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Ueber den Umgang mit Menschen

Zweiter Theil. (continued 2)

Reading edition

13.

In solchen und allen übrigen kleinen Kämpfen und Streitigkeiten mit Frauenzimmern muß man ihnen den Triumph des Augenblicks lassen, nie aber sie merklich beschämen; denn das ist etwas, das ihre Eitelkeit selten verzeiht.

14.

Daß die Rache eines unedlen Weibes fürchterlich, grausam, dauernd und nicht leicht zu versöhnen sey, das hat man schon so oft gesagt, daß ich es hier zu wiederholen fast nicht nöthig finde. Wirklich sollte man es kaum glauben, welche Mittel solche Furien ausfindig zu machen wissen, einen ehrlichen Mann, von dem sie sich beleidigt glauben, zu martern, zu verfolgen; wie unauslöschlich ihr Haß ist; zu welchen niedrigen Mitteln sie ihre Zuflucht nehmen. Der Verfasser dieses Buchs hat leider selbst eine Erfahrung von der Art gemacht. Ein einziger unbesonnener Schritt in seiner frühen Jugend, durch welchen sich der Ehrgeitz und die Eitelkeit eines Weibes gekränkt fühlte, ob sie ihn gleich früher, als er sie, auf den Fuß getreten hatte, war Schuld daran, daß er nachher aller Orten, wo sein Schicksal ihn nöthigte, Schutz und Glück zu suchen, Widerstand, und fast unübersteigliches Hinderniß fand; daß heimliche, durch allerlei Wege gewonnene Verläumder mit bösen Gerüchten vor ihm hergingen, um jeden Schritt zu hindern, jeden unschuldigen Plan zu vereiteln, den er zu seinem Fortkommen und zum Wohl seiner Familie anlegte. Ihm half nicht das vorsichtigste, untadelhafteste Betragen, nicht die öffentliche Erklärung, wie sehr er sein Unrecht erkenne. — Die rachgierige Frau hörte nicht auf, ihn zu verfolgen, bis er endlich freiwillig allem entsagte, wozu man die Hülfe Anderer braucht, und sich auf eine häusliche Existenz einschränkte, die sie ihm nicht rauben kann. — Und das that eine Frau, in deren Macht es stand, viele Menschen glücklich zu machen, und die von der Natur mit sehr seltnen Vorzügen des Körpers und des Geistes ausgerüstet war.

Es scheint übrigens in der Natur zu liegen, daß Schwächere immer grausamer in ihrer Rache sind, als Stärkere; vielleicht, weil das Gefühl dieser Schwäche die Empfindung des erlittenen Drucks verstärkt, und lüsterner nach der Gelegenheit macht, auch einmal Kraft zu üben.

15.

Eine philosophische Abhandlung des Herrn Professor Meiners, über die Frage: »ob es in unsrer Macht stehe, verliebt zu werden, oder nicht?« läßt mich daran verzweifeln, irgend etwas Neues über die Mittel sagen zu können, welche man anzuwenden hat, um im Umgange mit liebenswürdigen Frauenzimmern die Freiheit seines Herzens zu bewahren und zu behaupten. Die Liebe ist zwar ein süßes Ungemach, das über uns kömmt, gerade wenn wir uns dessen am wenigsten versehen, gegen welches wir also gewöhnlich erst dann anfangen, Maaßregeln zu nehmen, wenn es schon zu spät ist; da sie aber oft sehr bittre Leiden, und Zerstörung aller Ruhe und alles Friedens mit in ihrem Gefolge führt; da hoffnungslose Liebe wohl eine der schrecklichsten Plagen ist, und äussere Verhältnisse zuweilen auch den edelsten, zärtlichsten Neigungen unübersteigliche Hindernisse in den Weg legen: so ist es doch der Mühe werth, besonders für Den, welchen die Natur mit einem lebhaften Temperamente und mit warmer Phantasie ausgestattet hat, sich an eine gewisse Herrschaft des Verstandes über Gefühle und Sinnlichkeit zu gewöhnen, und, wo er sich dazu zu schwach fühlt, — der Versuchung auszuweichen. Groß ist die Qual für ein fühlendes Herz, geliebt zu werden, und Liebe nicht erwiedern zu können. Schrecklich ist die Qual, zu lieben, und verschmäht zu werden; verzweiflungsvoll die Lage Dessen, der für gränzenlose treue Zärtlichkeit und Hingebung mit Betrug und Untreue belohnt wird. — Wer gegen dies alles sichre Mittel weiß, der hat den Stein der Weisen gefunden. Ich gestehe meine Schwäche: — ich kenne keins, als die Flucht, ehe es dahin kömmt.

16.

Es leben unter uns Männern Bösewichter, denen Tugend, Redlichkeit und die Ruhe ihrer Nebenmenschen so wenig heilig sind, daß sie unschuldige, unerfahrne Mädchen, wenn nicht durch schlaue Künste wirklich zum Laster verführen, doch mit falschen Erwartungen oder gar mit Versprechungen einer künftigen Eheverbindung täuschen, sich dadurch für den Augenblick eine angenehme Existenz verschaffen, die armen Kinder aber, die indeß ihretwegen aller Gelegenheit zu anderweitiger Versorgung ausgewichen sind, nachher verlassen, um neue Verbindungen zu schließen. Die Schändlichkeit eines solchen Verfahrens wird ja wohl Jeder einsehen, der noch einen Funken von Gefühl für Ehre in seinem Busen trägt; und wem ein solches Gefühl fremd ist, für den schreibe ich nicht. Es gibt aber ein andres, den Folgen nach nicht weniger schädliches, obgleich in Betracht der Absicht nicht so strafbares Betragen der Männer gegen gefühlvolle Frauenzimmer, worüber ich einige Worte zur Warnung sagen muß. Es glauben nämlich Manche unter uns, es könne gar kein Interesse in den Umgang mit jungen Mädchen kommen, wenn man ihnen nicht Süßigkeiten sage, ihnen schmeichele, oder eine Art von Wärme und Herzens-Andringlichkeit aus Worten und Gebehrden hervorleuchten lasse. Aber ein solches Betragen ist wahre Versündigung, denn es nährt nicht nur den ohnehin schon so großen Hang des Geschlechts zur Eitelkeit, sondern, da eben diese Eitelkeit, die Ueberzeugung von der Macht ihrer Reize, gern jedes Honigwort für Sprache inniger Empfindung hält: so setzen die guten Mädchen, deren Leichtgläubigkeit kein edler Mann benutzen sollte, sich gleich in den Kopf, es sey ernstlich auf eine Heirath angesehen. Der Stutzer merkt das nicht, oder wenn er es merkt, so ist er zu leichtsinnig, den Folgen nachzudenken; er verläßt sich darauf, daß er nie bestimmt etwas von Heiraths-Anträgen hat fallen lassen, und wenn er nun früh oder spät aufhört, einer solchen Schönen zu huldigen, so ist das Mädchen eben so unglücklich, als wenn er sie absichtlich betrogen hätte. Sie welkt dahin die arme Verlassne, wenn bittre Täuschung einer lebhaften Hoffnung an ihrem Herzen nagt, indeß der süße Herr sorglos bei Andern herumschwärmt, und das Unglück nicht einmal ahnet, das er angerichtet hat.

Eine nicht minder gewöhnliche Art, junge Mädchen zu Grunde zu richten, ist, wenn man entweder durch leichtfertige Reden und luxuriösen Witz ihre Neugier und ihre Sinnlichkeit reizt, oder durch Erweckung romanhafter Begriffe ihre Phantasie erhitzt, ihre Aufmerksamkeit von solchen Gegenständen, womit sie, ihrem Berufe gemäß, sich beschäftigen sollten, ableitet, in ihnen den Sinn für einfaches, häusliches Leben ertödtet, oder ein junges Land-Mädchen, durch reizende Darstellung der Stadt-Freuden, mit ihrer Lage unzufrieden macht. O habe doch Mitleiden, leichtsinniger Jüngling, mit diesen Armen, und nimm ihnen nicht unbarmherzig, was unersetzlich ist, die Zufriedenheit mit dem, was ihre Lage ihnen darbietet. Erkenne doch, wie unedel es ist, Schwachheit zu benutzen, um seiner Eitelkeit eine Nahrung zu bereiten, und wie edel dagegen, ein unbefangenes und argloses Herz mit Achtung und Schonung zu behandeln.

17.

Ich sollte hier billig auch etwas von dem Umgange mit groben Koketten und Buhlerinnen sagen; allein das würde mich zu weit führen, und schwerlich möchte meine Mühe mit Erfolge belohnt werden. Die Schlingen, denen ein junger Mann in dieser Hinsicht auszuweichen hat, sind unzählig. Wohl ihm, wenn er Kraft und Klugheit genug hat, diese Ausgearteten wie die Pest zu fliehen; hat er aber einmal das Unglück, in ihre Fallstricke gerathen zu seyn: so wird er selten so viel kalte Ueberlegung haben, ehe er ein solches Geschöpf besucht, vorher ein Kapitel aus meinem Buche zu lesen. Zudem hat der König Salomon das alles weit besser gesagt. — Doch ein Paar Zeilen darüber: Unbeschreiblich fein sind solche verworfne Geschöpfe in der Kunst, sich zu verstellen, unverschämt zu lügen, Empfindungen zu heucheln, um ihre Habsucht, ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit, ihre Rache, oder irgend eine andre Leidenschaft zu befriedigen. Unendlich schwer ist es, zu erforschen, ob eine Buhlerin Dir wirklich um Dein Selbst willen anhängt. Hast Du sie vielfältig auf die Probe von Uneigennützigkeit gesetzt, und immer so befunden, wie Du wünschtest: so ist das etwas, aber noch sehr wenig. Sie verachtet vielleicht Dein Silber, um desto sicherer Dich selbst mit allem Deinem Golde zu gewinnen; oder ihr Temperament leitet sie weniger zum Gelde, als zur Wollust. Hast Du sie bei mancherlei Versuchungen, wo sie Gelegenheit und Anreizung gehabt hätte, Dich heimlich zu hintergehen, stets treulich befunden; hat sie zärtliche Sorgfalt, selbst für Deinen Ruf, für Deine Ehre gezeigt; zieht sie Dich nicht ab von andern natürlichen und edlen Verbindungen; opfert sie Dir Jugend, Schönheit, Gewinn, Glanz, Eitelkeit auf: — ei nun! die Mischungen der Anlagen und Temperamente sind mannigfaltig — so kann auch eine Buhlerin von andern Seiten gute, liebenswürdige Eigenschaften haben; aber traue ihr darum nicht! Ein Weib, das die ersten und heiligsten aller weiblichen Tugenden, die Keuschheit und Sittsamkeit, für nichts achtet, wie kann das wahre Ehrfurcht für höhere Pflichten haben? Doch bin ich weit entfernt, alle unglückliche Gefallne und Verführte in die Klasse verachtungswerther Buhlerinnen setzen zu wollen. Wahre Liebe kann auch ein verirrtes Herz zur Tugend zurückführen. Es ist schon oft gesagt worden, daß derjenige sichrer vor der Verführung sey, der die Gefahr kennt, als der, welcher nie in Versuchung geführt worden ist; allein es bleibt bei dieser Art von Vergehungen immer eine mißliche Sache um die sichre, dauerhafte Besserung, und keine Lage ist demüthigender und beunruhigender, als wenn man die geliebte Person von Andern verachtet sieht, wenn man sich vor der Welt der Bande schämen muß, die man nicht zerreissen mag oder kann. Liebe, reine Liebe, sichert übrigens am besten gegen Ausschweifungen, und der Umgang mit edeln, sittsamen Weibern verfeinert den Sinn des Jünglings für Tugend und Unschuld, waffnet sein verwöhntes Herz gegen feine und freche Buhlerkünste. — Uebrigens bleibt es doch immer eine große Ungerechtigkeit, daß wir Männer uns alle Arten von Ausschweifungen erlauben, den Weibern aber, die von Jugend auf durch uns zur Sünde gereizt werden, keinen Fehltritt verzeihen wollen; aber freilich, was würde aus der bürgerlichen Gesellschaft und aus dem ganzen Menschengeschlecht werden, wenn diese Strenge gegen das schwächere Geschlecht aufhörte? Doch bleibt es immer bei dem Ausspruch: wer sich rein weiß, hebe den ersten Stein auf!

Ist es aber wohl wahr, was man im gemeinen Leben so oft hört, daß jedes Weib zu verführen sey? — o ja! so wie jeder Richter auf irgend eine Art bestechbar, und jeder Erdensohn, wenn alle innre und äussre Umstände dazu mitwirken, zu jeder Sünde fähig seyn würde. — Aber heißt das etwas andres gesagt, als: daß wir alle — Menschen sind? Ueberlegt man dabei, wie auf die feinern Sinne der Frauenzimmer sinnliche Eindrücke, Verführung, Schmeichelei, Eitelkeit, Neugier, Temperament, so mächtigen Einfluß haben; wie der kleinste Fleck von dieser Seite an ihnen so leicht bemerkt wird, weil sie in keinen bürgerlichen Verhältnissen stehen, ihre Verirrungen nicht durch Verdienste und höhere Tugenden vergessen machen können: — o! wer wollte dann nicht dulden und schweigen? — Wenden wir uns nun zu einer erhabnen Klasse von Frauenzimmern — zu den gelehrten Weibern!

18.

Ich muß gestehen, daß mich immer eine Art von Fieberfrost befällt, wenn man mich in Gesellschaft einer Dame gegenüber oder an die Seite setzt, die große Ansprüche auf Schöngeisterei, oder gar auf Gelehrsamkeit macht. Wenn die Frauenzimmer doch nur überlegen wollten, wie viel mehr Interesse diejenigen unter ihnen erwecken, die sich einfach an die Bestimmung der Natur halten, und sich unter dem Haufen ihrer Mitschwestern durch treue Erfüllung ihres Berufs auszeichnen! Was hilft es ihnen, mit Männern in Fächern wetteifern zu wollen, denen sie nicht gewachsen sind, wozu ihnen mehrentheils die ersten Grundbegriffe fehlen, welche den Knaben schon von Kindheit an eingeprägt werden? Es gibt Damen, die, neben allen häuslichen und geselligen Tugenden, neben der edelsten Einfalt des Charakters und neben der Anmuth weiblicher Schönheit, durch tiefe Kenntnisse, seltne Talente, feine Kultur, philosophischen Scharfsinn in ihren Urtheilen, und Bestimmtheit im Ausdrucke, Gelehrte vom Handwerke beschämen. Dürfte ich es wagen, hier öffentlich ein Paar Namen zu nennen, so könnte ich beweisen, daß ich die Originale zu diesem Bilde nicht lange zu suchen brauchte; allein wie geringe ist gottlob die Anzahl solcher Frauen! Und ist es nicht Pflicht, die mittelmäßigen weiblichen Genies abzuschrecken, auf Kosten ihrer und Andrer Glückseligkeit nach einer Höhe zu streben, die so Wenige erreichen?

Ich tadle nicht, daß ein Frauenzimmer ihre Schreibart und ihre mündliche Unterredung durch einiges Studium und durch sorgsam und keusch gewählte Lectüre zu verfeinern suche; daß sie sich bemühe, nicht ganz ohne wissenschaftliche Kenntnisse zu seyn; aber sie soll kein Handwerk aus der Litteratur machen; sie soll nicht in allen Theilen der Gelehrsamkeit umherschweifen. Es erregt wahrlich, wo nicht Ekel, doch Mitleiden, wenn man hört, wie solche arme Geschöpfe sich erkühnen, über Gegenstände abzusprechen, die Jahrhunderte der Gegenstand der mühsamsten Nachforschung großer Männer gewesen sind, und von denen diese dennoch mit Bescheidenheit erklärt haben, sie sähen nicht ganz klar darin; wenn man hört, wie ein eitles Weib darüber am Thee- oder Nachttische, in den entscheidendsten Ausdrücken, Machtsprüche wagt, indeß sie kaum eine klare Vorstellung von dem Gegenstande hat, wovon die Rede ist. Aber der Haufen der Stutzer und Anbeter bewundert dennoch mit lautem Beifalle die feinen Kenntnisse der gelehrten Dame, und bestärkt sie dadurch in ihren unbescheidenen Ansprüchen. Dann sieht sie die wichtigsten Sorgen der Hauswirthschaft, die Erziehung ihrer Kinder und die Achtung der sogenannten Ungebildeten wie Kleinigkeiten an, glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen Herrschaft abzuschütteln, verachtet alle andre Weiber, erweckt sich und ihrem Gatten Feinde, träumt ohne Unterlaß sich in idealische Welten hinein; ihre Phantasie lebt in unkeuscher Gemeinschaft mit der gesunden Vernunft; es geht alles verkehrt im Hause; die Speisen kommen kalt oder angebrannt auf den Tisch; es werden Schulden auf Schulden gehäuft; der arme Mann muß mit durchlöcherten Strümpfen einherwandeln. Wenn er nach häuslichen Freuden seufzt, unterhält ihn die gelehrte Frau mit Journals-Nachrichten, oder rennt ihm mit einem Musen-Almanach entgegen, in welchem ihre platten Verse stehen, und wirft ihm höhnisch vor, wie wenig der Unwürdige, Gefühllose, den Werth des Schatzes erkennt, den er zu seinem Jammer besitzt.

Ich hoffe, man wird dies Bild nicht übertrieben finden. Unter den vierzig bis funfzig Damen, die man jetzt in Deutschland als Schriftstellerinnen zählt — die Legionen Derer ungerechnet, die keinen Unsinn haben drucken lassen, — sind vielleicht kaum ein halbes Dutzend, die, als privilegirte Genies höherer Art, wahren Beruf haben, sich in das Fach der Wissenschaften zu werfen; und diese sind so liebenswürdige, edle Weiber, versäumen so wenig dabei ihre übrigen Pflichten, fühlen selbst so lebhaft die Lächerlichkeiten ihrer halbgelehrten Mitschwestern, daß sie sich durch meine Schilderung gewiß nicht getroffen und beleidigt finden werden. Ist es aber nicht bei männlichen Schriftstellern auch der Fall, daß unter der großen Menge derselben nur Wenige ausgezeichneten Werth haben? Gewiß! nur mit dem Unterschiede, daß Begierde nach Ruhm oder Gewinn diese irre leiten kann; die Frauenzimmer hingegen nicht so leicht Entschuldigung finden können, wenn sie, mit mittelmäßigen, oder weniger als mittelmäßigen Talenten und Kenntnissen, eine Laufbahn betreten, welche weder die Natur, noch die bürgerliche Verfassung ihnen angewiesen hat.

Was nun den Umgang mit solchen Frauenzimmern angeht, die auf Litteratur Anspruch machen: so versteht sich's, daß, wenn diese Ansprüche gerecht sind, ihr Umgang äusserst lehrreich und unterhaltend ist; und was die von der andern Klasse betrifft, so kann ich nichts weiter anrathen, als — Geduld, und daß man es wenigstens nicht wage, ihren Machtsprüchen Gründe entgegenzusetzen, oder ihren Geschmack zu reformiren, wenn man sich auch nicht so weit erniedrigen will, den Haufen ihrer Schmeichler zu vermehren.

19.

Das weibliche Geschlecht besitzt, in viel höherm Grade, als wir, die Gabe, seine wahren Gesinnungen und Empfindungen zu verbergen. Selbst Frauenzimmer von weniger feinen Verstandes-Kräften haben zuweilen eine besondre Fertigkeit in der Kunst sich zu verstellen. Es gibt Fälle, in welchen diese Kunst ihnen Schutz gegen die Nachstellungen der Männer gewährt. Der Verführer hat gewonnenes Spiel, wenn er bemerkt, daß das Herz der Schönen, oder ihre Sinnlichkeit, mit ihm gemeinschaftliche Sache macht. Also rechne man es ihnen nicht zum Vorwurf, wenn sie zuweilen anders scheinen, als sie sind! aber man nehme darauf Rücksicht im Umgange mit ihnen! man glaube nicht immer, daß ihnen derjenige gleichgültig sey, dem sie mit merklicher Kälte begegnen, noch daß sie sich vorzüglich für den interessiren, mit dem sie öffentlich vertraulich umgehen, den sie auszuzeichnen scheinen! Oft thun sie dieß gerade, um ihr Spiel zu verbergen, wenn es nicht bloß Neckerei, oder Wirkung ihrer Laune, ihres Eigensinnes ist. Sie ganz zu entziffern, dazu gehört tiefes Studium des weiblichen Herzens, vieljähriger Umgang mit den Feinern unter ihnen; kurz, mehr als in diesen Blättern entwickelt werden kann.

20.

Ich schweige von der Vorsichtigkeit im Umgange mit alten Koketten; mit solchen, die sich einbilden, die Ansprüche auf Bewundrung, auf Huldigung und die Gewalt ihrer Schönheit würden, wie die gesetzmäßigen Rechte der Juristen, durch dreißigjährigen Besitz um desto sichrer; die in fünf Jahren nur einmal ihren Geburtstag feiern, und die, wenn sie an der Spitze einer Bücher-Censur stünden, am ersten den Kalender verbieten würden. Ich schweige von den Prüden, Strengen, Spröden und Betschwestern, mit welchen man zuweilen, wie ich höre, unter vier Augen ganz anders, als in Gesellschaft umgehen darf, und von denen leichtfertige Leute behaupten: verschwiegne und kühne Männer machten bei dieser Klasse gerade am leichtesten ihr Glück. Ich schweige von den sogenannten alten Gevatterinnen und Frauen Basen, die sich's zur christlichen Pflicht machen, den Ruf ihrer Nachbarn und Bekannten von Zeit zu Zeit an das Licht zu ziehen, und mit denen man es daher nicht verderben darf. — Ich schweige von diesen allen, um die guten Damen nicht gegen mich aufzubringen, der ich an allen diesen Lästerungen keinen Theil nehme.

21.

Aber noch ein Paar Worte über die seligen Freuden, die der Umgang mit verständigen und edeln Weibern gewährt! Ich habe schon vorhin gesagt, daß ich demselben die glücklichsten Stunden meines Lebens zu verdanken habe; und, in Wahrheit! das sprach ich aus der Fülle meines Herzens. Ihr zartes Gefühl, ihre Gabe, so schnell zu errathen, zu begreifen, Gedanken aufzufassen, Mienen zu verstehen; ihr feiner Sinn für die kleinen, süßen Gefälligkeiten des Lebens; ihr reizender naiver Witz; ihre oft so scharfsinnigen, von gelehrten, systematischen, vorgefaßten Meinungen so freien Urtheile; unnachahmliche liebenswürdige Laune — interessant, selbst in ihren Ebben und Fluthen; ihre Geduld in langwierigen Leiden, wenn gleich sie im ersten Augenblicke, wo der Unfall sie trifft, dem Gefährten das Uebel durch Klagen schwerer machen; ihre sanfte, liebreiche Art zu trösten, zu pflegen, zu warten, zu harren, zu dulden; die Milde, welche in ihrem ganzen Wesen herrscht; die kleine, unschädliche Geschwätzigkeit und Redseligkeit, wodurch sie die Gesellschaft beleben — das alles kenne ich, schätze ich, verehre ich. — Und wer wird nun, bei dem, was ich zum Nachtheil Einiger unter ihnen habe sagen müssen, mir Lästerung aufbürden, oder gehässige Absichten beimessen?

Sechstes Kapitel. Ueber den Umgang unter Freunden.

1.

Da bei dem Betragen gegen unsre Freunde alles auf die Wahl derselben ankömmt, so muß ich zuerst einige Bemerkungen über diesen Gegenstand vorausschicken. Keine freundschaftliche Verbindungen pflegen dauerhafter zu seyn, als diese, welche in der frühen Jugend geschlossen werden. Man ist da noch weniger mißtrauisch, weniger schwierig in Kleinigkeiten; das Herz ist offner, geneigter sich mitzutheilen, sich anzuschließen; die Charaktere fügen sich leichter zusammen; man gibt von beiden Seiten nach, und setzt sich in gleiche Stimmung; man erfährt mit einander so Manches, erinnert sich der sorgenlosen, gemeinschaftlich vollbrachten, glücklichen Jugend-Jahre, und rückt mit gleichen Schritten in Kultur und Erfahrung fort. Dazu kommen dann Gewohnheit und Bedürfniß; wird Einer aus dem vertrauten Kreise durch die Hand des Todes dahingerissen, so kettet das die übrigbleibenden Gefährten um desto fester an einander. — Ganz anders sieht es aus in reifern Jahren. Von Menschen und Schicksalen vielfältig getäuscht, werden wir verschlossner, trauen nicht so leicht; das Herz steht unter der Vormundschaft der Vernunft, die genauer abwägt, und sich selbst Rath zu schaffen sucht, bevor sie sich Andern anvertrauet. Man fordert mehr, ist ekler in der Wahl, nicht mehr so lüstern nach neuen Bekanntschaften, wird nicht so lebhaft betroffen von glänzenden Aussenseiten; man hat ächtere Begriffe von Vollkommenheit, von dauerhaften Bündnissen, von Nutzen und Schaden einer gänzlichen Hingebung; der Charakter ist fester; die Grundsätze sind auf Systeme zurückgeführt, in welche die Gesinnungen und Theorien eines uns fremden Menschen selten passen; folglich wird es schwerer, eine dauerhafte Harmonie zu Stande zu bringen; und endlich sind wir in so manche Geschäfte und Verbindungen verflochten, daß wir kaum Muße, und wenigstens selten Drang haben, neue zu schließen. Also vernachlässige man seine Jugend-Freunde nicht; und wenn auch Schicksale, Reisen und andre Umstände uns in der Welt umhergetrieben und von unsern Gespielen getrennt haben, so suche man doch jene alten Bande wieder anzuknüpfen, und man wird selten übel dabei fahren.

2.

Es ist ein ziemlich allgemein angenommener Grundsatz, daß zu vollkommner Freundschaft Gleichheit des Standes und der Jahre erfordert werde. »Die Liebe,« sagt man, »sey blind; sie fessele, durch unerklärbaren Instinkt, Herzen an einander, die dem kalten Beobachter gar nicht für einander geschaffen zu seyn schienen; und da sie nur durch Gefühle, nicht durch Vernunft geleitet werde, so fielen bei ihr alle Rücksichten des Abstandes, den äussere Umstände erzeugen, weg. Die Freundschaft hingegen beruhe auf Harmonie in Grundsätzen und Neigungen; nun aber habe jedes Alter, so wie jeder Stand, seine ihm eigne Stimmung, nach der Verschiedenheit der Erziehung und Erfahrungen, und desfalls finde unter Personen von ungleichen Jahren und ungleichen bürgerlichen Verhältnissen keine so vollkommne Harmonie Statt, wie zur Knüpfung des Freundschafts-Bandes erfordert werde.«

Diese Bemerkungen enthalten viel Wahres; doch habe ich schon zärtliche und dauerhafte Freundschaften unter Leuten wahrgenommen, die, weder dem Alter noch dem Stande nach, sich ähnlich waren, und wenn man sich an dasjenige erinnert, was ich zu Anfange des ersten Kapitels in diesem Theile gesagt habe: so wird man dieß leicht erklären können. Es gibt junge Greise und alte Jünglinge. Feine Erziehung, Mäßigkeit in Wünschen, Freiheit in Denkungsart und Unabhängigkeit der Lage, erheben den Bettler zu einem Manne von hohem Stande, so wie verachtungswürdige Sitten, unedle Begierden und niedrige Gesinnungen selbst einen Fürsten zu dem Pöbel herabwürdigen können. Das ist aber zuverlässig gewiß, daß zu einer dauerhaften innigen Freundschaft Gleichheit in Grundsätzen und Empfindungen erfordert wird, und daß dieselbe auch bei einer zu großen Verschiedenheit in Fähigkeiten und Kenntnissen nicht leicht Platz finden kann. Darf denn in dieser Verbindung gerade das fehlen, was sie zur Quelle des edelsten Lebens-Genusses und der reinsten Glückseligkeit macht: die Mittheilung verschwisterter Gefühle, die sanfte, durch Theilnahme versüßte Warnung und Zurechtweisung? Und kann ich den mit Zustimmung meines Herzens meinen Freund nennen, dem meine Empfindungen völlig fremd sind, der kalt und gleichgültig bleibt, wo meine Seele ganz Gefühl und Empfindung ist? Es gibt Menschen von erhabenen und seltenen Eigenschaften des Geistes, die man nur bewundern darf, an welche man immer hinaufschauen muß, und diese Menschen verehrt man, aber — man liebt sie nicht, oder man verzweifelt wenigstens daran, von ihnen wieder geliebt zu werden. In der Freundschaft müssen beide Theile gleichviel geben und empfangen können. Jedes zu große Uebergewicht von einer Seite, alles, was die Gleichheit hebt, stört zugleich die Freundschaft.

3.

Warum haben sehr vornehme und sehr reiche Leute so wenig wahren Sinn für Freundschaft? Sie fühlen nicht dies edelste Seelen-Bedürfniß, weil ihre ganze Erziehung und Lebensweise die theilnehmenden Gefühle ertödtet, und sie zu Sclaven der Selbstsucht macht. Ihre Leidenschaften zu befriedigen; rauschenden, betäubenden Freuden nachzurennen; immer zu genießen; geschmeichelt, gelobt, geehrt zu werden; darum ist es ihnen Allen mehr oder weniger zu thun. Von Personen ihres Gleichen werden sie durch Eifersucht, Neid und andre Leidenschaften getrennt; die Vornehmeren suchen sie nur auf, wenn sie ihrer, zu Begünstigung eigennütziger oder ehrgeitziger Absichten, bedürfen; die Geringern und Aermern aber halten sie in einer so großen Entfernung von sich, daß sie von ihnen weder die Wahrheit annehmen, noch den Gedanken ertragen können, sich ihnen gleichzustellen. Auch bei den Besten unter ihnen erwacht früh oder spät die Vorstellung, daß sie von besserm Stoffe seyen, und das tödtet dann die Freundschaft.

4.

Allein selbst unter denen Menschen, die Dir an Stand, Vermögen, Alter und Fähigkeiten gleich sind, rechne nur auf die dauerhafte Freundschaft Derer, die nicht von unedlen, heftigen, oder thörichten Leidenschaften beherrscht, noch, wie ein Wetterhahn, von Launen und Grillen hin- und hergetrieben werden! Wer rastlos rauschenden Freuden und Zerstreuungen sich ergibt; wer wilden Begierden, der Wollust, dem Trunke, oder dem unglückseligen Spiele alles aufopfert; wessen Abgott falsche Ehre, Gold, oder sein eigenes Ich ist; wer, wankelmüthig in Grundsätzen und Meinungen, einen Charakter hat, der sich, wie Wachs, von Jedem in jede Form drücken läßt; der mag vielleicht ein guter Gesellschafter, aber nie wird er ein beständiger, treuer Freund seyn. Sobald es auf Verleugnung, Aufopferung, auf Beharrlichkeit und Festigkeit ankömmt, wird ein Solcher Dich im Stiche lassen; Du wirst allein da stehen und Dich hintergangen glauben, da doch Du allein Dich betrogst, indem Du unvorsichtig wähltest. Ueberhaupt ist es in dieser Welt so oft der Fall, daß unsre Phantasie uns die Menschen malt, wie wir gern möchten, daß sie aussähen, und es nachher sehr übel nimmt, wenn sie gewahr wird, daß die Natur nicht das Original dem Gemälde gleich geschaffen hat.

5.

Man pflegt zu sagen: das sicherste Mittel, Freunde zu haben, sey — keiner Freunde zu bedürfen; aber jeder Mensch von Gefühl bedarf Freunde. — Und sollte es denn wirklich so schwer seyn, in dieser Welt treue Freunde zu finden? Ich meine, nicht halb so schwer, wie man gewöhnlich glaubt. Unsre empfindelnden jungen Herren schaffen sich nur zu überspannte Begriffe von der Freundschaft. Freilich, wenn wir gänzliche Hingebung, unbedingte Aufopferung, Verleugnung alles eignen Interesse, in höchst kritischen Augenblicken, blinde Ergreifung unsrer Parthei gegen eigne bessre Ueberzeugung, sogar Bewunderung unsrer Fehler, Billigung unsrer Thorheiten, Mitwirkung bei unsern leidenschaftlichen Verirrungen — mit Einem Worte: wenn wir mehr von unsern Freunden fordern, als Billigkeit und Gerechtigkeit von Menschen verlangen darf, die Fleisch und Bein sind und freien Willen haben: so werden wir nicht leicht unter tausend Wesen Eins finden, das sich so gänzlich in unsre Arme würfe. Suchen wir aber verständige Menschen, deren Hauptgrundsätze und Gefühle mit den unsrigen übereinstimmen, kleine unmerkliche Verschiedenheiten abgerechnet; Menschen, die Freude finden an dem, was uns freuet; die uns lieben, ohne von uns bezaubert, das Gute in uns schätzen, ohne blind gegen unsre Schwächen zu seyn; die uns im Unglücke nicht verlassen, uns in guten und redlichen Bestrebungen treu und standhaft beistehen, uns mit ungeheuchelter und herzlicher Theilnahme trösten, aufrichten, tragen helfen, uns, wo es höchst nöthig ist, und wir dessen werth sind, alles aufopfern, was man ohne Verletzung seiner Ehre und der Gerechtigkeit gegen sich selbst und die Seinigen aufopfern darf, uns die Wahrheit nicht verhehlen, und aufmerksam auf unsre Mängel machen, ohne uns vorsätzlich zu beleidigen, uns allen andern Menschen vorziehen, in so fern es ohne Unbilligkeit geschehen kann — — suchen wir ernstlich Solche: nun, so finden wir deren gewiß. — Viele? nein! das sage ich nicht, aber doch wohl ein Paar für jeden Biedermann; — und was braucht man mehr in dieser Welt?

6.

Hast Du nun einen solchen treuen Freund gefunden, so bewahre ihn auch! Halte ihn in Ehren, auch dann, wenn das Glück Dich plötzlich über ihn erhebt, auch da, wo Dein Freund nicht glänzt, wo Deine Verbindung mit ihm durch die öffentliche Stimme nicht gerechtfertigt zu werden scheint! Schäme Dich nie Deines ärmern, weniger hochgeschätzten Freundes; beneide nicht den Dir vorgezogenen Freund! Hange fest an ihm, ohne ihm lästig zu werden! Fordre nicht mehr von ihm, als Du selbst leisten würdest; ja, fordre nicht einmal so viel, wenn Dein Freund nicht in allen Stücken mit Dir einerlei lebhaftes Temperament, einerlei Fähigkeiten, einerlei Grad von Gefühl hat! Ergreife warm und eifrig die Parthei Deines Freundes, aber nicht auf Kosten der Gerechtigkeit und Redlichkeit! Du sollst nicht seinetwegen blind gegen die Tugenden Andrer seyn, noch, wenn Du die Macht in Händen hast, eines würdigen, geschickten Mannes Glück zu bauen, diesen dem weniger fähigen Freunde nachsetzen. Du sollst nicht seine Uebereilungen vertheidigen, seine Leidenschaften partheiisch als Tugenden erheben, in kleinen Zwistigkeiten mit Andern, wenn er unrecht hat, geflissentlich die Parthei des Beleidigers verstärken; nicht Dich mit in sein Verderben stürzen, wenn ihm dadurch nicht geholfen wird, oder vielleicht gar durch unkluge Vertheidigung seine Feinde mehr erbittern, und Dir und den Deinigen den Untergang bereiten. Aber retten sollst Du seinen Ruf, wenn er unschuldig verläumdet wird, auch dann, wenn jedermann ihn verläßt und verkennt, sobald Du hoffen darfst, daß dieß ihm irgend Vortheil bringen kann. Oeffentlich ehren sollst Du den Edeln, und Dich nie Deiner Verbindung mit ihm schämen, wenn Schicksale oder böse Menschen ihn unverdient zu Boden gedrückt haben. Nicht mitlächeln sollst Du, wenn lose Buben hinter seinem Rücken her ihn höhnen. Mit Vorsicht und Klugheit sollst Du ihm Nachricht geben von Gefahren, die ihm und seiner bürgerlichen Ehre drohen; aber nur, in so fern dieß dazu dienen kann, dem Uebel auszuweichen, oder Unvorsichtigkeiten wieder gut zu machen, nicht aber, wenn er dadurch bloß beunruhigt und aufgeregt wird.

7.

Freunde, die uns in der Noth nicht verlassen, sind äusserst selten. — Sey Du Einer dieser seltnen Freunde! Hilf, rette, wenn Du es vermagst! opfre Dich auf — nur vergiß nicht, was Klugheit und Gerechtigkeit gegen Dich und Andre von Dir fordern! Aber tobe nicht, klage nicht, wenn Andre nicht ein Gleiches für Dich thun! Nicht immer herrscht böser Wille bei ihnen. Schwache, und durch Leidenschaft beherrschte Menschen sind unsichre Freunde; doch wie wenige gibt es, die ganz fest und unerschütterlich in ihrem Charakter, ganz frei von kleinen Leidenschaften und Nebenabsichten sind, die nicht bei ihrer Anhänglichkeit an Dich von klugen Rücksichten auf Deinen Ruf, Deine Verhältnisse, bestimmt werden, oder wenigstens nicht gern Schande vor der Welt wegen ihrer Zuneigung zu Dir auf sich laden wollen; wie Wenige, die nicht, wo es auf Verleugnung ankömmt, den Schwächern gegen den Mächtigern aufopfern! Wenn diese nun, sobald ein Ungewitter sich über Deinem Haupte zusammenzieht, einen kleinen Schritt zurücktreten, oder wenigstens ihre Liebe und Verehrung in eine Art von Protection und Rathgebersrolle verwandeln — nun, so sey billig! Schiebe die Schuld auf das ängstliche Temperament der mehrsten Leute, auf ihre Abhängigkeit von äussern Umständen, auf die Nothwendigkeit, heut zu Tage durch Gunst sein Glück zu machen, um in schweren Zeiten fortzukommen! Wie wenig Menschen würden übrig bleiben, mit denen Du Hand in Hand auf dieser Erde durch Glück und Unglück wandeln könntest, wenn Du es so genau nehmen, oder so große Forderungen an Deine Freunde machen wolltest! Zuweilen ist auch der Fall da, daß wirklich unsre Freunde (wenn wir uns durch kleine oder große Unvorsichtigkeiten unser böses Schicksal selbst zugezogen haben) sich die Rechtfertigung schuldig sind, öffentlich zu zeigen, daß sie nicht in unsre Thorheiten verwickelt waren. Oft werden sie durch unsre widrige Lage gerade so gestimmt, wie sie immer hätten gestimmt seyn sollen, wenn sie ein gutes Gewissen hätten bewahren wollen; das heißt: sie hören auf, uns so täuschend zu schmeicheln, wie sie es vorher aus Furcht, uns zu verlieren, thaten, so lange wir von jedermann aufgesucht wurden, und unsre Freunde wählen konnten. Ich habe in einigen blendenden Situationen meines Lebens einen Haufen von Leuten sich mir aufdringen gesehen, die mir ohne Unterlaß Weihrauch streuten, jeden meiner witzigen Einfälle mit lauter Bewundrung auffingen, schmeichelhafte Verse auf mich machten, meine Worte als Orakelsprüche ausschrien, und meinen Ruf im Posaunenton erhoben. Ich kannte das Menschengeschlecht genug, um nicht alles das für baare Münze aufzunehmen, sondern fest überzeugt zu seyn, daß sie mich vernachlässigen, wohl gar auf mich herabsehen würden, wenn ich einst in eine weniger glückliche Lage kommen sollte, und sie meiner nicht mehr bedürften. Ich irrte nicht; aber deswegen waren Diese doch nicht insgesammt Schurken und Heuchler. Viele von ihnen, es ist wahr, lernte ich als Solche kennen; sie erlaubten sich die ärgsten Niederträchtigkeiten gegen mich; es befremdete mich nicht; ich verachtete sie; aber Manche waren vorher nur von dem Strome mit fortgerissen worden. Die Stimme meiner Feinde erweckte sie nun; sie stutzten, betrachteten mich mit forschendem Auge, und sahen meine Fehler; sie warfen mir diese Fehler durch Worte oder einige Kälte in ihrem Betragen, vielleicht ein wenig zu unsanft vor, gaben mir dadurch Gelegenheit, selbst aufmerksam auf dieselben zu werden, an mir zu arbeiten; und wahrlich, diese sind mir nützlichere, ächtere Freunde gewesen, als manche Andre, die mich in meiner Eitelkeit und Selbstgenügsamkeit zu bestärken suchten.

8.

Kein Grundsatz scheint mir so unvereinbar mit edelmüthigen Gesinnungen und eines gefühlvollen Herzens so unwürdig, als der: »daß es ein Trost sey, Gefährten oder Mitleidende im Unglücke zu haben.« Ist es nicht genug, selbst leiden, und dabei überzeugt seyn zu müssen, daß in der Welt noch viel eben so redlich gute Menschen, wie wir sind, nicht weniger Elend zu tragen haben? Sollen wir noch die Summe dieser Unglücklichen muthwilliger Weise dadurch vermehren, daß wir Andre zwingen, auch unsre Last mitzutragen, die dadurch um nichts leichter wird? Denn man sage doch nicht, daß es Erleichterung sey, sich von seinem Schmerze zu unterhalten! Nur für altersschwache Weiber, nicht aber für einen verständigen Mann, kann Geschwätzigkeit von der Art Wohlthat werden. Ich habe im ersten Kapitel des ersten Theils davon geredet: ob es gut sey, Andern seine Widerwärtigkeiten zu klagen. Damals sagte ich zur Beantwortung dieser Frage nur das, was Weltklugheit und Vorsichtigkeit lehren; im Umgange mit Freunden hingegen, wovon hier die Rede ist, muß uns auch Feinheit des Gefühls vorschreiben, unsre unangenehme Lage vor dem mitempfindenden, zärtlich theilnehmenden Freunde so viel möglich zu verbergen. Ich sage: so viel möglich, denn es können Fälle kommen, wo die Bedürfnisse des gepreßten Herzens, sich zu entladen, zu groß, oder die liebreichen Anforderungen des Freundes, der den Kummer auf unsrer Stirne liest, zu dringend werden, wo länger zu schweigen Folter für uns, oder Beleidigung für den Vertrauten werden würde, und wo nur sein Rath oder sein Beistand retten kann. In allen übrigen Fällen lasset uns der Ruhe unsers Freundes, wie unserer eignen, schonen!

9.

Klagt Dir ein bewährter Freund seine Noth, seine Schmerzen, wie könntest Du ihn ohne innige Theilnahme anhören! Oder wie dürftest Du seinen Klagen moralische Gemeinsprüche entgegensetzen, ihm wehe thun durch Vorwürfe über sein Betragen, durch die Bemerkung, daß er seine Noth hätte verhüten können! Nein, bist Du ein treuer, gefühlvoller Freund, so wirst Du alles aufbieten, Deinem Freunde Linderung oder Beistand zu gewähren. Aber verzärtle ihn nicht an Leib und Seele, durch weibische Klagen! Erwecke vielmehr seinen männlichen Muth, daß er sich über die nichtigen Leiden dieser Welt erhebe! Schmeichle ihm nicht mit falschen Hoffnungen, mit Erwartungen eines blinden Ungefährs; sondern hilf ihm, Wege einschlagen, die eines weisen Mannes würdig sind!

10.

Aus dem Umgange mit Freunden muß alle Verstellung verbannt seyn. Da soll alle falsche Scham, da soll aller Zwang, den Convenienz, übertriebne Gefälligkeit und Mißtrauen im gemeinen Leben auflegen, wegfallen. Zutrauen und Aufrichtigkeit müssen unter innigen Freunden herrschen. Allein man überlege dabei, daß es kindische Geschwätzigkeit seyn würde, Geheimnisse mitzutheilen, die dem Freunde gleichgültig sind, und durch die ihm eine schwere Verantwortlichkeit aufgelegt, oder seine Verschwiegenheit auf eine schwere Probe gesetzt wird; daß wenige Menschen, unter allen Umständen, unverbrüchlich ein Geheimniß zu bewahren vermögen, wenn sie auch übrigens alle Eigenschaften haben, die zur Freundschaft erfordert werden; daß fremde Geheimnisse nicht unser Eigenthum sind; und endlich, daß es auch eigne Geheimnisse geben kann, die man ohne Schaden, Gefahr und Nachtheil durchaus keinem Menschen auf der Welt anvertrauen darf!

11.

Jede Art von schädlicher oder weibischer Schmeichelei muß im Umgange unter ächten Freunden wegfallen, nicht aber eine gewisse Gefälligkeit, die das Leben süß macht, Nachgiebigkeit und Geschmeidigkeit in unschuldigen Dingen. Es gibt Menschen, deren Zuneigung man augenblicklich verloren hat, sobald man aufhört, ihnen Weihrauch zu streuen, sobald man nicht in allen Stücken einerlei Meinung mit ihnen ist, einerlei Geschmack mit ihnen hat. In ihrer Gegenwart darf man nicht einmal den Vorzügen der Verdienstvollsten Gerechtigkeit widerfahren lassen. Gewisse Saiten kann man gar nicht berühren, ohne sie aufzubringen. Haben sie eine Thorheit begangen; sind sie blindlings eingenommen für oder gegen eine Sache; werden sie von Phantasie oder Leidenschaft irregeleitet; haben sie unanständige oder schädliche Gewohnheiten an sich; findet man in ihrer Art zu leben und zu wirthschaften etwas mit Grunde auszusetzen, und man untersteht sich, hierüber etwas zu sagen: so schlägt das Feuer aller Orten heraus. Andre werden hiedurch nicht sowohl beleidigt, als gekränkt. Sie sind gewöhnt, sich so zu verzärteln, daß sie die Stimme der Wahrheit gar nicht hören können. Man soll nur von solchen Dingen mit ihnen reden, die ihren faulen Seelen-Schlummer befördern. — »Wenn ich Dich bitten darf,« sagen sie, »so laß uns davon abbrechen! das sind Gegenstände, die ich nicht gern in mein Gedächtniß zurückrufe. Es ist nun einmal nicht anders! Ich weiß wohl, daß ich Unrecht habe, daß ich vielleicht anders handeln sollte; aber es würde einen zu schweren Kampf kosten — meine Gesundheit, meine Ruhe, meine schwachen Nerven vertragen es nicht, daß ich ernstlich darüber nachsinne.« — Pfui! welch eine Feigheit und Verblendung! ein Mensch, der einen festen Charakter besitzt, und ernstlich das Gute liebt und sucht, muß den Muth haben, bei jedem Gegenstande mit reifer Ueberlegung verweilen zu können. — Alle solche verweichlichte und feige Seelen taugen nicht zur Freundschaft. Man muß das Herz haben, Wahrheit zu sagen und Wahrheit anzuhören, auch dann, wenn diese Wahrheit hart ist, und unser Innerstes erschüttert. Doch das Recht, welches die Freundschaft gibt, freimüthig zu tadeln, und dem Freunde die Wahrheit nicht zu verhehlen, will mit Zartheit und liebevoller Schonung ausgeübt seyn. Schon die Klugheit verbeut, den fehlenden Freund durch lange Straf-Predigten zu ermüden und zu erbittern, oder mit ängstlichen Besorgnissen zu erfüllen, wenn, seinem Temperamente oder den Umständen nach, gar kein Nutzen davon zu erwarten steht.

12.

Es ist schon gesagt, daß alles, was die Gleichheit unter Freunden aufhebt, der Freundschaft schädlich sey. Da nun das Verhältniß zwischen einem Wohlthäter und Dem, welcher Wohlthaten empfängt, am wenigsten mit Gleichheit bestehen kann: so scheint es der Zartheit der Gefühle angemessen, zu verhindern, daß durch ein zu großes Gewicht von Wohlthaten auf einer Seite ein Freund dem andern gleichsam unterwürfig werde. Verbindlichkeiten von der Art sind der Freiheit, der uneingeschränkten Wahl entgegen, auf welcher die Freundschaft beruhen soll. Sie bringen etwas in dies Bündniß hinein, das nicht hinein gehört, nämlich die Dankbarkeit, welche nicht freiwillig, sondern Pflicht ist. Man hat selten den Muth, so kühn und offenherzig mit dem Wohlthäter zu reden, wie mit dem Freunde. Vorzüglich aber soll das Zartgefühl mich abhalten, meines Freundes Güte in Anspruch zu nehmen, weil ich voraussetzen darf, daß er mir zugestehen werde, was er einem Fremden abschlagen würde. Wäre es endlich auch nur die einzige Rücksicht, daß empfangene Wohlthat partheiisch für den Wohlthäter macht, und Partheilichkeit Bestechung ist: so läge hierin schon ein starker Grund, äusserst behutsam und bedenklich zu seyn, wenn von Erheischung und Annahme wirklicher Wohlthaten aus der Hand des Freundes die Rede ist, doch mit Verbannung jeder mißtrauischen Besorgniß, als ob es möglich wäre, daß angenommene Wohlthat der Freundschaft gefährlich werden könnte. — Kaum darf hiebei erinnert werden, daß man die Dienstwilligkeit seiner mächtigen oder angesehenen Freunde nie für fremde Angelegenheiten, oder zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke mißbrauchen sollte. Allein es gibt Mittel, den edeln Mann, der gern Gutes thut, aufmerksam zu machen auf Gegenstände, die seiner Hülfe werth sind. Mylord Marshall Keith wurde von einem Officier gebeten, ihn dem Könige von Preussen zu empfehlen. Er antwortete nicht, gab ihm aber, bei seiner Abreise nach Potsdam, einen kleinen Sack voll Erbsen mit, den der Officier dem Könige, ohne Brief, überreichen sollte. Friedrich begriff, daß sein Freund keinem Menschen von gemeinem Schlage einen solchen Auftrag würde gegeben haben, und nahm den Officier in seinen Dienst. Ueberhaupt haben feinere Seelen unter sich eine eigne geheime, Andern unverständliche Sprache. Doch gibt es Fälle, in welchen man ohne Scheu sich an Freunde wenden muß, nämlich wenn die Freundschafts-Dienste, deren wir bedürfen, von der Art sind, daß der Freund sie uns ohne Ungemächlichkeit erweisen, oder ohne uns in Verlegenheit zu setzen und uns im mindesten zu beleidigen, verweigern kann; wenn wir in der Lage sind, ihm gelegentlich wieder gleiche Gefälligkeiten zu erweisen; wenn niemand so gut, wie er, von der Lage der Sache, von der Sicherheit, mit welcher unsere Bitte gewährt werden kann, überzeugt ist, oder wenn unser ganzes Glück auf Verschweigung einer Sache beruht; wenn wir uns keinem Andern sicher, ohne Gefahr und Schaden, anvertrauen, von keinem Andern Hülfe erwarten dürfen, und wenn wir dann gewiß wissen, daß unser Freund dabei nichts verlieren, keiner Unannehmlichkeit ausgesetzt seyn kann. In allen diesen und ähnlichen Fällen würden wir gegen das Zutrauen sündigen, das wir ihm schuldig sind, wenn wir ihm unsre Verlegenheiten verschwiegen.

13.

Etwas von dem, was ich über das Verhältniß unter Eheleuten gesagt habe, findet auch bei Freunden Statt, nämlich, daß man sich hüten muß, einander überdrüssig zu werden, oder durch zu öftern, zu vertraulichen Umgang, widrige Eindrücke zu veranlassen. Darum sollen sich Freunde nicht zu oft sehen, sollen den Umgang zuweilen entbehren, damit sie ihn dann desto inniger genießen mögen, und damit nicht durch einen zu häufigen Umgang die kleinen Fehler sichtbar und fühlbar werden, deren jeder Mensch mehr oder weniger hat, und die so leicht die Innigkeit der Freundschaft stören, so leicht einen Mißton erzeugen, oder wenigstens Beschwerden verursachen, die man seinem Freunde ersparen sollte. Diese Vorsicht ist in der Freundschaft noch nöthiger, als in der Ehe, da in jener nicht, wie in dieser, gewisse Rücksichten und Ueberlegungen wirksam sind, vor allen die, daß man nun einmal auf die ganze Lebenszeit mit einander zu Freude und Leid, zu gemeinschaftlicher Ertragung, und um ein Leib und eine Seele zu seyn, vereint ist; folglich die Beständigkeit derselben von der behutsamsten Schonung abhängt. Es ist wahr, daß jene unangenehme Eindrücke bei edeln und verständigen Menschen nicht von Dauer sind, und daß es nur eines Zwischenraums von wenig Tagen bedarf, um uns wieder die Augen zu öffnen über den Werth und Vorzug unsers Freundes vor andern mittelmäßigen Leuten, mit denen wir indeß gelebt haben; allein besser ist es doch, wenn dergleichen Empfindungen gar nicht in unser Herz kommen; und das kann man ja ändern. Man verbanne daher auch aus dem Umgange mit Freunden jene pöbelhafte Vertraulichkeit, jenen Mangel an Höflichkeit und jene Nachlässigkeit im Aeussern, wovon ich im dritten Kapitel dieses Theils, besonders in dessen viertem Abschnitte, geredet habe; und lege endlich auch dem Freunde keine Art von Zwang auf; verlange nicht, daß er sich nach unsern Launen, nach unserm Geschmacke richten, noch daß er den Umgang solcher Menschen, gegen welche wir eingenommen sind, fliehen solle!

Eben so wichtig ist es aber auch, sich den Umgang mit geliebten Personen nicht so sehr zum Bedürfnisse zu machen, daß man ohne sie durchaus nicht leben zu können glaubt. Wir sind auf dieser Welt nicht Herren über unser Schicksal. Man muß sich gewöhnen, Trennungen durch Tod, Entfernungen und andere Umstände zu ertragen, und wenn man ein Gut besitzt, sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß man dies Gut auch verlieren könne. Ein weiser Mann bauet nicht seine ganze Existenz auf das Daseyn eines andern Wesens.

14.

Bleibe aber immer, auch in der Entfernung, ein warmer Freund Deiner Freunde! sonst scheint es, als habest Du nur aus Eigennutz, nur um den Genuß des Lebens zu erhöhen, Dich an sie geschlossen. Halte die Vernachlässigung des Briefwechsels nicht für eine Kleinigkeit, die man sich wohl verzeihen könne; denn wie darfst Du Dich dessen Freund nennen, dem Du nicht einmal einige Stunden Deines Lebens in jedem Jahre weihen willst, und wie darfst Du von demjenigen Freundschaft erwarten, den Du so sehr vernachlässigst, daß er endlich nicht mehr weiß, ob Du noch unter den Lebendigen bist? Fühlst Du in Monaten und Jahren das Bedürfniß nicht, Dich schriftlich mit Deinem Freunde zu unterhalten, so liegst Du entweder in den Fesseln des Egoismus, oder bist überhaupt nicht mehr werth, einen Freund zu haben. Ich lasse auch die Entschuldigung nicht gelten, daß man zuweilen lange Zeit hindurch gar nicht gestimmt sey, seine Gedanken in Ordnung auf das Papier zu bringen. Briefe an den Vertrauten unsers Herzens sind keine rednerische Ausarbeitungen; jedes Wort, das Abdruck dessen ist, was in unsrer Seele vorgeht, wird ihm willkommen seyn, und nur auf diese Weise kann ja einem gefühlvollen Herzen die Trennung von geliebten Personen erträglich werden.

15.

Man sieht zuweilen Menschen eben so eifersüchtig in der Freundschaft, wie in der Liebe. Das zeugt mehr von einer selbstsüchtigen, als von einer zärtlichen Gemüthsart. Freuen soll es Dich, wenn auch andre Menschen den Werth dessen zu schätzen wissen, der Dir theuer ist; freuen soll es Dich, wenn Dein Liebling noch ausser Dir gute Seelen findet, denen er sich mittheilen, in deren Gemeinschaft er reine Wonne schmecken kann. Er wird darum nicht blind gegen Deine Vorzüge, nicht undankbar gegen Dich werden — und würdest Du denn dadurch mehr Werth in seinen Augen bekommen, daß Du ihn von liebenswürdigen Menschen zu entfernen, oder ihn gegen sie einzunehmen suchtest, nur um ihn für Dich allein zu behalten?

16.

Alles, was Deinem Freunde angehört, sein Vermögen, sein bürgerliches Glück, seine Gesundheit, sein Ruf, die Ehre seines Weibes, die Unschuld und Bildung seiner Kinder — das alles sey Dir heilig, sey ein Gegenstand Deiner Sorgfalt, Deiner Theilnahme und Deiner Schonung! Auch Deine heftigste Leidenschaft, Deine unmäßigste Begierde müsse diese Unverletzlichkeit ehren!

17.

Gaben, Anlagen und die Art, seine Empfindungen an den Tag zu legen, sind bei den Menschen verschieden. Nicht immer ist Derjenige der Gefühlvollste, welcher am geläufigsten von innern Regungen und Empfindungen schwatzt; nicht immer Derjenige der treuste und beharrlichste Freund, der mit dem heftigsten Feuer uns an seine Brust drückt, der mit der größten Hitze hinter unserm Rücken sich unsrer annimmt. Alles Ueberspannte taugt nicht, dauert nicht. Ruhige, stille Hochachtung ist mehr werth, als Anbetung, Verehrung und Entzückung. Man verlange daher nicht von Jedem denselben Grad von äussern Freundschafts-Bezeigungen, sondern beurtheile seine Freunde nach der fortgesetzten, immer gleichen Zuneigung und treuen Ergebenheit, welche sie uns in der That, ohne Uebertreibung und ohne Schmeichelei, beweisen! Leider aber ordnet unsre Eitelkeit mehrentheils den Werth der Menschen nach dem Grade der Huldigung, welche sie uns leisten, und die mehrsten Leute suchen solche Freunde um sich her zu versammeln, an deren Seite sie in doppelt vortheilhaftem Lichte erscheinen, und denen ihre Worte Orakelsprüche sind.

18.

Werbe nicht ängstlich um Freunde! Mache nicht Jagd auf jeden ausgezeichneten Menschen, und lege es nicht geflissentlich darauf an, daß er Dir besonders zugethan werden soll! Jede Art von Andringlichkeit, wäre sie auch noch so gut gemeint, pflegt Verdacht oder Geringschätzung zu erwecken; und wer in der Stille auf dem Pfade fortwandelt, den Redlichkeit und Klugheit bezeichnen, und dabei ein wohlwollendes, zur Mittheilung gestimmtes Herz in seinem Busen trägt, der bleibt nicht unbemerkt, nicht unaufgesucht; er findet, ohne sich anzudrängen, ein Paar Edle, die ihm die Hand zum brüderlichen Bunde reichen.

19.

Es gibt aber Menschen, die gar keinen vertrauten Freund, sondern nur Bekannte haben; entweder weil ihnen der Sinn für dies Seelen-Bedürfniß fehlt, oder weil sie keinem lebendigen Wesen trauen, oder weil ihre Gemüthsart kalt, unverträglich, verschlossen, eitel, oder zänkisch ist. Andre sind aller Welt Freunde; sie werfen ihr Herz jedermann vor die Füße, und deswegen bückt sich Keiner, greift niemand darnach, es aufzunehmen. — Es ist eine Ehre und ein Glück, zu keiner von diesen beiden Menschenklassen zu gehören.

20.

Auch unter den vertrautesten Freunden können Irrungen entstehen, Mißverständnisse eintreten. Wenn man darüber Zeit verstreichen läßt, oder zugibt, daß sich dienstfertige Leute hineinmischen: so erwächst daraus nicht selten eine dauerhafte Feindschaft, die mehrentheils um so heftiger wird, je zärtlicher, je vertrauter die Verbindung war, und je ärger man sich also hintergangen glaubt. Es ist wahrlich ein trauriger Anblick, auf diese Weise zuweilen die edelsten Seelen gegen einander empört zu sehen. Dringend rathe ich daher, bei dem ersten Schatten von Unzufriedenheit über das Betragen des Freundes, nicht zu säumen, ohne Zuthun eines Dritten, auf Erläuterung zu dringen. Da pflegt alles sehr bald verglichen zu werden; vorausgesetzt, daß kein böser Wille obwaltet, wie man es denn bei gutgesinnten, wohlwollenden Freunden voraussetzen muß.

21.

Wie aber, wenn uns Freunde täuschen, wenn wir nach einiger Zeit wahrnehmen, daß unser gutes Herz uns irregeleitet, uns an Menschen gekettet hat, die unsrer nicht werth sind? — Meine Leser! ich kann es nicht oft genug wiederholen, daß wir mehrentheils selbst daran Schuld sind, wenn wir bei näherm Umgange die Menschen anders finden, als wir sie uns anfangs gedacht haben. Partheiische Gefühle; Sympathie, Aehnlichkeit des Geschmacks, der Neigung; feine Schmeichelei; Seelen-Drang, in Augenblicken, wo Jeder uns ein Wohlthäter scheint, der nur einige Theilnahme an unserm Schicksale zeigt — diese und andre dergleichen Eindrücke bestechen uns gar zu leicht, und bereiten uns bittere Täuschungen. Wir denken uns Menschen als engelreine und erhabene Seelen, die nichts weiter, als eine gewisse natürliche Gutmüthigkeit und Offenheit haben, und sind nachher, wenn wir ihre Schwächen entdecken, viel unduldsamer gegen diese unsre Lieblinge, als gegen fremde Leute, weil es unserem Stolz weh thut, daß wir so falsch gesehen hatten, oder so kurzsichtig waren. Darum spannet doch Eure Erwartung, Eure Meinung von Euren Freunden nicht zu hoch, so wird Euch ein menschlicher Fehltritt, den sie in Augenblicken der Versuchung begehen, nicht befremden, nicht ärgern! Habet Nachsicht! Ihr bedürft deren vielleicht selbst bei andern Gelegenheiten. Richtet nicht, damit auch Ihr nicht gerichtet werdet! — Und was für Recht hast Du denn auch über die Moralität Deines Freundes? Was ist er Dir anders schuldig, als Treue, Liebe und Dienstfertigkeit? Wer hat Dich zum Sittenrichter über ihn bestellt? — Suche einen ganz vollkommnen Mann auf dieser Erde! — Du kannst hundert Jahre alt werden und wirst ihn nicht finden.

Vor allen Dingen aber soll man sich hüten, jedem elenden Geschwätze, womit böse oder schwache Menschen zum Nachtheile unsrer Freunde unsre Ohren erfüllen, Glauben beizumessen. Leute, die heute mit einem Manne, den sie bis in den Himmel erheben, ihren letzten Bissen theilen würden, und morgen, wenn irgend ein altes Weib ihnen ein ärgerliches Mährchen aufgehängt hat, denselben zu dem verächtlichsten Betrüger herabwürdigen! Leute, die einen vieljährigen, genau geprüften Freund, auf Angabe des niederträchtigen unwürdigen Pöbels, einer ihm schuldgegebenen Schandthat fähig halten können, — wäre auch alle Wahrscheinlichkeit auf Seiten der Verläumder! — solche wankelmüthige, elende und feile Seelen verdienen nur Verachtung, und der Verlust ihrer Freundschaft ist baarer Gewinn. Der Anschein ist oft sehr trüglich; man kann Veranlassungen haben, mißtrauisch zu werden; es können Umstände eintreten, die es uns unmöglich machen, gewisse zweideutig scheinende Schritte zu erläutern; aber, daß ein bewährter, edler Mann keine schlechte Handlung begangen habe, davon bedarf es weiter keines Beweises, sondern nur des einfachen Glaubens, daß es unmöglich sey, edel und schlecht zugleich zu seyn.

22.

Wenn denn nun aber wirklich unser Freund sich so sehr moralisch verschlimmert, oder wenn unser leichtgläubiges Herz sich in einem solchen Grade in seinem Zutrauen zu ihm betrogen sieht, daß er unsre Vertraulichkeit gemißbraucht, uns mit Undank belohnt hätte — nun! so hört er auf, unser Freund zu seyn; ich meine aber, er behält doch nicht mehr und nicht weniger Recht auf unsre Duldung, als jeder andre uns fremde Mensch. Ich halte es für eine falsche Zärtelei, an welcher mehrentheils die Eitelkeit, untrüglich seyn zu wollen, ihren Theil hat, wenn man glaubt, man müsse nun von einem solchen Verräther immer mit großer Schonung reden, weil er einst unser Freund gewesen. Das Einzige, was uns bewegen kann, seiner zu schonen, ist der Gedanke: daß überhaupt das menschliche Herz ein schwaches Ding ist, und daß man leicht zu weit in seinem Widerwillen geht, wenn eine Art von Rache sich in unser Urtheil mischt. Von der andern Seite aber macht der Umstand, daß der Mann uns betrogen hat, sein Verbrechen auch nicht um ein Haar breit größer, berechtigt uns nicht, ärger gegen ihn zu Felde zu ziehen, als gegen jeden andern Schelm, der andre Menschen und überhaupt die Tugend betrügt.

Siebentes Kapitel. Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.

1.

Es ist traurig genug, daß der größte Theil des Menschengeschlechts, durch Schwäche, Armuth, Gewalt und andre Umstände, gezwungen ist, dem kleinern zu Gebote stehen, und daß oft der Bessere den Winken und Launen des Schlechtern gehorchen muß. Was ist daher billiger, als daß die, denen das Schicksal die Gewalt in die Hände gegeben hat, ihren Nebenmenschen das Leben süß und das Joch erträglicher zu machen, diese glückliche Lage mit Menschenfreundlichkeit und Edelmuth benutzen.

2.

Wahr ist es aber auch, daß die meisten Menschen zur Sclaverei geboren, daß edle, wahrhaftig große Gesinnungen und Gefühle hingegen nur das Erbtheil einer unbeträchtlichen Anzahl zu seyn scheinen. Lasset uns indessen den Grund dieser Wahrheit weniger in den natürlichen Anlagen, als in der Art der Erziehung, und in unsern, durch Luxus und Despotismus verderbten Zeiten suchen! Durch sie wird eine ungeheure Menge Bedürfnisse erzeugt, die uns von Andern abhängig machen. Das ewige Angeln nach Erwerb und Genuß erzeugt niedrige Leidenschaften, zwingt uns, zu erbetteln und zu erkriechen, was wir für so nöthig zu unserer Existenz halten, statt daß Mäßigkeit und Genügsamkeit die Quellen aller Tugend und Freiheit sind.

3.

Bleiben nun die meisten Menschen stumpf für feinere Empfindungen, und unfähig zu erhabnen, hohen Gesinnungen: so sind sie doch nicht Alle unerkenntlich gegen großmüthige Behandlung, noch blind gegen wahren Werth. Rechne also weder auf die Zuneigung und Achtung, noch auf freiwillige Folgsamkeit derer, die Dir unterworfen sind, wenn diese selbst fühlen, daß sie moralisch besser, weiser, geschickter sind, als Du, daß Du ihrer in einem höheren Grade bedarfst, als sie Deiner; wenn Du sie mißhandelst, schlecht für wesentliche Dienste belohnst, die Schmeichler unter ihnen den geraden, aufrichtigen, treuen Dienern vorziehst; wenn sie sich schämen müssen, einem Manne anzugehören, den Jeder haßt, oder verachtet; wenn Du mehr von ihnen verlangst, als Du selbst an ihrer Stelle würdest leisten können; wenn Du Dich weder um ihr moralisches, noch ökonomisches, noch physisches Wohl bekümmerst, ihnen den Lohn ihrer Arbeit so sparsam zutheilst, daß sie verzweifeln, oder Dich betrügen müssen, oder wenigstens keine frohe Stunde haben können; wenn Du nicht Rücksicht nimmst auf ihren körperlichen Zustand, sie verstößest, sobald sie alt und schwächlich werden; wenn Du ihnen wenig Ruhe und Schlaf erlaubest; wenn sie, indeß Du schwelgst, in rauher Jahrszeit bis nach Mitternacht, vielleicht gar dem bösen Wetter bloßgestellt, auf Dich voll tödtender Langerweile warten müssen; wenn Dein lächerlicher Hochmuth ein Gegenstand ihres Spottes wird, oder Dein Jähzorn sie mit Schimpfwörtern überhäuft; wenn sie mit aller Aufmerksamkeit kein freundliches Wort von Dir gewinnen können! — Geradheit, Redlichkeit, wahre Menschenliebe, Würde und Folgerichtigkeit in unsern Handlungen zu zeigen, das ist, so wie überhaupt das sicherste Mittel, uns allgemeine Achtung zu erwerben, so insbesondre geschickt, uns der Ehrerbietung und Zuneigung Derer zu versichern, die von uns abhängen, uns oft ohne Schminke in mancherlei Launen sehen, und gegen welche wir uns also schwerlich lange verstellen können. Es ist ein altes, aber sehr wahres Sprichwort: »So wie der Herr; also der Knecht!« Es versteht sich, daß dieß nur von Dienstboten gilt, die lange genug in einem Hause gedient haben, um den darin herrschenden Ton anzunehmen; aber bei diesen trifft es denn auch fast unfehlbar ein. Ein Kammerdiener, der ein Windbeutel ist, dient mehrentheils einem Prahler! bescheidne Herrschaften haben höfliches Gesinde; in stillen, ordentlichen Haushaltungen findet man sittsame, fleißige Leute zur Aufwartung; zänkische, lüderliche Bediente und Mägde sind da zu Hause, wo Zwist und zügellose Sitten unter den Herrschaften im Gange sind. — Also ist ein gutes Beispiel (wortreicher Ermahnungen bedarf es nicht) das sicherste Mittel, brauchbares Gesinde zu bilden.

4.

So sehr ich nun einen freundlichen, liebreichen Umgang mit Bedienten anrathe, so wenig kann ich es billigen, wenn man sich ihnen unverholen in allen seinen Blößen zeigt, sie zu Vertrauten in heimlichen Angelegenheiten macht, sie durch übermäßige Bezahlung an ein üppiges Leben gewöhnt, — wenn man sie nicht gehörig beschäftigt, alles ihrer Willkühr überläßt, sie zu unumschränkten Herren über Kassen und Vorräthe macht, und dadurch in ihnen Reiz zum Betrug erweckt, — wenn man alle Gewalt über sie und alles Ansehen freiwillig aufgibt, und sich zu einer Vertraulichkeit und einem Tone herabläßt, der sie nothwendig in Versuchung führen muß, sich zu vergessen. — Man findet unter hundert Menschen von der Art kaum Einen, der das vertragen kann, der nicht Mißbrauch von einer solchen Nachsicht macht. Auch ist das eben kein Mittel, sich beliebt zu machen. Ein wohlwollendes, ernsthaftes, gesetztes, immer gleiches Betragen, entfernt von steifer, hochmüthiger Kälte und Feierlichkeit, — gute, richtige, nicht übermäßige, der Wichtigkeit ihrer Dienste angemessene Bezahlung, — strenge Pünktlichkeit, wenn es darauf ankömmt, sie zur Ordnung und zu demjenigen anzuhalten, wozu sie sich verbindlich gemacht haben, — Liebe und theilnehmende Güte, wenn sie die Gewährung einer anständigen, bescheidnen Bitte, die Vergünstigung eines unschuldigen Vergnügens von uns begehren, oder auch ungebeten nur erwarten können, — weise Ueberlegung in Zutheilung der Arbeit, so daß man sie nicht mit unnützen Arbeiten überhäufe, mit Geschäften, die bloß unser eitles Vergnügen zum Gegenstande haben, dennoch aber nicht leide, daß sie je müssig seyen, sondern sie auch anhalte, für sich selbst zu arbeiten, sich in Kleidung reinlich und rechtlich zu halten, sich Geschicklichkeit zu erwerben, — Aufmerksamkeit und Aufopfrung unsers eignen Interesse, wenn man Gelegenheit hat, ihnen ein besseres Schicksal zu verschaffen, sie zu befördern, — väterliche Sorgsamkeit für ihre Gesundheit, für ehrlichen Erwerb und für ihre sittliche Aufführung: — das sind die sichersten Mittel, gut, treu bedient, und von denen, die uns dienen, geliebt zu werden. Hierzu füge ich noch den Rath, nicht zu viel Dienstboten zu halten; aber die wenigen, die man hat, und deren man bedarf, nützlich und hinreichend zu beschäftigen, gut zu bezahlen und vernünftig zu behandeln. Je mehr Bedienten man hat, desto schlechter wird man bedient.

5.

Unsre feine Lebensart hat einem der ersten und süßesten Verhältnisse, dem Verhältnisse zwischen Hausvater und Hausgenossen, alle Anmuth, alle Würde genommen. Hausvaters-Rechte und Hausvaters-Freuden sind größtentheils verschwunden; das Gesinde wird nicht mehr als Theil der Familie angesehen, sondern als Miethlinge betrachtet, die wir nach Gefallen abschaffen, so wie auch sie uns verlassen können, sobald sie sonst irgendwo mehr Freiheit, mehr Gemächlichkeit oder reichere Bezahlung zu finden glauben. Es ist nicht mehr anerkannt, daß wir ausser den Stunden, die sie unserm Dienste widmen müssen, kein Recht auf sie haben; wir leben nicht mehr unter ihnen, sehen sie nur dann, wenn wir ihnen das Zeichen mit der Schelle geben, und sie aus ihren, gewöhnlich sehr schmutzigen, ungesunden Löchern zu uns hervorkriechen. Diese lose, auf ungewisse Zeit geknüpfte Verbindung trennt das Interesse beider Theile, das doch ein gemeinschaftliches seyn sollte, auf eine unnatürliche und verderbliche Weise: der Herr sucht den Miethling recht wohlfeil zu bekommen, er müßte denn aus Eitelkeit oder Verschwendung mehr an ihn wenden; — was im Alter aus dem armen dienstbaren Geschöpfe werden wird, darum bekümmert er sich nicht, und der Bediente, der das weiß, sucht bei so ungewissen Aussichten zu erhaschen, was zu erhaschen ist, um wo möglich einen Nothpfenning zurückzulegen. Welchen Einfluß dieß auf Sittlichkeit, auf Bildung, auf Vertrauen und gegenseitige Zuneigung haben müsse, ist leicht einzusehen. Es ist wahr, daß nicht alle Herrschaften vollkommen so fremd und unnatürlich mit ihrem Gesinde umgehen; aber wo findet man in jetzigen Zeiten noch Solche, die, als Väter und Lehrer Derer, die ihnen dienen, sich's zur Freude machen, mitten unter ihnen zu sitzen, durch weise und freundliche Gespräche sie zu unterrichten, an ihrer sittlichen und geistigen Bildung zu arbeiten, und für ihr künftiges Schicksal besorgt zu seyn? Es ist wahr, daß Dienstboten selten so wohl erzogen sind, daß sie den Werth einer solchen Herablassung zu erkennen und gehörig zu nützen wissen; allein was hindert uns, das Gesinde selbst zu erziehen, sie als Kinder anzunehmen, sie dann lebenslang, wie die Mitglieder unsrer Familie, bei uns zu behalten, und ihr Schicksal, nach Verhältniß ihres Verdienstes und unsers Vermögens, zu verbessern? Ich kenne aus Erfahrung alle Ungemächlichkeiten einer solchen Unternehmung; vielfältig mißlingt es; unsre Arbeit belohnt sich nicht, wird nicht erkannt; die Kinder, wenn sie herangewachsen, fangen an, sich zu fühlen, und entziehen sich unsrer väterlichen Zucht. Allein oft sind wir selbst durch fehlerhafte Behandlung daran Schuld: und nicht immer handeln sie undankbar gegen uns. Wir geben ihnen zuweilen eine ganz andre Art von Erziehung, als für ihre Lage taugt, und dadurch gerade machen wir sie unzufrieden mit ihrem Zustande, statt ihr Glück zu bauen; oder wir behandeln sie, wenn sie schon erwachsen sind, noch immer wie Kinder. Der Freiheitstrieb ist allen Geschöpfen von der Natur eingeprägt; sie glauben, sich einem Joche zu entziehen, wenn sie von uns gehen, glauben unserer nicht mehr zu bedürfen, sich selbst rathen und regieren zu können. Vielfältig aber reuet es solche Menschen in der Folge, uns verlassen zu haben, wenn sie erst den Unterschied unter einem Herrn und einem Hausvater erfahren, und richtige Begriffe von wahrer Freiheit erhalten. Das Fremde, das man nicht kennt, sieht immer besser aus, als das gewöhnte, auch noch so Gute. Auf Erfolg und Dankbarkeit soll man übrigens in dieser Welt nie rechnen, sondern das Gute bloß aus Liebe zum Guten thun. Nicht alle Mühe aber ist verloren, die verloren zu seyn scheint, und die Wirkungen einer guten Erziehung äussern sich oft erst spät nachher. Es ist auch süß, für Andre zu pflanzen, und dagegen ein gemeines Verdienst, Früchte zu ziehen, die man selbst genießt.

6.

Ein Hausvater hat das Recht, sein Gesinde ernstlich zur Pflicht-Erfüllung anzuhalten; allein nie soll er sich durch Hitze verleiten lassen, erwachsene Dienstboten mit groben Schimpfwörtern, oder gar mit Schlägen zu behandeln. Ein edler Mann mag nur Kraft gegen Kraft setzen; nie wird er Den mißhandeln, der sich nicht wehren darf.

Fast noch härter ist es, den armen Dienstboten, wegen kleiner Unachtsamkeiten, z. B. wenn sie etwas zerbrochen haben, einen Theil ihres sparsamen Lohns zu entziehen. Besser ist es, seinen Dienstboten so viel Zutrauen einzuflößen, daß sie selbst es sogleich anzeigen, wenn durch ihre Schuld etwas im Hause verloren gegangen oder zerbrochen ist, und dann ersetze man das fehlende Stück ohne Anstand wieder, lasse sein häusliches Inventarium nie verringert werden. Ist von einem Dutzend Tassen, Teller, Gläser oder dgl. erst ein Stück fort: so wird nicht mehr auf die übrigen so viel Sorgfalt verwendet, und bald sind sie alle verschwunden, da man denn in einen vollen Beutel greifen muß.

7.

Fremden Bedienten soll man in aller Rücksicht höflich und liebreich begegnen, denn in Betracht Unsrer sind sie freie Leute, oder wir dürfen selbst uns nicht frei nennen, wenn wir Fürsten dienen. Dazu kömmt, daß manche Bediente sehr viel Einfluß auf ihre Herrschaften haben, daß die Stimme der Menschen aus niedrigen Klassen oft sehr entscheidend für unsern Ruf werden kann, und endlich, daß diese Klasse es sehr viel genauer damit zu nehmen pflegt, sich leichter beleidigt glaubt, als Personen, welche die Grundsätze einer feinen Erziehung über elende Kleinigkeiten hinaussetzt.

8.

Es wird hier nicht am unrechten Orte stehen, wenn ich die Warnung hinzufüge, sich vor Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit in dem Umgange mit Haarkräuslern, Bartscheerern und Putzmacherinnen zu hüten. Dies Volk — doch gibt es auch da Ausnahmen — ist sehr geneigt, aus einem Hause in das andre zu tragen, Intriguen, Ränke, Klatschereien anzuspinnen, und sich zu allerlei unedlen Diensten gebrauchen zu lassen. Am besten ist es, sich mit ihnen auf einen ernsthaften Fuß zu setzen.

9.

Das Gesinde pflegt kleine Veruntreuungen in Eß-Waaren, Kaffee, Zucker u. dgl. für keinen Diebstahl zu halten. So unrecht dieß ist, so bleibt es doch darum nicht weniger die Pflicht der Herrschaften, ihren Domestiken die Gelegenheit zu benehmen, dergleichen Unredlichkeiten sich schuldig zu machen. Zwei Dinge sind hierbei am wirksamsten: zuerst, daß die Herrschaften mit dem Beispiel der Mäßigkeit und Selbstbeherrschung vorangehen, und dann, daß sie von Zeit zu Zeit durch freiwillige Darreichung solcher Bissen, welche die Lüsternheit reizen könnten, die Versuchung verhüten.

10.

Und nun sollte ich auch etwas von dem Betragen des Dieners gegen den Herrn reden. Hier nur so viel über diesen Gegenstand: Wer dient, der erfülle treu die Pflichten, zu welchen er sich verbindlich gemacht hat; er thue darin lieber zu viel, als zu wenig; den Vortheil seines Herrn sehe er wie seinen eignen an; er handle immer so offenbar, und führe seine Geschäfte mit solcher Ordnung, daß es ihm zu keiner Zeit schwer fallen könne, Rechenschaft von seinem Haushalte abzulegen; er mißbrauche nie das Zutrauen, die Vertraulichkeit seines Herrn; er decke nie die Fehler Dessen auf, dessen Brod er ißt; er lasse sich nicht verleiten, weder im Scherze, noch im Unwillen, die Gränzen der Ehrerbietung zu überschreiten, die er Dem schuldig ist, dem das Schicksal ihn unterwürfig gemacht hat; allein er betrage sich auch immer mit einer solchen Würde, daß es dem Obern nie einfallen könne, ihm mit Verachtung zu begegnen, oder unedle Dienste zuzumuthen, sondern daß dieser seinen Werth, als den eines Menschen, fühle, und, wenn er einer guten Empfindung fähig ist, des Abstandes ungeachtet, den die bürgerliche Verfassung zwischen ihnen gesetzt hat, ihm dennoch seine Hochachtung nicht versagen könne! Er lasse sich nicht durch blendende Aussenseiten bewegen, seinen Zustand zu verändern, sondern überlege, daß jede Lage ihre Ungemächlichkeiten hat, die man in der Ferne nicht wahrnimmt! Hat er bei diesem redlichen und vorsichtigen Betragen dennoch das Unglück, einem undankbaren, harten, ungerechten Herrn zu dienen: so ertrage er, wenn sanfte Vorstellungen nichts helfen, geduldig, ohne Geschwätz und ohne Murren, die lieblose Behandlung, so lange er sich dieser Lage nicht entziehen kann. Kann er aber, so trete er in ein anderes Verhältniß, schweige nachher über das, was ihm begegnet ist, und enthalte sich aller Rache, aller Lästerung, aller Plauderei! Doch können Fälle eintreten, wo seine gekränkte Ehre eine öffentliche oder gerichtliche Rechtfertigung gegen den mächtigen Unterdrücker fordert, und dann trete er ohne Winkelzüge, kühn und fest, voll Zuversicht auf die Güte seiner Sache, auf Gottes und der Menschen Gerechtigkeit, hervor, und lasse sich weder durch Menschenfurcht, noch durch Armuth abschrecken, seinen Ruf zu retten, wenn auch der stärkere Bösewicht ihm alles Uebrige rauben kann!

Achtes Kapitel. Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in demselben Hause wohnen.

1.

Wenn wir in der Ordnung von den ersten und natürlichsten Verhältnissen ausgehen, und immer von den einfachen zu den zusammengesetztern fortschreiten: so denken wir, nach den bis dahin betrachteten Verhältnissen, nun zuerst an die Verbindung mit Nachbarn und Hausgenossen.

Unsre neuere Philosophie überspringt zwar diese engen Verhältnisse; allein ich bin dazu noch nicht aufgeklärt genug, und schreibe also aus Ueberzeugung den Satz hin: »Nächst den Personen Deiner Familie, bist Du am ersten Deinen Nachbarn und Hausgenossen Rath, That und Hülfe schuldig.« Es ist sehr süß, sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, wenn man mit lieben, wackern Nachbarn eines zwanglosen, freundschaftlichen und vertraulichen Umgangs pflegen darf. Es kommen im menschlichen Leben so manche Fälle, wo augenblickliche kleine Hülfe uns Wohlthat ist, wo wir uns zur Erholung von ernsthaften Arbeiten, wenn Sorgen uns drücken, nach der Gegenwart eines guten Menschen sehnen, den wir nicht erst weit zu suchen brauchen; — also vernachlässige man seine Nachbarn nicht, wenn sie irgend von geselliger, wohlwollender Gemüthsart sind! In großen Städten gehört es leider zum guten Tone, nicht einmal zu wissen, wer mit uns in demselben Hause wohne. Das finde ich sehr abgeschmackt, und ich weiß nicht, was mich bewegen sollte, eine halbe Meile weit zu fahren, wenn ich die Unterhaltung, oder die Langeweile, welcher ich nachrenne, eben so gut zu Hause finden könnte, oder um einen Freundschafts-Dienst die ganze Stadt zu durchjagen, wenn neben mir an ein Mensch wohnt, der mir denselben gern erzeigen würde, in so fern ich mir seine Freundschaft und sein Zutrauen erworben hätte. Schämen würde ich mich, wenn es der Fall wäre, daß die Miethkutscher und Straßenbuben mich besser, als meine Nachbarn kennten.

2.

Kaum bedarf es der Bemerkung, daß man sich hüten müsse, sowohl sich denen aufzudringen, die uns als Hausgenossen nicht ausweichen können, wie auch besonders, ihre Handlungen auszuspähen, uns in ihre häuslichen Angelegenheiten zu mischen, ihren Schritten nachzuspüren, und ihre Schwachheiten oder Fehltritte unter die Leute zu bringen. Da vor Allen das Gesinde hierzu sehr geneigt zu seyn pflegt: so soll man seine Dienstleute davon abzuhalten, und den Geist der Klatscherei aus seinem Hause zu verbannen suchen. Die Aufgabe ist schwer, aber nicht unauflöslich.

3.

Es giebt kleine Gefälligkeiten, die man Denen schuldig ist, mit welchen man in demselben Hause, oder denen man gegenüber wohnt, oder deren Nachbar man ist, — Gefälligkeiten, die an sich gering sind, doch aber dazu dienen, Frieden zu erhalten, uns beliebt zu machen, und die man deswegen nicht verabsäumen soll. Dahin gehört: daß man Poltern, Lärmen, spätes Thür-Zuschlagen im Hause vermeide, Andern nicht in die Fenster gaffe, nichts in fremde Höfe oder Gärten schütte, und dergleichen mehr.

4.

Manche Menschen denken so wenig fein, daß sie glauben, gemiethete Häuser, Gärten und Hausgeräthe brauchten gar nicht geschont zu werden, und es sey bei Bestimmung der Mieths-Summe schon auf die Abnutzung und Verwüstung mit gerechnet worden. Ohne zu erwähnen, daß dieß wenigstens nicht immer der Fall ist, so denke ich auch: ein Mann, der Erziehung hat, kann kein Vergnügen daran finden, muthwilliger Weise etwas zu verderben, das nicht sein ist, wodurch er jemand betrübt, und sich verhaßt macht. Es wird sehr bald bekannt, wenn man pünktlich im Bezahlen, höflich und gefällig, dabei ordentlich und reinlich ist, und man wird dann lieber und um billigern Preis zum Miethsmanne aufgenommen, als mancher viel Vornehmere und Reichere.

5.

Wenn unter Leuten, die zusammen in demselben Hause wohnen, oder sonst täglich mit einander leben müssen, Verstimmungen oder Mißverständnisse entstehen: so thut man wohl, die Erläuterung zu beschleunigen; denn nichts ist peinlicher, als mit Personen unter einem Dache zu leben, gegen die man einen Widerwillen hegt.

Neuntes Kapitel. Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.

1.

In alten Zeiten hatte man hohe Begriffe von den Rechten der Gastfreundschaft. Noch pflegen diese Begriffe in Ländern und Provinzen, die weniger bevölkert sind, oder wo einfachere Sitten bei weniger Reichthum, Luxus und Weichlichkeit herrschen, so wie auf dem Lande, in Ausübung gebracht, und die Rechte der Gastfreundschaft heilig gehalten zu werden. In unsern glänzenden Städten hingegen, wo nach und nach der Ton der feinen Lebensart allen Biedersinn zu verdrängen anfängt, gehören die Gesetze der Gastfreundschaft nur zu den Höflichkeits-Regeln, die Jeder nach seiner Lage und nach seinem Gefallen mehr oder weniger anerkennt und befolgt. Auch ist es wahrlich zu verzeihen, wenn man, bei immer zunehmendem Luxus, und dem mannigfaltigen Mißbrauche, den man in unsern Zeiten von der Gutherzigkeit der Menschen macht, vorsichtig in Erzeigung solcher Gefälligkeiten wird, und wenn man genauere Rücksprache mit seinem Geldbeutel nimmt, bevor man jedem Müßiggänger und freundlichen Schmarotzer Haus, Küche und Keller öffnet. Wer hierin aus thörichter Eitelkeit zu viel thut, betrügt zugleich sich und Andre: sich, indem er ein Vermögen verschwendet, das er besser anwenden könnte; und Andre, indem er, unter dem Titel von Gastfreundschaft, nur seinen Hang zur Prahlerei befriedigt. Von der Gastfreundschaft der Großen und Reichen rede ich gar nicht; Langeweile, Eitelkeit und Prachtliebe ordnen da alles auf's Beste, und Der, welcher gibt, weiß, sowohl wie Der, welcher empfängt, auf welche Rechnung er dieß zu schreiben, und wie er sich dabei zu betragen habe. Aber für die Gastfreundschaft unter Personen vom mittlern Stande will ich doch einige allgemeine Regeln geben.

2.

Man reiche das Wenige, was man der Gastfreundschaft opfern kann, in gehörigem Maaße, mit guter Art, mit treuem Herzen und mit freundlichem Gesichte dar! Man suche bei Bewirthung eines Fremden oder eines Freundes weniger Glanz, als Ordnung und guten Willen zu zeigen; fremde Reisende kann man sich vorzüglich durch gastfreundschaftliche Aufnahme verpflichten. Es kömmt ihnen nicht auf eine köstliche freie Mahlzeit, aber darauf kömmt es ihnen an, daß sie Eingang in guten Häusern, und dadurch Gelegenheit erhalten, sich über Gegenstände zu unterrichten, die zu dem Zwecke ihrer Reise gehören. Gastfreundschaft gegen Fremde ist desfalls sehr zu empfehlen. Man sehe nicht verlegen aus, wenn uns unerwartet ein Besuch überrascht! Nichts ist einem Reisenden unangenehmer und peinlicher, als wenn er merkt, daß es dem Manne, der ihn bewirthet, sauer wird, daß er ungern und nur aus Höflichkeit hergibt, oder daß er mehr Aufwand dabei verschwendet, als seine Umstände leiden; wenn er ohne Unterlaß seiner Frau oder seinen Bedienten in die Ohren flüstert, oder mit ihnen zankt, sobald eine Schüssel unrecht gestellt, oder etwas vergessen worden ist; wenn er selbst im Hause herumläuft, alles anordnet und also an der Unterhaltung gar nicht Theil nimmt; wenn der Mann zwar gern gibt, die Frau hingegen dem armen Gast jeden Bissen in den Mund zählt; wenn so wenig in den Schüsseln liegt, daß Der, welcher vorlegt, unmöglich herumreichen kann; wenn der Wirth und die Wirthin ungestüm zum Essen und Trinken nöthigen, oder auf eine Weise geben, die zu sagen scheint; »Es ist nun einmal angeschafft; also füllet Euch den Bauch voll! Werdet recht satt, so habt Ihr auf lange Zeit genug, und brauchet so bald nicht wieder zu kommen!« endlich, wenn man Zeuge von Familienzwist und der Unordnung, die im Hause herrscht, seyn muß. Mit Einem Worte: es gibt eine Art, Gastfreundschaft zu erweisen, die dem Wenigen, das man darreicht, einen höhern Werth gibt, als die üppigsten Schmausereien. Vieles trägt hierzu die Unterhaltung bei. Man muß daher die Kunst verstehen, mit seinen Gästen nur von solchen Dingen zu reden, die sie gern hören; in einem größern Kreise solche Gespräche zu führen, woran Alle mit Vergnügen Theil nehmen und sich dabei in vortheilhaftem Lichte zeigen können. Der Blöde muß ermuntert, der Traurige aufgeheitert werden. Jeder Gast muß Gelegenheit bekommen, von etwas zu reden, wovon er gern redet. Weltklugheit und Menschenkenntniß müssen hier in den besondern Fällen zum Leitfaden dienen. Man muß nichts als Auge und Ohr seyn, ohne daß dieß mühsam aussehe, ohne daß man Anstrengung wahrnehme, oder einen Zwang, den man sich anthut, um zu zeigen, man wisse zu leben. Man bitte nicht Menschen zusammen, oder setze solche an Tafeln neben einander, die sich fremd, oder gar feind sind, sich nicht verstehen, nicht zu einander passen, sich Langeweile machen! Alle diese Aufmerksamkeiten aber müssen auf eine solche Art erwiesen werden, daß sie nicht mehr Zwang auflegen, als sie Wohlthat für den Gast sind. Haben die Bedienten aus Versehen den unrechten Mann, oder haben sie einen Gast auf den unrechten Tag gebeten; so muß der Fremde doch nicht merken, daß er uns unerwartet kommt, wenigstens nicht, daß er uns in Verlegenheit setzt, uns unwillkommen ist.

Manche Menschen unterhalten sich und Andere am besten, wenn man sie zu großen Gesellschaften bittet; Andre muß man, wenn sie glänzen, oder sich an ihrem Platze finden sollen, ganz allein, oder nur zu einem kleinen Familienmahl einladen: auf dies alles muß man Acht haben. Jeder, der auf kurze oder lange Zeit in Deinem Hause ist, und wäre er Dein ärgster Feind, muß daselbst von Die gegen alle Arten von Beleidigung und Verfolgungen Andrer, so viel an Dir ist, geschützt seyn! Es müsse Jeder unter unserm Dache sich so frei wie unter seinem eignen fühlen; man lasse ihn seinen Gang gehen, renne ihm nicht in jeden Winkel nach, wenn er vielleicht allein seyn will, und verlange nicht von ihm, daß er für die Bewirthung alle Unkosten der Unterhaltung allein tragen, durch Kurzweil ergötzen, und dadurch seine Zeche bezahlen solle; endlich lasse man nicht nach in Gefälligkeit und Bewirthung, wenn der Freund sich längre, vielleicht, ein wenig unbescheiden, zu lange Zeit bei uns aufhält, sondern erzeige ihm gleich in den ersten Tagen nicht mehr und nicht weniger, als man in der Folge fortsetzen kann!

3.

Der Gast aber hat gegen den Wirth auch gegenseitig Rücksichten zu nehmen. Ein altes Sprichwort sagt: »Ein Fisch und ein Gast halten sich beide nicht gut länger, als drei Tage im Hause.« Diese Vorschrift leidet nun wohl glücklicher Weise manche Ausnahmen; allein so viel Wahres steckt doch darin, daß man sich niemand aufdringen, und Ueberlegung genug haben soll, zu bemerken, wie lange unsre Gegenwart in einem Hause angenehm, und für niemand eine Bürde ist. Nicht immer ist man so aufgelegt, nicht immer in seinen häuslichen Angelegenheiten so eingerichtet, daß man gern Gäste bei sich sieht, oder lange beherbergt. Bei Leuten, die nicht auf einen sehr großen Fuß leben, soll man daher nicht leicht unvermuthet kommen, oder sich selbst einladen. Dem Manne, der uns Gastfreundschaft erweiset, sollen wir, zum Lohne seiner Güte, so wenig Last wie möglich machen. Hat der Wirth mit seinen Leuten zu reden, oder sonst häusliche Geschäfte: so schleiche man ruhig davon, bis er fertig ist. Der bescheidene Gast wird ruhig und still sich nach den Sitten des Hauses richten, den Ton der Familie annehmen, als wenn er ein Glied derselben wäre, wenig Aufwartung fordern, genügsam seyn, sich nicht in häusliche Angelegenheiten mischen, nicht durch böse Launen den Ton verstimmen, und wenn es, seiner Meinung nach, irgendwo in der Bewirthung gemangelt hat, nicht undankbar und unedel hinter dem Rücken her darüber, oder über das, was er sonst etwa in dem Hause gesehen hat, seinen Spott treiben.

4.

Es gibt aber auch Menschen, die einen so gewaltig hohen Werth auf die Gastfreundschaft setzen, welche sie uns erweisen, daß sie dafür gelobt, geschmeichelt, bedient, häufig besucht, und wer weiß was sonst alles seyn wollen. Das ist nun freilich nicht billig. Ein mäßiger Mann verlangt doch nicht mehr, als sich satt zu essen, und das kann er ja leicht um geringern Preis. Das Mehr oder Weniger ist so viel nicht werth, und ich halte wahrhaftig meine Gesellschaft und meine verlorne Zeit eben so theuer, wie Ihre Hochmögenden Dero Pasteten und Braten.

Zehntes Kapitel. Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern, Gläubigern und Schuldnern.

1.

Die Dankbarkeit ist eine der heiligsten Tugenden. Wer Dir Gutes gethan hat, den ehre! Danke ihm nicht nur mit Worten, die ihm die Wärme Deiner Erkenntlichkeit zeigen, sondern suche auch jede Gelegenheit auf, wo Du ihm wieder dienen und nützlich werden kannst! Fehlt Dir aber dazu die Veranlassung, so entfalte ihm wenigstens durch ein auszeichnend ehrendes und theilnehmendes Betragen Dein dankbares Herz! Du darfst nicht gerade dies Betragen pünktlich nach der Größe der Wohlthat abmessen, die Du empfangen hast, sondern nach dem Grade des guten Willens, den Dein Wohlthäter Dir gezeigt hat! Höre auch dann nicht auf, dankbar gegen ihn zu seyn, wenn Du seiner nicht mehr bedarfst, oder wenn Unglücksfälle ihn von seiner Höhe herabgestürzt, ihn seines Glanzes beraubt haben!

2.

Nie aber laß Dich zu niederträchtiger Schmeichelei herab, um entweder Wohlthaten zu erschleichen, oder für den empfangnen Schutz auf unedle Weise Dich zum Sclaven eines schlechten Mannes zu machen! Wo Pflicht und Rechtschaffenheit es fordern, da müsse Dein Mund nie zum Unrechte schweigen, und keine Art von Bestechung die Stimme der Wahrheit zum Schweigen bringen! Du bezahlst reichlich die Wohlthat, wenn Du dafür die Pflichten eines ächten Freundes erfüllst, und, selbst mit Gefahr, den Schutz zu verlieren und für undankbar gehalten zu werden, dem Wohlthäter sagst, was ihm nöthig und heilsam zu hören ist. Eben so wenig leide, daß jemand sich's zum Verdienste anrechnet, daß er Dich bis jetzt hochgeschätzt, Dich bei Andern gelobt und vertheidigt habe! Warst Du dessen würdig, so erfüllte er eine Pflicht, die man auch seinen Feinden nicht versagen darf, wo nicht, so hat er nicht gehandelt, wie ein gerechter und verständiger Mann, selbst in Rücksicht seiner Freunde, handeln soll.

3.

Es ist eine unangenehme Lage, wenn man jemand, dem man viel Verbindlichkeit schuldig ist, nachher von einer schlechten Seite kennen lernt. Dieser Verlegenheit weicht man nun freilich aus, wenn man so wenig wie möglich Wohlthaten annimmt. Allein nicht immer läßt sich das thun; und wenn man dann wirklich in die Verlegenheit kommt, einem schlechten Menschen auf diese Art verpflichtet zu werden: so rathe ich an, ihn wenigstens mit so viel Schonung zu behandeln, als nur immer mit Redlichkeit und weiser Wahrheitsliebe bestehen kann, und von seiner Schlechtigkeit zu schweigen; doch nur, in so fern Schweigen nicht Verbrechen gegen die öffentliche Wohlfahrt ist; — denn in diesem letztern Falle muß alle Rücksicht aufhören. So wie aber unter den Menschen, welche Wohlthaten erzeigen: so ist auch ein Unterschied unter den Wohlthaten selbst. Es gibt unbedeutende Gefälligkeiten, die man ohne Furcht, auch von den schlechtesten Leuten annehmen kann. Es ist dann ihre Schuld, wenn sie dieselben höher anrechnen, als sie werth sind. In andern Fällen hingegen, besonders wenn man empfangene Dienste nicht erwiedern kann, ist es klug und edel, sie lieber nicht anzunehmen.

4.

Die Art, wie man Wohlthaten erzeigt, ist oft mehr werth, als die Handlung selbst. Man kann durch dieselbe den Preis jeder Gabe erhöhen, so wie von der andern Seite ihr alles Verdienst rauben. Wenig Menschen verstehen diese Kunst; nur die Edlen und Gefühlvollen wissen sie meisterhaft auszuüben, und zugleich dem dankbaren Herzen die Gelegenheit, sich erkenntlich zu beweisen, nicht zu verkümmern. Der gibt doppelt, der gleich, zu rechter Zeit, ungebeten und mit Freuden gibt. Gib gern! Es ist seliger Genuß, es ist Wohlthat, geben, zur Freude Andrer etwas beitragen zu dürfen. Gib also gern, aber verschwende nicht Deine Wohlthaten! Sey dienstfertig, bereitwillig; aber dringe niemanden Deine Dienste auf! Rechne nicht, ob es erkannt und belohnt werden wird! Brauche doppelte Schonung im Umgange mit Denen, welchen Du Gutes erwiesen, aus Furcht, sie mögten argwöhnen, Du wolltest Dich für Deine Mühe bezahlt machen, sie Dein Uebergewicht fühlen lassen, Dir größere Freiheit gegen sie erlauben, weil sie aus Dankbarkeit schweigen müssen! Oft ist es edler und zarter gehandelt, von Dem keine Gegen-Gefälligkeiten anzunehmen, dem wir Wohlthaten erzeigt haben; oft hingegen ist es edler, ihm Gelegenheiten zu geben, uns durch kleine Dienste, die man ihm hoch anrechnen kann, für große gleichsam zu bezahlen, damit keine zu schwere Last von Verbindlichkeiten auf ihm zu liegen scheine. Weise nicht die Bittenden von Deiner Thür zurück! Wenn Dich jemand um Rath, Hülfe, Wohlthat anspricht: so höre ihm freundlich, theilnehmend und aufmerksam zu! Laß ihn ausreden, Dir seine Sache vorstellen, ohne ihm in die Rede zu fallen, denn dem Unglücklichen thut es sehr wohl, wenn er nur sein Herz ausschütten kann.

5.

Keine Wohlthat ist größer, als die des Unterrichts und der Bildung. Wer jemals etwas dazu beigetragen hat, uns zu weisern, bessern und glücklichern Menschen zu machen, der müsse unsers wärmsten Danks lebenslang gewiß seyn können! Hat er dabei nicht alles geleistet, was wir jetzt, bei reifern Jahren, bei weitern Fortschritten in der Kultur, von einem Lehrer und Erzieher fordern würden: so sollen wir doch nicht unerkenntlich gegen das seyn, was wir von ihm empfangen haben.

Ueberhaupt verdienen ja Diejenigen wohl mit vorzüglicher Achtung behandelt zu werden, die sich redlich dem wichtigen Erziehungs-Geschäfte widmen. Es ist wahrlich eine höchst schwere Arbeit, Menschen zu bilden: — eine Arbeit, die sich nie mit Gelde bezahlen läßt. Der geringste Dorf-Schulmeister, wenn er seine Pflichten treulich erfüllt, ist eine wichtigere und nützlichere Person im Staate, als der Finanz-Minister; und da sein Gehalt gewöhnlich sparsam genug abgemessen ist: was kann da billiger seyn, als daß man diesem Mann wenigstens durch hinreichendes Auskommen, und einige Ehrenbezeigung das Leben süß, und das Joch erträglich zu machen suche? Schämen sollten sich die Menschen, die den Erzieher ihrer Kinder wie eine Art von Dienstboten behandeln! Mögten sie nur bedenken (wenn sie auch nicht fühlen können, wie unedel dies Betragen an sich schon ist), welchen nachtheiligen Einfluß dieß auf die Bildung der Jugend hat! Es kann mir durch die Seele gehen, wenn ich den Hofmeister in manchem adelichen Hause demüthig und stumm an der Tafel seiner gnädigen Herrschaft sitzen sehe, wo er es nicht wagt, sich in irgend ein Gespräch zu mischen, sich auf irgend eine Weise der übrigen Gesellschaft gleich zu stellen, — wenn sogar den ihm untergebenen Kindern von Eltern, Fremden und Bedienten der Rang vor ihm gegeben wird, — vor ihm, der, wenn er seinen Platz ganz erfüllt, als der größte Wohlthäter der Familie angesehen werden sollte. — Es ist wahr, daß es unter den Männern dieser Art hie und da solche gibt, die eine so traurige Figur ausser ihrer Studirstube spielen, daß man nicht wohl auf einem bessern Fuß mit ihnen umgehen kann; allein das widerlegt nicht dasjenige, was ich von der Achtung gesagt habe, die man diesem Stande schuldig ist. — Wehe den Eltern, die ihre Kinder solchen selbst nicht erzogenen Miethlingen anvertrauen!

Hast Du aber einen edlen Freund gefunden, der sich der Erziehung Deines Sohnes annimmt: so ist es auch nicht genug, daß Du ihm ausgezeichnet freundlich, ehrenvoll und dankbar begegnest; Du mußt ihm auch freie Macht lassen, ohne Widerspruch seinen Erziehungsplan durchzusetzen; und von dem Augenblicke an, da Du Dein Kind seiner Leitung übergibst, hast Du den wichtigsten Theil Deiner väterlichen Rechte auf ihn übertragen. — Doch dies alles gehört mehr in ein Werk über Erziehung, als daß hier der Ort wäre, weitläuftig davon zu handeln. Ich schweige daher auch von dem Betragen der Lehrer und Hofmeister im Umgange mit ihren Untergebenen, und eile weiter.

6.

Ueber den Umgang mit Schuldnern und Gläubigern habe ich wenig zu sagen. Man sey menschlich, billig und höflich gegen die Erstern! Man glaube nicht, daß jemand, der uns Geld schuldig ist, deswegen unser Sclave geworden sey, daß er sich alle Arten Demüthigungen von uns müsse gefallen lassen, daß er uns nichts abschlagen dürfe, noch überhaupt, daß der elende Bettel, der Mammon, einen Menschen berechtigen könne, sein Haupt über den andern emporzuheben! Seine Gläubiger bezahle man pünktlich, und halte sein Wort treulich! Man verwechsele nicht den ehrlichen Mann, der von billigen Zinsen leben muß, mit dem jüdischen Wucherer: so wird man immer Kredit haben, und, wenn man in Verlegenheit sich befindet, billige Menschen antreffen, die uns, ohne ihren Schaden, aus der Noth helfen.

Eilftes Kapitel. Ueber das Betragen gegen Leute, in allerlei besondern Verhältnissen und Lagen.

1.

Zuerst über die Aufführung gegen unsre Feinde! Man kränke niemand vorsätzlich; man sey wohlwollend, dienstfertig, verständig, vorsichtig, gerade und ohne Winkelzüge in allen Handlungen; man erlaube sich keinen Schritt zum Nachtheil eines Andern; man zerstöre keines Menschen Glückseligkeit; man verläumde niemand; man verschweige selbst das wirkliche Böse, das man von seinem Mitmenschen weiß, wenn man nicht entschiednen Beruf hat, oder das Wohl Andrer es bestimmt erfordert, darüber zu reden: so wird man — etwa keine Feinde haben? — das sage ich nicht; aber man wird, wenn uns dennoch Neid und Bosheit verfolgen, wenigstens die Beruhigung empfinden, keine Veranlassung zur Feindschaft gegeben zu haben.

Es steht nicht immer in unsrer Willkühr, geliebt, aber es hängt immer von uns ab, geachtet zu werden. Allgemeiner Beifall, allgemeines Lob sind eben so zweideutige, als entbehrliche Merkmale des persönlichen Werthes; allgemeine Achtung können selbst die Schurken dem Redlichen und Weisen in ihren Herzen nicht versagen, und der warmen Freunde bedarf man etwa nur drei in der Welt, um glücklich zu seyn.

Will man ohne Zwang und Unruhe in dem Umgange mit Menschen leben, so muß man es nicht darauf anlegen, oder für wünschenswerth halten, von allen Menschen für gut und weise gehalten zu werden. Je mehr hervorleuchtende edle Eigenschaften aber ein Mann hat, um desto gewisser kann er darauf rechnen, von der Scheelsucht schwacher und schlechter Menschen Manches ertragen zu müssen; und Die, welche die allgemeine Stimme des Pöbels aller Klassen für sich haben, sind mehrentheils die mittelmäßigsten Leute, Leute ohne Charakter, oder niedrige Schmeichler und Heuchler. Es ist wahrlich nicht schwer, Menschen zu gewinnen, auch die zu gewinnen, welche am heftigsten gegen uns eingenommen waren, und das oft durch ein einziges Gespräch unter vier Augen, wenn man ihre schwache Seite studirt hat, und es recht darauf anlegt. Allein das ist eine elende, des redlichen Mannes unwürdige Kunst, — und was kümmert es mich am Ende, ob Menschen, die mein Herz nicht kennen, — ja, die mich nie gesehen haben, durch die Geschwätze irgend eines alten Weibes gegen mich eingenommen sind, oder nicht?

Klage aber nie über Verfolgung und Feinde, wenn Du nicht Lust hast, die Anzahl der letztern zu vermehren; es schleicht immer eine Anzahl furchtsamer, niederträchtiger Geschöpfe umher, die nicht den Muth haben, gegen einen Mann von Würde sich öffentlich zu erklären, die aber sich augenblicklich an Dich wagen, sobald sie Dich hülflos, scheu und niedergeschlagen erblicken; und diese, so unbedeutend sie Dir auch scheinen mögten, können mit ihren Neckereien Dir tausendfältigen Kummer machen. Der feste Mann muß sich selbst schützen. Zeige Zuversicht zu Dir selber, so wirst Du ganze Heere von Schelmen im Zaume halten! Zudem ist des Kämpfens in der Welt so viel: jeder gute Mann hat mit seinen eignen Angelegenheiten genug zu thun, so daß es vergebens ist, Alliirte zu suchen, weil diese bei der ersten Gelegenheit, wo es eigne Sicherheit gilt, davon laufen. Der Mann, welcher sich stellt, als merke er nicht einmal, daß man ihn verfolgt, der von Zeit zu Zeit sagt: »Gottlob! mir geht es gut; ich habe Freunde;« wird für einen mächtigen Bundesgenossen gehalten, dessen man schonen müsse; dahingegen über den Verlassenen Jeder herfällt.

Willst Du Dich der Ueberlegenheit erfreuen, wenn Du beleidigt wirst, so werde nie hitzig oder grob gegen Deine Feinde, weder in Gesprächen, noch Schriften. Und wenn böser Wille und Leidenschaft, wie es mehrentheils geschieht, bei ihnen im Spiele sind: so laß Dich auf keine Art von Erläuterung ein! Schlechte Leute werden am besten durch Verachtung bestraft, und Klatschereien am leichtesten widerlegt, wenn man sich gar nicht darum bekümmert.

Wenn man daher unschuldig verleumdet, angeklagt, verkannt wird, so zeige man Stolz, Fassung und Würde in seinem Betragen: und die Zeit wird alles aufklären, oder der Vergessenheit übergeben.

Nicht alle Bösewichter sind unempfindlich gegen eine edle, großmüthige, immer gleiche, gerade Behandlung. Mit diesen Waffen also kämpfe man, so lange sich's irgend thun läßt, gegen seine Feinde! Sie müssen nicht Rache fürchten, sondern den Richterstuhl des Publikums, wenn sie fortfahren, einen Mann zu verfolgen, dem niemand seine Ehrerbietung versagt.

Wenn aber Dein Stillschweigen bei ihren Ausfällen sie noch kecker macht, dann zeige einmal, was Du thun könntest, wenn Du wolltest! Aber gebrauche dabei keine Winkelzüge! Vereinige Dich nie mit andern schlechten Leuten; mache keine gemeinschaftliche Sache mit einem Schelme, um den andern zu bekämpfen; sondern tritt ganz allein, muthig, kühn, schnell, gerade und öffentlich gegen sie auf! Es ist unglaublich, wie viel ein Einziger, mit einem guten Gewissen und mit edlem Feuer, gegen Schaaren von Nichtswürdigen vermag.

Sey nur trotzig gegen mächtige, siegende Feinde! Des Ueberwundnen, des Unglücklichen schone, und verschweige alles Unrecht, das er Dir vormals zugefügt hat, sobald er ausser Stande ist, Dir ferner zu schaden, oder sobald die Stimme des Publikums ihn gerichtet hat! Allein der Bösewicht wendet alles an, um es dahin nicht kommen zu lassen; — das Gefühl seiner eignen Ungerechtigkeit wird ein neues Verbrechen für Den, welchen er muthwillig gekränkt hat. Doch endlich kömmt alles an den Tag, und dann genieße mit Bescheidenheit die Freuden des Triumphs!

Laß Dir nie zweimal die Hand zur Versöhnung reichen! Vergiß dann alle Beleidigungen, solltest Du auch fürchten müssen, daß dein Beleidiger bei der ersten Gelegenheit die Feindseligkeit erneuern wird! Sey zwar auf Deiner Hut; aber zeige kein Mißtrauen! Es ist besser, unschuldiger Weise zum zweitenmal beleidigt werden, als ein einzigmal den Mann, dem es mit seiner Rückkehr zu Dir ein Ernst ist, kränken, erbittern, und ihm allen Muth nehmen! Aber man muß auch verzeihen können, ohne darum gebeten zu werden.

Man hat oft die beste Gelegenheit, die Gemüthsart eines Menschen dann kennen zu lernen, wenn er uns beleidigt hat. Man gebe Acht, ob er es durch Bitten um Verzeihung wieder gut zu machen sucht? — und wie? — gleich, oder lange nachher? — öffentlich oder heimlich? — und warum nicht gleich, und vor allen Leuten? — Aus Starrköpfigkeit, Eitelkeit, oder Blödigkeit? — Oder ob er gar keinen Schritt thut, sondern uns laufen läßt, wohl gar mault, und den Gekränkten verdächtig und verhaßt zu machen sucht? — Ob jenes aus Leichtsinn oder Tücke? — Oder ob er den Fehler zu beschönigen sucht, den Gesichtspunkt zu verrücken sucht, um Recht zu behalten. — Schon in den Jahren der Kindheit kann man aus diesen Zügen auf den künftigen Charakter schließen.

Uebrigens hat man nicht Unrecht, wenn man behauptet, daß unsre Feinde oft, ohne es zu wollen, unsre größten Wohlthäter sind. Sie machen uns aufmerksam auf Fehler, die unsre eigne Eitelkeit, und die Nachsicht unsrer partheiischen Freunde, und die niedrige Gefälligkeit der Schmeichler vor unsern Augen verbergen. Ihre Schmähungen feuern in uns den Eifer an, desto sorgsamer den Beifall der Bessern zu verdienen; und wenn sie jedem unsrer Schritte auflauren, so lehren sie uns auf unsrer Hut seyn, um ihnen keine Blöße zu geben.

Keine Feindschaft pflegt heftiger zu seyn, als die unter entzweieten Freunden. Unsre Eitelkeit kömmt da in das Spiel; wir schämen uns, das Spielwerk eines Bösewichts gewesen zu seyn; wir wenden alles an, um Diesen nun im schlechtesten Lichte zu zeigen, damit wir vor der Welt unsre Trennung von ihm rechtfertigen mögen. — Es ist ein trauriger Anblick, zu sehen, wie dann selbst edle Menschen, wenn sie gegen einander aufgebracht sind, sich gegenseitig höchst unedel zu verkleinern suchen, um sich gegen sich selber zu rechtfertigen. (S. Kap. 6.)

2.

Wir kommen oft in nicht geringe Verlegenheit, wenn unsre Lage uns zwingt, mit Leuten umzugehen, die einander feind sind, wo man es gar leicht mit einer Parthei verdirbt, sobald man mit der andern gut steht, oder es mit Beiden verdirbt, wenn man sich ungebeten, oder auf unvorsichtige Weise, in diese Händel mischt; ich empfehle dabei folgende Vorsichtigkeits-Regeln:

So viel man kann, vermeide man es, mit zwei Partheien umzugehen, die mit einander in Zwist leben!

Kann man dieß aber nicht ändern, zum Beispiel, ohne plötzlich ein Verhältniß aufzuheben, in welchem man lange Zeit gestanden: so setze man sich, wo möglich, auf den Fuß, in die obwaltenden Streitigkeiten durchaus nicht eingeflochten zu werden! Man bitte sich's vielmehr aus, daß in den Gesprächen diese Sache nie berührt werde! Diese Regel findet vorzüglich dann Statt, wenn Menschen, die ehemals vertraute Freunde gewesen sind, nun auf einmal in Feindschaft mit einander gerathen. Verhalte Dich ganz leidend, wenn dann einer über den andern bei Dir klagt! Er mag nun in der ersten Empfindlichkeit ein Wort zu viel gesagt haben, und nachher mit seinem Gegentheile wieder einig werden, oder es mag in dauernde Feindschaft übergehen: so wird er es doch bei kaltem Blute übel nehmen, wenn Du zum Guten oder Bösen gerathen hast.

Kann man aber auch dieß nicht ändern, so enthalte man sich zuerst aller feigen und heuchlerischen Zweizüngigkeit! Das heißt: man rede nicht, wenn man bei der einen Parthei ist, zum Nachtheile der andern, und wiederum zum Tadel jeder, wenn diese es wünschen; sondern, wenn man sich durchaus darüber erklären muß, immer so, wie es einem redlichen, gerechten Manne zukömmt!

Noch schändlicher aber, als jene Duplicität, ist das Verfahren mancher Menschen, die, um bei solcher Gelegenheit im Trüben zu fischen, oder sich wichtig zu machen, oder aus Schadenfreude und Geist der Intrigue, von beiden Seiten Oel zum Feuer gießen, und den Zwist unterhalten.

Wenn man ferner die streitenden Theile nicht recht genau kennt; wenn sie nicht unsre vertrautesten Freunde sind; wenn man nicht ganz gewiß weiß, daß man es mit edeln, von Vernunft regierten Leuten zu thun hat, die vielleicht nur durch Mißverständnisse, oder durch andre, mit Hülfe eines Dritten leicht zu hebende Irrungen getrennt worden; wenn vielmehr böser Wille, Eigennutz, ungesellige Gemüthsart, oder unbändige Leidenschaft im Spiele ist, — folglich keine dauerhafte Wiedervereinigung zu hoffen steht: so lasse man sich nicht darauf ein, Versöhnung stiften zu wollen! Man verdirbt es dabei leicht mit einer Parthei, und nicht selten mit beiden.

Ist es endlich gar nicht zu vermeiden, daß man sich für oder gegen eine von den beiden Partheien bestimmt erkläre, so erkläre man sich ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf Freundschaft, Schmeichelei und Verwandtschaft, männlich und unerschütterlich, für Den, von dem die Vernunft sagt, daß er Recht habe, und bleibe ihm treu und beständig zugethan, es gehe auch, wie es wolle!

3.

Wenden wir uns jetzt zu Kranken und Leidenden! — Wer je empfunden hat, welch ein Labsal bei Krankheiten und Schmerzen eine gute, sorgsame, stille und theilnehmende Pflege gewährt, der wird den Gegenstand nicht unwichtig finden. Die Art der Behandlung und Sorgfalt muß sich allerdings nach der Verschiedenheit der Krankheiten richten, mit welchen der Leidende kämpft, und ich kann also keine allgemein passende Regeln vorschlagen; doch, so viel sich im Ganzen über diesen Gegenstand sagen läßt, möge hier Platz finden!

Es gibt Krankheiten, in welchen Aufheiterung des Gemüths, Zerstreuung und angenehme Unterhaltung sehr viel zur Genesung beitragen, und hingegen andre, bei denen Ruhe und stille Pflege das Einzige sind, wodurch man dem Leidenden Linderung verschaffen kann. Man soll daher wohl unterscheiden und beobachten, welche Art von Behandlung anwendbar seyn mögte.

Ob in schweren Krankheiten die Aufwartung bezahlter Wärter der sorgfältigen, liebevollen und zarten Pflege werther Freunde darum vorzuziehen sey, weil diese leicht übertrieben, und dann dem Kranken lästig und ängstlich wird, muß dem Gefühl eines Jeden überlassen bleiben. Jene sind durch Erfahrung mit den kleinen Handgriffen bekannt, und leisten ihre Dienste mit unverdrossener Geduld, Kaltblütigkeit und strenger Pünktlichkeit, bekümmern sich nicht um unsre Launen, und leiden nicht bei unsern Schmerzen; diese hingegen werden uns oft, besonders wenn unsre Nerven sehr reizbar sind, durch zu viel Eifer lästig, wissen nicht behutsam genug bei ihren Handreichungen mit uns umzugehen, erregen unsre Ungeduld durch Fragen, und machen unser Leiden durch zu warmes Mitgefühl, das wir in ihren Augen lesen, doppelt schwer; wozu denn noch kömmt, daß der Gedanke, wie sehr sie mit uns leiden, und welche Opfer sie uns bringen, uns einen peinlichen Zwang auflegt. Will man daher seinen Freund selbst verpflegen, so suche man die Art geübter Krankenwärter nachzuahmen, dem Leidenden so wenig wie möglich lästig zu werden, und alles mechanisch so zu machen, wie er es gern zu haben scheint: man werde nicht mißvergnügt, wenn ein Kranker zuweilen auffahrend, böser Laune, oder zänkisch wird! Wir fühlen nicht, wie ihm zu Sinne ist, und wie seine zerrüttete Maschine auf seinen Geist wirkt. Doch kann ein Mann, der achtsam auf sein eignes Ich ist, viel über sich erlangen, und selbst in schweren Krankheiten in so weit Meister über seine Launen werden, daß er diejenigen Personen, welche ihm Sorgfalt widmen, nicht unnützer Weise plage.

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