Erster Theil. (continued 2)
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Doch dünkt mich, man vermeide heut zu Tage oft zu vorsätzlich alle Gelegenheit, über Religion zu reden. Einige Leute schämen sich, Wärme für Gottes-Verehrung und für die höchsten Angelegenheiten des Menschen zu zeigen, aus Furcht, für nicht aufgeklärt genug gehalten zu werden, und Andre affektiren religiöse Empfindungen, scheuen sich, auch nur im mindesten gegen Schwärmerei zu reden, um sich bei den Andächtlern in Gunst zu setzen. Ersteres ist Menschenfurcht, und Letzteres Heuchelei; Beides aber eines redlichen Mannes gleich unwerth.
43.
Wenn Du von körperlichen, geistigen, moralischen oder andern Gebrechen redest, oder Anekdoten erzählst, die gewisse Grundsätze oder Vorurtheile lächerlich machen, oder gewisse Stände in ein nachtheiliges Licht setzen sollen: so siehe Dich vorher wohl um, ob niemand gegenwärtig sey, der das übel aufnehmen, diesen Tadel oder Spott auf sich und seine Verwandten ziehen könnte!
Halte Dich über niemands Gestalt, Wuchs und Bildung auf! Es steht in keines Menschen Gewalt, diese zu ändern. Nichts ist kränkender, niederschlagender und empörender für den Mann, der unglücklicher Weise eine etwas auffallende Gesichtsbildung oder Figur hat, als wenn er bemerkt, daß diese der Gegenstand der Verspottung oder Befremdung wird. Leuten, die ein wenig mit der großen Welt bekannt sind, und unter Menschen von allerlei Formen und Ansehen gelebt haben, sollte man darüber billig gar keine Erinnerung geben dürfen; aber leider trifft man hie und da, selbst unter fürstlichen Personen, besonders unter Damen, solche an, die so wenig Gewalt über sich, oder so wenig Begriffe von Wohlanständigkeit und Billigkeit haben, daß sie die Eindrücke, welche ein ungewöhnlicher Anblick von der Art auf sie macht, nicht verbergen können. — Das ist schwach, und wenn man noch dabei überlegt, wie relativ und dem verschiednen Geschmacke unterworfen die Begriffe von Schönheit und Häßlichkeit sind, wie so wenig auf sichern Grundsätzen beruhend unsre physiognomische Wissenschaft ist, und wie oft unter einer anscheinend häßlichen Larve ein schönes, edles, warmes, großes Herz, mit einem feinen, tiefdenkenden Kopfe steckt: so sieht man leicht, daß man sehr selten mit Recht auf das äussere Ansehen eines Menschen nachtheilige Folgerungen bauen, und nie die Befugniß haben kann, die Eindrücke, welche ein solcher Anblick etwa auf uns macht, zu jemands Kränkung durch Lachen oder auf andre Art kund werden zu lassen. Ueberhaupt ist es Schwachheit, sich von sinnlichen Eindrücken, mögen sie günstige oder ungünstige seyn, so sehr beherrschen zu lassen, daß man sogleich seine Zuneigung oder Abneigung verräth. Der äussere Mensch ist oft so ganz von dem inneren verschieden, daß man sich in der Regel bitter getäuscht sieht, wenn man sich von jenem verleiten ließ, günstig oder ungünstig zu urtheilen.
Ausser einer sonderbaren Figur können uns aber noch andre Dinge an einem Menschen auffallend seyn, zum Beispiel: lächerliche, phantastische, abgeschmackte Gebehrden, Manieren, Verzerrungen des Körpers, Unbekanntschaft mit gewissen Sitten, Unvorsichtigkeiten im Betragen, ungewöhnlicher, altmodischer Anzug u. dgl. Es gehört nicht weniger zu einer guten Lebensart, hierüber nicht durch Lachen oder durch Zeichen, die man einem der Anwesenden gibt, sein Befremden zu erkennen zu geben, und dadurch den armen Mann, der sich dergleichen zu Schulden kommen läßt, noch mehr in Verlegenheit zu setzen.
44.
Wenn Du in einer Gesellschaft von einem der Anwesenden mit Deinem Freunde reden willst (obgleich dieß, wie das Ohrenflüstern, überhaupt unanständig ist): so gebrauche wenigstens die Vorsicht und Schonung, die Person, von welcher Du redest, nicht dabei anzusehen! Und ist Dir daran gelegen, etwas zu hören, das in einiger Entfernung von Dir gesprochen wird: so wende auch Deine Blicke nicht dahin! Man wird sonst aufmerksam auf Dich, und man hört ja auch nur mit den Ohren, nicht mit den Augen.
45.
Man hüte sich, bei Personen, mit denen man umgeht, unberufen unangenehme Dinge in Erinnerung zu bringen! Oft bewegt eine Art von unkluger Theilnehmung und ein Mangel an Zartgefühl die Leute, uns um die Beschaffenheit unsrer ökonomischen und anderer verdrießlichen Sachen zu befragen, obgleich sie uns nicht helfen können, und uns dadurch zu zwingen, Gegenstände in unser Gedächtniß zurückzurufen, die wir in Gesellschaften, wo wir uns aufzuheitern dachten, so gern vergessen möchten. Man muß so viel Menschenkenntniß haben, zu unterscheiden, ob der Mann, den wir vor uns sehen, seinem Temperamente, seiner Lage, und der Art seines Kummers nach, durch solche Gespräche erheitert oder getröstet werden könne, oder ob nicht vielleicht sein Leiden dadurch doppelt erschwert werde[2].
Man enthalte sich auch, andern Leuten das, was sie nun einmal haben, und nicht wieder abschaffen können, zuwider zu machen, ihnen die Lage, darin sie nun einmal leben müssen, durch unangenehme Schilderungen und unwillkommene Bemerkungen zu verleiden. Es gibt solche unberufene Wahrheits-Prediger, die sich ein Geschäft daraus machen, uns auch den unschuldigsten glücklichen Wahn wegzuvernünfteln, und es bleibt bei Wielands Ausspruch:
Ein Wahn, der mich beglückt, Ist eine Wahrheit werth, Die mich zu Boden drückt.
46.
Nimm nicht Theil daran, lächle nicht beifällig, thu' lieber, als hörtest Du es gar nicht, wenn jemand einem Dritten unangenehme Dinge sagt, oder ihn beschämt! Die Feinheit eines solchen Betragens wird gefühlt und oft dankbar belohnt.
47.
Ueber die Gewohnheit, Paradoxen vorzubringen, über Widersprechungsgeist, Disputirsucht, Citiren und Berufen auf die Meinungen und Aussprüche Andrer, werde ich mich im dritten Kapitel dieses Theils erklären, und beziehe mich hier darauf.
48.
Eine der wichtigsten Tugenden im gesellschaftlichen Leben, welche wirklich täglich seltner wird, ist die Verschwiegenheit. Man ist heut zu Tage so äusserst trügerisch in Versprechungen, ja in Betheurungen und Schwüren, daß man ohne Scheu ein unter dem Siegel des Stillschweigens uns anvertrautes Geheimniß gewissenloser Weise ausbreitet. Andre, die weniger pflichtvergessen, aber höchst leichtsinnig sind, schwatzen Geheimnisse aus, weil sie ihrer Redseligkeit keinen Zaum anlegen können. Sie vergessen, daß man sie gebeten hat, zu schweigen; und so erzählen sie aus unverzeihlicher Unvorsichtigkeit die wichtigsten Geheimnisse ihrer Freunde an öffentlichen Orten, mit einer Unbefangenheit, die in Erstaunen und in Schrecken setzt; oder sie vertrauen, indem sie Jeden, der ihnen während ihres Dranges, sich zu entladen, in den Wurf kömmt, für einen treuen Freund ansehen, das, was sie doch nicht als ihr Eigenthum betrachten sollten, eben so leichtsinnigen Leuten an, wie sie selbst sind. Solche Menschen gehen dann auch nicht weniger unklug mit ihren eignen Heimlichkeiten, Planen und Begebenheiten um, zerstören dadurch sehr oft ihre Wohlfahrt, und vernichten ihre Bestrebungen.
Welchen Nachtheil überhaupt eine solche unvorsichtige Bewahrung fremder und eigner Geheimnisse gewähre, das bedarf wohl keiner Auseinandersetzung. Es gibt aber eine Menge anderer Dinge, die zwar nicht eigentlich Geheimnisse sind, wovon uns jedoch Klugheit und die Vernunft lehrt, daß es besser sey, sie zu verschweigen, und andre Dinge, deren Ausbreitung wenigstens für niemand lehrreich und unterhaltend seyn kann, und wovon es doch möglich wäre, daß ihre Verplauderung irgend jemand nachtheilig seyn möchte. — Darum gehört eine gewisse Zurückhaltung, die aber nicht in Verschlossenheit und Geheimnißkrämerei ausarten muß, zu den Tugenden, welche der Umgang fordert. Bei Männern, welche in bedeutenden Staatsämtern stehen, ist es vollends unverzeihlich, wenn sie sich von der Sucht, das Wort zu führen, und sich wichtig zu machen, verleiten lassen, der Gesellschaft etwas mitzutheilen, was ihre Amtspflicht, oder die Würde ihres Amts zu verschweigen gebietet. Uebrigens wird man die Bemerkung wahr finden, daß in despotischen Staaten die Menschen, im Ganzen genommen, verschwiegner sind, als da, wo mehr Freiheit herrscht. Dort machen Furcht und Mißtrauen verschlossen und zurückhaltend; hier folgt Jeder dem Triebe seines Herzens, sich freimüthig mitzutheilen.
Wenn man auch mehrern Leuten zugleich sein Geheimniß anvertrauen muß: so lege man doch unbedingte Verschwiegenheit auf, damit jeder von ihnen glaube, er wisse es allein, müsse allein für die Bewahrung haften.
Manche Leute haben die sehr unartige Gewohnheit, sich, wenn man sie zum Voraus um Verschwiegenheit über eine Sache bittet, die man ihnen entdecken will, nicht bestimmt zu erklären, nichts zu versprechen. Aus Gutmüthigkeit hält man dann nicht zurück, sondern redet, indem man die Bedingung voraussetzt. Dies Betragen ist nicht nachzuahmen; der aufrichtige Mann äussert sich ohne Rückhalt, und hört nicht eher, als bis er gesagt hat, in wie fern er sich zur Verschwiegenheit verbindlich machen könne, oder nicht.
49.
Menschen von lebhafter Gemüthsart werden der Gesellschaft leicht durch den Ungestüm, mit welchem sie widersprechen, oder ihre Meinung vertheidigen, beschwerlich. Der Umgang fordert einen gewissen Gleichmuth, und die Selbstverleugnung, welche jeden Ausbruch der Leidenschaft zurückzudrängen, und eigensinnigen Widerspruch zu ertragen weiß.
Ein großes Talent, welches durch Studium der Sprache und Achtsamkeit auf sich selbst erlangt werden kann, ist die Kunst, sich bestimmt, fein, richtig, körnigt auszudrücken, lebhaft im Vortrage zu seyn, sich dabei nach den Fähigkeiten der Menschen zu richten, mit denen man redet; sie nicht zu ermüden, gut und launigt zu erzählen, nicht über seine eignen Einfälle zu lachen; nach den Umständen trocken oder lustig, ernsthaft oder komisch seinen Gegenstand darzustellen, und mit natürlichen Farben zu malen. Dabei muß ein guter Gesellschafter sein Aeusseres studiren, und besonders sein Mienenspiel in seiner Gewalt haben, sich vor Verzerrungen zu hüten, und sein Lachen zu mäßigen wissen. Der Anstand und die Gebehrdensprache sollen edel seyn: man soll nicht bei unbedeutenden, affectlosen Unterredungen, wie Personen aus der niedrigsten Volksklasse, mit Kopf, Armen und andern Gliedern herumfahren und um sich schlagen; man soll den Leuten gerade, aber bescheiden und sanft, in's Gesicht sehen, sie nicht bei Aermeln, Knöpfen und dergleichen zupfen. Kurz, alles was eine feine Erziehung, was Aufmerksamkeit auf sich selbst und auf Andre verräth, das gehört nothwendig dazu, den Umgang angenehm zu machen, und es ist wichtig, sich in solchen Dingen nicht nachzusehn, sondern jede kleine Regel des Wohlstandes, selbst in dem Cirkel seiner Familie, zu beobachten, um sich das zur andern Natur zu machen, wogegen diejenigen so oft fehlen, welche nie erwägen, daß es Pflichten gegen die Gesellschaft gibt, und sich daher Alles erlauben, was ihnen gemächlich ist. Kaum scheint es nöthig, hier noch zu bemerken, daß man so wenig als möglich in einer Gesellschaft den Leuten den Rücken zukehren, in Titeln und Namen sich vor Verwechselung hüten; daß man bei Personen, die es mit den Höflichkeitsbezeigungen genau nehmen, den Vornehmern immer auf der rechten Seite, oder wenn Drei beisammen sind, in der Mitte gehen lasse; daß man Dem, mit welchem man spricht, frei und offen, doch nicht starr und frech, in das Gesicht schauen, seine Stimme in seiner Gewalt haben, nicht schreien und doch verständlich reden, in seinem Gange Anstand beobachten, nicht aller Orten das große Wort führen solle; daß man, wenn man ein Frauenzimmer führt, mit ihr, um sie nicht zu stoßen, gleichen Schritt halten, und mit demselben Fuße, wie sie, antreten, ihr auch zuweilen seine linke Hand reichen müsse, wenn sie an der rechten Seite nicht so bequem gehen würde; daß man auf steilen Treppen im Hinuntersteigen die Frauenzimmer vorausgehen, im Hinaufsteigen aber sie folgen lassen müsse; daß, wenn man uns nicht versteht, und wir voraussehen, daß eine genauere Erklärung nichts helfen würde, oder der Gegenstand von so geringer Wichtigkeit ist, daß er keinen großen Aufwand von Worten verdient, wir dann die ganze Sache fallen lassen müssen; daß vornehme Leute, wenn sie nicht über Vorurtheile hinaus sind, es übel nehmen, wenn ein Geringer von sich und ihnen in Gemeinschaft spricht, (z. B. »Als wir gestern zusammen spazieren gingen.« »Wir haben im gestrigen Spiele gewonnen, und unsre Gegner verloren,«) und, daß sie verlangen, man solle thun, als seyen sie allein in der Welt des Nennens werth: »Ihro Excellenz, Ihro Gnaden haben gewonnen;« (höchstens möchte man hinzusetzen: »mit mir«); daß man die Leute nicht zehnmal wieder zurückrufe, ihnen noch hundert Dinge zu sagen und nachzuschreien habe, wenn sie im Zimmer oder auf der Gasse von uns gehen, schon die Thür in der Hand, schon Abschied genommen haben; daß es eine unartige Gewohnheit sey, immer etwas zwischen den Fingern oder im Munde zu führen, das man zerdrückt und spielend zernichtet, es sey brauchbar oder nicht, gehöre uns oder Andern; daß man erst um Erlaubniß fragen müsse, wenn man in Gegenwart fremder Personen Briefe lesen, oder andere Geschäfte von der Art treiben will; daß es anständig sey, wenn man jemand im Vorbeigehen grüßen will, den Hut auf der Seite abzuziehen, wo der Fremde nicht geht, damit man ihn nicht damit berühre, und sein Gesicht nicht vor ihm verberge; daß man, wenn man jemand etwas darreicht, es, in so fern dieß zu ändern steht, nicht mit der bloßen Hand hingeben müsse; daß es sich nicht schicke, in Gesellschaften in's Ohr zu flüstern, bei Tafel krumm zu sitzen, unanständige Gebehrden zu machen, noch zu leiden, daß ein Frauenzimmer, oder jemand, der vornehmer ist als wir, von einer Speise, die vor uns steht, vorlege; daß es unartig sey, in Gesellschaften jemandem einen unschuldigen Spaß zu verderben, z. B. wenn er Kartenkünste zeigt, seine Kunst zu enthüllen. Leuten von gewissem Stande und einer nicht ganz gemeinen Erziehung ist das in der ersten Jugend schon eingeprägt worden; nur erinnere ich, daß diese kleinen Dinge in mancher Leute Augen große Dinge sind, und daß oft unsre zeitliche Wohlfahrt in solcher Leute Händen ist.
50.
Es gibt noch andre kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten und Inconsequenzen, die man vermeiden, und wobei man immer überlegen muß, was daraus werden würde, wenn Jeder von den Anwesenden sich dieselbe Freiheit erlauben wollte; zum Beispiel: in Concerten plaudern; hinter eines Andern Rücken einem Freunde etwas zuflüstern, oder ihm Winke geben, die Jener auf sich deuten kann; lächerlich schlecht tanzen, oder ein Instrument elend spielen, sich dennoch damit sehen und hören lassen, und dadurch die Anwesenden zum Spotte und zum Gähnen reitzen; bei dem Tanze zugleich die Melodie mit singen; in Schauspielen so hintreten, daß man Andern die Aussicht raubt; in jeder Versammlung so spät erscheinen, daß man keinen Nachfolger mehr hat, und doch der Erste seyn, der sie verläßt, oder länger verweilen, als alle übrigen Mitglieder der Gesellschaft. Willst Du gern gesehen seyn, so vermeide alle diese Unschicklichkeiten mit Sorgfalt, und willst Du ein edler Mensch, nicht bloß ein guter Gesellschafter werden, so vermeide sie nicht um der Menschen willen, sondern weil Du dieß Deinem eigenen Herzen schuldig zu seyn glaubst, und weil Du nicht bloß klug, sondern auch gut seyn möchtest. In eben dieser Hinsicht befolge auch noch diese Vorschriften: Du sollst nicht dem Lesenden oder Schreibenden auf die Finger sehen, und nicht allein in einem fremden Zimmer bleiben, in welchem Schriften oder Gelder herumliegen. Ferner: wenn zwei Personen, die vor Dir hergehen, leise mit einander reden, ohne Deiner gewahr zu werden, so will die Bescheidenheit und die Klugheit, daß Du ihnen durch Geräusch Deine Nähe zu erkennen gebest, um Dich von allem Verdachte, als wenn Du sie beschleichen wolltest, und von aller Verlegenheit zu befreien. So klein dergleichen Aufmerksamkeiten scheinen, so machen sie doch den Umgang angenehm und werden Bildungsmittel für Geist und Herz, wenn man sie als solche ansieht und benutzt, sind aber auch, wenn man sie nicht von dieser Seite betrachtet, weiter nichts, als Schleifsteine für die äussere Politur.
51.
Oft sind wir in dem Falle, daß uns durch Gespräche Langeweile gemacht wird. Vernunft, Vorsichtigkeit und Menschenliebe gebieten uns dann, wenn nun einmal nicht auszuweichen ist, Geduld zu fassen, und nicht durch beleidigendes Betragen unsern Ueberdruß zu erkennen zu geben. Man kann ja, je seelenloser das Gespräch und je geschwätziger der Mann ist, um desto freier nebenher an andre Dinge denken; und wäre auch das nicht — ei nun! es geht im menschlichen Leben so manche verträumte Stunde verloren! Ist man denn nicht einige Aufopferung der Gesellschaft schuldig, mit welcher man umgeht? — Und geschieht es nicht vielleicht zuweilen, daß auch wir dagegen, so groß auch die Meinung seyn mag, die wir von der Wichtigkeit unsrer Gespräche haben, dennoch durch unsre Redseligkeit Andern Langeweile machen? Auch gibt es hier noch einen Ausweg. Man sucht dem Redseligen eine Pause abzugewinnen, oder wirft unaufhörlich Fragen, Einwürfe und Bedenklichkeiten zwischen seine Rede, oder nöthigt ihn durch eine geschickte Wendung, manches zu überspringen, was er noch einschieben wollte, oder bringt ihn durch eine unerwartete Frage plötzlich auf ein anderes, nicht so ergiebiges Thema.
52.
Gewissen Leuten ist eine Leichtigkeit im Umgange, und die Gabe, geschwind Bekanntschaften zu machen, und Zuneigung zu gewinnen, wie angeboren; Andern hingegen hängt von Jugend auf eine gewisse Blödigkeit und Schüchternheit an, die sie nicht abzulegen vermögen, wenn sie gleich täglich fremde Leute aller Art um sich sehen. Diese Blödigkeit ist freilich sehr oft die Folge einer fehlerhaften Erziehung, so wie auch zuweilen die Wirkung einer heimlichen Eitelkeit, die in Verlegenheit geräth, aus Furcht, sich in Schatten zu stellen, übersehen zu werden, und nicht zu glänzen. Manchen Menschen aber scheint diese Schüchternheit gegen ganz fremde Leute wirklich von Natur eigen zu seyn, und alle Mühe, welche sie sich geben, sie zu besiegen, ist verloren. Ein regierender Fürst, einer der edelsten und verständigsten Männer, die ich kenne, und der auch wahrlich seines Aeussern wegen sich nicht zu schämen noch zu fürchten braucht, nachtheilige Eindrücke zu machen, hat mich versichert, daß, obgleich ihn sein Stand von Kindheit an in die Lage gesetzt habe, täglich große Cirkel und viele fremde Gesichter zu sehn, er dennoch an keinem Tage in sein Vorzimmer trete, wo der versammelte Hof seiner wartet, ohne aus Verlegenheit auf einen Augenblick fast blind zu werden. Uebrigens hört bei diesem liebenswürdigen Herrn, sobald er sich ein wenig erholt hat, die Schüchternheit auf, und dann redet er freundlich und offen mit jedermann, und sagt bessre Dinge, als gewöhnlich Fürsten, bei solchen Gelegenheiten, über Wetter, böse Wege, Pferde und Hunde zu sagen wissen.
Eine gewisse Leichtigkeit im Umgange also, die Gabe, sich gleich bei der ersten Bekanntschaft vortheilhaft darzustellen, mit Menschen aller Art zwanglos ein Gespräch anzuknüpfen, und bald zu merken, wen man vor sich hat, und was man mit Jedem reden könne und müsse: das sind Eigenschaften, die man zu erwerben und auszubilden trachten soll. Doch müsse dieß nie in jene, den Abentheurern so eigne Unverschämtheit und Zudringlichkeit ausarten, die oft, in weniger als einer Stunde Frist, einer ganz fremden Tischgesellschaft im Wirthshause ihre Lebensläufe abgefragt, und dagegen den ihrigen erzählt, Dienste und Freundschaft angeboten, und Dienste, Verwendung und Hülfe für sich erbeten haben. Die Hauptsache kommt immer darauf an, leicht in den fremden Ton einzustimmen, und nichts auskramen, nichts geltend machen zu wollen, was in diesem Kreise nicht verstanden oder nicht geschätzt wird, sich auch nicht gar zu sehr dadurch niederschlagen zu lassen, daß die ersten Versuche, die Unterhaltung in Gang zu bringen, unglücklich abgelaufen sind.
53.
Man vermeide also auch, in alle Cirkel große Forderungen und Erwartungen mitzunehmen, allen Menschen alles allein seyn, mit aller Gewalt glänzen, und Aufmerksamkeit erregen zu wollen; zu verlangen, daß aller Menschen Augen nur auf uns gerichtet, ihre Ohren nur für uns gespitzt seyen; denn sonst werden wir freilich uns aller Orten zurückgesetzt glauben, eine traurige Rolle spielen, uns und Andern Langeweile machen, menschenscheu und bitter die Gesellschaft fliehn, und von ihr geflohen werden. Ich kenne viele Leute von der Art, die durchaus, wenn sie sich in vortheilhaftem Lichte zeigen sollen, der Mittelpunkt seyn müssen, um welchen sich alles dreht, so wie überhaupt manche Menschen im gemeinen Leben niemand neben sich vertragen, der mit ihnen verglichen werden könnte. Sie handeln vortrefflich, groß, edel, nützlich, wohlthätig, geistreich, sobald sie es allein sind, an die man sich wendet, von denen man bittet, erwartet, hofft; aber klein, niedrig, rachsüchtig und schwach, sobald sie in Reihe und Gliedern stehen sollen, und zerstören jedes Gebäude, wozu sie nicht den Plan gemacht, oder wenigstens die Kranz-Rede gehalten haben; ja, selbst ihr eignes Gebäude, sobald nur ein Andrer eine kleine Verzierung daran angebracht hat. Dies ist eine unglückliche, ungesellige Gemüthsart. Ueberhaupt rathe ich, um glücklich zu leben, und Andre glücklich zu machen, in dieser Welt so wenig als möglich zu erwarten und zu fordern.
54.
So viel über den Anstand, über schickliche Manieren, und über die Höflichkeit im äussern Betragen, über Bescheidenheit und Mäßigung; und nun noch etwas über die Kleidung. Kleide Dich nicht unter und nicht über Deinen Stand, nicht über und nicht unter Dein Vermögen, nicht phantastisch, nicht bunt, nicht ohne Noth prächtig, noch glänzend, noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und, wo Du Aufwand machen mußt, da sey Dein Aufwand zugleich ächt und schön! Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische Thorheit nachahmende Kleidung aus! Wende eine größere Aufmerksamkeit auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt erscheinen willst! Man ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewußt ist, in einer unangenehmen Ausstaffirung aufzutreten. Trage nie geliehene Sachen! Das hat von mehr als Einer Seite nachtheiligen Einfluß auf den Charakter.
55.
Wenn die Frage entsteht: ob es gut sey, viel oder wenig in Gesellschaft zu erscheinen; so muß die Beantwortung derselben freilich, nach den verschiedenen einzelnen Lagen, Bedürfnissen und nach unzähligen kleinen Umständen und Rücksichten, bei jedem Menschen anders ausfallen. Im Ganzen aber kann man den Satz zur Richtschnur annehmen: daß man sich nicht aufdringen, die Leute nicht überlaufen solle, und daß es besser sey, wenn man es einmal nicht allen Menschen recht machen kann, daß gefragt werde, warum wir so selten, als geklagt, daß wir zu oft und an allen Orten erscheinen, wo Unterhaltung zu erwarten ist. Es gibt einen feinen Sinn für die Pflege und Erweiterung des Umgangs (wenn uns nicht übertriebne Eitelkeit und Selbstsucht die Augen blenden), einen Sinn, der uns sagt, ob wir gerngesehn, oder überlästig sind, ob es Zeit ist, fortzugehn, oder ob wir noch verweilen sollen. Aus der Art, wie uns von Kindern und Domestiken in einem Hause begegnet wird, pflegt man am leichtesten zu merken, wie die Herrschaften oder Eltern gegen uns gestimmt sind.
Uebrigens rathe ich, wenn man sich so weit in seiner Gewalt haben kann, mit so wenig Leuten, als möglich, vertraulich zu werden, nur einen kleinen Cirkel von Freunden zu haben, und diesen nur mit äusserster Vorsicht zu erweitern. Gar zu leicht mißbrauchen und vernachlässigen uns die Menschen, sobald wir mit ihnen in einem vollkommen vertraulichen Tone umgehen. Um angenehm zu leben, muß man fast immer ein Fremder unter den Leuten bleiben. Dann wird man geschont, geehrt, aufgesucht. — Deswegen ist das Leben in großen Städten so schön, wo man alle Tage andre Menschen sehen kann. Für einen Mann, der sonst nicht schüchtern ist, ist es ein Vergnügen, unter Unbekannten zu sitzen. Da hört man, was man sonst nicht hören würde; man wird nicht behorcht und belauscht, und kann in der Stille beobachten.
56.
Uebrigens rathe ich auch an, um seiner selbst und um Andrer willen, ja nicht zu glauben, es sey irgend eine Gesellschaft so ganz schlecht, das Gespräch irgend eines Mannes so ganz unbedeutend, daß man nicht daraus etwas lernen, eine neue Erfahrung, einen Stoff zum Nachdenken sammeln könnte. Aber man soll nicht aller Orten Gelehrsamkeit, feine Cultur fordern, sondern sich an gesundem Hausverstand und geradem Sinn genügen lassen, daran den eigenen beleben und stärken, und sich einmal wieder auf den Weg der Natur leiten lassen, sich auch eben darum unter Menschen von allerlei Ständen mischen: so lernt man zugleich nach und nach den Ton und die Stimmung annehmen, die nach Zeit und Umständen erfordert werden, und überzeugt sich, daß auch in den niederen Ständen Witz, Verstand und Scharfsinn zu finden sey. Aber diese Ueberzeugung ist sehr heilsam zur Dämpfung eines gewissen Stolzes, der sich so leicht der Gebildeten bemächtigt, und sie ungerecht gegen Ungebildete macht. Auch für die Erweiterung der Sprachkunde ist ein solcher Umgang mit Menschen aus den verschiedensten Ständen und von den verschiedensten Bildungsstufen höchst wirksam und ergiebig, und gewährt manchen großen Genuß, besonders durch die erweiterte Kenntniß sprichwörtlicher Redensarten, in welchen oft so viel Witz und Kraft verborgen liegt.
57.
Mit wem aber soll man am mehrsten umgehn? Natürlicher Weise läßt sich auch diese Frage nur nach eines Jeden besondrer Lage beantworten. Hat man die Wahl (und wirklich hat man diese auch öfter, als man glaubt), so wähle man sich die Weisern zu seinem Umgange; Leute, von denen man lernen kann, die nicht schmeicheln, nicht gar zu überlegen an Kenntnissen und Fähigkeiten sind, aber doch uns übersehen, die in Kreisen tanzen, so oft ihr hoher Genius seine Zauberruthe schwingt. Den Meisten aber scheint es genußreicher, untergeordnete Geister um sich her zu versammeln. Aber diese bleiben auch immer, was und wie sie sind, kommen nie weiter in Weisheit und Tugend. Es gibt zwar Lagen, in welchen es nützlich und lehrreich ist, sich unter Menschen von allerlei Fähigkeiten zu mischen, ja, wo es auch Pflicht ist, nicht bloß mit Leuten umzugehn, von denen wir, sondern auch mit solchen, die von uns lernen können, und die ein Recht haben, dieß zu fordern. Diese Gefälligkeit aber darf nie so weit gehen, daß die Rechenschaft, die wir einst von unsrer goldnen Zeit, und von der Obliegenheit, uns zu vervollkommnen, geben sollen, dabei Gefahr laufe.
58.
Es ist oft eine höchst sonderbare Sache um den Ton, der in Gesellschaften herrscht. Vorurtheil, Eitelkeit, Schlendrian, Autorität, Nachahmungssucht, und wer weiß, was sonst noch, stimmen diesen Ton so, daß zuweilen Menschen, die an einem Orte zusammen leben, Jahr aus, Jahr ein, sich auf eine Weise versammeln, unterhalten, Dinge mit einander treiben, und über Gegenstände reden, die Allen zusammen und jedem Einzelnen unendliche Langeweile machen. Dennoch glauben sie, sich den Zwang anthun zu müssen, diese Lebensart also fortzuführen. Gewährt wohl die Unterhaltung in den mehresten großen Cirkeln einem Einzigen von den da Versammelten wahres Vergnügen? Spielen unter funfzig Personen, die jeden Abend die Karten in die Hand nehmen, wohl zehn aus wahrer Neigung? Um desto erbärmlicher ist es, wenn freie Menschen in kleinern Oertern, oder gar auf Dörfern, die zwanglos leben könnten, um den Ton der Residenzen nachzuahmen, sich eben so peinlich unter das Joch dieser Langeweile krümmen. Hat man Gewicht bei seinen Mitbürgern und Nachbarn, so ist es Pflicht, alles dazu beizutragen, den Ton vernünftiger zu stimmen. Ist das aber nicht der Fall, und man geräth einzeln in einen solchen Cirkel, so vermehre man nicht, durch ein schiefes, stummes, oder mürrisches Betragen, unter den Anwesenden und dem Hauswirthe die Verlegenheit, es vor einander zu verbergen, daß sie sich sämmtlich weit von da weg wünschten; sondern man zeige sich vielmehr als einen Meister in der Kunst, viel zu reden, ohne etwas zu sagen, und erwerbe sich wenigstens das Verdienst, den Zeitraum mit unschuldiger Unterhaltung auszufüllen, wovon ausserdem gewöhnlich die Verläumdung Besitz nimmt!
In volkreichen, großen Städten kann man am unbemerktesten, und ganz nach seiner Neigung leben. Da fallen eine Menge kleiner Rücksichten weg; man wird nicht ausgespäht, controllirt, beobachtet; es laufen nicht so aus Mund in Mund die interessanten Nachrichten: wie vielmal in der Woche ich Braten esse; ob ich oft oder selten ausgehe, und wohin; wer zu mir kömmt; wie stark der Lohn ist, den ich meiner Köchin gebe, und ob ich kürzlich mit ihr geschmählt habe? Meine Kleidung wird nicht gemustert; man fragt nicht in jedem Krämer-Hause meine Magd, wenn sie für vier Pfennige Pfeffer holt, für wen der Pfeffer ist, und wozu der Pfeffer gebraucht werden soll? Eine unbedeutende Anekdote beschäftigt da nicht sechs Wochen lang alle Zungen; man wandelt unbemerkt, friedenvoll und ungeneckt durch den großen Haufen hin, besorgt seine Geschäfte, und wählt sich eine Lebensart, wie man sie für zweckmäßig hält. In kleinen Städten ist man verurtheilt, mit einer Anzahl, oft sehr langweiliger Magnaten, in strenger Abrechnung von Besuchen und Gegenbesuchen zu stehn, die gewöhnlich gleich nach dem Mittagstische ihren Anfang nehmen, und bis zu der Bürgerglocke, das heißt, bis zehn Uhr Abends, fortdauern, während welcher Zeit die Unterhaltung gewöhnlich den König von Preussen, die Franzosen und Engländer, den Kaiser, andre hohe Potentaten, und was der Hamburger Correspondent von ihnen meldet, zum Gegenstande hat. Das ist nun freilich erschrecklich; doch gibt es auch Mittel, dort den Ton des Umgangs nach und nach zu verfeinern, oder das schwache Publikum daran zu gewöhnen, nachdem es ein Vierteljahr hindurch über uns gelästert hat, uns endlich auf unsre Weise leben zu lassen, wenn man sich übrigens redlich, menschenfreundlich, dienstfertig und gesellig beträgt. Am übelsten aber pflegt man in den mittlern Städten daran zu seyn, sowohl in den freien Städten, wo der Handel die Achse ist, um die sich alles dreht, als in unbeträchtlichen Residenzen. Da herrschen gewöhnlich, neben einem übertriebnen Luxus, und solchen sittlichen Verderbnissen, die mit der Ausartung in den größten Städten wetteifern, noch obenein alle Gebrechen kleiner Städte, Klatschereien, Anhänglichkeit an Schlendrian, an Gewohnheiten und Familien-Verbindungen, die abgeschmacktesten Forderungen und die lächerliche Classificirung der Stände. So habe ich eine Stadt gesehn, in welcher ein Mann, durch seine kürzlich erhaltene Bedienung, die ehemals dort nicht existirt hatte, so sehr von allen übrigen, einmal bestimmten Rangordnungen abgesondert war, daß er, wie ein Elephant in einer Menagerie, immer für sich allein spatzieren gehn mußte, ohne seines Gleichen, weder einen Gesellschafter, noch eine Gefährtin finden zu können. Da nun aber in den wenigsten Städten von Teutschland eine glückliche Stimmung angetroffen wird, so muß man lernen, sich in die herrschenden Sitten zu fügen; und nichts kann unvernünftiger, und für den Eiferer selbst von nachtheiligeren Folgen seyn, als wenn ein Einzelner, der nicht besonders in Ansehen steht, auftreten, und seine Vaterstadt reformiren will. Nirgends kömmt indessen ein solcher Declamator übler an, als in den freien Städten, wo alte Sitte und Schlendrian innig verwebt sind in die Regierungsform und in alle übrige Verhältnisse. Hier hat indeß die neueste Zeit mit ihren Erschütterungen und den hunderttausend kostbaren Lehrmeistern, die sie in glänzenden Uniformen und mit großem Ansehen ausgerüstet in Teutschlands Staaten und Städte sandte, eine sehr bedeutende, doch nicht immer heilsame Veränderung hervorgebracht.
In Dörfern und auf seinem Landgute lebt man in der That am ungezwungensten; und für jemand, der Lust hat, sich zu beschäftigen, und zum Besten Andrer etwas beizutragen, findet sich da mannigfaltige Gelegenheit, indem man an dem nützlichsten, zu sehr niedergedrückten und vernachlässigten Stande zum Wohlthäter werden kann; allein die geselligen Freuden sind auf dem Lande nicht so leicht zu erlangen, und nicht so rein zu genießen. In Augenblicken, wo man gerade das Bedürfniß fühlt, seine Arme nach einem treuen Freunde auszustrecken, ist dieser Freund vielleicht meilenweit von uns entfernt; oder man müßte reich genug seyn, einen ganzen Hofstaat von Freunden um sich her zu versammeln; aber auch das hat seine üble Seite; und sehr reiche Leute fühlen ja ohnehin selten dies Bedürfniß. Um also hier glücklich und vergnügt leben zu können, ohne gerade ausgezeichnet wohlhabend zu seyn, muß man die Kunst verstehen, das Gute aus dem Umgange der Menschen, die man bei sich haben kann, zu schmecken und zu erkennen, der einfachen Freuden nicht müde zu werden, damit zu geizen, und ihnen auf erfindungsreiche Art Mannigfaltigkeit zu geben. Weil man auf dem Lande seine Frau, seine Kinder und seine Hausfreunde vom Morgen bis zum Abend ununterbrochen um sich zu sehen pflegt, so entsteht leicht Ueberdruß, Leere im Umgange. Dieß kann durch einen Vorrath guter Bücher, die neuen Stoff zur Unterhaltung geben, durch interessanten Briefwechsel mit abwesenden Freunden, und durch weise Eintheilung der Zeit, indem man manche Tagesfristen einsam in seinem Zimmer zubringt, gehoben werden; und nichts ist süßer auf dem Lande, als wenn, nach einem nützlich verlebten Tage, wo Jeder für sich seine Geschäfte emsig und treulich besorgt hat, des Abends sich der kleine Cirkel zum Spatziergange, muntern Scherze und zwanglosen Gespräche sammelt. Es gibt selbst Prinzen, die diesen Genuß kennen, und ich habe einst, am Fuße der vogesischen Gebirge, einige Wochen an dem Hofe eines guten und klugen Fürsten auf diese Art sehr glücklich hingebracht.
Nichts aber ist trauriger, und doch häufiger zu finden, als wenn Menschen, die in kleinen Städten, oder gar auf dem platten Lande, täglich mit einander umgehen müssen, in ewigem Zwiste mit einander leben, und dabei doch nicht reich genug sind, sich eine besondre Existenz zu schaffen. Sie bereiten sich eine Hölle auf Erden. Nirgends also ist es so wichtig, als an solchen Orten, in Eintracht mit denen zu leben, die man weder entbehren, noch vermeiden kann, und darum mit edler Selbstverleugnung zu ertragen und zu vergeben, was die Kleinstädterei zu tragen und zu vergeben gibt, und allezeit schonend, nachsichtig, geschmeidig, vorsichtig, klug und mit einer Art von Coketterie im Umgange zu verfahren, um Mißverständnissen, Ekel und Ueberdrusse vorzubauen. Aber auch nirgends hat man Ursache, vorsichtiger im Reden und Handeln zu seyn, als in kleinen Städten, und da, wo ein kleinstädtischer Ton herrscht, weil da die Menschen aus Mangel an Zerstreuung beständig auf den lieben Nächsten lauern, und wenn gleich sonst sehr kurzsichtig, doch die scharfsichtigsten sind, wenn es darauf ankommt, den Splitter in des Bruders Auge zu erspähen, und die beredtesten, um den Splitter als einen Balken darzustellen. Sie sind oft eben so sehr zu bemitleiden, als zu verachten, weil sie, von langer Weile gepeitscht, nach Allem greifen, was ihnen auch nur eine kurze Rettung von diesem Unholde verspricht, und nichts andres zu thun wissen, als alles nachzuplaudern und sich um fremde Händel zu bekümmern.
59.
In fremden Städten und Ländern ist Vorsichtigkeit im Umgange zu empfehlen, und das in manchem Betrachte. Wir mögen nun dort Unterricht und Belehrung, oder ökonomische und politische Vortheile, oder bloß Vergnügen suchen: so ist es sehr nothwendig, gewisse Rücksichten nicht zu verachten. Im ersten Falle, nämlich wenn wir reisen, um uns zu unterrichten, versteht sich's vor allen Dingen von selber, daß wir wohl überlegen, in welchem Lande wir sind, und ob man da ohne Gefahr und Verdruß von Allem reden und nach Allem fragen dürfe. Es gibt leider! auch in Teutschland Staaten, in welchen die Regierungen es nicht gern sehen, und es scharf ahnden, wenn gewisse Werke der Finsterniß an das Tageslicht gezogen werden. Da ist Behutsamkeit nöthig, sowohl in Gesprächen und Nachforschungen, als in der Wahl der Menschen, mit denen man sich einläßt, und denen man sich anvertraut. Uebrigens muß ich auch hier erinnern, daß sehr wenig Reisende eigentlich Beruf haben, sich um die innere Verfassung fremder Länder zu bekümmern; allein thörichte Neugier, Vorwitz, oder unruhiger Thätigkeitstrieb, jagt jetzt haufenweise die Menschen hinaus, um in fremden Gasthöfen, Posthäusern, Clubbs, und in den Schwitzkammern hypochondrischer Gelehrten, unsichere Anekdoten zu einem Werkchen zu sammeln, indeß sie daheim noch unendlich viel zu wirken und zu lernen gefunden haben würden, wenn es ihnen um ihr und Andrer Wohl ernstlich zu thun wäre.
Daß diese Vorsicht verdoppelt werden müsse, sobald man an einem fremden Orte für sich etwas zu suchen oder zu fordern hat, versteht sich wohl von selber. Da alsdann manches Auge auf uns gerichtet ist, so müssen wir den Umgang mit Leuten vermeiden, die, unzufrieden mit der Regierung, sich so gern den Fremden an den Hals werfen, weil sie unter ihren Mitbürgern durch unkluge Aufführung sich einen bösen Namen gemacht, und sich auf diese Art den Weg versperrt haben, bürgerliche Vortheile zu erlangen, die sie aber zu verachten scheinen, wie der Fuchs die Trauben. Diese Art Leute sucht sich dann dadurch ein wenig zu heben, daß sie mit den Reisenden, denen sie sich in den Gasthöfen oder auf andre Art aufdringen, durch die Gassen der Stadt laufen, und dadurch Verbindungen in andern Ländern muthmaßen lassen. Ein Fremder, der nur wenig Tage sich an einem Orte aufhalten will, kann ohne Nachtheil mit diesem, mehrentheils sehr geschwätzigen, und von lustigen und ärgerlichen Mährchen aller Art vollgepfropften Ciceroni's nach Gefallen herumrennen, und kein vernünftiger Mann wird ihm das verdenken. Wer aber länger in einer Stadt verweilen, in den bessern Cirkeln Zutritt haben, oder gar ein Geschäft zu Stande bringen will; dem rathe ich, in der Auswahl seines Umgangs auch die Stimme des Publikums zu ehren.
Es gibt fast in jeder Stadt eine Partei solcher Unzufriedener; es sey nun mit der Regierung, oder nur mit der Gesellschaft. Zu Diesen geselle Dich also nicht! Wähle nicht unter ihnen Deinen Umgang! Diese Schwarzblütigen und Mißmuthigen glauben sich nicht geehrt genug, oder sind unruhige Köpfe, Lästermäuler, Menschen voll unvernünftiger Forderungen, ränkevolle, oder unsittliche Leute. Da sie nun, einer dieser Ursachen wegen, von ihren Mitbürgern geflohen werden, so suchen sie unter sich eine Art von Bündniß zu errichten, in welches sie, wenn sie können, verständige und wackre Männer zu ihrer Verstärkung durch Schmeichelei hineinziehen. Laß Dich weder darauf, noch überhaupt auf das ein, was Partei und Faction genannt werden kann, wenn Du mit Annehmlichkeit und Sicherheit leben willst!
60.
Briefwechsel ist schriftlicher Umgang. Fast alles, was vom persönlichen Umgange mit Menschen gilt, leidet Anwendung auf den Briefwechsel. Als Bildungs-, Erheiterungs- und Belebungs-Mittel ist der Briefwechsel überaus wirksam, und oft ist es nur dadurch möglich, mit seinen Freunden in Verbindung zu bleiben, sich in einer gewissen Thätigkeit zu erhalten, und der Einseitigkeit und Eintönigkeit zu entgehen. Aber auch hier ist Mäßigung und Beschränkung die Bedingung der Wirksamkeit. Dehne also Deinen Briefwechsel, so wie Deinen Umgang, nicht über die Gebühr aus! Ein gar zu ausgedehnter Briefwechsel ist zwecklos, fordert einen unverhältnißmäßigen Zeitaufwand, und wird zu kostbar. Sey eben so vorsichtig in der Wahl derer, mit denen Du einen vertrauten Briefwechsel anfängst, wie in der Wahl Deines täglichen Umgangs und Deiner Lectüre! Nimm Dir auch vor, nie einen ganz leeren Brief zu schreiben, in welchem nicht wenigstens etwas stünde, das dem, an welchen er gerichtet ist, Nutzen oder reine Freude gewähren könnte; denn ein leerer Brief ist eine Art von Verspottung dessen, an den man schreibt, oder wenigstens eine Täuschung, die nothwendig den, dem sie bereitet wird, kränken, oder unwillig machen muß. Vorsichtigkeit ist im Schreiben noch weit dringender, als im Reden zu empfehlen; und eben so wichtig ist es, mit den Briefen, welche man erhält, behutsam umzugehn. Man sollte es kaum glauben, was für Verdruß, Zwist und Mißverständniß durch Versäumniß dieser Klugheits-Regel entstehen können. Ein einziges, unvorsichtig hingeschriebenes, unauslöschliches Wort, ein einziges, aus Unachtsamkeit liegen gebliebenes Papier, hat manches Menschen Ruhe, und oft auf immer den Frieden einer Familie zerstört. Brief-Klatschereien, voreilig schriftlich mitgetheilte, ungegründete oder entstellte Nachrichten, können unendlichen Schaden stiften, den redlichen Mann bei Tausenden verdächtig machen und seine Nachkommen in Verlegenheit bringen.
Ich kann daher nicht genug Vorsichtigkeit in Briefen und überhaupt im Schreiben empfehlen. Noch einmal! Ein übereiltes mündliches Wort wird wieder vergessen; aber ein geschriebenes kann noch nach funfzig Jahren, in den Händen unvorsichtiger oder eitler Erben, Unheil stiften.
Briefe, an deren richtiger und schneller Besorgung irgend etwas gelegen ist, muß man immer auf die gewöhnliche Weise mit der Post, oder durch eigne Boten abgehen lassen, nie aber, etwa zur Ersparung des Porto, sie Reisenden mitgeben, oder sonst durch Gelegenheit, und in fremden Umschlägen fortschicken. Man kann sich gar zu wenig auf die Pünktlichkeit der Menschen verlassen.
Lies Deine Briefe, wenn Du es ändern kannst, nicht in Andrer Gegenwart, sondern wenn Du allein bist; sowohl, weil es die Höflichkeit also befiehlt, als auch aus Vorsicht, um durch Deine Mienen den Inhalt nicht zu verrathen.
Es gibt Personen, besonders unter den Damen, welche die Leute, die mit ihnen an demselben Ort leben, bei den unbedeutendsten Veranlassungen, mit kleinen Briefen und Zetteln bestürmen, und dadurch dem, der seine Zeit besser anwenden könnte, seine kostbare Zeit rauben.
61.
Glaube immer, und Du wirst Dich bei diesem Glauben sehr wohl befinden, daß die mehrsten Menschen nicht halb so gut sind, als ihre Freunde sie schildern; und nicht halb so böse, als ihre Feinde sie ausschreien!
Beurtheile die Menschen nicht nach dem, was sie reden, sondern nach dem, was sie thun! Die Meisten sind weder so gut, noch so böse, als sie nach ihren Reden zu seyn scheinen, und Du mußt sie in allerlei Lagen beobachten, wenn Du ihren wahren Werth erforschen willst. Aber wähle zu Deinen Beobachtungen solche Augenblicke, in welchen sie von Dir unbemerkt zu seyn glauben. Richte Deine Achtsamkeit auf die kleinen Züge, nicht auf die Haupt-Handlungen, zu denen Jeder sich in seinen Staatsrock steckt. Gib Acht auf die Laune, die ein gesunder Mann beim Erwachen vom Schlafe, auf die Stimmung, die er hat, wenn er des Morgens, wo Leib und Seele im Nachtkleide erscheinen, aus dem Schlafe geweckt wird; — auf das, was er vorzüglich gern ißt und trinkt: ob sehr materielle, einfache, oder sehr feine, gewürzte, zusammengesetzte Speisen; auf seinen Gang und Anstand; ob er lieber allein seinen Weg geht, oder sich immer an eines Andern Arm hängt; ob er in einer geraden Linie fortschreiten kann, oder seines Neben-Gängers Weg durchkreuzt, oft an Andre stößt, und ihnen auf die Füße tritt; ob er durchaus keinen Schritt allein thun, sondern stets Gesellschaft haben, immer sich an Andre anschließen, auch um die geringsten Kleinigkeiten erst Rath fragen, sich erkundigen will, wie es sein Nachbar, sein College macht; ob er offne Thüren, offne Fenster, helles Licht, lautes und deutliches Reden liebt, oder nicht; ob er gern Andern in die Rede fällt, niemand zu Worte kommen läßt; ob er gern geheimnißvoll thut, die Leute auf die Seite ruft, um ihnen gemeine Dinge in das Ohr zu sagen; ob er gern in allem entscheidet, und so ferner. Auch die Handschriften der Leute tragen mehrentheils den Stempel ihres Charakters. Alle Kinder, mit deren Erziehung ich beschäftigt gewesen bin, haben nach meiner Hand das Schreiben gelernt; allein, so wie sich nach und nach ihre Gemüthsarten entwickelten, brachte jedes von ihnen seine eignen Züge hinein. Beim ersten Anblicke schienen sie Alle einerlei Hand zu schreiben; wer aber genauer Acht gab, und sie kannte, fand in der Manier des Einen Trägheit, bei Andern Kleinlichkeit, oder Unbestimmtheit, Flüchtigkeit, Festigkeit, Verschrobenheit, Ordnungsgeist, oder irgend eine andre Eigenthümlichkeit. — Fasse alle diese Wahrnehmungen zusammen, nur sey nicht so unbillig, nach einzelnen solchen Zügen den ganzen Charakter zu richten!
Sey nicht zu parteiisch für Menschen, die Dir freundlicher begegnen, als Andre, und schließe nicht zu schnell daraus, daß sie Dir mit besonderer Theilnahme ergeben sind. Untersuche zuvor, ob sie vielleicht gerade in dem Falle sind, Dich auf irgend eine Art zu ihrem Vortheil brauchen zu können, oder ob Du ihnen etwa mit besonderer Gefälligkeit entgegen gekommen bist, oder ihnen etwas Schmeichelhaftes gesagt hast.
Baue nicht eher fest auf treue, immer sich bewährende Liebe und Freundschaft, als bis Du solche Proben gesehen hast, die Aufopferung kosten! Die mehrsten Menschen, die uns so herzlich ergeben scheinen, treten zurück, sobald es darauf ankömmt, ihren Lieblings-Neigungen zu unserm Vortheile zu entsagen. Darauf ist also Rücksicht zu nehmen, wenn man wissen will, was ein Mensch uns werth ist. Es ist keine Kunst, alles zu leisten, was man nur wünschen mag, das Einzige ausgenommen, was Ueberwindung kostet.
62.
Alle diese allgemeinen, sodann die folgenden besondern Regeln, und viel mehrere noch, die ich, um mein Werk nicht über Gebühr auszudehnen, der eigenen Einsicht der Leser überlasse, zielen dahin, den Umgang leicht und angenehm zu machen, und das gesellige Leben zu erleichtern. Es kann aber Mancher seine besondern Gründe haben, warum er sich über einige derselben hinaussetzen will, und da ist es denn freilich sehr billig, Jedem zu erlauben, auf seine eigne Art seine Ruhe zu befördern. Dringen wir niemand unsre Specifica auf! Wer weder die Gunst der Großen sucht, noch allgemeines Lob, noch glänzenden Ruhm, noch Beifall verlangt; wer, seiner politischen und ökonomischen Lage, oder andrer Rücksichten wegen, nicht Ursache hat, den Cirkel seiner Bekanntschaft zu erweitern; wer Alters oder Schwächlichkeit halber den Umgang flieht, der bedarf keiner Regeln des Umgangs. Lasset uns daher so billig seyn, von niemand zu fordern, daß er sich nach unsern Sitten richte, sondern jedermann seinen Gang gehn; denn da jedes Menschen Glückseligkeit in seinen Begriffen von Glückseligkeit beruht; so ist es grausam, irgend Einen zwingen zu wollen, wider seinen Willen auf eine ihm nicht zusagende Weise glücklich zu seyn. Es ist oft lustig anzusehn, wie ein Haufen leerer Köpfe sich über einen sehr verständigen Mann aufhält, der keinen Beruf fühlt, oder nicht aufgelegt ist, den Ton ihrer Gesellschaft anzunehmen, sondern, mit einer abgesonderten Existenz sehr wohl zufrieden, seine theure Zeit nicht jedem Narren preisgeben will. Wenn wir nicht gerade Sclaven der Gesellschaft seyn wollen, so nehmen das die müßigen Leute, die nichts Besseres zu thun wissen, als aus dem Bette vor den Spiegel, von da an Tafel, von da an den Spieltisch, von da wieder an Tafel, und von da endlich in das Bett zu wandern, sehr übel, daß wir nicht wie sie leben, der Geselligkeit nicht höhere Pflichten aufopfern wollen — das ist eine Unart, deren man sich enthalten soll. Es heißt nicht, sich absondern, wenn man zu Hause bleibt, um zu thun, was man thun soll, und wovon man Rechenschaft geben muß.
63.
Und nun weiter, zu den besondern Umgangs-Regeln — doch vorher noch eine Erinnerung! Wenn ich allein, oder auch nur vorzüglich, für Frauenzimmer schriebe, so würde ich eine Menge der schon gegebenen und noch folgenden Vorschriften, theils gänzlich übergehen, theils modificiren, theils andre an deren Stelle setzen müssen, die alsdann für Männer weniger brauchbar wären. — Das ist indessen nicht der Zweck meines Buchs. Weise Frauenzimmer allein können den Personen ihres Geschlechts die besten Lehren über ihr Betragen im gesellschaftlichen Leben ertheilen; das ist eine Arbeit, die Männern nicht gelingen würde. Findet jedoch das schöne Geschlecht auch etwas für sich Brauchbares in diesen Blättern: so wird das meine Zufriedenheit über mein eignes Werk sehr vermehren. Uebrigens haben Frauenzimmer in ihrem Umgange in der That Rücksichten zu nehmen, die bei uns gänzlich wegfallen. Sie hängen viel mehr vom äussern Rufe ab, dürfen nicht so zuvorkommend im Umgange seyn, müssen sich im Ganzen mehr leidend verhalten, und eine Art von scheuer Zurückhaltung beobachten, und kommen selten oder gar nicht in die schwierigen gesellschaftlichen Verhältnisse, in welche der Mann kommt, werden endlich auch durch einen gewissen feinen Takt richtig geleitet, ohne der Regeln zu bedürfen. Man verzeiht ihnen von einer Seite weniger Unvorsichtigkeiten, und von der andern mehr Launen; ihre Schritte werden früher wichtig für sie, indeß dem Knaben und Jünglinge manche Unvorsichtigkeit nachgesehen wird; ihre Existenz schränkt sich auf den häuslichen Cirkel ein, da hingegen des Mannes Lage ihn eigentlich fester an den Staat, an die große bürgerliche Gesellschaft knüpft. Daher gibt es Tugenden und Laster, Handlungen und Unterlassungen, die bei dem ersten Geschlechte von ganz andern Folgen sind, als bei dem zweiten. — Doch über dies alles ist den Damen so viel Gutes in andern Büchern gesagt worden, daß jede weitere Ausführung dieses Gegenstandes hier am unrechten Orte stehen würde.
Zweites Kapitel. Ueber den Umgang mit sich selbst.
1.
Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und ersten, und also ist der Umgang mit unsrer eignen Person gewiß weder der unnützeste, noch uninteressanteste. Es ist daher nicht zu verzeihen, wenn man sich immer unter andern Menschen umhertreibt, über den Umgang mit Menschen seine eigne Gesellschaft vernachlässigt, gleichsam vor sich selber zu fliehen scheint, sein eignes Ich nicht zu erforschen und zu veredeln sucht, indem man sich unaufhörlich in fremde Angelegenheiten mischt. Wer täglich herumläuft, und sich von Neuigkeiten nährt, wird fremd in seinem eignen Hause; wer immer in Zerstreuungen lebt, wird fremd in seinem eignen Herzen, muß im Gedränge müßiger Leute seine klägliche Langeweile zu tödten trachten, verliert endlich alle Zuversicht zu sich selbst, und verzagt, wenn er einmal Zerstreuungen entbehren, und eine Zeitlang mit sich selbst allein seyn muß. Wer nur solche Cirkel sucht, in welchen seine Eitelkeit reichliche Nahrung findet, verliert endlich so sehr den Sinn für Wahrheit, daß er selbst die lautesten Erinnerungen seines Gewissens überhört, oder sich vorsätzlich dagegen betäubt, indem er sich allen Zerstreuungen des Lebens hingibt.
2.
Hüte Dich also, Deinen nächsten und ersten Freund, Dein eigenes Herz, so zu vernachlässigen, daß Du es öde und leer findest, wenn Du aus seiner Tiefe Trost und Erquickung zu schöpfen gedachtest. Ach! es kommen Augenblicke, in denen Du Dich selbst nicht verlassen darfst, wenn Dich auch jedermann verläßt; Augenblicke, in welchen der Umgang mit Deinem Ich der einzige tröstliche ist. — Was wird aber in solchen Augenblicken aus Dir werden, wenn Du mit Deinem eignen Herzen nicht in Frieden lebst, und auch von dieser Seite aller Trost, alle Hülfe Dir versagt wird? Und nicht bloß von dieser Seite läufst Du Gefahr, wenn Du ein Fremdling in Deinem eigenen Herzen geworden bist, sondern auch noch von einer andern; Du bringst es nämlich nie zu einer gründlichen Menschenkenntniß, lernst nie, die Menschen behandeln, und ihre Schwachheiten ertragen, wenn Du Dich selbst nicht kennst, und nicht Dein eigenes Herz zu behandeln weißt.
3.
Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und Ruhe finden, so mußt Du eben so vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehn, wie mit Andern, also daß Du Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und niederdrückest, noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch Schmeichelei verderbest.
4.
Sorge für die Gesundheit Deines Leibes und Deiner Seele; aber verzärtle beide nicht! Wer auf seinen Körper losstürmt, der verschwendet ein Gut, welches oft allein hinreicht, ihn über Menschen und Schicksal zu erheben, und ohne welches alle Schätze der Erde eitle Bettelwaare sind. Wer aber jedes Lüftchen fürchtet, und jede Anstrengung und Uebung seiner Glieder scheuet: der lebt ein ängstliches, nervenloses Austern-Leben, und versucht es vergeblich, die verrosteten Federn in den Gang zu bringen, wenn er in den Fall kömmt, seiner natürlichen Kräfte zu bedürfen. Wer sein Gemüth ohne Unterlaß dem Sturme der Leidenschaften preisgibt, oder die Segel seines Geistes unaufhörlich spannt, der läuft auf den Strand, oder muß mit durchlöchertem Fahrzeuge nach Hause laviren, wenn grade die beste Jahrszeit zu neuen Entdeckungen eintritt. Wer aber die Kräfte seines Verstandes und Gedächtnisses immer schlummern läßt, oder vor jedem kleinen Kampfe, vor jeder Art von Anstrengung zurückbebt; der hat nicht nur wenig wahren Genuß, sondern ist auch ohne Rettung verloren, da, wo es auf Kraft, Muth und Entschlossenheit ankommt.
Hüte Dich vor eingebildeten Leiden des Leibes und der Seele! Laß Dich nicht gleich niederbeugen von jedem widrigen Vorfalle, von jeder körperlichen Unbehaglichkeit! Fasse Muth! Sey getrost! Alles in der Welt geht vorüber; alles läßt sich überwinden, durch Standhaftigkeit; alles läßt sich vergessen, und verschmerzen, wenn man seine Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand heftet. Dazu soll Dir die Gesellschaft die Hand bieten; sie soll Deine schmerzlichen Gefühle lindern, Deinen Gedanken eine Richtung geben, welche Deinem Herzen wohlthue; aber diesen Dienst kann sie Dir nur leisten, wenn Du sie aufsuchst; sie sucht Dich nicht auf, denn sie weiß nicht, daß Du ihrer bedarfst. So mußt Du denn vor allem mit Dir selbst umzugehen wissen, ehe Dir die Wohlthat des Umgangs mit Andern zu Theil werden kann, mußt die Kraft haben, Dich in so weit zu ermannen, daß Du den Muth hast, mit einem traurigen oder verwundeten Herzen unter die Menschen zu treten, ohne Deinen Schmerz sichtbar werden zu lassen.
5.
Ehre Dich selbst, wenn Du willst, daß Andre Dich ehren sollen! Thue nichts im Verborgnen, dessen Du Dich schämen müßtest, wenn es ein Fremder sähe! Handle, weniger Andern zu gefallen, als um Deine eigne Achtung nicht zu verscherzen, gut und anständig! Selbst in Deinem Aeussern, in Deiner Kleidung halte Dir keine Nachlässigkeit zu gute, wenn Du allein bist! Gehe nicht schmutzig, nicht zerlumpt, nicht unrechtlich, nicht krumm, noch mit groben Manieren einher, wenn Dich niemand beobachtet! Mißkenne Deinen eignen Werth nicht! Verliere nie die Zuversicht zu Dir selber, laß das Bewußtseyn Deiner Menschenwürde, das Gefühl, wenn nicht eben so weise und geschickt, als manche Andre, zu seyn, doch weder an Eifer, es zu werden, noch an Redlichkeit des Herzens, irgend jemand nachzustehen, nie in Deinem Herzen ersterben. Begleitet es Dich in die Gesellschaft, so wirst Du nie aus Schüchternheit und Aengstlichkeit den Beitrag schuldig bleiben, den Du zur Unterhaltung liefern sollst.
6.
Verzweifle nicht, und werde nicht mißmüthig, wenn Du nicht die moralische oder intellectuelle Höhe erreichen kannst, auf welcher ein Anderer steht; und sey nicht so unbillig, andre gute Seiten an Dir zu übersehen, die Du vielleicht vor Jenen voraus haben magst! — Und wäre das auch nicht der Fall; müssen wir denn Alle groß seyn?
Willst Du im Umgange Genuß des Lebens, und Freunde finden, so laß Dich nicht von der Begierde blenden, den Ton anzugeben, und in der Gesellschaft zu glänzen. Mit dieser Begierde wirst Du überall Anstoß und Aergerniß geben und finden, und jede Auszeichnung theuer erkaufen; denn wer sich selbst erhöhet, den erniedrigt die Gesellschaft; sie wird hart und ungerecht gegen ihn, und zwingt ihn endlich, sie ganz aufzugeben. Ich begreife es wohl: diese Sucht, ein großer Mann zu seyn, ist bei dem inneren Gefühle von Kraft und wahrem Werthe schwer abzulegen. Wenn man so unter mittelmäßigen Geschöpfen lebt, und sieht, wie wenig diese erkennen und schätzen, was Gutes in uns ist, wie wenig man über sie vermag, wie die elendesten Pinsel, die alles im Schlafe erlangen, aus ihrer Herrlichkeit herunter blicken — ja! es ist hart! — Du versuchst es in allen Fächern: Im Staate geht es nicht; Du willst in Deinem Hause groß seyn; aber es fehlt Dir an Gelde, an dem Beistande Deines Weibes; Deine Laune wird von häuslichen Sorgen niedergedrückt; und so geht dann alles den Alltagsgang; Du empfindest tief, wie so alles in Dir zu Grunde geht; Du kannst Dich durchaus nicht entschließen, ein Mitglied des großen Haufens zu werden, und Dich auf der Heerstraße in schlechter Gesellschaft herumzutreiben. — Das alles fühle ich mit Dir; allein verliere doch darum nicht den Muth, den Glauben an Dich selbst und an die Würde und den Adel der Menschennatur; verzweifle darum nicht, Menschen auf Deinem Lebenswege zu finden, die Dich wieder mit der Welt aussöhnen. Und solltest Du sie nicht finden, könntest Du nicht eine Höhe erringen, auf welcher Du Dir selbst genug bist, und nur des Umgangs mit den Weisen des Alterthums und Deines Volks bedarfst? Du stehst auf dieser Höhe, wenn Du durch Reinheit, Güte und Kraft der Gesinnung ein Bewußtseyn Deines Werthes und Deiner Würde gewonnen, und durch sorgsame Bildung Deines Geistes Dir eine unerschöpfliche Quelle des Genusses eröffnet hast.
7.
Sey Dir selber ein angenehmer Gesellschafter! Mache Dir keine Langeweile; das heißt: sey nie ganz müßig! Lerne Dich selbst nicht zu sehr auswendig; sondern sammle aus Büchern und Menschen neue Ideen. Man glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen man wird, wenn man sich immer in dem Cirkel seiner eignen Lieblings-Begriffe herumdreht, und wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt.
Der langweiligste Gesellschafter für sich selbst ist man ohne Zweifel dann, wenn man mit seinem Herzen, mit seinem Gewissen in nachtheiliger Abrechnung steht. Wer sich davon überzeugen will, der gebe Acht auf die Verschiedenheit seiner Laune. Wie verdrießlich, wie zerstreuet, wie sehr sich selbst zur Last ist man nach einer Reihe zwecklos, vielleicht gar in strafbarem Genusse hingebrachter Stunden; und wie heiter, wie froh in der Unterhaltung mit sich selbst am Abend eines der Pflicht geweihten Tages!
8.
Es ist aber nicht genug, daß Du Dir selbst durch Heiterkeit und Gleichmuth, Thätigkeit und Betriebsamkeit ein lieber, angenehmer und unterhaltender Gesellschafter seyest, Du sollst Dich auch, fern von aller Schmeichelei, als Deinen eignen, treuesten und aufrichtigsten Freund zeigen; und wenn Du eben so viel Gefälligkeit gegen Deine Person, als gegen Fremde haben willst, so ist es auch Pflicht, eben so strenge gegen Dich, wie gegen Andre zu seyn. Gewöhnlich erlaubt man sich alles, verzeiht sich alles, und Andern nichts; gibt bei eignen Fehltritten, wenn man sie auch dafür anerkennt, dem Schicksale, oder unwiderstehlichen Trieben die Schuld, ist aber weniger duldend gegen die Verirrung seiner Brüder. — Das ist nicht gut gethan.
9.
Hüte Dich besonders vor der pharisäischen Tugend, welche der wahre Bettelstolz ist, und sprich also nicht zu Dir selbst, denke nicht bei Dir selbst: ich danke Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute, kein Tagedieb, kein Pflastertreter, kein Falschmünzer, kein Ehrloser u. dgl. m.; sondern beurtheile Dich nach den Graden Deiner Fähigkeiten, Anlagen, Erziehung, und der Gelegenheit, die Du gehabt hast, weiser und besser zu werden, als Viele. Halte hierüber oft in einsamen Stunden Abrechnung mit Dir selber, und frage Dich, als ein strenger Richter, ob Du also diese Winke zu höherer Vervollkommnung genützt habest?
Drittes Kapitel. Ueber den Umgang mit Menschen von verschiednen Gemüthsarten, Temperamenten und Stimmungen des Geistes und Herzens.
1.
Man pflegt gewöhnlich vier Hauptarten von Temperamenten anzunehmen, und zu behaupten, ein Mensch sey entweder cholerisch, phlegmatisch, sanguinisch, oder melancholisch. Obgleich nun wohl schwerlich je eine dieser Gemüthsarten so ausschließlich in uns wohnt, daß dieselbe nicht durch einen kleinen Zusatz von einer andern modificirt würde, da dann aus dieser unendlichen Mischung der Temperamente jene feinen Nüancen und die herrlichsten Mannigfaltigkeiten entstehen: so ist doch mehrentheils in dem Segelwerke jedes Erdensohns einer von jenen vier Hauptwinden vorzüglich wirksam, um seinem Schiffe auf dem Oceane dieses Lebens die Richtung zu geben. Soll ich mein Glaubensbekenntniß über die vier Haupt-Temperamente ablegen, so muß ich aus Ueberzeugung Folgendes sagen:
Bloß cholerische Leute flieht vernünftiger Weise Jeder, dem seine Ruhe lieb ist. Ihr Feuer brennt unaufhörlich, zündet und verzehret, ohne zu wärmen.
Bloß Sanguinische sind unzuverlässige Weichlinge, ohne Kraft und Festigkeit.
Bloß Melancholische sind sich selber, und bloß Phlegmatische Andern eine unerträgliche Last.
Cholerisch-sanguinische Leute sind die, welche in der Welt sich am mehrsten bemerklich machen und gefürchtet werden, welche Epoche machen, am kräftigsten wirken, herrschen, zerstören und bauen; cholerisch-sanguinisch ist also der wahre Herrscher- (der Despoten-) Charakter; aber nur noch ein Grad von melancholischem Zusatze, — und der furchtbarste Tyrann ist gebildet.
Sanguinisch-phlegmatische leben wohl am glücklichsten, am ruhigsten und ungestörtesten, genießen mit Lust, mißbrauchen nicht ihre Kräfte, kränken niemand, vollbringen aber auch nichts Großes; allein dieser Charakter, im höchsten Grade, artet in geschmacklose, dumme und grobe Wollust aus.
Cholerisch-melancholische richten viel Unheil an: Blutdurst, Rache, Verwüstung, Hinrichtung des Unschuldigen und Selbstmord sind nicht selten die Folgen dieser Gemüthsart.
Melancholisch-sanguinische zünden sich mehrentheils an beiden Enden zugleich an, und reiben sich selber an Leib und Seele auf.
Cholerisch-phlegmatische Menschen trifft man selten an; es scheint ein Widerspruch in dieser Zusammensetzung zu liegen; und dennoch gibt es deren, bei welchen diese beiden Extreme wie Ebbe und Fluth abwechseln, und solche Leute taugen durchaus zu keinen Geschäften, zu welchen gesunde Vernunft und Gleichmüthigkeit erfordert werden. Sie sind nur mit äusserster Mühe in Bewegung zu setzen, und hat man sie endlich in die Höhe gebracht, dann toben sie wie wilde Thiere umher, fallen mit der Thür in das Haus, und verderben alles durch ihren rasenden Ungestüm.
Melancholisch-phlegmatische Leute aber sind wohl unter allen die unerträglichsten, und mit ihnen zu leben, das ist für jeden vernünftigen und guten Menschen die Hölle auf Erden.
Noch einmal! die Mischungen sind unendlich verschieden. Wo man aber eins dieser Temperamente entschieden die Oberhand nehmen sieht, da findet man auch in seinem Gefolge gewisse, diesem Temperamente besonders eigne Tugenden und Laster. So sind z. B. sanguinische Leute mehrentheils eitel, aber wohlwollend, theilnehmend, ergreifen alles mit einer großen Lebhaftigkeit und selbst mit Leidenschaft; cholerische pflegen ehrgeizig zu seyn; melancholische sind mißtrauisch, und nicht selten geizig; und phlegmatische beharren eigensinnig auf vorgefaßten Meinungen, um sich die Mühe des Nachdenkens zu ersparen. — Man muß die Gemüthsarten der Menschen studiren, in so fern man im Umgange mit ihnen auf sie wirken will. Ich kann hier nur einzelne Fingerzeige geben, wenn ich mein Buch nicht zur Ungebühr ausdehnen will.
2.
Herrschsüchtige Menschen sind schwer zu behandeln, und passen nicht zum freundschaftlichen und geselligen Umgange. Sie wollen überall durchaus die erste Rolle spielen; alles soll nach ihrem Kopfe gehen. Was sie nicht ersonnen, angeordnet, bestimmt und gewollt haben, das verachten sie nicht nur; nein! sie zerstören es, wenn sie können. Wo sie hingegen an der Spitze stehen, oder wo man sie wenigstens glauben macht, daß alles nach ihrem Sinne gehe, und ihr Werk sey, da arbeiten sie mit unermüdetem Eifer, und stürzen alles vor sich weg, was ihrem Zwecke im Wege ist. Zwei herrschsüchtige Leute neben einander taugen zu gar nichts in der Welt, und zertrümmern alles um sich her, aus Privat-Leidenschaft. Hieraus nun ist leicht abzunehmen, wie man sich gegen solche Leute zu betragen habe, wenn man mit ihnen leben muß; und ich glaube darüber nichts hinzufügen zu dürfen.
3.
Ehrgeizige Menschen müssen ungefähr auf eben diese Art behandelt werden. Der Herrschsüchtige ist zugleich auch ehrgeizig, aber umgekehrt der Ehrgeizige nicht immer herrschsüchtig, sondern begnügt sich auch wohl mit einer Nebenrolle, in so fern er darin nur mit einigem Glanze zu erscheinen hoffen darf; ja es können Fälle kommen, wo er selbst in der Erniedrigung Ehre sucht; doch verzeiht er nichts weniger, als wenn man ihn an dieser schwachen Seite kränkt.
4.
Der Eitle will geschmeichelt seyn; Lob kitzelt ihn unaussprechlich; und wenn man ihm Aufmerksamkeit, Zuneigung, Bewundrung widmet: so braucht nicht eben große Ehrenbezeigung damit verbunden zu seyn. Da nun jeder Mensch mehr oder weniger von der Begierde, zu gefallen, sich geltend zu machen und vortheilhafte Eindrücke zu machen, beherrscht oder in Bewegung gesetzt wird: so kann man ohne Sünde hie und da einem sonst guten Menschen, dem diese kleine Schwachheit anklebt, in solchen Punkten ein wenig nachsehn; ein Wörtchen, das er gern hört, gegen ihn fallen lassen, ihm erlauben, an dem Lobe, das er einerndtet, sich zu erquicken, oder sich selbst bei Gelegenheit ein wenig zu loben. Das schändlichste Handwerk aber treiben die niedrigen Schmeichler, die durch unaufhörliches Weihrauch-Streuen eitlen Leuten den Kopf so betäuben, daß diese zuletzt nichts anders mehr hören mögen, als Lob; daß ihre Ohren für die Stimme der Wahrheit verschlossen sind, und daß sie jeden guten graden Mann fliehen und zurücksetzen, der sich nicht so weit erniedrigen kann, oder es für eine Art von Unbescheidenheit und Grobheit hält, ihnen dergleichen Süßigkeiten in's Gesicht zu werfen. Gelehrte und Damen pflegen am mehrsten in diesem Falle zu seyn, und ich habe deren einige gekannt, mit denen ein schlichter Biedermann deswegen fast gar nicht umgehen konnte. Wie die Kinder dem Fremden nach den Taschen schielen, um zu erfahren, ob man ihnen keine Zuckerplätzen mitgebracht hat; so horchen Jene auf jedes Wort, das Du sprichst, um zu vernehmen, ob es nicht etwas Verbindliches für sie enthält, und werden mürrischer Laune, sobald sie sich in ihrer Hoffnung betrogen finden. Der höchste Grad dieser Eitelkeit führt zu einem Egoismus, der zu aller gesellschaftlichen und freundschaftlichen Verbindung untüchtig macht, und dem Eiteln eben so sehr zur Last, wie dem zum Ekel wird, der mit ihm leben muß.
Obgleich man nun solchen eiteln Leuten nicht schmeicheln soll, so hat doch auch nicht Jeder Beruf, sich mit ihrer Zurechtweisung zu befassen, besonders wenn sie mit ihm in keiner nähern Verbindung stehen, noch weniger, sie zu demüthigen, oder ihnen jede Gefälligkeit und Höflichkeitsbezeigung zu versagen; und es ist unbillig, wenn diejenigen, welche täglich mit ihnen leben müssen, dieß von uns verlangen; wenn sie fordern, daß wir mit Hand anlegen sollen, ihre verzognen Freunde umzubilden.
Eitle Leute pflegen gern Andern zu schmeicheln, um dagegen desto größere Schmeicheleien als Bezahlung einzuholen, und weil sie das für das einzige würdige Opfer, für die einzige vollwichtige Münze halten.
5.
Von Herrschsucht, Ehrgeiz und Eitelkeit ist Hochmuth, so wie von Stolz, unterschieden. Ich möchte gern, daß man Stolz für eine edle Eigenschaft der Seele ansähe; für ein Bewußtseyn wahrer innrer Erhabenheit und Würde; für ein Gefühl der Unfähigkeit, niederträchtig zu handeln. Dieser Stolz führt zu großen, edlen Thaten; er ist die Stütze des Redlichen, wenn er von jedermann verlassen ist; er erhebt über Schicksal und schlechte Menschen, und erzwingt selbst von dem mächtigen Bösewichte den Tribut der Bewunderung, den er wider Willen dem unterdrückten Weisen zollen muß. Hochmuth hingegen brüstet sich mit Vorzügen, die er nicht hat; bildet sich auf Dinge etwas ein, die gar keinen Werth haben. Hochmuth ist es, der den Pinsel von sechszehn Ahnen aufbläht, und zu der Thorheit verleitet, daß er die Verdienste seiner Vorfahren — die oft nicht einmal seine ächten Vorfahren sind, und oft nicht einmal Verdienst gehabt haben, — sich anrechnet, als wenn Tugenden zu dem Inventario eines alten Schlosses gehörten! Hochmuth ist es, der den reichen Bürger so grob, so steif, so ungesellig macht. Und wahrlich! dieser pöbelhafte Hochmuth ist, da er mehrentheils von Mangel an Lebensart und ungeschickten Manieren begleitet wird, wo möglich, noch empörender als der des Adels. Hochmuth ist es, der den Künstler mit so viel Zuversicht zu seinen Talenten erfüllt, die, sollten sie auch von niemand anerkannt werden, ihn dennoch in seiner Meinung von sich selbst über alle Erdensöhne hinaussetzen. Er wird, wenn niemand ihn bewundert, eher auf die Geschmacklosigkeit der ganzen Welt schimpfen, als auf den natürlichen Gedanken gerathen, daß es wohl mit seiner Kunst nicht so ganz richtig seyn müsse.
Wenn dieser Hochmuth nun gar in einem armen, verachteten Subjekte wohnt, so wird er ein Gegenstand des Mitleidens, und pflegt eben nicht viel Unheil anzurichten. Er ist aber übrigens fast immer mit Dummheit gepaart, also durch keine vernünftigen Gründe zu bessern, und keiner bescheidnen Behandlung werth. Hier hilft nichts, als Uebermuth gegen Uebermuth zu setzen, oder den Schein anzunehmen, als bemerke man ein hochmüthiges Betragen gar nicht; oder Leute, die sich aufblasen, gar keiner Achtsamkeit zu würdigen, sie anzusehen, wie man auf einen leeren Platz hinblickt, selbst wenn man ihrer bedarf; denn je mehr man nachgibt, desto mehr fordern, desto übermüthiger werden sie. Bezahlt man sie aber mit gleicher Münze, so weiß ihre Dummheit nicht, was sie aus dieser Erfahrung machen soll, fühlt sich aber doch gedemüthigt, und spannt gewöhnlich andre Saiten auf.
6.
Mit sehr empfindlichen, leicht zu beleidigenden Leuten ist es nicht angenehm umzugehen. Allein diese Empfindlichkeit kann verschiedne Quellen haben. Hat man daher nachgespürt, ob der Mann, mit welchem wir leben müssen, und der leicht durch ein kleines unschuldiges Wörtchen, oder durch eine zweideutige Miene, oder durch einen Mangel an Aufmerksamkeit, gekränkt und vor den Kopf gestoßen wird, aus Eitelkeit, wie es mehrentheils der Fall ist, oder aus Ehrgeiz, oder weil er oft von bösen Menschen hintergangen und geneckt worden ist, oder endlich deswegen so leicht sich beleidigt glaubt, weil sein Herz zu zärtlich fühlt, weil er von Andern eben so viel verlangt, als er ihnen selbst gibt: so muß man sein Betragen danach einrichten, und jeden Anstoß dieser Art sorgfältig und aus Achtung zu vermeiden suchen; doch ist diese Aufgabe allerdings oft eine sehr schwere Aufgabe, und nur ein bescheidenes, dankbares und gefühlvolles Herz vermag sie zu lösen. Ist er übrigens redlich und verständig, so wird seine Verstimmung nicht lange dauren; er wird durch eine gerade, freundliche Erklärung bald zu besänftigen seyn; er wird zu denen, welche er für wahre Freunde erkennt, ein unbegrenztes Vertrauen fassen, und endlich, wenn man immer edel und offen mit ihm umgeht, von seiner Schwachheit zurückkommen.
Von allen diesen Thoren und Schwächlingen sind in der That diejenigen am schwersten zu befriedigen, und der Gesellschaft am lästigsten, die sich jeden Augenblick vernachlässigt, zurückgesetzt, nicht genug geehrt glauben. Es ist ein großes Unglück, in diesen Fehler zu verfallen, denn man verkümmert und verbittert sich durch solch eine thörichte Reizbarkeit nicht nur jedes gesellschaftliche Vergnügen, sondern fällt auch Andern zur Last, macht sich verhaßt, oder wenigstens gefürchtet, und erreicht nicht, was man zu erreichen so ängstlich strebt.
7.
Eigensinnige Menschen sind viel schwerer zu behandeln, als sehr empfindliche; doch ist mit ihnen auszukommen, wenn sie übrigens verständig sind. Sie pflegen dann, in so fern man ihnen nur in dem ersten Augenblicke nachzugeben scheint, bald von selber der Stimme der Vernunft Gehör zu geben, ihr Unrecht und die Feinheit unsrer Behandlung zu fühlen, und wenigstens auf eine kurze Frist geschmeidiger zu werden. Ein Elend aber ist es, Starrköpfigkeit in Gesellschaft von Dummheit anzutreffen und behandeln zu müssen. Da helfen weder Gründe, noch Schonung. Es ist da mehrentheils nichts weiter zu thun, als einen solchen steifsinnigen Pinsel blindlings handeln zu lassen, ihn aber so in seine eignen Ideen, Plane und Unternehmungen zu verwickeln, daß er, wenn er durch übereilte, unkluge Schritte in Verlegenheit geräth, sich selbst nach unsrer Hülfe sehnen muß. Dann läßt man ihn eine Zeitlang zappeln, wodurch er nicht selten demüthig und folgsam wird, und das Bedürfniß, geleitet zu werden, fühlt. Hat aber ein schwacher, eigensinniger Kopf von ungefähr ein einzigmal gegen uns Recht gehabt, oder uns über einen kleinen Fehler erwischt; dann thue man nur Verzicht darauf, ihn je wieder zu leiten! Er wird uns immer zu übersehen glauben, und unsrer Einsicht und Rechtschaffenheit nie trauen; und das ist eine höchst verdrießliche Lage.
Bei diesen beiden Gattungen von Menschen aber helfen in dem ersten Augenblicke keine noch so nachdrückliche Vorstellungen, indem sie dadurch nur noch mehr verhärtet werden. Hängen wir von Ihnen ab, und sie geben uns Aufträge, wovon wir voraussehen, daß sie nachher von ihnen selbst werden gemißbilligt werden: so kann man nichts Klügeres thun, als ihnen ohne Widerrede Gehorsam zu versprechen, aber entweder die Befolgung so lange zu verschieben, bis sie sich indeß eines Bessern besinnen, oder in der Stille die Sache nach eignen Einsichten einzurichten, welches sie gewöhnlich in ruhigen Augenblicken zu billigen pflegen, besonders wenn man sich den Schein zu geben weiß, als habe man ihren Befehl also verstanden, und es klüglich unterläßt, sich seiner besseren Einsicht zu rühmen; eine Selbstverleugnung, die sich sogleich belohnt.
Nur in sehr wenig dringenden, oder sonst höchst wichtigen Fällen kann es nützlich und nöthig seyn, Eigensinn gegen Eigensinn aufzuspannen, und schlechterdings nicht nachzugeben. Doch geht alle Wirkung dieses Mittels verloren, wenn man es zu oft, und bei unbedeutenden Gelegenheiten, oder gar da anwendet, wo man Unrecht hat. Wer immer zankt, der hat die Vermuthung gegen sich, immer Unrecht zu haben; es ist also weise gehandelt, den Andern in diesen Fall zu setzen.
8.
Eine besondre Gemüthsart, die mehrentheils aus Eigensinn entspringt, doch auch wohl zuweilen bloß Sonderbarkeit, oder ungesellige Laune, oder nur üble Gewohnheit zur Quelle hat, ist die Zanksucht. Es gibt Menschen, die alles besser wissen wollen, allem widersprechen, was man vorbringt; oft gegen eigene Ueberzeugung widersprechen, um nur das Vergnügen zu haben, streiten zu können. Andre setzen eine Ehre darein, Paradoxen aufzustellen, um sich ein Ansehn von Tiefsinn zu geben; Dinge zu behaupten, die kein Vernünftiger irgend ernstlich also meinen kann, bloß damit man mit ihnen darüber plaudern solle. Endlich noch Andre, die man Querelleurs (Stänker) nennt, suchen vorsätzlich Gelegenheit zu persönlichem Zanke, um eine Art von Triumph über furchtsame Leute zu gewinnen, über Leute, die wenigstens noch feiger sind, als sie; oder, wenn sie mit dem Degen umzugehen wissen, ihren falschen und tollen Muth in einem thörichten Zweikampfe zu zeigen.
In dem Umgange mit allen diesen Leuten ist unüberwindliche Kaltblütigkeit, die sich durchaus nicht in Hitze bringen läßt, das unfehlbare Mittel, sie in Verlegenheit zu bringen, und zum Nachgeben oder zu einem versteckten Rückzuge zu nöthigen. Mit denen von der ersten Gattung lasse man sich in gar keinen Streit ein, sondern breche gleich das Gespräch ab, sobald sie aus Muthwillen anfangen, zu widersprechen. Dieß ist das einzige Mittel, ihrem Zankgeiste, wenigstens gegen uns, Schranken zu setzen, und viel unnütze Worte zu sparen. Denen von der zweiten Gattung kann man je zuweilen die Freude machen, ihre Paradoxen ein wenig zu bekämpfen, oder doch besser, zu bespötteln. Die Letztern aber müssen viel ernsthafter behandelt werden. Kann man ihre Gesellschaft nicht vermeiden: kann man in derselben, durch ein entfernendes, kaltsinniges und zurückgezogenes Betragen ihrer Zudringlichkeit und ihren Grobheiten nicht ausweichen: so rathe ich, einmal für allemal ihnen so kräftig zu begegnen, daß ihnen die Lust vergehe, sich ein zweitesmal an uns zu reiben. Saget ihnen auf der Stelle, in unzweideutigen, männlichen Ausdrücken Eure Meinung, und lasset Euch durch ihre Aufschneiderei nicht irre machen! Man wird mir zutrauen, daß ich über den Zweikampf so denke, wie jeder vernünftige Mann darüber denken muß, nämlich, daß er eine unmoralische, unvernünftige Handlung sey. Sollte nun aber auch jemand, seiner bürgerlichen Lage nach, zum Beispiel ein Officier, durchaus sich dem Vorurtheile unterwerfen müssen, eine Beleidigung durch die andre und durch persönliche Rache auszulöschen: so kann doch dieser Fall nie dann eintreten, wenn er, ohne die geringste Veranlassung von seiner Seite, hämischer Weise angetastet wird; und der hat doppelt Unrecht, der gegen einen sogenannten Raufer mit andern Waffen, als mit Verachtung, oder, wenn es ihm gar zu nahe gelegt wird, anders, als mit einem geschmeidigen spanischen Rohre kämpft, und hat nachher Unrecht, wenn er ihm Genugthuung gibt, wie man das zu nennen pflegt.
Im Allgemeinen aber wohnt in manchen Menschen ein sonderbarer Geist des Widerspruchs. Sie wollen immer haben, was sie nicht erlangen können; sind nie mit dem zufrieden, was Andre thun; murren gegen Alles, was grade sie nicht also bestellt haben, und wäre es auch noch so gut. Es ist bekannt, daß man solche Leute sehr oft dadurch leiten kann, daß man ihnen entweder das Gegentheil von dem vorschlägt, was man gern durchsetzen möchte, oder auf andre Weise sie unvermerkt dahin bringt, daß sie unsre eignen Ideen gegen uns durchsetzen müssen.
9.
Jähzornige Leute beleidigen nicht mit Vorsatz. Sie sind aber nicht Meister über die Heftigkeit ihres Temperaments; und so vergessen sie sich in solchen stürmischen Augenblicken selbst gegen ihre geliebtesten Freunde, und bereuen nachher zu spät ihre Uebereilung. Ich brauche wohl nicht zu erinnern, daß Nachgiebigkeit — vorausgesetzt, daß diese Leute, andrer guten Eigenschaften wegen, einiger Schonung werth scheinen, denn ausserdem muß man sie gänzlich fliehen; — daß weise Nachgiebigkeit und Sanftmuth die einzigen Mittel sind, den Jähzornigen zur Vernunft zurückzuführen. Allein ich muß dabei erinnern, daß, phlegmatische Kälte dem Erzürnten entgegen zu setzen, ärger als der heftigste Widerspruch ist; er glaubt sich dann verachtet, und wird doppelt aufgebracht.
10.
Wenn der Jähzornige nur aus Uebereilung Unrecht thut, und über den kleinsten Anschein von Beleidigung in Hitze geräth; nachher aber auch eben so schnell wieder das zugefügte Unrecht bereuet, und das erlittene verzeiht; so verschließt hingegen der Rachgierige seinen Groll im Herzen, bis er Gelegenheit findet, ihm vollen Lauf zu lassen. Er vergißt nicht, vergibt nicht, auch dann nicht, wenn man ihm Versöhnung anbietet, wenn man alles, nur keine niederträchtigen Mittel anwendet, seine Gunst wieder zu erlangen. Er erwiedert sowohl das ihm zugefügte wahre, als das vermeintliche Uebel, und dieß nicht nach Verhältniß der Größe und Wichtigkeit desselben, sondern tausendfältig; für kleine Neckereien, wirkliche Verfolgung; für unüberlegte Ausdrücke, in Uebereilung geredet, thätige Mißhandlung; für eine Kränkung unter vier Augen, öffentliche Genugthuung; für beleidigten Ehrgeiz, Zerstörung wesentlicher Glückseligkeit. Seine Rache schränkt sich nicht auf die Person ein, sondern erstreckt sich auch auf die Familie, auf die bürgerliche Existenz und auf die Freunde des Beleidigers. Mit einem solchen Manne leben müssen, das ist in Wahrheit ein höchst trauriges Loos, und ich kann da nichts rathen, als daß man, so viel möglich, vermeide, ihn zu beleidigen, und zugleich sich in eine Art von ehrerbietiger Furcht bei ihm setze, die überhaupt das einzige wirksame Mittel ist, schlechte Leute im Zaume zu halten.
11.
Faule und phlegmatische Menschen müssen ohne Unterlaß getrieben werden; und da doch fast jeder Mensch irgend eine herrschende Leidenschaft hat: so findet man zuweilen Gelegenheit, durch Aufregung derselben solche schläfrige Geschöpfe in Bewegung zu setzen.
Es gibt unter ihnen solche, die bloß aus Unentschlossenheit die kleinsten Arbeiten jahrelang liegen lassen, ohne durch die Verlegenheit oder Beschämung gerührt zu werden, welche sie sich dadurch zuziehen, oder Andern verursachen, und ohne vor den Folgen zu erschrecken, die eine solche Saumseligkeit früher oder später herbeiführen muß. Auf einen Brief zu antworten, eine Quittung zu schreiben, eine Rechnung zu bezahlen — ja! das ist eine Haupt- und Staats-Action, zu welcher unbeschreibliche Vorbereitungen gehören, und zu der sie sich, selbst bei den dringendsten Bitten und Anmahnungen, nicht entschließen können. Bei ihnen muß man zuweilen wirklich Gewalt brauchen; und ist das schwere Werk einmal überstanden, dann pflegen sie sich recht dankbar zu bezeigen, so übel sie auch anfangs unsre Zudringlichkeit aufnahmen. Aber wehe diesen Unentschlossenen, wenn sie nicht einen kräftigen Freund haben, der ihnen zu ihrer Rettung Gewalt anthut, und einmal alle Schonung aus den Augen setzt, um ihren Dank zu verdienen!
12.
Mißtrauische, argwöhnische, mürrische und verschlossene Leute sind wohl unter allen Lästigen und Widerwärtigen diejenigen, in deren Umgang ein edler gerader Mann am wenigsten von den Freuden des geselligen Lebens schmeckt. Wenn man jedes Wort abwägen, jeden unbedeutenden Schritt abmessen muß, um ihnen keine Gelegenheit zu schändlichem Verdachte zu geben; wenn kein Funken von erquickender Freude aus unserm Herzen in das ihrige übergeht; wenn sie keinen frohen Genuß mit uns theilen; wenn sie die Wonne der seltnen heitern Augenblicke, welche uns das Schicksal gönnt, uns nicht nur durch Mangel an Theilnehmung verkümmern und verbittern, sondern sogar, mitten in unsern glücklichsten Launen, uns unfreundlich stören, aus unsern süßesten Träumen uns verdrießlich aufwecken; wenn sie unsre Offenherzigkeit nie erwiedern, sondern immer auf ihrer Hut sind, in ihrem zärtlichsten Freunde einen Bösewicht, in ihrem treuesten Diener einen Betrüger und Verräther zu sehen glauben; dann gehört wahrlich ein hoher Grad von fester Rechtschaffenheit dazu, um nicht darüber selbst schlecht und menschenfeindlich zu werden. Hiebei ist nichts zu thun, wenn ein ungezwungenes, immer gleich redliches Betragen vergebens angewendet wird, wenn es nichts hilft, daß man ihnen jeden Zweifel, sobald man desselben gewahr wird, durch kräftige Vorstellungen benimmt, als daß man sich um ihren Argwohn und um ihr mürrisches Wesen schlechterdings nicht bekümmre, sondern muthig und munter den Weg fortgehe, den uns Klugheit und Gewissen vorschreiben. Uebrigens sind solche Menschen herzlich zu bedauern; sie leben sich und Andern zur Qual. Es liegt bei ihnen nicht immer Bösartigkeit zum Grunde; nein! eine unglückliche Stimmung des Gemüths, dickes Blut, oft auch Einwirkung des Schicksals, wenn sie gar zu oft sind hintergangen worden — das sind mehrentheils die Quellen ihrer Seelenkrankheit. Und diese Krankheit ist in jüngern Jahren nicht ganz unheilbar, wenn die, welche ein solches Gemüth zu leiten haben, stets edel und grade mit ihm umgehen, ohne sich um seine Grillen und Launen zu bekümmern; nur so ist es möglich, die unglückliche Anlage zum Argwohn zu vertilgen, und ein ängstlich-scheues Gemüth mit dem seligmachenden Glauben auszustatten, daß es noch Redlichkeit und Freundschaft in der Welt gibt. Bei Personen von höherem Alter hingegen wird in der Regel jeder Versuch, ihnen diesen Glauben einzuflößen, fehlschlagen, und dies Uebel so tiefe Wurzel fassen, daß nichts übrig bleibt, als ihm Geduld und Kaltblütigkeit entgegen zu setzen.
Am mehrsten sind diejenigen zu beklagen, bei denen dies Mißtrauen bis zum Menschenhasse gestiegen ist. Der Verfasser des Schauspiels: Menschenhaß und Reue, läßt in demselben den Major sagen, ich hätte vergessen, Vorschriften »für den Umgang mit dieser Art von Menschen zu geben.« Es ist wahr, ich habe hier wenig darüber gesagt: allein es ist auch unmöglich, dazu allgemeine Regeln vorzuschlagen, da es nothwendig ist, bei jedem einzelnen Falle genau mit den Quellen des Uebels bekannt zu seyn. In der Regel wird sichtbare, aber von aller Zudringlichkeit entfernte Theilnahme, kräftige Zurückweisung ungerechter Menschenverachtung durch Hinweisung auf Menschengröße und Edelmuth, besonders aber die zart und klug herbeigeführte Gelegenheit, Menschen aus großem Elende zu retten, und ihren Dank zu erwerben, nicht ohne Wirkung bleiben. Lebt ein Menschenhasser, ganz ohne Familien-Verbindung, in öder Einsamkeit oder Zurückgezogenheit, so ist er nicht zu retten. Hat er das Glück, in eine große Gefahr zu gerathen, und durch edelmüthige Selbstverleugnung, durch den Muth der großmüthigsten Menschenliebe, durch die Wunderthat eines großherzigen Menschenfreundes gerettet zu werden, so ist gründliche Heilung zu hoffen.
13.
Neidische, schadenfrohe, mißgünstige und eifersüchtige Gemüthsarten sollten wohl nur das Erbtheil hämischer, niederträchtiger Menschen seyn; und doch trifft man leider einen unglücklichen Zusatz von diesen bösen Eigenschaften in den Herzen solcher Leute an, die übrigens manche gute Eigenschaft haben. — So schwach ist die menschliche Natur! — Ehrgeiz und Eitelkeit können in uns das Gefühl erwecken, Andern ein Glück nicht zu gönnen, nach welchem wir ausschließlich streben; sey es nun Vermögen, Glanz, Ruhm, Schönheit, Gelehrsamkeit, Macht, ein Freund, eine Geliebte, oder was es auch sey; und sobald diese Empfindung einen gewissen Widerwillen gegen die Person in uns erzeugt hat, die, trotz unsrer Mißgunst, trotz unsrer Eifersucht, im Besitze jenes ihr mißgönnten Guts bleibt: dann können wir uns heimlich eines schadenfrohen Kitzels nicht erwehren, wenn es dieser Person ein wenig widrig geht, und die Vorsehung unsre feindseligen Gesinnungen, besonders, wenn wir schwach genug waren, sie zu äußern, gleichsam rechtfertigt. Ich werde bei den Gelegenheiten, wenn von Künstler-, Gelehrten- und Handwerks-Neide, von Mißgunst unter Fürsten, Vornehmen, Reichen und Leuten, die in der großen Welt leben, von Eifersucht unter Ehegenossen, Freunden und Geliebten die Rede seyn wird, manches sagen, was auch hier anwendbar, aber überflüssig zu wiederholen seyn würde, und es bleibt mir wirklich nichts hinzuzufügen übrig, als daß, um allem Neide in der Welt auszuweichen, man auf jede gute Eigenschaft, so wie auf Alles, was Erfolg unsrer Bemühungen und Glück heißt, Verzicht thun, und, wenn es darauf ankömmt, mitten unter einem Schwarme von mißgünstigen Leuten zu leben, und dennoch dem Neide und der Eifersucht so wenig als möglich Nahrung zu geben, seine Vorzüge, seine Kenntnisse und seine Talente mehr verbergen als kund machen, keine Art von Uebergewicht zeigen, anscheinend wenig fordern, wenig begehren, auf Weniges Ansprüche machen, und wenig leisten müsse.
Jener Neid nun erzeugt dann oft die schrecklichen Verleumdungen, denen auch der edelste Mann ausgesetzt ist. Es läßt sich nicht fest bestimmen, wie man sich in jedem Falle zu betragen habe, wenn man verleumdet wird. Oft erfordern Redlichkeit und Klugheit die schnellste und deutlichste Darstellung der wahren Beschaffenheit; oft hingegen ist es unter der Würde eines rechtschaffenen Mannes, sich auf Erläuterungen und Rechtfertigungen einzulassen. Der Pöbel hört nicht auf, uns zu necken, wenn er sieht, daß es uns wehe thut, und die Zeit pflegt, früh oder spät, die Wahrheit an das Licht zu ziehen.
14.
Der Geiz ist eine der unedelsten, schändlichsten Leidenschaften. Man kann sich keine Niederträchtigkeit denken, deren ein Geizhals nicht fähig wäre, wenn seine Begierde nach Reichthümern in das Spiel kömmt, und jede Empfindung besserer Art, Freundschaft, Mitleid, Wohlwollen, finden keinen Eingang in sein Herz, wenn sie kein Geld einbringen; ja, er gönnt sich selber die unschuldigsten Vergnügungen nicht, in so fern er sie nicht unentgeldlich schmecken kann. In jedem Fremden sieht er einen Dieb, und in sich selber einen Schmarotzer, der auf Unkosten seines bessern Ichs, seines Mammons, zehrt.
Allein in den jetzigen Zeiten, wo der Luxus so übertrieben wird, wo die Bedürfnisse, auch des mäßigsten Mannes, der in der Welt leben und eine Familie unterhalten muß, so groß sind; wo der Preis der nöthigen Lebensmittel täglich steigt; wo die Macht des Geldes so viel entscheidet; wo der Reiche ein so beträchtliches Uebergewicht über den Armen hat; wo endlich von der einen Seite Betrug und Falschheit, und von der andern Mißtrauen und Mangel an Theilnahme und Wohlwollen in allen Ständen sich ausbreiten; in diesen Zeiten der Selbstsucht und des Egoismus, meine ich, hat man Unrecht, wenn man einen sparsamen, vorsichtigen Mann, ohne nähere Prüfung seiner Verhältnisse und der Bewegungsgründe, welche seine Handlungen leiten, sogleich für einen Knicker erklärt. Man möchte vielmehr diejenigen, welche das Beispiel einer Sparsamkeit geben, die eben so sehr von Menschenliebe, als von Klugheit und Vorsicht erzeugt und belebt wird, für Ruhmwürdige erklären, weil doch in der That kein geringer Grad von Seelenstärke und Weisheit dazu erfordert wird, um den Grundsätzen einer strengen Sparsamkeit getreu zu bleiben, und dem Urtheil der Welt eine unwandelbare Entschlossenheit entgegen zu setzen.
Es gibt ferner unter den wirklichen geizigen Leuten solche, die neben dieser Geld-Begierde noch von einer andern mitherrschenden Leidenschaft regiert werden. Diese scharren dann zusammen, sparen, betrügen Andre und versagen sich alles, außer da, wo es auf Befriedigung dieser Leidenschaft ankömmt; sey es nun Wollust, Gefräßigkeit, Ehrgeiz, Eitelkeit, Neugier, Spielsucht, oder was es auch immer sey. So habe ich Menschen gekannt, die, um einen Louisd'or zu gewinnen, Bruder und Freund verrathen, und sich der öffentlichen Beschimpfung ausgesetzt haben würden; hundert für den sinnlichen Genuß eines Augenblicks hingegebene Gulden hingegen für gut angelegtes Geld hielten.
Noch Andre rechnen so schlecht, daß sie Heller sparen, und Thaler wegwerfen. Sie lieben das Geld, aber sie verstehen nicht, damit umzugehen. Um also die Summen wieder zu erhaschen, um welche sie von Gaunern, Abentheurern und Schmeichlern betrogen werden, geben sie ihrem Gesinde nicht satt zu essen; und um tausend Thaler wieder zu gewinnen, die sie verschleudert haben, wechseln sie auf die unanständigste Weise aller Orten einzelne feine Gulden ein, damit sie an jedem vielleicht einen Heller Aufgeld gewinnen.
Endlich noch Andre sind in allen Stücken freigebig, und achten das Geld nicht; in einem einzigen Punkte aber, worauf sie gerade eine thörichte Wichtigkeit setzen, sind sie lächerlich geizig. Meine Freunde haben mir oft im Scherze vorgeworfen, daß ich auf diese Art karg in Schreib-Materialien sey, und ich gestehe diese Schwachheit. So wenig reich ich bin, so kostet es mich doch geringere Ueberwindung, mich von einem halben Gulden, als von einem holländischen Brief-Bogen zu scheiden, obgleich man für zwölf Groschen vielleicht ein Buch des feinsten Papiers kaufen kann. Ja, ich habe reiche und freigebige Leute gekannt, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, Kleinigkeiten, auf welche sie einen vorzüglichen Werth setzten, zu entwenden, wo sie dergleichen liegen sahen. Jene Art der Sparsamkeit, welche auch das Geringste, was noch auf irgend eine Art brauchbar ist, zu erhalten und zu bewahren sucht, ist unstreitig die rechte, denn sie geht von einer richtigen Schätzung der Dinge aus, und haßt alles Vergeuden und Verschwenden, weil es Charakterschwäche, und eine Art von Undankbarkeit und Kurzsichtigkeit ist. Darum läßt Engel in der bekannten Erzählung seinen Herrn Timm sogleich mit großer Bereitwilligkeit dem Manne einen Vorschuß leisten, der eine Nadel liegen sieht, und sie sorgfältig aufnimmt und bewahrt.
Die allgemeine Regel im Umgange mit geizigen Leuten ist wohl die, daß, wenn man ihre Gunst erhalten will, man nichts von ihnen fordern müsse. Da dieß nun aber nicht immer möglich ist, so scheint es der Klugheit gemäß, daß man prüfe, zu welcher der vorhin geschilderten Gattungen von Geizigen der Mann, mit dem man es zu thun hat, gehöre, um danach seine Behandlung einzurichten.
Ueber den Umgang mit Verschwendern brauche ich nichts zu sagen, als daß der verständige Mann sich nicht durch ihr Beispiel zu thörichten Ausgaben verleiten lassen, und daß der redliche Mann von ihrer übel geordneten Freigebigkeit weder für sich, noch für Andre, Vortheile ziehen soll.
15.
Sollen wir jetzt von dem Betragen gegen Undankbare reden? Ich habe bei mancher Gelegenheit erinnert, daß man auf dieser Erde auch bei den edelsten und weisesten Handlungen, weder auf Erfolg, noch auf Dankbarkeit rechnen dürfe. Diesen Grundsatz soll man, wie ich dafür halte, nie aus den Augen verlieren, wenn man nicht karg mit seinen Dienstleistungen, feindselig gegen seine Mitmenschen werden, noch gegen Vorsehung und Schicksal murren will. Bei dem Allen aber müßte man jeder menschlichen Empfindung entsagt haben, wenn es uns nicht kränken sollte, daß Menschen, denen wir treulich, eifrig und uneigennützig gedient, die wir aus der Noth gerettet, denen wir uns ganz gewidmet, für die wir uns vielleicht aufgeopfert haben, uns vernachlässigen, sobald sie unsrer nicht mehr bedürfen, oder gar verrathen, verfolgen, mißhandeln, wenn sie dadurch zeitliche Vortheile, oder die Gunst unsrer mächtigen Feinde gewinnen können. Doch wird der weise Menschenkenner und warme Freund des Guten sich dadurch nicht abschrecken lassen, großmüthig zu handeln. Mit Bezug auf das, was hierüber im zehnten Kapitel des zweiten Theils und im fünften Abschnitte des zweiten Kapitels in dem dritten Theile gesagt wird, erinnere ich nur nochmals für die, welche noch dieser Erinnerung bedürfen, daß jede gute Handlung sich selbst durch ein seliges Bewußtseyn am reichsten belohnt; ja, daß der Edle eine neue Quelle von innerer Freude aus der Undankbarkeit der Menschen zu schöpfen versteht, nämlich die Freude, sich bewußt zu seyn, gewiß uneigennützig, bloß aus Liebe zum Guten, ihnen Gutes gethan zu haben, besonders wenn er voraus weiß, daß er auf keine Erkenntlichkeit rechnen darf. Er bedauert die Verkehrtheit Derer, die fähig sind, ihres Wohlthäters zu vergessen, und läßt sich dadurch nicht abhalten, den Menschen zu dienen, die seiner Hülfe um so nöthiger bedürfen, je schwächer sie sind, je weniger Glück sie in sich selber, in ihrem Herzen haben.
Klage also nicht über die Undankbarkeit, mit welcher man Dir lohnt; wirf sie dem nicht vor, der sie Dir beweist, und Dich dadurch kränkt; fahre fort, ihn großmüthig zu behandeln; nimm ihn wieder auf, wenn er zu Dir zurückkehrt! Vielleicht geht er endlich in sich, fühlt den ganzen Werth, die Zartheit und das Große Deiner Behandlung, und wird dadurch gebessert; — wenn nicht: so denke, daß jedes Laster sich selbst bestraft, und daß das eigne Herz des Bösewichts und die unausbleibliche Folge seiner Niederträchtigkeit Dich an ihm rächen werden. — O! welch' ein langes Kapitel über die Undankbarkeit der Menschen könnte ich schreiben, wenn ich nicht, aus Schonung gegen Die, welche sich von dieser Seite an mir versündigt haben, meine vielfachen traurigen Erfahrungen in diesem Fache lieber verschweigen wollte, und wenn ich es leugnen dürfte, daß man zuweilen durch die verfehlte Art des Wohlthuns Undankbare mache; eine Schuld, von welcher sich selbst die Edelsten nicht frei sprechen dürfen.
16.
Manchen Leuten ist es schlechterdings unmöglich, in irgend einer Sache den geraden Weg zu gehen. Ränke und Winkelzüge mischen sich in alle ihre Unternehmungen, ohne daß sie deswegen von Grund aus böse sind. Eine unglückliche Stimmung des Gemüths, und die Einwirkung von Lebensart und Schicksalen können diesen Charakter bilden. So wird zum Beispiel ein sehr mißtrauischer Mann auch wohl zuweilen die unschuldigste Handlung heimlich thun, sich verstellen, und seinen wahren Zweck verschleiern. Ein Mann von übel geordneter Thätigkeit, oder von zu vielem raschen Feuer, — ein schlauer unternehmender Kopf, der in einer Lage ist, wo ihm alles zu einfach hergeht, wo es ihm an Gelegenheit fehlt, seine Talente zu entwickeln, wird allerlei schiefe Seitensprünge wagen, um seinen Wirkungskreis zu erweitern, oder mehr Interesse in die Scene zu bringen; und dann wird er nicht immer ekel genug in der Wahl seiner Mittel seyn. Ein sehr eitler Mensch wird in manchen Fällen versteckt handeln, um seine Schwäche zu verbergen. Ein Mann, der lange an Höfen gelebt hat, um sich her nichts als Verstellung, Intrigue, Cabale und Gegeneinanderwirken zu sehen, und selbst auf geradem Wege nichts zu erlangen gewohnt ist, findet ein Leben, das ohne Verwickelung fortgeht, zu einförmig; er wird seine unbedeutendsten Schritte so thun, daß man ihm nicht nachspüren kann, und seinen unschuldigsten Handlungen einen räthselhaften Anschein geben. Der Jurist, der sich stets mit den Spitzfindigkeiten der Chikane beschäftigt, findet innigen Seelen-Genuß darin, daß er in Worten und Werken allerlei Cautelen und Winkelzüge anbringt. Wer seine Gehirn-Nerven durch Romanen-Lesen und andre phantastische Träumereien überspannt, oder wer durch ein üppiges, müssiges Leben, durch schlechte Gesellschaft und unglückliche Verhältnisse, den Sinn für Einfalt, kunstlose Natur und Wahrheit verloren hat, der kann ohne Intrigue nicht existiren, — und so gibt es eine Menge Menschen, die, was sie auf geradem Wege erlangen könnten, nicht halb so eifrig wünschen, als das, was sie heimlich und auf den Wegen der List und des Betrugs zu erschleichen hoffen. Man kann aber auch endlich den edelsten, offenherzigsten Menschen, besonders in jüngern Jahren, zu Winkelzügen verleiten, wenn man ihm ohne Unterlaß Mißtrauen zeigt, oder ihn mit einer so nachsichtslosen Strenge behandelt, ihn in einer solchen Entfernung von uns hält, daß er kein Zutrauen zu uns haben kann.
Was nun auch dazu beigetragen haben mag, manchen Menschen Ränke und Winkelzüge zur Gewohnheit zu machen, so ist wohl folgende Art, sich gegen sie zu betragen, die beste, die man wählen kann.
Man handle selbst immer so offen und unverstellt, und zeige sich ihnen in Worten und Thaten als einen so entschiednen Feind von allem, was Schiefigkeit, Intrigue und Verstellung heißt, und als einen so warmen Verehrer jedes redlichen, aufrichtigen Mannes, daß sie wenigstens fühlen, wie viel sie in unsern Augen verlieren, und welche Verachtung sie sich zuziehen würden, wenn wir sie auf Schleichwegen ertappten!
Man flöße ihnen durch eine männliche Aeusserung des Abscheus gegen alle Hinterlist und Falschheit eine gewisse Ehrerbietung ein, und versage ihnen so lange sein Vertrauen nicht, als sie sich offen und redlich zeigen. Man gebe ihnen zu erkennen, daß man sie für unfähig halte, hinterlistig und unredlich zu seyn, und rege dadurch ihr schlummerndes Ehrgefühl auf.
Willst Du die Anschläge ihrer Hinterlist zerstören, so tritt ihnen mit Festigkeit und Entschlossenheit entgegen, wenn Du merkst, daß sie Böses im Sinne haben, und lege ihnen solche Fragen vor, worauf sie nothwendig eine bestimmte und unumwundene Antwort geben, oder sich verrathen müssen. Sieh ihnen dabei fest und kräftig in's Gesicht, mit einem Blicke, der sie durchbohrt, und Du wirst sie zwingen, sich selbst zu verachten, oder über sich selbst zu erschrecken, wirst ihnen wenigstens, wenn sie keiner guten Regung mehr fähig sind, Furcht und Besorgniß einflößen, und sie dadurch nöthigen, ihren Plan aufzugeben. Stottern sie, suchen sie auszuweichen: so brich entweder ab, um ihnen zu verstehen zu geben, daß Du ihnen die Schande eines Betrugs ersparen wollest; nimm aber dann ein kaltes und entfernendes Betragen gegen sie an, oder warne sie mit freundlichem, doch ernsthaftem Wesen, ihrer nicht unwürdig zu handeln!
Haben sie Dich dennoch einmal hintergangen, so nimm die Sache nicht zu leicht, und verschwende keine Schonung an diese Unwürdigen, sondern laß sie das ganze Gewicht Deines Unwillens und Deiner Verachtung fühlen, und sey nicht sogleich bereit, zu verzeihen! Erreichst Du auch dadurch Deine Absicht nicht, und fahren sie fort, Dich mit Winkelzügen und Ränken zu hintergehen: so bestrafe sie durch deutliche Aeusserungen des Mißtrauens und Kaltsinns, und suche dich ganz von ihnen los zu machen, als von gefährlichen Menschen, die keiner Besserung fähig sind.
Alles hierüber Gesagte paßt also auch auf das Betragen gegen Lügner.
17.
Was man aber im gemeinen Leben einen Windbeutel oder Aufschneider und Prahler nennt, das ist eine andere Gattung von Menschen. Diese haben nicht die Absicht, jemand eigentlich zu hintergehen, aber täuschen und blenden möchten sie gern, um Ehre und Beifall zu erschleichen; überreden möchten sie gern Andere, ihnen einen höheren Werth beizumessen, als sie haben; sie suchen mehr Nahrung für ihre Eitelkeit, als Befriedigung des Eigennutzes, und für einen Lobspruch geben sie unbedenklich die Wahrheit hin. Um sich in besserm Glanze zu zeigen; um sich bemerklich zu machen; um Andern eine so hohe Meinung von sich beizubringen, wie sie selbst haben; um Aufmerksamkeit durch Erzählung wunderbarer Vorfälle zu erregen; oder um für angenehme, unterhaltende Gesellschafter zu gelten, erdichten oder vergrößern sie; und haben sie einmal die Fertigkeit erlangt, auf Kosten der Wahrheit eine Begebenheit, ein Bild, einen Satz zu verzieren, so fangen sie zuweilen an, ihren eigenen Windbeuteleien zu glauben, alle Gegenstände durch ein Vergrößerungsglas anzusehen, und so in Riesengestalten wieder zu Papier zu bringen.
Die Erzählungen und Beschreibungen eines solchen Aufschneiders sind zuweilen ganz lustig anzuhören; und wenn man erst mit seiner Hyperbelsprache bekannt ist, weiß man schon, was man vom Ganzen abzurechnen hat, um den Ueberrest für baares Geld anzunehmen. So läßt man sich denn, besonders in solchen Gesellschaften, wo das Bedürfniß eines Lustigmachers oder Wortführers lebhaft gefühlt wird, gern und geduldig vorlügen, was sich so hübsch anhört, und wobei es zu lachen gibt. Kommen aber einmal vernünftige Leute in eine solche Gesellschaft, so steht es übel um den Aufschneider, denn es ist leicht, ihn durch eine Menge von Fragen über die genauesten Umstände so in sein eignes Gewebe zu verwickeln, daß er, indem er weder rückwärts noch vorwärts kann, beschämt wird, oder, wenigstens einen klugen Rückzug zur Wahrheit macht. Noch besser kann man ihn zum Schweigen bringen, wenn man ihm für jede Unwahrheit auf komische Art eine noch derbere wieder aufheftet, und ihm dadurch zu verstehen gibt, daß man nicht dumm genug gewesen sey, ihm zu glauben; oder wenn man, sobald er anfängt zu blasen, die Segel der Unterhaltung auf einmal einzieht, und seinem Winde ausweicht, da er denn, wenn dieß öfter und von mehreren verständigen Männern geschieht, endlich scheu und klug wird.
18.
Unverschämte Müssiggänger, Schmarotzer, Schmeichler und zudringliche Leute, rathe ich, in der gehörigen Entfernung von sich zu halten, sich mit ihnen nicht gemein zu machen, ihnen durch ein höfliches, aber immer steifes und ernsthaftes Betragen zu erkennen zu geben, daß ihre Gesellschaft und Vertraulichkeit uns zuwider ist. Einer meiner Bekannten erzählte mir einst: Er habe in Holland über der Thür des Arbeitszimmers eines verständigen Mannes folgende Worte mit großen Buchstaben geschrieben gefunden: »Es ist erschrecklich beschwerlich für einen Mann, der bestimmte Geschäfte hat, von Leuten überlaufen zu werden, die keine Geschäfte haben.« — Der Einfall war nicht übel. Die, welche gern bei uns schmausen, kann man am leichtesten dadurch verscheuchen, daß man sie, ohne ihnen etwas vorzusetzen, wieder fortgehen läßt; aber gegen Schmeichler, besonders gegen die von feinerer Art, soll man, aus Besorgniß für sein eigenes Heil, auf seiner Hut seyn. Sie verderben uns von Grund aus, wenn wir unser Ohr an ihren Sirenen-Gesang gewöhnen. Dann wollen wir ohne Unterlaß gestreichelt und gekitzelt seyn, finden die wohlthätige Stimme der Wahrheit nicht harmonisch genug, und vernachlässigen und versäumen die treuern, bessern Freunde, die uns aufmerksam auf unsere Fehler machen wollen. Um nicht so tief zu fallen, waffne man sich mit Gleichgültigkeit gegen die gefährlichen Lockungen der Schmeichelei; man fliehe vor dem Schmeichler, wie vor dem bösen Feinde! Allein das ist nicht so leicht, wie man wohl glaubt; es gibt eine Art, Süßigkeiten zu sagen, die das Ansehen hat, als wollte man der Wahrheit huldigen. Der schlaue Schmeichler, der Deine schwache Seite studirt hat, wird, wenn er Dich für zu verständig hält, um nicht die größern Schlingen dieser Art für gefährlich zu erkennen, Dir nicht immer Recht geben; er wird vielmehr Dich tadeln; er wird Dir sagen: »daß er nicht begreifen könne, wie ein so edler und weiser Mann, wie Du seyest, sich einen kleinen Augenblick auch einmal habe vergessen können; er hätte geglaubt, so etwas könne nur gemeinen Leuten von seinem Schlage begegnen.« Er wird an Deinen Schriften Fehler rügen, die Dir gleich beim ersten Anblicke unbedeutend scheinen müssen, und ihm nur dazu dienen, diejenigen Stellen um desto unverschämter zu loben, von welchen er weiß, daß Du dir etwas darauf zu gute thust. »Schade,« wird er ausrufen, »daß Ihre Sinfonien — ich bin kein Schmeichler; ich sage meine Meinung immer rund heraus — Schade, daß diese herrlichen Sinfonien, die gewiß in allem Betracht ein klassisches Werk genannt werden können, so äusserst schwer vorzutragen sind. Wo findet man Meister, die würdig wären, so etwas aufzuführen? und doch ist das ein wesentlicher Fehler, den Sie, verzeihen Sie meiner Offenherzigkeit! hätten vermeiden sollen.« Er wird Mängel an Dir finden, und mit verstelltem Eifer dagegen declamiren, — Schwachheiten und Mängel, auf welche Deine Eitelkeit sich etwas einbildet. Er wird Dich einen Misanthropen schelten, weil er gemerkt hat, daß Du durch Deine abgezogene Lebensart Aufsehen erregen möchtest; er wird Dir vorwerfen, Du seyest intrigant, wenn er merkt, daß es Dir behagt, für einen schlauen Hofmann angesehen zu werden. Auf diese Weise wird er sich bei Dir und andern Kurzsichtigen in den Ruf eines unpartheiischen, wahrheitliebenden Mannes setzen; sein honigsüßer Trank wird glatt hinuntergehen, und in der Berauschung werden Dein Herz und Dein Beutel dem verschmitzten Spötter offen stehen. Vielfältig habe ich, besonders an Höfen, dergleichen Männer angetroffen, die unter der Maske der Bonhommie und bei dem Rufe, den Fürsten tapfer die Wahrheit zu sagen, die ärgsten Maulschwätzer waren.