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Südliche Reise

TUNIS / WÜSTE

Reading edition

Ich fuhr mit demselben Dampfer nach Tunis, der mich von Neapel nach Palermo gebracht hatte. Cesare Salvari, jener Matrose aus Messina, hatte mir an einer geschützten Stelle des Deckes einen Liegestuhl hergerichtet, und ich ruhte nun in der Mittagsglut des Hafens, den Blick in die Bläue gehoben, die wie ein großes, seidnes Zelttuch über Mast und Stangen hing. Es war so still, daß niemand ahnen konnte, das Schiff werde in einer Viertelstunde fahren. Einige Pferde für Trapani waren schon früh verladen worden, das wenige geringe Volk des Zwischendeckes hatte sich schon lange vor mir eingeschifft, ein junger Mensch, der aus Kleinasien kam, war mein einziger Reisegefährte.

Über den Häusern der Stadt flimmerte die Luft. Nicht eine einzige Rauchsäule stieg auf. An den Abhängen des Monte Grifone schimmerten weiße und gelbe Wände zwischen dem Grün der Orangengärten. Über dem Pellegrino wob eine lilagraue Helligkeit, in der zuweilen das Licht silbern aufzuckte. Das Schiff schwankte ganz leise in der Richtung seiner Länge, und dieses Schaukeln weckte eine weiche, lässige Schläfrigkeit. Wundervoll war das Rieseln der Wärme: wie das Rieseln unsichtbar feinen Sandes über dem nackten Körper. Und obwohl von der See keine Kühle wehte, gab der Geruch von Algen, Tang und Teer ein Gefühl von Frische und Weite. Kein Fahrzeug war am weiten Horizont zu sehen. Leerer Himmel stieg in leere Luft. Das Meer stand.

Die Stadt vor mir war längst nicht mehr Palermo: es war irgend ein südlicher, sonniger Hafen, in dem mein Schiff eine kurze Ruhe hielt. Ich hörte, wie die Brücke hochgezogen wurde, wie der Kapitän noch etwas ans Land rief, wie die Sirene aufheulte und die fernen Bergwände das Echo verschluckten. Dann war ein Gequirl von Wogen, ein Stampfen und Zittern und Brausen, und wir fuhren. Ich mochte nicht aufstehen. Den Kopf zur Seite gewandt, sah ich das Fliehen der Küste und der flach-hingebetteten Häuser ..

»Ihr Abende auf dem Meer – und ihr Abende in Angelinas Garten, ihr Wagenfahrten am Corso der Via Libertà, du seltsames Maskenspiel südlicher Menschen, die das Wesen von Puppen annehmen, wenn sie sich in der leisen Betäubung des ewigen Auf- und Niedergleitens begegnen, ihr stillen Morgengänge nach Acqua-Santa und Romagnolo: Lebt wohl! Lebt wohl für lange, vielleicht für immer ..«

Die endlose Flucht der steilen Küste begann. Wir fuhren in weitem Bogen auf das offene Meer hinaus, sobald wir Mondello und das Kap Gallo hinter uns hatten. Das Ufer wich in immer tieferen Buchten, einmal schob sich ein Saum von flachen, grünen Steppen in die Flut, dann zog der Golf von Castellamare die Gestade an sich. Die Berge rückten zusammen und schienen sich zu drehen, kahle, verbrannte Kuppen wuchsen hellbraun und lila aus der Masse des tiefen Gesteines. Lila, wie ganz verblaßter Flieder, und lila wie der nächtige Duft auf reifen Pflaumen, ein wenig feucht und kühl, und wieder andere lilablau, wie späte Waldveilchen, schon halb entkräftet von zu langem Licht. Dann plötzlich zeigte sich zwischen grauen Falten ein hellgrünes Tal, verweilte wenige Augenblicke, und verschwand. Besonders schön war dies: wie man im Golf die Küste weichen fühlte und, ganz an dieses leichte Fernergleiten verloren, schon auf der anderen Seite neue Berge kommen sah, viel steiler, viel zerrissener in den Abhängen, doch still gerundet in den Kuppen, weich in der goldnen Luft entfaltet. Das nahe Lila wich dem ferneren Indigo; einmal hob sich ein heliotropfarbener Kegel in ungeahnter Milde über starren Graten. Lag irgendwo ein Haus in baumloser und schattenloser Öde am Strand, so wuchs der Schauer der Einsamkeit. Ganz einsam aber stand der Leuchtturm von San Vito. Hier lenkte das Schiff nach Süden und gab die erste Mahnung an das Ziel. Wir waren in die Gewässer von Trapani eingefahren. Ich schaute zwischen den Stangen des Geländers und den flatternden Vorhängen in der Richtung des Monte San Giuliano, des Heiligen Berges, auf dem das alte Heiligtum der Venus Erycina lag: Klar und braun stand er plötzlich im Licht, doch über seinem Gipfel schwebte eine rosenfarbige Wolke, ganz dünn, ein Schleier nur, ein süßer Dunst. So, wie von Rosenopfern einst der Weihrauch der Altäre aufstieg, wenn die nackten Chöre auf den Tempeltreppen sangen und die Kithara schlugen. In wildem Efeu lag das weiße Haus, dessen vierfacher First nach allen Himmeln wies und die flammende Schrift seiner Zinnen den fernen Meerfahrern hinhielt, so daß die Matrosen von den Schiffen aufsahen und die Sehnsucht ihrer entwöhnten Lenden doppelt brennend fühlten.

Um fünf Uhr warf das Schiff vor Trapani Anker. Ich ließ mich übersetzen und fuhr in das Innere der gelben, sandigen Stadt, durch tote Straßen, über leere Plätze ohne Grün und ohne Schatten. Aus glühenden Kasernenhöfen drang das Schmettern der Trompetensignale, goldne Helmbuge blinkten über hohen, weißen Mauern auf.

Ich kehrte bald zurück und trank den Tee an Bord. Die Pferde wurden ausgeladen, schwarzes Gesindel, unheimlich und verwahrlost, trieb sich in bunten Lumpen auf der Mole umher. Die Stunden gingen. Cesare trat zu mir. Wir standen am Geländer und schauten auf Stadt und Meer. In das Gold der Luft war ein Rosa geflogen. Der Monte San Giuliano hatte den Schleier um seinen Gipfel dichter gezogen. Über den Dächern wob eine Stille, die ganz voll Fremdheit war, verflüchtigend und entkörpernd. Alle Gestalten, die über die schmale Brücke auf das Schiff gingen, schienen aus einem Dunst von Blut zu kommen, in einigen Fenstern flammte dunkelrotes Feuer. Der Kapitän ging vorbei und bat mich, zu Tisch zu kommen.

Wir waren zu dreien in dem großen Speisesaal. Alle Fenster standen weitgeöffnet, das Wasser gurgelte leise an den Flanken, ein Geruch von Salz und Tang kam manchmal über die Tafel, die mit Verbenen geschmückt war. Wir aßen schweigend. Der Wein war schwer und dunkel, Conca d'Oro vecchio aus Palermo, und Marsala, goldflüssig und gewürzt wie frischer Honig. Das Obst fiel über die Ränder der großen silbernen Schalen auf das Tischtuch: Bananen und Feigen, Limonen und Kirschen, Orangen und Nespeln. Als der schwarze Kaffee gebracht wurde, schoß eine Purpurwelle durch die westlichen Fenster, alle Wände, alle Stühle, die Blumen, die Tassen, die Vorhänge, die Diwanreihen loderten auf, laute Rufe des Entzückens wurden über uns auf Deck vernehmbar – wir erhoben uns rasch und gingen nach oben.

Es war kein Flammen mehr, es war ein Wüten von dunkelrotem Feuer in diesem Sonnenuntergang, am Boden beginnend, in flachen Wellen steigend und hart über der schwarzen Silhouette der Stadt hinrauschend. Ein Bündel stahlblau glänzender Dolche, stachen die wenigen Palmenwipfel über den glatten Dächern in diesen Brand. Die breite Kuppel der Kathedrale ließ dünne Blutbäche in den Bugen der Wölbungen niederrieseln, nirgends mehr war das Erlösende eines milden Goldes. Schwärze und Purpur lagen fanatisch ineinandergewühlt, durcheinandergeschleift, als das Schiff aus der Enge des Hafens fuhr.

Und es kam kein Gold mehr. Auch nicht mehr jenes zarteste, durchsichtige Apfelgrün, in dem so gerne der Tag noch über dem offnen Meere verweilt, ehe die Nacht sinkt. Es kam nicht das süße Aufblitzen der Sterne, nicht ihr silbernes Ruhen im blassen Aquamarin: es kam ein rasches, stummes Verlöschen des Feuers, ein kaum zu fassendes Stillestehen des Lichtes – taubengrau und thymianlila – und gleich darauf die Nacht, die tiefe, dunkelblau gesättigte Nacht mit dem Gewühl der Sterne, die jeden Augenblick aus ihrer weichen Fassung brechen konnten, um Luft und Meer und Schiff zu begraben.

Ich lag auf dem obersten Deck in meinen Stuhl gestreckt, das Gesicht zum Himmel gewendet. Am Boden neben mir saß Cesare und lehnte seinen Kopf an den Sessel. Keine Stimme war lebendig auf dem Schiff, keine Mandoline klang.

Da fühlte ich: Dies war nicht mehr die Nacht Siziliens: dies war die Nacht über Afrika.

Die Bläue senkte sich, das Meer schwoll ihr entgegen, die Sterne drängten nieder, zitternd in ihrer eignen Glut, Lichtbündel schossen in die Wogen – doch plötzlich schien das Spiel zu ruhen.

Noch einmal tiefer hatte sich das Blau gebauscht, offne, stille Blumen quollen langsam aus der Mündung eines ungeheuren Füllhorns, Lilienbüschel, weiß und smaragdengrün, und sanken .. sanken auf das einsame Meer.

*

Es war halb fünf Uhr, als Cesare mich weckte. Ich warf den Mantel über und trat einen Augenblick an die Türe. Blaßblaue Berge standen unendlich fern in der dunstigen Luft, am Fuß von bräunlichem Rauch umlagert. Die Sonne goß eine brütend-aufgelöste Wärme durch das Milchglas des verschleierten Himmels, das Wasser blendete bis zum Schmerz.

»Scirocco, sagte Cesare, indem er die Hand vor die Augen hob und die Brauen steil zusammenzog, um dem Blick eine größere Schärfe zu geben .. Aber ich sehe den Hügel von Karthago, ein gutes Zeichen. Das Wetter wird hell und trocken werden.«

Ich kleidete mich an und ließ das Frühstück auf Deck tragen. Die Luft war unerträglich schwül, alle Glieder waren wie zerschlagen, obwohl ich vier Stunden lang gut geschlafen hatte. Die Augen wagten kaum, sich zu öffnen. Ein tauber, weher Druck zog die Lider herunter. Auch das Haar schmerzte, und in den Ohren klopfte das Blut. Der ganze Körper war in ein Netz von leichtem Fieber gespannt.

Die Anfahrt an die Stadt war nur ein Hinüberdämmern wie im Halbschlaf.

Bilder kamen und wechselten, traumhaft .. gleichgültig .. Bergspitzen und Bergabhänge, braun und rosa, blaue, weiche Mulden und Streifen flachen, gelben Landes drehten umeinander, während das Schiff kaum fühlbar voranfuhr.

Ich lag wieder auf meinem Stuhl, Cesare saß mit untergeschlagenen Beinen am Boden und nähte an einer Hose. Vom Zwischendeck kamen wilde, unverständliche Laute herauf, schwarze Köpfe wurden zwischen Geländer und Gestänge sichtbar, Weiber in hochroten Kopftüchern, mit großen Goldmünzen im Ohr .. Kinder spielten Nachlauf und schrieen, wenn sie sich gefangen hatten .. Nackte Heizer, schwarz von Ruß und den Dunst des Öles ausströmend, kamen einen Augenblick zum Vorschein und wischten mit groben, blauen Tüchern den Schweiß von ihren glänzenden Körpern. Sie leckten mit der Zunge die vollen Lippen und ließen den Mund offen stehen, um die Luft zu trinken. Die glühenden Augen starrten gegen das Land. Eine unbeschreibliche Geilheit straffte diese harten Leiber, die Tag und Nacht in die Glut der dumpfen Kesselräume gebannt blieben. Sie waren nur noch Geschlecht, wie sie so dastanden in der bleichen Sonne, mit eingezogenem Unterleib und breitherausgedrückten Brüsten. Wenn sie lachten, fletschten die weißen Zähne wie im Maul eines gefangenen Tieres auf, und wenn sie sich scherzend anstießen oder an den feuchten Armen packten, glich ihre Bewegung dem plumpen Spiel junger Pantherkatzen.

»Sie haben Judenweiber in Tunis, sagte Cesare, als er auf meinem Gesicht das Gemisch von Mitleid, Bewunderung und Ekel las. Sie können es nicht abwarten, bis sie hinüberkommen. Sobald das Schiff landet und alle Heizarbeit für die Weiterfahrt vorbereitet ist, gehen sie in die Stadt und bleiben bis zum Abend. Wenn sie dann zurückkommen, sind sie mit Obst und Zuckerzeug beladen, besonders mit goldgelben Lukkumwürfeln, die sie manchmal den Gästen verkaufen. Betrunken sind sie nie. Eine Weile lang flüstern sie noch heimlich zusammen und lachen in der Erinnerung an das Erlebte, ist aber die Erregung ganz vorbei, so werden sie wieder schweigsam und fleißig. Ich weiß, daß der jüngere von seinem geringen Lohn jede Woche seiner Mutter in Neapel noch ein paar Lire schenkt ..«

Die braunen Gestalten waren verschwunden. Das Schiff ging rascher. Wir näherten uns dem Hügel von Karthago, der steil und deutlich in das Meer vorsprang. Weiße flache Häuser tauchten zwischen blühendem Grün empor, das kleine arabische Dorf Sidi-Bou-Said zog sich am Berge hin.

Durch die Enge zwischen den Landzungen von La Goletta und Radès fuhr das Schiff in den schmalen Kanal ein, der den Bahira-See durchschneidet und geradeswegs dem Hafen zuläuft. Nun erst fiel die ganze Schwüle des Sciroccomorgens über uns, doppelt quälerisch in dem weißen Dunst, der auf dem unbewegten Wasser lag. Selbst Cesare, der schon so lange an diesen Wechsel der Winde gewöhnt war, atmete schwerer und klagte über Kopfschmerzen. Ich war ihm nach dem vorderen Teile des Schiffes gefolgt, um die Anfahrt an die Stadt zu sehen. Ich saß auf einem Bündel zusammengerollter Taue und schaute auf die weißansteigenden Dächer, auf all diese flachen, scharfgezogenen Flächen, die sich senkrecht und wagrecht bergan schoben und sich hart die schwarzen, abgeschnittenen Dreiecke ihrer Schatten zuwarfen. Doch all diese Schatten dämpften nicht das übertriebene Weiß der Wände, sie steigerten es und schienen selbst nicht da zu sein. So blieb nur der Eindruck einer siedenden Helle: weiß wie silberne Wasserdämpfe .. weiß wie berghoch aufgeschüttete Magnolienblätter .. weiß wie der Glanz der Mondsteine ..

Das Wasser hatte grünliche Färbung angenommen und atmete Fäulnis. An den Rändern einer kleinen Insel standen rote Flamingos und bargen die Schnäbel im Brustgefieder, während sie die schwarzen Schwungfedern kurz und häufig aufzucken ließen ..

*

Kurz nach sieben trat ich in den Gasthof. Das Treiben in dem Vestibül ließ eine viel spätere Stunde vermuten. Ich ruhte eine Stunde, nahm das Frühstück unter einem Palmenbaum im Garten und ließ einen Wagen für den ganzen Tag mieten. Nie habe ich schönere Wagen gesehen als in Tunis: Halbverdecke auf Gummirädern, weich gepolstert und von einem blendend-weißen Zeltdach überspannt .. und nirgends schönere Pferde: mittelgroße, schwarze Tiere, knapp in Gang und Haltung, lebhaft, gepflegt und gestriegelt, daß man sich im Glanz der kurzen Haare bespiegeln konnte. Mein Kutscher war ein Süditaliener aus Cosenza, klug, feinfühlig und nicht im geringsten geschwätzig. Neben ihm saß ein zehnjähriger arabischer Knabe, der die Aufgabe hatte, mich in den Basaren zu führen, in die wir nicht einfahren konnten. Wie ein kleiner König saß er da in seinen hellblauen Hosen und seinem weißen Hemd. Den dunkelroten Fez hatte er tief in den Nacken zurückgeschoben, so daß eine Welle glänzender Haare auf seine gebräunte Stirne fiel. Er kaute trockene Feigen, die er aus der Tasche zog. Jedesmal, wenn der Wagen anhielt, glitt er wie ein Wiesel auf die Erde nieder, reichte mir die Hand zum Aussteigen und kauerte auf dem Trittbrett, bis ich zurückkam.

Wir durchfuhren zunächst die südliche Stadt, die Rebat-Bab-Djazira. Da, wo die Moschee des gleichen Namens liegt, sah ich einen langen Zug Kamele kommen, die Kohlen nach dem Markte schleppten. Die Tiere gingen schwer, unwillig, wie geschändet durch die aufgezwungene Last, mit einem Ausdruck hilflosen Vorwurfs in den guten Augen, deren Blick mich schon in der frühen Kindheit ergriffen hatte, wenn ich auf den Jahrmärkten den Gauklern nachlief, die am Halfter ein müdes, graues Dromedar hinter sich herzogen, auf dessen Rücken ein frecher Affe Nüsse fraß. – Schweigende Treiber schlürften in klappenden Schuhen neben den Tieren über die Pflastersteine. Viele hatten kleine Jasminsträuße hinter die Ohren gesteckt, Gemüse- und Obsthändler zogen die Djazirastraße entlang, Karrenschieber, aus deren Wagen bunte Farbflecken aufleuchteten: Kirschen, Rüben, Salatbüsche, Fenchelstiele. Als wir an der Kasba vorbeifuhren, der alten Zitadelle der Stadt, verkündeten Trompetensignale, daß diese weißen Kalkmauern jetzt eine Kaserne umschließen. »Zuaven«, sagte der Kutscher mit einer wegwerfenden Handbewegung. Je weiter wir nördlich kamen, desto belebter wurde die Straße. Frauen in dunklen Gewändern und mit verhülltem Gesicht führten kleine Kinder an der Hand und gingen ruhigen Schrittes in der Mitte der Straße. Männer in Gruppen, schweigsam oder leise redend, saßen auf den Bänken vor den Häusern in der Sonne. Einige hatten die weißen Tücher vom Kopfe fortgenommen, andere dicht gewickelt und tief in die Stirne gezogen. Auch auf den grellen Dächern wurden weiße Gestalten sichtbar. Ihre blauen Schatten brachen scharf an der Brüstung ab. Manchmal warf der breite Wipfel eines Baumes eine grünliche Dämmerung in das Milchweiß der brütenden Luft. Aber vergebens spähte das Auge nach einer Bewegung der Blätter. Nur der Windhauch des Fahrens gewährte eine ganz leise Erfrischung. Sobald der Wagen hielt, schien der Atem zu stocken. Wir kamen bis zu dem nordwestlichen Tore Bab-Bou-Sadoun, wo viele alte Männer gesenkten Hauptes saßen. Sie sahen kaum nach meinem Wagen auf. Auch beachteten sie nicht den Staub, der beim Umwenden in die Höhe wirbelte und zu ihnen hinüberzog. An dem Halfaouinplatze stand eine große Menge – wie wartend – umher. Viele bunte Farben tauchten hier neben dem Weiß der faltigen Burnusse auf: Viel Gelb und Ziegelrot an Wams und Weste, auch lichtes Blau und Zinnoberbraun. Ich ließ den Wagen anhalten und trat an eines der vielen Cafés, die hier im Kreis umherliegen. Ich hatte mich kaum gesetzt, als man auf ziselierter Messingplatte die heißen, hochgefüllten Mokkabecher brachte, an deren Rand der kupferne Schaum dünne, bunte Blasen trieb. Der Duft war so belebend, daß ich auf Augenblicke die fürchterliche Glut der Luft vergaß. Aber kaum hatte ich das heiße Getränk zu mir genommen, als ein Feuer in mir aufschlug wie von zu scharf gewürzter Speise und perlende Feuchtigkeit am unteren Augenlid hervortrieb. Ein Schwindel faßte mich an .. vor den Pupillen stoben rotgoldne Funkengarben auseinander .. Ich netzte die Stirne mit Wasser .. und erkannte wieder den Platz und den Wagen vor mir. Ich hieß den Kutscher rasch nach den Basaren fahren. Wir durchquerten die Bab-Souika, wo einiges Grün das Auge auf Minuten beruhigte, umfuhren halb die Sidi-Mahrez-Moschee, und endeten am Kasbaplatz, wo ich den Wagen warten ließ. Der Knabe folgte mir, und als wir in das Halbdunkel der ersten, überdachten Basarstraßen traten, faßte er meine Hand, um mich in dem Gewühl nicht zu verlieren. Seine nackten braunen Füße berührten nur leicht die Steinfliesen, der feine Körper schwebte nur in den flüchtigen Hüften .. Erquickende Kühle wallte in den endlosen Gängen. Der Boden war in der Frühe begossen worden und hauchte noch den Geruch des Wassers aus, die weißen, faltigen Burnusse der Schreitenden schlugen die Luft und ließen Frische nachwehen: etwas wie einen Duft von grüner Bleiche und Mandelseife.

Ich blieb eine Weile an der Auslage eines Schneiders stehen und sah mit zu, wie er ein Gewand aus weißem Kaschmir mit goldnen Borten benähte. Die Nadel knisterte, wenn sie im Flug den Stoff durchfuhr, der aus den weichen Falten ein elfenbeinernes Licht warf. Ein Gewühl von bunten Atlasresten war auf dem Boden ausgebreitet: wollüstiges Bad der suchenden Hände. – Auch bei einem Schuster saß ich einige Minuten und ließ mir purpurne Prunkschuhe und safrangelbe Pantoffel zeigen, die mit Silberfiligran umsponnen waren. – Ein Kupferschmied aber zündete mir auf einem alten, vierzehnarmigen Tempelleuchter die braunen Wachskerzen an, so daß ein Hauch wie brennender Honig an die Decke des niederen Gewölbes schlug.

Es war fast Mittag, als ich in den Souk-el-Birka zu den Juwelieren hinüberging. Ich kaufte einen Talisman aus grünem Email und einen schmalen, schwarzblauen Dolch, dessen Griff mit silbernen Nägeln und blassen Turmalinen übersät war. Als ich gehen wollte, bat mich der alte Besitzer des Ladens, noch einen Augenblick zu verweilen und rief seinem Sohn ein paar arabische Worte in einen Nebenraum zu. Gleich darauf wurden zwei große Kästen gebracht und auf einen maurischen Schemel gestellt. Der Alte türmte Kissen aufeinander und lud zum Sitzen ein. Vater und Sohn standen dicht nebeneinander und hoben die Hände in einer fast schmerzlichen Bewunderung empor, als sich die roten Seidenetuis öffneten und auf weißem Samt die unvergleichlichsten Gewebe goldnen Filigranes sichtbar werden ließen, die je mein Auge erblickte. Mit einer Geste, als seien seine Finger nicht heilig genug, die Kostbarkeiten zu berühren, hob nun der Alte den größeren Schmuck in die Höhe und legte ihn über die crêmefarbige Seide einer nachgeahmten Frauenbüste. Nun erst erkannte ich, was dieses Netz bedeutete. Es war der kühle Panzer für die nackten Schultern und Brüste einer Frau. An jeder Kreuzung zweier Goldfäden taute ein blasser Rubintropfen: da, wo die dunkelroten Knospen der Brüste aus dem Gewebe drängen mußten, war eine runde Öffnung gelassen, die ganz von spitzen, heißen Diamanten umsäumt stand. Man fühlte das Atmen der blassen Haut unter dieser Hülle, das weiche Schlucken der Kehle, wenn die Lust in die Glieder rieselte, die leichte Blähung des Unterleibes über dem Geschlecht, und die flache Höhlung an den Seiten der leidenschaftlich eingezognen Schenkel. Man spürte die blaue Rohseide der Lagers, den irrenden Duft des Jasmines in den Decken, das laue Feuchte auf den leicht geöffneten Lippen, die an den glatten Strich der Schneidezähne rührten.

Die Juweliere sahen mich erwartend an. Der Sohn ließ seine weichen Finger durch die Maschen spielen, wie wenn er das warme Fleisch unter dem kühlen Geriesel abtastete, und sagte zu mir:

»Die schönste Jüdin von Tunis wird in diesem Schmuck noch heute abend tanzen. Ihr Freund, ihr reicher Freund, der nur vorübergehend in der Stadt weilt – er lebt auf seinen Farmen im Innern des Landes – hat ihn bei uns arbeiten lassen. Wir haben Monate gebraucht, ihn herzustellen. Wir haben nie etwas Ähnliches angefertigt. Es hat nicht seines Gleichen auf der Welt« ..

»Wenn nicht das andere Stück, fiel der Vater ein, zeige das andere Stück – die Wahl ist schwer.«

»Es ist für eine arabische Dame, erklärte er weiter, als der Sohn das Haarnetz über seine Hand fallen ließ, so daß es sich wie eine flache Mitra an sieben Platinkreisen entfaltete, die von den zartesten Brillanten starrten und miteinander durch unwahrscheinlich dünne Silberschnüre verbunden waren. Am linken Rand des weitesten Reifes war eine schmale Öse für den Reiherbusch und an den inneren Wänden ein Spiel von goldnen Nadeln angebracht, um die sprühende Haube über der Welle des Haares zu halten.

»Was ziehen Sie vor?« fragte neugierig der Alte, indem er sich dicht zu mir hinüberneigte und mir in die Augen sah.

»Ich ziehe keines von beiden vor. Sie sind gleich wundervoll. Für meine Gattin würde ich das Haarnetz kaufen, für meine Freundin den Panzer ..«

»Auf Ehre, ich sage das Gleiche, erwiderte rasch der Jude. Doch ob mir die Gattin oder die Freundin lieber ist, sage ich nicht ..«

Wir betraten den Souk-el-Attârin, wo die kostbaren Essenzen verkauft werden. Wie von Rosenhügeln kam uns ein Hauch aus der schmalen Lichtsäule entgegen, die durch eine offne Dachluke fiel. Ich konnte der Bitte des jungen Verkäufers nicht widerstehen, der mich zum Eintreten in seinen Laden lud und mir Kaffee und Zigaretten anbot. Er kniete vor meinem Sitze nieder und breitete auf einem seidnen Teppich von wundervoll geblaßtem Himbeergelb und Erdbeerrot eine Menge zierlicher Flacons aus, die selbst verschlossen eine heftige Süße verströmten. Die kleinen Behälter – kugelrund oder eckig abgeschliffen – waren aus altem, etwas erblindetem Kristall und ganz mit dünnen, goldnen Ornamenten übersät. Der Händler tupfte die Spitze der gläsernen Stopfen auf dünne Watteflocken, die er in die Luft warf. Ich sog geschlossenen Auges die endlos sich erneuende Welle auf: so wie man Töne unergründlicher Melodien schlürft oder das Überraschende, nur Halbgelöste im enharmonischen Wechsel der Akkorde. Ich dachte an nichts: kein Bild und keine Vorstellung bannte das Unendliche des Genusses. Ich atmete nur, so wie ich der Musik nur lausche, ohne ihr Überirdisches an Erscheinungen zu deuten. Duft bleibt mir Duft: so wie mir Klang nur Klang bleibt: vollkommen in sich: rein in Wesen und Ausdruck. Einmal fiel mein Blick auf den Knaben. Er saß etwas abseits, mit vorgeschobenem Gesicht und leicht geblähten Nüstern, ein kleines, braunes Reh, das gierig wittert. Der Verkäufer selbst schien wie entrückt. Die vollen Lippen lüstern ausgezogen, so daß in der Grube der feinen Mundwinkel ein bläulicher Flaum lag, trank er die immer wechselnden Hauche und wurde nicht müde, immer neue Flacons zu öffnen und neue Schneeflocken fallen zu lassen. Schließlich stand er auf, nahm alle die kleinen Wattekugeln und warf sie in die Höhe: Da ging ein Regen von Balsam nieder, ein Glockenspiel von fünfzigfach gemischter Süßigkeit. Ich hatte die Schwüle, die Müdigkeit, die Kopfschmerzen vergessen und lag halbtrunken auf dem Brokat der maisgelben Kissen, indes wir eine Mischung besprachen, die ich für mich bereiten lassen wollte. Der Araber sah mich lange an, sah meine Hände an und befühlte sie, langsam und prüfend, mehrere Male. Er betrachtete meine Ringe und den bläulichen Halbmond der Nagelwurzeln. Er tastete die Hügel der Fingerspitzen ab und befühlte die Haare an den Schläfen. Dann sagte er langsam, während er neuen Kaffee brachte und dem Kleinen ein Stück Lukkum reichte:

»Vous êtes artiste.«

»Parfaitement. Je suis poète.«

»Je l'ai bien deviné. Mais c'est difficile chez vouz. Votre extérieur trompe. Vous cachez votre profession, vous ne voulez pas qu'on voie ce que vous êtes. Mais vous êtes passionément artiste .. si fort que cela domine votre vie. Vous êtes de race germanique.«

»Je suis Allemand.«

»Comme je vous connais! J'ai le flair des races! Depuis mon enfance! Je sais exactement quel parfum il vous faudra. Pas pour le prendre: c'est autre chose! mais pour vous exprimer. Il faudra envelopper le centre chaud et mou d'un ruban simple et plutôt sec .. Il faudra beaucoup cacher sans dissimuler.«

Damit ging er in den hinteren Raum des Ladens und holte einige größere Flaschen, in denen smaragdene und amethystene Flüssigkeiten leuchteten. Die Mischung wurde in ein köstliches rundes Gefäß aus altem Kristall gegossen und in ein Bett von grünem Atlas gelegt. Zum Überfluß aber schenkte mir der Händler ein zierliches Glas voll Jasminduft, der in dieser Stadt heilig ist, so wie die Blume selbst.

Dann aber fingen wir an zu plaudern. Der blaue Rauch unserer Zigaretten stieg in schmalen Bändern empor, vor der Türe wogte die leise Brandung der Menge. Helle und Dunkel flog auf und nieder im Wechsel der Gestalten, unaufhörlich wallte der Duft im gleitenden Luftzug ..

Und der Araber sprach von den Oasen des Landes, von Gafsa, von El Djem, von Dougga. Ich lag flach auf dem Rücken und lauschte .. Immer wieder, wie ein Becken, in dem sich der Strom seiner Rede sammelte, kehrte die Mahnung wieder:

»Scheuen Sie nicht die Mühe .. gehen Sie in die Wüste ..«

*

Es verlangte mich zurück zum offnen Licht. Ein heller Wind schlug mir entgegen, als ich mich dem Ausgang der Basare näherte. Die Decken der Ladentische wehten, die seidnen Aushängefahnen wehten, die Gewänder der Fußgänger wehten .. Und die reinste, tiefste Bläue wehte über den schneeweißen Dächern, als ich ins Freie trat. Baumwipfel rauschten, der leicht durchbrochene Schatten der Zweige tanzte auf dem Boden. Die Schwüle war fort .. die belebende Hitze sprühte golden und leicht in den befreiten Lüften.

Wir fuhren wieder nördlich, nach der Halfaouinstraße. Ich ging, von dem Knaben geführt, in das Labyrinth der Gassen, die einsam und geheimnisvoll im klaren Lichte lagen, eine endlose Monotonie von weißen Würfeln in satter Bläue, nur selten durch das Grüne eines Wipfels oder das Bunte eines Blumenstrauches unterbrochen. Die Türen waren geschlossen. Kaum ein Mensch war sichtbar. Das Leben lag verschüttet im weißen Licht: abgestumpft, unbewegt. Etwas, das nicht mehr will.

Wir waren aufs Geradewohl gegangen und kamen an der Synagoge heraus. Hier schickte ich den Knaben fort, um den Wagen herbeizuholen und ging auf ein kleines Café zu, an dessen Schwelle zwei Tänzerinnen saßen. Ich ließ kalten Tee bringen und setzte mich in eine kühle Ecke. Die Frauen kamen zu mir. Ihr Gesicht war so stark gepudert, der Mund so giftig-blaurot überstrichen, daß mich ein Ekel faßte, als im Sprechen ein feuchter Glanz auf diese Lippen trat. Aber die Augen hatten so viel Milde, ja fast eine Traurigkeit. Die aufgedunsenen, kleinen Hände, die von unechten Ringen starrten, fuhren zuweilen in das wirre Haar, das kein Öl ganz zu glätten vermochte und stützten sich dann wieder auf die breiten, häßlichen Hüften. Den Achselhöhlen entstieg der scharfe, beizende Geruch des Geschlechtes.

»Was treiben Sie heute nachmittag?« fragte die jüngere und legte die Hand auf mein Knie.

»Ich fahre nach dem Belvedere-Park.«

»Was wollen Sie jetzt dort tun? Es ist alles verdorrt! Kommen Sie zu uns, wir werden Ihnen die Zeit vertreiben ..«

»Womit?«

»Womit Sie wollen.«

Die ältere schob die Zunge zwischen die Lippen, die schmale, zugespitzte Falte einer karminroten Zunge, auf der ein gelblicher Speichel stand. Sie lachte und zeigte verdorbene Zähne.

»Ich will gar nichts,« erwiderte ich und zündete eine neue Zigarette an, um die Fliegen fern zu halten ..

»Desto besser, sagten die beiden. Wir wissen schon ..«

Und sie sahen sich an wie solche, die glauben, verstanden zu haben.

»Hören Sie, begann wieder die jüngere, wir tanzen heute nicht. Wir können am Nachmittag tun und lassen, was wir wollen. Kommen Sie in unser Zimmer. Wir werden Opium rauchen.«

Die andere lüftete das Tuch und ließ ihre schlaffen, feuchten Brüste sehen.

»Geben Sie uns zwanzig Lire, einer jeden, und die Nacht gehört Ihnen .. Die Nacht zu dreien ..«

Sie spreizte die Beine und zog die Knie höher. Die Brüste fielen ganz aus den weißen Schleiern. Über der linken Warze stand ein bräunlicher Blutfleck, die letzte schwindende Spur eines Bisses. Sie sah mich lange an .. abwartend .. Ich lächelte und rauchte weiter ..

Da standen beide auf. Mit einem leichten Gruß, als ob nichts gewesen sei, gingen sie auf ihre alten Plätze zurück.

Es währte noch eine Weile, bis der Wagen kam. Ich sah in die Luft, die über den Steinen flimmerte, und lauschte einem Dudelsackpfeifer, der hinter fernen Höfen zu spielen begann.

*

Das Gras auf den Wiesen des Belvedere-Parkes war schon verbrannt, aber die Oleanderbäume schütteten die hellrote Flut ihres Blühens über das feste Grün der Blätter. Es war ein Oleandergarten, durch den der Wagen langsam bergan fuhr. O seltsamer Duft dieser Blüten: Duft, der mitten in der Süße abbricht, der nicht zu Ende geht und da verflüchtigt, wo sich der tiefe Atemzug ganz seiner Wonne bemächtigen will .. ein Duft wie Harfenklänge: er weckt die Sehnsucht und löst sie nicht mehr aus.

Mit einem dünnen Palmblatt scheuchte der arabische Knabe die Fliegen, als ich mich hoch oben am Pavillon zur Ruhe niederließ. Die Augen fielen mir zu. Langsam versank der Abstieg von Dächern und Kuppeln vor mir. Als ich erwachte, war nur die endlose Bläue über mir aufgerollt, weiße Vögel wiegten sich auf blühenden Schwingen südlich über dem Meer gegen den leichten Hauch der Hügel von Zaghouan. Der rote Duft der Oleanderblüten stand aufrecht in dem Garten .. der Duft, der seine Seele in sich festhält, im Schenken süß, noch süßer im Versagen ..

*

Gegen sechs Uhr abends kam ich nach Radès, zu Achmet Fouad, einem türkischen Freunde Axel Arnedals. Ich fand genau den Menschen, den ich zu finden erwartet hatte. Die erste Viertelstunde unseres Gespräches gab eine Vertrautheit, als ob man sich schon lange gekannt hätte.

Jedes Wort, das der Vierundzwanzigjährige sprach, hatte seine Schwere und Eindeutigkeit. Alle Gedanken wurden einfach und mit jener Würde gegeben, die der nordischen und westlichen Jugend fremd ist. Schon die Stimme war Ruhe, tief und tönend, jede Silbe im Kupfer ihres Klanges umhüllend. Dieselbe Kraft, zu bannen und einzuschließen lag in den großen mandelförmigen Augen. Die Brauen standen flach und stark gezogen an der niedrigen Stirn. Über den kräftigen, schlanken Händen lag mildverteilt die Sinnlichkeit des Orientalen.

*

Wir ruhten auf gelben Matten und sahen die Nacht herniedersteigen. Die trockene Wärme des Daches strömte langsam in unseren Rücken.

Schiffe lagen im Hafen, fern und kaum zu erkennen im Widerschein des roten Himmels. Auf einem Bett von Nelken ging der Abend schlafen. Silbern tauten die Sterne am Rand der Blumen. Das Meer rollte den bronzenen und rollte den stahlgrünen Samt. Im Norden blitzten die Lichter von Karthago auf. Keine Barke zog aus. Achmet hob noch einmal den schweren, dunklen Kopf, hob die Arme, wie wenn er das letzte Licht fassen wollte und ließ sich leise ganz zu Boden gleiten, indessen mich tiefes Bangen auf den Knieen hielt. Eine Stunde später brannten die Ampeln, und der Jasminstaub verpuffte in den hohen Räucherpfannen. Der schwarze Diener ging zum letztenmal. Die Tür stand offen. Palmenwipfel wiesen in die Tiefe des Gartens. Die Silberbäche der Sterne stürzten an der nächtigen Kuppel nieder. Wie Nadelspitzen schlug das Fieber des Duftes empor. Schon glitten Wolken vor dem sinkenden Auge. Rosenfelder liefen im Morgenwind und trugen mich fort. Dann noch ein allerletztes Dämmern .. ein Ruf ohne Antwort .. O Haschisch! wehes Hanfkraut! Süßes Hanfkraut, das dieses Schweben schenkt ..

Und dann der tiefe, tiefe Fall durch weiße Sternenseen in ein warmes, blaues Meer, das wiegt und wiegt .. und leise singt und weiterwiegt ..

Sehr mild und weichumrissen kamen die Gesichte auf goldnen Dünsten der Frühe:

Aus einem Veilchenhügel wurde der rührende Leib des Mädchens geboren, von der aufgehenden Sonne bestrahlt. Glückselig stand der Mund und trank die Morgenluft. Auf den Spitzen der herben Brüste glühte das Silber des Lichtes. Um die gereckten Hüften und die zarte Flucht des Schoßes lag es wie ein dünner, schmiegsamer Panzer .. und es glänzte in den Kniescheiben.

Aus den Lüften schwebte der Knabe nieder, den Tau der Dämmerung aus den Haaren schüttelnd und das feuchte Gesicht in den Händen trocknend. Er umschlang die Schulter der Geliebten und glitt in ihren Leib hinüber. Sie aber schloß die Arme über dem Kreuz seiner Hüften und trug halb schon im Sinken, halb noch im ungewissen Gleichgewichte, die Last, von der sie selbst getragen wurde. Die Lippen des Knaben aber hatten sich festgesogen an der Mandelblüte der linken Brust und tranken das hellrote Blut, das im Kreislauf in das schenkende männliche Geschlecht zurückrann. Da waren beide Körper plötzlich ganz verwachsen, und jenseits des Geschlechtes, das Mann und Weib scheidet, im Schoß der Lust bis in den Abgrund alles Werdens untergetaucht.

Andere Bilder lösten sich aus dem wachsenden Licht: auf hellblauem Lager die schlafend vereinigten Freunde, im Duft ihrer blonden und dunkleren Jugend verloren .. auf purpurnen Betten die schmerzlichen lesbischen Frauen .. Leda und der küssende Schwan, der die Schwungfedern an den wartenden Schoß drängt, Danaë mit den offnen Schenkeln, in die der Goldregen niederrieselt ..

Aus der Woge aber, die mich wiegte, sang eine Stimme – und es sang aus dem rauschenden Licht:

Ich bin die Lust. Ich bin ein Eines und bin so viele Viel, als niemals eines Menschen Hirn zu träumen vermag. Jenseits von Tugend und Sünde beginnt mein Leben, und ich lächle, wenn ihr mir Gesetze andichtet, da ich gesetzlos bin und ganz mir selbst genüge. Ich frage nicht darnach, was eurem Leben frommt und euren Zwecken dient. Ich habe keinen Zweck. Ich bin nur da, ich war und werde sein. Ich treibe den Mann zum Weib und den Mann zum Mann und das Weib zum Weib und den Menschen zum Tier und den Menschen zum Ding und das Tier zum Tier und das Tier zum Ding und das Ding zum Ding. Ich bin voll Geheimnis und weiß es selbst nicht, in wieviel Kräften ich bin. Ich bin in den Giften und bin im Balsam. O daß ihr einmal sehen lerntet und alles Lebendige gleichsetztet! Bin ich nicht aufgewachsen in den Zellen eines kleinen Hanfkrautes? Wohne ich nicht in einem winzigen Tropfen ausgepreßten Öles, der genügt, euren Willen zu brechen und eure gefesselten Sinne zu entfesseln, sodaß ihr die Wahrheit fühlt? Eine arme Pflanze des Feldes setze ich über den Hochmut eures Geistes! Ja, ich kann euch töten mit den Körnern der Mohnblume! Ich kann in euer Blut überspringen und mich so dehnen, daß das Gefäß eurer Adern zerreißt.

Wes nennt ihr die Liebe? Was eure Ordnung erhält und eure Art fortpflanzt. Aber ich bin keine Gottheit der Ordnung und keine Gottheit der Art. Ich bin die Gottheit, die als Anfang der Welt über den Wassern war. Ich befehle euch nichts und verbiete euch nichts, da jedes Geschehen mir gleich ist, in dem ich mich selbst erkenne. Ich lohne euch nicht und strafe euch nicht: Ob ihr mich preist, ob ihr mir flucht: Ich lächle – und bin.

· · · · · · · · · · ·

Morgengrauen. Aufbruch aus der kleinen arabischen Stadt, in der die Karawane am Abend zuvor eingetroffen war. Ein langer, quälend langer Ritt durch Steppe, Sand und Wüste, bis zu einem toten Gewässer, an dessen Rand das Mittagslager aufgeschlagen wurde. Agaven, Aloë, Palmen und das schreiende Gelb der Kakteenblüten. Schutt, bröckelndes, verlassenes Gemäuer, angebrannte Grasflächen. Am Himmel die gleißende, zischende Diamantscheibe der Sonne, deren überhitzter Glast ringsum die Bläue auffraß. Dann das weiße Zelt mit dem dünn gefilterten Gold in dem groben Gewebe. Teppiche und Kissen am Boden. Ein Gehen und Kommen der Beduinen, bis alles hergerichtet war. Dann Ruhe .. beklemmende Ruhe ..

Achmet Fouad lag halbnackt in dem weißen Seidenburnus ausgestreckt, dem Schlummer nah. Ich selbst, in allen Sinnen überwach, saß auf dem Polster und lauschte in das Knistern der betäubenden Luft. Die Hitze schoß in tausend Pfeilen durch die Tuchwände. Sie sprang vom Sand und dem siedenden Glanz des erblindeten Wassers empor. Ich hörte, wie draußen einer ein Kamel schlug, das sich nicht umlegen wollte. Der Stock sauste auf das verwollte Fell nieder. Das Tier stieß einen wilden, bösen Schrei aus und glitt in die Kniee. Lange noch drang sein Schnaufen zu mir herüber. Ich versuchte zu rauchen. Die Kehle war zu trocken. Das Blut drängte in meine Augen und begann in meinen Ohren zu sausen. Ich riß die Kleider von mir und warf mich auf das Lager. Die Hitze drang wie Nadelstiche in meinen Leib, in allen Poren schlug ein brennender Schmerz auf, krampfhaft kurz .. im gleichen Augenblick schon in einer unerhörten Lust aufgelöst. Der ganze Körper schien ertötet, entkörpert in der Arbeit der Glutwellen, die ihn von allen Seiten anfielen. Der Atem wurde frei. Tiefe Müdigkeit sank auf die Augenlider. –

Achmet stand lächelnd vor mir, als ich erwachte. Dunkles Orange wogte im Zelt, er schlug den Vorhang etwas zur Seite, und ich sah wieder die glänzende Wand des lasurenen Himmels, die über Palmengestrüpp emporwuchs. Die Schatten der gesattelten Kamele fielen auf den gelben Boden, ein Beduine fragte, ob wir bereit seien. Wir ritten tief in den Abend hinein. Bei einem Sykomorengebüsch wurden die Zelte wieder aufgeschlagen. Die Wachtfeuer brannten an der Erde, der blaue Rauch wirbelte in den roten Dunst der Lüfte. Schwarz lagen die Kamele gegen den Purpur der Zelttücher, der langsam blaßte, auf der welligen Weite war eine Saat von bleichen Rosenblättern ausgestreut, die in jeder Minute weiterwelkte. Aus den goldnen Brunnen der Sterne fiel der Tau. Flachen Leibes lag ich auf dem Sand, den Kopf in die aufgestützten Arme gebogen. So lag vor tausenden von Jahren der Nomade auf dem Boden der Wüste, wenn er in den kühlen, durchscheinenden Nächten von seinen ruhlosen Wanderzügen ruhte, und schuf an der Weite des funkelnden Himmels und der noch weiteren Weite des wehenden Sandes den Raum seiner tiefen und kindlichen Seele. So barg er das wilde Antlitz im Staub der einsamen, unentweihten Erde, so hob er das wilde Antlitz nach den Sternfeldern, die den Wohnungen Gottes vorgelagert sind: Da wuchsen die ersten Silben im Abgrund der Seele, Schauder und Wonne, in einem dunkeln Klang gebunden: und das Gebet war geboren: der große vermittelnde Gesang zwischen dem, was endlich ist, und dem, was ewig ist.

*

Achmets Finger rührten an meine Schläfe:

»Der Tag bricht an ..«

Ich hob mich aus dem tiefen Schlaf.

Das blasse Öllicht flackte in dem Messingbecken. Stimmen wurden vor dem Zelte laut. Achmet schlug weit den Vorhang auf. Die Luft kam weich und kühl von Osten. Ich löste mich aus den Decken und trat in das Freie. Die Beduinen grüßten. Einige knieten schon am Boden. Über dem blauen Milchdunst am äußersten Saum der Erde schleifte der trübe Rand eines purpurnen Vorhangs, der an grauen Wolkenbändern aufgehängt war. Plötzlich teilte sich dieser Vorhang der ganzen Länge nach und öffnete dem Auge einen Blick in kühle, blanke, smaragdene Tiefen. Im gleichen Augenblick bauschten sich die Wolkenstreifen, Ströme von hellem Blut stürzten in die grüne Klarheit der Mitte. Am Boden aber leckten schon kurze Topasflammen nach oben, weißglühende Dolche zuckten im Halbkreis nach und durchstachen das schon gerinnende Blut: zwei-, drei-, vier-, fünfmal raste eine mörderische Lohe bis in den Zenit hinauf – und die große, weingoldne Sonne stand in erdrückender Ruhe über dem verwüsteten Horizont.

Ein Kamel zerrte am Halfter und schrie auf. Ein zweites schrie, ein drittes, ein viertes, ein fünftes .. dann schrieen alle. Vielleicht schreit einer so, dem das Messer in die Eingeweide saust.

– –

Wir ritten .. ritten ..

– –

Wir ritten .. ritten .. ritten ..

– –

Gegen Abend erreichten wir die Oase.

*

Gebadet und erquickt lagen wir am Rand der Quelle. Braune Kinder spielten um uns. Frauen kamen und füllten die gelben Tonkrüge, die sie auf der Schulter davontrugen. Die Sonne war am Untergehen und schüttete ihr letztes Licht über die breiten Palmenwedel und Olivenwipfel. Dichtes, blühendes Oleandergebüsch säumte den Abhang vor uns, jenseits der Böschung vor uns standen Weizenäcker voll Kornblumen und Klatschrosen. Da mußte ich an das heimatliche Land denken, an das grüne, wellige Land um Pfingsten .. an die Feldwege nach Sonnenuntergang ..

Ganz leise, ganz beruhigt war das Gespräch mit Achmet. Ein Gespräch voll Abend und süßer Traurigkeit. Keine Pläne mehr, kein Rechnen mit Meilen und Stunden: nur das lautlose, wunschlose Übergehen von Wesen zu Wesen. Kein Unterschied des Alters mehr, kein Unterschied der Rassen: was uns irgend trennen konnte, war mit dem lauen Wind verweht, der in den Wipfeln ging. Wir sprachen von unserer Kindheit, von unseren Müttern, von Freunden und von Frauen. Es war alles so ähnlich, die selben Träume, dieselben Bitternisse, dieselben Tröstungen. Nur die großen innern Ziele waren anders gesetzt: weil das Schicksal des Vaterlandes verschieden war. Achmets Liebe zu seinem Volke war ein dunkles, unterirdisches Lodern, das sein ganzes Wesen ergriff und hinriß: eine Liebe voll Fanatismus und Sehnsucht sich zu opfern, tragisch in ihrer Artung und zu jedem tragischen Ende bereit, unklar und grandios. Er sprach von Enver Bey, dem Heldenhaften, der zart und melancholisch war wie eine Frau, ein Brand von Liebe und Schmerz. Da spürte ich zum erstenmal im Rhythmus der Sprache, im Fall der Töne, die ganze Leidenschaft, die dieses tiefe, stille Herz verschloß, die innere, geistige Schönheit, in der die Kraft lag, ein ganzes Leben läuternd zu durchdringen. –

Wir verstummten vor der wachsenden Schönheit des Abends. Fern im Osten hing zum erstenmal die gelbe, scharfgeschnittene Sichel des Mondes an einem Himmel von Kupfer und Grünspan. An den Palmenschäften glänzten wie Buckeln am Schilde die Stümpfe der abgefallenen Blätter, die langsam wiegenden Wedel schlugen das ruhende Gold des Äthers. Wie sich ein helles leichtes Zeltdach niederläßt, ließ sich die Nacht hernieder. Wir gingen Arm in Arm zwischen Ölbaumgärten und gelben Feldern, auf schmalen Lehmwegen. Esel, mit hochgefüllten Gemüse- und Blumenkörben beladen, trabten dem Stalle zu, Kamele schlürften an einer Tränke langsam das Wasser, in einer offnen Türe brannte die rötliche Ampel, in einem Hofe zupfte eine schläfrige Hand die Zither. Schatten füllten die Winkel und Ecken und wehten dem Dunkel der ruhenden Wipfel entgegen. Die Wege verloren sich, leuchteten über fernen, blassen Hügeln noch einmal auf und sanken ganz in Finsternis.

»Wie wird dies alles fremd,« sagte ich leise zu Achmet ..

»Und weit, fügte er ebenso leise hinzu. Ich höre die Quellen fließen.«

Und er hielt ein im Schreiten.

»Ich höre das Kommen der Nacht .. Wie ein Flug von weißen Vögeln kommt diese Nacht ..«

· · · · · · · · · · ·

Als ich die Augen aufschlug, lag schwere, dunkelgrüne Dämmerung über den golden durchleuchteten Wänden. Das helle Plätschern eines dünnen Brunnenstrahles kam über den bläulich-kühlen Flur, nach dessen Tiefe hin die Türe offen stand, und flüchtiger Rosenduft war in das Atmen des Wassers gesprengt. Die Sirene eines Schiffes durchbrach die heiße Stille .. Tunis .. Radès .. die Villa Achmet Fouads.

Ich richtete mich empor und sah nach der Uhr. Es war um die achte Morgenstunde .. Ich hatte nie so tief, so traumlos tief geschlafen. Meine Glieder waren gelöst, gebadet in wunderbringenden Wassern .. leicht und selig durchrieselt von genossenem Glück.

Kein Ton drang aus der Tiefe des Hauses. Grüne Fliegen summten, ihre kleinen Schatten zuckten über die oberen Kalkwände. Ich begann nachzusinnen .. aber die Bilder in meinem Gedächtnis verwirrten sich. Jahre waren vergangen, viele, heiße, schattenlose Jahre.

Achmet trat auf die Schwelle.

Wir nahmen das Frühstück im Garten des Brunnenhofes. Zitronenfalter flogen über den offenen Blumen, mit jedem Flügelschlag fiel eine Schuppe matten Goldes in das tiefe Blau der Lüfte. Tausend kleine, weiße Flecken tüpfelten den Boden unter den Büschen. Bäche von elfenbeinernen Blüten stürzten aus dem harten Laub der Jasminsträucher. Ich sah zum ersten Mal diesen Garten. Halbträumend trank ich den leichten Tee, wie einer, dem keine Zeit mehr gesetzt ist. Draußen war ja keine Karawane mehr zur Abreise bereit, es warten keine Kamele, die schon gesattelt standen und unruhig die geduldigen Köpfe drehten, keine Beduinen, die kaum die roten Lippen über dem schwarzen Barte zu einem Wort öffneten. Es wartete auch kein Schiff im Hafen .. Der Tag war frei .. zeitlos frei ..

Aber morgen abend lag das Schiff an der schwarzen Mole, und eine Stunde nach Sonnenuntergang trug es mich hinaus durch den Kanal des Bahira-Sees in das offene, nächtige Meer.

Da schärften sich die verträumten Sinne .. Deutliche Bilder wuchsen im goldnen Flimmern des Morgenlichtes herauf und blieben stehen: klare Symbole, die den hellen Sinn des Lebens verkünden.

»Wo sind Sie?« fragte Achmet.

Ich sah ihn fast erschrocken an.

»In Griechenland.«

Er bewegte langsam, fast traurig den Kopf:

»Mir ist die griechische Seele fremd. Auch ihre Gleichnisse sind mir fremd. Ich habe oft versucht, zu verstehen, ich habe mich abgequält darum, es ist mir nie gelungen, da in meinem Wesen weder eine Stimme fragt, noch antwortet. Wie oft habe ich mit Axel Arnedal in Rom den Vatikan und das Kapitol durchwandert! Das Rätsel blieb, und ich habe es aufgegeben, an Lösungen zu denken.«

Er lächelte – wieder dieses gütige, halb überlegene Lächeln des Orientalen, und blies den blauen Rauch seiner Zigarette langsam zwischen den vollen Lippen in die Luft. Dann stand er auf und winkte mir mit dem Kopf, ihn zu begleiten. Wir traten durch ein vergoldetes Tor in die purpurne Verdorrtheit eines Palmengartens, der hinter dem Hause lag. In allen Wipfeln hingen ziegelrote Geranien, ein Heliotropenbeet hielt die Mitte des verbrannten Rasens, und ganz am Ende, wo die Lehmwände ein wenig Schatten in ihrem Winkel fingen, gossen sich gelbe Rosen bis auf den Sockel einer Antinousstatue.

»Ich weiß nicht, wie sie hierherkam, sagte Achmet. Als ich das Haus mietete, fand ich sie dort.«

Der weiche Leib des Knaben blühte in dem gedämpften Gold, mild und von innen, wie alter penthelischer Marmor. Auf den flachen Hügeln der Brust schloß sich die Süße des Lichtes in weißem Feuer, während ein warmer, violetter Schatten sich tief in die reife, ruhende Frucht des Geschlechtes einsog. Aber das Auge war nichts als verflüchtigte Wehmut, der Mund verbarg nicht seinen großen Überdruß. Jenseits der Mauer, den Hügel hinan, blühte ein Feld von weißem Mohn. Dort ruhte der betrübte Blick, dem Meere abgewendet, das in der Tiefe zwischen Olivenwipfeln blaute.

*

Am Nachmittag fuhr ich in die Sammlungen des Bardo hinaus, an dorrenden Feldern vorbei, die Öde eines arabischen Friedhofs streifend, und dann weiter unter den flüsternden Wipfeln der breiten Allee, immer die Berge vor Augen, die so leicht in der heißen, spielenden Luft ruhten und doch in allen Adern ihres Gesteins brannten. Ein Feuer von lilaroten Clematisblüten loderte die weißen Kalkwände des Hauses empor .. ein weicher, violetter Mantel sank die Kühle der Eingangshallen auf die Schultern ..

Ich sah das Weinstockmosaik mit den pickenden Vögeln und geflügelten Eroten, welche die Trauben abernten .. ich sah ein andres mit dem Bildnis des Vergil zwischen Clio und Melpomene .. ich sah die Seitenwand eines gemeißelten Sarges mit den Grazien und Jahreszeiten, einen Hermaphroditen, einen androgynischen Eros als Fackelträger, Kameen aus Jaspis, Achat und Kornalin, punische Kleinodien aus den Gräbern von Karthago, Halsketten, Ohrgehänge, Armbänder, Amulette und Ringe, wundervolle Ringe aus weißem und rotem Gold, gehämmerte und ziselierte, von halberblindeten Steinen gekrönt.

Dies alles sah ich in seiner verwirrenden Fülle .. Da stand auf einmal in der Helle einer offnen Türe jener geflügelte Bronze-Eros, der auf dem versunkenen athenischen Schiff bei Mahdia gefunden wurde. Ich vergaß, was mich noch vor wenigen Minuten entzückt hatte: ich war ganz Auge, hingerissen von der unwiderstehlichen Macht hellenischer Schönheit, hellenischer Jugend. Wie selig-erfüllt ruht dieser Gott auf breitem Marmorsockel, er wiegt sich auf den schlanken Füßen, als ob er tanzen wolle .. Die Flügel haben sich im Streichen der Luft geöffnet und lösen die letzte verharrende Schwere in einer Ahnung beginnenden Fluges auf.

Noch tiefer aber ergriff mich das Leben einer kleinen Gemme, die unter Glas auf blassem Sammet ruhte: Da hebt sich auf grauem Grunde das bläuliche Weiß des Gesichtes, das Blut rinnt unter der klaren, angespannten Haut. Der Jüngling lebt in seiner strengen Schönheit, für die der Künstler das Symbol des Kriegsgottes fand. Er lebt so sehr, daß die Seele des Betrachters nachschaffend in die steinernen Züge hinübergleitet und mitlächelt, wenn sie das feine Lächeln in den schmalen Mundwinkeln spürt und in den grauen, klugen Augen, wo sinnliche Zartheit mit dem Blitz des raschen Entschlusses und gebietenden Willens kämpft.

*

Um fünf Uhr holte mich Achmet ab. Wir fuhren zum letztenmal durch die südlichen Viertel der Stadt. Ich fühlte den Abschied, der mit dem Abend leis und schmerzlich sank. Ich sah auf Achmet. Er saß gesenkten Kopfes zu meiner Linken und spielte mit ein paar Jasminblüten, die ein Kind in den Wagen geworfen hatte.

Wer war Achmet?

Ich wußte es nicht, und wir hatten vierzehn Tage wie Freunde gelebt. Ich wußte nur: er hatte die Seele eines Kindes, weich und klar, ohne Berechnung und ohne Zwiespalt. Er hatte die Seele des Orientalen, die über unergründlich-sinnlicher Trauer lächelt ..

Zu Hause las ich Briefe, viele schöne Seiten von der Mutter, von deutschen Freunden, die meiner Reise von ferne folgten, und ein langes Schreiben von Axel Arnedal, das gar kein Brief mehr war, sondern eine sommerliche Dichtung, in der ein Hauch von Schwedens grünen Buchenwäldern und weißen Julinächten wehte. Da stiegen die Berge der deutschen Heimat auf, die kühlen, schmalen Hügel, die sich so lautlos in das fruchtbare Land hinlassen, die Eichenwälder, die Tannenforste und die Wiesen, auf denen das blühende Gras um die Gruppen der Sternblumen zittert .. Die Kuckucksrufe und das scheue Schreiten der Rehe am abendlichen Saum der Gehölze, die goldgefüllten Lichtungen hinter feuchten, braunen Schneisen .. Die Bäche mit dem weichen, singenden Schaum und das einsame Kreisen des Vogels, von der grundlosen Tiefe des blauen Teiches gespiegelt .. Und die Wolken, die schimmernd geballten Wolken, die über den Feldern von Weizen und Gerste, von Mohn und Kornblumen aufsteigen.

Und als wir am Abend wieder auf dem Dache saßen, als die Glocke des Himmels in maisgelber Glut stand und aus dem unterirdischen Rosenbett der schlafenden Sonne ein Qualm von Purpurdüften aufwehte: als das Meer in Karmesin und Henna brannte, so daß die müden Segelschiffe auf Flammen zu lagern schienen: als auf die Häuser von La Goletta eine Streu von Pfirsichblüten niederging und der Byrsahügel auf den Trümmerfeldern Karthagos in einer Säule roten Rauches stand: da blieben die deutschen Bilder über die Ferne des Meersaumes hingegossen und in ihrer zarten Schönheit voll Sehnsucht neben die griechischen Gesichte hingelehnt, mit denen sie langsam im Sinken des Abends verschmolzen.

In der Nacht aber, als alles tief im Hause schlief und mich der Abschied wachhielt, stieg ich in den Garten hinunter und saß noch einmal im wachsenden Mondlicht bei Antinous:

›So treibt noch einmal mich die Einsamkeit

Hinab zu dir, o Bildnis, halb verwaist ..

Die Mondnacht sinkt und macht die Landschaft weit:

Wie bin ich voll von dem, was Mondnacht heißt ..

Sieh, wie das Licht die lauen Tropfen füllt,

Die schon vom Tau auf allen Blüten stehn:

Ich werde deinen Garten nicht mehr sehn,

Wenn wieder Nacht den neuen Tag verhüllt.

Das Schiff entflieht – es flieht dein Angesicht,

Das in so langer Schau fast meines war..

Von deiner Stirn, von deinem weichen Haar

Die abendliche Wehmut folgt mir nicht.

Und nähm ich dich und trüg dich fort von hier

Aus deinen Rosen, deinen Lorbeerhecken:

Dich würde so des Nordens Trübsinn decken,

Daß du verstummtest. – Und was bliebe mir?

Das Land, mein Freund, das meine Heimat heißt,

Ist von der Sonne selten nur umworben,

Es liegt verhüllt und oftmals wie erstorben

Im Nebel, der um Fichtenwälder kreist.

Und selbst an Tagen, wo die Stirne freier

Sich in das Blau geklärter Lüfte hebt,

Bleibt irgendwo im Äther noch ein Schleier

Aus grauen Seidenfäden hingewebt.

Nie leuchtet klar der Berge fernes Rund

In deutlicher Umgrenzung: Dünste zittern

Wie hinter ewig zugeschlossnen Gittern

Und geben niemals frohe Götter kund.

Euch aber lachten aus den kleinsten Dingen

Die Himmlischen verheißungsvoll und heiter an:

All ihre Süße konnte euch durchdringen

Und eure Irdischkeit war nie ein Wahn.

Sie waren eins mit eurem tiefsten Wesen,

Sie lebten unter euch, einfach und mild,

Gott war an Mensch und Mensch an Gott genesen

Und einer stets des andren Ebenbild.‹

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