PALERMO
Reading edition
Palermo: Goldsprühende Garbe. –
Wie brennende Tücher schlug die Luft in mein Gesicht, als ich über die Schwelle des Gasthofs ins Freie trat. Zögernd gab sich der Körper, über Leib und Hüften ging ein kurzer, aufreizender Schauer .. die weißen Schuhe nahmen tastend das Pflaster, das Auge suchte die Milderung der satten Bläue, im Schreiten wurde der Seewind fühlbar, der vom Hafen heraufstrich. Das Meer lag unbewegt, ein riesiger Türkis im weißen Gold der Hafenfassung. Ich wandte mich in das Innere der Stadt.
Wie leicht waren die Schritte, die keine Schwere des Vertrautseins hemmte, kein Ziel! Ich ging nur .. ohne Absicht, ohne Plan. Hier lockte eine Kuppel und dort eine Palme, das laue Halbdunkel einer gewundenen Straße lud zum Eintritt – und nach wenigen Minuten stand ich auf einem glühenden Steinplatz. Ich träumte vor den Auslagen der Juweliere – und suchte den Schutz des weißen Zeltdaches vor einem Café, um den Durst an einem herben Zitronengetränk zu stillen. Auf den besprengten Steinfliesen verdunstete das unermüdlich ausgegossene Wasser, hinter dem Gitter der gelbgrünen Papyrusstauden flogen die Schatten der Vorübergehenden auf und nieder.
In hellem Strome flutete das morgendliche Leben durch die Hauptstraßen, hastig und schillernd bewegt, nur an der Kreuzung der Via Maqueda und des Corso ein wenig verlangsamt und oft aus seiner geraden Linie im Winkel zur Seite gelenkt. Die Menschen sind freundlich und zurückhaltend. Im bleichen Oval der Gesichter brennen die schwarzen Augen, über vielen Lippen liegt eine fremde, nachsinnende Wehmut und verrät die Mischung arabischen Blutes.
Ich ging bis gegen Mittag durch die eilige Menge und betrachtete die Züge der einzelnen. Viele waren schön und streng, sehr viele hart und gequält (an die spanische Zeit erinnernd), ein Zauber lag nur in denen, die an die morgenländische Heimat gemahnten. Hier war der Glanz der Augen verinnerlicht und oft in weicher, lässiger Sinnlichkeit verschleiert. Ich sah unmerklich feine Schatten unter den Lidern und Wimpern wie aus langen, schwarzen Seidenfäden über dem weiten, traurigen Schimmer der Pupille.
Am Nachmittag blieb ich zu Hause. Wie in einem Märchenbuch las ich in der Geschichte des Geschlechtes Hauteville: in der Chronik der normännischen Könige. Erst gegen Abend, als wieder etwas Wind vom Meere heraufkam, ging ich in den Dom und ließ mich vor den Königsgräbern nieder. Kinder spielten im Sonnenglanz der Vorhalle bei roten Oleanderbäumen, im Innern der Kirche war es kühl und leer. Ganz leer. Nicht einer saß und betete. Die Helle des übergroßen Raumes lockt nicht zu gläubiger Versenkung. Nur aus den dunklen Porphyrsarkophagen weht noch der heilige Duft von Schmerz und Größe. Sie ruhen seitlich unter schwerem Baldachin. Ein eisernes Gitter umschließt sie alle: nur die Luft zwischen ihnen hält die Trennungen wach, die auch der Tod nicht überbrücken kann. Noch im Tode bleibt der Sohn vom Vater geschieden, die Gattin vom Gatten, der Schwiegersohn vom Schwiegervater: Mit Fluch beladen ruht Heinrich VI., vereinsamt und unglücklich seine Gemahlin Constanze, die Tochter des großen Roger und die Mutter des noch größeren Friedrich.
Ich saß und schaute. Die Schatten stiegen auf, die meine Seele rief.
»O Fremdling in der goldnen Abendluft, es kommen viele, die uns nicht rufen. Sie tasten mit teilnahmlosen Fingern an den dunkelroten Stein und sagen nur: Dies ist der Sarkophag, wo Roger schläft.
Ich schlafe nicht. Ich liege überwach in der kalten Porphyrschale und lächle immer noch. Mein Leben war schön. Viel Sturm – und viele, viele Bläue. Ich liebte den großen Wind und das Ewig-Offne des Meeres. Ich liebte die Buntheit des Lebens. Sie galt mir mehr als ein fanatischer Gedanke: denn selbst im scheinbar Zwiespältigen sah ich das leuchtende Verbundensein.
In meinen Gärten war Vergessen. Wie rieselten meine Brunnen leise und träumerisch in die Marmorschalen. Ich hatte Pfauen und Fasanen. Ich liebte Glanz. Ich liebte Überfluß. Ich liebte die Schönheit, und sie schalten mich einen Heiden. Ich liebte Gold. Und Frauen .. viele Frauen. Ich liebte die zarten Finger meiner Seidenweberinnen. Ich ging durch ihre Reihen und küßte ihr süßes Haar. Sie woben meiner Liebe die weichen Gewänder, und durchwirkten den Stoff mit Blumen und Heiligen, mit goldnen Adlern und korrallenfarbigen Reihern. Auf meinen Betten lagen ihre Schlafdecken und teilten meinem Schlummer so viele stumme Sehnsucht mit: Sie liebten mich. Sie woben ihre Liebe in die Ornamente.
Wenn Fremde an meine Schwelle kamen, war ich voll Güte. Sie staunten über die Fülle meines Lebens: Ich lächelte und ließ sie Schmuck und Kleider als Andenken wählen. In ferne Länder trugen sie die Ehrengewänder und wurden unwissend meine Feinde, indem sie von der Pracht meines Hofes Zeugnis gaben. Ein fanatischer Mönch – Bernhard von Clairvaux – predigte gegen das Sündhafte meines Lebens und gegen mein gestohlenes Königtum: mich habe nicht der rechte Papst gekrönt und meine Krone sei nicht von Gott. Ich lächelte nur. Meine Krone war von mir selbst und das Erbe meiner Väter. Meine Krone war mein Recht. Was konnte ich anderes sein als König? Da rief der Mönch zum Krieg. Mein Name war der Widerstand, an dem er seine Glut entfachte. Er zog im Land umher und predigte auf den Kanzeln. Das Volk stand offnen Mundes und nannte ihn einen Heiligen. Ein deutscher Kaiser ließ sich bereden und zog mit Papst und Prediger gegen mich. Die fremden Heere verwüsteten mein Land, Apuliens Städte flammten: Da faßte mich die Wut. Das Blut der skandinavischen Ahnen – zwiefach gebannt im fränkischen und arabischen Geist – quoll aus dem Abgrund auf. Ein Sturm- und Feuerwind fuhr ich die Fremden an. Mein Sohn fing mir den Papst. Ich aber gelobte dem Heiligen Vater Treue, nachdem er meine Krone gesegnet hatte. Der Krieg verschlang mein Geld: es war billiger, einem alten Mann – sofern er den Anstand gegen einen König zu wahren wußte – eine freundliche Gesinnung zu bewahren. Ich suchte nie den Krieg. Er ward mir aufgezwungen. Da ich ihn führen mußte, führte ich ihn mit Leidenschaft. Ich haßte das Halbe. Wie kann ein König Unvollkommenes lieben? –«
»Was aber war mein Los? fiel nun Constanzes Stimme ein. Ich wurde geboren, als du schon gestorben warst. Hätte ich nur einmal den Klang deiner Stimme vernommen, o Vater, nur eine leise Erinnerung an dich in meine Jugend tragen können: so wäre ich weniger unglücklich geworden! O, wer begreift noch, was mein Leben war! Ich war eine Kaiserin und trug fünf Kronen – und ich wurde so voll Elend wie nicht die geringste meiner Dienerinnen: fremd am Hof des düsteren Bruders, fremd am Hof der traurigen Königin-Witwe und fremd – bis zum Erstarren fremd – als Gattin des Gemahls, der mich im eignen Blute traf und keine Schonung kannte, obwohl meine Lippen von Weinen gesprungen und meine Kniee von Beten wund waren. Die Schuld war mein, obwohl ich schuldlos war: ich war als eines großen Königs Tochter geboren und hatte dreißig Jahre im Dunkel gelebt. Nun winkte die Freiheit, die kaiserliche Höhe des Lebens, nach der meine Wünsche brannten. Die Krone winkte. Ach! Ich ging in mein Grab bei lebendem Leibe. Ich schlief – mißbrauchtes Werkzeug – auf dem Lager des Mannes, der mein Vaterland schändete. Ich gab ihm den Erben, indes er meines Neffen Tankred kleinen Sohn auf beiden Augen blenden ließ. Ich lag noch in den Wehen, im winterlichen Bergnest Jesi, als heimische Boten mir die Kunde brachten. O, wie der Haß in meinem mißhandelten Blute aufschoß! War nicht mein Sohn: im Schlafe hätte ich den Mörder erwürgt. Ein Fieber fraß ihn auf. Zu spät. Zu spät ..«
Und Friedrich sprach:
»O dämpfe deine Stimme, arme Mutter. Klage nicht – und klage nicht mehr an. Wer Kronen trug, muß vor sich selber schweigen lernen. Auch der Tod darf seine Einsamkeit nicht mehr durchbrechen. Der Schmerz zu leben, ist unermeßlich groß. Wir haben es alle erfahren, und jedem blieb am Ende die gleiche Weisheit: daß wir ein Spiel von tausend Schatten, undeutbar-unergründlich sind. Was sind unsere Siege, was sind unsere Niederlagen? Das Licht und das Dunkel, in dem unsere Kräfte zerflattern. Vielleicht hat nichts zu verlieren, wer nie gelebt hat: Doch wer geboren ist, muß fühlen, daß ihm das Schicksal die Erde bestimmt hat. So gab ich mich hin an die Weihe des Lebens, groß und voll irdischer Leidenschaft: und ging meine Wege, die meine Zeit mir gezeichnet. Ich liebte den Frieden und war ein Träumer, ganz voll Schönheit. In meiner Sehnsucht war nichts von Krieg. Krieg ward mir aufgezwungen. Ein großer Fürst hat keine Wahl. Süße, stille Oasen im Brennen der Wüste waren die wenigen Friedensjahre meiner Herrschaft .. immer seltner und karger, jemehr die Zahl meiner Jahre sich häufte. Ich wuchs in die Seele des Krieges und lernte die Tücke. Ich lernte die Feindschaft und die Seele der Falschheit .. und ich brauchte die gleichen, vor meinem Ziele geheiligten Waffen. Sie trafen die reine Sehnsucht des Herzens niemals: Ich wollte nichts als die Ordnung, da Ordnung Schönheit und Einklang ist. Ich wollte schönes Leben erhalten und schlafendes erschließen: Und ich mußte ringen um rohen Besitz, der längst schon mein war! Nie gab es ein Ende, nie blieb ein Errungenes friedvoll. Wie ein verfluchter Wandrer, gestachelt von Gram und Ungewißheit, zog ich von Lager zu Lager, von Landschaft zu Landschaft. Von Palermo nach Deutschland, von Deutschland nach Rom und zurück nach Sizilien – und wieder nach Rom und gegen die lombardischen Städte und hinab nach Apulien und weiter nach Palästina und wieder nach Haus und wieder nach Deutschland und endlos, endlos zuletzt durch Italien. Kaum war es mir vergönnt, im Frieden meiner Hauptstadt zu leben: nur einmal – o einzige, glückliche Zeit – sechs Jahre lang, ehe Gregor zum Kreuzzug trieb. Ich liebte Sizilien. Es war meine Heimat und voll Schönheit. Es war deine Heimat, o Mutter, und viele Frevel meines Vaters waren zu sühnen. Ich dachte tausendfach Tränen zu trocknen. Was die Erde an Schönheit umfaßte, sollte mein Land besitzen, jeder Fremdling sollte bis zu den entferntesten Küsten die Kunde tragen, wie ich den Vater entsühnte und die Qual der mütterlichen Seele stillte. Sechs Jahre nur blieben an Frieden: kaum Zeit genug, soviel Ruhe zu sichern, daß ich die Saat meiner großen Träume ausstreuen konnte.
Dann trieb mich der Eifer des Pfaffen nach Akkon. Und niemals mehr wurde Frieden. Maßlos wuchs der Gram meines Herzens. Drei Gattinnen starben mir .. Ich verlor meine Söhne. Heinrich, dem ich ein Königtum gab, sann auf Empörung. Ich mußte ihn strafen und in die calabrische Festung verbannen: Dort fand er den unerwarteten Tod. Enzio schlug eine Schlacht für mich und ward mir gefangen. Ich bot meine Schätze: Bologna blieb ohne Erbarmen. Sie wußten, daß er mein Liebling war, von all meinen Söhnen der schönste, nur Manfred vergleichbar. Und Freunde sah ich vor mir sterben, die selten nur ein Kaiser findet. Hermann von Salza starb zu Salerno und Thaddäus von Suessa fiel bei Vittoria. Der aber, den ich am unwandelbarsten treu gewähnt, sann Verrat: Petrus von Vinea, der alternde Kanzler dem alternden Kaiser. Der Bannfluch schreckte ihn! Noch wäre ich bereit gewesen, Frieden zu schließen und wartete in Rieti auf den Papst: Aber Innozenz floh – bei Nacht – auf genuesischen Galeeren und wandte sich nach Lyon. Dort hielten die Pfaffen ein Konzil ab .. O wie sie meinen Namen zerrissen, wie sie sich meiner Krone bemächtigten, all meiner Kronen, wie sie meine Würden von mir streiften, so wie der Henker dem Verbrecher die Kleider bis aufs Hemd vom Leibe streift. Ich war kein König mehr in Deutschland, kein Kaiser mehr, Siziliens Los war der Entscheidung des Heiligen Vaters anheimgegeben – Die Bettelmönche ließ der Pfaffe los, wie eine Schar von Ratten, die Treue zu vergiften. Bis an das Ohr des deutschen Sohnes wagte sich das Geflüster – –
Als mir die Kunde der Beschlüsse kam, ließ ich mir meine Kronen bringen – ich trug sie nie – und aus dem Glanz der Edelsteine brach meines Lebens letzte Glut und Schönheit: Kampf bis zum Tod. Nicht mehr ein Kampf um Ordnung: Ein Kampf des freien Gedankens gegen die Lüge, die Gottes Unendlichkeit mißbraucht. Kampf meines klaren Glaubens gegen die Fäulnis und den Betrug der Kirche. Ich fühlte den Gott auf der Erde, und ich liebte die Erde. Nun riß es mich hin und überflutete mein Leben. Die Ahnung entbundener Welt schlug noch wie Morgenrot in mein Gefühl, eine letzte Entlastung des tausendfach müden, belasteten Lebens .. Da zerrann die Klarheit im Zwielicht meines Sterbens. Ich war nicht glücklich, Mutter, doch ich hatte Flügel. Ich trug nur Schwere und war leichten Geistes. Ich wollte viel Macht, viel Glück, viel Schönheit: Schicksal und Sehnsucht lösten sich auf ..«
*
Ich hatte Axel Arnedals empfehlende Karte zu Angelina Lancisi geschickt und anfragen lassen, ob ich sie am Abend besuchen dürfe. Ich fand die Antwort, als ich in den Gasthof zurückkehrte: Sie bat mich, bei ihr zu speisen. Ich traf in der Villa außer der Besitzerin Margerita Avellino und Percy Vantadour, einen jungen Provenzalen, der in den städtischen Archiven arbeitete.
Die Fenster und Vorhänge des Speisezimmers waren noch dicht geschlossen. Das Kupfer weniger Kerzen brannte in dem goldnen Halbdämmer.
»Es wird Ihnen in Palermo ergehen wie mir, sagte Percy Vantadour: Sie werden beginnen, die neue Schönheit zu enträtseln und immer tiefer im Geheimnis versinken. Ich kam vor zwei Monaten, mitten im Frühling hierher, und dachte einige Wochen zu bleiben: Es ist Juni – und ich bin noch immer da. Ich kann auch nicht sagen, wann ich gehe. Ich liebe diesen Sommer, ich liebe die Hitze des Steines, der fast den Fuß versengt, die Glut der Gitterstäbe, den trocknen Geruch des Staubes und die monotone Helle der Landstraßen, die sich im Zickzack an den kahlen Berghängen hinauf- und hinunterziehn. Ich liebe das Bröckeln des Steines in der blauen Starrheit, das Dorren der Ginstersträucher an den Hügeln, den Zerfall des Grases auf allen Plätzen. Ich liebe die machtlose Bucht des Meeres, die kaum noch Kühle gibt, da der gleißende Spiegel die Strahlen, die er löschen soll, nur verdoppelt zurückwirft. Blumen, in die sich mein Gesicht vergraben möchte, wenn früher Frühling ist, Blumen, die in den langen Wintern von Paris selbst aus meinem Schlafzimmer nicht verschwinden, sind mir wesenlos in dieser Landschaft. Ja, ich vermeide die Gärten. Ich sitze lieber in der glitzernden Kühle der Kathedralen, in der Capella Palatina oder im Dom von Monreale, am allerliebsten im Dom von Cefalù. Vielleicht nur deshalb, weil diese Stadt so einsam ist: ein Haufen brauner und gelber Steinmassen über dem Lasur des Meeres. Schon ihr Name atmet Backsteinöde.«
Als die Tafel aufgehoben war, gingen wir in das Nebenzimmer, dessen Flügeltüren nach dem Brunnenhof geöffnet standen. Ein breiter Wasserstrahl quoll in der Schale auf und floß durch flache Rinnen in seitliche Becken, die einen stillen Abendhimmel spiegelten. Die Luft war wie von unsichtbaren Händen angehalten, ein laues Seidentuch, das kaum die Wange streifte. Aus hohen Terrakottavasen stürzten die Geranien auf den Boden. Wir waren alle ins Freie getreten. Margerita Avellino hatte den Arm ihrer Freundin gefaßt, Percy stand neben mir.
»Sagen Sie mir doch, Percy, begann nach einem kurzen Schweigen Margerita, wann zum erstenmal ein Vantadour nach Sizilien kam und was er dort tat.«
Wir setzten uns vor den Brunnen, und Percy erzählte:
»Adelasia, die Mutter des zweiten Roger, war eine Gräfin Montferrat, und brachte die geselligen Gewohnheiten ihres väterlichen Hauses und vor allem die Liebe zu den Künsten mit nach Sizilien. Der Herrschaft Montferrat benachbart lag die Heimat der Vantadour. Bernhard, mein Urahn, kam oft auf das Schloß des Grafen. Er übte die Kunst des Gesanges und war gerne gesehener Gast. Man nahm ihn als Freund und Vertrauten des Hauses auf. Als nun Roger I. um 1112 gestorben war und Adelasia nur mit dem einzig überlebenden Sohne zurückblieb, war nichts natürlicher, als daß sie so viel wie möglich die Fühlung mit ihrer Heimat zu wahren suchte. Es liegt immer im Sinn einer Mutter, dem Sohn die Liebe zum mütterlichen Land und Geschlecht zu erwecken. Sie ließ viele Provenzalen an den Hof kommen, und als einen der ersten den alten Freund Bernhard Vantadour.«
»Sie sagten eben, unterbrach Angelina, daß Adelasia früh mit ihrem Sohne Roger allein blieb. Ist in dem Wesen dieses Königs ihr Einfluß zu verspüren?«
»Gewiß! Herrschertum lag ihm vom Vater her im Blute, von dem Geschlecht der Hauteville, in denen der Geist der Wikinger noch lebendig war. Aber die große, innere Gesittung, die Zartheit seines Fühlens und sein bedeutender Sinn für die Kunst waren mütterliches Erbteil. Roger war ein Fürst, der sich in allem pflegte. Er soll sehr schön gewesen sein: und er wußte, was schön sein hieß. Auch seine große Güte und das leichte Ergriffensein des Gefühles kamen von Adelasia, die an dem Kummer einer großen Enttäuschung starb.«
»Woran starb sie?« fragte Margerita, die ihren Arm um Angelinas Schulter gelegt hatte und nichts als Lauschende war, fast wie ein Bildnis anzusehen in ihrem weißen Seidenkleid, das von der linken Brust bis zur rechten Hüfte einen schmalen Glycinenzweig als einzige Verzierung trug. Ihre kleinen Füße spielten mit den Dolden eines Geranienbusches, und die dünnen goldnen Armspangen über den blauen Adern ihres Handgelenkes klirrten leise bei der geringsten Bewegung.
Percy sah sie an, ohne Antwort auf ihre Frage zu geben, die in gleichem Tonfall wiederholt wurde:
»Woran starb sie?«
Percy zuckte leicht zusammen ..
Er wollte gerade antworten, als eine Uhr im Innern des Hauses neun schlug.
»Mein Gott, rief Angelina, wir müssen aufbrechen! Ich habe die Schiffer um neun an die Piazza della Kalsa bestellt. Percy kann uns im Wagen weitererzählen.«
Sie ging rasch voran ins Haus. Ich folgte ihr. Als ich mich zufällig im Rahmen der Glastür umwandte, sah ich im Zwielicht die dunklen Gestalten Margeritas und Percys noch einmal die Rundung des Brunnenweges abschreiten. – –
Vor der flachen Marmortreppe stand der Wagen mit zwei kleinen, goldgeschirrten Rappen bespannt. Ein Diener hatte die weißen Mäntel der Frauen über dem Arme und wartete.
Vier Schiffer hatten sich an der Piazza della Kalsa eingefunden und geleiteten uns zu dem Landungssteg, an dem die große Barke lag.
»Wie ist das Meer?« fragte Angelina.
»Marchesa, es ist ganz ruhig, wie meistens um diese Jahreszeit,« antwortete ein alter Mann, indem er sich verneigte und wie einen Befehl erwartend zur Seite trat.
»Können wir bis gegen Solunt rudern und nicht allzuspät zurück sein?«
»Ohne jeden Zweifel ..«
Der Diener brachte Obst und Wein, ein junger Schiffer breitete Kissen und Decken aus und drehte die Windlichter so, daß sie nicht blendeten. Ein anderer reichte den Damen Nelkensträuße, ein vierter gab Percy und mir weiße Kamelien für das Knopfloch. Die Ruder tauchten in die glatte, glänzende Tiefe, die Barke drehte, und wir nahmen die östliche Richtung des Kap Zaffarano. Die Luft war weich wie Rosenblätter, lautlos glitt das Boot. Die braunen Männer summten im Takt der Ruder ein Lied, indes die Küste unmerklich vor unsern Augen floh und die Kette der Hafenlaternen sich dichter schloß. Wir lagen schweigend auf den Polstern, hingegeben an die Glückseligkeit dieses traumhaften Schwebens, uns selbst entrückt und willenlos dahingetragen, so leicht, so körperlos wie der Mond, der in dünnen roten Wolkenflören aufging. Margerita hatte ihre Schulter an Angelinas Brust gelegt. Sterne fielen.
Ich dachte an meine Heimat, an die Mutter, an die Freunde. Wie fern war alles. Ich dachte an mich selbst, an Kampf und Sehnsucht meines Lebens. Auch dies war fern. Nichts mehr war. Nur dies Schweben, dies Hinabdämmern. – –
Percy hatte die Augen geschlossen. Er sah aus, als ob er schliefe. Über seinen Zügen lag der Duft des Mondes .. lag ein Lächeln, das nur die Seele der Dichter kennt.
Angelina hob die Hand vor die Augen und sah nach der Küste.
»Wo sind wir?« fragte sie die Schiffer.
»Auf der Höhe des Kap Mongerbino. Es sind anderthalb Stunden verflossen seit der Abfahrt.«
Der Mond stand silbern auf den Hügeln und löste das Gestein in bronzene Schatten auf. Die Häuser eines kleinen Dorfes glänzten in grünem Atlas.
»Wenn wir die Barke hier ruhen ließen?« meinte Margerita.
Percy öffnete seine Augen und lächelte, während seine dunkle Stimme ganz leise einsetzte:
»La barque dort, dormez mes longues peines,
Restons bercés par l'onde du silence ..
O douce nuit d'amour, nuit de clémence,
O nuit d'oubli .. Faut-il mourir, ma Reine?«
*
Am nächsten Tage war das Fest eines Heiligen. Ein Feiern wie am Sonntag lag über Dächern und Straßen, als ich früh am Morgen nach der Martorana-Kirche ging. Wundervoller Name: dunkelblaue Vokale, an goldnen Schnüren aufgezogen, weicher, langer Bogenstrich auf der untersten Saite der Viola. Zwischen Rosengebüsch und Palmenwedeln hebt der Glockenturm auf schwerem Mauerwerk die leichten, goldumstrahlten Säulenbündel in die Höhe. Alles in diesen Bögen ist Aufgang, Sehnsucht, frei wie ein Vogel in der klaren Luft zu schweben: und doch zu ruhen.
Im Innern tragen alle Wände Mosaik, ein wenig verwildert, wie Blumen in vergessenen Gärten. Es leuchtet keine verhüllte Tiefe auf wie in Ravennas blauer Glut. Die Steine schillern, sie strahlen nicht. Sie bezaubern, sie rühren nicht.
Auch San Cataldo sah ich an diesem Morgen, die Backsteinkirche, die ihre karminroten Kuppeln auf dem flachen Dache trägt. Verschlossen ragt der verlassene Bau auf kahler Steinterrasse. Die hohlen Fenster deuten in violettes Dunkel. Erlösend haucht die Kühle, sobald der Fuß die Schwelle überschritten hat und in das Säulenviereck tritt, auf dem die mittlere Kuppel ragt. Schatten fliegen von den Wänden. Alle Fensterbögen sind nun mit hellem, blauem Glanz gefüllt, besonders licht und süß das eine, das aus der Apsiswölbung sich in die tiefe Flut des Himmels hinüberlehnt: Das ist die letzte Hoffnung der Erde: Der Blick in das Paradies, in das Firdusi ..
Sehr spät am Nachmittag ging ich zur Cala, dem alten Hafen, hinunter. Auch hier war Stille. Die müden Fischerbote lagen Reih' an Reihe in dem seichten Wasser, von schwarzem und von grünem Moos bezogen. In dem Getakel saß das heiße Gelb des wolkenlosen Abendhimmels. Die Sonne senkte sich nach den Belliemibergen. Der Monte Pellegrino hing schon voll roter Schatten. – Die Türen der verwahrlosten Häuser standen offen und ließen trübe, feuchte Gänge sehen, ausgetretene, enge Treppen und kleine, schmutzige Höfe, in denen Wäsche zum Trocknen aufgehängt war. Auch über dem Eisengitter der brüchigen Balkone hing farbiges Zeug. Vor einer Schenke standen kleine Tische und zerrissene Strohstühle. Halbgeleerte Gläser, in denen der Rest des Weines verdunstete, verrieten, daß hier getrunken worden war. Vor einem andren Hause lagen geöffnete Austernschalen, ein Bäcker hatte einen gelben Kuchen ausgestellt, auf dem die Streifen ziegelroter Tomatenschnitte zu Ornamenten ausgelegt waren. Im Rahmen eines Fensters kämmte eine alte Frau ihr Haar. Als sie mich gewahrte, trat sie zur Brüstung des engen Balkones und ließ die grauen Strähnen von ihren Schläfen über das Gitter niederhängen. Ich lachte ihr zu und winkte mit der Hand einen Gruß hinauf. Aber sie blieb unbewegt. Sie ließ aus ihrem welken Mund langsam einen Faden silbernen Speichels fallen, der im Sinken golden wurde, und blickte lange auf den feuchten Fleck am Boden.
Dann kam ich an die Stelle, wo eine schmale Treppe ins Wasser führt. Knaben badeten in der Pfütze. Ihre Lumpen hatten sie über den Rand eines vermoderten Kahnes gelegt, auf den sie manchmal kletterten, um sich zu trocknen. Sie hatten ein seltsames Spiel erfunden. Sie rieben Schlamm auf ihren Körper und wuschen ihn um die Wette mit dem grünlichen Wasser herunter. Wer zuerst sauber war, hatte gewonnen. Einer kam die Treppe herauf und bat mich, Geld auszuwerfen, damit sie danach tauchen könnten. Ich wies sie nach einer Stelle, wo das Wasser klarer war, und ging voran. Sie liefen hinter mir her und stürzten sich an der nächsten Treppe hastig in die Flut. Ich warf meine Soldi: Ein endloser Jubel brach aus, helles ergreifendes Lachen, wie es der Norden nicht kennt. Ich mußte an Hafenkinder denken, die ich in Hamburg gesehen hatte, in Brest, in Liverpool, in Dublin – an trübe, kranke, unheimliche Kinder – und sah dann wieder auf die braunen, schlanken Körper vor mir, die sich im Sonnenlicht und Wasser dehnten und reckten, sich faßten und wieder losließen, eben eine Gruppe bildeten und im nächsten Augenblick wieder in die lauen Wellen auseinanderstoben.
Ich ging bis an das Ende der Mole, so weit es möglich war, und wandte das Gesicht den Bergen zu, die eine kühle Nacht versprachen. Leuchtend hob sich die Stadt über dem Viertel der Armen. Aber ich achtete nicht auf die weißen Villen, nicht auf die Kuppel des Domes und Zinnen des Königspalastes: Ich sah nur das öde, verfallende Meerkastell und die Schiffsmaste der einsamen Cala, die so hilflos in das schwere, schwere Gold des Abends ragten. Ich sah nur die spielenden Knaben, die sich auf den Kies gelegt hatten und mit fühllosen Fingern an ihre schönen kleinen Körper tasteten, ohne zu ahnen, daß es Menschen gibt, die um die Schönheit kämpfen müssen, wie ihre armen Eltern um das geringe tägliche Brot.
*
Am Abend besuchte mich Percy Vantadour. Wir blieben lange bei Tisch sitzen. In jedem Wort, das er sagte, war der Dichter, der unermüdliche Aufspürer von Zusammenhängen, der Sucher der Gesetze, der Schöpfer der Schönheit. Die Rede flog von seinem Mund, sie wurde Begeisterung und Gedicht, ohne daß er es fühlte. Rhythmen kamen, Reimworte, die das Gewicht eines Satzes unverhofft in den Hafen des Gleichklanges lenkten und an den nächsten Satz weiter gaben. Er glitt in die Dinge, und prüfte mit allen Fibern der Seele und der Sinne. Er tastete Formen herauf, wo Bruchstücke waren, er löste ein falsches Ganze in rettende Teile auf. Doch über allem war die Liebe, die sinnlose, leidende, jubelnde Liebe des Künstlers, die die ganze Welt voll Leidenschaft aufgreift und der schöpferischen Flamme als Beute vorwirft.
*
Zehn Säulen aus Granit tragen im Mittelschiff die arabischen Hufeisenbögen, über denen die Wände in das Deckengewölbe emporwachsen. Leuchter schweben an goldnen Schnüren zwischen den reichen Kapitälen. Fünf Stufen führen zum Chor hinauf, den eine unerwartete Helle so überirdisch füllt, daß das Flammen der Kerzen auf dem Hochaltar dunkel erscheint. Tausend, zehntausend bunte Kolibri flattern in der Luft, wiegen sich, halten an, kreuzen sich im Flug, bleiben im Inneren der Bögen sitzen, an den Friesen der Decke, auf den Rändern der Kanzel, in den Zacken und Ornamenten des hohen Opferleuchters. Es schwirrt und flitzt von bunten Funken in einer Woge aufgeregten Goldes. Es funkelt und sprüht vom Glanz der rastlosen Flügel, es blendet und erweckt fast Schwindel: das ist die Capella Palatina, der leidenschaftlichste Traum des großen Roger, in der Sprache von Millionen bunter Glassteine gedeutet. Suche nicht zu ergründen, löse die einzelnen Bilder nicht los, entziffre keine Inschrift, frage nicht nach den Namen der schlanken Heiligen: bleibe ganz still im Flittern des Lichtes, sitze irgendwo nieder und gib dich hin an den Glanz, bis du die Einheit spürst, bis sich dein tiefes Erstaunen in tiefes Fühlen verwandelt, bis Wesen erwacht, wo Schein dich traf. Spinne die schimmernden Fäden zurück bis in Gallas schwermütig-dunkelnde Gruft zu Ravenna, gedenke noch einmal der tief nach innen gedeuteten Sehnsucht des heilverlangenden Herzens, dessen Träume ungewiß über der Schwelle zweier Zeiten schwebten: und schwinge dich dann im Flug der umgewandelten Jahrhunderte bis in die breite Lichtung eines grenzenlos-berauschenden Lebens hinüber, das dieses Gotteshaus als ein Symbol in den Himmel des Herrn warf. Halte dich hoch in dem Licht mit den Vögeln, wiege dich mit und netze die Schwinge der Seele im Taugeglitzer der Blumentriften, die an den hohen Wänden blühen. Was dich umgibt, ist nicht mehr abgeschlossner Raum: es ist die weite Lust der Erde, der Frühling des Lebens, der schon in Sommer übergeht.
Alles, was lebt, Mensch, Tier und Ding, erhebt den Lobgesang der Welt, die Gottes Schönheit spiegelt. Das Übersinnlichste in Ton und Farbe bleibt einfach, nah und ganz Natur: Nicht eine Kraft ist im Symbol verflüchtigt. Die Seele Rogers strahlt aus seinem Werk: die unbeschreibliche Freude, zu leben. Die Freude, die keinen Grund hat – so wie es eine Trauer ohne Anlaß gibt – die Freude, die aus dem hellen Blut des Helden weht, den seine Götter lieben.
*
Meine Hände hoben die weißen Rosen empor: Mund, Stirn und Haare versanken in dem kühlen Überfluß. O, Küsse dieser Rosen! Durst nach Schönheit mitten in der Erfüllung: San Giovanni degli Eremiti: du Gift Palermos, das trunken macht und brennende Fernen einflößt. Dich bekennt kein Wort: vielleicht enthüllt dich der Herzschlag des Besiegten, der an dem Brunnen deines Säulenhofes hinsinkt und über Rosen weint, die in den weißen Sonnenkringeln laufen, die von den weißen Säulenbündeln stürzen und sich vom Rand der Mauer in die Bogen niederlassen ..
Da ist ein Palmenwedel ausgebreitet und reicht bis an das Ziegelrot der Kuppeln, da ist ein Lorbeerbaum und hilft dem atemlosen Anstieg violetter Clematisblüten in die Kühle seines glänzenden Laubes, Efeu, fast schwarz, speit das Blut der Geranien von sich. Am Ende des Gartens, im Schatten von Limonengrün, führt zwischen hohem Gras und Schirling ein Pfad zu einem ruhenden Wasserbecken: Von dort umfaßt der Blick den Turm der Kirche und vier der roten Kuppeln im Rahmen eines einzigen Kreuzgangbogens. Gold tröpfelt durch die Blätter der Zitronenbäume, die reifen Früchte atmen scharfe Süße. Die Luft steht still, ganz blau und still. Die Hummeln fliegen. Das Licht schlägt Wurzel in den weißen Säulen. Der weiße Rundgang malt die malvenfarbigen Schatten seiner Bögen auf den Boden. Die Hitze siedet und schlägt Wellen auf ..
Schließe die Augen, die müden,
Rufe den stillenden Traum:
Bald fährt ein Schiff dich nach Süden
Bis zu dem purpurnen Saum
Ewig dorrenden Landes,
Wo dir das Wunder ersprießt
Und sich im Rieseln des Sandes
Über dir schließt.
*
Am Sonnabend, als das Wetter etwas kühler geworden war, schickte mir Angelina Lancisi ihren Wagen zu einem Ausflug nach Monreale. Ich fuhr sehr früh am Nachmittag, da ich über die Höhe von San Martino und Baida zu Fuß in die Stadt zurückkehren wollte. In den Baumwipfeln der vielen Gärten längs der Straße spielte ein zarter Wind, über allen Dächern und Türmen war duftige Belebung, aus dem Geriesel der Pappelblätter sprühten weiße Funken in das Wehen der Bläue. Und im Rücken lag das Meer mit breiten, violetten Wellen. Die zierlichen, hellbraunen Pferde liefen in kurzem Trab die gerade Straße entlang. Der Staub dämpfte den regelmäßigen, knappen Aufschlag der Hufe. Die beiden Kutscher saßen kerzengerade in ihren hellgrauen Livreen, ohne zu sprechen. Kurz vor dem Dorfe Rocca begannen die Hügel. Alle Berge waren nahegerückt, man konnte jeden Stein und jeden Busch in der fließenden Klarheit der Lüfte erkennen. An dem Abhang, der nach dem Dorfe Bocca di Falco hinüberführt, leuchtete das Bernsteingelb offener Kakteenblüten über rotem Gestein und roter Erde. Zur Linken lagen dichte Orangengärten. Wir fuhren an einer Mauer entlang, die ganz erdrückt war vom Überfluß roter Geranien. Auf dem Domplatz von Monreale hielt der Wagen. Ich hieß die Kutscher nach Hause fahren, da sich sofort eine Schar von Kindern und Bettlern angesammelt hatte, und blieb allein auf dem schattenlosen Sandviereck stehen. Die Blätter einer verdorrten Palme raschelten, die vergoldeten Spitzen am Torgitter der Kathedrale züngelten gegen die hellen Säulenschäfte empor. Einsam und schwer, an eine nordische Festung gemahnend, ragten die ungleichen Türme über der Balustrade der Vorhalle. Noch zögerte mein Fuß, voranzugehen: ich hatte fast eine Furcht vor der neuen Erfüllung. Doch als ich endlich den Platz überschritt und in das Innere trat, als ich die ersten trunkenen Blicke hob und senkte, war eine süße, weiche Ruhe über mich gekommen, ein feierliches Stillesein der Sinne, ein Jubel, der keine Sprache mehr verlangt, gedämpft in jenem sanften Glücklichsein, das wie ein Augenschließen über allen trüben Dingen ist.
Und ich ging langsam, langsam durch den Dom von Monreale, so wie wir manches Mal in der warmen Sonntagsfrühe durch die wogenden Kornfelder unserer Heimat schreiten, auf ausgefurchten Feldwegen, die ihren blühenden Rand in zitternde Fernen hinausziehen.
Alles ist Milde, Maß und Größe in dieser Kathedrale: und die Seele, deren Sprache uns so weich umfängt, ist die Seele des Raumes. Der bunte Glanz engt nicht mehr die Wände: das Licht dient nur dem Raum. Ein Wille, geistig und wissend, bändigt hier den Überfluß: hinter dem Blitzen der Mosaikgemälde funkelt die Inbrunst einer tiefbewegten Seele. Rogers I. leidenschaftliche Größe, Rogers II. unersättliche Freude am rauschend-Schönen findet die letzte, künstlerische Lösung in dem Gesetz der ausgleichenden Masse, das die Seele Wilhelms II. beherrschte. Alle Trunkenheiten sind in tiefes, klares Gefühl erhoben. Hoch an der Decke, mit gnadenvoll gebreitetem Flügelschlag, der stilles, goldnes Feuer streut, schwebt übersinnlich die Taube Gottes.
*
Seitlich vom Dom liegt der Kreuzgang des alten Benediktinerklosters. Verbenen, Rosen, Heliotropen und Lilien blühten in dem Garten. Hellblauer Wind war über den Blumen und trieb den Duft mit leisen, seidenen Schlägen in die Hallen. Und Wind war in dem Strahl des arabischen Brunnens, der in der Ecke zwischen stillen Säulen ruht. Wind war auf den flachen, warmen Stufen, die zum Niederstieg an das Wasser winkten. Wer weiß, wie lange mich das Wasser bannte? Es hauchte Kühle, hauchte Leben, und mein Gesicht war ganz voll Sonne, so hingehalten, hingegeben an des Genießens Wonne. Und der Wind trug meine Wünsche weiter – die Augen die eben noch entzückt auf den Kapitälen geruht hatten auf Blumen, Vögeln und menschlichen Gestalten, die sich im unentwirrbar-reichen Ornament zu regen begannen, vergaßen die nahen Schönheiten über dem Auftauchen fernerer Bilder und hielten das erträumte Neue, das sie grüßten ..
O Hindämmern über das südliche Meer ..
Oleanderhaine winken,
Und es winken die Moscheen,
Alle Gläubigen versinken
Im Gebete und vergehen.
Auf den rosenroten Dächern,
Die den Abend kommen sehen,
Wird aus schweigenden Gemächern
Bald ein Hauch vorüberwehen.
In den tiefen Brunnenbecken
Werden leis die Sterne drehen,
Und auf seidnen Lagerdecken
Wird die Lust der Nacht erstehen.
*
Kinder wiesen mir den Weg nach Santa Maria delle Croci. Zwischen Felsgeröll und Kakteenpflanzen ging der Pfad bergan. Aus allen Steinen hauchte Feuer. Auf einem halbverbrannten Grasplatz lag die kleine Kirche, zu der ein paar Stufen emporführten. Von der Treppe aus umspannte das Auge die heroische Landschaft: Ebene, Stadt und Meer, reich, edel und freudig. Nicht ein Hauch von Wehmut floß in dem silbernen Saum des hellen Horizontes. In braunen Hügelfalten glänzten weiße Dörfer, seltene Pinien, noch seltnere Zypressen ragten auf brauner Grassteppe. In der Fruchtschale der Ebene aber leuchtete das gesättigte Grün der Orange- und Zitronengärten. Dicht aneinandergedrängt hingen die goldnen Kugeln im Laube, zur Ernte reif.
Die sinkende Sonne mahnte zum Abstieg. Ich ging die Fahrstraße nach Rocca hinunter. Arbeiter kamen aus der Stadt zurück, verbrannt und bis an die Kniee mit weißem Kalkstaub bedeckt. Bauern fuhren auf Eselskarren nach Hause. Sie saßen halb schlafend auf der Kante des Wagens und trieben die Tiere durch das unermüdlich wiederholte, schläfrige Ahii, Ahii zum Weitergehen an.
Von Rocca aus nahm ich den Feldweg nach Bocca di Falco. Ich erreichte die ersten Häuser des Dorfes um die Stunde, wo die Frauen beginnen, die Abendmahlzeit zu richten. Dünnes Rauchgewölk schwebte über den Schornsteinen, aus den Türen und Fenstern drang Dunst von Öl und Gebackenem: es war Sonnabend. Soldaten waren heimgekommen und standen bei den Mädchen, frischgeputzte Pferde wurden an eine Tränke geführt, es war kaum möglich, die kleine Piazza zu durchqueren, so viele Menschen hatten sich hier angesammelt. In einer Ecke las ein junger Mensch mit lauterregter Stimme eine Spalte aus der Tribuna vor ebenso erregten Hörern, aus einer engen Seitengasse wurden weiße Ziegen ins Freie getrieben. Vor manchen Häusern war ein Tisch gedeckt, in einer Schmiede flammte das Feuer der Esse und warf unruhige Schatten über die harten, verrußten Gesichter der Arbeiter .. Ein junger Kaplan wies mir den Weg nach Baida. Ich mußte die Fahrstraße verlassen und über viele schmutzige Treppen durch niedrige Bogengänge aufwärts steigen. Frauen saßen plaudernd auf den Stufen, Hühner liefen hin und her und pickten Körner, in den Hausfluren lagen Hunde und Katzen, Schweine wälzten sich auf breiten Misthaufen. Junge Lämmer waren an den Pfosten der Haustüren festgebunden, in den Ställen brüllten Kälber und Rinder. Oft schwankten weiße Rosen über die bröckelnden Mauern, einmal schoß roter Phlox neben einem blauen Hoftore auf. Je höher ich stieg, desto spärlicher wurden die Häuser, und als ich endlich bei einer rosenfarbigen Villa den Ausgang des Dorfes erreicht hatte und auf den Weg nach dem Kloster Baida trat, strömte der Glanz des Abends so warm und purpurn über mein Gesicht, daß ich die Augen schließen mußte, die nach dem langen Zwielicht soviel Helle nicht mehr faßten. Ganz langsam und gesenkten Blickes ging ich weiter. Zur Rechten lief eine Mauer, zur Linken begann ein Hügel. Obstfelder tauchten auf, Kleeäcker, ein Mohnfeld, eine Rosenpflanzung und plötzlich – nach einer kaum gefühlten Wende des Weges – das Kloster Baida, das weiße, im Frieden seiner Zypressen, dicht an die duftblaue Halde des Berges gelehnt.
O, wie der Duft an diesen Bergen hing! Blau, blau und schiefergrau gedämpft vom hellen Glanz des Gipfelsaumes, der noch im Lichte stand. Wie diese schroffen Felsenhöhen die Schattenkühle in sich sogen, sich ganz hinüberlegten in den Duft. In welche Milde all dies Ausgeglühte tauchte, in welchen tiefgestillten Atemzug der großen und gedankenvollen Nacht. Und ferne – ach, fast übersehen – das Meer, so unersättlich blau und still, so still und blau das Meer .. wie auf die Ebene hingestrichen, ohne Segel, ohne Schaum, ohne Flut. Ich saß, halb liegend, den Kopf in meine linke Hand gestützt, am tiefen Rand der Mauer. Dies war der Ort zu ruhen, friedvoll zu sein mit sich und seinem Los. Warum noch weiter gehen? Kein Wunsch mehr zog mich in das weiße Haus. Sein Bannkreis war betreten und seine Schönheit blieb viel süßer, wenn eine leichte Ferne noch die schlummervolle Seele wachhielt: So ist Musik, die aus dem Innern eines Hauses an unser Ohr schlägt: Sie wiegt und wiegt: wir aber fühlen tiefer, daß uns dunkle Hände tragen:
Ruhe, ruhe, Seele! Halte Wacht über dem großen Gefühl! Ich denke an dich, Geliebte, und an die Ruhe deines Herzens, in der mein Leben stille liegt. Ich denke an den Tag, als ich ausfuhr: nun sind schon Wochen dahin, und ich bin übersättigt von Schönheit. Wenig fehlt, und die letzte Schranke ist überschritten, hinter der das Vergessen wohnt. Soll ich untertauchen? Soll ich aufhören zu sein, was ich bin? Das Blut drängt hinüber, es drängt mein entzündeter Wille, und meine Sinne drängen. Ich kann das Meer nicht mehr sehen, ohne zu wissen, daß mich die Woge noch ferner entführt. Im Schlaf sucht mein Auge die Palmen der Wüste und die Zisternen der Wüste. An den Urgrund des Lebens will ich hinunter: in die endlose Ebene des Sandes und die endlose Wölbung des Himmels, dahin, wo der Anfang der Seele mit dem Anfang Gottes verschmilzt. Ich will in die Anfänge des ungestalteten Gottes, der noch keine Form und noch keine Symbole gefunden hat, noch nie von Menschen gedeutet, noch nie von Priestern verkündet ist.
In tausend Wesen habe ich Gott gespürt und konnte ihn nennen. Er war ein Gott der Zeiten und glich der Seele der Zeit. Er war die Sehnsucht der Menschen und abgewandelt wie die Seele der Sehnsucht. Ich fand ihn in dir und sagte: Geliebte. Ich fand ihn im Freunde und sagte: Geliebter. Ich fand ihn in allem, das sich selbst genügt und in der eigenen Erfüllung lebt und sagte: die Schönheit.
In Ravenna fand ich den Gott, der als Seele den Leib überwuchert und mit tränenverschleierter Stimme flüstert: Der Leib ist ein Staub und die Seele das Feuer, in dem sich der Staub verzehrt.
In Florenz fand ich den Gott, der lächelnd verkündet: Seht, die Klarheit ist alles! Seid hell wie der Himmel, den meine Güte euch wölbt. Seid gütig und lernt das entwaffnende Lächeln. Ich heiße euch sanft sein und leicht, daß ihr schwebt, wie mein Licht auf der Schwere der Erde.
In Rom fand ich den Gott, der als Seele zerbrochenen Lebens in die Seele der Gegenwart weht und aus tausend vergessenen Schönheiten und den rastlosen Zielen des äußeren Lebens die unbegreiflich versöhnende Schönheit mischt. Und seine Stimme ruft aus dem Purpur: Ergründet nicht! Taucht nicht in die Tiefen des Rätsels: Seid glücklich im Schönsein. Das Heil ist dem, der blind bleibt!
In Neapel fand ich den Gott, der die Seele der Kinder bewohnt, in Gutem und in Bösem. Den Gott, der die Pfaffen auslacht. Den Gott, der die gottlose Menge bewegt und die harmlose Sünde behütet, indem er die Triebe aufgehen läßt wie das Vogelfutter aus den winzigen Samenkörnern. Laßt doch mein Volk in Ruhe, sagt er den Pfaffen! Das Volk ist mein und ich habe es lieber als euch! Sühnt irdisch, wo irdische Frevel sind. Aber quält nicht mit der Flamme des Geistes, was jenseits des Geistes ist und seiner und eurer nicht bedarf! Laßt in der Einfalt, was in der Einfalt schön ist und heilig vor meinem Auge ..
In Palermo fand ich den Gott, der in goldnem Wagen über den Häuptern fährt. Den Gott, der die Taten segnet und Taten als Lohn für seine Liebe fordert. Den Gott, der ein Fürst ist über den Fürsten: und sein Name ist Fülle und Glanz.