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Tagebuch eines bösen Buben

Er hilft seinen Schwestern auf dem Jahrmarkt

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Illustration from Tagebuch eines bösen Buben

Kleine Medchen sin der reine Unnitz. Sie sin zu nichs zu gebrauchn wi kleine Jungen. Eines is jetzt mit ihrer Mamma auf eine Woche bei uns. Sie heißt Milly Dennis. Meine Mamma ferschprach mir ein Welozoped, wenn ich braf bin so lang si hir sind. Ich will mich bemihn, so fest ich kann.

Das is das sexte Mal das mir ein Welozoped ferschprochn worn is, wenn ich braf bin un immer passihrt was, das ich es nich krieg. Man sagt Unfelle kommen in den bestn Familjehn for un ich glaube unsre Familje muß greßlich gut sein, weil bei uns immer was passihrt. Ich hoffe es wird nichs forkommen, solang Milly hir is denn wenn ich ein Welozoped hab, kann ich in einer Menute eine Meile weit sein un das is greßlich fiel.

Illustration from Tagebuch eines bösen Buben

Ein Tag fon die siebn is langsam foriber gegangn. Wir schpiltn mit einer Puppe, weil Milly ein weißes Kleid anhadte un ihre Mutter ihr nich erlaubn wollte es zu zerknilln. Es wahr eine feine Tocke — Flora hiß sie — beina so groß wi Milly selbs. Ich wollte gern wissn was ihre Augn immer so auf- un zugehn macht un ich endekte daß es 2 Schtike Blei auf einen Drat in Kopf drin wahrn, aber jetz is sie schieläugig wi nur was, un Milly weinte, blos weil ich so ein nettes Loch in Kopf obn gemacht hadte — Medchen sin solche Kinder! Grad weil die Augn ein bischn krumm sind!

Illustration from Tagebuch eines bösen Buben

Eimal ging sie Zucker holn damit wir Teegesellschaff schpiln kennen; wi sie zurickkam lag eine greßliche Menge Sägschpehne am Teppich, die aus Floras Magn herauskamen, weil ich sehn wollte womit sie so schreit. Mamma sagt, ich muß ihr eine neie Puppe fir mein Geld kaufn un das is wirklich gemein. Ich hab mirs auf einem Bogn un Feile geschpart. Ich hab gehert, es sin keine wilde Truthehne in der Gegnd aber Herr Petus iber der Schtraße hat eine Menge zahme un zum probihrn sin die gut genug. Ich kennte in seinen Feld ferschtekt lign, bis ich zum Schuß komm — tote Truthehne erzehln keine Geschichtn.

Aber ich muß weiter erzehln. Theires Tagbuch mechstu glaubn, das mir das das Herz schwer macht wofon ich geschribn hab? Mechstu glaubn ich bin nich imschtand auch nur einem Tag fon die sibn ohne gewehnliches Pech zuzubringn? Ich kann es nich ertragn, selbs dir die Gefihle mitzuteiln die meinem Busn bedrickn, wi Lil in ihrem sagte. Aber ich hab ferschprochn dir nichs zu ferschweign. Gut also, wir schpiltn Teegesellschaff un Besuch bis es mir fad wahr un Milly war zohnig weil ich sagte es is Medchengeschpil was es auch wahr un ich sagte zu ihr: »Es is schon schpeht un unsre Leute wern filleich erst in einer Schtunde nachmahln. Ich schlag for, wir schpiln fon armen Scharl Roß.«

Sie sagte, sie mechte es ganz gern. Mamma un Frau Dennis wahrn zu Besuch gegangn, Elsbett half der Kechin Kuchn bakn, weil wir Gesellschaff hadtn un es war nimand da, der mich dem armen Scharly entführn sah, so nahm ich ihm — das heißt sie — in mein Zimmer un sie zog ihr weißes Kleid aus un mein andern Anzug an, um ein Bub zu sein. Dann nahm ich meinen Mahlkastn mischte ein bischen gebrannte Sjenna un malte si wi wenn sie ein Neger wer, greßlich braun. Dann schlipfte sie die Schtign henunter un ging hinaus auf dem Trottoar un ich schtekte Bettys Schehre in der Tasche un zog meinen Eilwagn zum Forderthor un wi ich bei ihr forbeikam, sagte ich: »Mechstu filleich ein bischen ausfahrn, kleiner Junge?«

Un sie sagte: »Oh ja, ich danke, sehr gern,« un schtig ein.

Dann zog ich den Wagn so schnell ich laufn konnte bis wir aus den Ort draußn auf einen ganz einsamen Platz warn.

»Schteig aus,« sagte ich, »ich muß dir dise lange Haare abschneidn, damit sie dich nich mehr als ihrn kleinen Jungen widererkennen.«

»Mamma wird es nich gern habn, das du mein Haar abschneidst,« sagte sie un das kleine Bibchen fing zu weinen an, aber ich schnidt ihr alle ganz dicht bein Kopf ab, sons hädtn sie sie zu leicht wider erkannt.

Illustration from Tagebuch eines bösen Buben

Sie schrie un schrie, aber ich machte mich nichs hern, weil ich schpiln wollte das sie ferlorn is. Es wahr ein triber Tag un es fing grad zu regnen an. Es wahr ganz dunkl wi ich zuhause kam. Sie warn alle beim nachmahln, der Kuchn wahr glasihrt und schaute ferlockend auf dem hungrign Jungen.

Illustration from Tagebuch eines bösen Buben

»Oh da sin sie,« sagte Mamma un schaute ganz erleichtert aus. »Wo ist Milly, Schorschi? Sag ihr sie soll zum Essn kommen un du komm auch. Es is Platz fir beide.«

»Oh wir schpiln Scharl Roß un Milly is ferlorn.«

»Wo is sie ferlorn?« sagte Mamma un lechelte.

»Oh filleich eine Meile fon hir,« sagte ich un setzte mich zun Tisch. Aber sie schprangen alle auf, wi wenn der Blitz eingeschlagn hedte un es hadte doch nur grad ein bischen gedonnert.

»Schprichs du im Erns?« fragte Papa un pakte mich bei der Axl, das ich glaubte ich muß schrein, so fest hilt er mich.

»Ja Papa. Wir wolltn es schpiln un sie wahr Scharly un ich war der Kerl der ihm enfihrte un ich liß sie ein gutes Schtik fon hir schtehn, damit man sie nich leicht findn kann. Ich bin jetz engslich weil es regnet, wi mit Heigabln. Ich glaube wenn ihr ein Schtikchen auf der Nordschtraße hinausgeht un in alle Zauneckn schaut, werdet ihr sie gleich findn.«

Keiner außer mir aß auch nur einem Munfoll Nachmahl. Frau Dennis schlug die Hende zusamm un sagte ihr Kind wird sich zu tod firchtn, sie erschrekt so for Blitz un Donner un sie wirde dem Tod dafon habn, das sie so durchneßt wird — alles zusamm zehlte sie filleich ein Dutzen Sachn auf fon di sie schterbn mißte, wenn man sie nich gleich findet. Aber ich sah gar nich ein, das man so eiln muß, sie wahr doch nich fon Zucker oder Saltz, aber ihre Mamma wahr greßlich aufgeregt.

»Du bist ein böser, Böser, BÖSER Junge,« sagte Susann, un riß mir den Kuchn for der Nase fort wi ich mir ein Schtick nehmen wollte.

»Wi kanns du die Frecheit habn, dich hir ruig niderzusetzn, wenn der armer kleiner Engl draußn ist in der kaltn kaltn Nacht! Was schaut da aus deiner Tasche heraus, du kleiner Thunichgut?«

»Nichs, nur Millys Haar,« sagte ich. »Ich mußte ihrs abschneidn sons hedtet ihr sie daran erkannt. Ihr mißt wissn, sie is ferkleidet. Ihr dürft kein Medchn suchn, sondern einen Jungen, ihr Haar is so kurz un sie is so sonnferbrannt, ihr werdet glaubn, sie is ein Westindejahner. Wenn ihr einem kleinen zerlumptn Bubn begegnet mit meine alten Kleider an, das ist sie.«

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Frau Dennis setzte sich fest auf dem Platz nider, wo sie grad schtand. Mamma schpritzte ihr Wasser im Gesicht un weinte selbs un Papa nahm eine Laterne un Susi un filleich firzig fon die Nachbarsleite gingen mit.

Das wahr mir eklhaff. So ein Lerm! Aber es war eigntlich schpaßig, ganz wi wenn sie wirklich ferlorn gegangen wer — so natirlich wi das Lebn. Ich mußte mein Essn schtehn lassn un mit ihnen gehn um den Platz zu zeign.

Es war wirklich schkandelös, wi sie fon mir redtn, wi wenn ich gar nich dabei gewesn wer, un einer erzehlte den andern, das ich der schlechste Bub bin, der nur je auf der Welt war un immer was anschtell. Ein Junge kann gar nichs schpilln ohn Unrue zu machn, weil sie sagn ich thu es mitfleiß un es is doch immer grad nur ein Zufall. Ich bin so gesorgt, wi ich nur sein kann — ich hädte es doch nich gethan, wenn ich gewußt hädte, es is schlecht! Ob es mich filleich besser macht, wenn ich zu Herrn Slokum geh un ihm bidte fir mich zu betn? Ich will ihm das nechstemal fragn, wenn er zu Elsbett kommt.

Illustration from Tagebuch eines bösen Buben

Frau Dennis will morgn frih gleich nach dem Frihschtik wegfahrn »sie kann meinem Anblik nicht fertragn«, sagt sie, weil es regnete wie Milly ferlorn ging. Ich glaube das Haar wird ihr wider wachsn, wenn es auch wirklich kurz abgschnittn is — ich hab ihr ja nich dem Kopf abgeschnittn!

Ich wurde auch naß, wi ich sie suchn ging, aber mich umarmtn un kißtn sie nich, oder machtn mir heißn Tee mit einer Menge Zucker un gabn mir kein Firsich un Krem oder lißn mich aufn Sofa lign, das ich di ganze Gesellschaff sehn kann. Nein, mich jagtn sie in meinen Zimmer, wi wenn ich ein Hund wer un Papa sagte er wird bald bei mir sein. Hm! Ich weiß was das heißt. Ich werde mir aber eine Barrekahde baun, wi sie in Paris gemacht habn, wi dort Krig wahr. Wenn sie mich erwischn, wird es nur iber die Trimmer fom Waschkastn un Schreibtisch sein. Ich will leise in der Schpeiskammer schleichn un mir Kuchn un eine kalte Zunge holn, dann kann ich ganz gut eine Belagrung aushaltn.

Pst! mein Tagbuch! Alles is fertig zum Kampf! Der Proweant is hereingebracht, di Thire ferschperrt, das Bedt dagegn geschtemmt, der Schreibtisch aufn Bedt un ganz obn drauf der Schpigl.

So, jetz kommt Papa un klopft ich soll ihm heneinlassn. Ich will mich so schtill haltn, wi klein David in der Höhle. Ich winsche irgnd eine freindliche Schpinne mechte for meiner Thir ihr Netz machn, das der Feind es siht un glaubt ich bin nich drin. Wenn er die Thir filleich aufbricht, das mecht einen Krach gebn! Ich mechte wissn, wi lang man fon einen großen Kuchn lebn kann. Es wirde ihnen ehnlich schaun, zu sagn, wenn der Schpigl gebrochn wird, ich habs getan — wirklich alles, alles thut der böse Junge!

Illustration from Tagebuch eines bösen Buben

»Nach Regn kommt Sonnschein!« Drei Tage wahr alles finster — jetz is lauter Sonnschein — Fride is beschlossn — die Belagrung aufgehobn — fir dismal is klein Schorschi der Siger. Sie sagtn, sie wirdn mich nich berihrn, wenn ich heraus komm un ich wahr froh driber, denn der Hunger nagte an meine Eingeweide un so wurdn di Mebl geredtet — di Barrekahde wurde fortgeräumt.

Frau Dennis is mit Milly nachaus gefahrn. Mitwoch un Donnerstag soll bei unsern Kirchschpiel Jahrmark sein. Das is der Grund, warum sie so angenehm sind — sie brauchn meine Hilfe. Ich hadte heute Nacht Zahnwe in meine Fiße, ich hab so fiel herum laufn missn.

Illustration from Tagebuch eines bösen Buben

Es wird ein sehr lustiges Fest wern. Susi hat verschprochn mir 10 Kartn fir di Drehorgl zu kaufn wenn ich braf bin, ihnen helfe un nichs anschtell. Ich dreh so gern auf den Werkl! Ich kennt mir damit den Lebensunterhalt ferdinen un meine Eltern nich mer zur Last falln. Wenn ich ein Werkl un einem Affn hädte, mechte ich alle Idehn aufgebn ein Bremser zu wern.

Der Jahrmark is enlich foriber.

Die Lichter vergliht Die Blumen verbliht.

Der erster Abens ging wunderbar foriber. Nih hadt es einem bessern Jungen gegebn. Ich hadte ein Knopflochbukeh un ferkaufte finfcent Zigarrn um 20 Cent — das wahr ein hibscher Profet, sagte Susi un sie weiß das ich sechzig Schtik ferkaufte, wirklich ein gutes Geschefft. Auch wahr ein junger Mann aus der Schtadt bei den Fest — er glaubte er is ein neier Robinson — »König fon alles, was er erblikte« aber di Medchen machtn sich nichs aus seiner Dummheit, weil er das Geld ausgab wi Wasser un so lachtn sie sich in der Faust un lißn sich ihm aufblasn wi ein Fau, schmeichltn ihm un krigtn ihm dran sibn Nadlpolster un 8 Teekesselhalter zu kaufn un noch eine Menge solche Sachn, di ein junger Mann ni braucht. Ich glaube, meine Schwestern wundertn sich, wi nitzlich sich klein Schorschi machn kann.

Der 2te Abens ferging auch ganz gut. Es wahr schon di hechste Zeit fir mich die Orgl zu drehn — ich konnte es nich mehr aushaltn. Es wahr schon sehr schpeht un so sagte ich zu ein paar junge Damen: »Mechtn sie filleich mein Schpringinkerl sehn?«

Sie sagtn »ja« un ich nahm es aus der Tasche un schtellte es auf dem Tisch un heraus schprang eine Maus die ich nachmittag heneingeschtekt hadte — eine kleine, winzige unschulge Maus.

Illustration from Tagebuch eines bösen Buben

Ich frag dich, mein Tagbuch, war es meine Schuld, das sie aufschprangn, dafon lifn un den Tisch umwarfn das die Lampe zerbrochn wurde un das Petroljum iber alle Sachn rinnen machte? Warum erschrektn dise dummen Medchen iber einer Maus? Wenn sie sich ferninftig benommen hedtn, wer nichs passihrt. Sie leschtn es nich eimal aus, so wenig Besinnung hadtn sie. Ein paar Leute filn fon der Schtige hinunter un sie drengtn un quetschtn so, das ein paar beschedigt wurdn. Es wahr ein reines Wunder, das kein Lebn ferlorn ging. Es tut mir leid, das der hibscher junger Mann sich den Fuß gebrochn hat, er war in solche Eile daß er iber das Gelender schprang — das hette er doch nich zu tun brauchn.

Meine Schwestern habn sich die Kleider greßlich zerrißn. Sie hadtn nich Zeit die Geldlade mitzunehmen un so gingen 250 Doller in Flammen auf. Der Schade in der Schtadthalle sagt man is 3 tausend.

Medchen sin so dumm! wegn einer kleinen Maus!

Schorschi Hacker — das bin ich — is natirlich wider an allen Schuld. Die Birger fon unsern Ort wolln eine Petezjohn an Papa schreibn, mich in einer Erziungsanschtald zu schikn. Herrn Müllers Geschefft fing Feuer fon der Schtadthalle un brannte auch ab; aber es mechte mir nich fiel dranlign wenn nich meine Handorgl mit ferbrannt wer, die ich hedte drehn dirfn. Ich hadte 10 Kartn dazu. Sie schpilte mehre Schtike. Es is eine greßliche Schande, sie so ferbrennen zu lassn — dise Medchen machn sich wirklich rein lecherlich!

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