Erster Theil. (continued 3)
Reading edition
19.
Das Betragen gegen Schurken, das heißt, gegen Leute, die von Grund aus schlecht sind, etwa ein wenig Erbsünde abgerechnet, fordert vor allem Festigkeit und Muth. Ich beziehe mich dabei zuerst auf das, was ich weiterhin über den Umgang mit Feinden, und über das Betragen gegen Verirrte und Gefallne sagen werde, und füge nur noch nachstehende Bemerkungen hinzu:
Daß man, wo möglich, den Umgang mit schlechten Leuten fliehen müsse, weil durch sie Moralität, Ruf und Ruhe in Gefahr kommt, besonders wenn sie mit Schlechtigkeit der Grundsätze eine feine Verstandesbildung verbinden, und viel geselliges Talent haben, — das versteht sich wohl von selber. Wenn ein Mann von festen Grundsätzen auch nicht in Gefahr kommt, von ihnen angesteckt zu werden, so gewöhnt er sich doch nach und nach an ihre Art zu urtheilen und zu handeln, ihre Zweideutigkeiten und Unsittlichkeiten, und an den Anblick ihres sittlichen Schmutzes, und verliert den heiligen Abscheu gegen alles, was unedel ist; einen Abscheu, der zuweilen einzig hinreicht, uns in Augenblicken der Versuchung vor feinern Vergehungen zu bewahren. Leider aber zwingt uns unsre Lage zuweilen, mitten unter Schurken zu leben, und mit ihnen gemeinschaftlich Geschäfte zu treiben; und da ist es denn nöthig, gewisse Vorsichtigkeits-Regeln nicht aus der Acht zu lassen.
Glaube nicht, wenn Du einiges Verdienst von Seiten des Kopfs und des Herzens hast, es jemals dahin zu bringen, daß Du von schlechten Menschen nie in Deiner Ruhe gestört werdest, oder nie durch sie leidest! Es herrscht ein ewiges Bündniß unter Schurken und Schleichern gegen alle verständige und edle Menschen; auch sind sie auf eine unbegreifliche Weise so verbrüdert, daß sie unter allen übrigen Menschen einander erkennen und bereitwillig die Hand reichen, möchten sie auch durch äussere Verhältnisse und Umstände noch so sehr getrennt seyn, sobald es darauf ankömmt, das wahre Verdienst zu verfolgen und mit Füßen zu treten. Da hilft keine Art von Vorsichtigkeit und Zurückhaltung; da hilft nicht Unschuld, nicht Geradheit; da hilft nicht Schonung, noch Mäßigung; da hilft es nicht, seine guten Eigenschaften verstecken, mittelmäßig scheinen zu wollen. Niemand erkennt so leicht das Gute, das in Dir ist, als Der, dem dies Gute fehlt. Niemand läßt innerlich dem Verdienste mehr Gerechtigkeit widerfahren, als der Bösewicht; aber er zittert davor, wie Satan vor dem Evangelio, und arbeitet mit Händen und Füßen dagegen. Jene große Verbrüderung wird Dich ohne Unterlaß necken, Deinen Ruf antasten; bald zweideutig, bald übel von Dir reden, die unschuldigsten Deiner Worte und Thaten boshaft auslegen. — Aber laß Dich das nicht anfechten! würdest Du auch wirklich von Schurken eine Zeitlang gedrückt, so wird doch die Rechtschaffenheit und Consequenz Deiner Handlungen am Ende siegen, und der Unhold bei einer andern Gelegenheit sich selbst die Grube graben. Auch sind die Schelme nur so lange einig unter sich, als es nicht auf männliche Standhaftigkeit ankömmt, so lange sie im Dunkeln fechten können. Hole aber Licht herbei, und sie werden aus einander rennen! Und wenn es nun gar zur Theilung der Beute ginge, dann würden sie sich unter einander bei den Ohren zausen, und Dich indeß mit Deinem Eigenthume ruhig davon wandern lassen. Geh Deinen geraden Gang fort! Erlaube Dir nie schiefe Streiche, nie Schleichwege, um Schleichwegen zu begegnen; nie Ränke, um Ränke zu zerstören; mache nie gemeinschaftliche Sache mit Bösewichtern, gegen Bösewichter! Handle großmüthig! Unedle Behandlung, und zu weit getriebenes Mißtrauen können Den, welcher auf halbem Wege ist, ein Schelm zu werden, vollends dazu machen; Großmuth hingegen kann einen nicht ganz verstockten Unhold vielleicht, auf einige Zeit wenigstens, bessern, und die Stimme des Gewissens in ihm erwecken. Aber er müsse fühlen, daß Du nur aus Huld, nicht aus Furcht also handelst! Er müsse fühlen, daß, wenn es auf das Aeusserste kömmt, wenn der Grimm eines unerschrocknen redlichen Mannes losbricht, der kühne, rechtschaffene Weise im niedrigsten Stande mächtiger ist, als der Schurke im Purpur; daß ein großes Herz, daß Tugend, Klugheit und Muth, stärker machen, als erkaufte Heere, an deren Spitze ein Schurke steht! Was hätte der wohl zu fürchten, der nichts mehr zu verlieren hat, als was kein Sterblicher ihm rauben kann? Und was vermag in dem Augenblicke der äussersten, verzweifelten Nothwehr ein feiger Sultan, ein ungerechter Despot, der in sich selbst einen Feind herumträgt, von welchem er immer bedroht, oder in die Flanke genommen wird, gegen den niedrigsten seiner Unterthanen, der ein reines Herz, einen hellen Kopf, Unerschrockenheit und gesunde Arme zu Bundesgenossen hat?
Es ist unmöglich, sich bei gewissen Leuten beliebt zu machen, deren Gunst man nur auf Unkosten seines Gewissens erwerben kann, und es wird nicht schaden, wenn diese uns wenigstens fürchten.
Es gibt Leute, die uns zu Vertraulichkeiten, zu gewissen Eröffnungen zu bewegen suchen, damit sie nachher Waffen gegen uns in Händen haben, womit sie uns drohen können, wenn wir ihnen nicht zu Gebote stehen wollen. Die Klugheit erfordert, dagegen auf seiner Hut zu seyn. Man erkennt sie leicht an der groben Schmeichelei, durch welche sie sich uns zu nähern, und unser Vertrauen zu erschleichen suchen.
Beschenke den, von dem Du fürchtest, er werde Dich bestehlen, wenn Du glaubst, daß Großmuth noch Eindruck auf ihn machen könnte!
Ermuntre und ehre äusserlich Menschen, an denen Du irgend eine Thatkraft zum Guten findest! Bringe sie nicht ohne Noth um Kredit! Es gibt Leute, die viel Gutes sagen, im Handeln aber heimliche Schalke sind, oder Menschen voll Inconsequenz, Leichtsinn und Leidenschaft: entlarve diese nicht, in so fern es nicht der Folgen wegen seyn muß! Sie wirken durch ihre Reden manches Gute, welches unterbleibt, wenn man sie verdächtig macht. Man sollte sie immer herumreisen lassen, um gute Zwecke zu befördern; allein sie müßten jeden Ort früh genug verlassen, um sich nicht zu verrathen, und durch ihr Beispiel nicht die Wirkung ihrer Lehren zu verderben.
20.
Es gibt Menschen von guter Gesinnung, welche durch übertriebene Bescheidenheit und unüberwindliche Furchtsamkeit, durch eine Schüchternheit, die sie fast zu Kindern macht, sich selbst der Geringschätzung hingeben, und sich um allen Genuß und allen Vortheil bringen, den ihnen die Gesellschaft gewähren soll. Man macht sich um sie und um die Gesellschaft verdient, wenn man ihnen Zuversicht zu sich selbst einzuflößen sucht, und ihnen Veranlassung gibt, sich geltend zu machen. So verachtungswerth Unbescheidenheit und Dünkel sind, so unmännlich ist zu weit getriebene Schüchternheit. Der Edle soll seinen Werth fühlen, und eben so wenig ungerecht gegen sich, als gegen Andre seyn. Uebertriebnes Lob und zu weit ausgedehnter Vorzug aber beleidigen den Bescheidnen. Er müsse weniger aus Deinen Worten, als aus Deinen ungekünstelten, wahre Zuneigung verrathenden Handlungen, Deine Hochachtung gegen ihn erkennen!
21.
Unvorsichtigen und plauderhaften Leuten darf man natürlicher Weise keine Geheimnisse anvertrauen. Besser wäre es, man hätte überhaupt keine Geheimnisse in der Welt, könnte immer frei und offen handeln, und alles, was im Herzen vorgeht, vor jedermann sehen lassen; besser wäre es, man dächte und redete nichts, als was man laut denken und reden darf. Da dieß indessen, besonders bei Männern, die in öffentlichen Aemtern stehen, oder sonst fremde Geheimnisse zu verwahren haben, nicht möglich ist: so muß man freilich vorsichtig in der Mittheilung dessen seyn, was nicht Jeder wissen darf.
Man findet Menschen, denen es schlechterdings unmöglich ist, irgend etwas zu verschweigen. Man sieht es ihnen an, wenn sie ängstlich umherlaufen, daß sie etwas Neues bei sich tragen, und daß sie große Herzensangst leiden, bis sie einem andern Plaudrer ihre Nachricht heiß mitgetheilt haben. Andern fehlt es zwar nicht an dem guten Willen zu schweigen, wohl aber an der Klugheit, sich nicht durch Winke, Blicke, oder auf andre Art zu verrathen; oder an der Festigkeit, sich nicht ausfragen zu lassen; oder sie haben eine zu gute Meinung von der Ehrlichkeit und Verschwiegenheit derer, welchen sie sich anvertrauen. — Gegen alle diese muß man behutsam, und selbst verschlossen seyn.
Es kann auch zuweilen nicht schaden, wenn man plauderhafte Leute bei der ersten Gelegenheit, da sie etwas über uns geschwatzt haben, dergestalt in Furcht setzt, daß sie es nicht wagen dürfen, hinter unserm Rücken auch nur einmal unsern Namen zu nennen, es sey im Guten oder Bösen. Die eigentlichen bekannten Zeitungsträger aber, deren es fast in jeder Stadt einige gibt, kann man nützen, wenn man ein unschuldiges Mährchen im Publiko ausgebreitet wissen will, das den Leuten etwas zu reden geben, oder sie zu ihrem Besten auf etwas aufmerksam machen soll. Nur muß man dann nicht verfehlen, sie um Verheimlichung der Sache zu bitten, sonst halten sie es vielleicht der Mühe nicht werth, dieselbe auszuplaudern.
Vorwitzige und neugierige Menschen kann man nach den Umständen entweder auf ernsthafte oder spaßhafte Manier behandeln. Im erstern Falle muß man, sobald man merkt, daß sie sich im mindesten um unsere Angelegenheiten bekümmern, uns belauschen, behorchen, sich in unsere Geschäfte mischen, unsern Schritten nachspüren, oder unsre Plane und Handlungen ausspähen wollen, sich gegen sie mündlich, schriftlich oder thätig, so kräftig erklären, sie auf eine solche Weise zurückschrecken, daß ihnen die Lust vergehe, auch nur von Weitem sich an uns zu wagen. Will man aber seinen Spaß mit ihnen haben, so kann man ihrer Neugier ohne Unterlaß so viel zu schaffen machen, daß sie über die Kindereien, worauf man ihre Aufmerksamkeit lenkt, keine Muße behalten, sich um diejenigen Dinge zu bekümmern, welche wir ihrer Beobachtung zu entziehen wünschen.
Zerstreute und vergessene Leute taugen nicht zu Geschäften, wo es auf Pünktlichkeit ankömmt. Jungen Personen kann man diese Fehler wohl zu gute halten, und durch eine verständige Behandlung zuweilen noch abgewöhnen, so, daß sie ihre Gedanken bei einander halten. Manche, die aus zu großer Lebhaftigkeit des Temperaments leicht alles vergessen, und nie da zu Hause sind, wo sie seyn sollten, kommen von dieser Schwachheit zurück, wenn sie älter, kühler und sittsamer werden. Andre affectiren, zerstreut zu seyn, weil sie glauben, das sähe vornehm oder gelehrt aus; über solche Thoren aber soll man nur die Achseln zucken, und sich wohl hüten, ihre Zerstreutheit geistvoll oder artig zu finden. Es gilt von ihnen, was über diejenigen gesagt worden ist, welche sich körperlich krank stellen, um Interesse zu erwecken. Wessen Gedächtniß aber wirklich schwach, und nicht etwa durch Uebung nach und nach zu stärken ist, dem rathe man, sich alles schriftlich aufzuzeichnen, was er behalten will, und diesen Zettel täglich oder wöchentlich einmal durchzulesen; denn es ist wahrlich nichts verdrießlicher, als wenn uns jemand verspricht, ein Geschäft zu besorgen, an welchem uns gelegen ist, und uns hernach, wenn wir uns auf sein Wort verlassen, mit der Versicherung überrascht, daß er es rein vergessen habe.
Sehr zerstreueten Leuten muß man es übrigens so hoch nicht anrechnen, wenn sie gegen uns zuweilen in Aufmerksamkeit, Höflichkeit, oder was man sonst im geselligen und freundschaftlichen Umgange fordert, unvorsätzlich fehlen.
22.
Es gibt eine Art Menschen, die man wunderliche (difficiles) Leute nennt. Sie sind nicht bösartig, sind nicht immer zänkisch und mürrisch; aber man kann ihnen doch nicht leicht etwas ganz recht machen. Sie haben sich, zum Beispiel, an eine pedantische Ordnung gewöhnt, deren Regel nicht Jeder, so wie sie, im Kopfe hat; und da kann es denn leicht kommen, daß man einen Stuhl in ihrem Zimmer anders hinstellt, als sie es gern sehen (wenn dieß übrigens aus wahrem Ordnungsgeiste herrührt, so habe ich an der Sache selbst nichts auszusetzen); oder sie hängen gewissen Vorurtheilen an, denen man sich unterwerfen muß, wenn man in ihren Augen Werth haben will; zum Beispiel: in Kleidertrachten, in der Art laut oder leise zu reden, groß oder klein zu schreiben und dergleichen. Man sollte wohl sagen, daß ein vernünftiger Mann über solche Kleinigkeiten hinausgehen müßte; unterdessen trifft man doch Männer an, die über andere Gegenstände sehr verständig und billig denken, nur in solchen Punkten nicht; und was wichtiger als das ist, an dieser Männer Gunst kann uns vielleicht sehr viel gelegen seyn. Wenn dies Letztere nun der Fall ist, so rathe ich, in Dingen von geringem Belange, die mit einiger Aufmerksamkeit so leicht zu befolgen sind, sich ihnen gefällig zu zeigen. Andre aber, mit denen wir weiter in keinem Verhältniß stehen, lasse man, in so fern sie übrigens brave Männer sind, bei ihrer Weise, und vergesse nicht, daß wir Alle unsre Schwachheiten haben, die man brüderlich ertragen muß!
Leute, die etwas darin suchen, sich durch ihr Betragen in unwesentlichen Dingen von Andern zu unterscheiden (nicht eigentlich aus Ueberzeugung, daß es besser so sey, als anders, sondern hauptsächlich darum, weil sie etwas darein setzen, das zu thun, was Andre nicht thun), solche Leute nennt man Sonderlinge. Sie sehen es gern, wenn man ihre Weise bemerkt; und ein verständiger Mann muß in seinem Betragen gegen sie wohl überlegen, ob ihr Eigensinn von unschädlicher Art ist, und ob sie Männer sind, die in irgend einer Rücksicht Schonung verdienen, um darnach im Umgange mit ihnen zu verfahren, wie es Vernunft und Duldung fordern.
Was endlich Leute betrifft, die von Launen regiert werden, so daß man ihnen heute der willkommenste Gast, morgen der überlästigste Gesellschafter ist, so rathe ich, — vorausgesetzt, daß diese Launen nicht ihren Grund in geheimen Leiden haben (denn wenn das ist, so habe Mitleiden!) — gar nicht zu thun, als bemerkte man solche Ebben und Fluthen, sondern auf immer gleich-vorsichtigem Fuße mit ihnen umzugehen.
23.
Einfältige Menschen, die ihre Schwäche fühlen, und sich daher willig von vernünftigen Menschen leiten lassen, auch bei ihrem natürlich gutmüthigen, wohlwollenden, sanften Temperamente zwar leicht zum Guten, aber schwer zum Bösen zu bewegen sind, soll man nicht verachten. Es können nicht alle Menschen hohen, erhabnen Geistes-Schwung haben; und die Welt würde auch sehr übel dabei fahren, wenn es also wäre. Es müssen mehr subalterne, als Herrscher-Genies unter den Erdensöhnen seyn, wenn nicht Alle in ewiger Fehde mit einander leben sollen. Daß ein höherer Grad von Tugend, daß Kraft, Muth, Festigkeit, oder feine Beurtheilungskraft, nicht mit Schwäche des Geistes bestehen könne, ist freilich gewiß; allein das gehört ja nicht hieher. Wenn im Ganzen nur das Gute geschieht, und die dummen Menschen zu diesem Guten sich die Hände führen lassen; so füllen sie ihren Platz nützlicher aus, als die überschwenglichen Genies, die Feuerköpfe, mit ihrem sich durchkreuzenden unaufhörlichen Wirken und Streben.
Unerträglich hingegen ist die Prüfung, wenn man es mit einem Stockfische zu thun hat, der sich für einen Halbgott hält, mit einem eiteln, eigensinnigen, mißtrauischen Pinsel, mit einem verzogenen, verzärtelten, vornehmen Herrn, der Länder und Völker zu regieren hat, und leider alles selbst regieren will. Doch soll an seinem Orte gezeigt werden, wie man mit dieser Art Menschen umgehen müsse.
Eine gewisse Gattung gutmüthiger, aber schwacher und plumper Menschen, ist, selbst in der Jugend, schwer zu verfeinern. Die Sprache der Ironie verstehen sie nicht. Ist sie zu fein, so nehmen sie es für baares Geld. Ein ernsthafter Ton greift auch nicht ein, oder beleidigt sie. Warme, gefühlvolle Ermahnungen bleiben gänzlich ohne Wirkung.
Allein man thut oft gewissen Menschen großes Unrecht, welche durchaus unfähig sind, sich zu äussern, entweder weil sie der Sprache nicht mächtig werden, oder sich von einer ihnen durch Erziehung angebildeten Schüchternheit nicht losmachen können, indem man sie für schwach, dumm, gefühllos oder unwissend hält, da sie es doch keinesweges sind, sondern nur so scheinen. Nicht Jeder hat die Gabe, seine Gedanken und Empfindungen an den Tag zu legen, oder er thut es wenigstens nicht auf die Weise, welche uns die rechte scheint; er hat etwas Zurückstoßendes in seinem äusseren Wesen, er verstößt alle Augenblicke gegen die feinere Sitte, oder gegen den Gesellschaftston, an welchen wir uns gewöhnt haben. Er will nicht nach seinen Worten, sondern nach seinem Thun gerichtet seyn, und auch sein Thun ist von der Art, daß man ungerecht über ihn urtheilen würde, wenn man nicht Rücksicht nehmen wollte auf seine Erziehung, seine Lage und auf die Gelegenheit, die er gehabt, oder die ihm gefehlet hat, sich auszuzeichnen. Man überlegt selten, daß der Mensch schon sehr viel Werth hat, der in der Welt nur nichts Böses thut, und daß die Summe dieses negativen Guten zur Wohlfahrt des Ganzen oft mehr beiträgt, als der lange Lebenslauf eines thätigen Mannes, dessen heftige Leidenschaften in unaufhörlichem Kampfe mit seinen großen, edlen Zwecken stehen. Und dann sind Gelehrsamkeit, Kultur und gesunde Vernunft wieder sehr verschiedne Dinge. Es herrscht unter Menschen von einer sogenannten feineren Erziehung und Bildung so viel Convention, daß es schwer ist, Stoff und Gepräge zu unterscheiden, und wir verwechseln nur gar zu leicht die Grundsätze, welche auf diesem Uebereinkommen beruhen, mit den unwandelbaren Vorschriften der reinen Weisheit. Wir sind nun einmal gewöhnt, nach jenem Richtmaße des Herkommens zu urtheilen und zu denken, oder vielmehr Worte ganz unbefangen zu gebrauchen und nachzusprechen, deren zweideutigen Sinn wir Mühe haben würden, einem ganz rohen Wilden zu erklären; und so halten wir denn Denjenigen für einen Geistesarmen, für einen einfältigen Tropf, der das Wörterbuch der Höflichkeitssprache nicht auswendig weiß, und daher redet, weß das Herz voll ist, also ganz ungeschmückt und unumwunden, aber dabei ganz im Geiste des gesunden Menschenverstandes. Daher wird man nicht selten durch die Urtheile gemeiner Leute, die freilich dem sogenannten Kenner sehr abgeschmackt vorkommen würden, sehr angenehm überrascht, und aus dem Zauber einer falschen, erzwungenen Täuschung gerissen, so daß auf einmal auch in uns der Sinn für wahre, ächte Natur wieder erwacht! Wie oft habe ich im Schauspielhause erst das nüchterne Urtheil der Gallerie erwartet; habe erwartet, was für Eindruck eine Scene auf das unbestochene Volk, das wir Pöbel nennen, machen, — habe erwartet, ob ein rührender Auftritt allgemeine Stille, oder lautes Gelächter verbreiten würde, um mich zu bestimmen in meinem Urtheil, wie treu der Schriftsteller und Schauspieler die Natur kopiert, oder ob er sie verfehlt oder erreicht habe. Auf den Gebildeten wirkt die Illusion, weil er von Jugend auf in einer Welt voll Täuschungen wandelte; jene aber leben und weben in der Natur und im Reiche der ungeschmückten Wahrheit. Groß ist der Künstler, der durch das Spiel seiner Phantasie, durch seine, die Natur auf's treueste nachahmende Darstellung, auch unkultivirte Menschen vergessen machen kann, daß sie getäuscht werden. Groß ist ferner der Mann, der den Sinn für ungeschminkte Wahrheit nicht in dem Meere von Neben-Ideen, Vorurtheilen und Conventionen ersäuft hat. Aber wie selten trifft man Kunst und Wahrheits-Sinn, Kultur und Einfalt, im schönen Einklange an! — Lasset uns also Den nicht verachten, der den bessern Theil auf Kosten des schlechtern gerettet hat, und lasset uns ihn ja nicht aufklären, sondern lieber bei solchen Einfältigen in die Schule gehn!
Gutmüthige, und dabei schwache Menschen sind fast als Unmündige zu betrachten, welche der Vormundschaft aller Verständigen und Guten übergeben sind. Man soll ihnen nicht den Beistand versagen, den sie unaufhörlich bedürfen, — soll, wenn man kann, edle Freunde um sie her zu versammeln suchen, von denen sie nicht gemißbraucht, sondern zu Handlungen bestimmt und gelenkt werden, die eines wohlwollenden Herzens würdig sind. Es gibt Personen, die nichts abschlagen können, wenigstens nicht mündlich; und da geschieht es dann, daß, um niemand zu kränken, oder damit man nicht glaube, daß es ihnen an gutem Willen fehle, sie mehr versprechen, als sie leisten können; mehr hingeben, mehr Arbeit für Andre übernehmen, als sie vernünftiger Weise thun sollten. Andre sind so leichtgläubig, daß sie Jedem trauen, sich Jedem hingeben und aufopfern, Jeden für einen treuen Freund halten, der die Aussenseite des ehrlichen, menschenliebenden Mannes trägt. Noch Andre sind nicht im Stande, für sich etwas zu erbitten, sollten sie auch darüber nichts in der Welt von demjenigen erlangen, worauf sie die billigsten Ansprüche machen dürfen. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie sehr alle diese Schwachen gemißhandelt oder wenigstens vernachlässigt werden; wie man auf die Gutherzigkeit und Dienstfertigkeit der Erstern losstürmt, und wie den Andern die Unverschämtheit alles vor dem Munde wegnimmt, weil sie nicht den Muth haben, zuzugreifen oder ihre Ansprüche geltend zu machen. Mißbrauche keines Menschen Schwäche! Erschleiche von Keinem Vortheile, Geschenke, Verwendung von Kräften, die Du nicht nach den Regeln der strengsten Gerechtigkeit, ohne ihm Verlegenheit und Last aufzuladen, von ihm fordern darfst; suche auch zu verhindern, daß Andre dergleichen thun; mache dem Blöden Muth! Verwende Dich, rede für ihn, wenn seine Schüchternheit ihn abhält, sein eigener Fürsprecher zu seyn!
Manche Leute haben die Schwachheit, mit ganzer Seele gewissen Liebhabereien nachzuhängen. Sey es nun irgend eine noble Passion: Jagd, Pferde, Hunde, Katzen, Tanz, Musik, Malerei, oder die Wuth, Kupferstiche, Naturalien, Schmetterlinge, Petschafte, Pfeifenköpfe und dergleichen zu sammeln, oder Bau-Geist, Garten-Anlage, Kinder-Erziehung, Mäcenatenschaft, physikalische Versuche — oder was für ein Steckenpferd sie auch reiten: so dreht sich doch der ganze Kreis ihrer Gedanken immer um diesen Punkt herum; sie reden von keiner Sache so gern, wie von diesem ihrem Lieblings-Gegenstande; jedes Gespräch wissen sie dahin zu lenken. Sie vergessen dann, daß der Mann, welchen sie vor sich haben, vielleicht von keinem Dinge in der Welt weniger versteht, als von diesem, verlangen aber auch dagegen nicht gerade, daß er mit großer Kenntniß davon rede, wenn er nur die Geduld hat, ihnen zuzuhören; wenn er ihre Herrlichkeiten nur mit Aufmerksamkeit betrachtet, nur bewundert, was sie ihm als die größte Seltenheit empfehlen, und Interesse daran zu nehmen scheint. Nun, wer wird denn wohl so hartherzig seyn, diese kleine Freude einem Manne, der übrigens redlich und verständig ist, zu versagen oder zu verkümmern! Vorzüglich empfehle ich Aufmerksamkeit auf die — doch wie sich's versteht, unschuldigen — Liebhabereien der Großen, an deren Gunst uns gelegen ist; denn, wie Tristram Shandy anmerkt, so wird ein Hieb, welchen man dem Steckenpferde gibt, schmerzlicher empfunden, als ein Schlag, den der Reiter selbst empfängt.
24.
Mit muntern, aufgeweckten Leuten, die von ächtem Humor beseelt werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage: sie müssen von ächtem Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muß aus dem Herzen kommen, muß nicht erzwungen, muß nicht eitle Spaßmacherei, nicht Haschen nach Witz seyn. Wer noch von ganzem Herzen lachen, sich den Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann: der ist kein ganz böser Mensch. Tücke und Bosheit machen zerstreut, ernsthaft, nachdenkend, verschlossen; mais un homme, qui rit, ne sera jamais dangereux. Daraus folgt indessen nicht, daß Jeder, der nicht von fröhlicher Gemüthsart ist, und in der Gesellschaft einsylbig und zurückhaltend an dem Gespräche Theil nimmt, deswegen etwas Böses im Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüths hängt vom Temperamente, so wie von der Gesundheit und von innern und äussern Verhältnissen ab. Aechte muntre Laune aber pflegt ansteckend zu seyn, und diese Epidemie hat etwas so Wohlthätiges; es ist ein so wahres Seelen-Glück, einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, daß ich dringend anrathe, sich zur Munterkeit anzufeuern, oder anfeuern zu lassen, und wenigstens ein Paar Stunden in der Woche auf diese Weise der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen.
Allein es ist schwer, in lustiger Stimmung, und wenn man dem Witze den Zügel schießen läßt, nicht in einen satyrischen Ton zu fallen. Was gibt uns reichern Stoff zum Lachen, als das unzählige Heer von Thorheiten der Menschen? Und diese Thorheiten treten am lebhaftesten vor unsre Augen, wenn wir uns die Originale dazu denken, in welchen sie wohnen. Lachen wir nun über die Narrheit, so ist es fast unvermeidlich, auch über den Narren mit zu lachen, und da kann dann dies Lachen sehr ernsthafte, verdrießliche Folgen haben. Wenn ferner unsre Spöttereien Beifall finden, so werden wir verleitet, unsern Witz immer feiner zuzuspitzen, und Andre, denen es ausserdem vielleicht an Stoff zu munterer Unterhaltung fehlen würde, schärfen, durch unser Beispiel verführt, ihre Aufmerksamkeit auf die Mängel ihrer Nebenmenschen: und wohin das führen, welche böse Folgen es haben, und wie leicht es Streit erregen, das Vergnügen zerstören, Feindschaft erwecken könne, das ist theils bekannt genug, theils habe ich darüber schon etwas im ersten Kapitel gesagt. Ich halte es daher für Pflicht, im Umgange mit sehr satyrischen Leuten auf seiner Hut zu seyn. Nicht, daß man sich persönlich vor ihrer spitzen Zunge oder Feder fürchten müßte, denn das zeigt wirklich den höchsten Grad von innerm Bewußtseyn eigener Erbärmlichkeit an; sondern daß man nicht durch sie verführt werde, mit zu lästern; daß man sich und Andern dadurch nicht schade, und daß der Geist der Duldung nicht von uns weiche. Man bezeige daher satyrischen Leuten keinen zu lauten Beifall, bestärke sie nicht in der Gewohnheit, ihren Witz auf andrer Menschen Unkosten spielen zu lassen, und lache nicht mit, wenn sie lästern und schmähen.
Ich sage: man hat gar nicht Ursache, satyrische Leute eigentlich zu fürchten; denn sind sie übrigens edle Männer, so werden sie, wenn sie auch über Thorheiten lachen und spotten, doch den Charakter des redlichen Mannes schonen. Sind sie aber boshafte Spötter, so werden sie sich mehr, als Andern, schaden. — An den Mann von Würde wagt sich denn auch nicht leicht ein Solcher, wenigstens nicht zum zweiten Mal.
25.
Trunkenbolde, grobe Wollüstlinge und alle andre Arten von lasterhaften Menschen soll man freilich fliehn, und ihren Umgang, wenn man kann, vermeiden; ist dieß aber durchaus unmöglich, so bedarf es wohl keiner Erinnerung, daß man sich hüten müsse, von ihnen angesteckt, verblendet oder verführt zu werden. Allein das ist nicht genug. Es ist Pflicht, ihren Ausschweifungen, möchten sie solche auch in das gefälligste Gewand hüllen, nicht nachzusehen, sie nicht zu entschuldigen, sondern vielmehr, wo es mit Klugheit geschehen kann, einen erklärten Abscheu dagegen zu zeigen; es ist Pflicht, und recht heilige Pflicht, an unzüchtigen, schmutzigen Gesprächen niemals, und auf keinerlei Art beifälligen Antheil zu nehmen. Man sieht in der großen Welt die sogenannten agréables débauchés mehrentheils die glänzendste Rolle spielen, und in manchen, besonders männlichen Cirkeln, die Unterhaltung auf Zoten und Zweideutigkeiten hinausgehen, wodurch die Phantasie junger Leute erhitzt, mit schlüpfrigen Bildern erfüllt, und die schamloseste Unsittlichkeit weiter ausgebreitet wird. Zu diesem allgemeinen Verderbnisse der Sitten, zur Verspottung, vielleicht gar zur Verachtung der Keuschheit, Nüchternheit, Mäßigkeit und Schamhaftigkeit, darf kein redlicher Mann auch nur das Mindeste beitragen. Er muß vielmehr, so viel an ihm ist, ohne Ansehn der Person, sein Mißfallen daran bestimmt zu erkennen geben, und, wenn er es vergebens versucht hat, Menschen, die auf dem Wege des Lasters wandeln, durch freundschaftliche Warnung und Hinlenkung ihrer Thätigkeit auf würdigere Gegenstände, zu bessern, ihnen wenigstens zeigen, daß er den Sinn für Reinigkeit und Tugend nicht verloren habe, und daß in seiner Gegenwart die Unschuld respektirt werden müsse.
26.
Einen ganz eignen Abschnitt verdienen die Enthusiasten, überspannten, romanhaften Menschen, Kraft-Genies und excentrischen Leute. Sie leben und weben in einer Atmosphäre von Phantasien, wie ein Fisch im nassen Elemente, und sind geschworne Feinde der kalten Ueberlegung. Mode-Lectüre, Romane, Schauspiele, geheime Verbindungen, Mangel an gründlichen wissenschaftlichen Kenntnissen, und Müßiggang, stimmen einen großen Theil unsrer heutigen Jugend auf diesen Ton; man trifft aber auch Schwärmer mit grauen Köpfen an. Sie streben ohne Unterlaß nach dem Ausserordentlichen und Uebernatürlichen; verachten das nahe liegende Gute, um nach fernen Erscheinungen zu greifen; versäumen das Nöthige und Nützliche, um Plane für das Entbehrliche zu machen; legen die Hände in den Schooß, wo es Pflicht wäre, zu wirken, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts angehen; reformiren die Welt, und vernachlässigen ihre häuslichen Geschäfte; finden das Wichtigste zu klein, und das Abgeschmackteste erhaben; haben eine entschiedene Abneigung gegen alles Deutliche, Verständige und Klare, und predigen das Unbegreifliche. Vergebens stellst Du ihnen die Gründe der gesunden Vernunft entgegen, und bittest sie, zu prüfen; sie werden Dich als einen gemeinen Menschen, ohne Gefühl, ohne Sinn für das Große, verachten, Mitleiden mit Deiner Weisheit zeigen, und sich lieber an ein Paar andre Narren von ähnlichem Schwunge anschließen, die in ihren Unsinn einstimmen. Ist Dir's also darum zu thun, einen solchen Schwärmer zu überzeugen, oder auch nur einen wirksamen Einfluß auf ihn zu erhalten: so müssen Deine Gespräche warm und feurig seyn, und Du mußt mit eben so viel Enthusiasmus der gesunden Vernunft das Wort reden, womit er die Sache seiner Thorheit verficht. Selten aber richtet man überhaupt etwas mit solchen Menschen aus, und es ist am besten gethan, der Zeit ihre Heilung zu überlassen. Indessen steckt zum Unglücke Schwärmerei an, wie der Schnupfen. Wer daher eine sehr lebhafte Einbildungskraft hat, und nicht ganz sicher von der Herrschaft seines Verstandes über dieselbe ist, dem rathe ich, im Umgange mit Enthusiasten jeder Gattung auf seiner Hut zu seyn. Unsere Zeit hat ein unglückseliges Wohlgefallen an religiöser, theosophischer und mystischer Schwärmerei, und bringt Manches zu Ehren, was zum Heil der Welt eine bessere Zeit verlacht und in den Staub geworfen hatte. So hört man z. B. jetzt einen Jakob Böhme rühmen und preisen, und alle die alten Kirchengesänge, welche in jeder Zeile eine Sünde gegen den guten Geschmack und gegen das gesunde Gefühl begehen, als Meisterstücke der Dichtkunst laut erheben, hört junge Mädchen, schon lange vor der Periode, in welcher sie von Rechtswegen in die Reihe der Betschwestern treten dürfen, gar andächtig singen, was sie bei gesundem Urtheil und Gefühl zum Lächeln reizen müßte, und dergleichen Erscheinungen mehr, welche beweisen, wie behaglich es dem Menschen in seiner Schwachheit ist, von einem Extrem auf das andere überzuspringen. Ich mag nicht entscheiden, welche von diesen Gattungen der Schwärmerei die gefährlichste ist, halte aber doch dafür, diejenigen, welche auf politische, halbphantastische, halbjesuitische Plane und auf Welt-Reformation hinausgehen, gehören wohl wenigstens nicht zu den unschädlichsten Donquixoterien; ich glaube dieß um so fester, da gerade diese Art von Schwärmer-Systemen am mehrsten Verwirrung im Staate anrichten kann, und die blendendste Aussenseite zu haben pflegt, statt daß die übrigen bald Langeweile machen, und nur schiefe und mittelmäßige Köpfe anhaltend beschäftigen. Man gewöhne sich daher, im Umgange mit den Aposteln solcher Systeme, die jedem Biedermanne sonst so theuren Ausdrücke: Glück der Welt, Freiheit, Gleichheit, Rechte der Menschheit, Religiosität, Christenthum, Glaube und dergleichen, für nichts anders, als für Lockspeise, oder höchstens für gutgemeinte leere Worte zu nehmen, mit denen diese Leute spielen, wie die Schulknaben mit den oratorischen Figuren und Tropen, welche sie in ihren magern Exercitien anbringen müssen.
Kraft-Genies und excentrische Leute lasse man laufen, so lange sie sich noch nicht gänzlich zum Einsperren qualificiren. Die Erde ist so groß, daß eine Menge Narren neben einander Platz darauf hat.
27.
Jetzt noch ein Wort von Andächtlern, Frömmlern, Heuchlern und abergläubischen Leuten, welche mit den eben beschriebenen nur darin Eine Klasse ausmachen, daß sie eine Freude an der Uebertreibung, und eine Scheu vor dem Vernünftigen haben.
Wem es mit seinen Empfindungen für die Religion, mit seiner Wärme für Gottes-Liebe, Gottes-Furcht und Gottes-Verehrung, und mit seiner Anhänglichkeit an die gottesdienstlichen Gebräuche der Kirche, zu welcher er sich in seinem Herzen bekennt, ein aufrichtiger Ernst ist: der hat die gegründetsten Ansprüche auf unsre Achtung. Sollte er auch das Wesen der Religion, mehr als wir für gut halten, in bloßes Gefühl, ohne allen Gebrauch seiner ihm von Gott verliehenen Leiterin, der Vernunft, setzen: — sollte auch, unsrer Meinung nach, eine erhitzte Phantasie sich in seine religiöse Empfindungen mischen: — sollte er auch eine zu große Anhänglichkeit für gewisse Ceremonien, Gebräuche und Systeme haben: so verdient er, wenn er übrigens ein redlicher Mann, ein praktischer Christ ist, Duldung, Schonung und Bruderliebe. Allein um desto verachtungswürdiger ist ein Heuchler und Kopfhänger, ein gleisnerischer Bösewicht, der hinter der Larve der Heiligkeit, Sanftmuth und Religiosität den wollüstigen Verführer, den tückischen Verläumder, Aufrührer, Anhetzer, rachgierigen Bösewicht, oder den fanatischen Verfolger versteckt. Beide Arten von Leuten sind aber nicht schwer zu unterscheiden. Der fromme Edle ist gerade, offen, still und heiter, nicht übertrieben höflich, nicht übertrieben zuvorkommend, noch übertrieben demüthig, aber liebevoll, einfach und zutraulich in seinem Betragen. Er ist nachsichtig, milde und duldend, redet auch nicht viel, ausser mit vertrauten Freunden, über religiöse Gegenstände; der Heuchler hingegen pflegt süß, kriechend, schmeichelnd, immer auf seiner Hut, ein Sclave der Großen, ein Anhänger der herrschenden Parthei, ein Freund der Glücklichen, nie ein Vertheidiger der Verlassenen zu seyn. Er führt Rechtschaffenheit und Religion ohne Unterlaß im Munde, gibt seine reichen Almosen, und erfüllt seine christlichen Liebespflichten mit Geräusch und Aufsehen, tobt und schäumt über den Gottlosen und Lasterhaften, oder entschuldigt fremde Fehler auf solche Weise, daß sie dadurch tausendfältig vergrößert scheinen. Hüte Dich, diesem auf irgend eine Weise in die Hände zu fallen; fliehe ihn; tritt ihm nicht auf den Fuß; beleidige ihn nicht, wenn Dir Deine Ruhe lieb ist!
Abergläubische Leute, die Ammen-Mährchen, Gespenster-Histörchen und dergleichen lieben, und mit großer Ernsthaftigkeit erzählen, sind nicht durch Gründe der Philosophie und durch vernünftige Vorstellungen und Zweifel von ihrem Wahne zu befreien, am wenigsten aber durch Declamationen, Verspottung und Ereiferung. Es ist da kein anderes Mittel, als, ihnen nicht eher zu widersprechen, bis man zugleich eine einzelne Thatsache strenge und kaltblütig untersuchen, und sie mit eignen Augen von dem Betruge oder Ungrunde überzeugen kann, obgleich es wahrlich unbillig ist, daß man Dem, welcher eine übernatürliche Erscheinung behauptet, den Beweis erläßt, und ihn Demjenigen auflegt, der die Rechte der Vernunft vertheidigt.
28.
Nicht toleranter, als die Frömmler, pflegen ihre Gegenfüßler, die Deisten, Freigeister und Religions-Spötter von gemeiner Art zu seyn. Ein Mann, der unglücklich genug ist, sich von der Wahrheit, Heiligkeit und Nothwendigkeit der christlichen Religion nicht überzeugen zu können, verdient Mitleiden, weil er einen sehr wesentlichen Vorzug, einen kräftigen Trost im Leben und Sterben entbehrt; er verdient mehr, als Mitleiden, er verdient Liebe und Achtung, wenn er dabei seine Pflichten als Mensch und Bürger, so viel an ihm ist, treulich erfüllt, und niemand in seinem Glauben irre macht. Wenn aber die Religionsspötterei in einem lasterhaften Herzen, in der Sucht, durch Witz und Scharfsinn zu glänzen, und in einem wahnsinnigen Dünkel eigener Weisheit und Untrüglichkeit ihre Quelle hat, und darauf ausgeht, Proselyten zu machen, wenn sie öffentlich mit schaalem Witze, oder nachgebeteten voltairischen Floskeln, der Lehren spottet, auf welche andre Menschen ihre einzige Hoffnung, ihre zeitliche und ewige Glückseligkeit bauen; wenn der Religionsverächter verachtet, verleumdet und schimpft, und Jeden einen Heuchler oder heimlichen Jesuiten schilt, der nicht wie er denkt: so ist ein solcher bösartiger Thor unsrer Verachtung werth, ist werth, daß man ihm diese Verachtung zeige, wäre er auch ein noch so vornehmer Mann; und wenn man es für vergebliche Mühe hält, seinem Gewäsche ernsthafte Gründe entgegenzusetzen: so bringe man ihn wenigstens durch ernsthafte Bekämpfung zum Schweigen!
29.
Ueber die Art, wie man schwermüthige, tolle und rasende Menschen behandeln müsse, sollte billig ein philosophischer Arzt ein eignes Werk schreiben. Dieser Mann müßte Leute von der Art in und ausser den Hospitälern aufsuchen, dieselben genau und in verschiednen Jahrszeiten und Mondsveränderungen beobachten, und aus den Resultaten dieser Untersuchungen ein ganzes System ausarbeiten. Mir fehlt es an der Menge von Thatsachen, so wie an medicinischen Kenntnissen dazu, und hier würde eine weitläuftige Abhandlung über diesen Gegenstand auch zu viel Raum wegnehmen, da ich schon so manches Blatt mit Bemerkungen über den Umgang mit nicht eingesperrten Narren angefüllet habe. Also nur noch wenig Zeilen darüber!
Der wichtigste Punkt scheint bei solchen Kranken anfangs der zu seyn, daß man die erste Quelle ihres Uebels aufsuche, daß man ausmittle, ob und wie dieselben, entweder durch Zerrüttung einzelner Organe, oder durch Gemüthsleiden, heftige Leidenschaften, oder Unglücksfälle, entstanden seyn. Zu diesem Endzwecke muß man Acht geben, womit sich ihre Phantasie in den Augenblicken der Raserei oder Verwirrung, und ausser denselben, beschäftige, worüber ihre Einbildungskraft brüte. Da würde sich's denn zeigen, daß man, um diese Unglücklichen nach und nach zu heilen, mehrentheils nur auf einen einzigen Punkt zu wirken, in ihnen auf vorsichtige Weise nur eine einzige herrschende Grille zu zerstören oder zu modificiren brauchte. Ferner würde es wichtig seyn, darauf Acht zu geben, welche Art von Wetter-Veränderung, Jahreszeit und Monds-Wandlung Einfluß auf ihre Krankheit habe, um die glücklichen Augenblicke zur Behandlung und Leitung zu nützen. Endlich habe ich bemerkt, daß das Einsperren, und jede harte Verfahrungsart fast immer das Uebel ärger macht. Ich muß bei dieser Gelegenheit mit wahrem, aufrichtigem Lobe der Einrichtung Erwähnung thun, welche im Irrenhause in Frankfurt am Mayn herrscht, und welche ich vielfältig zu beobachten Gelegenheit gefunden habe. Man läßt dort die Wahnsinnigen, wenn es nur irgend ohne Gefahr geschehen kann, wenigstens in den Jahrszeiten, von welchen man weiß, daß alsdann ihre Tollheit weniger heftig ist, unter unmerklicher Beobachtung frei im Hause und Garten herumgehen; und der Zuchtmeister verfährt so sanft und liebreich mit ihnen, daß viele derselben nach einigen Jahren völlig geheilt wieder herauskommen, und eine größere Anzahl höchstens nur melancholisch bleibt, und allerlei Handarbeiten zu verrichten im Stande ist, indeß diese Menschen in manchen andern Hospitälern durch Einsperren und Härte vielleicht im höchsten Grade wüthend geworden seyn würden.
Man kann aber auch schwache Menschen stufenweise um ihren Verstand bringen, wenn man eine heftige Leidenschaft, von welcher sie regiert werden, sey es Liebe, Hochmuth oder Eitelkeit, nährt, reizt und dann wieder kränkt. Zwei solcher elenden Geschöpfe erinnere ich mich gesehen zu haben. Der eine trug ein Hofnarren-Kleid an dem Hofe des Fürsten von ***. Er war in der Jugend ein Mensch von feinem Kopfe, guten Anlagen und voll Witz gewesen; noch loderten davon in ruhigen Augenblicken Flammen hervor. Er hatte studiren sollen, aber nichts gelernt, sondern sich einem lüderlichen Leben überlassen. Als er darauf in sein Vaterstädtchen zurückkam, behandelte man ihn als einen unwissenden Müssiggänger, und er selbst fühlte, daß er weiter nichts war. Er hatte aber einen ungeheuren Hochmuth, und war nicht gänzlich arm. Von seiner Familie und den Leuten seines Standes verstoßen, fing er nun an, mit den Hofofficianten des Fürsten von *** sich herumzutreiben. Seine lustigen Einfälle zogen sogar die Aufmerksamkeit dieses sehr muntern Herrn auf ihn. Er wurde bald vertraut mit demselben und mit dem ganzen Hofe, wodurch anfangs seine Eitelkeit gekitzelt wurde; doch endigte sich das natürlicher Weise damit, daß man ihn mißbrauchte, und als einen privilegirten Spaßmacher betrachtete. Dieß war indessen immer noch eine Art von Existenz, die ihm behagte, so lange die Sache in gewissen Schranken blieb, und es ihm erlaubt war, auf vertraulichem Fuße mit vornehmen Leuten umzugehen, und ihnen zuweilen derbe Wahrheiten zu sagen. Weil diese aber sich nicht umsonst so weit herablassen wollten, auch nicht zu aller Zeit gleich gut aufgelegt waren, seinen Witz, der zuweilen in das Grobe fiel, anzunehmen: so erfuhr er Demüthigungen aller Art, bekam zuweilen Schläge, und konnte doch nun nicht mehr zurück, indem ihm seine Verwandten und Bekannten in der Stadt mit äusserster Verachtung begegneten, und sein kleines Vermögen geschmolzen war. — Und so sank er denn immer tiefer. Er wurde gänzlich abhängig vom Hofe; der Fürst ließ ihm eine buntschäckigte Kleidung machen, und es war kein Küchenjunge im Schlosse, der nicht das Recht zu haben glaubte, einen Spaß von ihm zu begehren, oder ihm für einen Schoppen Wein einen Nasenstüber zu geben. Aus Verzweiflung berauschte er sich nun täglich; und war er ja einmal nüchtern, so nagten die Vorstellungen seiner fürchterlichen Lage, das Gefühl der unedlen Rolle, welche er spielte, die Anstrengung, neue Spässe zu erfinden, um nicht auf immer verstoßen zu werden, und sein aufwachender Hochmuth an seiner Seele, indeß er seinen Körper durch Ausschweifungen zerrüttete. Er wurde wirklich ein Narr, und einmal so rasend, daß man ihn ein halbes Jahr hindurch an der Kette verwahren mußte. Als ich ihn sahe, war er ein alter Mann, trieb sich in einem armseligen Zustande umher, wurde als ein verrückter Mensch angesehen, war aber mehr ein Gegenstand des Widerwillens, als des Mitleidens, und hatte doch noch helle Augenblicke, in welchen er ungewöhnlichen Scharfsinn, Witz und Genie verrieth, auch, wenn er einen halben Gulden erbetteln wollte, auf eine feine Weise zu schmeicheln, und mit so schlauer Menschenkenntniß die schwachen Seiten der Leute zu fassen verstand, daß ich nicht wußte, ob ich nicht mehr über die Leute, die ihn so tief hinabgestoßen hatten, als über seine Verirrungen seufzen sollte.
Der andre Mensch, von welchem ich reden wollte, war einst Verwalter auf einem adelichen Gute gewesen, nachher aber auf Pension gesetzt worden. Da nun solchergestalt die Herrschaft nichts mit ihm anzufangen wußte, trieb sie ihren Spaß mit ihm, indem er sehr dumm und zugleich hochmüthig und verliebt war. Sie nannten ihn Fürst, gaben ihm einen Orden, ließen erdichtete Briefe von hohen Potentaten an ihn schreiben, in welchen ihm entdeckt wurde, daß er eigentlich aus einem großen Hause abstamme, aber in seiner Jugend entführt worden sey; daß der Großsultan, welcher unrechtmäßiger Weise seine Länder besäße, ihm nach dem Leben trachtete; daß eine griechische oder hebräische Prinzessinn in ihn verliebt sey, und dergleichen mehr. Es mußten lustige Freunde, als Gesandte verkleidet, in Unterhandlungen mit ihm treten; — und kurz! nach wenig Jahren brachte man es dahin, daß der arme Tropf wirklich verrückt wurde, und diese Thorheiten glaubte.
Ich enthalte mich aller Anmerkungen über diese beiden Geschichten; der Leser wird sie ohne meine Anweisung machen können.
Nachtrag des Herausgebers [3].
Es ist hier der Ort, eines Geschlechts zu gedenken, welches sich leider seit einiger Zeit so vermehrt und verbreitet hat, daß ein zweiter Linné nöthig wäre, um es nach allen seinen Gattungen und Arten zu klassificiren, nämlich die Finsterlinge. Ich will nur drei Hauptarten beschreiben.
Den ersten Platz nimmt, wie billig, die Klasse der theologischen Finsterlinge ein. Dieß ist eine alte Rasse, die vor einiger Zeit fast im Aussterben begriffen schien, aber seit Kurzem sich dermaßen besaamt hat, daß man sie jetzt überall wieder antrifft. Sie schimpft noch immer auf die Vernunft, als die Wurzel alles Uebels, und verdammt daher jeden Rationalisten als einen Naturalisten und Atheisten. Um sich durch den weltlichen Arm zu verstärken, da sie ihre innere Schwäche wohl fühlt, flüstert sie den Gewalthabern in's Ohr, daß sie ihr Ansehen nicht behaupten könnten, wenn sie nicht die Forderung des blinden Glaubens mit aller Macht unterstützten. Das Feldgeschrei der Finsterlinge ist daher: »machet die Augen zu, daß euch die Sonne nicht blende.« — An diese Klasse schließt sich sehr natürlich die der politischen Finsterlinge. Sie lacht zwar insgeheim über jene, da sie wohl merkt, daß die Finsterlinge nur durch sie herrschen wollen; aber da sie aus Erfahrung weiß, daß der weltliche Arm doch zuletzt über den geistlichen siegt, so nimmt sie die Empfehlung des blinden Glaubens utiliter an, um damit die Forderung des blinden Gehorsams zu unterstützen. Die politischen Finsterlinge behaupten demnach, daß, wie nach dem Emanazionssysteme der morgenländischen Weltweisen alle Dinge von Gott ausgeflossen seyen, so auch die fürstliche Gewalt unmittelbar von der göttlichen abstamme: daß sonach die Fürsten, wie Gott, lauter Rechte ohne Pflichten, die Völker hingegen lauter Pflichten ohne Rechte haben; daß eben darum von Verträgen zwischen Fürsten und Völkern, und von Verfassungen, wodurch die Ausübung der fürstlichen Gewalt gesetzlich zu bestimmen sey, gar nicht die Rede seyn dürfe. Wie nun der ersten Klasse das Wort Vernunft ein Gräuel ist, so der zweiten das Wort Freiheit; denn Freiheit, meint sie, sey nur das Losungswort der Rebellen gegen die Fürsten, wie Vernunft das Losungswort der Rebellen gegen die Gottheit. Auch hat sie eine Menge von Geschichten bei der Hand, woraus erhellen soll, daß die Freiheit überall in zügellose Frechheit ausarte (besonders die Preßfreiheit), und Revolutionen erzeuge, wenn man sie nur im mindesten gewähren lasse. Das Feldgeschrei dieser Klasse ist daher: »laßt euch an Ketten legen, damit ihr nicht auf die Nase fallet.«
Die dritte Klasse kann man die ästhetisch-philosophischen Finsterlinge nennen. Diese ziehen gegen den Verstand zu Felde, und halten es bloß mit dem Gefühle. Jener, sagen sie, kann sich nur in prosaischer Nüchternheit aussprechen, und tummelt sich auf dem Gebiete hohler Begriffe herum, dieses aber hebt den Menschen in poetischer Trunkenheit bis zur unmittelbaren Anschauung des Absoluten selbst. Daher reden sie in lauter Bildern, Orakeln und Hieroglyphen, die sie selbst nicht verstehen, und finden es ganz unausstehlich, wenn jemand es wagt, über irgend einen Gegenstand der Wissenschaft oder Kunst ein klares, bestimmtes und verständliches Wort zu sprechen. Alles ist ihnen Eins: Philosophie und Poesie, Kunst und Religion, Staat und Kirche, Thier und Pflanze, Organisches und Unorganisches, Endliches und Unendliches; denn alles schauen sie in mystischer Verzuckung mit einem und demselben Gefühle der Sehnsucht und Liebe an. »Fühlt, fühlt, fühlt! ist daher ihr Wahlspruch, und solltet ihr auch den Verstand darüber verlieren!«
Was wollen denn nun aber alle diese Finsterlinge? Wollen sie sich in ihrer Blindheit gegen den gewaltigen Strom des geistigen Lebens stemmen, und bewirken, daß er rückwärts wieder dahin fließe, wovon er ausgegangen ist? Die ohnmächtigen Thoren! Der Strom wird unaufhaltsam nach ewigen Gesetzen fortfließen, und sie, selbst wider ihren Willen, mit sich fortreißen, oder — verschlingen.
So weit der Verf. im Freimüthigen. Es frägt sich: wie man diese Finsterlinge im gesellschaftlichen Umgange behandeln, und wie man sie bekämpfen und ihnen entgegen wirken solle. Daß ein großes Verdienst hiebei zu erwerben sey, darf wohl nicht erst gesagt werden; eben so wenig, daß große Unbefangenheit, Festigkeit und Freimüthigkeit, auch ein wenig Witz und Scharfsinn dazu gehöre, um sie zum Schweigen zu bringen, oder wenigstens unangesteckt zu bleiben. Menschen dieser Art mögen gern durch einen entscheidenden und vornehmen Ton imponiren und abschrecken; sie mögen sich nicht gern auf Gründe einlassen; sie haben allerlei Kunstgriffe, wodurch sie dem, der sie mit Gründen und mit kalter Fassung bekämpft, auszuweichen suchen, oder ihn wo möglich in Verdacht bringen; sie wissen sich das Ansehen des lebendigsten Eifers für die Wahrheit zu geben. Durch das alles suchen sie sich ein Uebergewicht zu verschaffen. Bei dem weiblichen Geschlecht sind sie wohl angesehen, weil sie seinem Hange zum Schwärmen Nahrung geben, und es im Helldunkel umherführen. Man wird sie am glücklichsten bekämpfen, wenn man ihnen eine kalte Besonnenheit und Ruhe entgegensetzt, sie bei dunklen Redensarten und mystischen Kunstgriffen fest hält, und sich Erläuterung ausbittet, als wolle man sich von ihnen belehren, und in ihre Weisheit einweihen lassen; wenn man ihnen allerlei Fragen vorlegt, durch welche sie genöthigt sind, sich näher zu erklären; wenn man sie mit Zweifeln bestürmt, und aus ihren Behauptungen Folgerungen zieht, deren Widersinnigkeit einleuchtet; wenn man solchen Namen, die sie als unverwerfliche Autoritäten anführen, eben so berühmte entgegenstellt, die das Recht der Vernunft, zu prüfen und zu forschen, dargethan und vertheidigt haben; wenn man ihnen besonders den Stifter des Christenthums, und die Reformatoren, als solche in's Gedächtniß bringt, die ihren Zeitgenossen das Licht der Vernunft leuchten ließen, und sie durch ihre ganze Lehrweise ermunterten und nöthigten, ihre Vernunft zu gebrauchen, dem Alten, wenn es die Prüfung nicht aushielt, zu entsagen, und das Neue, weil es besser begründet war, dafür anzunehmen. Man erinnere sie an die Scheiterhaufen, welche die Zeit der Finsterniß gebaut, und an die Religionskriege, die sie entzündet hat, und frage sie, ob sie im Ernst wünschen könnten, diese Zeiten mit ihrem blinden Glauben und ihrer Verketzerungssucht wiederkehren zu sehen. Wer die Vernunft verdächtig macht (so erkläre man sich männlich gegen sie), der kündigt aller Wissenschaft und aller wahren Bildung den Krieg an, und zerstört alle Freiheit, allen Gedanken-Verkehr, und allen wahren Geistesgenuß; der verwandelt die Schulen in Blinden-Anstalten, die Hörsäle in Zuchthäuser, die Kirchen in Schauspielhäuser, die Herrschaft in Sclaverei; der erklärt, daß er auf den Vorzug, selbst zu denken, Verzicht leiste, und bei gesunden Augen und gesunden Füßen sich lebenslang als einen Blinden wolle führen lassen.
Nichts dürfte in unsern Tagen schwerer seyn, als bei guter Vernunft und wahrer Unbefangenheit des Geistes zu bleiben, denn es wird immer mehr herrschender Ton, das Begreifliche zu verwerfen, und das Unbegreifliche als die höchste Weisheit zu rühmen und zu preisen, das Alte zu bewundern, zu erheben und zu loben, müßte es auch mit Verleugnung alles guten Geschmacks und aller gesunden Vernunft geschehen; und den Gefühlen die Entscheidung zu überlassen, müßte auch darüber alle Lebensweisheit zu Grunde gehen. Glücklicher Weise hat sich noch eine gute Zahl von Verständigen und Einsichtsvollen unter uns nüchtern, und bei gesunder Vernunft erhalten, und so ist denn nicht zu fürchten, daß es den Finsterlingen gelingen werde, das Licht auszublasen, welches eine bessere Zeit angezündet hat.
Ueber den Umgang mit Menschen.