Dritter Theil. (continued 3)
Reading edition
4.
Bei der Menge unnützer Schriften thut man übrigens wohl, eben so vorsichtig im Umgange mit Büchern, wie mit Menschen zu seyn. Um nicht zu viel Zeit mit Lesung unnützen Papiers zu verschwenden, das heißt: um nicht von Schwätzern mir die Zeit verderben zu lassen, suche ich auch von dieser Seite nicht viel neue Bekanntschaft eher zu machen, als bis der allgemeine Ruf mich auf ein gutes, oder besonders musterhaftes Buch aufmerksam macht. Ich bin mit einem kleinen Cirkel alter guter Freunde zufrieden, die ich oft, und immer mit neuem Vergnügen, schriftlich mit mir reden lasse.
Hier wäre denn wohl der Ort, einen eignen, nicht unbedeutenden Abschnitt den Bemerkungen über den Umgang mit verstorbenen großen und edeln Männern zu widmen; allein das würde mich zu weit führen; wichtig ist aber gewiß der Einfluß, den das Studium der Geschichte, des Charakters und der Schriften der berühmtesten Helden und Weisen verflossener Jahrhunderte auf die Ausbildung eines gutbegabten Geistes hat. Man träumt sich in jene Zeiten hinein, wird beseelt von dem Geiste, der aus den Thaten und Reden jener erhabenen Menschen hervorgeht; und in diesem Sinne hat der Umgang mit Verstorbenen sehr oft größere Wirkung auf Köpfe und Herzen, und durch diese auf große Weltbegebenheiten geäussert, als der Umgang mit den Zeitgenossen.
Eilftes Kapitel. Schluß.
1.
Und nun, wertheste Leser! eile ich zum Schlusse dieses Werks über den Umgang mit Menschen. Finden Sie etwas darin, das Ihrer Aufmerksamkeit werth ist, — wird dies Buch vom Publiko gütig aufgenommen und billig beurtheilt: so wird mir das mehr Freude machen, als mir bis jetzt selbst der beste Erfolg irgend einer meiner Schriften gewährt hat. Wenigstens hoffe ich, Sie werden hier keine Grundsätze antreffen, deren sich ein rechtschaffener und verständiger Mann schämen dürfte, und, wenn es sonst kein anderes Verdienst hat, ihm doch das der Vollständigkeit nicht absprechen; denn ich glaube, daß doch nicht leicht irgend ein Verhältniß im geselligen Leben gefunden werden könne, über welches ich nicht etwas gesagt hätte. — Ob gut, oder schlecht, oder beides vermischt, oder mittelmäßig von Anfang bis zu Ende: — das darf ich nicht entscheiden.
2.
Daß ein solches Buch aber, vorausgesetzt nämlich, daß der Gegenstand mit gehöriger Einsicht, Erfahrung und Menschenkenntniß behandelt wäre, nicht nur Jünglingen, sondern selbst Männern Nutzen gewähren könnte: das darf ich wohl behaupten. Man verlangt von feinen, hellsehenden Leuten immer auch feine Lebensart; aber man hat darin Unrecht. Dieser Geist des Umgangs erfordert Kaltblütigkeit, Achtsamkeit auf geringe Dinge, auf Kleinigkeiten, die man bei feurigen Genies selten antrifft. Ein Wink hingegen aus einem solchen Buche kann Manchen aufmerksam machen auf Fehler, welche er bisher, ohne es zu wissen, in Behandlung der Menschen beging, — auf Fehler, die er an sich selbst aus zu großer Lebhaftigkeit bis jetzt übersehen hatte, ohne ihn deswegen abzuhalten, die fremden Erfahrungen auf seine Weise zu nützen, und dennoch selbstständig zu handeln.
3.
Ich habe aber in diesem Werke nicht die Kunst lehren wollen, die Menschen zu unsern Endzwecken zu mißbrauchen, über alle nach Gefallen zu herrschen, Jeden nach Belieben für unsre eigennützigen Absichten in Bewegung zu setzen. Ich verachte den Satz: »daß man aus den Menschen machen könne, was man wolle, wenn man sie bei ihren schwachen Seiten zu fassen verstünde.« Nur ein Schurke kann das, und will das, weil nur ihm die Mittel, zu seinem Zwecke zu gelangen, gleichgültig sind; der ehrliche Mann kann nicht aus allen Menschen alles machen, und will das auch nicht; und der Mann von festen Grundsätzen läßt auch nicht alles aus sich machen. Aber das wünscht, und das kann jeder Rechtschaffene und Weise bewirken, daß wenigstens die Bessern ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: daß niemand ihn verachte; daß er Frieden von aussen her habe; daß man ihn in Ruhe lasse; daß er Genuß und Gewinn aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen schöpfe; daß Andere ihn nicht mißbrauchen, oder durch Verstellung täuschen. Und wenn er ausdauert, immer folgerecht, edel, vorsichtig und gerade handelt: so kann er sich allgemeine Achtung erzwingen, kann auch, wenn er die Menschen studirt hat, und sich durch keine Schwierigkeiten abschrecken läßt, fast jede gute Sache am Ende durchsetzen. Hierzu nun die Mittel zu erleichtern, und Vorschriften zu geben, die dahin einschlagen, — das ist der Zweck dieses Buchs.
Wer aber sein ganzes Leben hindurch, bei jeder willkührlichen Handlung, bei jedem kleinen Schritte, den er zu unternehmen hat, erst nachsehen wollte, ob er dazu in diesem Buche kein Recept, keine Vorschrift fände, der würde freilich alle Eigenthümlichkeit des Charakters verleugnen. — Doch, wie kann das auch meine Absicht seyn? Kaum bedürfte es dieser Erinnerung, wenn es weniger schiefe Köpfe und boshafte Ausleger in der Welt gäbe.
4.
Daß ich bei dieser Gelegenheit die Schwachheiten mancher Klassen von Menschen habe aufdecken müssen, ohne jedoch auf Einzelne unedel anzuspielen, das war wohl sehr natürlich. Aber o! was hätte ich sagen können, wenn ich mein Buch mit wirklichen Anekdoten hätte auszieren, und besondere Erfahrungen aus meinem Leben erzählen wollen! — Schmeichle ich mir zu viel, wenn ich hoffe, daß man mir dergleichen nicht Schuld geben, und mir wenigstens von dieser Seite Gerechtigkeit widerfahren lassen werde?