FLORENZ
Reading edition
Den Nachmittag und Abend des nächsten Tages verbrachte ich in Florenz. Still blühend lag die Stadt in der Sonne, Anmut und Leichtigkeit. Heimatlich begrüßt sie jedesmal den wiederkehrenden Freund, obwohl sie stets voll Geheimnis bleibt, und sei es nur im Wechsel der Lichter, im ewig neuen Wandern ihrer Wolken. Wolken von Florenz! milde Dämpfer zu üppigen Goldes, selbst mit Gold gefüttert, das sich in breiten Säumen über die Ränder neigt: euch folgt der Flug der Seele wie keiner eurer Schwestern, ihr gebt den Bergen das unerschöpflich feuchte Blau, den Hainen das fließende Grün, aus dem es kühl herüberwinkt in den Brand der kornblumenfarbenen Tage.
Ich fuhr nach einem alten, kleinen Schloß, in dem ich einmal helle, süße Tage verlebt hatte. Es liegt in den Hügeln von San Miniato, hoch über der Stadt. Ich ließ den Wagen auf Umwegen über den Viale Petrarca und durch die Porta Romana zur Höhe des Torre del Gallo hinaufgehen. Langsam wurde das Bild der Stadt geboren, über hohen, grauen Gartenmauern, Villendächern und unbewegten Pinienkronen. Zwischen blaß-blauen Glycinenranken stand das goldbraune Gewühl der Häuser. Den herrischen Wuchs der Zypressen besiegend, ragte der Turm der Signoria. Fensterscheiben blinkten in der Sonne, Arkaden grüßten über dunklem Lorbeer. Schon stieg der leichte Rauch eines verfrühten Herdfeuers aus wenigen Schornsteinen. Unwillkürlich lauschte das Ohr nach einem Angelus .. Noch war es zu früh. Die Wärme, die aus den Gärten aufwehte, wies noch auf Nachmittag. Bilder kamen und gingen im Vorüberfahren ..
Niemand erwartete mich im Castello Acciajoli. Vielleicht war niemand zu Hause. Ich zog die Schelle. Es dauerte eine Weile, bis der Diener öffnete. Er erkannte mich wieder und führte mich in das Empfangszimmer. Wenige Minuten später saß ich im Gespräch mit dem Hausherrn. Jahre waren vergangen, seit wir uns gesehen hatten. Er war der einzige, der um ein Erleben wußte, das hier seinen Anfang gefunden und fern, in einer nordischen Stadt, sein Ende genommen hatte. Noch lag der Schein der Liebe auf allen Dingen, zart, heimlich, wie ihn das ergriffene Herz damals hingezaubert hatte. Ich ging zu jedem Baum, zu jedem Strauch, der noch wie damals stand, wie damals blühte. Wie fröhlich war alles gewesen, wie frei und einfach! Besonders die Abende waren schön. Die Mahlzeiten in dem kleinen Speisezimmer, die vielen hellen Blumen auf dem Tisch, der rote Wein in schlanken Henkelkannen und das Hin- und Herflittern der leichten Worte zwischen Menschen, die zusammengehörten, so wie sie waren, gebunden durch die gleichen Gewohnheiten, vertraut in der gleichen Anbetung der Schönheit – und nur geschieden durch jenes feinste Gefühl innerer Besonderheit, wie es die große Übung des Erlebens entfaltet. Nichts war laut, nichts war ein Übergriff. Was hier geschah, war selbstverständlich. Es gab viele gemeinsame Spaziergänge in den Wiesen und Baumstücken, die zum Schloß gehörten, an kleinen Bächen entlang, die hastig niederstürzen, sich manchmal in uralten Steinbecken fangen und weiterfliegen, dem Arno zu. Dann ein Ausruhen auf einer leichten Anhöhe in hohem Gras, bei Lorbeerbüschen und Gaisblattranken. Wohin das Auge schweifte, standen die milden Ölbäume, deren wundervoll belebte Seele der Nordländer so schwer versteht. Die Akazien blühten hoch in der stillen Bläue oder im Bernsteinglanz der Abendhimmel, die Nachtigallen sangen in jedem Gesträuch. Und über allem lag die Liebe. Aus der Gemeinsamkeit des Genießens löste sich die Sonderheit dieses Glückes, jenes Aufgelöstsein in Schweigen, das wortlose Untertauchen in jeder beseelten Schönheit. Im Wehen eines Olivenzweiges, im Atmen eines Rosenbeetes lag die Vertauschung der Seele und das Auswechseln der Sinne. Milde war in allem: Toskanas Milde .. und eine reine, scheue Süße, wie Duft von Veilchen oder Teerosen.
Der Diener hatte den Tee im Speisezimmer aufgetragen. Die Unterhaltung kam auf deutsche Dinge und hielt sich lange dort. An den Namen gemeinsamer Freunde spann sich das Gespräch weiter, leicht und fast kühl, da es einfachen Wirklichkeiten galt, bis sich unmerklich ein leises Heimweh einschlich. Denn im Reden über so viele, die vor Jahr und Tag mit uns hier oben zusammengesessen hatten, wurde die Zeit lebendig, die trennend zwischen heute und damals stand, die Schwere alles Zwischenerlebens schob sich über das Spiel der Erinnerung, die fast Gedicht geworden war. Wir verstummten. Wir schauten durch das Gitter des offenen Fensters in die Ebene hinunter, den Baumwipfeln der grünen Bandita entlang. Dann kamen plötzlich die Fragen: Entsinnen Sie sich noch jenes Vormittags, als wir zu Gino gingen? Wie hieß die Frau mit den Rubinohrringen, welche die Arie der Armida sang? Spielt Octavio noch so schön Klavier? Was ist an der Geschichte wahr, die man von dem Abbate Celli las? Ohne Aufhören fiel Frage auf Frage, Antwort auf Antwort, während wir in dem Haus umhergingen. Wir stiegen die Treppen in das Obergeschoß empor, wo die Schlafräume lagen. Da war mein altes Zimmer! Nichts war verändert: dieselben alten Bilder, dieselben Leuchter, und dasselbe dunkle Himmelbett. Wie stiegen die Morgende des Erwachens auf, wenn der Diener eintrat und die Läden zurückstieß, wenn plötzlich das ganze, in helles Sonnenlicht getauchte Land in den Fensterrahmen trat: die Wipfel der Pappeln, die im frischen Morgenwind schwankten und ihr flüsterndes Blattwerk spielen ließen, die schweren wiegenden Zypressen über den Dächern von San Miniato, die ganze östliche Stadt, die im dünnen blauen Dunst des Sommertages zu dem Hügelkranz von Fiesole emporwuchs. An der Mauerwand aber schlug der warme Duft der Erde empor, und wehte bis auf die Kissen ..
Wir gingen zurück in das untere Stockwerk. Ich war traurig geworden, und fühlte mich erst leichter, als wir in dem großen Arbeitsraum des Hausherrn saßen, wo so viele ausgelassene Gespräche und Erzählungen die Abende verkürzt hatten. Als ob der Freund meine Gedanken erraten hätte, fragte er, indem er sich in einen hohen, roten Seidensessel setzte:
»Haben Sie manches Mal an die Gräfin d'Ys gedacht?«
Da war mit einem Male das Lachen geboren – und mit ihm jener göttlich-leichte Frühlingsabend, als uns Octavio Poggiolini die reizende Geschichte erzählte ..
· · ·
Wir saßen im Kreis um den Kamin. Ein kleines Feuer brannte auf dem eisernen Rost, denn der helle Mondabend war kühl und etwas feucht. Die Champagnergläser waren aus dem Speisezimmer herübergetragen worden und standen neugefüllt, die Damen zerlegten Orangen auf dünnen Glastellern, einige der Herren rauchten. Man hatte nur ein paar gelbe Wachskerzen angezündet, da der Schein der Flamme reichlich Helle gab und außerdem durch das Fenster ein breiter Streifen Mondlicht in blaßgrünem Dreieck über den Boden fiel. Octavio Poggiolini saß nahe am Feuer und hatte die Beine übereinandergeschlagen. Auf seinem Gesicht stand die Vorfreude des Erzählens. Vielleicht gab dies Marita Branconi einige Bedenken, denn sie sagte, als er eben beginnen wollte:
»Ist die Geschichte sehr unanständig?«
»Was denken Sie? fiel ihr Octavio ins Wort, sehr unanständig! Im Gegenteil! Sie ist ganz einfach das Loblied auf die Klugheit!«
Aber Marita ließ sich nicht beirren:
»Haben Sie die Geschichte selbst erlebt?«
»Nein, ich berichte, was man mir gesagt hat.«
»Dann ist es vielleicht doch besser, wir Frauen gehen solange ins Musikzimmer.«
»Um Gottes Willen, rief Octavio, nein! Ich hätte keine Freude mehr am Erzählen. Es ist durchaus eine Geschichte für Frauen, zumal für solche, die leider nur als flüchtige Gäste in meiner schönen Vaterstadt weilen.«
Damit wandte er sich zu der jugendlichen Gräfin Voss und ihrer noch jugendlicheren Schwester Katarina von Pleß, die ihn lächelnd ansah und mit dem langen Blick ihrer blauen Augen ermutigte:
»Es ist natürlich die Geschichte einer Frau, die Sie erzählen wollen?«
»Gibt es überhaupt Geschichten ohne Frauen?«
Marita lehnte sich tiefer in ihren Sessel zurück, um sich einen besseren Halt zu geben, während Katarina sich ein wenig bückte und aus dem getriebenen Messingeimer ein neues Holzscheit in die Flammen warf, so daß einen Augenblick lang das schmale Diamantband aufleuchtete, das sie ziemlich tief am Hals über dem Ausschnitt des Kleides trug.
Octavio begann:
»Vor etwa sieben Jahren verlobte sich Isabella Giramonte ziemlich unerwartet mit dem Grafen d'Ys. Es war eigentlich niemandem klar, warum das schöne, noch sehr junge Mädchen diesem Manne ihre Hand reichte: er sah nicht schlecht aus, war ebenfalls noch nicht viel über die Mitte der zwanzig hinaus und hatte reiche und ausgedehnte Besitzungen in der Normandie. Isabella war wenig vermögend, man sagte, die Spiellust des Vaters habe den größten Teil des mütterlichen Vermögens verschlungen. Nun ist es ja wahr, daß die Giramonte von jeher leidenschaftliche Spieler mit Geld und Schicksalen waren, ich glaube aber (nach dem, was man mir zugetragen hat), daß die Mitgift von Isabellas Mutter – Sie wissen doch, daß sie die Tochter eines gewissen Herrn von Didier aus Rouen war – bei weitem nicht die Höhe erreichte, die Giulio Giramonte erwartet hatte .. und daß er also wahrscheinlich das Vermögen nicht für groß genug hielt, um es vor den Möglichkeiten des Spieltisches zu schonen. Kurz, wie dem auch sei: den beiden Eltern konnte Isabellas Vermählung mit dem Grafen Roger d'Ys nur angenehm sein, ganz Eingeweihte wollen sogar wissen, die Verlobung sei ein lange vorbereiteter und gut berechneter Schachzug der Mutter gewesen, die aus Rache gegen gewisse italienische Enttäuschungen ihres eigenen Ehelebens die halbfranzösische Tochter unter allen Umständen gegen jeden italienischen Bewerber an ihr eignes Vaterland zurückspielen wollte. Daß Isabella in Wahrheit aber viel mehr zu der Art des italienischen Mannes neigte, wurde als belanglos übergangen: blonde und schwarze Mischung hatte noch immer die besten Ehen gegeben, und außerdem gehörten die Grafen von Ys und Dieuleveuille zum französischen Uradel, während die Giramonte weit weniger vornehm waren, die Didier aber sogar nur zur napoleonischen Aristokratie zählten. Die Frage des Blutes aber hatte jederzeit Isabellas Mutter tief bewegt. Nun wäre dies alles eigentlich vollkommen gewesen, wenn nicht Roger d'Ys einen so großen Fehler besessen hätte (oder vielleicht eine so große Tugend, je nachdem man es nimmt), daß das Glück der Ehe dadurch ernstlich bedroht werden konnte. Er war nämlich von einer Schlichtheit des Verstandes, wie sie sich eigentlich nur der Uradel gestatten darf: und das Schlimme (oder das Gute, je nachdem man es nimmt) war, daß seltsamerweise der Ausdruck seines Gesichtes davon gar nichts verriet. Sein Gesicht war hübsch, in seinen blauen Augen lag viel feine Güte, und sein Mund war einer der edelsten Frankreichs. Die Nase war wohlgebildet und durchaus nicht zu klein (was bei sehr blonden Gesichtern ja des öfteren vorzukommen pflegt), vor allem aber erschien die feingemeißelte Stirn unter der seidnen Welle goldnen Haares als das deutlichste Merkmal sehr vornehmer Geburt. Nun hätte ja Isabella, die stets in äußeren Vorzügen ziemlich viel Ersatz für gewisse innere Mängel zu finden wußte (dank ihres väterlichen Blutes) vielleicht das geringe Maß an Geistigkeit an ihrem Gemahl noch ertragen: zumal sie ein offenes Haus führte, so daß ihr gar nicht einmal allzuviel Zeit blieb, in dem geistigen Reich des Grafen zu Gast zu sein: aber es gab eine noch tragischere Frage in dieser Ehe, die ich allerdings nicht ohne Bedenken aufzurollen wage. Ich werde mich sehr vorsichtig ausdrücken, vor allem werde ich zu erklären versuchen. Roger d'Ys war der letzte seines Stammes, unweigerlich. Wenn er ohne Nachkommen blieb, fielen Vermögen und Güter an eine Seitenlinie niederer Gattung, die sich besonders dadurch im hohen Adel mißliebig gemacht hatte, daß sie einige Söhne ohne Bedenken als Offiziere in das republikanische Heer hatte eintreten lassen. Roger d'Ys gab sich nun ohne Zweifel auch redlich Mühe, dieser entsetzlichen Möglichkeit vorzubeugen .. und Isabella zeigte ein selbst bei Frauen nicht gewöhnliches Verständnis für die Politik ihres Gatten, obwohl sie kraft eines gesunden Spürsinnes für Dinge, in denen sie nur eine einmalige Erfahrung besitzen konnte, längst und schmerzlich erkannt hatte, daß die Natur in ihrem Verfeinerungsbedürfnis an der Männlichkeit des letzten Grafen d'Ys und Dieuleveuille entschieden zu weit gegangen war. Sie hatte geradezu eine Sünde begangen. Sie hatte kaum noch einen Menschen, sondern eine vollkommen schöne Statue gebildet: die ganz erfüllt in dem Wunder ihres eigenen Ebenmaßes lebt und kaum noch etwas davon weiß, daß das Leben nicht die edle Beschränkung, sondern die leidenschaftliche Fülle, nicht die kühle Vornehmheit des l'art pour l'art: sondern die zielbewußte Arbeit des l'art pour l'oeuvre verlangt!
Aber Isabella war schon im dritten Jahr ihrer Ehe angelangt, ohne daß eine Hoffnung auf Nachkommenschaft bestanden hätte. Die Gräfin-Mutter war auf das Schloß gekommen und hatte ihr ernsthaft ins Gewissen geredet, auch der Pfarrer war einige Male bei ihr gewesen, und selbst der uralte Erzbischof, dessen Rufe zu dem Heiligen Geist in der französischen Aristokratie eine nicht unberechtigte Berühmtheit genossen, hatte ihr sagen lassen, daß er Gott den Herrn bitten werde .. Ihre eigene Mutter aber, weniger gläubig und mit einem stärkeren Sinn für die Wirklichkeit begabt, war mit ihr zu einigen großen Ärzten gefahren, von denen nicht ein einziger verfehlt hatte, ihr die Versicherung einer geradezu mustergültigen Vollkommenheit zu geben – – und sie war genau so klug, als sie gekommen, nach Château d'Ys zurückgekehrt. Es ging auf den Winter zu, und sie begann zu kränkeln. Wie viele Edelleute aus der Normandie hatte Roger die Gewohnheit, wegen gewisser Jagden, die er geben mußte, weil es die Sitte seiner Familie so verlangte, ziemlich lange auf dem Schloß zu bleiben und die Wohnung in Paris erst im November zu beziehen. Er wäre ja gerade in diesem Jahre gerne geneigt gewesen, seiner Frau zuliebe schon Ende Oktober in die Stadt überzusiedeln, aber die Gräfin-Mutter fand den Grund nicht ausreichend, zumal gewisse klerikale Wahlen bevorstanden, deren Ergebnis außerordentlich durch den Erfolg der Feste und Gelage auf Château d'Ys bedingt war.
Da erklärte Isabella ohne jeden Umschweif, daß sie sich gewiß diesen geheiligten Sitten nicht widersetzen wolle, daß sie aber die Rolle, die sie bei solchen Gelegenheiten zu spielen habe, der wesentlich gewandteren Gräfin-Mutter zurückgeben und ohne jeden Widerspruch Anfang Oktober auf einige Wochen nach Florenz fahren werde. Diese Reise scheine ihr die einzige Möglichkeit zu bieten, ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen, das sie bei den herrschenden Umständen ein wenig verloren habe. Die Gräfin-Mutter war außer sich und trug von diesem Tage an bis zu einem gewissen anderen Tag, der aber in dieser Geschichte erst viel später vorkommt, eine offene Feindschaft zur Schau, ja sie soll allen Ernstes die Frage erwogen haben, im äußersten Falle bei dem Heiligen Vater eine Ungültigkeitserklärung der Ehe zu erlangen. Es steht nicht fest, ob sie ihrem Sohne gegenüber einen ähnlichen Gedanken geäußert hat: wenn sie es aber getan hätte, wäre sie ohne Zweifel auf den heftigsten Widerstand gestoßen. Denn Roger liebte seine Gemahlin über alle Maßen, und es war eigentlich nur die obenerwähnte allzugroße Schlichtheit seines Geistes, die es ihm unmöglich machte, Isabella gebührend gegen die Oberhoheit seiner Mutter in Schutz zu nehmen. So fand er auch – trotz seines wirklichen Schmerzes über Isabellas Vorhaben – in diesen bedeutungsvollen Tagen weder das richtige Wort noch die richtige Haltung, er sagte sich nur, daß es das beste sei, Isabella ohne Widerspruch gehen zu lassen und es ganz ihrem eigenen Gefühl anheimzugeben, wann sie sich wieder an der Seite ihres Gatten einfinden würde. Er teilte diesen Entschluß, den er in einer ziemlich schlaflosen Nacht gefaßt hatte, seiner Mutter mit, die sich in Voraussicht der kommenden Dinge schon von Paris nach Château d'Ys begeben hatte. Aber sie warf nur einen Blick gegen den Himmel und führte ihre weiße, schmerzliche Hand nach der gefesselten Fülle des Busens, als wolle sie sagen, daß sie sich zwar vollkommen unschuldig an einem solchen Sohne fühle, sich aber mit der Demut einer wahren Christin auch in diese Prüfung Gottes füge wie schon in so viele andere, von denen sie mehr ahnen ließ als verriet. Am meisten aber litt Isabella. Doch hütete sie sich, dies merken zu lassen, sie schien vielmehr ganz erfüllt von dem Gedanken ihrer Rückkehr und fast schon ihrer Umgebung entrückt. Während sie jedoch scheinbar eifrig und sorgfältig die Vorbereitungen zu ihrer Abreise traf, ging sie tief mit sich zu Rate und überlegte, wie sich ihr zukünftiges Leben gestalten würde. Gerade weil sie ein wirklich ehrliches Gefühl für ihren Gemahl hegte, war es nicht leicht, das Rechte zu erkennen. Sie war nun einmal die Gräfin d'Ys und Dieuleveuille, und sie mußte es unter allen Umständen bleiben. Aber sie fürchtete sich vor dem Augenblick, wo vielleicht in ihren Empfindungen für den Gatten etwas wie eine Windstille eintreten würde, weil er .. nun ja, einmal weil er sich in seiner unschattierten Geistigkeit so unerhört gleich blieb, sodann aber auch, weil .. ja, wie soll ich dies nun wieder sagen .. weil das rein Bildmäßige seiner Erscheinung, das allzustrenge Verharren in seiner Schönheit, das allzugeringe Aus-sich-Herausgehen eines Tages eine empfindliche Lähmung ihrer Freude an ihm mit sich bringen würde. Und sie folgerte ganz richtig, daß etwas ähnliches ja eigentlich schon eingetreten sein müsse, da sie so außerordentlich klare Vorstellungen von dieser Verschiebungsmöglichkeit des Gefühles hatte. Sie würde nicht einen Augenblick lang solchen Gedanken nachgegangen sein, wenn sie ein Kind gehabt hätte. Sie sehnte sich leidenschaftlich nach einem Kind, nicht, weil sie damit gewissermaßen ihre Pflicht gegen das Geschlecht des Grafen d'Ys erfüllt hätte: sondern weil sie zu den Frauen gehörte, die auch in der Mutterschaft eine Erfüllung ihres eigenen Lebens zu sehen vermögen. Und wie es ja fast immer zu geschehen pflegt, daß gerade Frauen mit starkem Sinnenleben die besten Mütter werden, weil ihre Liebe nur das sichtbar zu Greifende, bedingt Wirkliche zu fassen vermag und unbestimmten Inhalten abhold ist: so hätte Isabella in einem Kinde einen gewissen Ersatz gefunden für manches, das ihrem ehelichen Leben fehlte. Aber selbst an diesen heißgehegten Wunsch legte ihr großer Verstand eine Bresche: Wie würde ein Kind von Roger d'Ys geworden sein? Noch weiter in ihrer Verfeinerung konnte die Natur nicht gut gehen, und wenn Isabella auch der gesunden Art ihres eigenen Blutes Kraft genug zutraute, bei der letzten Entscheidung über äußere und innere Gestalt des werdenden Wesens ein sehr bedeutsames Wort mitzureden: so faßte sie trotz dieser Zuversicht zuweilen eine große Furcht an, sobald sie an die Verwirklichung ihres Wunsches dachte: denn es waren ihr zu viele Beispiele bekannt geworden – und ganz besonders seit ihrem Aufenthalt im Schoße derer von Ys und Dieuleveuille – daß das Unbegabte über das Begabte den Sieg davonzutragen pflegt. Ja, diese Erfahrung schien ihr manchmal in so hohem Maße ein allgemein gültiges Gesetz einzuschließen, daß es Stunden gab, wo sie ihre Kinderlosigkeit als ein Werk der Vorsehung empfand. Aber was sollte dann aus ihrem Leben werden? Sie war noch nicht einundzwanzig Jahre alt! Welche Zeiten lagen vor ihr!
Eben in diesen Tagen, als die Qual zu groß in ihr wurde und allein der Gedanke an den Stumpfsinn der nahenden Jagdgesellschaften sie fast trübsinnig machte, beschloß sie, nach Florenz zu fahren. Wie der übermüdete Schwimmer, der nicht mehr gegen den Strom ankann, die erste Weidengerte des Ufers erfaßt, so klammerte sie sich an diesen Namen: Florenz – und an einem der ersten Oktobertage traf sie in unserer geliebten Vaterstadt ein. Ihr Gemahl hatte sie natürlich nach Paris begleitet und ihr als Zeichen seiner Liebe einen großen Rosenstrauß mitgegeben, zu dem er selbst jede einzelne späte Blüte im Schloßpark zusammengesucht hatte: Als sie aber nun im offenen Wagen an der Seite ihrer strahlenden Mutter, die natürlich von den inneren Zusammenhängen keine Ahnung hatte, durch die Via Tornabuoni über den Ponte Santa Trinità hinauf nach dem Boboli fuhr, hinter dem die Villa der Eltern lag, hatte sie vollkommen vergessen, warum sie aus Frankreich entflohen war. Sie fand es ganz selbstverständlich, daß sie in ihrer Vaterstadt weilte, ja, sie konnte es kaum noch begreifen, daß sie weit über zwei Jahre die Trennung von der heimatlichen Erde ertragen hatte, zumal in der Umgebung, in die sie ihre Heirat gestellt hatte. Und noch ehe der Wagen vor der Haustür hielt, war sie sich klar darüber, daß kein Herbst und kein Frühling mehr vergehen würde, ohne daß sie einige Wochen in der Heimat zubrachte. Mochte die Gräfin-Mutter wegen der mißratenen Schwiegertochter jede Woche zweimal zum Erzbischof laufen: sie würde sich nicht daran kehren. Sie würde sich überhaupt nicht mehr an all diese lächerlichen Zustände in Château d'Ys kehren. Sie würde sich durchsetzen, ganz unzweideutig. Vor allem würde sie sehr viel auf Reisen gehen. Drei Monate auf dem Schloß und drei in der Stadt müßten vollkommen genügen, über die andere Hälfte des Jahres würde sie selbst bestimmen. All diese Dinge wurden ihr im Fluge klar und mit einer Entschiedenheit, wie sie nur die klare, helle Luft unserer Stadt zu erzeugen vermag.
Sie schrieb noch am selben Abend einen glückseligen Brief an ihren Gemahl, in dem zu lesen stand, daß der Mond im glänzenden Laube der Pappeln spiele, daß aus dem Garten der Duft später La Francerosen in ihr Zimmer dringe, und daß zwischen den dünnen, wehenden Ölbaumzweigen das Wasser des Arno silbern aufleuchte. Allein schon der Anblick der Ölbäume habe ihre Seele gelöst, schrieb sie gegen den Schluß hin, und sie sei des festen Glaubens, daß sie in der Heimat so weit genesen werde, um gesund und hoffnungsfroh zu ihm zurückkehren zu können.
Daß aber am gleichen Abend der wunderschöne Graf Primoli sich unversehens bei ihren Eltern als Gast angesagt hatte und bis gegen Mitternacht geblieben war (was man eigentlich unter ganz vornehmen Leuten nicht mehr tut): das schrieb sie nicht. Sie schrieb auch nicht, daß dieser Primoli gefragt hatte, ob er seine Schwester mit ihr bekannt machen dürfe, die gerade bei ihm zu Besuch sei. Vor allem aber schrieb sie nicht, daß eine geradezu übersinnliche Erleuchtung sich plötzlich ihres ganzen Wesens bemächtigt hatte, als dieser Primoli ihr die Hand beim Abschied küßte .. eine Erleuchtung, so gewaltsam und divin, daß sie plötzlich an den alten Erzbischof und die Macht seiner hierarchischen Gebete denken mußte.
Nach etwa drei Wochen aber schrieb sie den längsten und schönsten Brief, den ihr Gemahl jemals von ihr bekommen hatte. Der Brief war so schön, daß Roger d'Ys die Wahlen und die Jagden und seine vom nahen Weltuntergang überzeugte Mutter im Stich ließ und geradeswegs nach Florenz fuhr, wo er in dem kleinen Mauergarten der Villa seiner Gemahlin zu Füßen sank und ihr fast unter Tränen gestand, er habe seit ihrer Abreise keine frohe Stunde mehr gehabt, und er fühle, daß ihre Nähe ihm teurer und wertvoller sei als alles andere auf der Welt. Während er dies aussprach, hatten seine Wangen sich gerötet, und seine hyazinthblauen Augen hatten einen innerlichen Glanz bekommen. Sein feiner Mund stand ein wenig geöffnet, die weißen, gleichmäßigen Zähne wurden sichtbar – und er sah so schön aus, daß Isabella gerne ihre Lippen länger auf den seinen ruhen ließ, als sie sonst zu tun pflegte. Sie hatte nun wirklich keinen Zweifel mehr, daß an jenem Abend, als Diomede Primoli ihr so lange die Fingerspitzen und die zarten blauen Adern des Handgelenkes geküßt hatte, der heilige Geist über sie gekommen war und ging mit dem glückseligen Lächeln einer Märtyrerin durch die herbstliche Sonne am Arm ihres Gatten dem Hause zu. Roger wich fortan nicht von ihrer Seite, und es verbreitete sich allenthalben die Kunde ihres Glückes. Kinderlose Ehepaare nahmen sie sich zum Muster, und einmal, als Monsignore Zacconi in der Annunziata eine lange Predigt damit geschlossen hatte, daß es kein wahres eheliches Glück ohne Kinder gebe (obwohl er doch hier eigentlich nicht gut mitreden konnte) stellten ihn bei einem Abendessen, das die Marchesa Prioressa gab, einige Damen und Herren sehr unverblümt zur Rede über diese seltsame mittelalterliche Ansicht und verwiesen frohlockend auf Isabella und Roger, die Arm in Arm an einer Säule standen und aufmerksam mit zuhörten, wie der Graf Primoli von der Einrichtung seines Hauses erzählte. Ich muß hier zufügen, daß er sich geradezu eines Rufes als Renaissancekenner erfreute, und daß selbst aus entlegenen Ländern Besucher zu ihm kamen und seine schönen Möbel- und Schmuckstücke betrachteten. Seltsamerweise war Graf d'Ys noch nicht bei ihm gewesen, was eben gerade den Anlaß dazu gegeben hatte, die Teestunde des nächsten Nachmittags zu einem Besuche festzusetzen. Isabella wurde in demselben Augenblick, als Roger sie um ihre Ansicht fragte, von der Herzogin von Levanto in ein Gespräch über französische Geflügelzucht gezogen und somit einer Antwort überhoben. Roger indessen zweifelte nicht eine Minute daran, daß seine Gemahlin einverstanden sei und sagte zu.
Diomede hatte alle Zimmer mit Blumen schmücken lassen, insbesondere aber sein Schlafgemach, das schöner als alle anderen Räume war. Das köstlichste Gebäck der Pasticceria Giuco wurde aufgetragen, alle Messer und Löffel wiesen die bezauberndsten Goldschmiedearbeiten der Frührenaissance auf, in einer Räucherpfanne, die aus dem Nachlaß der Päpstin Johanna stammte, verpuffte in goldenen Wolken ein wenig Würze von Rosmarin: Kurz, der Graf d'Ys mußte zugeben, daß er niemals zuvor in einer Umgebung so ausgewählten Geschmackes von einem so liebenswürdigen Gastgeber empfangen worden sei. Ja, er äußerte lebhaft und mehrere Male hintereinander den Wunsch, doch noch des öfteren während seines florentinischen Aufenthaltes den Grafen besuchen zu dürfen, worauf dieser entgegnete, er wüßte nichts, was ihm angenehmer wäre. Auch Isabella meinte, es gäbe ja nichts Schöneres als das Verweilen in diesem Hause, wo jeder Winkel den Kunstsinn und die feine Gesittung seines Bewohners verrate. Diomede wandte lächelnd ein, daß sie übertreibe, aber Roger wiederholte wörtlich, was seine Gemahlin gesagt hatte und verlangte auch, die oberen Gemächer zu sehen, während Isabella, eine Ermüdung vorschützend, sich im Garten ausruhte. Wohl eine halbe Stunde lang verweilten die Herren im Schlafgemach. Roger, dem es zum ersten Mal in seinem Leben klar wurde (obwohl er einige Bücher von d'Annunzio gelesen hatte) was dieser Raum einem Menschen bedeuten konnte, wollte sich nicht trennen von den unzähligen Schönheiten, die hier das Auge ergötzten, sei es, daß er vor einem Engel der Verkündigung stehen blieb und andächtig in die verheißungsvollen Züge emporstarrte, sei es, daß er in den kostbaren alten Brokatbänden blätterte, die auf dem Nachttisch lagen, sei es, daß er staunend und neidisch das Bett betrachtete, von dem eine seltsame Macht auf ihn auszuströmen schien. Diomede trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter:
»Ist es nicht wundervoll?«
»Wundervoll, erwiderte Roger wie im Traum, und so breit, so bequem, beinahe feierlich. Ich wünschte, es wäre mein.«
»Nichts leichter als dies, mein Teurer, entgegnete Diomede, genau das gleiche Bett ist noch bei Rondinelli zu haben. Wenn Sie es kaufen wollen, werde ich Ihnen gerne behilflich sein.«
»Tausendmal Dank, rief Roger entzückt, Sie überschütten mich mit Freundlichkeiten. Ich werde es kaufen!«
In den nächsten Tagen konnte der Graf d'Ys keinen anderen Gedanken mehr fassen, als Möbel zu kaufen, alte, echte Renaissancemöbel für sein normännisches Schloß. Und er war bitter enttäuscht, als Primoli den Kopf schüttelte und etwas nachlässig sagte, während er sich in dem Schaukelstuhl zurücklehnte und die Beine übereinanderschlug:
»Lieber Graf d'Ys, das würde ich an Ihrer Stelle doch nicht tun. Man muß die Dinge der Umgebung anpassen, in die sie gehören. Da Sie mir ja selbst erzählten, daß der Donjon Ihres Schlosses aus dem zwölften Jahrhundert und der Rest des Bauwerkes aus dem dreizehnten stammt, da außerdem dieses Schloß in der Normandie und nicht südlich des Apennin liegt, so dürften florentinische Renaissancemöbel doch nicht ganz das Richtige sein.«
»Sie haben vollkommen recht, mein lieber Diomede, sagte Roger, und ich kann Ihnen versichern, daß ich selbst schon einen ähnlichen Gedanken gehabt habe. Aber sehen Sie: es dreht sich ja nur darum, Isabella eine Freude zu machen. Ich merke es an allem, wie glücklich sie hier unten in ihrer Heimat ist, in der heiteren, geistvollen Gesellschaft dieser Stadt, die man um so lieber gewinnt, je länger man darin weilt: und ich dachte, vielleicht würde sie das allerdings ganz andere Leben in der Normandie leichter ertragen, wenn sie möglichst viel Dinge um sich sähe, die sie an Florenz erinnern!«
»Ganz im Gegenteil, fiel Primoli ein. Sie kennen die Seele der Frauen schlecht! Ganz im Gegenteil! Da ja die Täuschung doch nur oberflächlich bleiben kann, wird ihr Heimweh nicht gemildert, sondern nur verstärkt werden. Und Sie werden genau das Entgegengesetzte von dem erreichen, was Sie anstreben. Aber – fügte er hinzu, und er gab diesem Aber einen ganz besonderen Nachdruck, ohne jedoch das leicht Hingeworfene seiner Rede deswegen aufzuheben – wenn Sie der Gräfin eine Freude machen wollen, die einen wirklich tiefen Sinn hat: so kaufen Sie doch eine von den unzähligen kleinen Villen hier in den Colli und richten Sie sie so ein, wie es zur Umgebung paßt.«
Der Graf d'Ys fuhr von seinem Sessel auf:
»Wundervoll! wundervoll! rief er laut, indem er die Hände Primolis ergriff, Sie haben doch immer die besten Gedanken ..«
»Aber dieser Gedanke lag doch so nahe, so unsäglich nahe ..«, beschwichtigte jener.
»Gewiß, gewiß .. Wenn ich es jetzt überdenke .. Natürlich lag er sozusagen auf der Hand. Aber es geht ja bekanntermaßen oft genug so, daß man vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht.«
· · ·
Etwa eine Woche später verkündete Roger seiner Gemahlin, die schon zu Bett lag, während er selbst noch ein wenig am Rand ihres Lagers saß, daß er die alte Villa Giramonte gekauft habe. Isabella starrte ihn an. Sie wußte nicht recht, ob sie vielleicht schon im Halbschlaf geträumt hatte, oder ob dies alles Wirklichkeit war. Als aber Roger einen Kaufbrief aus seiner Tasche nahm und auf die weißseidene Steppdecke legte, brach sie vor Freude und Erschütterung fast in Weinen aus. Nur der Gedanke, daß ein solches Geschenk sofort das Gegengeschenk erfordere, hemmte ihre Tränen: Sie gestand dem Grafen, daß sie guter Hoffnung sei. Er konnte es kaum fassen, er rannte im Zimmer umher, bestürmte sie ein über das andre Mal mit Fragen, ob sie sich nicht täusche: aber sie lag mit geschlossenen Augen in den tiefen Kissen, neigte ganz leicht und mit der Miene der Dulderin ihren schönen Kopf und sagte wie im Traum:
»Die Heimat, mein Freund, das Glück, in dieser süßen, milden Luft zu atmen .. überhaupt: alle die anderen Verhältnisse ..«
So entschlief sie. Er aber blieb lange vor ihr stehen und sah auf ihren zarten, heiligen Körper nieder, indessen etwas wie ein Dankgebet aus seiner Seele zum Himmel aufstieg. Und in der gleichen Nacht noch schrieb er einen langen Brief an die Gräfin-Mutter, um sie in ihrem Groll zu versöhnen und den Ausfall der Jagden und Wahlgesellschaften verschmerzen zu lassen.
Als Isabella am nächsten Morgen den gesiegelten Umschlag auf dem Tisch liegen sah, nahm sie ihn stillschweigend zwischen ihre Fingerspitzen und schaute fragend in das erstaunte Gesicht ihres Gatten. Sie las die Antwort in seinem Blick.
»Nein, Geliebter, sagte sie, ich möchte noch nicht, daß man in unserem Kirchensprengel für mich betet: vor allem aber möchte ich deiner Mutter noch nicht die Gelegenheit zu neuer Gottwohlgefälligkeit geben. Ich möchte ihr überhaupt erst mit dem fait accompli vor Augen treten: das heißt in diesem Falle erst dann, wenn ich mein Kind im Arm halten kann. Mein veränderter Zustand wird natürlich eine Menge von Änderungen mit sich bringen, über die wir am besten sogleich reden. Ich denke, wir halten es so: Vor allem werde ich vor meiner Niederkunft nicht mehr nach Frankreich zurückkehren. Ich will erst als Mutter Château d'Ys wiedersehen .. und Paris würden wir ja ohnehin für diesen Winter aufgeben müssen. Ich glaube, wir bleiben am besten über Weihnachten hier, gehen dann vielleicht ein wenig nach Rom oder an die Riviera und beziehen im April hier unser neues Haus solange, bis alles vorüber ist. Rufen dich einmal für kurze Zeit die Geschäfte zurück: so bedeutet das ja weiter nichts ..«
Roger wagte nicht zu erwidern. Gewiß hatte er sich das alles ganz anders gedacht, aber die Entschiedenheit in Isabellas Sprache und die große Klarheit ihrer Pläne ließ auch diesmal keinen Widerspruch aufkommen. Wozu auch? Es galt jetzt, die junge Frau zu schonen, und er hatte ja schon des öfteren sagen hören, daß Frauen in solchen Zuständen manchmal die seltsamsten Launen haben.
Isabella aber wurde nur viel stiller, als sie sonst zu sein pflegte, und die innere Lösung aller Verkettungen schien für sie einzig in der Frage zu gipfeln, ob das Kind ein Sohn oder eine Tochter sein würde.
Und siehe: auch dieses Mal betrog sie ihre geheimste Hoffnung nicht: sie genas im Juni in ihrer Villa zu Florenz einer wundervollen, kleinen, schwarzen Tochter, von der man zwar durchaus nicht sagen konnte, daß sie in irgend etwas der Blondheit derer von Ys und Dieuleveuille nahekam: es ließ sich nur feststellen, daß sie ein äußerst vornehmes und wahrhaft gräfliches Kind sei.
Isabella aber dankte dem Herrn für die Erhörung ihrer stummen Gebete: denn von nichts war sie nun mehr überzeugt, als daß jene große Erleuchtung des letzten Herbstes wirklich göttlicher Natur gewesen sei, und daß sie, um Gott und den Menschen wohlgefällig zu sein, nur da fortzufahren brauche, wo sie so glanzvoll begonnen hatte.
Und siehe: als sie den Herbst wieder mit Gemahl und Tochter im Frieden ihrer florentinischen Villa zugebracht und sich zwischen Roger und Diomede eine wirkliche Freundschaft entwickelt hatte, schenkte sie im nachfolgenden Hochsommer ihrem Gemahl jenen wundervollen Knaben, dessen Schönheit in gewissen Kreisen unserer lieben Vaterstadt schon heute anfängt, ebenso sprichwörtlich zu werden, wie es noch vor drei Jahren diejenige des Grafen Primoli war.
So war auch in Isabellas Mutterliebe die göttliche Dreiheit hergestellt: und dies Ergebnis gewährte ihr eine solche innere Befriedigung, daß sie sich willig dem französischen Schönheitsgesetz fügte, das es für außerordentlich schädlich erklärt, wenn eine Frau mehr als zweimal die Lasten der Mutterschaft erträgt. Sie führte fortan das Leben der wahrhaft großen Dame – zumal sie ja in dem Gefühl treu erfüllter Pflicht gegen das Geschlecht derer von Ys und Dieuleveuille eine ausreichende Schwere sittlichen Gleichgewichtes besaß – und man empfand es in Paris wie eine gewisse Erleichterung, als eines Tages ein bekannter Weltmann sich die Bemerkung gestatten durfte, daß sogar die spröde Gräfin d'Ys dem unentrinnbaren Einfluß der Pariser Luft zu erliegen scheine, insofern, als sie sich des öfteren ganz zwanglos mit einem jungen Diplomaten deutscher Herkunft im Theater und in den Salons zeige.
Mit diesem jungen Deutschen aber ist natürlich meine Geschichte schon deshalb zu Ende, weil er mittlerweile vierzig »Elegieen einer geistigen Liebe auf eine Florentinische Dame« geschrieben hat.«
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So ungefähr hatte uns damals Octavio Poggiolini erzählt, dem die Anmut und das wundervolle Heidentum seiner Vaterstadt eingeboren waren. Und gleich darauf, als er sein neugefülltes Glas geleert hatte, ließ er sich auf den verblaßten Sammetschemel zu Füßen seiner rehbraunen Nachbarin Constanze Torregiani nieder und hob die schwarzen Augen an den Falten des himbeerfarbigen Seidengewandes bis zu ihren Blicken empor. Aber die Römerin schaute streng und strafend nieder, und die Hände, die er gern ein wenig auf seinem dichten, blauschwarzen Haar gefühlt hätte, dachten nicht daran, den Löwenknauf des hohen Sessels zu verlassen. Da erbarmte sich Katarina von Pleß seiner:
»Octavio, sprach sie, Octavio: Ihr sucht Euren berechtigten Lohn bei einer Unerbittlichen. Ihr vergeßt, daß sie eine geborene Colonna ist und sich noch nicht lange genug in Eurer Stadt aufhält, um von dem Geist erfüllt zu sein, der hier seit Jahrhunderten geheiligt ist. Wenn sie aber des öfteren Eure Geschichten gehört hat, wird sie Euch gnädiger gesinnt sein. Sofern Ihr aber mit mir vorlieb nehmen wollt – obwohl ich, wie Ihr wißt, nur eine schlichte deutsche Frau bin und außerdem die Base jenes jungen Deutschen, dessen geistige Liebe Eurer süßen Geschichte ein Ende setzte: wenn Ihr also mit mir vorlieb nehmen wollt, so will ich Euch gerne gänzlich ungeistig geben, was Euer ist: so wie Ihr der Muse gabt, was der Muse ist.«
»Ihr macht mich erröten, Herrin, entgegnete Octavio, da Ihr mich hoffen laßt, was meine kühnsten Wünsche nicht erträumt hätten. Die deutschen Frauen gelten hierzulande für unnahbar ..«
»Naht Euch getrost, versetzte Katarina mit einem sanften Lächeln, indem sie das runde Kissen, worauf ihre kleinen weißen Seidenschuhe nur leicht geruht hatten, ein wenig von sich schob, und mögen die Umsitzenden Zeugen sein, wie man die Dichter ehrt. Sollten Euch aber – was ich Euch durchaus zutraue – Gewissensbisse anfallen, Ihr könnet die Seele einer deutschen Frau durch den Zauber Eurer Erzählung, zu dem sich die ganze Anmut Eurer jugendlichen Erscheinung gesellt, mehr als erlaubt ist von den Bahnen der Sittsamkeit entfernt haben: so laßt Euch zur Erleichterung im voraus sagen, daß in meiner Ehe alle Angelegenheiten bereits so weit fortgeschritten sind, daß es keiner Erleuchtung mehr bedarf, wie sie über Eure göttliche Isabella Giramonte kam.«
Und mitten im lauten Jubel unseres Lachens küßte sie den schönen Octavio auf den schönen, hingehaltenen Mund.
Dann fiel der Vorhang über dem Spiel. Der große Halbkreis löste sich in kleine Gruppen auf, ich warf den Mantel über und trat ins Freie. Man fühlte, daß der Tau schon im Fallen war, noch standen keine Tropfen an den halbgeschlossenen Rosenblüten, aber das Gras war beschlagen und das Licht des Vollmondes rieselte in feinem silbernem Dunst. Die Schlagschatten an den Wänden schnitten große, bläuliche Dreiecke in das weiße Gestein. Tief unten im Tal lag der ungewisse Schimmer der Häuser und Kuppeln.
»Kennen Sie Siena?« fragte mich plötzlich der Graf Arnedal, ein junger Schwede, mit dem ich wenige Tage vorher in Deutschland bekannt worden war.
»Nein, noch nicht.«
»Sie müssen es mit mir zusammen sehen. Wenn Sie dort gewesen wären, würden Sie begreifen, warum mir in einer Nacht wie dieser die Frage aufstieg.«
Er nahm meinen Arm und zog mich auf die taghelle Landstraße hinaus. Wir gingen langsam bergauf. Er sprach von den Mondnächten Sienas, von dem silbernen Rauschen seiner unzähligen Brunnen, bis wir selbst unerwartet vor einem breiten, moosbewachsenen Becken standen, in dessen klare Flut ein weißer, dünner Strahl sein Wasser goß. Wir tauchten die Hände ein: sie schienen ganz im Mond gebadet .. wir schüttelten sie: tausend sprühende Tropfen sprangen in den Behälter zurück. Von der Höhe wehte ein leichter Lufthauch den Geruch der Akazienblüten, tief unter uns, in der Richtung des Hauses, erwachte der milde, goldne Glanz einer männlichen Stimme über leisen Lautenklängen. Wir lehnten am Brunnenrand und lauschten. Axel Arnedal sah in den Glanz der jenseitigen Arnohügel:
»Wenn wir morgen nach Siena führen?«