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Südliche Reise

HELLAS (ABEND IN SEGESTA / TAGE IN SYRAKUS / CAPRI)

Reading edition

Als es zum zweiten Male Abend wurde, stieg ich den Hügel empor, der zu dem Tempel von Segesta führt. Kein Mensch war ringsum zu sehen, kein Bauer, kein Hirte. Ich war von dem hochgelegenen Calatafimi zu Fuß das Flußtal hinabgegangen, hatte die kleine Brücke überschritten und nahm den letzten Aufstieg hinter dem Gehöft, in dem der Wächter wohnt. Alle Kuppen lagen blau im Blauen, es war ein großes Stillestehn in Licht und Lüften, wie oft um die Stunde, wenn sich der Tag im letzten Leuchten sammelt und auch im engen Tal noch keine Schatten steigen. Sonne .. weiche flüssige Sonne, soweit das Auge den Kreis der sanften Hügel umspannte .. gelbe Ginsterbüsche im harten, braunen Gestein, stille Pappelwipfel mit aufgeschlagenen Blättern und hoch in der Helle, von tausend bunten Faltern umflogen, mitten im blühenden Distelfeld, der Tempel.

Da ließ ich mich auf die Stufen niedergleiten, das Antlitz ganz im Abendgold gebadet. In meinen Knieen rieselte die Glut des uralten Gesteins, aus dem heiligen Boden stieg die Welle der befruchtenden Wärme aufwärts, gewürzt vom Duft der Disteln und der Thymiankräuter. Meine Schläfe glitt an die stillbeglänzte Säule.

Nun wußte ich – wunderbar geweitet, in Wissen und Gefühl übersinnlich aufgelichtet – daß alle Wege meiner Jugend in diesem Weg zusammenliefen. Ich war in Meiner Heimat und bei Meinen Göttern, die ich aus dem begreifen kann, was in mir selber ist:

»O meine Götter: wie süß ist meinem Herzen die Natur, aus deren Schoß ihr leicht in eure Bilder stiegt! Wie seid ihr fremd dem unduldsamen Gott der Juden, der wie ein Starrkrampf auf dem Volke lag – wie einfach seid ihr und wieviel näher als der Gott Christi! Soll ich mich denen anvertrauen, die euch zerschlugen, euch, die ewigen Symbole des weiten, großen Lebens, und schwankend Hingedachtes über die klare Fülle der gottdurchströmten Irdischkeiten setzten? Ich glaube an die Welt: an Trieb und Tat und an das ewig-erlösende Gesetz ihres Wechsels. Ich sehe nicht die Widersprüche in einem Gott gelöst, den man die Liebe nennt: und was die Priester Offenbarung nennen, dünkt mich ein Schein, nur eine tausendmal umgewandelte und verdunkelte Sehnsucht, im Menschen selbst das Ewige zu spüren. Aber die Gottheit kann sich nicht in Einem Mittler offenbaren, und die Tiefe der Gottheit ist nicht deutbar in einem Gefühl, das trügerisch die Gegensätze in einer künstlichen Entkräftung auslöscht. Der Sinn des Lebens dünkt mich die unendliche Kette der Bewegung von Qual und Freude: der Sinn der Gottheit aber die Befruchtung in Gut und Böse, jenseits der Liebe.

Große Götter: Ihr schürt die Kämpfe, aus denen die Jugend fließt – ihr seid in den Widersprüchen und schafft die Einheit, indem ihr das Ewige im Irdischsten fühlbar macht: und ihr verlangt nicht die Verwüstung der Formen, die ihr selber schuft, um einer qualvoll eingeengten Seele den Weg in euer Licht zu öffnen. Ihr heiligt den Leib: und der heilige dient euch.«

· · · · · · · · · · ·

Es war um die siebente Abendstunde, als ich in Syrakus ankam. Da die Villa Politi im alten Stadtviertel der Achradina schon geschlossen war, mußte ich unten auf der Halbinsel Ortygia in einem Gasthof des Hafens wohnen. Glühende Straßen entlang ging die Fahrt, durch weißen Kalkstaub, der so dicht und hoch lag, daß weder das Rollen der Räder noch das Stampfen der Hufe zu hören war. Ununterbrochen wogte eine leichte Wolke, vom Purpur der Lüfte angestrahlt, auf dem Boden des Wagens über meinen Schuhen, und, wo ein andres Fuhrwerk uns entgegenkam, glitten wir in einen roten Sprühregen feiner Nadelspitzen hinüber. Erlösend winkten ferne die dunkelgrünen Baumwipfel des Ufers und die Maste der wenigen Segelschiffe auf dem glatten, hellblau spiegelnden Meer.

Ich verbrachte den Abend unter den Bäumen am Ufer. Halb war es ein Sinnen, halb war es ein Träumen, das mich wiegte, leise und schmeichelnd wie der Nachtwind die schwarze, seidene Flut. Mit jeder flachen, schaumlosen Welle ringelten gelbe Hafenlichter in die Tiefe, auf dem Schiff, das noch in der Nacht nach Malta hinabfuhr, sangen Matrosen ein fremdländisches Lied. Abermals tauchte die steile Insel in meinem Erinnern empor, steinern und rosa aus dem Email des Meeres gegen den Himmel getürmt, so wie ich sie eines Abends vom Rande des nahenden Schiffes aus gesehen hatte .. und die Schatten kamen auch wieder, mahnend und tröstend mit dem Feuer ihrer leidenschaftlichen Seele: La Valette und Posa, St. Priest und Créqui.

Viele Menschen wandelten am Ufer und genossen das Fächeln des Windes nach dem glühenden Tag. Es war mir seltsam, daß ich unter diesen dunklen, forschenden Blicken auf- und niederging, während ich gedacht hatte, den Abend in irgend einem verlorenen Gartenwinkel der Villa Politi hoch über dem Meere zu verträumen. Ich sah hinüber in der Richtung, wo die alte griechische Festung mit ihren blumenüberwucherten Steinbrüchen und Trümmerfeldern lag, und folgte dem Fall der Sterne, die schmale Furchen durch das weiche Dunkel zogen und ihr kühles Silber auf die stummen Wipfel gossen. Erst als um Mitternacht das Schiff nach Malta lautlos und einsam aus dem Hafen fuhr, erhob ich mich und ging nach Hause.

*

AN AXEL

Was mir aber aus unseren früheren Tagen an Erinnerung blieb, glich der Schönheit blauer Buchten, zu denen kaum ein Pfad hinunterführt. Ich sah dich immer von weitem, auch wenn du neben mir gingst, und suchte keinen Weg, der in dein Inneres führte. Du warst kein Mensch, auf den man Wünsche legte. So leicht auch das Gewebe deiner Seele war, so bunt und so beweglich: der Wille, der die tausend ausgespannten Fäden zusammenhielt, blieb fast abwehrend deutlich. Mein Staunen wuchs, so oft ich darüber nachdachte, einen wie großen Spielraum du den Dingen lassen konntest, ohne nur einen Augenblick lang die Herrschaft über ihre Vielheit zu verlieren. Ich wußte nicht, daß eine Sehnsucht in dir war, die einen Menschen forderte: ich wußte nicht, daß du den Austausch suchtest mit einer Seele, die du nicht besaßest. Aber was du suchst, ist weniger ein Mensch: es ist ein großer Glaube, der einen Menschen hält und deinem Glauben gleichkommt.

Alle Widersprüche des Lebens versinken in deiner rastlosen Sehnsucht nach Schönheit: mir aber erschließt sich die Einheit des Seins im Schaffen der Schönheit. Wir mußten uns begegnen: das bindende Gefühl wächst aus der Mitte unseres Wesens.

Ich konnte nie die Liebe von der Freundschaft scheiden, denn der Sinn der Liebe ist mir nicht die Zeugung. Wenn ich auch tausend Gesetze im Wesen der Natur vermute und verspüre: so habe ich doch nie einen Zweck verspürt, und ich weise es immer leichteren Sinnes von mir, daß irgend ein Ding eine Bedeutung haben könne, die den Rahmen seines einfachsten Wesens durchbricht.

Was fragt meine Erkenntnis nach Regeln, wie sie eine bedingte Einsicht erfand, um letzte Möglichkeiten in den Zwang einer nützlich-unfruchtbaren Ordnung zurückzudrängen? Es heißt nicht den Göttern dienen, wenn man die Natur verletzt, und es heißt nicht den Menschen dienen, wenn man die Ursprung-Triebe, die aus der göttlichen Wurzel schlagen, mit der Waffe des blinden Gedankens erschlägt.

Will wirklich der ordnende Geist sich anmaßen, Eros zu zügeln?

Es ist ein anderes, ob ein fanatischer Pfaffe wider die Ewige Natur wettert und seinem unduldsamen Gott den seelischen Pachtzins einschachert, oder ob der große, der einfache Mensch, der aus schlichten und tiefen Ursprüngen lebt, mit der Kraft seines lauteren Willens dem Trieb eine Grenze setzt und das glühende Feld des Geistes öffnet. Und es ist ein anderes, ob der beschränkte Erzieher dem Knaben befiehlt, die Lust der Sinne zu töten: oder ob der Knabe aus einem tieferen, eingeborenen Wissen heraus das Göttliche des Körpers begreift und die Lust – die wundervolle, in keinem Gleichnis auszuschöpfende Lust – in solche Maße dämpft, daß sie wie süßer, silberner Morgenwind die Schönheit des Leibes beseelt und erhöht.

Ich sehe die Flamme: und niemals das Scheit, aus dem sie emporschlägt. Hat ein Licht die Kraft, zu verschönen, so gilt es mir heilig.

*

In der Frühe des Sonntags stand ich auf und trat an das offene Fenster. Von allen Hügeln gegen Floridia, Cannicattini und Belvedere wehte das kaum geborene Licht, über den Ebenen des Anapo- und Kyaneflusses wob ein blaßgrüner Schimmer. Aber die Luft war blau – blau wie Ehrenpreis und nicht vom Hauch einer Wolke getrübt. Die kühle Belebung, welche den Aufgang der Sonne umgibt, floß über dem Spiegel des Meeres. Ich lag mit aufgestützten Armen in dem Fenster und konnte nicht tief genug die leichte Berauschung dieses griechischen Morgens in mich auftrinken, der den allerfrühsten Zeiten anzugehören schien, als sich die korinthischen Siedler auf der schmalen Halbinsel Ortygia niederließen und in dem lichten Duft der Hügel, der Olivenhaine und Weingärten die heimatliche Landschaft wiederfanden .. Ein Schwarm von weißen Vögeln, der vom Rande eines schlafenden Bootes aufflog und landeinwärts in der Richtung der Epipolae schwenkte, mahnte, daß es Zeit sei, sich anzukleiden und in die alte Stadt hinaufzufahren. Es war sieben Uhr, als ich an das Tor der Villa Landolina klopfte, die zwischen weißen Mauern, unfern der Latomia di Santa Venere liegt. Eine junge Frau, die öffnete, sah erstaunten Auges auf den Rosenstrauß, der mir im Arme lag. Ich fragte nach Platens Grab. Sie wies mir den Weg so weit, daß ich ihn nicht mehr verfehlen konnte. Ich ging abwärts und aufwärts, einen schmalen Pfad entlang, bis an die Ausbuchtung, in der das Denkmal des Dichters steht. Der alte, schlichte Stein, den der Graf Landolina seinem Gaste setzen ließ, ruht rechts an einer Mauer unter wildem Efeu- und Lorbeergestrüpp. Dort ließ ich die Rosen niedersinken, eine nach der anderen, manche mit den Fingern zerpflückend, so daß ein Regen gelber und roter Blütenblätter über den einsamen Marmor rieselte, auf dem die Schrift schon verwittert. Dann setzte ich mich auf einen Baumstamm und sah in die Bläue, die zwischen den Wipfeln des tiefliegenden Gartens floß. Eine Woge von Grün schlug aus dem Abgrund auf: Pappeln, Lorbeer, Zypressen, Oliven. Bis in die Kronen hinauf schlangen sich die blauen Samtwinden, die mich so oft auf der Höhe des Palatin entzückt hatten .. In allen Zweigen lief das Rauschen des Morgenwindes, es war ein beständiges Flittern und Blitzen von Silber in den Lüften, wo sich ein glänzendes Blatt regte, sprühte das weiße Licht auseinander, durch die ferneren Wipfel aber, die einen dunklen Saum auf den Abstieg des ruhigen Himmels zogen, wallte es in leichten, stillen Strömen .. und ganz am Ende des Horizontes versank das Auge im Lächeln des Meeres. So hingehaucht, so überirdisch zart war dieser Streifen hellblau gespannter Seide, so weit hinausgerückt, daß keine Grenze mehr andeutete, wo die silberne Kugel des Himmels in die Flut stieg.

Auf dieser fernen Bläue hatten die letzten schweifenden Blicke des großen Toten geruht .. von dort herüber war die letzte versöhnende Schönheit in die Neige seines Lebens geflossen. Welcher Trost, zu wissen, daß das Meer bis an sein Grab hinüberlächelt, daß der Wind des Meeres, der Wind der blauen Weiten, die hütenden Zypressen wiegt .. der süße Wind, in dem die Götter ihre Lieblinge grüßen. Trug er nicht selbst ihre zuckende Flamme am Saum der Stirn? Wenn er im Morgenlicht über die Felsengrate der Achradina ging und über der funkelnden Höhe des Meeres die Sonne erwartete, küßten sich Flamme und Flamme und wehten durch die winterlichen Lüfte in den Schoß der Himmlischen zurück.

*

AN AXEL

Nun ist auch dieser Weg gegangen, nach dem es mich hinverlangte, seit ich Platens Schicksal und Schönheit begreifen lernte. Schon daß die Menge ihn nie verstehen konnte, erweckte mir eine Liebe. Denn von je ergriff mich die einfache, dienende Hingabe eines Menschen an die Schönheit, die stumme, unbeirrte Anbetung, die das niedrige Zweckbewußtsein der Massen aufstört und verwirrt.

Ich sah, wie sich im Leben Platens langsam die griechische Sehnsucht entfaltete und unter Kämpfen in die lautere Gelöstheit seiner letzten Jahre aufstieg. Ich sah ein Werden aus erschütterten Tiefen herauf. Platen war meiner Seele Beispiel. Wie er dem Gott in sich durch Wehen und Kämpfe treu blieb, gab mir den unerschütterlichen Glauben an den Sinn des Lebens, gab mir den Trost seiner menschlichen Nähe und das über seinen Tod hinaus fruchtbare Mitgefühl. Platen war kein Grieche: er wurde es, indem er nur er selbst zu werden trachtete. Platens Seele war nordisch und krank an dem unheilvollen Zwiespalt zwischen Körper und Seele, dem er erlegen wäre, wenn nicht der Gott in ihm solange die kämpfenden Kräfte genährt hätte, bis der innere Sieg errungen war und der Flug zur letzten Erfüllung beginnen konnte. Die Leidenschaft dieses Hinfluges bleibt das Erschütterndste in dem Leben dieses großen Heimatsuchers: so stürzen gefangene Vögel sich über das brandende Meer in den Aufgang der Sonne, sobald sie die ersten befreiten Flügelschläge spüren, und wer ihnen nachschaut, muß weinen. Die Frucht seines Lebens aber war in dem, was er an Wissen von dem Wesen der Seele mit seiner letzten Sehnsucht schöpferisch verband. Darin liegt der neue Reichtum, mit dem er griechische Schönheit füllte: die unbegrenzte Möglichkeit, in der er griechische Formen weiten konnte.

Als mit der Lehre Christi die Seele bis zur Krankheit überwucherte und zu einem Brand wurde, der das Gefäß des Leibes zerfraß, blieb neben allem gefährlichen Irrtum ein Gewinn: Konnte auch der Urstoff der Weltseele nicht vergrößert werden (das Göttliche ist nicht dehnbar), so wurde doch die Wirkung seiner Einzelkräfte durch viele Übung in eine tiefere Bewußtheit gerückt. Es traten Dinge befruchtend in die menschliche Erkenntnis, die vorher unbewußt – nicht unfruchtbar, doch undeutbar – im allgemeinen Spiel der Grundkräfte gebunden lagen. Wo vorher dumpfe Ahnungen gewesen waren, gab es nun Namen und Begriffe, der Menge zur Qual, wenig Erwählten zum Gewinn. Christus hatte die Natur des Künstlers: er war Bildner, Stoff und Werk zugleich. Das Mißverstehen seiner Jünger hat – wie es noch jedesmal im gleichen Fall geschah – die Form des Meisters zerschlagen, und was für ihn, den Einen galt, in blindgewordener Liebe aus seinem Gehäuse gerissen und zerstückt vor die hungernde Meute der Bedrückten geworfen, die einen neuen Trostgedanken brauchte. Christi Lehre ist nicht mehr Christi Einheit: Was ein unglaubhaft auf sich selbst gelenkter schöpferischer Wille zu einem neuen, großen seelischen Beispielswerte umschuf, mußte den Zusammenhang mit seiner reinen Herkunft verlieren, mußte zur Krankheit werden, wenn es in willkürlichen Wiederholungen entkräftet wurde.

Nur der künstlerische Geist konnte dazu berufen sein, der neuen Schönheit, die in Christi Erscheinung selbst ihr erstes Sinnbild fand, durch das Kunstwerk eine uns verfälschte Deutung zu geben: ohne den Geist zu verletzen, dem alles Lebendige heilig ist. Nur der Künstler vermochte so tief in das Geheimnis des »Gott-Sohnes« zu dringen (kraft seiner eigenen Gott-Gebundenheit), daß er den alten Göttern weiterdienen konnte, ohne das Beispiel des neuen Verkünders zu verleugnen. Der Geist, der die Schönheit als letzte Klärung des Lebens sucht, muß die Einheit des Irdischen und Göttlichen suchen: die lebenvernichtende Lehre aber zerstört die Gottheit selbst, indem sie das vornehmste Sinnbild zerstört, durch das sich das Ewige verkündet, den Leib, die Form. Es gibt nur Unterschiede des Ausdrucks, nicht des Wesens, in den Werken, die das Walten göttlicher Kräfte verkünden, und nur die Leidenschaft der Hingabe an das zu schaffende Werk gibt das reine Maß für die Gottergriffenheit des Künstlers: Es ist nicht weniger Göttlichkeit in der hinreißenden Süße eines Satyrtorsos oder im Rücken und Unterleib eines Hermes – wie sie Praxiletes schuf – als in dem rauschenden Flügelschlag, der Platens Sizilianische Hymne oder Morgenklage trägt. Daß wir aus vielen Irrtümern heraus das Gefühl dieser Gleichordnung wieder lernen mußten, bleibt die Schuld einer erkrankten Zeit, welche Leib und Seele auseinanderzerrte und einem zügellos gewordenen Geist die Herrschaft anvertraute, an der die einfache Einheit des Menschen zerschellte.

Aber es bleibt ja der ewige Trost: daß es niemals einen Sieg des Denkens gibt, sondern einzig den Sieg der Tat! Wie sich die menschliche Sehnsucht auch wende: die letzten Rätsel löst nur das Gebilde: das wesenhaft Gestalt-Gewordene: was es auch sei: die Frucht, die aus dem Geist erblüht, den wir Hellas nennen.

Hellas lebt und wird leben: durch die umbildende Kraft seiner Seele, die sich den sprödesten Stoff der Jahrhunderte dienstbar macht .. und durch den Glauben der Künstler, daß im heiligen Maß des Werkes die höchste Menschlichkeit als Offenbarung Gottes strahle.

Laß uns dieses Maß preisen, an dem wir die Klarheit und Durchleuchtung des Lebens gewinnen! Beherrschung – und nicht Askese – sei uns Gesetz. In der freien Bestimmung der Kräfte laß uns die Grenzen finden, ohne die keine Furchtbarkeit denkbar ist.

Rückwärts geht mein Erinnern: aus der mystischen Lapisglut Ravennas kam ich, ergriffen von dem Schauder einer Schönheit, die schon die Grenze des Daseins überfliegt .. Lange wiegte der spielerisch-schillernde Glanz, den Palermos Doppelseele ausstrahlt, den unsicheren Geist, der dürstend und ungestillt zu dem Saum der Wüste hinabfloh, wo Traum und Tod in einem Strom von Purpur rauschen: bis er, befreit und ganz genesen, in das stille, silberblaue Leuchten emportauchte, das Hellas heißt!

Es gibt keinen Ausweg: Alle müssen hier landen, die aus der Krankheit ihrer Zeit in das einfache Leben zurückwollen: in die Freude.

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Der Hafen von Sorrent lag hinter uns. Das Schiff machte eine Wendung, umfuhr in einem kurzen Bogen den Bagno della Regina Giovanna – und vor uns stiegen die gezackten Berge Capris aus dem stahlblau rauschenden, sprühenden Meer. Heller Wind flog über die geklüfteten Firste herüber, die im leuchtenden Gold der Luft standen, scharf gepreßt und in jeder rötlichen Kante sichtbar. Die weißen Villentupfen sprangen aus dem starren Niederstieg der Felsen, langsam nur schob sich das lösende Grün kleiner Bäume und Büsche zwischen die Massen des Gesteins. Die Insel lag ganz in die Glut des Hochsommers gebettet, lodernd in ihrer unbegreiflichen Fülle, ein helles zitterndes Feuer zwischen Kornblumenblau und Kornblumenblau. Rosa und gelb winkten die Häuser der Grande Marina, die Wäsche auf den flachen Dächern flatterte, weiß stieg die Straße zum San Costanzohügel über kurzem Gestrüpp hinan .. Nun wurden am Strande die Boote gelöst und glitten uns langsam entgegen .. Gesang der braunen Schiffer wehte im Wind herüber: die Spagnola .. immer wieder das alte, wiegende Lied. Ich hätte vom Geländer in die Wogen hinunterspringen mögen, hinschwimmen an das Land, das meine leidenschaftlichste Liebe bleibt .. Vom Gesang hätte ich mich hinübertragen lassen mögen, kein Fremder, kein dreimal Wiederkehrender: ein ewiger Gast, dem diese Küste längst zur Heimat geworden war, diese früheste griechische Siedlung Campaniens, die ganz erfüllt in ihrer eignen Schönheit lebt. Auf jedem Wipfel hatte liebkosend meine Sehnsucht ausgeruht, auf jedem Kieselstein des Strandes, auf jedem sonnigen Dach und jedem Blumenstrauch. Gab es einen Winkel, den ich nicht kannte? einen Hügel, von dem ich nicht morgens und mittags und abends das ewige Meer grüßte? Gab es Gärten, deren Geheimnis ich nicht hinter den wehrenden Mauern erspähte? Gab es eine Blume, die ich nicht suchte? Und wenn ich durch wilde Kakteen und über das Geröll steiler Hänge klettern mußte: es war mir keine Mühe zu viel, zu der Blüte zu gelangen und das Auge an ihrem fremden Glanz, an der seltnen Form ihres Kelches zu entzücken. O all meine Blumen Capris! Ich komme wieder zu euch! Ich laufe euch nach! Ich suche euch alle auf! Ich weiß, wo ihr blüht, die kleinste Wiese kenne ich und die verborgenste Trift: Ihr kleinen, roten Orchideen auf der halben Höhe des Monte Tiberio, ihr weißen Strandrosen an dem Faraglioniweg, Ginster über der Bucht der Piccola Marina, wilde Erika am Solaro, Schwertlilien und Gladiolen in den Grundstücken unter der Punta Tragara, Rhododendren in dem verwahrlosten Garten einer verlassenen Villa bei der Certosa, Mimosen an der Mauer der Villa Mezzomondo, und im Garten der Villa Discopoli ein Gewühl von Rosen und Bougainvillien .. Und wenn auch für manche von euch vielleicht schon die Zeit der Fülle vorüber ist: eine letzte Blüte habt ihr mir offen gelassen zur Erinnerung an den Überschwang des Frühlings! .. Und ihr, meine Bäume, meine schwarzen Steineichen und meine grauen Oliven, ihr wißt es, wie oft ich euer ernstes und mildes Laub in die Ferne meiner nordischen Winter zauberte und über meinem Einschlafen eure Zweige flüstern ließ .. Und ihr, meine Wege, meine glühenden, gewundenen Mauerwege mit den lilafarbigen Schatten, mit dem Niedersturz der Geranien an jeder Biegung und den unerwarteten Treppen, auf denen die goldengrünen Eidechsen sitzen: ihr Wege zum Meer hinab und ihr Wege vom Meer herauf, in dem braunen Brand der Hänge, zwischen Wicken und Seerosen, o ihr Wege an Wänden rubinfarbener Kakteen entlang, auf grüne, tiefe Gärten mündend, ich komme, ich komme! Meine Füße sind ungeduldig bis sie wieder auf euren steinernen Fliesen hinauf- und hinabgehen, meine Arme breiten sich aus, bis sie wieder emporgreifen in den Purpur eurer hängenden Blüten und die weichen Büschel vor das glühende Antlitz pressen ..

Stimmen riefen von der Tiefe der Wassers, die Kähne der Fischer schaukelten in den blanken Höhlen der Wogen, die Hitze prallte von der blauen Flut zurück, als wir vor Anker gingen. Ich stand an der Treppe. Die nackten, braunen Schultern der rudernden Männer brannten im Licht.

»Signore! Signore! Buon giorno! Io! Io!«

»Buon giorno, Girolamo! Ritorno, ritorno!«

Die Lippen des jungen Schiffers spalteten sich im Lachen, die Augen flammten auf, als mich die dunkle, derbe Hand von der untersten Stufe der Landungstreppe in den Kahn hinüberzog. Der Duft des verbrannten Rückens schlug über mein Gesicht, ein Duft gesunden, wilden Blutes, vermengt mit dem bitteren Salzgeruch der See. Frage um Frage sprühte zwischen den blitzenden, feuchten Zähnen hervor, eine die andere überstürzend, von selbstgegebenen Antworten abgelöst.

»Fahren wir heute mittag hinaus? Vielleicht sind Sie zu müde.«

»Fahren wir heute abend? Ja, wir fahren, um sechs.«

»Wollen sie bei den Faraglioni baden? Ich rudere Sie an die Stelle, die Sie besonders lieben ..«

»Morgen gehen wir in die Grotte.«

»Bleiben Sie lange hier?«

»Sie müssen den ganzen Sommer bleiben.«

»Wie gesund Sie aussehen, Sie sind so braun wie wir ..«

Und dann ein Schrei an das Land – ein heftiges Winken mit dem Arm:

»Sebastiano! Sebastiano!«

Und wieder das Flehen der Augen zu mir:

»Fahren wir heute mittag hinaus?«

Und dann ganz dicht vor meinem Munde, die Augen fast in meinen Augen:

»Wenn Sie fahren: nur ich! nur ich! Sie versprechen es: nur ich! ..«

O Jubel einer menschlichen Stimme! Leidenschaft im kleinsten Wort, göttliche Gesundheit und reinigende Kraft in diesen biegsamen Leibern! Wilde Männlichkeit: einfach und groß wie das Leben der Woge, die auf den Strand rauscht, wie das Brausen der Winde auf den steilen Garten bei Tag und bei Nacht ..

*

Überall bekannte, lächelnde und grüßende Gesichter, als ich von der kleinen Piazza her die glatt gepflasterte Straße nach dem Gasthof hinunterschritt .. Am Fuß der kleinen Treppe, die ins Vestibül hinaufführt, dieselben bettelnden Kinder, die den roten Soldo gerne mit dem weißen Stück Zucker vertauschen, und in der Halle die liebgewordenen, vertrauten Dinge .. der gleiche dunkle Türhüter und die gleiche alte Korallenverkäuferin mit ihrem gebrannten und gefurchten Gesicht. Aber die Teppiche waren aufgenommen und die bunten Fliesen mit Wasser besprengt. Man gab mir zu ebner Erde Zimmer, die auf eine breite Terrasse mündeten und den Blick auf Garten und Meer hatten. Ich trat an das Geländer und versank im ersten Schauen .. Nein, es war kein Frühling mehr in diesem Bilde. Es war der Sommer, in seine höchste Kraft gesteigert, doch fern der dorrenden Öde, wie ich sie schon in den Blumengärten Palermos getroffen hatte. Hier war das Grün noch Grün und die Farbe der Blüten noch frisch, eine Lust, kein Fieber. Doch es war anders, als ich es je zuvor gesehen hatte .. Wo sonst an der hellen Mauer des Zitronengartens, hinter dem das Meer aufsteigt, die großen Kugeln der Sternblumensträucher sich weiß und gelb aus der Bläue wölbten, hing nun ein dichtes, rotes Rosengeschlinge, wo einst die bunten Inseln der Schwertlilien, Tulpen und blassen Federnelken im glänzenden Grün des weichen Rasens schimmerten, quollen nun die Beete von Heliotropen und Verbenen aus hartem Gras hervor, und der alte, hängende Eukalyptusbaum stand einsamer und herrischer im hellen Licht. Wie war das Licht auf allen Dingen verwandelt! Das Gold war verhärtet und das Blau verdichtet. Schärfer und deutlicher stand jedes einzelne Blatt in den Lüften, die sich weniger schmiegten und trockner brannten. Auch das Meer war anders: unsäglich still, hochaufstehend und dicht unter die breiten Wipfel der Feigenbäume gerückt, die über dem hellgrünen Weingerank des nachbarlichen Gartens ausgespannt lagen. Das Meer war gesättigt: schwer von der Frucht der Himmelsglut in der Tiefe seines Schoßes: dunkelblauer, warmer Wein in dem brennenden Pokal der roten Bucht. Kein Segel, kein fernes Schiff schwamm in den Weiten. Die Stille des Mittags – ein unbegreifliches Anhalten aller Atemzüge – stand brütend auf der funkelnden Flut. Es war kein Zittern in den Lüften über den vielen, weißen Villen, über all den vertrauten Gärten und Hügeln: es war ein langsames, glattes Niedersinken dichter, blauer Seidentücher, in denen das Netz der goldnen Fäden lief. Die Schatten in den Winkeln, in den Arkaden, über den Fensterbögen und Kuppeln lagen stumm, fast leblos: dicker, violetter Samt, mit den Händen zu fassen und fortzunehmen .. Da traf ein übersüßer Hauch meinen Mund: nicht länger als das Zucken eines Augenlids – und dennoch lang genug, um im Flug das andere, leichtere Frühlingsbild aufzuwecken und eine flüsternde, singende Bewegung in dieses Stillestehn zu zaubern. Ich lehnte mich rückwärts über die Brüstung und hob den Kopf nach den Balkonen über mir: Und siehe: da blühten noch die letzten silbernen Trauben der Glycinen, der angebeteten Glycinen, die an den Wänden niederstürzen und sich im Sturz in ihren eignen Atemzügen wieder auffangen. In hellen Sträußen hatten sie im Frühling auf meinem Tisch gestanden und ihren Duft über jeden Gedanken geworfen, der sich dort in der Stunde der Mittagsruhe zum Wort wandelte. Und nachts, wenn der Wind sich vom Meer aufmachte und in den Ästen wühlte, war auf der Welle des Mondlichtes ihr beruhigter Hauch bis auf das halbentschlafene Gesicht geweht, um den Träumen die Wege zu weisen ..

*

Es hielt mich nicht länger: ich mußte hinüber in die Ölbaumhänge und dann auf steilem, gelbem Pfad am Rand der Klippe zu meiner Wiese hinauf. Nur eine sonnige Mauerecke noch hoch oben in Anacapri liebe ich ebenso wie diese schmale, kaum von Menschen betretene Trift die unter den Steinwänden der Punta Tragara liegt, zwischen Himmel und Meer, losgelöst von den Massen des Felsgestades, eine duftende, hellgrüne Wolke, auf der es sich leise über der nahen Erde hinschwebte .. Durch die silbernen Dünste der Frühe, durch den weichen Purpur des Abends und das smaragdene Licht der Mondnächte war ich auf dieser Wolke gefahren, nun kam ich zum erstenmal im hohen Mittag hastig und heiß den Mauerweg hinab gelaufen. Ich ließ den braunen Säulenhof der Certosa rechts liegen, streifte nur flüchtig die weiße Villa Carmela mit ihren scharlachsprühenden Granatbäumen und schlüpfte zwischen hohen Büschen in das Filigran der Ölbaumzweige, unter denen der kleine Erdpfad beginnt. Längst war das Lupinenfeld abgeblüht, hellgelbe Quasten hingen an den Kaktusblättern, zwischen fetten Halmen züngelten die dünnen Flammen der letzten Gladiolen, ein Teppich von goldenen Wicken deckte den Boden zur Rechten und zur Linken. Plötzlich wehte ein fremder Duft .. Salbei? Ich brach eine violette Staude und hielt sie an das Gesicht .. Es war nicht der Duft des Salbeis, den ich gewittert hatte. Meine Augen suchten, indes ich stehen blieb .. Da, und dort weiter hinauf und zwischen den schleifenden Ästen der Olivenbäume bis zur hellblauen Höhe hinan: Myrten .. Myrten .. Myrten, von Millionen weißer Flocken übersät, die ersten Myrten, die ich blühend sah. Ich kniete hin und bog das Gesicht über die schwarzgrünen Sträucher, ich fuhr mit leisen Fingern über die traumvollen, keuschen Blüten, die hoch auf den glühenden Felsen im Wind des Meeres ihr Leben erschlossen und ihren Duft zu den Göttern wehen ließen .. Solange der Weg noch aufstieg, liefen die Büsche mit am Rande empor, zwischen Thymian und Glockenblumen. Ganz oben aber, wo die Wiese an einer Baumpflanzung aufhörte, zog sich ein breiter Saum von blutendem Mohn. So lag ich im roten Dämmer der Schlafblumen, mitten im offnen Licht, und sah hinab auf das einsame Meer. Wo sonst der Schaum in flachen Halbkreisen an den Strand spülte, von Bucht zu Bucht, bis zur Piccola Marina und weiter hinaus zur Punta Ventroso, lag nun die Flut so still, wie wenn sie nie von Wind und weichem Getriebensein gewußt hätte. Da stand in metallenem Pfauenblau das verwischte Grün aller Türkisen und in diesem wieder die matten, ausgewaschenen Töne der Hortensia. Eine runde Lache schob sich langsam in die andere, wurde oval .. und trat wieder in die Form des Kreises zurück, ausgewechselt im Spiel der Farben, bald heller, bald dunkler aufleuchtend, flüssiger Achat. In der Ferne aber wuchs die Flut in den Himmel hinauf, der dunstlos, wolkenlos das unerbittliche Blau der Wölbung schloß. Die Augen fielen mir zu. Vor den Lidern begann ein leises, dunkelrotes Wogen. In den Schläfen sang das Blut.

*

Als um die vierte Nachmittagsstunde noch keine Nachricht eingetroffen war, die Axels Ankunft meldete, beschloß ich, nach Anacapri zu fahren und in den schönen Ölbaumhängen den Abend zu erwarten.

Die Felsmassen des Monte Solaro lagen in goldlackbraunen Feuern aufgeschichtet, nur in die langen Risse des Gesteines waren blaue Schatten eingezwängt. Das Grün der tiefen, westlichen Hänge stand breit und dunkel an den funkelnden Wänden und trug eine Welle von spätem Ginster zu den Graten empor. An einer Wende der Straße verschwand das Bild, der Wagen lief im Schatten, und das rückwärts gewandte Auge hing an den heiß überschütteten Klüften der Forte San Michele. Links in der Tiefe, am Fuß der üppigen Gärten, lag die weiße Grande Marina mit den vielen, kleinen Ruderbooten. Die schmale Mole war verlassen, fern an der Punta Capo, unter dem Berg, der die Trümmer des Tiberiuspalastes trägt, schwammen, trunken vom Licht, kleine Segelboote, die von Sorrent oder Amalfi herkommen konnten .. Meine Augen folgten dieser Richtung: Die Berge der Sorrentinischen Halbinsel standen steil, kahl und flammend übereinandergeschichtet, hier und da schimmerte der lichte Flecken eines Hauses neben einer einsamen Zypresse. Unten schlug das Ufer die weichen Falten der sanfteren Abhänge auseinander, die ganz voll feuchten, veilchenfarbenen Dämmers hingen. Unmittelbar im Norden aber türmte Neapel die strahlenden Fronten und Dächer gegen Camaldoli hinan, eine weiße, steinerne Saat zwischen Posilipp und Vesuv. Pozzuoli schob seine Villen über den Spiegel des Meeres, Bajä ließ sich nach rückwärts erraten hinter dem steilen Misen .. Wie faßte mich wieder die Liebe zu diesen unsterblichen Ufern, wie riefen die Gärten, die Villen herüber! Nun mußten ja alle Oleanderbüsche blühen, alle Rhododendren und Myrten, alle Rosen und Nelken .. Die Weingärten mußten reifen über dem wilden Mohn .. O Villa Patrizi! Villa Ricciardi! Floridiana! Villa Vergils ..

Wieder bog der Wagen um eine Ecke. Da war plötzlich nichts mehr als eine hohe, umschattete Mauerwand, voll Ginsterblüten, die steinige, staubige Straße, und über der Brüstung das helle, aufglänzende Meer. In der Luft lief eine leise Bewegung, die erste Ahnung des Abends.

Und bei der nächsten Kehr wehte auch das süße Ischia empor, wie ein Gestade, das seine ersten Atemzüge wagt. Auf Silberdünsten schwamm es, fast körperlos, ganz um den Saphirhügel des Epomeo emporgedrängt, ein solcher Überfluß von duftigem Blau, daß selbst das Meer vor dieser Fülle bleich und zart erschien.

Wir hatten die ersten Häuser von Anacapri erreicht. Ich fuhr fast bis an das Dorf Caprile, und nahm den seitlichen Pfad, der nach dem grünen Weg zur Migliera führt. Nun war ich wieder in meinen Obstgärten, die ich noch blühend gesehen hatte, ich ging unter Nußbäumen und Feigenbäumen dahin und hatte keinen anderen Gedanken mehr als an die Tage, die nun kommen mußten .. an alle Nachmittage, die wir hier oben verträumen würden, wo die Seele im tiefen Grün ausruht, und die Winde leichter das Feuer der Lüfte kühlen. Ich träumte mich ganz hinüber in die Abgeschiedenheit dieses Lebens, das hier oben zur Erfüllung werden sollte .. in die blaue Stille hellenischer Tage. Der Abend in dem Priorate der Maltheser fiel mir ein, als wir den langen Laubgang bis an die Lichtung der Mauer hinuntergegangen waren. Unwillkürlich wandte ich mich um und hob die Hand vor die Augen: Der Golf von Neapel war leer, auch in der Höhe von Ischia war kein Schiff zu sehen .. Da ging ich weiter. Die Gärten wurden spärlicher, die bunten Häuser von Anacapri mit ihren leichten Kuppeln waren hinter grünem Laub zusammengerückt, von der weißen Wölbung der Kirche überragt. Das Auge sah frei auf die vielen Gehöfte hinunter, die sich zwischen Oliven und reifenden Äckern zum Strande hinabzogen. Silbergraues Flittern lief durch die hängenden Zweige, die Gräser begannen zu beben, der Dunst am Fuß von Ischia wurde leichter, fast durchsichtig. Das Steingeröll verminderte sich, Ginster und Myrten brachen zwischen den scharfen Kanten hervor. Nach wenigen Schritten stand ich auf der einsamsten Höhe der Insel, umbraust vom warmen, sommerlichen Wind, der die Fülle seines Glanzes um meine Schultern schlug. Weit hinaus flogen die Blicke von dieser einsamen Warte .. weit hinaus in die Ferne eines heroisch-gedachten Lebens. Die Arme brauchten sich nur auszubreiten und den fließenden, wallenden Äther zu fassen: so rührten die Finger an die Füße der Götter, die dicht über dem wehenden Haare des Hauptes hingleiten.

Als ich mich umwandte und auf tieferen Pfaden unterhalb Capriles der alten Windmühle zuging, sah ich, wie weit hinter Ischia, da, wo die flachen Ponzainseln leuchteten, die Sonne lange, gleißende Goldbarren durch das Wasser zog, aus dem helle, fast unsichtbare Dämpfe emporstiegen. In jedem Augenblick blitzten die Goldströme anders auf, bald weiß wie schmelzendes Silber im Messingtiegel, bald rötlich wie Lava aus unterirdischen Höhlen. Da schien es mir, aus diesen Horizonten müsse das Schiff des Freundes auftauchen, leicht wie eine gleitende Wolke, von korallenfarbigen Abend-Schwänen gezogen .. Aber die Weite blieb leer. Nur die Goldflüsse wallten und dampften. Durch gelbe Weizenfelder, zwischen niedrigen, grauen Steinmauern ging ich zu der Stelle zurück, wo der Wagen wartete .. In jedem Garten blühten die Rosen, die Kakteen und Geranien. Alle Türen der Häuser und Hütten standen geöffnet, hier und da wurde schon Gesang wach, wie er sich mit dem sinkenden Abend löst. Bauern kamen aus dem Feld zurück und trugen Körbe voll Kirschen auf den Schultern, Frauen gingen mit schlanken Tonkrügen zum Brunnen, Kinder trieben die Ziegen zum Stall. Der erste Rauch schlug aus den Schornsteinen in die kupferne Luft. Über den lila-dämmernden Hügeln von Sorrent schwebte der weiße Vollmond im reinsten Äther, eine taghelle Nacht verheißend. Um Ischia und Procida wehten schon die purpurnen Schleier über feuchtem Schwertlilienblau.

Auf der Höhe von Castellamare aber lag das weiße, schlanke Schiff.

*

Der Tisch war im Garten gedeckt, vor einem Heliotropenbeet. In einer dünnen Kristallvase stand der weiße Camelienstrauß, den Axel aus Neapel mitgebracht hatte, über die weiße Decke waren Rosen gestreut. Der Wind, der sich kurz vor Sonnenuntergang aufgemacht hatte, war wieder eingeschlafen, blaßgrüne Streifen Mondlichtes fielen über den Rasen auf die Steinfliesen, zwischen den starren Blättern der Palmen und dem hängenden Gezweig des Eukalyptusbaumes funkelten die dünnen, smaragdenen Sterne.

Axel war schmäler geworden. In seinen Zügen stand die Arbeit vieler Gedanken. Er erzählte ruhig von den Wochen, die seit unserer Trennung verflossen waren. Plötzlich brach er ab. Er hob das Glas und ließ es an meines klingen:

»Es ist Zeit zu schweigen. Die Stunde kommt, wo wir anfangen müssen zu leben!«

Die Früchte wurden aufgetragen.

Aus den Gärten erhob sich Mandolinenspiel.

Vom Meer herauf kam ein Gesang, ähnlich wie das Lied der Matrosen auf dem Schiff, das in der Nacht nach Malta fuhr.

Als die letzten Gäste von den Nachbartischen aufgestanden waren, ließen wir die Lampen vor uns löschen: Ein Gewebe von lavendelblauem Atlas hing über dem Garten. Die Büsche atmeten im verwandelten Licht, jeder Strauch, jeder Wipfel war verdeutlicht und vergeistigt zugleich. Das Wesen der Dinge begann in der Tiefe der Formen zu leben. Aus den Glycinenblüten rieselte die Helle nieder. In jedem Tropfen Duft ein Tropfen Licht.

Wir gingen langsam bis zum Meer hinunter, entblößten Hauptes, so wie wir von der Tafel aufgestanden waren. Unwillkürlich lenkten sich unsere Schritte nach der Piccola Marina, der einsamen, verlassenen Bucht, in der die Stille Capris tief gesammelt ist. Wo die zwei wilden Lorbeerbüsche aus flachen, weichen Kieseln aufwachsen, setzten wir uns auf den Boden. Bis an die Füße spielte der raunende Schaum. In jeder flachen Welle zerrann das Mondlicht. Wir fingen die Flut in den hohlen Händen und ließen das Wasser an den Fingern niedertröpfeln. In jeder Perle glühte das Mondlicht. Auf der Höhe des Meeres aber war die silberne Harfe aufgestellt: In den Saiten sang das Mondlicht:

›Ich verwandle die Welt, ich erlöse die Welt.

Das Meer bleibt das Meer, und der Fels bleibt der Fels.

Aber ich töte was starr ist und wecke was schön ist.

Wollt ihr mich fangen, es wird nicht gelingen!

Wollt ihr mich sagen .. was ist mir das Wort?

Weiße Vögel tragen mich nieder vom Hause der Götter,

Von ihren Schwingen trieft meine Flut,

Sie nisten auf Wolken und schlafen auf Hügeln

Ihr hängender Flügel trocknet im Frühlicht.‹

*

Es war um Mitternacht, als wir nach Hause kamen. Wir blieben lange auf der Terrasse. Der Mond war hinter die Hügel getreten. Auf der Höhe des Meeres wallte sein ruhiges, grünes Licht und zog ihm nach, den Fuß der steilen Küste schon mit schmalen Bändern umsäumend. Hell glühte der Wein in der Schale.

Axel goß den ersten Tropfen in das Gewühl der Rosen, die am Geländer hingen. Funkelnd floß das Blut auf die Blüten und tropfte weiter zu dem warmen, durstigen Boden.

»Den Göttern, die wir lieben ..«

Ich neigte mein Glas:

»Den Göttern, die uns lieben.«

Da schlug die Antwort von der Erde auf: Eine Welle leidenschaftlich gebundener Düfte: Rosen, Levkoyen, Heliotropen, den Duft der hängenden Glycinen überholend .. und immer wieder Rosen .. Rosen ..

Druck von F. E. Haag, Melle i. H.

VOM SELBEN VERFASSER:

DAS BUCH DER TRAUER GEDICHTE AUS DEN JAHREN 1902-1907

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JONATHAN / PATROKLOS AUS DEM JAHRE 1914 (MAI-JUNI)

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DIE SEELE LOTHRINGENS AUS DEM JAHRE 1917

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