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Südliche Reise

RAVENNA

Reading edition

So war die Anfahrt an Ravenna:

Grün dehnte sich rings in der schweren Luft: Korn- und Weizenfelder, von vielen frühen Gewitterregen aufgetrieben. Feuchter Dunst lag über der reglosen Fläche. Mitten in die Acker waren Ölbäume gepflanzt. Das dünne Silber der Zweige warf eine bezaubernde Leichtigkeit in die Schwüle. Von Stamm zu Stamm rankte Weinlaub in niedrigen Bögen, die fast die Spitzen der Ähren berührten. Die Sinne ermüdeten an dem ununterbrochen gleichen Bild, die Augenlider schlossen sich leicht und zuckten nur ein wenig weiter auf, wenn unverhofft ein zerbröckelndes Bauernhaus, ein Garten voll weißer Lilien oder eine Oase hochroten Mohnes auftauchte.

Das Licht wurde leiser, unwahrscheinlicher, aber im Steigen der Sonne ein wenig goldner. Ganz fern, wo der Himmel an die Erde rührte, zogen lange Regenstreifen den Viertelkreis ihres feinen Staubes. Kurze Pappelalleen tauchten in gelben Wiesengründen auf und verschwanden, selten nur stand am Rand eines Feldes ein Lorbeerstrauch, noch seltener hob sich aus abgeschlossenen Parken eine Zypresse. In dem blaugrauen Schleier des Himmels formten sich kleine, runde Wolken, die Luft wurde heiß, der Goldstrom der Regenstreifen begann zu ermatten. Plötzlich schimmerte die Ahnung eines Turmes in dem ruhigen Niederfluß des Lichtes, unkörperlich, mit schwachen Umrissen. Das Bild eines zweiten Turmes schob sich daneben, nicht minder undeutlich, dann die Giebel schmuckloser, unendlich einförmiger Häuser. Ebene und Stadt waren eines, ohne Grenze ineinandergeschoben und aufgelöst in der Traurigkeit des teilnahmlosen Himmels, der dieses Land nicht liebte.

Nun schimmerten Kanäle auf, einige breit und fortlaufend, andere willkürlich hier und dort zwischen die Felder gezogen. Das Wasser leuchtete braun über dem Untergrund irgend einer Fäulnis, manchmal auch weiß und leblos wie über bleiernen Böden. In der Ferne, wo das Meer liegen mußte, hatten sich die Wolken vollkommen geschlossen, die Stadt lag brütend und gleichgültig in unaufhaltsamem Siechtum: eine stumme, erschütternde Anklage.

Ich stand wie gelähmt auf dem kleinen, verstaubten Platz, ehe ich mich entschließen konnte, einen Wagen zu nehmen, und sah im Kreise umher, ob nicht irgend ein freundliches Bild, ja nur der Ausschnitt eines Bildes, den Fremdling willkommen heißen wolle: Aber da war nichts als grauer und gelber Staub über einem ausgetretenen Pflaster, graue und gelbe Häuserwände mit blinden, leblosen Fenstern und hoffnungslos erstorbenen Blendbögen, graue und gelbe Ziegeldächer, von vielen schmutzigen Regengüssen gedunkelt, und ein paar verwahrloste Menschen mit grauen und gelben Gesichtern, in denen quälerisch das Wort geschrieben stand, das der Fluch dieser ganzen Stadt ist und jeden Menschen so rasch aus ihren Mauern forttreibt: Fieber .. Langsames Fieber, das sich im Blute einnistet und immer wieder aufsteht, wenn es die feuchte Hitze des Sommers und der Morastatem des Herbstes aus dem trügerischen Schlaf zum Leben ruft. Wie blöd waren die Blicke, die an mir haften blieben, wie verständnislos und mißtrauisch gegen den Fremden, der nur hierher kommt, um das heimliche Leben in seinen Winkeln aufzusuchen, das diese hoffnungslosen Gassen überblüht. Alles ist verwahrlost, was der Blick streift, es gibt keine Mauer mehr, an der nicht der Kalk oder das Gestein losbröckelte, keine Flucht von Fenstern, deren Glas nicht gesprungen wäre, kein Tor, das nicht klaffte oder sich in unverrosteten Angeln drehte. Was will es bedeuten, daß zuweilen das Auge in stillen Blumenhöfen und Binnengärten versinkt, wo blasse Rosensträucher in grauen Tonschalen wuchern und ihre Blüten über schmale Treppen fallen lassen .. wo reglose Stachelpalmen die matte, taube Luft durchstechen und uralter Efeu sein schwarzes Laub über verfallende Mauern wirft? Vielleicht auch leuchtet plötzlich ein Geranienbeet an dem leeren Behälter des versiegten Springbrunnens auf und wirft dir den Frevel seines leidenschaftlichen Blühens in das Gesicht. O Kranksein dieser zerrütteten Stadt! Immer wieder fiel es mich an, während mein Wagen auf dem abgescheuerten Pflaster dahinfuhr. Zuweilen trat eine Frau aus dem angelehnten Tor und goß einen Eimer voll Spülwasser in die kaum noch erkennbare Rinne: dann schrak das Pferd ein wenig auf und ging schneller, die Räder aber ließen lange noch die feuchten Spuren hinter sich, zwei braune Geleise, die matter und matter wurden, bis der Staub sie aufgesogen hatte. Schon fingen die Augen an zu brennen von dem blendenden Licht, das immer noch durch den grauweißen Filter des Wolkendunstes rann, sich manchmal etwas verdichtete und fast den Schatten eines Hauses zeichnete: da hielt der Wagen vor dem Eingang von San Vitale.

*

O Name voll Duft und Keuschheit, dessen Musik das Ohr entzückt.

Blasse Rosen an den schmalen Säulen der Eingangshalle streuten in ihrem weichen Geruch die Ahnung kommender Süßigkeit, dann öffnete sich eine Türe, ein paar Stufen führten abwärts .. Unwillkürlich hob sich der Blick, von der geheimen Gewalt schwebender Bogenwölbungen nach oben gelenkt; und siehe: aus der stillen Tiefe einer seitlichen Halbkuppel wehte ihm ein überirdisches Grün entgegen, durchsichtig wie der sommerliche Abendhimmel, wenn die ersten scheuen Sterne sprühen. Jede Schwere war in diesem Leuchten gelöscht. Es nahm den Pfeilern die Mühe des Tragens und den Kuppelwänden das Bewußtsein des Getragenwerdens. Dienst und Gegendienst aller Teile hob es in die fließende Zartheit seines Duftes empor, die mit der Verheißung der Gottnähe alles Aufstreben krönte. Nun erst wagte das Auge die Schau in den Umkreis. Von allen Seiten des oberen und unteren Umganges floß die Helle zusammen, der Sinn einer jeden Wölbung war, das Licht zu fangen und der beherrschenden Mitte des heiligen Kreises zu geben, über dem sich, fast schwebend und wie von unsichtbaren, goldnen Seiten emporgehalten, die allerlösende, allstillende Kuppel hoch und sieghaft aufhob. Aber dieses Licht war nicht weiß, nicht grau, nicht gelb wie der fiebernde Äther: es war millionenmal gebrochen und verinnerlicht in allen Farben, die aus dem Mosaik der Wände aufblühten, es war gemildert und gereinigt in den Schatten, welche die Bögen und seitlichen Halbkreise der sieben Nischen ihm abrangen. Auch der Marmor der Tragsäulen, das Geflecht und die Blumen der Kapitäle gaben ihm neue, geläuterte Strahlung, und selbst vom Fußboden hob es sich wieder in sanfter Tönung auf. Es hatte Stimme bekommen, es war Gesang geworden und rieselte in die Stille, die ganz gesättigt war von Traum und Leben. Die große, erlauchte Mitte aber gab dieses Licht an den halbgeöffneten Altarplatz weiter, der sich nach Sonnenaufgang zu aus dem Bann der Kreise hinausschob und in die Feierlichkeit einer strahlenden Apsis mündete. Wie diese Helle lockte, wie heiter sie zu sich hinüberlud. Sie spielte den Jubel ihres Lichtes gegen die dunkle Schönheit der Mitte aus und wußte dennoch, daß sie nur eine Dienerin war in dem Traum unlöslicher Einheit. Ich trat langsam näher: jeder Schritt auf diesem Boden zwischen den roten und grauen Täfelungen der Pfeiler, zwischen dem warm- und stilleuchtenden Marmor der Säulen, war scheu, fast furchtsam: denn jedes Weitergehen war das Verlassen einer Schönheit, in der sich gerade die Sinne gefangen hatten, und brachte eine neue, die der früheren feindlich war. Und als die Augen eben schon das wallende Licht über dem Altare, die Wände und Kuppeln mit allem Übermaß der schillernden Mosaikbilder, mit allen Aus- und Ineinanderströmen undeutbarer Farben in einer Schau zu nehmen versuchten: mußte der Blick noch einmal anhalten vor dem blühenden Steinfiligran der Altar-Schranken, in dem das reine Gold der Morgenluft flimmerte. War die Sonne aus den Wolken gebrochen? Über meine Füße fiel der Schatten einer Säule: so mußte draußen die Sonne scheinen. Als ich die Augen wieder aufhob von den Blumen der Steinranken, von den Clematissternen, den offnen Lilien und Diclytraherzen, bebten die Lider vor der weißgoldnen Welle, die aus den Fenstern wallte und sich in die Mitte ergoß, vorbei an dem Glanz der Bilder, die alle Wände und Deckengewölbe dieses Raumes schmückten und durch vierzehn Jahrhunderte die ungebrochene Kraft ihrer Schönheit bewahrt hatten. Welche Glut des Glaubens hat die Erfinder dieser Gemälde beseelt, wenn sie den Ruhm Gottes und das Wunder der Entsühnung in einer solchen Saat von Farben ausgießen konnten: wenn sie die Gabe hatten, aus all diesen Sternen, diesen kleinen Bögen und Punkten, diesen Zacken und Vierecken, diesen Kreisen und Kreuzen, aus dem Gewühl dieser Blumen und Girlanden einen solchen Jubel von Anbetung zu schaffen, daß kaum noch die Frage aufsteigt, wer die menschlichen Gestalten sind, deren Legenden in der flammenden Buntheit der Ornamente ihre Sprache verloren haben. Was sind sie anders, als selbst ein Ornament, eine kaum erbebende Melodie in der unteilbaren Gewalt der Toneinklänge? Was bedeutet es, daß wir wissen: hier throne Christus in der Kuppel der Apsis und dort, über der linken Seitenwand, opfere Abraham seinen Sohn Isaak? Nur zwei Mosaikbilder sind in die Wand eingefügt, die fremd im Jubel dieses Gotteshauses bleiben und grausam unvermittelt den wehen Hintergrund erschließen, auf dem die mittelalterliche Geschichte Ravennas seit dem Untergang der Goten ruht: Es sind die Gemälde des kaiserlichen Hofstaates, auf der einen Seite Justinian mit seinem Gefolge, auf der anderen Theodora mit ihren Frauen. Wie ausgebrannt ist das langgezogene, regungslose Antlitz der kaiserlichen Hure, die sich in ihrer Jugend den Soldaten preisgab und als Geliebte des slawischen Abenteurers den Thron erklomm .. wie liegen ihre kranken Sinne offen um diesen blutenden Mund und die übergroßen, unersättlichen Augen. Sie schreitet der Kirche zu, ihre Hände tragen ein goldnes Weihgefäß. Je tiefer der Blick sich in das Scheinbar-Tote dieser Mosaiksteine einsieht, desto erschreckender wird das Leben in den halbverwüsteten Gesichtern deutlich und das Fieber, das in diesen strengverhüllten Körpern auf- und niederfliegt. Die Kleider sinken, lüstern und schamlos, der Heiligenschein um den Kopf der Kaiserin taucht in den schwachen Dunst von hellem Blute, nackte, hagere Hüften zeigen ihre heiße Blässe, fallende Schultern und erschöpfte Brüste, auf denen nur das Mal der Warze brandrot flackt. Armselige, mißbrauchte Leiber, an denen nichts mehr blühend ist und dennoch nichts gestillt. Wer bist du, Nachbarin Theodoras zur Linken, in deinem karminfarbigen Gewand mit den breiten Goldborten und dem hellen Überwurf der Schultern, den deine rechte Hand festhält? Bist du vielleicht Eudoxia, die Gemahlin Belisars? Welche Nächte mußt du gesehen haben, wenn du es wagen darfst, dich so an die Kaiserin zu lehnen .. Und du, Nächstfolgende im hyazinthblauen Kleid und rostbraunen Überhang, du, mit den wundervollen Brauen und der schmalen Nase, mit der übersatten Frucht des Mundes und den schweren Lidern über der glühenden Ruhe der Pupillen? Noch ist eine Beherrschtheit in dir (oder ist es eine Grausamkeit, die es gewohnt ist, ihre Opfer zu verachten?), aber deine Hand ist krank und kündet auch dein Schicksal. Vielleicht wolltest du nicht mit hinabgezogen werden .. aber deine unwillkommne Tugend hätte leicht an einer zarten seidnen Schnur enden können. Nur der einen, der allerletzten begleitenden Frau, ist ein Hauch nicht ganz ertöteten Gefühls in dem traurigen Gesicht stehen geblieben. Sie hat sich abgewandt, ihre Augen suchen irgend eine fremde ausgelöschte Ferne.

San Vitale! Heller Ruf des silbernen Hornes im Morgenwind .. Der Traum des besudelten Purpurs zerstob. Nur das eine wollte nicht zum Schweigen kommen: daß Theodora die goldne Schale zum Altare trägt. Was war der Glaube dieser Frau, der um ihr Haupt den Schein der Heiligen wob? Die halbverschüttete Sehnsucht ihrer Seele? Die letzte Raserei der Sinne, die in Kasteiung endet? Da stieg das letzte der Gesichte auf: wie sie den schlaffen Körper über die scharfkantigen Stufen vor dem Tisch des Herrn emporwirft, ohne auf die Schnitte und Risse zu achten, und die müden Brüste gegen die aufstachelnde Kälte des Marmors preßt. Die Hände, von der Überzahl der Ringe gelähmt, umklammern die Peitsche, die Schläge prasseln nieder, über den Rücken, an dem sich die Rippen abzeichnen. Langsam rieselt das Blut .. Die Nüstern stehen gebläht .. Duft und Dunst des eignen Blutes, als Opfer dem Gekreuzigten gebracht, der aus dem glühenden Mosaik durch den Rauch zu süßer Kerzen niederlächelt .. Letzter Kuß der verirrten Lippe auf den üppigen Mund des Gottes-Sohnes .. Und viele Stunden später das Erwachen im tiefgedämpften Licht des Badegemaches, wo in den silbernen Becken die Düfte der weißen Nelkenkörner verpuffen und die Sklaven auf das erste befehlende Wort der Herrin warten, deren Haupt wie leblos im Schoß Eudoxias ruht .. O Qual eines kaiserlichen Namens! Theodora, die Gottgeschenkte, Name einer Büßerin, die das Kreuz der Liebe trug und alle, deren Leben sie berührte, an ihrem verachteten Leid mitleiden ließ .. Unmerklich hatte sich das Bild vor mir geändert. Nur das Herz blieb sehend .. das letzte der Gesichte losch aus. Nur die Seele der Farbe gab noch eine Antwort und verkündete nichts anderes mehr als die Inbrunst des Künstlers, der das Nebeneinander dieser Gestalten, den Fluß der Gewänder, das Lorbeergrün des Fußbodens und das weiche Gold des angedeuteten Himmels in die Rhythmen seines schöpferischen Geistes zwang: unbekümmert um die Tragödien des Blutes, die in diesen Menschen wohnten. Sein Name ist vergessen: aber seine Liebe zur Schönheit ist ewig in ihrer zeugenden Kraft.

*

Die Pförtnerin öffnete ein schmales Tor. Ich trat über wenige flache Stufen ins Freie. Warmer Duft schlug mir entgegen, Duft von Erde, in welcher noch der letzte Regen verdunstet, von Gras und von Rosen, die an einer hellen Ziegelmauer emporwuchsen, blaßrot und klein wie die Blüten der Mandelsträucher. In dem matten Sonnenlicht, das zwischen den flachen Firsten fremder Dächer und einer vergißmeinnichtblauen Bucht des Himmels stand, klang die gedämpfte Musik von San Vitale weiter. Jenseits des freien Platzes, der halb Garten, halb Hof, halb Schuttstätte war, lag das Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia über der Grundfläche eines lateinischen Kreuzes, ohne einen anderen Schmuck als die Rundbogen blinder Arkaden und den gezackten Fries unter dem Ansatz des Daches, wundervoll lebendig in dem satten Sepia der Ziegelsteine. Ich vergaß es, daß der Tag schon der Mittagshöhe zulief, daß noch viele Schönheiten meiner warteten: ich saß, die Arme über den hochgezogenen Knieen verschränkt, das Auge halb durch die Bläue, halb über den stumpfen Goldhauch der Mauern und Dächer spielen lassend, auf dem niedrigen Grashügel und sann dem Leben der Kaiserin nach.

Es war das Erbteil des mütterlichen Blutes, das sie so sehr zur Römerin machte, aber vom Vater hatte sie das Königliche des Wesens, die Inbrunst des Willens und die große staatsmännische Begabung. Es gibt ein wundervolles Bild des großen Theodosius auf einem silbernen Schild, der bei Merida in Spanien gefunden wurde. Das schmale Gesicht trägt die Züge einer vergeistigten Schönheit. Der Mund, voll verschwiegner Sinnlichkeit in das schmale Oval der Wangen gedrängt, ist nicht viel breiter als die Spanne zwischen den beiden Nasenflügeln, die leichtgebläht über der unmerklich schiefgezogenen Oberlippe stehen, der Lippe eines Mannes, dessen Sinne verfeinerter Genüsse bedürfen. Enträtselt aber wird dieses Gesicht erst in den weitgeöffneten Augen, deren durchsichtiger Glanz den dunklen Zug der Brauen noch verdunkelt und nur im Leuchten der gemeißelten Stirne eine Antwort findet. Alle Formen sind gebunden in der Zucht des Geistes, in dem Wach-sein einer außergewöhnlichen Klugheit und eines unbeugsamen Willens. Ja, vielleicht war der Glaube dieses Kaisers, sein leidenschaftliches Eintreten für das athanasianische Bekenntnis, nur die Frucht einer unerbittlichen Selbstschulung. Auch Galla hatte diesen Glauben des Vaters: doch ganz in die Beseelung, ganz in die Sehnsucht eines leidenden Herzens verwandelt: sie war eine Frau, unfähig, ihrer Natur zu entrinnen. Alle andren Eigenschaften des Vaters aber lebten ungebrochen in ihr weiter: am deutlichsten jene Gabe der unbedingten Herrschaft über sich selbst, die ihrem Leben die kaiserliche Haltung gab. Daß sich über ihren Zügen (so wie sie das Medaillon am Kreuz der Heiligen Helena zu Brescia zeigt) eine Melancholie breitet, daß in der Dunkelheit der übergroßen Augen ein nicht gelöstes Fragen steht, daß ein Schatten von Bitternis den vollen, stillen Mund umspielt: wird auch den nicht erstaunen, der sich nur flüchtig in ihrem Leben verlor. In seiner Erinnerung aber wird das andere, viel weniger ausdrucksvolle Bildnis dieser Kaiserin beherrschend weiterleben, welches die kleine Elfenbeinplatte im Domschatz zu Monza überliefert: Hier ist Placidia ganz die Fürstin-Mutter, hochaufgerichtet, ihrer Würde tiefbewußt neben dem kleinen, dumpfen Sohn, dessen kindliches Antlitz schon die schlaffe, sinnliche Weichheit des Verwöhnten aufweist. Nichts an diesem unbeseelten Bild der Kaiserin würde den Eindruck der Unnahbarkeit mildern, wäre nicht die verräterische, rechte Hand, die nur Seele ist: von Müdigkeit und Verlangen durchhaucht, so wie die elfenbeinerne Starrheit der offnen Rose zwischen Daumen und Zeigefinger.

Galla Placidias Größe wuchs an dem Maß ihrer Schicksale. Die Kraft zu tiefem Erleben und tiefem Ertragen war ihr eingeboren. Sie verlangte nach Bewegung, nach Wechsel, sie ging gerne auf Reisen und liebte eine große Führung des Lebens. Sie zog die Weltstadt Rom Ravenna vor, solange sie keine Pflicht an den Hof band. Rom gab ihr weitere Möglichkeiten. Sie sah gerne den Glanz der Feste und den ununterbrochenen Wettstreit des Schönen. Wie alle vornehm Gesinnten hatte sie die Leidenschaft für große, heroische Vergangenheiten. Nur wer viele Zusammenhänge erfaßt hat, kann so einfach sein, wie sie war. Sie liebte die Perlen: den schlichtesten und kostbarsten Schmuck zugleich. Als der Feldherr des Westgotenkönigs Athaulf in das Peristyl trat und ihr gesenkten Hauptes die Gefangennahme verkündete, stand sie ruhig und abweisend: die Wirklichkeit war machtlos gegen ihre Haltung. Sie nannte die Dienerinnen, die ihr zu folgen hatten, und begab sich in das feindliche Lager. Der junge König empfing sie so, wie es einer kaiserlichen Prinzessin zukommt und geleitete sie in ihr Zelt. Er zeigte ihr die Pferde und die Sänften, die bestimmt waren, sie auf den langen Wanderzügen des Heeres zu tragen. Sie lächelte ein wenig und achtete nicht weiter auf ihn. Sie hielt sich abseits mit ihren Dienerinnen und gewöhnte sich bald an die Unruhe des Lagerlebens. Ja, sie faßte eine gewisse Liebe zu diesem freien Zug durch die Lande. Ihr starkes Gefühl für die Wirklichkeiten ließ sie die Änderungen bald nicht mehr schwer ertragen. Die vornehmen gotischen Frauen aber, die im Lager weilten, waren durch das Liebenswürdige ihres Wesens bezaubert. So kam es, daß sich an manchen Abenden in ihrem Zelt ein kleiner Kreis versammelte, der ihren Erzählungen von Byzanz, von Ravenna und Rom lauschte. Auch der König saß unter den Gästen und schaute unverwandten Auges nach der schlanken, dunkeläugigen Prinzessin, die so anders aussah als die Frauen seines Stammes. Sie gewahrte es und lächelte ihm zu, wie sie einem jungen Römer zugelächelt hätte, der ihr zuviel von seiner Bewunderung zeigte. Den König aber machte dieses Lächeln traurig. Sein Blut nahm es auf .. er war ein Gote. Placidia liebte die Augen dieses jungen Mannes und das blasse Gold seiner Haare, die er längst auf römische Art trug. Sie war zu klug, um nicht zu wissen, daß die Goten ihre Heirat mit dem König wünschten. Aber sie wußte ebenso genau, daß ihr Bruder, der weströmische Kaiser Honorius, sich schon dem Gedanken dieser Ehe widersetzen würde. Und dennoch tat er nichts, um sie zu befreien. Er blieb untätig in Ravenna, indes sein Feldherr Constantius das Gotenheer nach Westen trieb. Vielleicht lag ihm nichts an dem Schicksal seiner Schwester. Sie hatte zuviel ursprüngliche Menschenkenntnis, um nicht auch diesem Gedanken nachzugehen .. Sie war nicht minder einsam im Lager Athaulfs als sie es am Hofe zu Ravenna gewesen wäre. Im Gegenteil: die stumme Liebe des Königs gab ihr ein Gefühl von Sicherheit und Heimat. Es konnte der Römerin vornehmster Schicht kaum faßlich scheinen, daß ein Mann solange schweigend eine Liebe trug. Sie lernte hier ein Fühlen kennen, das ihr ein Wunder bleiben mußte. Vielleicht lernte sie zum erstenmal an einen Menschen glauben .. vielleicht das einzige Mal. Eines Abends sprach der König. Er hatte seine Lippen auf ihre Hände gedrückt. Die Hochzeit wurde im königlichen Palaste zu Narbonne gefeiert, im Anfang des Jahres 413. Der Kaiser in Ravenna fiel in Wut. In Byzanz sprach man von einer unerhörten Schmähung des kaiserlichen Namens. Placidia war glücklich. Die Liebe ihres Gemahls war ein Dienst. Es gab keine Römerin, der ein Gleiches widerfuhr. Sie gebar einen Sohn, aber das Kind starb früh in der Verwirrung der Kriegszüge. Schon waren die Goten bis nach Nordspanien zurückgedrängt worden. Man lagerte bei Barcelona. Da wurde der König ermordet. Im Stall, von einem gedungenen Knecht. Man sagte, es sei auf Betreiben der römischen Kaiser geschehen. Placidia wurde von Athaulfs Nachfolger und Feind aus dem Palast getrieben und mußte als Gefangene vor seinem Triumphwagen herschreiten. Sie begriff nicht mehr. Das Leben, kaum erblüht, stürzte im Abgrund ihrer Seele zusammen. Was sich eben hatte öffnen und zum Fluge ausbreiten wollen, starb im Sturz. Nur die Römerin blieb: abweisend und verschlossen, auch in der tiefsten Demütigung. Honorius sandte das Lösegeld und ließ die Schwester zurückholen. Sie ging, beladen mit der Schwere eines Schmerzes, den keiner am römischen Hofe verstehen konnte. Man staunte sie an um ihres seltsamen Schicksals willen, und der Duft einer großen Fremdheit und Entfernung gab ihrer dunklen Schönheit doppelten Reiz. Sie aber vergrub, vergrub ohne Unterlaß im Abgrund ihres Bewußtseins das Heilig-Gewesene und wurde ganz die kaiserliche Frau, der ein frühes, qualvolles Geschick den einen Weg gewiesen hatte, den sie zu gehen noch für würdig fand: den Weg der Purpurgeborenen, die sich anschickte, dem Vorbild des großen Vaters zu folgen und ihre natürliche Anlage des Herrschens im Dienste des wankenden Staates fruchtbar werden zu lassen. Sie fühlte sich berufen, zumal sie bei der Frühreife ihrer Einsicht die Unfähigkeit ihres Bruders in Ravenna rasch erkannt haben mußte. Auch von dem byzantinischen Kaiser, ihrem Neffen Theodosius II., war keine schöpferische Leitung der Geschäfte zu erwarten. So fiel ihr selbst die große Aufgabe zu. Schon ihre zweite Ehe mit Constantius, demselben Feldherrn, der ihren ersten Gemahl so weit nach Spanien zurückgedrängt hatte, beweist, wie sehr sie zu seelischen Opfern bereit war. Von dem Augenblick an, der ihr Klarheit darüber gegeben hatte, daß diese Verbindung den herrschenden Umständen entgegenkam, vertrat sie in seltener Selbstzucht die Bedeutung ihrer neuen Lage. Sie gebar ihrem zweiten Gemahl eine Tochter und einen Sohn. Da Honorius keine Kinder besaß, war nun zum wenigsten die Thronfolge gesichert. Aber sie dachte nicht an eine Trennung der weströmischen Herrschaft von Byzanz. Im Gegenteil: sie gerade wollte den Fortbestand der alten Reichseinheit. Die Erinnerung an den Glanz der väterlichen Regierung bestimmte die Richtung ihrer Staatskunst, und sie ließ es – als nach wenigen Jahren auch ihr zweiter Gatte starb – um ihrer Überzeugung willen zum Bruch mit Honorius kommen, dem ihre Abreise nach dem Hofe von Byzanz nur erwünscht sein konnte. Für sie selbst aber war dieser Schritt die notwendige Folge dessen, was sie anstrebte: eine Stärkung der kaiserlichen Hausmacht durch engen Zusammenschluß, jenseits persönlicher Neigungen und Abneigungen. Sie hegte wohl kaum ein Gefühl für ihren Neffen, noch für dessen Schwester Pulcheria, die fast von Glaubenswahnsinn befallen war: aber sie brauchte diese beiden Kinder ihres ältesten Bruders, um sich in Ravenna für ihren kleinen Sohn Valentinian durchzusetzen. Auch ahnte sie voraus, daß mit dem Sterben des kranken Honorius Wirren eintreten würden, denen sie allein nicht gewachsen war. Sie hatte kaum in Byzanz das Land betreten, als man sie von dem Tod ihres Bruders in Ravenna und von dem Ausbruch eines Aufstandes benachrichtigte, den der Primiscerius Notariorum, Johannes, im Bunde mit Aëtius angeregt hatte. Beide wollten – gegen Placidias Absichten – dem weströmischen Reich eine deutlichere Sonderstellung geben, in Wirklichkeit nur, um selbst darin die Herrschaft auszuüben, die sie der kaiserlichen Frau nicht gönnten. Placidia kämpfte leidenschaftlich für ihre Rechte: Es gelang, den Aufruhr zu bändigen. Eine byzantinische Flotte und ein ostgotisches Heer eroberten Ravenna, Placidia kehrte mit ihren Kindern in die Stadt zurück, von Theodosius II. mit der Führung der Geschäfte betraut, solange Valentinian noch unmündig war. Abermals konnte sich die Kaiserin ihrer staatsmännischen Einsicht und ihres Erfolges freuen: Die Macht gehörte ihr, unwiderruflich, das Gesetz ihres Lebens erfüllte sich, wie sie vorausgesehen hatte. Und wieder war es ihre Klugheit, die ihr weiterhalf: Sie fühlte, daß die Macht besitzen nichts anderes heißen könne, als die Macht erhalten. Es begann die größte Arbeit ihres Lebens: es galt, im Schwanken des Parteilebens die unantastbare, sicherruhende Mitte zu bleiben. Auch dies gelang. Es lag eine bannende Gewalt in der Erscheinung dieser außergewöhnlichen Frau. Der Zwiespalt verstummte vor der Hoheit ihres Zieles, und die Zügelung ihres Lebens zwang zu Verehrung und Bewunderung. Sie hatte die Gabe aller großen Menschen: ihre Schmerzen vor der Welt abzuschließen. Jeder mußte wissen, daß sie litt, aber sie belastete niemanden mit dem Schatten eines Leides. Man sah nicht, wie sie trug. Man spürte nur die Wirkung ihres stummen Tragens. Ferner und steiler ward die Kluft, die sie von ihrer Umgebung trennte, einsamer der große Traum, der sie von den Bedürfnissen des Tages schied. Freunde starben: sie blieb. Ihre Tochter wurde von dem Erzieher geschändet und in ein Kloster nach Byzanz verbannt, ihr Sohn ging langsam an seinen Lüsten unter, der Mutter fremd, als ob sie ihn nicht geboren hätte.

Für wen hatte sie gekämpft, für wen geopfert?

Schon war die Höhe des Lebens überschritten .. und nirgends winkte die Ablösung, nirgends der Friede. Es bedurfte noch eines Kampfes, des bittersten, den eine Seele kämpft.

Sie saß in mancher Sommernacht am Fenster ihres Palastes und lauschte in das leise Branden des lauen Meeres hinunter.

Was blieb? Nur sie .. Ihr Leben fiel in sich zurück. Sie mußte bis zum äußersten Ende weitergehen, dem Purpur getreu, den ihr Körper und ihre Seele trug.

Sie raffte die letzten Kräfte zusammen in einem übermenschlichen Verzicht auf jede Ernte: und trat auch aus dem Bannkreis ihrer Mutterschaft in ihre tiefste Einsamkeit.

Was blieb? Gott. Sie ließ Gott Kirchen bauen, eine schöner und inbrünstiger als die andere .. den letzten Ruf ihres Herzens aber und ihr letztes Aufschluchzen warf sie in die Schönheit ihres Grabmal-Himmels hinüber, der in den Grundwassern der Seele spiegelt, dort, wo sie die einzige Liebe begraben hatte: in der dunkelblauen Tiefe eines deutschen Königsnamens.

*

O Himmel voll Veilchenwiesen! Wie sich der Schmerz, zur Lust gedämpft, auf Sammetflügeln wiegt ..

War eine Schwelle, über die ich eintrat in das Brausen dieses blauen Gesanges, der über rotgoldnen Fahnen schwebt? Gold war am Anfang, vom Fuße kühler Marmorwände aufsteigend, Gold, an die schweren Sarkophage der Nischen emporgehaucht, Gold an der Decke, in lauen Tropfen niederfallend. Dann losch es aus in der Wendung eines einzigen Schrittes, und rötliches Glühen des Gesteines drang vor: Purpur des Abends auf fernen Inseln der Meere .. im Geäder der Marmorbrüche gefangen. Rote Blumen gehen auf im Grund der Himmelsau, tiefeingebettet in den Schoß der Mutterfarbe. Und alles sinkt und steigt auf der Woge der überirdischen Musik. Silbern jubeln die Flöten: weiße Sternblumen öffnen ihre Kronen .. die Harfen wehen: Pfirsichblüten rieseln .. Nun singen Knaben: ein Duft von Veilchen zieht vorüber. Fruchtkränze winden sich im Halbrund breiter Bögen: von tausend Geigen der dunkelgrün gebundene Strich, an dessen Saum die goldnen Funken knistern .. Aus starrem Lorbeer drängen sich die Rosen: das erste Liebeslied bewegt die Lippe der Mädchen.

Kaiserliche Frau! was war dein Leben, wenn deine Seele diesen Traum trug? War es so wenig, daß du alle Liebe aufsparen konntest für diesen einen Abendgesang? Und woher nahmst du die Kraft, alle Sehnsuchten so rein und glühend zu bilden, daß sie diese Lohe auswerfen, in der das Gefäß deines Leibes verglühte? War Gott so tief in deinen Kämpfen? So tief der Himmel schon in deiner Irdischkeit? In übersinnlichen Gesichten hat deine Seele gelebt, indes du Wirklichkeiten schufst .. Eine wehende Kerze im Wind Gottes war deine Seele, und du schienst seelenlos im kühlen Wägen deiner Pläne. Wie sehr mußt du die Welt verachtet haben, an die du so gefesselt schienst! Du letzte große Römerin und du erste große Wissende um die Erkenntnis einer neuen Zeit. Entdeckerin der Seele, Künstlerin, die den Gott aus sich in das Werk hinüberschuf .. So war der Gott, der in dir brannte, wie jener Hirte im goldnen Bogen über der Tür deiner Grabkapelle: Dunkel und schön, ein junger Herrscher, Apollos Bruder, um Christi tiefe Schmerzen reicher. Blumenkränze schweben zu seinen Häupten im unendlichen Blau. Die bunten Kreise fangen an zu schwingen, leicht, wie vom Wind getrieben. Goldregenblüten rieseln auf Vergißmeinnicht. Tauben nisten im Mandelgesträuch .. Frühling am See Genezareth .. O Duft des Morgenlandes ..

Noch einmal siegt das Blau. Ein dichter Mantel von Heliotrop, mit Smaragd und Gold gefüttert, sinkt es auf Schultern und Sinne .. Nirwana der Schönheit, die kein Geist mehr erträgt.

*

Es mochte Mittag sein, als ich zu dem Grabmal des Theoderich hinausfuhr. Im Hafen ruhten kleine Schiffe auf dem Pfuhl eines grünlichen Gewässers, Geruch von Tang und Fäulnis bannte den Atem. Verlumpte Arbeiter schliefen in den Winkeln der Schuppen, wie unnütze Kranke in irgend eine Ecke geworfen, wo sie liegen bleiben konnten, bis der Hunger oder das Fieber sie fraß. Der Wagen warf sich von einer Seite auf die andere, die Räder versanken in dem grauen, dünnen Staub, der bis zu den Schuhen aufwirbelte. An einer Kreuzung versperrte ein Lastkarren den Weg. Die Pferde hatten sich losgerissen und fraßen am Blattwerk einer niedrigen Hopfenhecke, der Kutscher lag schlafend am Boden, das gelbe Gesicht zur Hälfte in Taubnesseln vergraben. Es war unmöglich, weiterzufahren. Ich ging zu Fuß die kurze Strecke bis zu meinem Ziel. Der Wärter öffnete das Gittertor, am Ende eines langen Gartenwegs lag das Grabmal, grau und verwittert. Die flache Kuppel stand in grausamer Nacktheit gegen das längst wieder erblindete Licht des Himmels, an den Quadern des oberen Rundbaus war schwarzes Moos angewachsen, über das Treppengeländer hingen Rosen, blühendes Mitleid an diesem ganz verödeten Bau, der langsam in den feuchten Feldern versinkt, indessen sich zwischen den Arkadenpfeilern des unteren Geschosses die verwesenden Wässer der schmutzigen Regengüsse ansammeln. Aus dem Innern des leeren Gewölbes schlägt modernde Luft. Keine Seele mehr redet aus der Türmung dieser Mauern, hier ist nichts verinnerlichter Ausdruck eines königlichen Lebens: nur der Machtgedanke eines Herrschers findet seine Sprache in diesem Denkmal: die Gewalt, über Völker zu gebieten durch den Krieg. Es wird keine Liebe wach vor diesem Stein, kein Wunsch, sich in die Schicksale des Fürsten zu versenken, der hier begraben sein wollte. Nur der Name bleibt und das Schaudern vor einer Zeit, die gewaltsam und gesetzlos war, heroisch und dennoch unfruchtbar. Ein Schimmer von Byzanz liegt über der Jugend des Gotenkönigs: er hatte bis zu seinem siebzehnten Jahr am Hofe gelebt. Aber dieser flüchtige Schein verweht. In seinen Taten ist die Einsamkeit der Empörer, in seiner Herrschaft die Klugheit des Herrschgewohnten: Er ließ Paläste und Kirchen bauen, es war sein Ehrgeiz, kein Barbar zu sein. Es ist schwer zu sagen, was er war, kein Grieche, kein Römer, kein Gote .. von allem etwas und keines ganz. Die Sage hat sich seiner angenommen. Sein Andenken ist kühl und blinkend geblieben, wie das Metall ritterlicher Rüstung, ein Beispiel, ohne Sehnsucht, ohne Heimweh. Es war kein Geheimnis über seiner Kraft. Er war zu königlich, um ein Abenteurer zu sein, zu sehr sein eigner Feldherr, um das Rätsel des Purpurs zu vertiefen.

Vielleicht werden einmal die gelben Rosen, die sich am eisernen Treppengeländer emporziehen, über die Kuppel bis in die Gärten weiterwachsen. Dann wird die Seele des Fremden tiefer ergriffen werden, wenn die Natur das Allzudeutliche verhüllt. Man wird nicht mehr nachdenken, man wird nur schauen und von den Rosen erzählen, die das Grabmal eines frühen deutschen Königs zudecken: Rosen von Ravenna .. so wie man sagt: die Veilchen von Parma, die Zypressen von Tivoli ..

*

Ich fuhr in die Stadt zurück. Im Wagen lag ein Strauß von Jasminblüten, den eine alte Frau mir gereicht hatte. Ich nahm ihn mit zu dem dritten Totendenkmal, dem meine Sehnsucht galt: Zum Sarkophage Guidarellis, des jungen ravennatischen Kriegers, der in der Schlacht von Imola den Tod fand.

Die Hände wagen nicht, Blüten hinzustreuen. Der dort in seiner vollen Rüstung auf dem Sarge ausgestreckt liegt – Tullio Lombardi meißelte den Stein – scheint noch zu atmen. Er könnte fühlen, wenn er die Blumen sieht, daß wir ihn schon gestorben wähnen. Wie bitter ist sein Mund. Die obere Lippe, ein wenig zurückgezogen, läßt die Zähne sehen. Oder ist es ein Lächeln, das diesen Mund geöffnet hält? die Ahnung eines Lächelns, das in seiner Geburt starb? Welche Bilder dämmern noch hinter dieser Stirn? Plötzlich fühlst du: er lebt nicht mehr, er ist schon tot .. und atmest auf, wie wenn du mitten im Hinübergleiten gewesen wärst. Du legst deine Blumen über seine gefalteten Hände – und schreckst zurück: er lebt noch .. er hat das Kühle der weißen Sterne an seinem Arme gespürt, sein rechtes Auge hat die Blumen noch erkannt, indes im linken schon das Licht erloschen ist. Da redest du zu ihm, du beugst dich über ihn, als ob du noch einen Zug seines Atems erhaschen müßtest, Worte quellen im matten Glanz von Tränen, leise, süße Worte, wie man sie tausendmal denen sagt, die sterben müssen und nicht sterben wollen ..

›O nur Geduld, nur ein paar Atemzüge lang

Soviel Geduld, daß sich nicht Bitternis

In diesen Hingang mischt .. Wir lieben dich,

Wir helfen dir .. Ja, draußen ist der Wind,

Und auf dem Rasen läuft das goldne Gras ..

Der Duft? Von Rosen .. Alle Rosen blühn ..

Die Helle dort? Die Sonne in den Wipfeln

Des alten Erlenbaumes .. Nun wirst du eines

Mit alle dem .. Die Flügel? Große Flügel

Sind veilchenblau gespannt zu deinen Häupten ..

Blau .. nichts als Blau .. Leb wohl .. Zum letztenmal

Leb wohl .. Der Vogel rauscht ..‹

*

Über dem späten Nachmittag lag eine Müdigkeit. San Apollinare Nuovo und San Giovanni in Fonte sah das Auge wie durch bunte Schleiertücher: Nachspiele einer lodernden Glut .. Dann aber verlangten die Sinne nach der offenen Ebene, nach der Ahnung des Meeres.

Ich ließ mich hinausfahren in das Land, in das einförmige, kranke Land. Die Wolken waren schon bis an den Saum der weiten Fläche zum Regnen geschlossen, die Felder lagen wartend, leblos ergeben an alles, was ihnen geschah. Irgendwo mußte man schon das Heu geschnitten haben. Breitgeladene Wagen, mit Kühen bespannt, zogen im hellen Staub der Landstraße. Wieder starrten mich die gelben, durchfurchten Gesichter an, die kein Lachen kannten .. Über Sumpfgräben gingen meine Augen: immer wieder sahen sie das gleiche Bild: aufgeschossenes Schilfgras, gelbe oder braune Wasserlachen, auf denen die Mücken tanzten, dann ein kurzes Stück trockengelegtes Land, einen Kleeacker, ein Feld voll wilder Lilien .. und wieder Morast, schmälere und breitere Rinnsale, zu Vierecken ausgezogen, oft abbrechend, und weiter hinaus wieder bleiern aufglänzend. Einmal ging es über eine Brücke, an der ein Ulmenbaum stand, dann hob sich die Straße ein wenig, und an dem Rand einer niederen Böschung zur Linken wurde die Pineta sichtbar: Dantes Pinienwald, breite, schwarze Wipfel vor dem Perlgrau der langgezogenen Wolkenwände. Dante: Name, den ich nicht mehr mit irgend einem Ort der Erde zu verknüpfen weiß: nur noch Symbol, in dem das Wunder schläft, Luft, die wir atmen, ohne zu fühlen, daß sie da ist. Und dennoch ergriff mich der Anblick des übrig gebliebenen Waldes. Ich mußte an Guido Polenta denken, der den großen florentinischen Flüchtling in seinem Hause aufnahm, und an jene Francesca Polenta, Malatesta von Riminis unglückliche Gemahlin, für deren Liebe Paolo starb. Schatten, süße, traurige Schatten, nur angedeutet in der Sehnsüchtigkeit ihres Lebens .. und darum ewig gegenwärtig.

Vor San Apollinare-in-Classe ließ ich den Wagen halten. Die Einsamkeit des Ortes bestrickte mich. Mitten im Feld, zwei Schritte von der Landstraße, lag das Wunder einer christlichen Basilika. Unscheinbar außen, wie alle Bauten aus der gleichen Zeit, doch groß und vornehm in ihrer Einfachheit. Das Tor stand offen. Der Eintritt aus der freien Luft in die Halle blieb ohne Übergang. Wie tief nimmt dieser Raum den Nahenden auf .. Etwas von Pfingsten weht in der feierlichen Klarheit, Freude spielt im Ebenmaß der Säulen von Bogen zu Bogen und klingt am Hochaltar zusammen, hinter dem das Mosaik der Apsiswölbung aufsteigt. Hell glänzt das Kreuz auf goldnem Grund inmitten lichter Bläue, zwischen Blumen und weißen Lämmern steht verkündend der Heilige. Man möchte niedersitzen und lange ausruhen, man möchte die Augen in das flache Feld hinauswenden, das langsam im Abend versinkt. Aber die Fieber wachsen in den Sümpfen, wenn die Nacht kommt. Das Land kennt nicht die Lust der Dämmerung. Die Fenster müssen sich schließen, der Mond wirft giftige Dünste auf.

Der Wagen wendete. Aus den nordwestlichen Himmeln, von Ferrara her, quoll schmutziges Abendrot. Die Ebene lag in leisem Glühen. Kein Lufthauch wehte. Die ersten Tropfen fielen, laues Blut. Dann losch das Feuer. Noch zögerte der Regen. Die Stadt war grau an die Erde hinabgedrückt, sinkend .. sinkend. Es kam kein Rauschen in den Wipfeln, es fegte kein Wind über die Straßen und warf die klaffenden Fenster zu: aus lahmen Kiefern spülte das Dunkel die trübe Brühe des Regens auf die Dächer nieder. Die Dächer gaben sie weiter an die zerbrochenen Rinnen, aus denen sie in breiten Güssen auf die Straße stürzte. Erde, Stadt und Himmel waren nur noch eines: ein brauner und grünlicher Morast, der nach dem Wüten der Julisonne schrie, um einmal aus sich selbst befreit zu werden. Dann mußte der Staub kommen, Staub und Sand, und die Stadt würde gelb wie frischgebrannter Lehm .. gelb wie die ausgedorrte Steppe: dicht neben dem unerbittlich fliehenden Meer.

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