ROM
Reading edition
Rom: Ewige Welt im Banne eines Namens .. Traumhaftes Anklingen tiefgedämpfter Trommelwirbel über dem weichen Golde der Posaunen.
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Eines möchte ich wieder erleben: Die frühe Morgenstunde, als ich zum erstenmal über die Piazza delle Terme in die Stadt hinunterfuhr: jenes Licht auf den gelben Häuserwänden, das Zerstäuben der Wassergarben über den offenen Brunnenbecken, das Wehen der Palmen im frischen, blauen Ostwind, den Duft des Sprühregens, der aus großen Gießfässern auf die Straße sprang, die Musik der tausendfachen Rufe aus Höfen und Hallen, aus Winkeln und von hohen Balkonen, den Flug des leichten Wagens, das frohe, helle Aufschlagen der Hufe, das Bellen des kleinen Hundes, der neben dem Kutscher saß und mit den Pfoten an einer hochroten Halsschleife spielte .. und dann den Eintritt in das Haus der Freunde, die kühle Dämmerung des Marmorvestibüls, das Schweigen der hohen, weißen Wände und den herben Geruch der Lorbeerbäume, die in niedrigen Behältern neben einem schlanken Spiegel standen.
Warmes, braunes Halbdunkel, von Grün durchweht, füllte das Zimmer, in das man mich führte: die Läden waren geschlossen, die Vorhänge gesenkt, nur hier und da vom Gold der Luft gesprenkelt. An allen Wänden, an der Decke, am Fußboden floß Gold: weich wie der Wein von Frascati in die glatten, runden Gläser fließt. Narzissensträuße standen auf den Tischen, aus langen Korridoren hallten Worte herüber, Schatten flogen und verschwanden.
Seitdem sind Jahre vergangen. Abschiede und Wiedersehen sind gewesen, und nach jeder Trennung die Gewißheit neuer Wiederkehr.
Es gibt keinen Abschied von Rom. Mit allen nordischen Städten kann man zu einem Ende ohne Widerruf kommen: Rom lächelt, wenn wir gehen. Es läßt seine Brunnen weiterrauschen, seine Schwalben im hellen Abendrot über den Ziegeldächern weiterkreuzen und streut den Samen des Heimwehs aus.
Rom ist die Heimat aller, die vom Wissen ruhen, vom Forschen genesen wollen, das Vaterland der Kämpfer, die über ihrem Ziel den großen Sonntag nicht vergessen. Lege deinen Kopf an den Schaft der abgebrochenen Säule und laß dein Auge die Krone der hochschwebenden Pinie suchen, sitze am schmalgefaßten Wasserbecken des Forums und folge dem Zug der Wolken in der stillen Tiefe der Flut, strecke dich im hohen Grase des Palatin aus und laß die Bienen über Glockenblumen und Asfodelen schwirren, trete tief in den Gesang einer Kirche hinein, wenn aus der klaffenden Türe der Kerzenflimmer dein Auge trifft: Du ruhst. Von allem ruhst du aus, fast wie ein Kranker, den das Gefühl gesund macht, daß ihm nichts mehr geschehen kann, solange das Bett ihn hütet. Niemand mehr hat eine Forderung an ihn, niemand kann kommen und ihn mit Fragen quälen, die Stunden sind rechtlos geworden .. die Tage .. vielleicht die Wochen. Er fühlt, wie sich die Kräfte seines Lebens wieder sammeln und das ermüdete Blut leichter und fröhlicher machen.
O wunderbar geschlossene Seele Roms! Keine Gegensätze mehr sind im Krieg miteinander, keine Welten mehr wollen sich umstürzen: mitten in das Rund des lateinischen Tempels hat die christliche Sehnsucht ihrem neuen Gott die Wohnung gebaut, Säulen, die um Altäre Jupiters und Apollos standen, tragen das Dach der christlichen Basilika, du kaufst die griechische Gemme bei demselben Juwelier, der dir die neueste Schöpfung des heimischen Goldschmiedes vorlegt, in dem Antlitz eines kleinen Zeitungsträgers findest du die Züge irgend einer geliebten römischen Büste wieder, in der Rede eines Abgeordneten hörst du Worte, die ein Tribun sagen konnte, und seine pathetischen Handbewegungen erinnern an die Geste des antiken Staatsmannes, wie ihn Marmor und Bronze überliefert haben. Alles gilt vor allem in der Seele dieser unergründlichen Stadt, und alles löst sich in allem auf. Auf ununterbrochen sich kreuzenden Wegen schafft sich der Geist des Fremdlings aus den Widersprüchen die innere Einheit der Stadt: und dieses rastlose Zusammenfügen von Getrenntem gibt Bewegung und Anmut, es bewahrt vor Erstarrung, indem es immer tieferes Erstaunen schenkt. So wird allmählich schon das Schauen zum Erkennen: der geübte, selbst nur flüchtige Blick rührt an das Wesen der Dinge.
Sitze nur einen Abend oder Nachmittag vor den großen Kaffeehäusern, Aragno oder Faraglia, sieh, wie sich diese Gruppen bilden, wie sie sich verschieben und auflösen, sieh das scheinbare Warten der Menschen auf irgendein Ernsthaftes und die Freude an der Begrüßung des ersten, der zufällig des Weges kommt. Dicht am Rande des Fußsteiges stehen alle diese jungen Leute, den Fuß ein wenig vorgesetzt, die Hände in den Hosentaschen, so daß sich der Rock über den Schenkeln emporschlägt. Der Hut ist nach dem Nacken zurückgeschoben, das schwarze Haar fällt in dichter Welle auf die Stirne. Sie pfeifen leise mit gespitztem Mund, wenn sie lachen, blinken die breiten, gesunden Zähne auf. In der linken Brusttasche steckt das bunte seidne Tuch, es hat die Farbe der Krawatte und der Strümpfe. Sie stehen und warten. Sie schauen den Corso hinauf und den Corso hinunter, sie gehen ein paar Schritte in eine Seitengasse: du kannst sicher sein, daß sie in wenigen Minuten zurück sind. Sie mustern sich und prüfen die Kleidung, sie glätten eine Falte und ziehen den Knoten einer Krawatte, während sie sich in einem blanken Schaufenster bespiegeln. Sie sind glücklich in dem, was sie sind: glücklich zu leben, zu jedem Abenteuer bereit, leichtsinnig bis zur Göttlichkeit, voller Schulden, bezaubernd körperlich, leidenschaftlich in jeder Empfindung, in der Gebärde ritterlich, traumlos und wundervoll gedankenlos. Sie sind genau so lange da, als sie vor dir stehen, aber sie sind nie gewesen, sobald sie nur um die nächste Ecke biegen und im Dunkel verschwinden. Kein Wunsch in dir wird wach, zu wissen, was sie treiben, was sie gelernt haben, ob sie Kaufleute oder Beamte sind. Sie können alles sein. Was sie wirklich bewegt, was ihnen das Leben schön macht, sind die stets gleichen Dinge: sie spielen, sie wetten auf die Rennpferde, sie denken an ihre Weiber. Jedoch dies alles haben andere junge Leute in anderen Städten auch. Aber sie sind Römer! Frage einen, was er ist, höre den Tonfall der Antwort:
»Sono Romano.«
Da ist der Abgrund, der sie von der Umwelt scheidet – und die Brücke, die unbeschreiblich-schwanke, unfehlbar-sichere Brücke, auf der ihre Seele zweitausendjahreweit in die Seele der großen Ahnen zurückflieht:
»Civis Romanus sum.«
Nimm ihnen die Kleider fort, wirf ihnen Toga und Tunika über, gehe zwischen ihnen über das Forum: und du mußt mitten im Leben der alten Stadt sein. Höre wieder auf ihre Sprache: Spiel, Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe, Sklavenaufstände, Huren ..
Nimm sie einzeln: Es bleibt nicht sehr viel. Es bleibt ein Ebenmaß, eine Schönheit mittleren Grades: ein straffer, oft ein wenig gedrungener Körper, hartgemeißelte Schläfen, ein klarer Ansatz der glänzend-schwarzen Haare an Stirn und Nacken, die offene Flamme des dunklen, mandelförmigen Auges.
Nimm sie gleich darauf wieder zusammen, fühle ihre Einheit: und du spürst die unbegreifliche Kraft einer Rasse, die sich über den trübsten Schicksalen blühend erhalten konnte. Du spürst ganz Rom. Rom lebt dir aus ihnen entgegen, sie sind die unfreiwilligen Mittler. Wer Rom erlebt, muß sie erleben und in seine Liebe einbeziehen. Wer sie aus Dünkel oder Gleichgültigkeit übersieht, nimmt seinen Lohn voraus: Sie hemmen, wo sie gerne helfen möchten.
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An einem späten Nachmittag, als ein Gewitter die Luft gereinigt hatte, ging ich zur Villa Borghese hinauf. Abseits, im Grunde der Gärten, liegen die beiden Brunnen, denen mein Kommen galt, umspielt vom Schatten hellgrüner Akazien, die in den Sonnenglanz der stillen Abendlüfte greifen. Sie liegen halbvergessen auf feuchtem, braunem Boden, der den Klang jedes Schrittes auslöscht und Kühle haucht. Reicher tropfen die Schalenränder des ersten, verträumter die des anderen. Gleich süß sind beide der Ruhe suchenden Seele. Wie geht es sich leicht zwischen den Steineichen des schmalen Pfades, der beide verbindet, wie bannt ihr wechselnder Anblick das immer wieder entzückte Auge! Stehst du am einen und schaust nach rückwärts, so siehst du am andern den Kranz goldner Perlen in die oberste Schale tröpfeln, neue Perlen sammeln und an verdichteten Schnüren über smaragdenes Moos zur zweiten Schale herabfallen, die ihn noch länger behält und ihn der dritten gibt, wo er versinkt. Stehst du am andern, so hast du die Sonne zur Seite und sieht nur ein silbergrünes Tropfen und viele zerrinnende Kreise im unteren Becken. Hebt sich ein Windhauch, so rieseln die weißen Blüten auf das Wasser, fangen das Gold eines Tropfens und lassen sich weiterspülen in den traumhaften Tod. Kaum sah ich Menschen hier. Einmal lag ein Knabe auf einer Steinbank und starrte in die Bläue. Jedesmal, wenn sich das Laub im Winde regte, schien er zu warten, ob eine Blüte auf ihn niederfalle .. und lächelte, wenn sie auf seine Wimpern sank. Fast eine Stunde lag er so, vertieft in sich und in sein Spiel, ein junger Flurgott, der nichts von seiner Herkunft weiß. Später trat er zum Brunnenrand und fing die Silbertropfen mit dem Munde ..
Ein andres Mal kam ich mit einer Frau, die lange krank gewesen war. Sie ging sehr langsam, in ihren Augen brannte Müdigkeit. Sie tauchte die Hände in das Wasser, eine breite, goldne Welle floß über, ihre Rubinringe flammten neben dem hellgrünen Moos auf .. Sie starb im gleichen Jahr. Im Fall der Tropfen haben wir die letzten Worte zusammen gesprochen. O Brunnen der Erinnerung! Es ist keine Liebe zu einem Menschen oder einem Ding, die ohne Trauer wäre. Nun scheuchte mich der Schatten dieser Frau. Mit der hohlen Hand fing ich die erblindeten Tropfen. Wo blieb das Gold? .. Schon hob sich weiß der Mond und kündete kühl die silberne Nacht.
O Brunnen der Verwandlung.
O Wasser Roms.
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Viele stehen Abend für Abend am Geländer des Pincio und warten auf die Nacht. Ihre Augen sind geweitet, manche voll Grauen, manche voll Heimweh. Noch tauchen Namen auf in ihrem Hirn. Sie wissen: Dort ist der Janiculus, dessen Pinienkronen wie stille Inseln im korallenfarbigen Duft schwimmen. Die Kuppel St. Peters erscheint vergrößert im silbergrauen Dunst. Noch weiter rechts hebt sich der Monte Mario, neue Pinienkronen schließen sich an, eine schwebende Brücke zwischen Land und Land über den goldnen Wolkenbrüchen der Tiefe, in denen die Sonne versinkt. Ein Fremder tritt zu der Gruppe und nennt Kirchen, die über dem Durcheinander der Dächer aufsteigen. Wo ist der Fluß?, fragt einer laut .. Man kann ihn nicht sehen von hier, die Häuser verbergen ihn, aber dort, wo das Castello San Angelo auftaucht, muß er fließen. Und obwohl sie wissen, daß sie ihn nicht erblicken können, spähen sie sehnsüchtig nach dem glänzenden Streifen aus, der einen Weg in dem verwirrenden Bilde weist. Nun können sie suchen, wo ihr Haus liegt, ihr Platz, ihre Straße. Das Wehe des Verlorenseins löst sich auf im Gefühl der Beruhigung, daß sie irgendwo dort unten zu Hause sind. So entrinnen sie dem Abendgrauen und wissen nicht, daß sie der traumhaftesten Schönheit Roms entrinnen.
O, nicht mehr zu wissen, was diese Hügel, diese Türme, diese Dächer sind! Rom sind sie – Rom im Dunst von blassem Blut, im Schiefergrau barmherziger Schleier, die das rote Niederrieseln langsam, langsam im dunkelnden Gewebe töten. Nur fühlen, wie dies stumme Ganze sinkt, zusammenfällt, ein Riesenschutt nachglühender Asche, wie sich auf den gelben und geschwärzten Ziegeln das stumpfe Blau sammelt, ein Deckel von Basalt, und stehen bleibt.
So schließt der Abend seine Tore und hält die Stadt gefangen. Du bist mit eingeschlossen, du mußt hinunter zu ihren Lichtern und ihren Stimmen. Schatten wehen in deinem Rücken und treiben dich zur Treppe. Stufe um Stufe nimmt dein Fuß, schon wachsen körperlose Wände über dir empor, graue, erloschene Mauern streifen deine Flanke, Licht einer Lampe fällt aus nahem Zimmer auf deine Hände, Laute werden deutlich, Worte erkennbar. Du bist am Boden. Du wendest dich. Hoch über dem Gesims der Treppe stehn die schwarzen Palmenwedel. Perlgrau glänzt der Himmel, in dem die Frühe eines Sternes funkelt.
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Irgend einer hatte bei dem Abendessen, das uns die Gräfin Arnedal – Axels Mutter – gab, die Rede auf Marc Anton gebracht. Das Gespräch hielt uns bis Mitternacht, und als wir alle zusammen noch einmal bis zur Terrasse der Trinità de' Monti schlenderten, sagte Axel ungefähr folgendes:
»Ich habe neulich eine halbe Stunde lang die Büste dieses Mannes betrachtet und nicht eine Spur geistigen Lebens gefunden, die das übertrieben-Weiche dieser Züge zusammenhält und verschönt. Da ist nichts als Fleisch, sorgsam in Locken gelegtes Haar und ein Mund, dem eigentlich die Anmut fehlt, obwohl er schmal und sanft von Wange zu Wange zieht. Das Kinn versinkt, die Augen liegen tief und schimmern feucht. Sie müssen sehr schön gewesen sein, ganz ohne Seele, nur Sinnlichkeit. Ich kann mir nicht denken, daß sie schwarz waren. Ich empfinde sie grau, sehr matt und sehr verschleiert. Mit seiner Sinnlichkeit allein bezwang dieser Mann das Volk nach Caesars Tod. Seine Worte waren wie das Geschmeide, das eine schöne Frau sehr schön zu tragen weiß. Er ließ sie funkeln und schillern, er wand sich in ihrem kühlen Flitter und machte das dumpfe Volk befangen. Die Worte perlten: und schimmerten im Glanz von Tränen. Sie bluteten: und ließen die Wunde des Herzens ahnen: Wo eine Preisgabe sondergleichen war, sah die Menge noch die Beherrschung des vornehmen Mannes, dem Stand und Sitte nicht gestatten, den ganzen Schmerz zu zeigen. Vielleicht war es ein schlimmer Übergang in seinem Leben, als er erkannte, daß eine Sinnlichkeit, die gleichmäßig aufgeteilt ein ganzes Wesen beherrscht, selbst da noch eine große Macht besitzt, wo jede Kraft der Seele versagt. Auch kam dieses Erkennen zu spät und mußte gefährlich sein als Maß für die Haltung eines Mannes. Antonius war vierzig Jahre alt, als Caesar starb. Octavian aber war achtzehn: Ein wesenloses Alter an irgend einem Gegner, aber nicht wesenlos, wenn das Gesicht dieses Gegners die Züge Octavians trug. Antonius fühlte nicht den Unterschied. Er sah die Schönheit wohl: doch daß es die reine Schönheit eines unbeugsamen Willens war, der eine tiefverschlossene träumerische Glut in Zucht hält, sah er nicht. Was war ihm dieser Knabe? Der Bruder seiner Gemahlin, vielleicht einmal der flüchtige Reiz einer späten Gastmahlsstunde.«
Wir standen alle um den Sprecher, der plötzlich abbrach und mit der Hand nach der Kuppel von San Carlo wies, als ein Schwarm von aufgestörten Tauben silbertriefenden Fluges hinter der Wölbung verschwand. Perlmutterfarbene Wolkenflocken schwebten über den Gärten der Villa Medici.
»Woher wissen Sie alle diese Dinge?« fragte eine Dame.
Axel lächelte unmerklich:
»Nur aus der Statue. Ich höre das Blut in den Adern klopfen. Ich kenne den Klang der Stimme, wenn ich gefunden habe, wie die Augen aussahen. Ich lerne es langsam wieder, das Wesen eines Menschen aus seinem Körper zu deuten. Ich gebe mir Mühe, den tieferen Sinn des Leibes zu erfassen. Wir waren viel zu lange krank an Seele und Vergeistigung. Wir messen Werte nur noch mit diesen Gewichten. Aber die Sprache des beseelten Körpers ist uns verloren gegangen. Rom wies mir den Weg zur Umkehr. Rom führte mich nach Griechenland. Wie eine tiefe Beschämung fiel es auf mich, als ich vor Jahren zum erstenmal das Kapitol, den Vatikan und die Thermen durchwanderte – und an unsre armen Körper dachte, an denen nichts mehr gilt als das Gesicht. Die Verhüllungen unseres Leibes haben uns den Sinn des plastischen Ausdrucks genommen. So kommt es, daß wir anfangs fast hilflos vor den Marmorbildern stehn, bis unerwartet die Erleuchtung in uns kommt: die Wehmut einer Schulter, das Müde einer Hüfte, die atmende Glückseligkeit einer Brust lassen uns begreifen. Dann beginnt die Arbeit, mit der wir die lange Verwahrlosung sühnen. Und langsam, langsam ernten wir die wundervolle Frucht.«
Schon während der letzten Worte hatte Axel die Blicke nach dem Aufgang der spanischen Treppe gerichtet. Nun winkte er uns leise an das Geländer und deutete nach dem schmalen Altan, der die mittleren Stufenläufe aufnimmt: An der Mauer lagen in tiefem Schlaf zwei halberwachsene Kinder. Ihre Gesichter – deutlich erkennbar im bläulichen Mondlicht – spiegelten tiefe Beruhigung, das Hemd über der dunklen Brust stand ein wenig offen. Keiner von uns sprach.
Da mußte ich an alle die Vielen denken, die Nacht für Nacht im Schutz der Kirchentüren schlafen, Arme und Alte, in zerrissene Kleider gehüllt, die Glücklichen unter ihnen in einen zerlumpten Mantel, den sie irgendwo erbettelt oder fortgenommen haben. Wie oft sah ich sie plötzlich vor mir liegen, wenn ich unachtsam die nächtigen Stufen einer Kirche emporstieg ..
O Armut Roms! Die am Tage über die alten blinden Bettler klagen und nicht mehr wissen, wo ein Almosen frommt und wo nicht, mögen des Nachts an die Kirchentreppen gehen und stumm den Schlafenden die stumme Wohltat erweisen. – –
Schweigend verließen wir die Terrasse der Trinità de' Monti und gingen nach der Via Veneto zurück. Auf dem freien Platz vor San Isidoro nahm ich Abschied, um nach der Piazza Barberini hinabzusteigen. Der Tritonbrunnen warf mir das Silber seines Wassers entgegen, als ich in das Innere des Hauses trat.
Ich konnte lange nicht schlafen. So fing ich an, in der Geschichte der frühen römischen Kaiser zu lesen, bis zu Caligula hinauf. Schon flog die blasse Röte des Morgens durch die Luft, als ich das Licht löschte; in einem fernen Hof fing eine Magd schon an zu singen, eine jener langgezognen römischen Melodien, die um einen ruhenden Ton kreisen und wie ein müder Brunnenstrahl immer von neuem in sich zurückfallen. Die harten Blätter der Platanen raschelten im leichten Frühwind, eine Schafherde kam die Via Sistina heruntergezogen und verschwand in der Via Quattro Fontane.
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Ein hellblauer Morgen sprühte herauf. Es war kühler geworden. Die Tramontana wehte; in allen Fensterscheiben, in allen Wipfeln flog der Glanz der Frühe auf und nieder. Von den Blumenständen sprangen die Farbflecken auf: hochrot und gelb, weiß und blau. Die weißen Tücher auf den Tischen vor den Trattorien flatterten über die Kanten empor, die Schreie der Ausrufer hallten doppelt laut und deutlich durch die klare Luft aus den Straßen herauf, der Tritonbrunnen warf seinen Strahl von einer Seite auf die andere.
Ich verließ das Haus sehr zeitig. Da der Morgen an den Tag meiner ersten Ankunft in Rom gemahnte, ließ ich mich auf großen Umwegen über die Piazza delle Terme, durch die vielvertraute Via Cavour, an den Treppenschnüren von Santa Maria Maggiore vorüber, und durch den Spezereiduft der Via Baccini bis zur Piazza Aracoeli fahren. Hier stieg ich aus. Wie so oft schon, blieb ich am Sockel des Löwen lehnen, der zwischen dem Aufgang zum Kapitol und der unvergleichlichen Treppe zur einsamen Kirche Santa Maria in Aracoeli ruht. Diese Stufen fließen in das Licht empor. Sie sind Welle geworden, die golden an die schlichtgewölbte Eingangstüre der nackten Fassade anschlägt. Keine Verzierung schmückt die leblose Fläche dieser hohen Wand: nur die zarte Narzisse einer gotischen Rosette öffnet zur Linken des Torbogens ihren achtzackigen Stern und blüht vor dem Hochaltar der Mutter Gottes, die bei den Römern als Juno Capitolina an der gleichen Stelle im Haus der weißen Säulen wohnte. Es müßten Kinder kommen an einem solchen Morgen, Kinder in weißen, flüsternden Kleidern, Blumen mit ihren kleinen Armen an die kleinen Brüste drücken – Kamelien und Azaleen – und die Stufen hinaufflattern, indes die Blüten hinter ihnen niederrieseln .. Ihre dünnen, silbernen Stimmen müßten sich zum Gesang erheben, so daß eine Woge von Weiß vor den Thron der einsamen Frau strömte, die fern vom Glanz prunkvoller Kirchen hier über allen Giebeln thront.
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Ich ging zum Kapitol hinauf.
Ich blieb lange bei Caligulas Traurigkeit.
Von seinem Vater Drusus konnte Helle in seinem Leben sein. Man sagt auch, daß er als Knabe fröhlich war. Von seiner Mutter Agrippina, der Enkelin des ersten Augustus, hatte er das Trübe, Gequälte. Ihr Schicksal warf einen schweren Schatten. Sie war voll Größe, voll Herrschsucht und Mißtrauen. Sie wagte, die Feindin des Tiberius zu sein und büßte mit Verbannung. Man tötete ihre beiden ältesten Söhne. Das ertrug sie nicht. Sie gab sich selbst den Hungertod.
Trüb und hart ist das Auge Caligulas, wie es die Büste zeigt, trüb und hart die selbstquälerische Stirne, unwillig, doch unberührt der Mund.
Ein Wüstling? Nie. Ein Gelähmter, Zurückgebliebener, verstört durch das unerhörte Schicksal seiner Mutter, das seinem harmlos-heiteren Geist den Glauben an die gute Ordnung der Dinge nahm. Grausam: aus Mißverständnis. Willkürlich: aus zerstörtem Glauben. Voll Größenwahn: weil im Erstarren seines Willens die Masse für die schöpferische Tat verloren gingen. Verloren: da er sich selbst nie besaß.
In eines Mannes Sinken wird das Sinken eines Volkes klar .. Ewiges Gesetz des Verbrauchten, Stoff, der sich selbst vernichtet.
Seele Roms!
Wunderbare Trauer Roms!
»Rom sank und sinkt ..«
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Eine Stunde später stand ich vor der Büste des jugendlichen Augustus in der Sala dei Busti des Vatikan. Ich war zu Fuß gegangen, das linke, eintönige Tiberufer entlang und an den Palästen der Falconieri und Farnese vorbei. Oft genug hatte das Auge das frische Grün des Janiculushügels gesucht, ehe es wieder am bräunlichen Schillern der Flußwellen unter den Brückenbögen haften blieb. Ich durchquerte den Borgo Vecchio, um auf den Petersplatz zu gelangen. Die trübsten Toreingänge und Kaufgewölbe hatten an diesem Morgen einen Schimmer von Helle aufgefangen, der grünliche Beschlag der Wände schien weniger krank und modernd, der stickige Atem der Kramläden war in dem schmalen Streifen Bläue verflogen, der hoch über den engen Giebelfluchten stand. Nur das unergründliche Gemisch der römischen Gerüche war geblieben: ein widerwärtiger Duft vom Blut der frischgeschlachteten Tiere, die an gebogenen Hölzern vor den Türen hingen, die scharfe Süße alter Orangen und Zitronen, Parfüme von Zimt und Pfeffer, von Nelken und Öl, von dem Bodensatz geleerter Weinfässer, die vor den Kellern lagen, und dem süßen Fäulnisarom halbwelker Rosensträuße, die jemand auf die Straße geworfen hatte. Schmutzige Kinder lagen auf den Pflastersteinen, Weiber in hellen Blusen schrieen sich über die Straße unverständliche Worte zu und fuhren sich mit den hölzernen Stricknadeln in das geölte Haar, in der Stube eines Barbiers lehnte am abgeschabten Plüschsessel ein braungebrannter Bersagliere und log den Umstehenden Kasernengeschichten vor. Der Hahnenbusch auf seinem Helm ging wie ein Wedel durch die Fliegenschwärme ..
Der Kopf des jungen Octavian zeigt die Verwandtschaft mit Caligula. Was aber bei dem Urenkel krankhafte Übertreibung und Verfall war, ist hier von wundervoll bewußter Kraft gemäßigt und gebunden. Nichts als ein großer Wille steht in diesen Zügen, dunkel und grüblerisch, vom Schicksal für eine Aufgabe vorbereitet, die der Neunzehnjährige wohl gläubig ahnen, doch nicht entwickeln konnte. Berufensein und leidenschaftliche Sehnsucht nach Erfüllung bestimmen den Ausdruck dieses jugendlichen Gesichtes. Der Geist hat die Herrschaft, nicht das Gefühl, noch viel weniger die Sinne. Herrisch geht über das rechte Auge die abgebrochene Braue, und über die Braue die unerbittliche Falte des Grüblers. Dieses Antlitz hatte keine Träume, es hatte einen Traum. Daraus wuchs das Spiel der Kräfte: Einsicht und Machtbegabung mischend. Das Lebensgesetz, das tiefe, unbewußte Künstlertum des römischen Staatswesens hat sein Symbol in diesen Zügen: zu herrschen durch die Kraft, die sich selbst das Gleichgewicht zu halten weiß: die alle Gegensätze aufsaugt, in dem sie alle einem Endziel dienstbar macht.
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Auf der steilen Strada delle Mura, die das Stadtviertel des Trastevere abschließt, ging ich der Villa Doria Pamphili zu. Ein Verlangen nach Grün, nach stillen Wiesenflächen trieb mich aus der Stadt. Schon stand die Sonne hoch, der Wind war in die oberen Lüfte gezogen und spielte in den Kronen der Bäume. Unter den Pappeln einer kleinen Osteria, die zwischen hellen Kleefeldern ein wenig abseits vom Wege lag, hielt ich kurze Rast. Ich ließ mir Brot und Wein bringen und sprach mit der Bäuerin, die über einer großen irdenen Schüssel Bohnen schälte. Ihr Mann hatte Artischocken in die Stadt getragen zu einem Wirt an der Piazza Navona, der sie auf eine besondere Art zuzubereiten verstand. Er zahlte gut, weil ihn die Fremden gut bezahlten. Die Fremden! Sie lachte mir in das Gesicht, als sie die Worte wiederholte. Ich nickte. »Aus welchem Land ich sei .. Warum die Deutschen so gerne nach Rom kämen .. Warum sie so selten im Wagen fahren und so oft auf den schlechtesten Feldwegen spazieren gehen. Im Februar seien des öfteren zwei junge Leute gekommen, um Veilchen auf den Wiesen der Villa Doria Pamphili zu suchen, ganze Hände voll Veilchen. Einmal habe sie ihnen einen kleinen Bastkorb verkauft, da sie die Blüten nicht mehr in Händen halten konnten .. In wenig Tagen werde der Mohn in den Kleefeldern vor dem Hause aufgehen, dann müsse ich wiederkommen. Gegen abend, wenn die Kuppel von St. Peter zwischen den beiden Pappelbäumen hart über dem Scharlachrot stehe ..«
Im Inneren des Hauses schrie ein Kind. Sie stellte die Schüssel auf den Tisch und lief davon. Der Geruch der frischgeschnittenen Bohnen wehte auf, ein Geruch von Erde und Regen, im festen, kühlen Grün gemischt. Ich trank meinen Wein aus und ging auf der schattenlosen Straße bis zum Park der Villa weiter.
Dieses Grün nimmt dich hin, es macht dich leicht und trägt dich empor in das ruhige, ruhige Blau über seinen Wipfeln. Du hebst die Arme auf, die stille Seligkeit zu fassen, die unaussprechlich bleibt und doch so nah, so greifbar wirklich ist. Dann gehst du weiter und weißt kaum wie, Wege öffnen sich und schließen sich im schweren Laub, öffnen sich wieder und weisen in eine runde, goldne Helle, ganz fern .. unerreichbar fern .. Lässig wandelst du hinab im Spiel der Sonnenkringel.
Das Rund des Ausgangs erweitert sich, wo nur Licht war, steht wieder Landschaft, eine Wiese steigt zu stillen Steineichen hinan, Sternblumen und Salbei blühen im hohen Gras. Geblendet trittst du in die Lichtung. Bienen schwirren. Die Statuen am Giebelsims der Villa glänzen. Die Blumenvasen oder Feuerpfannen auf dem höchsten Geländer des Daches glänzen. Ein neuer Lorbeerweg führt zu einer neuen Lichtung. Vögel flattern. Auf dem Spiegel eines Teiches gleiten hochmütige Schwäne. Pfauenaugen tanzen über den Halmen. Vor dir liegt wieder offnes Land, die braune Campagna, und hinter ihr Frascati, der Monte Cavo mit den Häusern von Rocca di Papa über den alten Kastanienwäldern. –
Glocken drangen durch die Stille. Es läutete Mittag. Die Stunde war gekommen, nach San Pietro in Montorio hinabzusteigen und Rom enthüllt im Wüten des Lichtes zu sehen.
Das Auge, noch eben gehütet von der Sanftmut des unbewegten Grüns, stürzt in ein Gelb, ein Rot, ein Weiß hinab, so jäh, daß sich die Wimpern schmerzend schließen. Es hilft dir nichts, daß du im Laub des fernen Pinciohügels Beruhigung suchst: eh noch dein Blick auf diese Höhe gelangt, haben ihn tausend aufreizende Lichtspeere getroffen, die aus der Tiefe schießen, feindlich und wild. Aus allen Glasfenstern springt dir die erhitzte Helle entgegen, aus den Bleirinnen der Dächer, aus den Kupferplatten und Goldbändern der Kuppeln, aus dem Marmor der Säulen und Friese, aus den Schuppen der Tiberwellen, aus Höfen und Winkeln, aus jeder kochenden Wand. Ganz Rom ist nichts anderes mehr als ein sinnloses, steinernes Gleißen, hart und verräterisch. Rom wirft sich zum Kampf auf gegen das spähende Auge, wie die belagerte Stadt sich vor den Blicken der Spione wehrt. Sein rätselvoller Dämmer droht zu zerstieben, seine purpurne Macht zu verblassen: Zerbrochene Mauern, zerbröckelnder Kalk, Dächer, von Ruß geschwärzt, mit fehlenden Ziegeln, Höfe voll Unrat und Verwesung, verstaubte, erblindete Fenster mit geborstenen Rahmen, trostlose Stuben mit armen, zerlumpten Betten, Balkone mit klaffenden Eisengeländern, durch die ein Kind auf die Straße stürzen kann, zerschlagene Schornsteine, aus denen die Funken im niederwehenden Rauch auf die Dächer fallen, durchlöcherte Dachrinnen, die das schmutzige Regenwasser nicht mehr halten können. Wer nennt, was er sieht?
Und was will zuletzt all dieses Zerfallende und Zerbröckelnde noch vor einem Himmel heißen, der seine Gnade unerschöpflich ausgießt und das Verwahrloste immer wieder in den tiefen Schutz seiner Bläue aufnimmt?
Luft schon ist Hülle hier, Luft schon heilt die Wunden. O Rom! wage, dich preiszugeben! Noch mit deiner Schwäche wirst du siegen, mit deinem Elend noch Entzückung streuen. Unverwundbar bleibt die Herrschaft deiner Schönheit.
Ich wende die Augen nach Süden: Ich sehe den Monte Testaccio, den Scherbenberg, auf dem die uralten, zertrümmerten Weinkrüge der Römer wieder zu Staub geworden sind. Ich sehe die einsame Pyramide des Cestius und ferne die Kuppel St. Pauls. Ich sehe die träumenden Hügel des Aventin, San Sabas wehmütig wiegende Erlenwipfel über dem Dach, San Alessios Türme, und ich errate die Gärten, die unter dem Priorate der Maltheser zum Fluß hinabsteigen.
Ich wende die Augen nach Osten: Feldwege kreuzen im Licht, vor Lorbeergesträuch und Pinien hebt sich die Villa Celimontana, und hinter ihr San Stefano Rotondo. Ruhig im Golde, fern und gelassen, breitet der Palatin seine Mauern, seine Zypressen wachsen hoch in die Bläue wie die Statuen am First des Lateran. Bläue bricht aus den Fensterhöhlen des Kolosseum, Bläue aus den Wipfeln des Esquilin.
Ich wende die Augen nach Norden, die Kuppel des Quirinals überfliegend, die Zypressen der königlichen Gärten und die schmale Säule Trajans. Wie flammt die Villa Medici neben den Türmen der Trinità! Wie mögen meine Brunnen rieseln im heißen, stummen Mittag, wie mag das Gold ihrer Tropfen schwer und gesättigt in die dunkelgrüne Tiefe des untersten Beckens fallen ..
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In keiner aller früh durchwanderten Städte ging ich so oft am Abend in die armen Viertel hinunter wie in Rom. In keiner saß ich stiller, träumender bei Taglöhnern und Dirnen. In den finsteren, nur halb ausgebauten Straßen am Testaccio, durch die Marmorata, am Tiber entlang bis zur Bocca della Verità und weiter über die Piazza Montanara im alten Ghettoviertel ging ich in mancher warmen Nacht. Die Freunde schüttelten die Köpfe und warnten. Ich fühlte, daß mir nichts geschehen konnte. Der späte Wanderer, der mich ansprach, mußte fühlen, daß ich ein Gleicher unter Gleichen ging. Wenn ich mich vor einer kleinen, trüben Schenke hinsetzte, fragte mich keiner, woher ich komme und was ich hier zu suchen habe. Nie bot sich eine Dirne an, nie bettelte eine um Geld. Einmal, als ich am Flußbett niederstieg, sprang einer auf, der im Gesträuch gelegen hatte. Noch ehe er den Mund öffnen konnte, fragte ich nach dem Pfad, der zum Boothaus hinabführt. Seine Züge wurden freundlicher:
»Sie wollen rudern?«
»Ich will zu Giuseppe Pangi.«
»Er ist vor einer halben Stunde in die Kneipe zur Carolina gegangen. Wenn es Ihnen recht ist, kann ich Sie hinausfahren.«
»Nein. Ich kenne Sie nicht.«
»Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich bin genau dasselbe, was Pangi ist.«
»Sind Sie Soldat gewesen?«
»Jawohl! Drei Jahre lang in Caserta.«
»Wollen Sie mich bis zum Ponte Palatino fahren?«
Er reichte mir die harte Hand und führte mich durch Cichoriensträucher den steilen Abhang hinunter. Die Ketten des Bootes klirrten auf den hohlen Brettern, die Ruder schlugen in den Schlamm des Ufers. Auf träger Welle gewannen wir die Mitte des Stromes. Meine Augen suchten den steilen Anstieg des Aventin. Die Wipfel ragten schwermütig in die schwüle Luft, die graue Watte des Himmels hing unbewegt über den schwarzen Bäumen. Auf der anderen Seite des Flusses, hinter dem Landungsplatz des Großen Hafens, hob sich die monotone Front des Armenhauses. Hinter einigen Fenstern brannte schwaches Licht.
»Kranke, sagte der Schiffer, sie fühlen den Scirocco und können nicht schlafen. Vielleicht sind sie morgen tot.«
Ich hieß ihn bald zurückfahren. Wir gingen nebeneinander der Stadt zu. An der Bocca della Verità bog ich ab, um nach dem Judenkirchhof zu gehen. Der Fremde begleitete mich. Fast schon im Feld, hart an einem halbverseuchten Bach, aus dem ein fauler Atem aufsteigt, liegt dieser Friedhof mit seinen vielen Zypressen. Mein Gesicht rührte an die eisernen Stangen des Tores; bleich und wesenlos dämmerten die weißen, schmucklosen Mäler durch die Nacht. Dürstend stand das Schwarz der Bäume im Dunst der bleiernen Luft.
Wir wandten uns nach der Bocca zurück. Zerbröckelnd in der Asche ihres Gesteins lag Santa Maria in Cosmedin, die süße Kirche, in deren Namen schon der Orient funkelt: Byzanz, die Stadt aus Gold und Lapislazuli. Wie müd ist dieser Brunnen in der Mitte des offenen Platzes, wie müd der runde Sonnentempel mit seinen korinthischen Säulen, wie müd sind die fleckigen Wände dieser armen Häuser. Lastfuhrwerk zieht hier am Tag entlang, Frachtkähne treiben im Strom, Geschrei kommt vom Großen Hafen herüber, Staub weht – des Nachts geht achtlos kaum ein Wandrer hier vorüber. Hier war der Rindermarkt der Alten und etwas weiter, wo noch der Bogen der Geldwechsler steht, der Kaufplatz für die feinen Speisen der Tafel. Wie müd vom wesenlosen Hin und Her so vieler Tritte sind diese Straßen, wie abgebraucht und elend. Erbarmungslose Nacht über kranken Mauern! Kein Silberstreifen Mond, kein Tau von Sternen schenkte leise Linderung. In jedem Augenblick konnten die ersten Tropfen fallen.
Wir traten in eine Schenke, nahe der Piazza Montanara. Meine Stirne war feucht. Die Zunge war kaum vom Gaumen zu lösen. Das Kreuz begann zu schmerzen .. Scirocco ..
Fremde Gesichter starrten mich an. Ein Mädchen schlief an der Schulter eines großen Bauernburschen, eine andere malte gedankenlos Figuren in das Verschüttete ihres Weinglases. Viele Schiffer standen am Schanktisch, hinter dem eine alte, ernste Frau teilnahmlos und fast feindlich saß. Giuseppe Pangi kam mir entgegen. Er gab mir die Hand:
»Sie waren auf dem Wasser?«
Ich deutete auf meinen Begleiter, der schweigend neben mir saß.
»Warum hast du mich nicht gerufen?« fuhr Giuseppe den andren an.
»Ich wurde nicht darum gebeten!«
Giuseppe sah nach mir. Ich lachte:
»Es wäre für die kurze Fahrt nicht der Mühe wert gewesen. Sie wissen, daß ich es nicht vorherbestimmen kann, wann ich nachts herunterkomme ..«
Umsitzende waren auf das Gespräch aufmerksam geworden. Einige traten heran. Plötzlich fragte ein Kerl, aus welchem Lande ich sei. Wütend sprang Giuseppe auf: »Geht es dich etwas an, du frecher Hund? Willst du dich unterstehen, einen Fremden auszuforschen, der noch kein Wort zu dir gesprochen hat? Habe ich jemals gefragt? Und ich rudere ihn seit Wochen auf den Fluß hinaus?«
Ich unterbrach ihn und wandte mich an den Frager, der mich prüfend maß:
»Warum wollen Sie wissen, aus welchem Lande ich bin?«
»Ich will es Ihnen sagen: wenn Sie ein Deutscher sind, dann sollen Sie verrecken! Ich bin ein Kutscher, und ein Deutscher hat mich heute um fünf Lire betrogen ..«
»Ich bin ein Deutscher«, sagte ich ruhig und stand auf.
Ich fühlte, wie sich zwei Parteien bildeten. Giuseppe trat hinter mich:
»Schmeißt den Kerl hinaus, der die Fremden beschimpft, an denen wir unser Geld verdienen, den Lump, die Saufeule!«
Ein fürchterlicher Lärm hob an, die Wirtin jammerte und schlug die Hände ein über das andere Mal auf die breiten Hüften .. Die Tür flog auf – man hörte einen Augenblick lang das Aufklatschen des Regens – dann war tiefe Stille.
Ich ließ Wein und Zigarren bringen. Sie saßen alle um mich, Pferdeknechte und Bauern, Steinklopfer und Gärtner, Schiffer und Maurer – und ich erzählte von meinem Land: von Arbeit und Lohn, von Achtstundentag und Sonntagsruhe, von Heer und Flotte, von Verwaltung und Gericht .. von allem, was einem Wunsch oder einem Bedürfnis ihres einfachen Lebens entgegenkam. Sie warfen Fragen dazwischen, sie stellten Vergleiche an, selbst die Wirtin hatte sich herangesetzt und hörte mit zu.
Es war fast ein Uhr, als ich aufbrach. Alle boten ihre Begleitung an. Ich bat einen oder zwei, mich bis zur nächsten Haltestelle der Wagen zu bringen. Ich fürchtete, der Hinausgeworfene könne irgendwo im Dunkel auf mich lauern. Aber es ließ sich niemand blicken.
»Porco d'un Napoletano!« sagte Giuseppe, während er in weitem Bogen ausspuckte ..
*
Ich ging mit Axel dem Palatin zu. Am Eingang der Via San Teodoro nahm uns blauer Schatten auf. Wir blieben bei den Pferden stehen, die Tag für Tag vor einer Stallung dieser Straße an niedrigen Wassertrögen geputzt werden. In den großen Augen der Tiere schwamm das Gold des Abendlichtes. Axel streichelte die Nüstern eines schlanken, braunen Füllens und legte den Kopf an die weiche Seide des dünnen Halses. Der Knecht ließ Bürste und Striegel sinken. Er sah mich an, wie wenn er meine Bestätigung suchte und sagte strahlenden Auges:
»O l'aspetto! la testa d'un bel cavallo e la faccia d'un bel Signorino ..«
Wir traten schweigend durch die schmale eiserne Schranke des Eingangs auf den Grasweg, der zur Höhe des Palatin führt. Die späte Sonne lag auf den Mauerzinnen. Das schwere Grün regloser Wipfel grüßte aus hoher Bläue. Durch kühle Bogengänge gelangten wir auf die Höhe, wo die Trümmer der Paläste liegen. Wir standen vor Blumenvestibülen, die den Schritt müder Kaiser in ihre Stille gelockt hatten, vor abgebrochnen Säulen, auf denen einst die goldnen Ziegeldächer ruhten. Unwillkürlich lenkten wir die Schritte nach den abgelegenen Mauern, die ganz von Maréchal Niel-Rosen bedeckt sind. Schon hatten einige Blüten die süße Streu ihrer Blätter auf das gebleichte Gras geschüttet. Wir wandelten auf und nieder, verloren uns für Augenblicke zwischen Gebüsch und Trümmern und trafen uns wieder vor dem Glanz einer Blume, vor dem Rätsel eines zartgemeißelten Säulenknaufs oder dem dunklen Aufbruch einer Zisterne. Axel hatte einen Grashalm durch den Mund gezogen und stand bloßen Hauptes gegen den Schatten einer Zypresse.
Alle Weiten waren süß und still im Abendlicht. Alle Büsche und Wipfel hatten das dunkle Gold der Lüfte fest an sich gezogen. Wir fühlten nicht mehr, daß Lärm von staubigen Landstraßen heraufdrang, Knarren der Wagenräder von hellgelben Feldwegen, die sich hinter dem Aventin und tief in der Campagna verloren. Wir waren so abgeschieden wie auf einer einsamen, spät umsonnten Waldwiese, die die Nacht kommen fühlt. Wir ließen uns im Grase niedersinken bei hohen, gelben Ginsterbüschen und suchten über uns das weiche Schweben breiter Pinienkronen, das Flattern einer Lerche, die singend aufstieg. Wir sahen nach den Oleanderbäumen hinüber und fanden die weißen und roten Knospen weiter aufgeschlossen als am Tage zuvor. Wir suchten das Gerank der Winden und staunten, wie hoch es in die Baumwipfel hineinwuchs. Wundervolle Winden gibt es auf dem Palatin: Kelche aus seidenem Samt, tiefblau und weiß, und manche mit purpurnen Zungen auf violettem Grund. Sie hängen aus Efeugebüsch nieder, sie drängen sich aus der grünen Wildnis feuchtwarmer Ecken ans Licht und säumen die Ränder des Weges. Süß ist ihr Hauch und krankhaft zart wie der Nachduft einer feinen Salbe. Sie trinken ihr Leben aus der Tiefe des Tages. Wenn Dämmerung naht, schließen sie langsam die Blumen und sterben. Sie ertragen die Hand der Menschen nicht. Die scheueste Berührung läßt Wunden und tötet ihren Schmelz. – –
Später gingen wir bis hinter den Palast des Septimius Severus und sahen nach der Appischen Straße hinunter. Mohnfelder wuchsen die stillen Hügel hinan, schwere Gespanne zogen heimwärts. Der Fremde, der dort unten den Abend kommen fühlt, schreitet rascher aus und bannt ein Grauen am letzten Sonnenglanz der Kuppeln. O Heimweh vor den Toren Roms! Wie wehtest du uns an, als über den Villen von Frascati bleiche Rosenkränze aufblühten und die Erlenwipfel über San Sabas Hof sich leise regten. Axel sah mich lange an. Seine Brauen waren hochgezogen, das ganze Gesicht in unendlicher Bewegung angespannt:
»Fühlen Sie es auch?« fragte er, fast ohne den Mund zu öffnen ..
Ich senkte die Stirn.
Er atmete tiefer.
»Wir müssen zurück in unsere nordische Seele. Dieses Land nimmt uns die Fröhlichkeit. Es macht uns feierlich. Wir sind zu weich. Wir fühlen zu viel Schönheit und haben keine Waffen. Es hilft uns nichts, daß wir schöne Strophen schreiben, um unser Übermaß an Fühlen zu bannen: die Künste steigern nur, sie mildern nicht. Sie vertiefen alles und lösen nichts.« – –
Wir wandten uns und gingen die Terrasse entlang nach rückwärts, um den Ausgang zu erreichen, der zur Via di San Gregorio hinunterführt. Der Abhang lag im Schatten. Zwischen Rosengebüsch und Lorbeersträuchern traten wir auf das Mohnfeld, das sich bis zur Straße hinabzieht. Dann durchquerten wir den Konstantinbogen und gingen dem Forum zu. Ein Wärter, der uns kannte, öffnete eine schmale Seitenpforte. Vor einem kleinen Wasserbecken setzten wir uns nieder. Rosen umblühten den Rand der Einfassung. Die Abendröte spiegelte tief in dem unbewegten Gewässer.
Und Axel Arnedal begann von Schwedens Buchenwäldern und weißen Sommernächten zu erzählen ..
Wir beschlossen den Tag auf dem Aventin in San Sabas stillem Orangenhof. Zwischen den niedrigen Hecken der Obst- und Weingärten führt der Feldweg zur Kirche empor. Brennesseln wuchern am Rain, Königskerzen, Winden und Schirling. Tiefe Furchen zeigen den Lauf der Karrenräder. Gesang der arbeitenden Mädchen schwingt über der grünen Einsamkeit. Eine ferne männliche Stimme antwortet, noch weiter hebt eine andre die neue Frage auf .. und kaum noch vernehmbar zittert im letzten Lichtsaum der Gegensang. Taubenschwärme fliegen aus den Beeten auf. Wasserträger kommen von den Brunnen, am Ende des Pfades winkt die kleine Kirche. Die Säulenbögen des oberen Geschosses stehn in stillem Glanze. Übervoll vom Dufte der Orangenblüten ist der kühle, feuchte Hof. Die Seele des inneren heiligen Raumes, ergreifend schlicht und unbeholfen, enthüllt die frühesten christlichen Jahrhunderte. Die hierher beten kommen, sind arme Bauern, die rings ihr Feld bestellen und Gott um Regen oder Sonne anflehen.
Wir blieben lange und gingen erst nach Sonnenuntergang. Vor uns, im blassen Grün der Lüfte, schwebte die überirdisch-süße Säulenapsis von San Giovanni e Paolo.
*
Tivoli: Wenn das Auge lange genug auf dem blauumdufteten Grün der Bergkuppen geruht hat, wenn es vollgesogen ist vom honiggelben Überfluß der Ginsterblüten, vom Regenbogenschimmer des aufwirbelnden Kaskadenstaubes, mag es tief in der dunklen Stille des Gartens versinken, der an den Treppen der Villa d'Este niedersteigt.
Hier ist vollkommenes Abgeschiedensein wie auf dem Palatin. Auch Schritt und Stimme fremder Besucher vermögen nicht mehr die versunkene Seele aufzuscheuchen. Aber es ist ein anderes Alleinsein, in das du hier untertauchst: weniger weit, weniger unbestimmt. Du fühlst dich deiner eigenen Zeit und ihren Träumen näher, das Raunen dieser Stille ist dir vertrauter. Wie süße, zu keiner Melodie gebundene Musik webt es über den Wipfeln. Ein Windhauch hebt die Töne auf, ein andrer verwischt sie und trägt sie weiter in das hellgrüne Leuchten einer Wiese oder in den Schattengang der ewig unbewegten Zypressen. Aus den Wassern steigt das unwirkliche Lied und versinkt in den Wassern, wie der kurzgebrochene Lauf einer silbernen Windharfe. Nur wo das Lorbeerdickicht jeden Atemzug der Lüfte bannt, wo feuchter Dunst in schwarzen Hecken steht und Asfodelen blühen, müssen die Klänge verstummen. Verwitterte Steingesichter sehn dich klagend an, zwischen Unkraut zerbröckelt der graue Rand geschweifter Vasen. Es hält dich nicht länger im Brüten dieser Einsamkeit. Leichter erträgt sich das Wunder des Gartens am Rande der breiten Steinbecken, in die das kristallene Bergwasser einströmt: grün wie die Bäche, die aus Gletschern stürzen. Steineichen lassen die Äste auf der Flut schleifen. Gold der Lüfte tröpfelt zwischen den Zweigen. Dein schwankendes Antlitz lächelt aus dem bewegten Grunde zurück. Bläue wiegt sich im schaukelnden Spiegel. Helle, feierliche Bilder werden geboren: Von den Treppen steigt im Morgenlicht die Prozession. Scharlach unter gelben Baldachinen, weißwehende Gewänder blumentragender Frauen. Die Weihrauchfässer dampfen .. die Litaneien ziehen dem Zuge nach.
Ippolito d'Este, der Kardinal, wußte, was er zuweilen dem Volk von Tivoli schuldig war. Aber dann blieben die Gärten wieder verschlossen .. die tiefen, kühlen Gärten mit dem Geheimnis ihrer anderen Feste ..
Ganz am Ende der südwestlichen Mauer ist ein kleiner, halbrunder Ausbau. Dort saß ich lange mit Axel und betrachtete das Land, das sich hinter Ölbaumhügeln und Weingärten dehnte. Schirlingsträucher, hoch wie ein Mann, schossen im Mauerwinkel empor und hoben den feinen Schattenhauch ihrer Blumen aus dem Schaft .. ganz in der Tiefe zog die Straße, weiß und verstaubt, nach Rom. Da die mattsinkende Sonne einen Abend von Purpur und Lila versprach, ließen wir den Wagenlenker die Richtung von Nemi einschlagen. Axel deutete im Vorüberfahren nach der Zypressenallee der Villa Adriana und fragte:
»Wissen Sie, ob Antinous mit dem Kaiser nach Rom kam und dort am Hofe gelebt hat?«
»Ich weiß es nicht. Doch glaube ich, daß Antinous schon gestorben war, als Hadrian in die Hauptstadt zurückkehrte.«
»Wie qualvoll muß ihm diese Heimkehr gewesen sein, wie traumlos! Er hatte seinen Gott verloren, die Schönheit, welche ihm Welt und Kaisertum erträglich machte ..«
Axel hatte sich mir zugewandt. Sein weiches Profil stand gegen das getrübte Orange des westlichen Horizontes. Leidenschaftlich fuhr er fort:
»Ich habe nie ohne Ergriffenheit gelesen, daß das Volk dem Liebling seines Kaisers Altäre baute, ja daß die christlichen Priester noch bis in das fünfte Jahrhundert gegen diese Kulte eifern mußten« – –
Schon flog ein bleiches Grün am Rande der Himmelswölbung empor, als wir den Hügel von Frascati umfuhren. Von den Kuppen war der letzte Sonnenglanz gewichen, sie standen basaltblau gegen die graue Seide des oberen Äthers. Kein Hauch ging in den Wipfeln. Erstarrt in seiner Armut lag Albano, ein Haufen bröckelnden Gesteines, Ariccia, etwas heller auf der Höhe, Genzano, leicht von safrangelbem Schimmer überflogen .. erblindet aber, leblos, im schwarzen Grunde fiebernd, der Nemi-See. Ob die Mittagsonne goldne Nägel in das Blei des brütenden Gewässers schlägt, ob Abendblau von allen Hügeln fließt, ob Veilchenpurpur aus dunstigen Sonnenuntergängen fliegt wie nun, da wir im Garten der Villa Cesarini standen und in die Tiefe sahen: immer wohnt hier der Tod. Schrecklich ist dieses Wasser, ohne Frische, ohne Atemzüge, leblos von der erschütterten Flanke eines Kraters aus vergiftetem Grunde heraufgespült. Es ist kein Friede über dieser Landschaft. Hier ist nichts ausgeruht und nichts voll Wonne an die Abendkühle hingegeben. Hier ist nur Tod, metallener Tod: Stahl die Berge, Messing und Kupfer der Himmel, Quecksilber die Flut.
Axel trat von der Mauerbrüstung zurück. In seinen Zügen lag eine Abwehr wie von bitter Gekautem:
»Ich hasse dieses Gewässer. Es graut mich vor allem, was krank und verdorben ist. Ich bin lüstern nach dem, was strahlt und weht« – –
Im Brande der Campagna fuhren wir Rom entgegen. Hinter dem Wagen wogte die rote Wolke des Staubes, die Lüfte glühten wie Pechnelkenbeete. Wir flogen dahin, vorbei an flammenden Herden, an flammenden Brunnen, an blutigen Tümpeln und blutigen Mauern, an entzündeten Gehöften und Brückenbögen, an ausgeglühten Wasserleitungen und halbverkohlten Pinien .. mitten hinein in die lichtgrünen Golfe über den Dächern der Stadt, in den beruhigenden Hafen hinter den langezognen Sandbänken aus Rosa und Heliotrop.
*
Axel war gekommen, um mit mir auszufahren.
Ich war gerade aus dem Sabinergebirge zurückgekehrt, wo ich ausländische Freunde auf ihrem Landgute besucht hatte.
Ihr Haus lag auf einem kleinen Hügel unter hohen Ulmenbäumen, in Feld und Garten standen Kastanien, Steineichen und Birken. Ich hatte weiße Wolkenberge über blaugrünen Bergrücken aufsteigen sehen, ich hatte schäumende Waldbäche rauschen hören. In allen Gärten längs des Weges hatten Löwenmäuler und Lilien geblüht, Federnelken und Moosrosen. Geruch von Wiesentriften und kühlem Moosboden war mir an jeder Wende der Straße entgegengeschlagen, und nur die hellbraunen Bergkuppen, wo über Ginsterfeuern die nackten kleinen Städte wuchsen, hatten immer wieder daran erinnert, daß dies römisches Land war.
Ich war bis nach dem steilen Subiaco hinaufgefahren, um die berühmten Klöster zu sehen und hatte lange in dem wildblühenden Säulenhof von Santa Scolastica gesessen, während mir ein Mönch die Geschichte der Heiligen erzählte. Noch länger aber hatte ich auf dem heißen Grasweg geruht, bei Glockenblumen und Löwenzahn, und das unersättliche Auge am Wechsel der Wolkenschatten auf den Hügeln vollgesogen. Im Wehen des Windes war das Rauschen der Aniowellen zu mir herufgeklungen, und einmal hatten raschverwehte Glockenklänge den Weg durch die glänzenden Lüfte bis zu meinem Ohr gefunden. Um mich her weideten braune Füllen, junge Esel waren an einem Olivenbaum festgebunden und fraßen an dem kurzen, harten Gras. Kinder standen im Kreise um mich her, seltsam still und ernst. Als ich bergab stieg, folgten sie mir scheu bis zu dem Wagen, der an der schattigen Landstraße wartete.
Am Abend aber nahm mich das Haus der Freunde auf, gefüllt vom Zauber des ländlichen Sonntags und tief in Ströme reinen Abendgoldes eingetaucht. Alle Gespräche waren heiter und leicht beim gemeinsamen Mahl. Der Wein des Landes duftete aus flachen Gläsern, Risotto, Maccaroni und Fleisch von Hühnern dampften auf den Schüsseln, Kirschen und Nespeln lagen im geflochtenen Bastkorb. Dann kam der starke schwarze Kaffee, der blaue Rauch der schweren Zigarren und die Vertiefung des Gespräches. Und alles löste sich am Ende auf in der silbernen Sonate von Scarlatti, die aus den dünnen, eingeschlafenen Saiten aufstieg. Es war spät geworden. Die Sterne standen im offnen Fenster, die Birkenwipfel fingen an, sich im Nachtwind zu regen, Leuchtkäfer flogen – Tausende von grünen Funken – im Dunkel duftender Rosmarinsträucher, und mitten in das Rieseln und Lachen der Alegrettoläufe fiel lautes Schluchzen träumender Nachtigallen. – –
Dies alles hatte ich erzählt, während Axel einige welke Blätter aus einem Kamelienstrauß entfernte und eine Blüte in das Knopfloch steckte. Er setzte sich auf das Fensterbrett und fragte:
»Wollen Sie wirklich morgen reisen?«
»Bestimmt. Ich fahre am Nachmittag nach Neapel und nehme abends den Dampfer nach Palermo.«
»Ich verstehe Sie und verstehe Sie doch nicht. Es liegt soviel Grausamkeit in der Art Ihrer Beschlüsse ..«
Es wurde an die Türe geklopft. Man meldete, daß der Wagen bereit stehe.
Wir fuhren nach den Thermen, um noch einmal zusammen den Epheben von Subiaco zu sehen. Ich kenne keinen Torso, der mich tiefer ergreift. Kopf und Hände fehlen – der Leib allein offenbart die grenzenlose Leidenschaft, das inbrünstige Hinverlangen nach dem ersehnten Ziel. Der Marmor blüht in dunkelgoldner Fülle, die Poren atmen warm und gesund, die Lust des Tieres und die stille Beseelung des ganz von einer inneren Sehnsucht ergriffenen Menschen ist in dem Rhythmus der stürmischen Bewegung vermengt, die um so tiefer hinreißt, je weniger sie bedingt gedeutet werden kann.
Axels Hände lagen auf den Hüften der Statue.
»Ich kann nicht anders, sagte er leise. Ich muß berühren, was ich liebe. Mit meinen Fingerspitzen muß ich fühlen, was ich besitzen will. Ich bin wie Kinder und Blinde, die erst im Tasten ganz erkennen.«
Niemals mehr werde ich diese schmale, starke Hand mit den flammenden Smaragdringen auf dem stummdurchglühten Stein vergessen.
*
Der Schattenweg, der zu Santa Sabina hinaufführt, nahm uns in seine hohen Mauern auf. Wir gingen langsam in den breiten Windungen empor. Kaum war etwas Grünes zu sehen: eine kurze Rasenböschung zur Rechten, verdorrt und staubig, sonst nichts als brauner Stein und blaue Luft .. später eine Baumpflanzung, ein freier Platz, unsäglich einsam, mit kurzem Gras bewachsen, und zwischen vier korinthischen Säulen der Eingang zu der alten christlichen Basilika. Hier weht im Schwung der schönen Halbkreise, die dem Raum jugendliche Belebung und das Maß der klaren Mitte schenken, die einfach-freie Seele des antiken Tempels. Das ganze Gotteshaus ist Frühling. Über seinen Dächern müßten blühende Kirschbaumäste schwanken, durch die offenen Fenster müßte ihr süßer Rauch statt Weihrauches wehen, wenn die Kerzen der Frühmesse am Altare flammen. Bienen müßten im Mittag zwischen den weißen Kelchen schwirren, und Schwalben, die leichten Schwalben des Aventin, sich über dem Abendgesang der Kinder wiegen.
*
Wenige Schritte von Santa Sabina liegt die Villa der Maltheserritter.
Eine Pförtnerin öffnete das Tor.
Wir schritten entblößten Hauptes den tiefen, von dunklem Laub gewölbten Gartenweg hinab zur goldnen Lichtung, in der Sankt Peters ewige Kuppel stand.
Abwehrend liegt das Priorat des großen Ordens am steilsten Abhang des Aventin. Sein Garten steigt zwischen dichten Mauern in kleinen Terrassen die Böschung hinunter und öffnet seinen stillen, grünen Schoß der Abendsonne. Alles in diesen Laubgängen, in diesen Blumenbeeten deutet auf Abend, auf Frieden und Entlastung, auf lange, klare Gespräche, auf Sammlung und Traum. Wenig Fremde kommen hierher: wenige wissen von dem Geist, der hier um Baum und Blume schwebt, von der stillen Heiligkeit, die kaum ein ungebetener Schritt stört. Wer hierher geht, weiß im voraus, wo er ist. Und was er erwartet, fließt aus dem Einklang seiner Seele mit der Seele des Bodens, auf dem er wandelt: Wie tief ist das Gefangensein im Dämmer dieser Hecken, im Sonnenlicht, das um die alten Steinbänke spielt. In einem kleinen Brunnen singt der scheue, silberne Strahl Rosen und Schwertlilien das nie verstummende Lied, so zart-erinnerungsvoll im windverwehten Fall der Töne wie das Flötenlied eines Hirtenknaben hinter verlorenen Halden. Aber die schwache Melodie überschwebt nur den tiefer wogenden Gesang, den sie im Ohr des Lauschers weckt: Hymne der Liebe, welche den großen Gedanken im Herzen erregt und die große Tat.
Arm in Arm wandeln die wieder erwachten Schatten der Ritter die stillen Pfade herauf: La Valette und der Marquis von Posa, St. Priest und Créqui, die Helden von St. Elmo. Malta steigt auf, steinern und rosa aus dem Email des Meeres gegen den Himmel getürmt, lodernd wie der Glaube seiner Hüter.
Da fällt das Heimweh über dich: das namenlose uralte Heimweh des Vaterlandslosen nach seinem Vaterland: nach den Reichen des Geistes, der dich selbst beseelt und mit den Widerständen einer entgötterten Zeit ringt. Du weißt es, daß Tausende wie du im Dunkel glühn und leiden, du weißt es, daß tausend Sehnsuchten, der deinen gleich, die helfend-verbündete Sehnsucht suchen, daß ein Wille nach Zusammenschluß in all diesen Zerstreuten lebt, die einzeln unfruchtbar, als Ganzes eine unbesiegbar schöne Macht bedeuten müßten. Wenn einer käme, vom gleichen Geist erfüllt, zum Herrschen geboren und zum Wirken berufen, und seine Stimme zur Sammlung durch alle Länder schickte, Befreiung und Schönheit eines klaren, einfachen Lebens verkündend: wenn die Gefesselten sich um ihn scharten: so könnte ein Sturmwind durch die verängstete Menschheit fahren, forttreiben, was im Innern krank und verkrüppelt lebt und reinigen, was in verfaulter Luft geatmet hat. Wenn ein solcher käme und schüfe wieder Gleichgewicht! Setzte den Leib als unbedingtes schönes Maß und gäbe dem Geist die Herrschaft in der vorgeschriebenen Umgrenzung .. vertiefte die Irdischkeit und ließe das Feuer des schöpferischen Willens das Wirkliche so rein durchglühen, daß in der einfachsten menschlichen Tat die Gottheit fühlbar würde und Gestalt annähme! Wenn sich ein Orden derer formte, die das große Beispiel gäben: die aus der Arbeit an sich selber den Glauben an ihre Fruchtbarkeit nähmen, und dem Geiste getreu lebten, der nur dem Werk und nie dem Wirkenden dient!