber auch diese werden endlich sich selbst bestimmen, und sich beherrschen lernen, wenn sie sorgfältig gebildet, regelmäßig beschäftigt, und in eine solche Laufbahn gebracht werden, in welcher ihnen wenig Muße übrig bleibt, oder wenn ihr Ehrtrieb beständig wach erhalten wird. Bei Mädchen ist es besonders Schamhaftigkeit, und der Trieb zu gefallen, der bei solchen Naturen die Stelle der sittlichen Kraft vertritt, oder diese ergänzt.
23.
Indem man Kindern zuweilen die Verwendung von Zeit und Geld überläßt, und sie nur von Ferne beobachtet — indem man sie in Lagen bringt, wo sie ihrem eigenen Urtheil überlassen sind — indem man ihnen Aufträge ertheilt — indem man endlich gemißbrauchte Freiheit nachdrücklich, jedoch nicht durch Entziehung aller Freiheit straft — wird man diesen Zweck erreichen.
Je mehr die Erziehung nach festen Grundsätzen geschieht, je mehr sich Erzieher hüten, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen, je mehr weise Güte, mit Ernst gepaart, in der Erziehung herrscht, desto eher wird die Selbstbestimmung erfolgen. Je mehr dagegen der Erzieher schwankt, und von der weichlichsten Güte zur härtesten Strenge übergeht; je mehr er der Sinnlichkeit Nahrung gibt und Laune duldet, desto schwerer wird es ihm werden, seine Zöglinge in Ordnung zu erhalten, und zur Selbstherrschaft zu erheben.
Emilie ist sinnlich und lebhaft — vergißt sich leicht — ist leicht hingerissen; aber wenn man ihr sagt: »wird es Dir wohl heute möglich seyn, Dich in Deiner Lustigkeit zu mäßigen? Du würdest mir eine große Freude machen« — erhält sie eine gewisse Kraft über sich. Ein treffliches Mittel ist auch der Auftrag, über kleinere Kinder die Aufsicht zu führen, ihre Spiele zu leiten — daher Kinder, die junge Geschwister haben, eher sich ausbilden.
Härte und übertriebene Strenge in der Erziehung werden bei gut organisirten Kindern bei weitem nicht so gefährlich wirken, als übertriebene Weichlichkeit und Nachsicht. Gegen jene ist dem Kinde in seiner unerschöpflichen Liebe eine Waffe und Gegengewicht gegeben; aber dieser muß es ohne Rettung und Widerstand unterliegen, weil sie ihm nur als Wohlthat erscheinen kann.
24.
Der junge Mensch sey nie von solchen Personen umgeben, von welchen er Schlechtes sehen und hören könnte; seine Gespielen seyen gut erzogene Kinder, seine Hausgenossen gut gesittete Menschen.
Die schwerste, und eine unauflösliche Aufgabe der Erziehung ist die, Kinder gänzlich vor dem verderblichen Einfluß böser Beispiele zu verwahren, und sie mit lauter guten Menschen und guten Eindrücken zu umgeben. Da dieß nicht möglich ist, so muß es die Erziehung dahin zu bringen suchen, daß das Herz des Kindes dem Einfluß des Bösen widerstehen könne, und keinen sittlichen Schmutz annehme. Hier wirken mehr, als andere, die religiösen Gefühle und Gesinnungen. Ist das Kind mit diesen ausgestattet, so werden ihm böse Beispiele, Versuchungen und Reizungen nicht nachtheilig werden. Ist das sittliche und das ästhetische Gefühl der Kinder genährt und veredelt, so werden sie nur Abscheu und Widerwillen bei dem Bösen, was sie sehen und hören, empfinden und nichts davon annehmen. Nur das Böse haftet, was sie von solchen Menschen hören und sehen, welchen sie mit Achtung, Vertrauen und Liebe ergeben sind. Daher haben sich Eltern und Erzieher sehr sorgfältig zu hüten, daß sie sich nicht zuweilen vergessen, z. B. in der lebhaften Freude, oder im Unmuth und in der Heftigkeit; — daß sie höchst vorsichtig bei Scherzen und Urtheilen sind. Vergeblich versucht man, wieder aufzubauen, was man durch unbedachtsamen und unbesonnenen Scherz und Spott niedergerissen hat; daher sind witzige Menschen keine gute Erzieher. Da es in jeder Familie Menschen gibt, deren Sitten nicht rein sind, oder nicht fein genug, so muß man mit Kindern hierüber ganz offen reden, und sie warnen, aber zugleich auf die guten Eigenschaften solcher Personen aufmerksam machen.
25.
Hier ist die dunkle Seite der öffentlichen Schulen und größern Erziehungs-Anstalten. Doch ist freilich hier auch neben dem Schlimmen das Gute; denn wo kein Widerstand und kein Hinderniß zu überwinden ist, da ist auch keine Kraft-Entwickelung möglich. Solche Kinder, die sich so leicht verführen lassen, sind überhaupt schwach, und würden auch geringeren Versuchungen unterliegen. Man unterlasse nur nicht, Kinder, so bald sie es begreifen können, mit den Gefahren bekannt zu machen, welchen man sie aussetzen muß.
In Ansehung der Gespielen nur sey die Erziehung höchst vorsichtig, weil bei dem Spiel das Herz sich ganz hingibt, die innigste Vertraulichkeit entsteht, und eine wechselseitige sehr starke Einwirkung Statt findet. Auch tragen gute Gespielen sehr viel zur Entwickelung der geistigen und sittlichen Anlagen bei. Man bringe lebhafte Kinder zu lebhaften, phlegmatische zu lebhafteren, aber nicht zu den lebhaftesten. Das phlegmatische Kind läßt sich von dem lebhaften alles gefallen, und dies wird herrschsüchtig und eigensinnig. Am besten ist es, wenn die Gespielen sehr verschiedenen Gemüths sind, ohne gerade ganz entgegengesetzte Gemüthsart zu haben. Kinder von vornehmeren und geringeren Ständen zusammen zu bringen, ist selten rathsam; es müßte denn das Kind geringeren Standes sich durch ausgezeichnete Fähigkeiten geltend zu machen wissen, und reine Sitten haben. Dagegen ist es sehr vortheilhaft, gut unterrichtete Kinder zu Lehrmeistern der Vernachlässigten zu machen. — Kinder, die sich fortdauernd nicht vertragen, bringe man ja auseinander.
26.
Man lasse die Kinder übrigens ihre Gesellschaft frei wählen, so bald man überzeugt ist, daß sie gut wählen werden, und dann auch ohne Aufsicht spielen. Am besten ist es, wenn sie immer einige ältere zu Freunden haben, an welche sie sich durch den Nachahmungstrieb hinaufbilden; aber auch jüngere, um ihr Selbstgefühl nicht zu verlieren, und hauptsächlich ihres Gleichen, weil das Gleiche sich am innigsten vereinigt, und am glücklichsten fortstrebt.
27.
Nicht zu früh führe man Kinder in die Gesellschaft der Erwachsenen, nämlich nicht eher, als bis sie Ausbildung und Muth genug haben, sich in dieser Gesellschaft wohl zu befinden, und aus ihr Nutzen zu ziehen, und auch dann geschehe es nicht zwangsweise, und nicht zu oft und zu lange! Es ist bedenklich, Kinder stundenlang in einer erzwungenen Ernsthaftigkeit und Ruhe zu erhalten, nicht zu gedenken, daß man eine Grausamkeit an ihnen begeht, oder auch, wenn man sie gütig behandelt, zu einem gewissen vorlauten Wesen und zu einer unbescheidenen Dreistigkeit verleitet; oder sie zu Drathpuppen macht, die lauter Manieren, und keine Natur mehr haben. Je mehr die Gesellschaften gemischt sind, desto gefährlicher sind sie Kindern, da nur wenig Erwachsene so viel Achtung und Rücksicht für Kinder haben, als diese fordern können und bedürfen. Herangewachsenen Kindern, und besonders Mädchen, ist es freilich vortheilhaft, wenn sie sich in Gesellschaft geachteter Personen in ihre Gewalt bekommen lernen, aber auch nur solchen. Mädchen müssen früher die gesellschaftliche Sitte und die Sprache des Umgangs lernen, früher eine gewisse Dreistigkeit bekommen, damit sie nicht in kindische Blödigkeit versinken, und dadurch lästig werden.
28.
Waren Kinder in gemischter Gesellschaft, so erforsche man, was auf sie Eindruck gemacht hat, belebe die guten, schwäche die bösen Eindrücke, mache sie aufmerksam auf den Ton der Gesellschaft, und leite ihr Urtheil darüber; erlaube ihnen keinen spöttelnden Tadel des Gesehenen und Gehörten, lehre sie mehr das Unsittliche und Thörichte, als das Lächerliche auffinden und beurtheilen, und bewahre sie vor der conventionellen Heuchelei und Abgeschliffenheit.
Die traurige Kunst, sich mit Anstand und Geduld zu langweilen, müssen Kinder nie lernen; eben so wenig die Fertigkeit, viel Worte zu machen, und die, zu schmeicheln. In so fern die Theilnahme an Gesellschaften Nahrung der Eitelkeit und des Stolzes werden kann, ist sie besonders zu verhüten, wenn nicht die ganze Frucht der Erziehung verloren gehen soll.
Dabei darf die gesellschaftliche Bildung nicht vernachlässigt werden. Bringt man junge Leute zu spät in die Gesellschaft der Erwachsenen, so leiden sie an unheilbarer Blödigkeit und Ungelenkigkeit, und werden der Umgangssprache nie mächtig. Aber die Erziehung muß sie zuvor in den Stand gesetzt haben, an einem gesellschaftlichen Gespräche Antheil nehmen zu können; ihre Urtheilskraft muß nicht mehr ungebildet, ihre Sprache gereinigt, ihr Geschmack geläutert seyn. Denn was junge Leute in Gesellschaft einsylbig, blöde und verlegen macht, das ist nur Bewußtseyn ihrer Unwissenheit und Mangel an Gedanken und Kenntnissen.
29.
Viel verdanken wir dem gesellschaftlichen Umgange, und er darf von den Erziehungsmitteln nicht ausgeschlossen werden. Die Mittheilung von Gedanken, Urtheilen und Gefühlen befördert sehr die Bildung des Geistes und des Herzens. Eben so belebt der Umgang alle wohlwollende Gefühle, und übt in der Selbstverläugnung. Das Mädchen, mit größeren Anlagen zur Geselligkeit ausgestattet, und durch diese die Seele der Gesellschaft, soll auch hierin nicht vernachlässigt werden. Aber wenn sie zu früh in Gesellschaft geführt wird, besonders bei äusserer Annehmlichkeit und Liebreiz, so erhält sie eine gefährliche Nahrung für ihre Eitelkeit. Doch auch nicht zu spät, damit sich nicht Blödigkeit festsetze, die so viel gesellschaftliche Freude verbittert, und so schwer beseitigt wird. Man führe eben darum das Mädchen nicht eher in die Gesellschaft, als bis sie in dieser etwas gelten, und zur gesellschaftlichen Unterhaltung beitragen kann, und präge ihr dann ein, daß auch sie der Gesellschaft werth sey, wenn sie ihren Beitrag zur Unterhaltung gibt; aber eine Last für sich und die Gesellschaft, wenn sie ihn aus Blödigkeit zurückhält. Man bewahre sie vor gemischten Gesellschaften, und solchen, wo sie zu sehr allein da steht; man lehre sie die Sprache des Umgangs, und übe sie selbst darin, damit sie es zur Fertigkeit bringe; man gebe ihr zuweilen Aufträge, die dahin abzwecken, z. B. Bestellungen.
30.
Alles, was für die Verstandes-Bildung geschieht, werde zugleich Bildungsmittel für das Herz und den Geschmack, und umgekehrt, damit alle Einseitigkeit und Halbheit vermieden, und das Kind zum Menschen gebildet, zur Menschenwürde erhoben werde.
Unterricht und Erziehung sollten nicht scharf von einander getrennt, nicht als zwei ganz von einander verschiedene Geschäfte betrieben werden; denn nur da, wo aller Unterricht erziehend, und alle Erziehung belehrend wirkt, nur da kommt man zum Zweck. Der Unterricht wirkt aber dann erziehend, oder auf Gesinnung und Gefühl, wenn er wohlwollend, im Ton der Liebe und Güte ertheilt wird, wenn man die Kinder immer darauf hinführt, warum und wozu sie Kenntnisse einsammeln, sie auf ihr Inneres merken, sie unmittelbar das Gelernte und Begriffene anwenden lehrt; wenn man sorgt, daß gegenseitige Liebe bei dem Wetteifer sey, wenn man bei dem Unterricht es nicht bloß auf Anregung des Ehrtriebes, sondern auch der Frömmigkeit und Sittlichkeit anlegt, und sich hütet, den Unterricht in einen bloßen Mechanismus ausarten zu lassen, oder gar in eine Zwangs-Anstalt und Arbeits-Strafe. Je mehr man den Kindern Lust und Liebe zum Unterricht beizubringen weiß, je besser das Verhältniß des Lehrenden zu den Lernenden ist, desto wohlthätiger wird er wirken. Bei dem Unterricht werde nie Anstand und Sittlichkeit verletzt, nie das Ehrgefühl gemißhandelt, aber auch nie das Kind weichlich geschont; er sey Anstrengung, aber angemessene und nicht zu anhaltende; es werde dabei eine Regel befolgt, doch ohne Härte und Zwang. Alles Gelernte und zu Lernende werde zugleich als Nahrung für Verstand und Gefühl benutzt. Also sey das Lesen nicht bloß Fertigkeit, sondern auch Ausdruck des Gefühls, welches der Inhalt anregen oder beleben soll; das Schreiben auch Bildungs-Mittel für den Schönheits-Sinn; das Rechnen Belebung des Sinnes für Ordnung, der Sorgfalt und des Fleißes, der Geduld und Ausdauer; die Musik Belebung frommer Gefühle und des Sinnes für Harmonie und Wohllaut, Veredlung des Herzens und Besänftigung der Leidenschaften — jede Arbeit Ermunterung zur Geduld und Uebung darin, als Pflicht-Erfüllung, als Sorge für Andere.
31.
Alles, was die Erziehung thut, werde Beförderungs- und Befruchtungs-Mittel für den Unterricht, besonders durch Gewöhnung an Ordnung, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit, Nachdenken, Fleiß und Gehorsam. Es komme nie dahin, daß die Kinder, von der übertriebenen und lieblosen Strenge der Erziehung verleitet, sich dem Gebot zu entziehen suchen, oder es umgehen, und die Erziehung biete ihnen nie einen Anlaß dar, und reize sie nie, sich zu widersetzen, oder bemerkte Schwachheiten zu benutzen.
Jeder sclavische Gehorsam sey verbannt, damit das Kind sich seiner Menschenwürde bewußt werde. Jede Unterredung sey belehrend und ermunternd, so wie der ganze Umgang mit dem Kinde bildend und erhebend. Das Kind werde nie mit seinen Fragen abgewiesen, nie in seiner Thätigkeit und seinem Fleiß durch Unordnung und Geräusch gestört, nie durch Vergnügen von der Erfüllung der Schülerpflicht abgehalten, nie wegen seiner Anstrengung beklagt. Durch Erziehung lerne das Kind seine Pflichten kennen, seine Verhältnisse achten, seinen Willen beherrschen; die Erziehung führe es zu Gott. Besonders sorge die Erziehung, daß dem Kinde Schätzung seiner Menschenrechte beigebracht, und das Herz vor Vorurtheilen der Geburt und des Standes bewahrt werde; denn diese verfinstern den Verstand, und lähmen die sittliche Kraft, zerstören alle Einwirkung guter Grundsätze, und bringen Willkühr hervor.
Darum werde das Kind nur wenig, und nur von andern Kindern, besonders seinen Geschwistern, bedient; darum lerne es bitten, auch Dienstboten bitten; es werde Lehrer der Kleinern, es thue ihnen Handreichung, auch beschwerliche Handreichung. Da durch Lehren gelernt wird, so kann man nicht früh genug die Kinder zu Lehrern der Kinder machen. Indem sie diesen ihre kleinen Kenntnisse mittheilen, wächst zugleich Wohlwollen und Liebe, werden sie in der Geduld geübt. Auf gleiche Art stärke sich Geduld und Kraft der Selbstverleugnung bei dem Lernen und bei häuslichen Arbeiten, und daher mache man ihnen nicht alles zu leicht, erspare ihnen nicht jede kleine Beschwerde, fordere sie zur Selbstverleugnung auf, gebe ihnen Anlaß zur Ueberlegung, und zum Handeln mit Ueberlegung.
32.
Die Art, wie der Unterricht ertheilt wird, die Liebe, die Nachsicht und Geduld, die man dem Kinde beweist, die Art der Ermunterung und des Tadels, die strenge Ordnung, welche man dabei beobachtet, die gewissenhafte Treue, mit welcher die festgesetzten Stunden des Unterrichts gehalten werden; der Eifer des Lehrenden, seine Freude über bemerkte Fortschritte, seine Traurigkeit über Nachlässigkeit und Trägheit, das alles müsse den Charakter des Kindes begründen helfen.
33.
Da es in der Erziehung keinen Stillstand geben darf, indem jeder Stillstand ein Rückschritt seyn würde, so sey das Streben nach dem Ziele ein rastloses und eifriges, und dem Zögling stehe dies Ziel, wie dem Erzieher, immer vor Augen, damit Beider Eifer nie erkalte und nie ermatte. Der Zögling werde sich der gewonnenen Kraft und Kenntniß mit Freude bewußt, und diese Freude werde ihm der Sporn zu neuer Anstrengung. Nie erscheine ihm das Lernen und Gehorchen als ein mühseliges Tagewerk, sondern als der einzige Weg, an das Ziel zu kommen.
34.
Je öfter es in der Erziehung scheint, als sey die Kraft und Anstrengung des Erziehers vergeblich aufgewandt, als sey gar keine Annäherung zum Ziel, desto nöthiger ist es, daß der Erzieher sich überzeuge, sein Eifer dürfe, auch bei dem ungünstigsten Erfolge, und bei diesem gerade am wenigsten, nachlassen, sondern müsse unter allen Umständen sich gleich bleiben — und wenn er sich gleich bleibt, so könne auch der Erfolg nicht ausbleiben. Diese Ueberzeugung erlangt man nur durch eine sorgsame Erforschung der Natur des menschlichen Geistes, und durch eine sorgfältige Beobachtung des Zöglings, so wie durch eine gewisse Bescheidenheit und Mäßigkeit in seinen Erwartungen und Forderungen. Der Erzieher darf eben so wenig, wie der Arzt, an die Untrüglichkeit der Regeln seiner Wissenschaft glauben, und muß, wie dieser, von der Natur das Meiste und Beste, von seiner Kunst und Wissenschaft das Wenigste erwarten, muß nie der Natur entgegen arbeiten, sie nie zwingen wollen; aber sorgfältig der Natur nachspüren und nachgehen, und ihre Winke beachten, ihre Rechte heilig halten, ihren Beistand weise und sorgfältig benutzen, ihre Forderungen ehrerbietig beachten. Wer bei jedem Zöglinge denselben Erfolg von seinen Erziehungsmitteln und Maßregeln erwartet, dessen Eifer wird bald erkalten, und dessen Muth muß sinken, und alles Erziehen muß ihm zuletzt als ein zweckloses und fruchtloses Werk erscheinen.
35.
Wenn aber jeder Stillstand soll verhütet werden, so darf auch, besonders in den eigentlichen Kinderjahren, keine lange Pause in den Arbeiten, keine öftere Ausnahme von der Ordnung des Tages, keine eigentliche Zerstreuung des Zöglings, z. B. durch eine Reise, Statt finden. Man erschwert sich selbst und seinen Zöglingen das Geschäft der Erziehung unglaublich, so oft man einen längeren Ruhepunkt macht, und von der gewohnten Ordnung abweicht, so oft man nachläßt oder ein Nachlassen des Zöglings gestattet und geschehen läßt. Besonders gilt dieß von einer zu weichlichen Nachsicht und Schonung der Kinder, wenn sie krank werden, oder kränklich sind — von den langen Pausen, die man bei Gelegenheit der Familienfeste und bei Zurüstungen zu diesen Festen, besonders zu Geburtstagen, macht, auf deren dramatische Feier nicht selten Wochen verwandt werden bei dem Einstudiren. Dagegen sind bei dem Unterricht und bei der Erziehung solche Ruhepunkte sehr heilsam, welche bestimmt sind, die in einem längern Zeitraum gewonnene Fähigkeit, Fertigkeit und Kenntniß zu überschauen, und sich in vollen Besitz derselben zu setzen. Daher gehöre es zu den Familien-Festen, wenn ein Kind irgend eine Fertigkeit erlangt, eine Bahn des Wissens und Lernens durchlaufen hat, und man halte über diese Einnahme des Zöglings ordentlich Buch und Rechnung. Das Kind werde zu einem recht lebendigen Bewußtseyn seiner erlangten Fertigkeit und Kenntnisse erhoben, und besonders zum Bewußtseyn seiner erhöhten moralischen Kraft, indem man es erinnert an ehemalige bange Zustände und Verhältnisse, ehemalige Schwierigkeiten und Hindernisse, die nun nicht mehr sind. Das Gehorchen werde erleichtert durch die Billigkeit und Angemessenheit der Gebote, durch wohlwollende Behandlung, eingeflößtes Vertrauen, erleichterte Ueberzeugung, daß es so recht und wohlgethan sey.
36.
Am ersten wird der Eifer erkalten, und der Muth sinken, und also Stillstand und Hemmung erfolgen bei solchen Erziehern, die sich das Erziehen zu leicht gedacht haben, und meinten, man habe nur zuzusehen, wie sich das Kind selbst erziehe, und ihm hie und da mit Strafen und Belohnungen zu Hülfe zu kommen; eben so bei solchen, die nicht Liebe genug zu den Kindern haben, und sich durch die immer wiederkehrenden Unarten der Kinder zum Unwillen und zu einer harten Behandlung reizen lassen, dadurch aber nichts weiter, als einen größeren Widerstand der Kinder gegen ihre Erziehungs-Maßregeln bewirken. Ferner bei denen, welche den Kindern Blößen geben, und sich dadurch in ein ungünstiges Verhältniß gegen ihre Zöglinge setzen. Endlich auch bei solchen, welche an die Untrüglichkeit und Unfehlbarkeit ihrer Erziehungs-Grundsätze glauben, und daher sich nicht zu fassen wissen, wenn der Erfolg nicht ihren hohen und zuversichtlichen Erwartungen entspricht. Daraus entsteht dann leicht ein unwilliges und hastiges Wegwerfen aller Grundsätze, und bei einem solchen Verfahren muß allerdings der Erfolg rein ungünstig seyn, weil dann gewöhnlich eine ganz verkehrte Behandlung des Zöglings eintritt, alle Behandlung nach Regeln aufhört.
37.
Ein Stillstand oder Rückschritt wird ferner da unvermeidlich seyn, wo man es mit der Bildung und Ausbildung guter Anlagen übereilt und übertrieben hat, und Kinder über ihr Vermögen anstrengte, ehe die wahre Bildungs-Periode eingetreten war. Solche Treibhaus-Erziehung bringt nur kränkelnde Erzeugnisse hervor.
Es ist also Stillstand und Rückschritt in der Erziehung unausbleiblich, wenn es keine feste Tages-Ordnung gibt; wenn nicht nach Grundsätzen erzogen wird; wenn man in gewissen Perioden der Sinnlichkeit zu viel Befriedigung verstattet; wenn die Eitelkeit und der Eigendünkel durch falsch angewandte Ermunterungs-Mittel geweckt und genährt ist; wenn die Lebens-Ordnung, welche eingeführt, und der Unterrichts-Plan, welcher befolgt wird, nicht dem Alter und den Anlagen des Zöglings, und überhaupt der Natur des kindlichen Gemüths und Geistes angemessen ist, vielmehr ganz davon abweicht; wenn endlich Kindern Vorurtheile des Standes und der Geburt eingeflößt werden, oder Wohlleben sie träge und verdrossen macht.
38.
Die Lehren und die Eindrücke der Religion müssen allen andern Lehren und Eindrücken Kraft und Wirksamkeit geben. Daher geschehe in der Erziehung alles mit religiösem Geiste; aber man hüte sich dabei, den Ton zu verfehlen, der dem jedesmaligen Alter und der Bildungsstufe, auf welcher der Zögling steht, angemessen ist. Die Erziehung benutze sorgfältig alle die Mittel, welche ihr zu Gebote stehen, um die religiösen Eindrücke dem Herzen unauslöschlich einzuprägen, und da die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist, so müsse jedes wohlwollende und theilnehmende Gefühl sorgsam gepflegt und genährt und schon in dem Kinde eine lebendige Ahnung seiner Menschenwürde und Bestimmung erweckt werden.
Die Erziehung soll vor allem den Menschen zum Menschen bilden; sie soll die Grundzüge der Menschheit nicht verwischen, sondern ihnen Kraft und Leben geben; sie soll es auf Selbstständigkeit anlegen, und die Anlagen zur Sittlichkeit in dem Kinde ausbilden. Diejenigen Erzieher, die dieß verabsäumen, haben ihre Pflicht nicht halb erfüllt. Denn nie wird es der Mensch zu wahrer Sittlichkeit bringen, wenn er nicht Ehrfurcht, Liebe und Vertrauen gegen ein unsichtbares Wesen fühlt, welches er als Herr seines Schicksals betrachtet. Nur dadurch erhält der Wille Kraft und Festigkeit, nur dieß gibt den Gefühlen Lebhaftigkeit und Wärme, der Seele eine Richtung auf das Höhere. Aber ist die religiöse Bildung verabsäumt, so bleibt die Bildung für das ganze Leben mangelhaft und unvollständig; nur die Religion kann das Werk des Erziehers fördern und krönen. Gerade darum aber, weil die Religion Sache des Gefühls werden muß, wenn sie haften und wirksam seyn soll, müssen die religiösen Eindrücke schon in der frühesten Kindheit geschehen.
Dahin gehört die Scheu vor einem unsichtbaren und allwissenden Richter, der belohnen und bestrafen kann; der Glaube, daß die Regungen des Gewissens Gottes-Stimme sind; daß alles Gute von Gott kommt, und daß er Beschützer und Führer der Menschen ist; daß er den Menschen durch seine Gesandten seinen Willen bekannt gemacht habe — daß er ihre Gebete erhöre.
Dahin gehört ferner Heilighaltung der Bibel, als eines göttlichen Buches; der Kirche, als Stätte der Andacht und Anbetung; des Sonntags, als eines dem Herrn und unserer Seele geweihten Tages; der Festtage, als solcher Tage, die uns an eine große Wohlthat Gottes erinnern — vor allen auch der letzte Tag des Jahres.
39.
Die religiöse Bildung darf am wenigsten der weiblichen Seele fehlen, weil diese mehr durch Gefühle, als durch Verstandes-Begriffe und Grundsätze bestimmt und geleitet wird, und weil vor allem durch die Mütter religiöse Gesinnungen und Gefühle fortgepflanzt werden sollen. Das Menschengeschlecht wäre verloren, wenn Religiosität nicht mehr in weiblichen Herzen gefunden, und durch sie fortgepflanzt würde, so wie auch alle Erziehung bei Mädchen ihren Zweck nicht erreicht, wenn sie nicht eine religiöse, und durch Religion geheiligte und befruchtete ist. Dazu gehört nicht ein frühzeitiger eigentlicher Religions-Unterricht, oder daß man das lallende Kind schon zum Beten abrichte; wohl aber, daß man es durch Liebe und Ernst empfänglich mache für die Eindrücke der Religion; daß man die Schönheiten der Natur, und ihre furchtbaren Erscheinungen benutze, um des Kindes gerührte oder erschütterte Seele zur Ahnung Gottes und des Göttlichen zu erheben; daß man die, das kindliche Gemüth so sehr ansprechenden Erzählungen und Lehren der Bibel zur Weckung religiöser Gefühle benutze, und die einfachsten Aussprüche der Bibel seinem Gedächtnisse und Verstande einpräge; daß man es früh zum Genuß und zum Erkennen dichterischer Schönheit führe, und dadurch seinen Gefühlen eine höhere Richtung gebe. Ein schönes Lied, dem Kinde mit Empfindung vorgesprochen, wird gewiß bei den Meisten von großer Wirkung seyn. Auch das Hinführen in die Kirche, besonders bei feierlichen Gelegenheiten, wird hiezu mitwirken; nur verlange man nicht, daß das Kind bei dem ganzen Gottesdienste aushalten soll. — Schriften, wie Gumal und Lina — Spiekers Emiliens Stunden der Andacht — Krummachers Parabeln und dessen Festbüchlein — Allwin und Theodor von Jakobs, und von demselben Rosaliens Nachlaß — Witschels Morgen- und Abendopfer — Glatz Andachtsbuch, werden hiebei gute Dienste leisten, noch besser ein zweckmäßiger Vortrag der biblischen Geschichte, und eine feierliche Morgen- und Abend-Andacht.
40.
Man beobachte sorgsam alles, was einen lebhaften und guten Eindruck auf das Kind gemacht, sein Nachdenken anhaltend beschäftigt, seine Wißbegierde am meisten angeregt hat, und suche alle diese Eindrücke und Regungen wieder aufzufrischen, damit die Seele dadurch gewisse Lichtpunkte erhalte, von wo aus sich Leben, Licht und Wärme durch das Ganze verbreite.
Je öfter die Erfahrung lehrt, daß gerade das, wovon man sich den geringsten Eindruck versprach, die stärksten und bleibendsten bei den Kindern machte, und das, was Eindruck machen sollte, desselben verfehlte, desto nöthiger ist es, auf jenes zu merken, und den Eindruck nicht verlöschen zu lassen. Dieß gilt besonders von dem, was wohlwollende Gefühle, den Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit weckt und belebt, was die Ahnung des Göttlichen hervorruft, das Selbstgefühl stärkt, den Thätigkeitstrieb erhöht, zur Selbstverleugnung ermuntert und stärkt. Bei dem einen Kinde ist's z. B. eine Aeusserung des Mißtrauens, wodurch es tief bewegt wird; bei einem andern die Betrübniß, die man über seine Fehltritte äussert; bei einem dritten der Anblick eines ausgearteten Kindes; bei einem vierten das Gelingen einer gefürchteten Arbeit — bei einem fünften ein Geschenk von Werth — ein unerwartetes Lob — ein empfindlicher oder beschämender Tadel.
41.
Nothwendig muß hiernach die Erziehung modificirt werden; es bildet sich hieraus eine pädagogische Klugheitslehre. Kinder von einer zarten Reizbarkeit, von vorzüglichen sittlichen Anlagen, und solche, die auf alles merken, alles zu Herzen nehmen, über alles nachdenken, wollen mit einer vorzüglichen Sorgfalt und Behutsamkeit behandelt seyn. Lebhafte Kinder bedürfen und ertragen starke Eindrücke, phlegmatische starke Reizmittel. Mädchen werden leicht durch Anregung der Phantasie fortgerissen. Eine rührende Geschichte kann sie leicht für ganze Tage zu einer gewissen Niedergeschlagenheit stimmen, oder doch ihre Phantasie in Aufruhr bringen — eine Schmeichelei die Eitelkeit in furchtbarer Kraft wecken.
42.
Die Erziehung lege es daher nicht so sehr auf starke und lebhafte, als auf bleibende Eindrücke an. Diese werden durch ein sich gleich bleibendes herzliches Benehmen, durch Erneurung und Belebung sittlicher Regungen, durch Einflößung religiöser Gesinnungen und Gefühle bewirkt; aber auch durch Benutzung ausserordentlicher Ereignisse, z. B. Unglücks- und Todesfälle, Verluste, Krankheiten, durch welche besonders der Sinn für Religion geweckt und belebt wird.
Wir hören hierüber die Bekenntnisse eines gewesenen Schulmannes aus seinen Jugend-Jahren. (S. Neue Bibliothek für Pädagogik von Gutsmuths, Julius und August 1812.)
»Ich vergegenwärtige mir noch lebhaft die schönen Abend-Dämmerungen, in welchen meine Mutter, mich herumtragend, geistliche Lieder sang. Mit sanfter, süßer Gewalt ergriffen mich diese Lieder. Ich horchte und horchte, und mag auch wohl die Händlein gefaltet haben. Ein Reich Gottes that sich mir auf; ich hatte an diesen Abenden, das weiß ich noch heute, eine milde, fromme, kindliche, ich möchte sagen: heilige Gesinnung, wie mir denn auch die gute Mutter ihre Zufriedenheit mit meinem Thun und Treiben nicht versagen konnte, so lange diese Klänge und Vorstellungen noch wiederhallten. Ich verstand freilich viele Ausdrücke in diesen Liedern nicht; aber der mir zusammenhängend verständlichen waren genug. Manches hellte mir die, zwar sehr dürftige, Belehrung auf, und übrigens fand ich mich instinktartig zurecht. Ich verstehe mich hier selbst wohl. Bewahre mich Gott, die Erkenntniß des Verstandes zu verachten! Was kann herrlicher seyn, als das Denken, welches selbst eine göttliche That ist, auf das Göttliche angewandt. Ich meine nur, das Uebersinnliche, das im Menschen ursprünglich gesetzt ist, als: Gott, Gewissen und Rechenschaft, wurde mir in das Bewußtseyn gebracht durch jene Gesänge, und wenn ich einmal auf diesem heiligen Boden war, so konnten ein Paar dunkle Vorstellungen ab und an nichts verschlagen; die Hauptsache, der Grund aller wahren Religion, war gewonnen. Ich segne meine Eltern, daß sie mir den Gedanken des Heiligen eher einpflanzten, ehe noch die rechte Sünde kam, und die größere Zerstreuung. Keine Erkenntniß zu dulden, die nicht durch den Begriff kommt, das ist spätere Losung gewesen. Wir haben gesehen, wie weit wir damit im Erkennen, Wollen und Fühlen gekommen sind.«
»Ich mußte früh und Abends beten, vor und nach Tische, und sah es die Eltern gleichfalls thun. Oft hatte ich keine Andacht dabei; oft wurde ich dazu gezwungen. Ein Erzieher meiner spätern Jahre machte es umgekehrt; er versagte mir das laute regelmäßige Beten, wenn ich nicht gesammelt war, mit dem Beifügen, daß ich mich Gott in einer solchen Stimmung nicht nahen dürfe, weil ich ihm mißfällig sey. Das wirkte mächtig auf mich. Indessen entsinne ich mich keines Schadens, den das mechanische Geplapper mir gebracht hätte. Doch kann es seyn, daß die sinnvollere Erziehung, die ich vom neunten Jahre an ausser dem Hause erhielt, mich vor solchem Schaden bewahrt hat. Dagegen weiß ich, daß ich auch sehr oft andächtig betete; daß mir der Gedanke an Gott und die Beschäftigung mit ihm etwas wurde, das sich von selbst verstände; daß mir bei unerlaubtem Dichten und Trachten eben deshalb die Erinnerung an Gott schneller in den Weg trat, und mich in manchem Schlechten aufhielt; daß ich mich gewöhnte, den Tag und die Nacht als ein Geschenk des liebevollen Gottes, und das Leben, als bedürftig der Weihe in jedem seiner Theile zu betrachten. Ich kam zeitig unter eine gewisse Gottesherrschaft, die dem Leben getaufter Menschen erst den wahren Werth gibt; ich lernte endlich durch eingeimpftes Beten auch frei beten, und meine religiösen Vorstellungen unaufgefordert an Gott richten. Es ist in der That die Frage, ob eine allzu ängstliche Scheu vor dem Mechanismus im Beten im Anfang der religiösen Erziehung nicht dem höchsten, dem freien Beten selbst, auf Zeitlebens nachtheilig wird. Mich dünkt, das Beten wolle, wie jede Seelen-Verrichtung, geübt seyn.«
»Ich bekam Bibelsprüche zum Auswendiglernen. Viele darunter verstand ich nicht ganz; mehrere waren in der Auslegung unrichtig; erklärt wurden mir wenige recht. Die einen habe ich in der Folge verstehen, die andern recht erklären gelernt. Gesetzt, mir wäre Beides nicht ganz zu Theil geworden, so hätte ich doch immer, wie geschehen ist, einen Schatz gesammelt von Lehre, Warnung und Trost in erhaben einfacher Sprache der Urwelt.«
»Dem häuslichen Vorlesen und Hören von Predigten habe ich als Kind nie etwas abgewinnen können. Die Schuld mochte theils daran liegen, daß Predigten für mein Kindesalter nicht paßten, theils an der schlechten Declamation. Aber das häusliche Singen an Sonn- und Festtagen erbaute mich mehr. Da ich ein vortreffliches Gedächtniß habe, so lernte ich die vornehmsten Lieder unseres Gesangbuchs kennen, viele auswendig. Wie mancher Vers der Gottbegeisterten Dichter Paul, Gerhard, Richter, Luther, Neumann, und später des sanften Gellert, hat mich mahnend, warnend, tröstend durch das Leben geleitet! Wo die heutige Jugend so oft trostlos schwankt, oder in wilder Verworrenheit dem Abgrund zutaumelt, habt ihr Unsterblichen mich fest und aufrecht erhalten.«
»Die Vorstellungen und Gefühle der Religion waren es vorzüglich, die meine dunkeln, gemeinen, verkümmerten Kinder-Jahre erhellten, adelten und beseligten. Eine Welt ging mir im Geiste auf, deren Schimmer die enge sichtbare mir nicht verdüstern konnte. Mit dem Ministerknaben, der im stolzen Prachtwagen bei mir vorüber fuhr, hatte ich einen Gott, zu dem ich beten konnte; ich war getauft, wie er; ich erstand einst aus dem Staube, wie er, nicht mehr gebeugt, sondern verklärt. An den einfachern Weltverhältnissen, die ich im Evangelienbuche anschaute, richtete sich meine schüchterne Seele auf; die festlichen Tage der Christen brachten auch in meiner Eltern Haus einen Schimmer der Freude; an Abendmahlstagen sah ich die höchste Erhebung an ihnen, und wie sie da mit besonderer Scheu das Unheilige mieden, so ermannten sie sich auch, des Lebens Sorgen wegzuwerfen. Mitten unter den Thränen, die ihr Brod benetzten, sah ich auch oft den vertrauensvollen Blick gen Himmel gerichtet, und hörte ein Wort wechselseitiger Tröstung gesprochen, das nicht auf täuschende Erdenhoffnungen gegründet war. So lernte ich zeitig etwas von der erhabensten aller Künste, zu stehen wie ein Berg Gottes, den Fuß in Ungewittern, das Haupt in Sonnenstrahlen.«
43.
Jean Paul sagt in seiner Levana: »Zeiget überall, auch an den Grenzen des heiligen Landes der Religion, dem Kinde anbetende und heilige Empfindungen; diese gehen über, und entschleiern ihm zuletzt den Gegenstand, so wie es mit euch erschrickt, ohne zu wissen, wovor. Newton, der sein Haupt entblößte, wenn der größte Name genannt wurde, war ohne Worte ein Religions-Lehrer von Kindern geworden. Nicht mit, aber vor ihnen dürft ihr beten, das heißt: Gott laut danken. Eine verordnete und befohlene Erhebung und Rührung ist eine entweihte. Kindergebete sind leer und kalt, und eigentlich nur Ueberreste des jüdisch-christlichen Opferglaubens, der durch Unschuldige, statt durch Unschuld, versöhnen und gewinnen will.« Das Wahre an dieser zu stark ausgedrückten Behauptung ist wohl dieß, daß eine befohlene Andacht gar keine ist, und daß ein Tischgebet vor dem Essen jedes Kind verfälschen müsse.
»Gebt dem Kinde,« heißt es dort weiter, »unser Religions-Buch in die Hand, aber schickt die Erklärung dem Lesen nicht nach, sondern voraus, damit in die junge Seele die fremde Form als ein Ganzes dringe. Warum soll erst der Mißverstand der Vorläufer des Verstandes seyn? Um die schöne Frühlingszeit der religiösen Aufnahme des Kindes unter Erwachsene — eine so wichtige, da es vor dem Altare zum erstenmale öffentlich und mit allen Rechten eines Ichs auftritt und forthandelt — um diese einzige Zeit, wo plötzlich das dämmernde Leben in ein Morgenroth aufbricht, und dadurch das Neue der Liebe und der Natur verkündigt, gibt es keinen schöneren Priester für die junge Seele, als der Dichter ist, welcher eine sterbliche Welt vernichtet, um auf ihr eine unsterbliche zu bauen.« Levana 1. 146.
44.
Verhüte sorgsam alles, wodurch die Freudigkeit Deines Zöglings geschwächt oder unterdrückt werden könnte, und erhalte ihn daher in einer ununterbrochenen, seinem Alter und der kindlichen Natur angemessenen Thätigkeit; flöße ihm keine Furcht, sondern nur ehrerbietige Scheu, keine Aengstlichkeit und Schüchternheit, sondern Freimüthigkeit und Bescheidenheit ein; suche selbst da, wo Du einen Zwang eintreten lassen mußt, seinen Willen zu gewinnen, und benimm ihm nicht durch übertriebene Strenge und durch Pedanterie die Lust und Liebe zu dem, was er thun soll. Störe ihn nicht in seinen Spielen; sey kein Spiel-Verderber.