Über den Atlantik.
Reading edition
1. Deutsche Auswanderer im Atlantik
An Bord S. S. Frisia in Höhe von St. Pauls Rock.

Ohne die Flügel zu rühren, einem Kampfeindecker gleich, zog der erste landkündende Albatros seine Kreise über dem Schiff. Dann stachen schwarze Zacken aus dem horizontweiten Blau: St. Pauls Rock. Seit Tagen, seit wir die Kapverdischen Inseln passiert, das erste Land. Land? Ein Fels, eine Felsnadel! Mitten im Ozean steigt sie senkrecht aus kilometertiefer See.
Schnurgerade hält der Dampfer auf die Nadel zu, als wolle er sie rammen. Im letzten Augenblick biegt er fast im rechten Winkel ab. Eine Rakete steigt zischend hoch, gleichzeitig heult die Dampfsirene. Schwärme von Wasservögeln schwirren auf.
An der Reling drängen sich die Fahrgäste. Einer erzählt: „Dutzende von Schiffen stranden jedes Jahr an dem Fels.“ Ein anderer: „Bei den Möwen haust ein alter Mann mit seiner Tochter.“
Wer bereits mehr als vierzehn Tage auf menschenüberladenem Schiff fahren mußte, dem erscheint solch Los fast beneidenswert. Drangvolle Enge in allen Klassen, das letzte Plätzchen besetzt. Gute Konjunktur für den Holländischen Lloyd. Unten im Zwischendeck aber stauen sich Männer, Frauen und Kinder, fast Leib an Leib. Wie in einen Ameisenhaufen sieht man vom Kajütsdeck hinunter. Blonde Köpfe, deutsche Gesichter, deutsche Laute. Das rückwärtige Zwischendeck ist fast ganz von Deutschen besetzt. Mancher ist darunter, der vor dem Krieg erster Klasse fuhr. Heute fahren in der ersten Klasse neben den Ausländern fast nur solche Deutsche, die ein Auslandsguthaben von dem Jammer der deutschen Valuta unabhängig macht. Ja, wir sind arm geworden.
„Ich kann den Blick nicht von euch wenden — — —.“
Immer wieder kommen mir die alten Verse in den Sinn. Das Rad der Weltgeschichte ist zurückgedreht. Wir exportieren wieder Menschen. Man könnte meinen, in die vierziger und fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückversetzt zu sein, in denen der breite Strom deutscher Auswanderer über den Ozean zog, um mit seinem Blut und Schweiß fremde Kulturen zu düngen.
Die Möwen bleiben zurück. Langsam verdämmert der einsame Fels. Entschlossene, sehnsüchtige, zukunftsbange Blicke hängen daran. Manch einer wird in der Woge fremden Volkstums, dessen Art und Sprache er nicht kennt, einsam sein, wie der imaginäre Alte auf dem Riff. All die ehemaligen Offiziere und Seeleute, all die wurzellos gewordene Intelligenz, sie sollen jetzt mit ihren körperliche Arbeit ungewohnten Händen die Konkurrenz mit den auf primitiver Kulturstufe stehenden italienischen und spanischen Auswanderern und Saisonarbeitern aufnehmen.

Siedlung in Patagonien.

Lehmrancho.

Patagonische Landschaft.

Ansiedlerfrau.
Die alten, erfahrenen Argentinier und Brasilianer, die jetzt in ihre überseeische Heimat zurückkehren, schütteln den Kopf: „Wer durchhält, mag vorankommen, aber neunzig Prozent von dem, was jetzt hinüberfährt, geht zugrunde.“
Die auf das fremde Land, als auf die letzte Karte, alles gesetzt haben, lassen sich nicht irremachen. „So schlecht wird es nicht sein; zum mindesten: wir werden unter den restlichen zehn Prozent sein.“
Sie lassen sich nicht unterkriegen. Heute schon gar nicht. Heute geht’s über den Äquator. Taufe gibt es nicht mehr. Sie paßt auch nicht mehr in unsere Zeiten. Und dann, die zahllosen fremden Nationen, die auf dem Schiff fahren! Die Gelegenheit zu Reibungen wäre zu groß. Aber seine eigene Feier läßt sich das Zwischendeck nicht nehmen.
Die scharfe Linie, die Meer und Himmel schied, ist verschwunden. Das Auge sieht in eine einzige, fast greifbare Finsternis. Nur die weißen Schaumkronen, die der Bug des Schiffes aufreißt, leuchten in gespenstiger Blässe über den schwarzen Wellen.
Aus dem Zwischendeck tönen Geigen und Mandolinen. Unter dem Sonnensegel brütet noch die Hitze des Tages. Um die kleine, improvisierte Bühne ist eine Reihe Liegestühle aufgestellt: die vornehmen Parkettplätze. Dahinter sieht man in dem ungewissen Licht der wenigen elektrischen Lampen nur eine ununterscheidbare Menge von Köpfen. Ein groteskes Bild.
Ein Wiener Vorstadtsänger macht den Conférencier. Ein U-Bootkommandant hält die Äquatorrede. Dann wechseln Vorträge, Kuplets und Mimik. Und unermüdlich fiedelt die ad hoc zusammengestellte Kapelle. Ohne Proben, ohne Noten spielt sie, was Conférencier und Vortragende verlangen. Ein ungarischer Zigeuner macht den Kapellmeister. Die brennende Zigarre kommt ihm nicht aus dem Munde, während er mit Verve den Bogen führt und mit dem ganzen Körper den Takt angibt. Neben ihm geigen brav und ernst die eben erst aus dem Kadettenkorps ausgetretenen Söhne der adligen Offizierswitwe, die in Deutschland Hab und Gut verkaufte, um in Paraguay für sich und ihre Jungen eine neue Existenz zu suchen. „Was soll ich anders tun,“ meint sie, „seit Jahrhunderten gab es in meiner und meines Mannes Familie nur Offiziere.“
Ein neuer Redner ist auf das Podium getreten. Das Lachen und Scherzen ist verstummt. In lautlose Stille fallen die Worte: „Wir wollen die Heimat im Herzen tragen, immer und immer.“ Dann fiedeln die Geigen: „Muß i denn, muß i denn...“ und „In der Heimat, in der Heimat...“ Eine Saite reißt und gibt wehen Klang.
Auf dem Achterdeck ist Ball der Kajütspassagiere. Vorn im Schatten des Windsegels stellen die fünf französischen Kokotten bei Sekt plastische Gruppen mit ein paar internationalen Schiebergestalten, die zwischen Argentinien und Deutschland hin- und herfahren wie unsere kleinen deutschen Schieber zwischen Köln und Berlin. Die andere Seite des Tanzplatzes säumen die Portugiesen und Spanier, dann kommen die Deutschen, und ganz hinten am Heck sitzen steif und aufrecht, gleich Vögeln auf einer Stange, vier belgische Schwestern; ihnen gegenüber lehnt unbeweglich an der Reling die schlanke Asketengestalt eines portugiesischen Priesters.
Dazwischen wird getanzt: Tango, Onestep, Foxtrott. „Lulu, Lulu!“ tönt es von den Sekttischen, und Lulu tanzt. Das seidendünne, meergrüne Fähnchen reicht knapp bis zum Knie. Weiß leuchten die nackten Arme und florbestrumpften Beine.
Ich pendle zwischen der höllischen und himmlischen Seite hin und her. Wie die hochzischende Rakete anzeigt, daß wir die Linie passieren, plaudere ich gerade mit den Schwestern. „Ein doppeltes Fest“, meint die Blasse, Sanfte.... „Wieso?“ — „Nun, Äquatorüberschreitung und Jahrestag des Waffenstillstandes.“ — „Den feiern wir nicht.“ Ein Abgrund tut sich auf zwischen mir und den sanften Schwestern. Brüsk wende ich mich ab.
Richtig, heut ist der elfte. Ein Jahr liegt das zurück. Nein, ein Jahrhundert, eine unmeßbare Zeit! Wie mag es in Deutschland aussehen? Wie ist dort der Neunte verlaufen? Keine Nachricht dringt zu uns. Die englischen Funksprüche wissen nur von Fußballwettspielen zu erzählen, von dem Besuch des spanischen Königs in England und des Prinzen von Wales in Kanada, von dem Flug des Basutohäuptlings über die City, aber nichts von Deutschland, höchstens daß der hohe Rat der Alliierten beschlossen, daß wir die bei Scapa Flow versenkten Schiffe ersetzen sollen.
Noch immer tanzt Lulu. Die Treppe herauf schiebt sich die Fettmasse des Levantiners, der sich immer im Zwischendeck herumtreibt und wie ein Mädchenhändler aussieht. Plötzlich bricht der Tanz ab. Die Paare drängen an die Reling. Lulu gleitet und fällt dem Levantiner in die Arme. Am Horizont loht eine Flamme auf. Ein Leuchtzeichen? Ein brennendes Schiff? Erst langsam erkennt man. Es ist der Mond. Wie Blut und Feuer hebt sich seine volle Scheibe über die schwarze See.
Der Tanz geht weiter. Die Stewards bringen neuen Sekt. Abgerissene Strophen wehen über Deck. Worte in allen Sprachen: „Dis donc, quand... Zweihundert Prozent... terenos... I bet you...“ Nur das Zwischendeck ist leer und still. Die Schiffsordnung hat alle unter Deck gejagt. In der schwülen, brütenden Hitze liegen hier schweißgebadet Hunderte von Männern und Frauen, enggeschichtet auf Stellagen neben- und übereinander. Fanatische Hoffnung auf bessere Zukunft läßt sie alles ertragen. Was wird sich erfüllen?
Das Firmament hat sich aufgeklärt. Ein neuer Sternenhimmel wölbt sich über uns, beängstigend in seiner strahlenden Fremdheit. Eine neue Welt, ein neues Leben für jeden, der jetzt die alte Heimat verläßt. Er steht allein. Wird ihn das machtlos gewordene Vaterland schützen können? Nur allein in seiner eigenen Brust ruhen seines Schicksals Wurzeln.
Ich suche in den Sternen zu lesen. Wie ihr Widerschein funkelt es im Kielwasser des Schiffes. Meeresleuchten! Von der Schraube hochgewirbelt steigen leuchtende Ballen an die Oberfläche, glühen auf und erlöschen wieder: Unsere Hoffnungen, unsere Wünsche, unser Leben!
2. Längs der Küste Brasiliens.
An Bord S. S. Frisia, Bahia.

Ehe noch der Dampfer den ersten amerikanischen Hafen anlief, wurde die Tote, die die Grippe im Zwischendeck gefordert, ins Meer versenkt. Es gab kein großes Aufheben, kaum daß der Dampfer einen Augenblick stoppte. Ein Geistlicher und ein Schiffsoffizier. Nur die alte verkümmerte Frau im blauen Umschlagtuch, die immer neben dem Mädchen in dem billigen Liegestuhl lag, stand noch dabei und starrte aufs Meer. Es war zwei Uhr nachts, als die Leiche auf dem Wasser aufschlug.
„Armes, ausgehungertes Volk!“ meinte am nächsten Morgen der argentinische Reisende auf der Reede von Pernambuco, „auf jeder Reise sterben ein paar.“ Mitleidig zuckte er die Achseln und ging nach dem Heck, wo gerade der dicke Holländer die Haiangel richtete. Ein Haufen Fahrgäste sah neugierig zu, wie er ein mächtiges Stück Fleisch an dem starken Eisenhaken befestigte. Kaum konnte der Steward sich durchwinden, der den Eimer mit den morgendlichen Brot- und Speiseresten über Bord schüttete. Man hat sich mit der Zeit ja daran gewöhnt, allein es gibt einem doch immer wieder einen Stich. Wie viele Menschen könnten in Deutschland davon leben!
Eine Regenböe fegte über Deck und färbte das Wasser schwarz. Weiß gischtete an der Mole die Brandung hoch. Mühsam kämpfte sich das Boot mit Arzt und Hafenkommandant hindurch. Drei Reisende stiegen ein, einer aus; Ladung wurde weder genommen noch gelöscht. Lohnte das Anlegen überhaupt? Der junge Deutsche, der auf seine Baumwollpflanzung in Parahyba fuhr, nannte es einen Wechsel auf die Zukunft. Stadt und Hafen stünde eine rasche Entwicklung bevor.
Wir fuhren weiter, ohne die Haie, die uns der Holländer versprochen. Dafür sahen wir am Nachmittag Wale. Wir mußten in eine ganze Herde hineingeraten sein; denn stundenlang sah man rings um das Schiff die breiten schwarzen Rücken auftauchen und das Wasser in Fontänen hochsprudeln. Wie mit Pastellfarben war dahinter die ferne Küste an den Horizont hingehaucht.
Am nächsten Abend liefen wir Bahia an. Eine flimmernde lichterfunkelnde Wand, baute sich über der tiefschwarzen Bucht die Stadt auf, in deren Gärten die köstlichsten Früchte des früchtereichen Landes wachsen, in deren Straßen aber Fieber und Seuchen nie erlöschen. Einer zähflüssigen Masse von Öl und Teer gleich, schien sich das träge flutende Wasser um den Schiffskörper zu legen. Langsam und immer langsamer fuhren wir, bis die Maschine stoppte und die Ankerketten rasselten.
Wie wir jetzt hielten, streckte die Stadt, die wie im Fieber zu uns herüberglühte, ihre feuchtwarme Hand über die Bai und sandte uns einen Atemzug schwüler, heißer Luft. Wir Nordländer lagen nach Kühlung lechzend an Deck; im Speisesaal aber, dessen dumpfe Luft wie glühender Brodem durch die Deckfenster hochstieg, saßen unangefochten von der Hitze die Brasilianer beisammen. Lachen, Singen, Gläserklingen, dazwischen Reden und immer wieder Reden. Die Brasilianer feierten den Quinze de Novembro, den Gedenktag der Ausrufung ihrer Republik. Durch die Fenster trinken sie uns zu. Gleich den Portugiesen haben sie uns vom ersten Tag an keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie gegen Deutschland und gegen die Deutschen keinerlei Haß fühlten, sondern mit ihnen in der Abneigung gegen Engländer und Yankees durchaus einig waren.
„Aber euere Teilnahme am Krieg?“
„Nun, das war eine Sache, mit der die Völker nichts zu tun hatten, ein Geschäft, das einige unserer Politiker mit England und den Vereinigten Staaten machten.“
Die Brasilianer sind wie alle Lateinamerikaner eine höfliche Nation, und man wird auf Stimmungen und Meinungen einiger Mitreisender kein allzu großes Gewicht legen dürfen; aber auch die Deutschbrasilianer auf dem Schiff hatten nur günstige Nachrichten.
Die Zahl der Deutschen, die Rio oder Santos zum Ziel haben, ist nicht klein. Einstweilen sind es nur Rückwanderer, die Besitz oder Stellung drüben haben. Aber neue Einwanderer werden folgen. Und der Kaffeepflanzer aus Santos, mit dem ich über die Aussichten sprach, meinte, der fruchtbare Süden biete auch den Kapitallosen gute Möglichkeiten zu raschem Aufstieg.
Ja, fruchtbar muß dieses Land sein. Als am nächsten Morgen die gelbe Quarantäneflagge am Fockmast niederging, wimmelte es rings um das Schiff von Booten, überladen mit Früchten: Bananen, rot und gelb, in dichten Trauben, und dreimal so groß wie jene kümmerlichen Früchte, die jetzt in Deutschland verkauft werden. Orangen, noch grün oder nur mit leichtem gelben Anflug — es ist hier ja erst Frühling —, aber faustgroß und größer Kokosnüsse und Ananas.
Zwischendeck und Kajüte kaufen und kaufen. Korb um Korb wird hochgezogen. Bald sieht es zwischen den Ladebäumen aus wie ein Fruchtladen. Die Hauptmannsfrau sitzt mit ihren drei Kindern inmitten von Bananen und Ananas. Der Wiener Komiker kommt die Arme voll Orangen von der Reling. Ein anderer schleppt Ananas in Büscheln. Hier trinkt einer eine Kokosnuß aus, und dort schiebt in stummem Staunen ein dreijähriger Blondkopf mit heiligem Ernst eine Banane in den Mund.
Allein die reiche, bunte Fülle will nicht recht zu den ärmlichen, blassen und schmalen Gesichtern passen. Wie anders sehen die strotzenden Bronzeleiber der Neger in den Booten aus, deren glänzende Haut über straff gespannten Muskeln Früchten gleich durch die zerrissenen weißen Hemden leuchtet.
Sie haben auch keinen Anteil an der Fülle dieser reichen Welt, mögen die deutschen Zwischendecker in der ersten Freude noch so sehr über ihre Verhältnisse kaufen. Sind die süßen Schätze auch spottbillig, für uns macht die Valuta sie teuer. Solange diese sich nicht ändert, bleiben wir Parias, ausgeschlossen von den Schätzen der Erde.
Die Valuta ist das große Problem, nicht nur der Sorge, sondern auch der Spekulation. Kaum sind die ersten Zeitungen an Bord, so sitzen sämtliche Herren über dem Studium der Kurse. Eine erregte Debatte entspinnt sich und eine komplizierte Rechnerei. Wie stand der Milreis im Frieden? Wie jetzt? Wo und wann kauft man am besten? Wie steht der Dollar, das Pfund Sterling, der Frank und die Lira? Sie haben alle im Verhältnis zur Vorkriegszeit keinen besonderen Stand gegenüber dem Milreis Brasiliens. Die Valuta dieser südamerikanischen Staaten, die man bei uns vor dem Kriege gern nicht für voll nahm, ist gewaltig in die Höhe geschnellt. Wird das bleiben? Stehen wir hier am Anfang einer Entwicklung, wie sie die Vereinigten Staaten durchliefen?
Lustig flattert über unsern Köpfen die Flagge Brasiliens mit der gelben Weltkugel im grünen Feld. Ein wenig phantastisch scheint sie und ein wenig anmaßend, aber vielleicht ist sie nur prophetisch. Wochenlang fahren wir an der Küste dieses Landes entlang, von dem kaum erst der zehnte Teil der Kultur erschlossen ist.
In unser Gespräch tönt das Rasseln des Dampfkranes. Die farbigen Gentlemen der hiesigen Lloydagentur lassen krachend die Kisten in die Leichter hinunterpoltern.
„Donnerwetter, das sind doch meine Kisten“ — der ehemalige Flieger springt plötzlich auf. Er nimmt sein Geld in Form von Bijouteriewaren mit hinüber und ist in Sorge, ob er auch alles richtig hinüberbekommt. Oder er sitzt und rechnet und rechnet, was ihn jedes einzelne Stück kostet und wieviel er dafür verlangen kann.
„Unter zweihundert Prozent Verdienst mache ich überhaupt kein Geschäft,“ meinte der argentinische Kaufmann zu ihm, der nun schon zum zweiten Male zum Einkauf nach Deutschland fuhr. Es liegt ein Hauch von Spekulation über dem ganzen Schiff, wie man ihn früher nicht kannte; denn jeder führt irgendeine Ware bei sich, mit der er phantastische Geschäfte zu machen hofft: Bijouterien oder Stahlwaren, Rasierapparate oder Ferngläser.
Der Bankbeamte, der aus dem Krieg nach Buenos Aires zurückkehrt, zieht eine goldene Uhr an kostbarer Kette. — „Die hätte ich mir sonst auch nicht gekauft.“ — Aber wer weiß, wie die Verhältnisse drüben liegen, was gebraucht wird und woran Überfluß herrscht. Die wenigen, die Bescheid wissen, schweigen oder renommieren.
Das Gespräch schläft ein. Die Hitze lähmt jede Tätigkeit. Unter dem Sonnensegel ballt sich die Glut fast körperlich. Die weißen Häuser Bahias mit ihren stolzen Säulenhallen und Terrassen blenden über dem trägen, unbewegten Wasser.
Endlich heult die Sirene. Aber noch immer kommen Boote. Der Koch nimmt noch Proviant ein. Mächtige Körbe mit Eiern werden hochgehißt, gewaltige Stücke Fleisch und Kisten mit Fischen. Mitten über Deck platzt eine, und eine silberne Flut stürzt herunter. Es sind Exemplare von Haigröße dabei. Ihre lebenden Brüder tummeln sich um das Schiff.
An der Reling steht die alte, abgehärmte Frau im blauen Umschlagtuch und starrt aufs Meer.
Wieder heult die Sirene. Immer noch nehmen wir Früchte ein. Überall Stapel von Ananas. Auf allen Tischen und Bänken steht angeschnitten die süße Frucht. Einen Augenblick ekelt es mich fast vor dem schweren Fruchtduft, der gleich einem fremdartigen, betäubenden Parfum das ganze Schiff durchzieht.
3. Das unbekannte gelobte Land.
Buenos Aires.

Die Fahrt dahin führte an allen Herrlichkeiten der Erde vorbei. Nach der grotesken Schönheit der spanischen Häfen, nach Lissabon und den Kapverdischen Inseln, nach tropischen Nächten unter dem Äquator, in denen Mond und Wolken Bilder von verzehrender Schönheit auf See und Himmel malten, nach sonnendurchglühten Tagen, an denen der Ozean in fast schmerzlicher Bläue leuchtete, nach Nächten, in denen das Meer phosphoreszierend flammte, als fahre das Schiff durch einen See voll brennender Eisberge, und in denen das Kielwasser sich in einen Strom intensivsten grünen Lichtes wandelte, breitete viele Tage lang die brasilianische Küste ihre schwüle, lockende Pracht aus. Nach Bahias Früchteparadies baute Rio mit seinen Felsen, Bergen und Buchten eine Wunderlandschaft auf.
Aber als wir Santos’ liebliche Bucht verlassen hatten und die Brandung von São Vicente verrauscht war, die gegen brennend bunte Gärten spült, verblaßten des Himmels und des Meeres Bläue. Eisengrau rollten in schwerer Dünung die Wellen. Nach lastender Hitze wurde es frisch und abends bald empfindlich kühl, als runde sich die Reise zum Kreislauf und kehrten wir in die rauhe, kalte Nordsee zurück.
Und wie See und Himmel wandelte sich die Stimmung der Passagiere. Statt satter Behaglichkeit, statt wohligem Nichtstun und siegessicherem Optimismus breitet sich eine fiebernde Nervosität aus, die mehr und mehr das ganze Schiff erfüllt. Riefen in Santos übermütige Zwischendecker den am Kai wartenden Landsleuten zu: „Wie lange dauert’s, bis man hier Millionär wird?“, so mehren sich jetzt die sorgenden, ernsten Gesichter.
In der Kajüte nicht minder. Nur wenige kehren ja in sichere, wohlbekannte Verhältnisse zurück. Auch die drüben Stellung und Besitz haben, fragen sich: wie werden wir unser Geschäft vorfinden. — Wer kennt denn dieses Land, in dem Hunderttausende in der Heimat das Land der Verheißung sehen? Der Krieg soll es von Grund auf gewandelt, die Preise phantastisch in die Höhe geschnellt haben.
Immer häufiger bilden sich Gruppen, die sich über Preise unterhalten. Der englische Reiseführer von 1914 nennt zwei Pfund für den Tag als unterste Grenze. Der Bankbeamte erzählt, daß er vor dem Krieg mit 200 Peso, etwa 800 Mark, im Monat für Wohnung und Essen auskam. Aber jetzt? Wie wird es werden? Wie weit wird die mitgenommene Barschaft reichen? Und wie viele sind auf dem Schiff, die drüben alles verkauften! Nun sind’s fünfzig- oder hunderttausend Mark, die für Land- und Viehkauf reichen sollen. Oft aber noch viel, viel weniger. Und dabei fällt und fällt die Mark.
Aber dafür hat man ja Waren mitgenommen. Die lange Reise und manche Bowle in den Mondnächten hat die Zungen gelöst. Pläne wurden geschmiedet, Verbindungen geknüpft. Soll man schmuggeln oder nicht? In den Kabinen beginnt ein großes Packen. Geheimnisvolle Zinkkisten tauchen auf. Bijouterien und Goldwaren werden in Wäsche und Stiefeln versteckt, Brillanten in Kleidungsstücke eingenäht.
Wo ist die Zeit, da Lulu tanzte und man Nächte auf Deck verträumte? Lulu ist übrigens nicht mehr an Bord. In Rio flog sie in großer Ekstase ihrem sie sehnsüchtig erwartenden Amigo in die Arme. Aber die Frau im blauen Umschlagtuch, deren Tochter man vor Pernambuco ins Meer senkte, ist noch da und liegt auf ihrem Stuhl und starrt ins Meer. Ein Stockwerk höher, in der ersten Klasse, werden die Augen der alten Dame, die zu ihrem einzigen Sohne fährt, den sie zwölf Jahre lang nicht sah, immer fiebriger. Und in der zweiten Klasse geht der aus portugiesischer Kriegsgefangenschaft heimkehrende Ingenieur immer unruhiger auf Deck auf und ab. Ein Jahr war er in Portugiesisch-Ostafrika, und gerade wollte er seine Familie nachkommen lassen, als der Krieg ausbrach, der ihn in Gefangenschaft auf die Azoren führte. Die ganze Zeit war er ohne Nachricht von seiner Frau. Er kann es nicht mehr sehen, das Meer, auf das er all die Jahre hindurch von seiner Insel aus sehnsüchtig starrte. Und die hilflose Achtzigjährige, die zu ihren Kindern nach Argentinien zurückkehrt, von denen der Krieg sie trennte! Und das Geschwisterpaar, das 1913 auf ein Jahr nach Deutschland in Pension geschickt worden war und das jetzt im Zwischendeck zurückkehren muß. Und all die Frauen, die der Krieg von ihren Männern trennte. Welche Tragödien auch hier!
Das erste Land, das sich nach Brasiliens Palmenbergen am Horizont zeigt, ist flach, öde, wüstengelb. Oasenhaft heben sich von Zeit zu Zeit Baumgruppen über die Sanddünen.
Auf einmal eilt das Schiff. Um neun Uhr abends sollten wir in Montevideo sein, am nächsten Mittag in Buenos Aires. Pünktlich laufen wir die Hauptstadt Uruguays an. Wie auf Schnüren gezogene leuchtende Perlen sind die Lichterreihen der linealgeraden Straßen über den Nachthimmel gespannt. Die Blinkfeuer der Hafeneinfahrt zwinkern rot und grün. Der viele Stock hohe Lokaldampfer nach Buenos Aires liegt am Kai wie ein festlich flimmerndes Haus. Das Knattern der unzähligen eleganten Automobile hört sich an wie Gewehrfeuer.
Argentinische Zeitungen kommen an Bord. Alles stürzt sich darüber her und studiert die Preise. Gott sei Dank, was man hörte, war maßlos übertrieben. Aber anderes ist teuer genug. Der Flieger geht strahlend auf und ab.
„An meinen Bijouterien verdiene ich glatt 10000 Peso.“
„Und der Zoll?“
„Oh, die sind so gut versteckt, da müßte der Beamte schon sehr genau suchen — —.“
Die Offizierswitwe mit den beiden Söhnen hat bereits ein erstaunlich billiges Angebot für Haus und Land in Paraguay. Die Stimmung geht hoch.
Am nächsten Morgen sind wir mitten im La Plata. La Plata, Silberstrom! Der Name klingt wie Hohn; denn in schmutzigem Lehmgelb wälzen sich seine trägen Wogen. Gelbe, einförmige Wüste, soweit das Auge reicht. Fast wirkt der Anblick bereits wieder schön in seiner grandiosen Eintönigkeit. Am Horizont stehen Schiffe, flach auf die Wüstenplatte gestellt. Merkwürdig unwirklich sehen sie aus.
Das Land, das jetzt zur Linken auftaucht, paßt zum Fluß, es ist flach, öde, reizlos. Aber noch öder, noch reizloser könnte es erscheinen, es würde doch mit den gleichen sehnsüchtig erwartungsvollen Blicken verschlungen. Es ist ja das Land der Verheißung, die Erlösung aus all dem Leid, aus all dem Jammer in der Heimat.
Buenos Aires sticht mit Kaminen, Türmen und Kuppeln über den Horizont. Am Bug ballt sich die Masse der Auswanderer. Rasch wächst die Stadt. Eine flüchtige Ähnlichkeit mit New York, ein schüchterner Versuch zu Wolkenkratzern. Der Jachthafen mit Dutzenden der elegantesten Jachten. Dann im Hafen Schiff an Schiff, endlose Kais lang.
Ärztliche Untersuchung und Paßrevision. Dann darf man von Bord. Jetzt noch die zollamtliche Untersuchung. Der Flieger verhandelt aufgeregt mit einem Gepäckträger. Koffer auf Koffer rollt an. Immer wieder greifen die geübten Hände der Zollbeamten tief in Kisten und Koffer. Der ehemalige Fliegeroffizier hat einen Teil seiner Sachen schon durch, aber nun zieht der Beamte ein Bündel Uhrketten aus einem Paar Damenhandschuhe.
„Was ist das?“ — und nun kommt Stück für Stück ans Tageslicht. Er bekommt einen puterroten Kopf. Tapfer hält sich die junge Frau.
Auf Schmuggel steht Beschlagnahme der Ware und hohe Geldstrafe, bei großen Beträgen Gefängnis. Weiß Gott, da wird der Herr vom Tisch vis-à-vis abgeführt. Er hatte Brillanten in der Weste eingenäht. Eine Dame soll ihn angezeigt haben.
Sicher erhoffte Telegramme sind ausgeblieben. Über Paraguay hört man bereits im Zollamt nur Ungünstiges. Luftschlösser stürzen ein. Und die Traumstadt der Verheißung ist, wenn man sie betritt, auch nicht anders wie jede Weltstadt: eine gewaltige Mühle, die die Masse der Menschen zerreibt, um den wenigen Zähen, Auserwählten den Aufstieg zu unerhörter Macht freizugeben.