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Tagebuch eines bösen Buben

Er macht einen Drachen und läßt ihn steigen

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Illustration from Tagebuch eines bösen Buben
Illustration from Tagebuch eines bösen Buben

Rosa Prinz wird eine Gesellschaff gebn; sie is schon ein großes Medchen, un die Gesellschaff soll an ihren zehntn Geburtstag sein. Sie sagt sie werdn eine großartige Unterhaltung habn, jemandn, der Klawihr schpilt zum tanzn, un ein wirkliches Abendessn auf einer langen Tafl — nich nur so herumgetragn, aber sie weiß nich ob sie mich einladn darf, weil ich noch zu jung bin un so schlecht. Ihre Mudter sagt, sie soll mich liber auslassn. Ich sagte ihr, sie is in Irtum, ich bin jetz ein Musterjunge, sie soll nur meine Mutter fragn, ob ich nich die letzte Zeit schreklich braf wahr; es is gemein mich nich einzuladn un ich werde sie auch nich einladn, wenn ich meine Gesellschaff gebe un Mamma hat mir ferschprochn, das ich es darf, wenn ich fortfahr braf zu sein. Also hat sie mich eingeladn un ich darf gehn. Es is morgn abens.

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Ich geh jetz in unserer Schtadtschule; ich hoffe mich in lesn un schreibn schnell zu ferbessern, der Lehrer sagt, ich bin gescheit genug um eimal Presedent zu wern, wenn ich nur aufmerksam sein mecht, aber es sin hunderterlei Sachn in der Schule, um einen zerschtreit zu machn, mehr als man glaubn mechte, wenn man nie in der Schule gegangen is. Im Winter sin keine Flign da, aber man hat genug zu thun mit Papirknedl im Mund zu machn un ferschtohln herum zu schaun was ein andrer Junge einen fir Zeichn macht un das nimmt eine Menge Zeit weg oder den Lehrer auf der Tafl zu zeichnen mit einer dike Nase un es schnell wegzuleschn, wenn mans in der Hehe gehaltn hat. Oder einen Apfl zu essn unter der Bank, weil es ferbotn is oder dem Lehrer nerwehs zu machn, weil der Griffl bein Schreibn durchaus kratzt. Ich hab sehr wenig Zeit for lauter lernen, aber es noch immer besser, wi in einer Erziungsanschtalt geschikt zu wern.

Elsbett sagt das Haus is ein Paradihs, wenn ich in der Schule bin — ich fragte sie, ob auch Engl in den Paradihs sin, weil ich keine sehn kann. Ich hab sie gebettlt, sie soll mir einen Drachn machn, aber sie hat keine Zeit bis di Hochtzeit forbei is. Alle Jungen habn Drachen, es is jetz die richtige Zeit dazu; es is zu dumm, herumzulaufn un zuzuschaun, wi die andern Jungen ihre schteign lassn. Ich denke, ich wer in dem Ladn gehn un mir 2 Schtekn kaufn un mir selber einen Drachn machn; ich kann ihm obn in meinen Zimmer machn; ich nehm mir Papas Gummirabi, Mammas Schehre ein paar Zeitungen un den Wollknäul. Ich will ihm machn, befor ich in der Frih in der Schul geh.

Heute Abens gibt Rosa Prinz ihre Gesellschaff. Ich bin sehr einsam un sitze in meinen Zimmer mit der Thire fon außn zugeschperrt. Ich glaube, sie wern sehr lustig sein, bei ihrn feinen Nachmahl — ich hab keins bekommen — nich ein Schtikchen hab ich seit den Gablfrihschtik gegessn un das wahr um 11 Uhr.

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Ich bin ganz hol inwendig, wi eine Tromml. Aber was ligt dise herzlose Eltern dran, ob ich leide? Sie sin groß — ihre Fersuchungen sin foriber, nimand schperrt sie ein un ferriglt die Thir hinter ihnen un sagt, sie bekommen heut kein Nachmahl, wenn sie krank sin un hungrig un elend; nimand orfeigt sie, wenn sie's nich besser gewußt habn, keiner schafft ihnen lesn un Gramattik lernen, wenn sie fortgehn wolln un sich ein bischen Schpaß machn; sie missn nich im Sessl ruig sitzn un nie den Mund aufmachn, wenn Gesellschaff kommt, un sie tratschn gleich alle Neuikeitn aus, die sie wissn. Ich hab heut frih den Drachn gemacht, wi ich gesagt hab. Ich wahr sehr zeitlich auf un schlich in di Schtrümfe hinunter um mir die Sachn zu holn, damit ich die Leute nich aufwekk. Ich holte mir keine Helzer fom Zimmermann, weil ich Papas seidnen Regnschirm sah un mir dachte, di Fischbeiner davon sin gut genug dazu; so schlich ich im Forhaus, nahm sofihl Fischbeiner heraus, wi ich brauchte un dann schnitt ich di Seide henunter um den Schweif draus zu machn — den hab ich zuers gemacht — oh! einen langen, langen! Dann schnitt ich dem Drachn zu un pikte ihm. Bis zum Frihschtik wahr er fertig un ich ferschtekte ihm untern Bedt bis ich in der Schule geh.

Ich kam zufellig disn formitag sehr schpet in der Schule — eigntlich kam ich erst hin, wi die Schule am nachmitag aus wahr un der Lehrer nachaus ging. Es dauerte so lang bis ich den Drachn probihrt hadte, das ich nich früer hinkommen konnte. Die Schnur wahr iber einer Meile lang un natirlich dauerte es sehr lang bis ich die ganze nachgelassn un wider aufgewiklt hadte un das machte es so schpet. Deswegn schtellte sich der Lehrer bei uns un fragte nach ob der kleiner Schorschi krank is weil er heut nich in der Schul wahr, un so kams heraus.

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Also wi ich in der Schul gehn wollte lißn die Jungen ihre Drachn schteign un ich liß meinen wider schteign; es war ein sehr fester Wind un sie gingen prachfoll in der Hehe, aber meiner fihl auf der Hauptschtraße einen Ferd am Kopf, das sich for jeder Dummheit schrekte, selbs for einen Drachn un es lif fort wi der Blitz un schmiß den Mann henunter grad mit den Schedl auf einen Barrejehrfahl un das wahr zu dumm, weil der Fostn abrach wi nix. Ich firchte sie werdn einen neu'n aufschtelln missn. Der Mann is erschlagn sagn sie, aber ein pahr glaubn, er wird wider zu sich kommen. Wenn ers thut, so hoffe ich, er wird nich wider so dumm sein un ein scheues Ferd einschpannen — es is immer gefehrlich.

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Ein Mann sagte mir, ich soll nich wider auf der Haupschtraße Drachn schteign lassn. Ich ging also henunter zum Depoh, weil ich weiß, di Maschienen wern nich scheu for Drachn un liß ihm schteign. Guter Godt! wi er in der Hehe flog. Henschen sagte, er fligt grad so wi ein Vogl, ich liß ihm di Schnur ein bischen haltn. Wir hadtn greßlich fihl Schpaß damit, nur blib er an einen hohn Baum hengen, wi ich ihm aufwikln wollte un wir konntn ihn nich herauskrign. Wir probihrtn un probihrtn un weil ich 10 Cent in der Tasche hadte, di mir der Dokter gestern abens gegebn hat, so sagte ich zu Henschen, wenn er hinaufkricht un ihm herunterholt, so geb ich ihm di zehn Cent.

Ich wollte nich gern selber hinaufkrichn, weil mir Mamma gesagt hat, ich soll nie auf einem hohn Baum klettern — ich kennte henunterfalln.

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Hansi sagte, er firchtet sich. Ich sagte: »Unsinn, Hansi! Ich wußte nich das du so ein Feiglin bist. Du kanns dir eine Menge Bretzln fir di 10 Cent kaufn.« — Dann kledterte er hinauf, aber er wahr noch nich di Helfte obn, wi er ausliß oder ein Ast abrach un er herunterpurzlte; so mußte ich den Drachn obn lassn, was wirklich gemein wahr — am erstn Tag, wo ich ihm gemacht hab. Hansi tat sich beim henunterfalln ein bischen weh. Sein Fuß is gebrochn; er wird sex Wochn im Bedt lign missn. Dokter Moor hat ihm eingerichtet un zwischen Helzer oder sowas geschtekt. Armer Hansi, ich mechte ihm schreklich gern sehn un fragn wi es is, aber seine Mamma will mich nich zu ihm lassn. Betti hat mir erzehlt, das sie gesagt hat, wenn Hansi gesund is wolln sie fortzihn fon da, sie will sein Lebn nich in der gefehrlichn Nachbarschaff fon so einen schlechtn, schlechtn Jungen wi ich bin, reskihrn. Si is wirklich gemein; ich hab ihm lib un mecht ihm nich um der Welt weh tun. Ich wußte nich, das er henunterfalln wird. Wenn er sich fest gehaltn hedt, wi ich ihm früer gesagt hab, hedte er sich den Fuß filleich nich gebrochn un ich hedte ihm die 10 Cent gegebn. Ich winsche ich kennte ihm sehn, wi schpaßig er auschaut in Schtekn eingebundn. Betti sagt, Mamma is so unwol, das sie sich zubedt legn muß; warum legt sie sich zubedt? Ihr Fuß is doch nich gebrochn. Manche Leite sin so dumm, das man gar nich weiß, was man fon ihnen denkn soll.

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Betti sagt auch, das Papa schreklich withig is, wegn seinen bestn Regnschirm; sie habn die Schtike in meinen Zimmer gefundn, so das sie gleich wußtn, ich hab ihm zerschnittn. Wi ich nachaus kam, pakte er mich bei der Schullter, schtiß mich henauf in mein Zimmer un ferschperrte di Thir; nimand nich eimal Betti hat mir etwas zu essn gebracht. Ich winsche Familjen hedtn keine schlechtn Kinder, di in der Patsche kommen un dann hungern missn un so ein schrekliches Gefihl im Magn habn, nachdem sie sich den ganzn Tag bein Schpiln geplagt habn. Wenn ich wißte wo der Thirschutzferein is ich mechte ihnen schreibn, wi ich behandlt wer. Hansi is noch zu klein um zu der Gesellschaff eingeladn zu wern, also braucht er sich nichs draus zu machn, wenn sein Fuß gebrochn is. Er wird Scheleh bekommen, Eingesottnes un Hihnersuppe un eine Menge gute Sachn. Oh, wi hungrig ich bin! Ich winsche ich were Hansi. Ich winsche, ich were bei Rosas Gesellschaff un kennte Gefrornes essn. Ich winsche ich were in Robinson Krusohs Hitte un kennte gerestete Muschln essn. Ich winsche es mechte ein Brotfruchbaum in meinen Zimmer waksn. Wenn ich noch eine Lampe hedte, kennt ich wenigstns fon so gute Sachn lesn, aber sogar in mein theires Tagbuch muß ich bei Mondschein am Fensterbredt kritzln — jeder Trost is mir weggenommen. Ich wer mich ins Bedt legn un fersuchn, fon den schiffbrichign Matrohsn zu treimen, der auf das Schiff geholt un gefittert un bewirtet wurde — besser wi der arme Schorschi.

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