Uruguay
Reading edition

48. Karneval in Montevideo.
Montevideo.

„Es gibt drei vollkommene Dinge in der Welt,“ meinte der Brasilianer, „die englische Flotte, das deutsche Heer und den Karneval in Montevideo.“
Wir standen auf dem Oberdeck der „Ciudad de Montevideo“. Pechschwarz waren Meer und Himmel, über die die Lichtzeilen der flammenden Straßen von Buenos Aires wie leuchtende Perlenschnüre auf schwarzen Samt gelegt waren.
Vorn am Bug rauschte das Wasser. Es dauerte eine Weile, bis ich antwortete. „Gibt? — Gab!“
„Nun ja,“ meinte er, „es ist lange her, daß ich drüben war, vielleicht wird ‚es gab‘ auch noch einmal für die beiden anderen gelten.“
Es waren nicht allzuviel Passagiere an Deck. „Noch vor ein paar Jahren“, sagte mein Gegenüber, „mußte man sich um die Faschingszeit viele Tage vorher einen Platz sichern; aber heute bei den Preisen und den Paßschwierigkeiten merkt man den Ausfall.“
Aber am folgenden Abend auf der Plaza de Independencia war im treibenden Menschenstrom kaum durchzukommen. In der Mitte des Platzes blendete der Brunnen mit den wasserspeienden Seetieren, von tausend Glühbirnen überkuppelt. Und weiterhin die Avenidas auf und ab, Wappen, Girlanden, Ketten farbiger Glühbirnen von Haus zu Haus über die Straßen gespannt.
Vierzigtausend Peso hatte diese Illumination der Stadt gekostet. Vierzigtausend uruguaysche Goldpeso! Und darunter zog auf und ab die endlose Kette der Wagen, Reiter und Autos, Kostüme, Masken, phantastische Aufbauten, das unablässige Spiel von Dutzenden von Musikkapellen und das Kreischen der Frauen und Mädchen.
Knöcheltief watet man in Konfetti und Papierschlangen, mit Parfüm und Wasser bespritzt, einer zweifelhaften Errungenschaft südamerikanischen Karnevals, und man sieht dem Bemühen dieser Massen zu, sich krampfhaft zu amüsieren; denn im Grunde ist dieser südamerikanische Fastnachtsspuk unglaublich langweilig. Das geht nun schon Tage so, und dauert noch viele Tage, denn wenn der Südamerikaner feiert, dann feiert er gründlich, womit freilich nicht gesagt ist, daß er selten feiert, und so beginnen Umzüge und Bälle bereits vor Faschingsonntag und dauern lange über Aschermittwoch hinaus.
Um nichts zu versäumen, fangen die großen Maskenbälle erst um Mitternacht an, um die Stunde, zu der der Korso auf den Straßen endet. Auch auf diesen Bällen ist es nicht viel lustiger als auf der Straße, und ich gehe bald gelangweilt aus dem Teatro Solis, dessen Maskenbälle etwa den Münchener Bal parés im Deutschen Theater oder den Gürzenich-Festen in Köln entsprechen sollen.
Freilich eins kommt hinzu, der Fasching fällt auf der anderen Seite des Ozeans in den Sommer, ausgerechnet in die Hundstage, und auch die schönste Winterlandschaft, die man im Teatro Solis aufgebaut hatte, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Thermometer über dreißig Grad zeigte.
Man hängt drüben merkwürdig zäh an Traditionen, wo man solche hat, und so muß auch das ganze Faschingstreiben sich in den glühheißen Straßen des Stadtinnern abspielen, statt draußen an der See, auf den wunderbaren Strandpromenaden, die Montevideo zu einer der reizvollsten südamerikanischen Metropolen machen.
Im Gegensatz zu Buenos Aires, das die Lehmflut des La Plata von der offenen See scheidet, liegt Montevideo am, fast möchte man sagen im, freien Meer. Ein sanft ansteigender Rücken schiebt sich in den Ozean vor, auf dem die Stadt errichtet ist, und von mancher Straßenkreuzung hat man gleichzeitig nach drei Seiten den Blick auf das strahlende Blau, das, — mit dem Himmel sich verschmelzend, wie ein Kuppelhorizont die Stadt einschließt.
Montevideo ist nur die Hauptstadt der kleinsten der südamerikanischen Republiken, allein es ist gleichzeitig Weltbad, und darum die Anstrengung, seinen Fasching, seine Sommerfeste, seine Spielsäle zu Attraktionen für den ganzen Kontinent auszubauen.
Unmittelbar an die innere Stadt, an das eigentliche Geschäftsviertel grenzen denn auch die ersten Badehotels und Strandpromenaden; wunderhübsche große Gärten, weite Strecken feinen gelben Sandes mit Badehütten und mit Hunderten von Männern und Frauen in farbigen Badekostümen wechseln ab mit malerischen Felspartien, auf denen ein Einsamer in zerlumpter Kleidung nach Austern und Seemuscheln scharrt.
Wenn der offizielle Fasching auch noch im Stadtinnern tobt, so ist der inoffizielle doch schon an den Strand vorgedrungen, und in Pocitos, dem eleganten Badestrand, flaniert der Strom jener, die sich von der misera plebs zu trennen wünschen.
Man ist hier demokratisch in Südamerika, trotz aller Oligarchie und trotz aller Grenzen, die übermäßiger Reichtum aufrichtet. Aber da die Form gewahrt werden muß, kosten beispielsweise Strandkorb und Badekabine zu Füßen der Milliardärhotels von Pocitos und Carasco auch nur die gleichen zehn Cent wie auf dem Volksstrand von Ramires, und um sich zu separieren, bleibt den Reichen nichts anderes übrig, als die Badeorte immer weiter hinaus zu verlegen. Wer den weiten Weg nicht scheut, kann dort mit den hochgezüchteten Frauen aller Nationen baden und für die kurze Spanne am Strande als ihren Kreisen sich zugehörig wähnen. Denn um dort auch nur kurze Zeit zu wohnen, reicht mitteleuropäische Valuta nicht aus; das einfachste Zimmer ist nicht unter 20 Goldpeso für den Tag zu haben.
Die hell erleuchteten Fenster der Spiel- und Ballsäle werfen glitzernden Widerschein auf die pechschwarze Flut. Die breite, jetzt leere Autostraße schimmert violett, und der Schein der Bogenlampen sticht wie mit Dolchen in unergründliche Tiefen.
In der Stadt fahren noch die letzten buntgeschmückten Autos durch die Felder bunten Papiers. Die Masken drängen in die Ballsäle. Die Zeitungsjungen kommen angelaufen und schreien die ersten Ausgaben aus: „Blutiger Karneval in Buenos Aires. Die Höllenmaschinen im Ballsaal. Dutzende von Verwundeten.“
Noch druckfeuchtes Zeitungspapier gleitet aus achtloser Hand zu dem Wust von Papierschlangen und Konfetti, das die Straßenkehrer mit stumpfer Gleichgültigkeit zu großen Haufen zusammenfegen.
49. Quer durch Uruguay.
Rivera.

Nach durchfahrener Nacht war der Schnellzug von Montevideo nach Rivera an der Nordgrenze der Republik Uruguay immer leerer geworden. Trotzdem seit einigen Jahren die ununterbrochene Bahnlinie von Montevideo wie von Buenos Aires nach Rio de Janeiro fertig ist, gibt es zwischen den Hauptstädten der drei Staaten doch keinen durchlaufenden internationalen Verkehr. Frachten und Passagiere nehmen den Seeweg, der unverhältnismäßig rascher und billiger ist, von der größeren Annehmlichkeit ganz zu schweigen.
So gab es, nachdem wir Rio Negro und Tacuarembo passiert haben, nur geringen Lokalverkehr: Estancieros, Gauchos und Händler, die ein paar Stationen weit fuhren. Da man mir trotz eines anderthalbjährigen Aufenthalts in Südamerika und trotz aller Anpassung an die Landessitten den Gringo, den Fremden, doch immer noch ansah und solche auf dieser Strecke selten sein mochten, suchte jeder der Neuankömmlinge Anknüpfung und Gespräch. Es war immer die gleiche Frage, ob ich nicht von einem Frigorifico käme, um Vieh zu kaufen. Auch in Uruguay haben magere Jahre den fetten zu folgen begonnen. Die Viehpreise, die während des Weltkriegs schwindelnde Höhen erklettert, sind auf die Hälfte gefallen; und die Frigorificos, die großen Fleischgefrieranstalten, haben seit einiger Zeit die Käufe ganz eingestellt. Mit einiger Ungeduld wartet man auf dem Lande auf die Käufer.
Von den Viehpreisen glitt dann mit großer Regelmäßigkeit das Gespräch über die allgemeine wirtschaftliche Lage zu den politischen Verhältnissen im Lande hinüber. Draußen zog die Unendlichkeit der Pampa an den staubigen Scheiben vorüber. Seit ein paar Stationen hatte die endlose Steppe angefangen sich leicht zu wellen. Man sah Buschwerk und hie und da Bäume, ein bisher wie auch in der ganzen argentinischen Pampa nie erlebter Anblick. Im übrigen sind ja Argentinien und Uruguay nach Landschaft und Bevölkerung eine Einheit, wie ursprünglich die kleine Republik am Uruguay auch politisch ein Bestandteil der größeren Schwester am La Plata war. Aber die Rivalität Brasiliens machte sie zu einem selbständigen Pufferstaat, der in der Sorge, seine Selbständigkeit wieder zu verlieren, vor dem stammverwandten Nachbar Anlehnung an die große Republik im Norden sucht. An einer Kleinigkeit fällt diese politische Einstellung auf: man reitet in Uruguay nicht den argentinischen Sattel, sondern den brasilianischen, einen silberbeschlagenen Bocksattel mit darüber gelegter Schabracke aus schwarzem Schaffell. Wer weiß, welche Rolle der Sattel im Leben der Einheimischen spielt, wird auf solche Kleinigkeiten achten.
Aber diesmal sprachen wir nicht von der Animosität gegenüber Argentinien. Die Wahlen und der im Zusammenhang mit ihnen drohende Generalstreik waren erst seit kurzem vorüber, und die innerpolitischen Probleme beherrschten noch restlos die Gemüter. Mein Gegenüber erleichterte sich das Herz durch Schmähungen gegen die „Colorados“, die sich an der Macht behauptet hatten.
„Nun haben wir die deutschen Schiffe“, meinte er, „und könnten eine eigene nationale Dampferlinie damit einrichten, aber die unfähige Regierung weiß nichts damit anzufangen. Zuerst haben wir keine Kohle und, wenn wir Kohle haben, ist niemand da, der die Schiffe fahren kann. Es ist ein Skandal!“
„Sie sind also ein Blanco?“ — so heißt die andere, bei den Wahlen unterlegene Partei —, warf ich ein.
„Ich bin weder ein Blanco noch ein Colorado“, war die Antwort, „die einen sind nicht besser als die andern.“
Der Schaffner war zu uns getreten und mischte sich in das Gespräch: „Es ist ganz einerlei, wen man wählt, die Mißwirtschaft ist unter allen Parteien die gleiche.“
Wie verloren stand das Vieh auf der Weide. In weiten Abständen voneinander spärliche menschliche Behausungen. Land und Bewegungsraum noch für Millionen. Hier bedarf es keines der Probleme, unter denen Europa sich zerfleischt. Wie reich ist dieses Land, niemand muß hier Not noch Sorge kennen.
Ich nahm das Gespräch wieder auf: „Aber wer wird denn aufräumen mit der Mißwirtschaft? Wer wird’s denn ändern?“
Der Schaffner stand vor mir, breit und massig, sehr adrett in peinlich sauberer Uniform, sehr honett und sehr bürgerlich.
„Wer es ändern wird, Herr“, er sprach sehr langsam, jedes Wort betonend, „wer es ändern wird? Die Bolschewiken werden es ändern!“
Das Wort stand einen Augenblick im Raum, ihn ganz erfüllend, unheimlich und unheilschwanger. Dann ging der Schaffner weiter, sehr ruhig, sehr honett und sehr bürgerlich. Mein Gegenüber sah aus dem Fenster. Auf der nächsten Station stieg er aus. Ein deutscher Farmer stieg an seine Stelle. Laut und lärmend begrüßte er in mir den Landsmann. Er hatte ein prachtvoll frisches, offenes Gesicht.
„Sollen nur recht viele rüberkommen aus Deutschland,“ meinte er, „zu kaufen ist ja allerdings schwer, aber zu pachten gibt es Land genug. Gutes Land, und billig.“ Er wies aus dem Fenster. „Hier die Chacra können Sie gleich pachten. Sollen nur recht viele kommen!“
Und er erzählte von dem Käse, den er nach Rivera brachte, und von dem Geschäft, das damit zu machen ist.
Wir liefen in Rivera ein. Die übliche Station, das übliche Bahnhofspublikum. Nur die angelsächsischen Gesichter der Angestellten des nordamerikanischen Frigorifico und ihrer Frauen brachten eine fremde Note hinein. Die Schatten standen kurz und schwarz auf grellweißem heißem Sand. Sonne, Wohlleben, Lebenlassen. Die Frigorificos kaufen wieder Vieh.