Er wird Kleptomane
Reading edition

Es is merkwirdig wi fiel ein Junge lernt, wenn er in einer Erziungsanschtalt geht. Arthur Braun hat mir gezeigt, wi man Papirkugln schmeißn kann, so das nimand bemerkt, wer es geworfn hat. Willi Wilson hat mir gezeigt, wi man nachn Schlafngehn wider aufschteht un eine Menge Schpaß macht; auch wi man di Antwortn auf einen Zettl schreibn kann, un ins Buch legt, damit man nich so fil zu lernen braucht. Kopfrechen is greßlich schwer — man muß alles im Kopf machn — un hat Kopfwe wenn man Schlidtschu laufn will.

Auf der Tafl is es fiel leichter, weil man da dem Professer aufzeichnen kann, wenn man nich grad zusammaddirn muß. Un auch Frau Pitkins kann man sehr dik malen, nur muß mans geschwind abwischn, befor sie einem dabei erwischt, weil es sie schreklich zohnig macht, wenn man sie breiter zeichent, als sie lang is. Gestern erwischte sie mich dabei. Ich mußte mich in der Mitte fon Zimmer schtelln mit einer Narrnkappe fon ferbiges Papir am Kopf. Ich machte mir nix draus, nur Betti wird zohnig sein, wenn ich ihr schreib, wi sie mich behandln. Ich sagte ihr, ich trage es noch liber wi eine Perike — sie wurde so rot wie Feier.

Mir scheint, sie habn was gegn mir, wegn den Zufall, der mit der Perike passihrt is — un er hat doch jetz eine beßre dafir bekommen! Sie sin bereit, jedesmal auf dem armen Schorschi herzufalln, wenn was schif geht. Ich wahr es nich, der di Dinte fon ein End fom Zimmer zum andern geschidtet hat — es is ungerech, mich deswegn zu scheltn, wenn alles was ich gethan hab, war, das ich das Dintnzeig der Katze am Schwanz angebundn hab — die Katz hat die Dinte ferschidtet, nich ich.
Der Professer sagt, wenn so etwas noch eimal passihrt, wer ich sußpendihrt. Ich fragte Jack, was das heißt »sußpendihrt«? Er sagte mir, ich soll in den dikn Werterbuch nachschaun, auf den ich bein Essn immer sitz, dort schteht: »befestign an etwas obn befindlichn; aufhengen.«
Oh, was fir ein Geschik fir einen kleinen Jungen! Ich habe geglaubt, nur elende Merder wern aufgehengt.
Fräuln Haven sagt, ich werd nich aufgehengt, nur nachaus geschikt, un das will ich ja grad; aber sie sagt Mamma un di Schwestern wirdn sehr bes driber sein — er were eine Schande — nein so was! wi kann das eine Schande sein ihren eignen kleinen Bruder widerzusehn? Aber ich hab dem Fräulein ferschprochn braf zu sein un so was nich wider zu thun.
Sie hat einen Bräutegam. Ich hab seine Fotografih gesehn. Ich erzehlte ihr fon Lil un Montagu un fragte sie, wann sie heiratn wird. Sie sagte, sie weiß nich, wann ihr Schiff enlich gliklich in dem Hafn einlaufn wird — ich glaube er muß ein Seemann sein. Ich sagte ihr, es thut mir leid, wenn sie gewartet hedt, bis ich groß bin hedte ich sie selber geheiratet. Sie is fiel hibscher wi Frau Pitkins. Ich glaube sie is hir nich gliklich, weil sie weinte, wie ich in ihr Zimmer kam, aber filleich hat si grad Fefferminzzeltl gegessn, da kommt einem auch manchmal das Wasser in di Augn.
Frau Pitkins hat große Angs for Einbrecher, di Jungen sagn, es is nich eine Nacht, wo sie dem Professer nich aufwekt un schreit er soll aufschtehn, es sin Einbrecher im Haus. Ich wißte nich wozu, hechstens wenn sie di Jungen schtehln wolln.
Es is schad, das er so offt umsons aufschtehn soll, ohne einem zu findn, un so war letzte Nacht wirklich einer unter ihrn Bedt. Er wartete bis sie fest eingeschlafn wahrn.

Frau Pitkins schnahcht im Schlaf, wi wenn man Wasser aus einen Krug ausgißt. Auf eimal kam sie auf un wispelte:
»Pitkins! Pitkins! Es sin Einbrecher unterm Bett!«
Er sagte: »Unsinn! Schlaf nur.«
»Es is einer!« sagte sie. »Ich schpir, wi er sich unter der Matraze herum bewegt. Pitkins, schteh auf! Feier! Merder! Dibe! Oh Pitkins, zind ein Licht an!«

Er sagte ihr, sie is eine Nerrin. Grad den Augnblik schtiß der Reiber mit den Rikn auf der Matraze unter ihm. Er schprang auf dem Fußbodn, wi ein Gummiballn. Sie wollte ihm nach un schnappte dabei um Luft, aber sie purzlte um, un wahr so erschrokn, das sie nich wider aufschtehn konnte un schrie dabei, der Einbrecher bringt sie um, er helt sie bei der Gurgl. Deswegn lif Herr Pitkins schnell im Forhaus un rif Jack Benze un noch ein paar große Jungen. Sie machtn Licht. Es war zum lachn wi sie ausschaute mit di Haare in Papir gewiklt un mit einer flanellne Nachtjake. Jack leichtete unter dem Bedt. Es war nimand druntn, weil ich mich in finstern henausgeschlichn hadte un schon fest schlif wi Jack zurikkam. Jetz is wider alles ruig. Dises eimal wahr der kleiner Schorschi nich in der Affehr ferwiklt. Frau Pitkins hat ihre Busnnadl un seine Hemdknepfe in einer Kassa in der Schtadt geschikt. Ich hoffe es wird ihnen nix passihrn. Es were ein schreklicher Ferlust.
Ach! zu denkn das Schorschi der Libling seiner Mutter so ein langes ekliches Ding sen soll wi ein Kleptomahner! Das is das neiste Ereignis. Ich bin einer. Gestern mußte ich den ganzen Tag mit einen Papir auf der Schtirn herumgehn auf dem geschribn wahr:
»Kleptomahner.«
Das heißt, man kann sich nich zurikhaltn Sachn zu nehmen. Wi ich dazu kam, einer zu sein, war so. Ich hab dir erzehlt theires Tagbuch, fon den Ofnrehrnloch iber Frau Pitkins ihrn Schreibtisch.
Gut, sie besuchtn meinen Koffer so gut wi di fon die andern Jungen um herauszufindn, ob es Radtn warn oder Geister, oder was es wahr. Das war eine schöne Bescheerung, was sie alles in meinen armen kleinen Koffer fandn! Frau Pitkins Lohrnette, Schpitznkragn, Schönheitswasser, 2 Schteknadlpolster, 6 Taschnticher, 1 Kideparih, 1 Flederwisch, 1 Redekühl un eine Briftasche mit 50 Cent drin, ein zugebundnes Pakett, das si grad eingekauft hadte, ein par neie Kamaschn un zuletz aber nich als wenigstes Professer Pitkins silberne Uhr un seine neie Perike, um die er tellergrafihrt hadte, wi ich seine alte im Ofn schtekte, un di er unforsichger Weis am Schreibtisch lign liß, wi er in der Badwanne schtig un fon der sich niman erklern konnte, wiso sie ferschwundn wahr, hechstens das di Radtn sie ferschleppt habn, un das war ein schwerer Ferlust. Sie kostete 20 Doller, außer das es noch so ungenehm wahr, bei kaltn Wedter so kaalkepfig zu gehn. Also sagtn sie, ich muß ein Kleptomahner sein.

Aber ich mechte wissn, wi ein kleiner Junge mit einer Nadl an einer Schnur iber einen offnen Ofnrehrnloch schtehn soll, ohne zu fischn, wenn di Lufft rein is! Ich wollte die Sachn ja zurikgebn, wenn Gelegnheit is, aber sie sagn ein Kleptomahner gibt oft die Sachn wider zurik un das macht es noch klahrer, das ich einer bin. Also is das Loch zugeschtopft worn un alles is wider so fad wi früer.
Jedn Freitag ziht der Professer einen reinen Kragn an un di Leite kommen nachmittag aus dem Ort zur Prifung. Ein paar Jungn lesn Aufsetze for, ein paar sagn Gedichte auf, di sie auswendig gelernt habn un mehre sagn zusammen etwas auf.
An den Tag birstet Fräuln Haven mir di Haare un kißt mich un sagt ich bin sehr hibsch in meinen neun Gewand. »Nun sei ein brafer Junge, Schorschi, un ich wer schtolz auf dir sein!«
Ich hab sie so lib, wi meine Schwestern, außer Lilly. Ich hoffe ihr Schiff wird bald im Hafn laufn. Ich werd sie besuchn, wenn es is. Ich mechte wissn, ob sie auf den Schiff wohnen wird. Ich hoffe. Heute sollte ich etwas aufsagn. Ich schtig auf dem Podeum, machte eine Ferbeigung un sagte es sehr laut. Frau Pitkins hadte mir es aufgeschribn. Es war iber der Schule. Sie schrib mir auf:
»Wi gliklich sin unsre Schultage! Di gliklichsten unsres Lebens.
»Kleine Jungen, deren Eltern es aufwendn kennen, ihre Kinder in eine gute Schule zu gebn, solltn der Forseung sehr dankbar sein. Die armen Kinder der Schtraße sehnen sich fergeblich nach solchem Glik. Wir soltn es uns zu Herzn nehmen solang unser Geist jung un emfindlich is: — Unsre Nazjohn ferdankt ihre Greße nur ihren forziglichen Erziungsmittln, unter welchn di Erziungsanschtalt fir Knaben zur Forbereitung fir die hehern Schulen den ersten Rang einimmt.«

Das hadte Frau Pitkins geschribn. Ich hab es hir zum abschreibn in mein Tagebuch. Ich kann nich lign. Ich iberschrib es also, wi ich es habn wollte un las es sehr laut und schnell for. Sie wußte nich das ich es abgeendert hadte:
»Die Schule. Die Schule is schreklich. Kleine Jungen dern Eltern si in der Schule schikn, sin zu bedauern. Die armen Kinder auf der Schtraße unterhaltn sich besser. Sie schpiln fon frih bis abens templhipfn un Kugeln. Ich mechte liber ein Schtraßnjunge sein.
»Erziungsanschtaltn sin die schlechsten. Budter oder Eingemachtes krigt man nur eimal, Haferbrei is mehr da zum essn, als sons was. Man muß auf dem Kopf in der Ecke schtehn wenn man nur das geringste thut. Wenn ich groß wär un eine Schule hädt, ich wer nich so widerlich, wi Frau Pitkins. Das is alles was ich fon der Schule weiß.«

Ich glaub die Leite fandn es fir sehr gut fir so einen kleinen Jungen. Alle lachtn; der Professer un Frau Pitkins lachtn auch, aber so, wi wenns ihnen weh thäte. Wi sie wegwarn, un ich mir grad die Rihmen auf meine Schlidtschue festmachte, damit ich den ibrign nachmittag noch ein bißchen Schpaß hab, kam Frau Pitkins zu mir un sagte sehr siß:
»Du brauchs dich nich zu bemihn mit deine Schlidtschue, Schorschchen, du kanns den ibrigen nachmidtag im Schulzimmer bleibn un addihrn. Warum has du das abgeendert, was ich geschribn hab, du godtloser Junge? Du mußt fon Natur aus ferdorbn sein. Wenn dein Fater fir 2 Jungen bezaln mecht, wer es noch kein Ersatz fir di Mihe so einen schlechtn Jungen bei sich zu habn, der die andern Schiler ferdirbt!«

Sie fiehrte mich zum Schulzimmer, schtiß mich henein un ferschperrte die Thir. Ich hadte mich die ganze Woche auf Freitag gefreit. Ich konnte hern, wi di andern Jungen jauchztn un sich unterhiltn. Das Feier wahr ausgegangen. Ich hadte so Heimwe, das ich glaubte ich muß in 10 tausend Schtike zerschpringen. Bei jeder Zal di ich addihrn wollte, fihln mir die Trenen auf der Tafl, das ich den Schwamm gar nich in Wasser zu tunkn brauchte. Meine Finger warn so schteif, das ich das Ofnthirl aufmachte um zu schaun, ob das Feier noch brennt — es wahr grad nur eine Kohle mehr drin. Ich zerriß ein Schreibheft un legte das Linjahl drauf; es brannte wunderschehn. Ich schmiß noch eine Menge Rithmetikhefte drauf bis mir ganz warm wahr. Wi ich aber die Ofnrehre fest machn wollte, fihl das alte rostige Ding herunter. Ich konnte sie nich mehr festmachen. Der Rauch wahr greßlich. Ich schrie, weil es so in die Augn biß; dann fing ich an zu erschtikn. Ich pumperte an der Thir un rif Frau Pitkins sie soll mich herauslassn. Aber sie wahr mit den Schlißl in der Tasche in der Schtadt gegangen. Fräuln Haven sagte ich soll ein Fenster aufmachn un den Kopf henausschtekn, bis sie einen Mann findet, der aufmachn kann. Aber die Fenster warn fest eingefrorn un wolltn sich nich rihrn. Fräuln Haven draußn wahr greßlich außer sich. Sie schrie herein: »Schlage ein Fenster ein, Schorschi, befor du erschtikst!«
Ich fihlte mich ganz erleichtert, wi ich das herte. In zehn Menutn war nich eine ganze Scheibe in alle 5 Fenster. Ein Mann kam un brach di Thir auf. Der Professer war bleich for Wut, wi er di Ferwistung sah.
»Warum has du alle Scheibn zerbrochn, du kleiner Dummkopf?« fragte er mich. »Ich werde eine Woche brauchn, das Zimmer wider in Ordnung zu bringen. Ich werde die Rechnung aber schon deinen Fater schikn!«

»Adonijab,« sagte Frau Pitkins, »glaubs du nich es wer gescheiter den Jungen gleich mit der Rechnung zu schikn? Wir sind runihrt, wenn wir ihm bis zum Termihn behaltn. Er is erger wi die egiptischn Plagn. Ich winsche, ich hedte ihm schleifn gehn lassen. Filleich wer er eingebrochn un hedte sich ertrenkt.«
Nimand scheint mich zu brauchn. Meine Leite habn mich hergeschikt weil sie mich nich zuhaus habn wolln, un jetzt winscht Frau Pitkins, ich wer tot. Ich hab mirs iberlegt, was ich tun wer. Ich hab eimal in der Zeitung gelesn: »Ein gesunder Knabe zu adobtihrn gesucht.« Ich werde der Zeitung einen Brif schreibn, damit mich jemand adobtihrt. Ich will sagen ich bin gesund. Es wird sich nimand treimen lassn wi schlecht ich bin. Sie werdn mich fir einen gutn kleinen Jungen haltn. Schön angefoppt! Ich wers heut abens schreibn. Jack wird mirs zur Zeitung tragn: »Ein gesunder Junge winscht adobtihrt zu wern. Auf gute Behandlung wird mehr gesehn als auf Bezahlung.«