Argentinien (continued 2)
Reading edition
Pappeln säumen alle Wege, Pappeln, immer nur Pappeln. Ist in andern Gegenden der Republik Meilen auf Meilen und Stunden auf Stunden ermüdender Bahnfahrt Drahtzaun, Windrad und Wassertank das ewig wiederkehrende Motiv, so ist es hier der hohe schlanke Baum. Regelmäßig und quadratisch wie alles hier im Lande, ist das ganze Bewässerungsgebiet in Lose von gleicher Größe geteilt. Kann auch ein Besitzer mehrere Lose in einer Hand vereinen, so muß doch ein jedes Los von der Größe von 100 Hektar von öffentlichen Wegen umschlossen sein. Jeder dieser Wege, von denen der größte, die Hauptverkehrsader durch die Kolonie, eine Breite von 50 Meter hat, ist mit enggepflanzten Pappeln eingefaßt. Und jeder Weg auf den Chacras, ja jedes Feld ist wieder mit diesen Bäumen umstanden. Sie säumen jeden Corral und jeden Wassergraben. Ihr Zweck ist ein vielfacher. Sie sollen die Gewalt der vom Hochland herunterbrausenden Staubstürme brechen und die jungen Pflanzungen schützen, und sie sollen die Böschungen der Kanäle festigen. Aber daneben reizt auch das rein Praktische zu ihrer Anpflanzung. Sie geben Holz, ein wertvoller Artikel in diesem holzarmen Lande. Und als letzten, wenn auch vielleicht nicht einmal beabsichtigten Vorteil spenden sie Schatten. Stundenlang im Schatten reiten zu können ist ein Genuß, den man sonst in Argentinien nicht leicht findet.
Am stärksten ist der Kontrast zwischen dem leichten frischen Grün des Bewässerungslandes und der gelben heißen Dürre des übrigen Bodens unmittelbar an der Mündung des großen, im Bau befindlichen Regierungskanales bei Almirante Cordero. Einige Kilometer flußaufwärts von der Vereinigung des Neuquen und des Limay, die zusammen den Rio Negro bilden, ist mittels eines gewaltigen Staudammes das gesamte Flußbett abgesperrt. Von hier zweigt der große Regierungskanal ab, der bis Zorilla oder Chinchinales führen und das gesamte Rio-Negro-Tal auf eine Länge von 120 bis 150 Kilometer bewässern soll. Dieser Staudamm soll zugleich das Tal vor den gefährlichen Überschwemmungen schützen, die es bisher von Zeit zu Zeit verheerten und deren letzte im Jahre 1899 das Städtchen General Roca zerstörte. Vollständig wird der Schutz vor den Überschwemmungen allerdings erst dann sein, wenn auch der Limay reguliert ist. Die größte Gefahr ist jedoch wohl heute schon gebannt.
Ein besonders günstiger Umstand ist das Vorhandensein eines ungeheuren leeren Felsenkessels unweit des Staudammes, die Cuenca Vidal. Ihre Steilwände haben ein Fassungsvermögen von über 5 Milliarden Kubikmeter, so daß selbst die größten Wassermengen zu Zeiten ungewöhnlich großer Schneeschmelze unschädlich dorthin abgeleitet werden können.
Almirante Cordero ist heute nichts als eine Barackenstadt für die am Bau beschäftigten Ingenieure und Arbeiter. Der Anblick ist aber wesentlich anders als der sonst übliche. Man hat gleich zu Beginn der Arbeiten Bewässerungskanäle gezogen und Bäume gepflanzt, und heute liegen die Wellblechbaracken im Schatten eines dichten Haines hochstämmiger Pappeln.
Es ist die Zeit des niedersten Wasserstandes, und doch ist es eine gewaltige Wasserflut, die durch die Schleusen in den unmittelbar vor dem Staudamm abbiegenden Hauptkanal strömt, genug, um Zehntausende von Hektaren zu bewässern. Wenige hundert Meter flußaufwärts zweigt ein breites steiniges Bett ab, das einen natürlichen Ablauf zur Cuenca Vidal bildet. Man ist augenblicklich noch dabei, das Bett zu vertiefen. Zwischen dieser Linie und dem Kanal ist ein Streifen Kulturland von Pappelreihen eingefaßt, und es breiten sich frischer grüner Rasen und blühende Gärten. Inmitten der sonstigen Steinwüste wirkt dies alles fast phantastisch, um so mehr als der Übergang zwischen Fruchtbarkeit und Dürre nicht allmählich erfolgt, sondern plötzlich, wie mit der Meßschnur gezogen.
Der Rio Negro fließt dicht am Südrande des Tals entlang, teilweise fast am Fuße der Steilwände des patagonischen Hochlandes. Im Gegensatz dazu wird der Kanal am Nordrand des Tales entlang geführt. Mittels eines Systems von Nebenkanälen, die das Tal durchqueren, soll das ganze Gebiet mit Wasser versorgt werden. Bisher sind aber nur die ersten Zonen mit den Kolonien Picasso und Luzinda unter Kultur genommen. Trotzdem an dem Kanal seit vielen Jahren gebaut wird und mehr als 12 Millionen Peso dafür ausgegeben sind, schiebt sich die endliche Fertigstellung von Jahr zu Jahr hinaus, so daß die Bewässerung der größten Kolonie, General Roca, noch immer durch den alten Genossenschaftskanal erfolgt, während die weiter flußabwärts liegenden Gebiete einstweilen vergeblich auf Wasser warten.
Die Bewässerung erfolgt in der Weise, daß von Nebenkanälen, den „Secundarios“, durch immer weitere Verzweigungen das Wasser bis zu jeder einzelnen Chacra geleitet wird. Hier hat der Besitzer durch ein System von Gräben, den „Acequias“, selbst für die Verteilung des Wassers zu sorgen. Vorbedingung für die Bewässerung ist die vollkommene Planierung des Geländes. Darauf wird jeder einzelne von Acequias umrahmte Abschnitt oder Potrero durch niedrige Dämme in Streifen von 20 Meter Breite eingeteilt. Diese Streifen können nacheinander je nach Bedarf unter Wasser gesetzt werden, indem man die Acequias staut und den Damm an der gewünschten Stelle durchsticht.
Die Schwierigkeit liegt darin, dem Boden die richtige Wassermenge zuzuführen. Vielfach hat sich durch ein Zuviel der Grundwasserspiegel in bedenklicher Weise gehoben. Aus solcher Überwässerung mag auch der allzu große Wassergehalt herrühren und der dadurch bewirkte fade Geschmack, den man da und dort dem Obst vom Rio Negro vorwirft. An einzelnen Stellen sind die Folgen noch schwerer, und eine unachtsame, allzu reichliche Bewässerung hat zu einer vollkommenen Verschlammung des Bodens geführt, die stellenweise so weit geht, daß man beim Passieren zu versinken droht.
Vor einem solchen versumpften Feld mögen einen Bedenken beschleichen, daß sich die Natur doch nicht ungestraft ins Handwerk pfuschen läßt. Allein es sind Fehler, die in der Anlage liegen. Jedes Bewässerungssystem erfordert die gleichzeitige Anlage von Entwässerungskanälen; bei dem neuen Regierungskanal hat man dies vorgesehen und auch ein Entwässerungssystem gebaut.
Der Eindruck, den das Bewässerungsgebiet macht, ist trotz der technischen Unzulänglichkeit größer als der jedes andern technischen Werkes. Denn hier greift der Mensch wirksam und erfolgreich in den Lauf der Natur ein. Er gibt dem Lande nicht nur Wasser, wann er will, sondern mit der Bewässerung des Tales ändert sich auch das Klima, und mit diesem und infolge der vom übrigen Argentinien von Grund aus abweichenden Lebensbedingungen ändert sich wohl auch der Charakter der hier aufwachsenden Menschen. Die schwüle Hitze, die andere Teile Argentiniens so unerträglich macht, fehlt hier völlig. Die Nächte sind auch im Sommer frisch, die Winter kalt. Statt der extensiven Wirtschaft im übrigen Argentinien herrscht hier intensiver Betrieb. Das Leben hat hier etwas von der Enge, aber auch von der Behaglichkeit des alten Deutschland. Ein bitterer Wermutstropfen nur: trotz der Bemühungen einzelner Deutschargentinier, wie Theodor Alemanns, war es vor dem Kriege nicht möglich, Interesse für diesen Landstrich zu gewinnen, der wie kein anderer für deutsche Einwanderung geeignet gewesen wäre. Heute ist das Land fast durchweg in festen Händen und teuer, so daß deutsche Einwanderer nur gestützt auf eine kapitalkräftige Kolonisationsgesellschaft hier die Ansiedelung wagen könnten.
18. Ritt durch Neuquen.
Am Neuquenfluß.

Der Zug fährt durch eine Wand von Staub. Mehr als die schwarzen Schleier, die die unendliche Nacht vor die Kupeefenster zieht, sind es die Staubmassen, die jeden Ausblick hemmen. Wie inmitten einer Sandhose fährt der Zug.
Resigniert gibt man den Versuch auf, durch die blinden Scheiben den Charakter der Landschaft zu erspähen, und läßt auch noch die hölzernen Rolläden herab, um dem Staub den Eintritt in den Wagen zu wehren.
Umsonst. Durch die feinsten Ritzen dringt er ein. Fingerdick setzt er sich auf Polster und Lehne, auf Koffer und Kleider. Von Zeit zu Zeit macht ein Bediensteter der Bahn den Versuch, mit einem Wedel den Staub aufzuwischen. Es ist hoffnungslos. Der Zug ertrinkt im Staub.
Wie sagte der Herr in Bahia Blanca, als er von meiner Reise durch Neuquen hörte?
„Was, in diese Wüste wollen Sie?“
„Waren Sie denn schon einmal dort?“ war meine Gegenfrage.
„Nein, aber das weiß man doch!“
Das weiß man doch! Ich frage etwas unter meinen Bekannten in Bahia Blanca herum, wer Neuquen oder auch nur Rio Negro kenne. Das Resultat war nicht anders als in Buenos Aires. — Kaum einer. Seltsam, da handeln die Geschäftsherren mit den Frutos del pais, mit Getreide und Alfalfa, mit Wolle und Häuten, aber sie haben kein Interesse daran, das Land kennenzulernen, aus dem sie das beziehen, womit sie sich ein Vermögen machen.
Und so bilden sich Urteile nicht aus eigener Anschauung, sondern gleichsam auf überkommenen Konventionen ruhend, die man nachspricht, ohne sie nachzuprüfen. „Patagonien — nur für Schafzucht geeignet“, „Regierungsland — wertlos“, „Neuquen — eine Wüste“.
Stimmt das Urteil? Auf den Stationen sieht man im schwachen Licht der Sterne kaum eine Bretterbude, einen Windmotor und Wassertank, dahinter nichts als zampabestandene Wüste. — Ich gehe ins Schlafkupee. Auch hier der Staub. Noch in den Traum folgt er und liegt beim Aufwachen trocken im Gaumen und knirscht zwischen den Zähnen.
Die Stationen sind spärlich geworden. Stundenlang fährt der Zug von einer zur andern. Und nicht einmal für die wenigen fanden sich Namen, einfach Kilometer soundso.
Sand, Zampa, Tosca, dorniges Buschwerk, bestenfalls am Horizont ein paar Hügel und leicht sich wellende Berge.
Um neun Uhr sind wir in Ramon M. Castro, der letzten Station vor Zapala, von wo die Reise zu Pferd weitergehen soll.

Freundliche Marktweiber.

Lamaherde.

Ein Säugling zu Pferd.

In einer bolivianischen Posada.
Wie ging uns als Knabe das Herz auf, wenn wir von Wild West lasen. Heute kann man die Vereinigten Staaten von Ost nach West, von Nord nach Süd durchfahren, man wird von Wild-West-Romantik nichts mehr sehen. In Argentinien gibt es sie noch, keine 40 Bahnstunden von der Hauptstadt entfernt: Städte, die heute aus ein paar Wellblechbaracken bestehen und deren Entwicklung niemand ahnen kann. Unbegrenzte Möglichkeiten für den Zähen, Zielbewußten, und königliche, schrankenlose Freiheit in unbegrenzter Weite.
Die Häuser, aus denen Ramon M. Castro besteht, lassen sich leicht an zwei Händen zählen: Außer der Station drei Almacene, ein Franzose, ein Spanier, ein Pole, eine Fonda, die ein Italiener bewirtschaftet, die Bretterbude der Polizeistation und einige Lehmranchos. Halt, da ist noch ein stattliches, zweistöckiges Gebäude, ein Ziegelbau mit Wellblechdach — die Schule. Man frägt erstaunt, für wen. Alle Achtung vor einem Land, das in seinen abgelegensten, menschenärmsten Teilen noch solche Schulen baut.
Diese armselige Kampstadt inmitten trostlos heißer Sandwüste ist für eine weite Umgebung Kultur- und Wirtschaftszentrum. Hierher verkaufen die wenigen an dem Flusse sitzenden Estancieros wie die auf dem Regierungsland nomadisierenden Indios ihr Vieh und ihre Felle. Hier können sie in den Läden alles einkaufen, was sie brauchen, und in der Kneipe können sie spielen und sich betrinken. Kehrt man nach tagelangen Ritten in einsamer Wüste und Steppe nach Ramon zurück, so ist es nicht anders als die Rückkehr aus der Provinz nach Buenos Aires.
Einstweilen aber kann man es nicht fassen, wie Menschen es in diesem heißen, sandigen Kessel aushalten. Kein Grün, weder Busch noch Baum. Nur an der Bahn das Gärtchen des Stationsvorstands, das, von dem Tank der Südbahn aus mit Wasser versorgt, mit frischem Grün prangt: Tomaten, Kohl, Pfirsiche, Äpfel, Birnen.
Sonst kommt alles, was diese Kampstadt zum Leben braucht, mit der Bahn. Die Preise sind höher als in Buenos Aires. Früchte, die man nur wenige Bahnstunden weit in Roca zu anderthalb Peso das Hundert kaufen kann, verkauft der Italiener mit 10 Cent das Stück. Gebrauchsgegenstände, Stoffe, Kleider, Küchengerät, Messer usw. verkaufen die Almaceneros mit hundert, zweihundert, ja sogar dreihundert Prozent Aufschlag. Oft spielt sich das Geschäft in der Weise ab, daß die Indios den Erlös für Vieh, Felle oder Wolle in einem Tag vertrinken, die Ware auf Kredit nehmen und wieder ohne einen Cent bares Geld auf ihre einsamen Ranchos zurückkehren.
Wir warten die größte Mittagshitze ab, ehe wir abreiten. Mäntel und Decken — denn die Nächte sind kalt — und ein wenig Wäsche ist alles, was mitkommt.
Ein breites flaches Tal zwischen sanften Hängen zieht sich nach Norden. Wir reiten Stunden und Stunden. In großen Abständen kündet eine weidende Tropilla Pferde oder eine Schaf- und Ziegenherde einen Puesto, eine kleine Ansiedlung von Indianern.
Ein ganz ärmlicher Rancho, ein Brunnen, um den Kürbisse wuchern, und allenfalls noch ein Corral, mit mühsam zusammengesuchtem Gestrüpp kunstlos eingehegt, das ist alles. Auf engstem Raum hausen unter dem niedrigen Lehmdach oft mehrere Männer und Frauen und ein Dutzend Kinder. Wir steigen ab und bitten um Wasser. Mit argentinischer Höflichkeit wird es gereicht, aber als wir photographieren wollen, gibt es fast eine böse Szene. Die Señora fürchtet sich vor dem Apparat; vielleicht glaubt sie sich auch nicht schön genug angezogen. Wir müssen ohne Aufnahme weiter.
Von den Hufen unserer galoppierenden Pferde weht der Staub in langen Fahnen. So geht es Stunde um Stunde, kaum mit kurzen Schritteinlagen. Es sind billige eingeborene Tiere, klein und unansehnlich; aber fabelhaft ist, was sie leisten. Sicher wird durch Mischung mit europäischem Blut der einheimische Schlag größer und ansehnlicher. Allein geht das nicht auf Kosten von Zähigkeit und Anspruchslosigkeit? Kein europäisches Pferd könnte bei diesem Futter auch nur entfernt ähnliches leisten.
Schon will es dämmern, als sich das Tal verengt. Felskulissen schieben sich vor. Über den Paßeinschnitt wechselt flüchtendes Wild — Strauße. Scharf zeichnen sich für Augenblicke ihre Silhouetten am Horizont ab.
Die Pferde keuchen den steinigen Pfad empor. Auf der Höhe weitet sich der Blick. Den Horizont grenzen blaue Berge.
In wildem Farbentaumel stirbt der Tag. Soweit das Auge reicht, nicht Mensch noch Tier noch Anzeichen menschlicher Behausung. Ringsum grenzenlose Einsamkeit.
Der Galopp der Tiere, der müd und kurz geworden war, wird in der kühlen Nachtluft wieder raumgreifend. Schweigend galoppieren wir durch buschbestandene Steppe. Mensch wie Tier hasten dem Ziele zu.
Aus dem Grunde vor den horizontfernen Bergen, die sich jetzt wie eine schwarze Wand drohend vor uns aufbauen, kommt ein mattes Blinken wie von Silber, auf das schwaches Licht fällt — der Fluß.
Ohne es zu wissen löst sich aus staubtrockener Kehle ein Schrei: Der Fluß, Wasser, Leben! Die Pferde rasen ohne Antrieb vorwärts.
Wie im Traum faßt das Auge die wechselnde Landschaft. Zwischen den blinkenden Kurven dunkle Flächen von Grün, Gras und Alfalfa, mehr geahnt als erkannt, Pappeln in Reihen aufmarschiert, die Schatten hoher Baumgruppen.
Inmitten der Wüste grünendes Leben, treibende Frucht.
Wir reiten zwischen Pappelreihen. Dahinter Weingärten, Obst, Früchte. Unter hohen Bäumen ein großes, weißes Haus, Schuppen, Ställe und ringsherum Gärten. Eine Oase in der Wüste nimmt uns auf.
Es ist kein anderer Boden, kein anderes Land als jenes, das wir durchritten haben, nur daß es der Zauberstab berührt hat, auf den das ganze Land wartet, um sich in ein Paradies zu wandeln — die segenspendenden, lebenschenkenden Fluten künstlicher Bewässerung.
19. Zukunftsland.

Wo der Rio Cayunco in den Neuquen fließt, treten die Berge im weiten Umkreis zurück und bilden mit ihren steil abfallenden Wänden einen mächtigen Felskessel. Eingeschlossen von dem toten heißen Gestein aber, an den Ufern der Flüsse, fruchtbares Land, das nur des Wassers bedarf, um jede Frucht zu treiben.
Es ist ein eigen Ding um die Sonne, die hier von einem Himmel von unendlicher Bläue herunterbrennt und deren Hitze die steinernen Mauern vielfach widerstrahlen. In wenigen Tagen färbt sie Gesicht und Hände, den offenen Hals und die bloßen Arme über ein Indianerrot zu einem tiefen satten Braun.
Sicherlich steigt hier die Quecksilbersäule auf die gleiche Höhe wie in Buenos Aires, ja selbst auf die Höhe, die ich im Dezember und Januar im Norden der Provinz Santa Fé stöhnend erlebte. Aber es ist eine andere Hitze. Es scheint eine andere Sonne. Die Luft ist in diesem Lande, das keinen Regen kennt, von einer Trockenheit, Reinheit und Klarheit, daß die Hitze nur wie ein köstlicher, warmer Hauch empfunden wird. Dazu sind die Nächte wundervoll frisch, fast kalt.
Wer hat von diesem Klima Neuquens gehört? Ich habe nur von unerträglichen Staubstürmen gelesen, und es bedarf wohl geraumer Zeit, bis man sich klar wird, daß dieses Wohlgefühl des Körpers von einem Klima herrührt, das dem Ägyptens ähnelt.
In der trockenen Glut dieses Felskessels reift eine Frucht von unendlicher Süße. Ich gehe durch die pappelumstandenen Weingärten der Estancia, die mir Gastfreundschaft gewährt. Schwer hängen grün und blau und rot die Trauben von den jungen Stöcken. Noch sind erst schüchterne Versuche gemacht worden, aus ihnen Wein zu keltern. Aber Lage und Boden müssen ein Produkt geben, das es mit jedem Wein des Rio-Negro-Tales aufnehmen kann. Anschließend strömen die Obstgärten unter kühlem Schatten einen betäubenden Duft aus. Die zehnjährigen Pfirsichbäume hängen übervoll. Hier und da sind besonders schwerbehangene Äste gestützt oder unter der Last der Früchte heruntergebrochen. Weiterhin Äpfel und Birnen, Pflaumen, aber auch Feigen. Auch mit Tabak sind die ersten Anbauversuche erfolgreich gemacht. Der Boden scheint alles zu tragen, was man in ihn pflanzt.
Schwierig ist die Verwertung. Zur Station sind zehn Leguas. Trotzdem werden Früchte nach Bahia Blanca verschickt. Das übrige dient für den großen Bedarf des Besitzers, seiner Familie und des Gesindes. Für den Winter wird in großem Maße Trockenobst bereitet, das man in einfacher Weise in der Sonne dörrt.
Die Obst- und Weingärten säumen Alfalfafelder, die fast bis an den Fluß reichen. Unter den Akazienbäumen des Hofes steht die Reinigungsmaschine, die den Samen von den letzten Unreinigkeiten befreit. Wie pures Gold rinnen die gelben Körner über die Siebe in die Benzinkannen, die als Meßgefäße dienen.
Keuchend bringen die Peone die schweren Säcke angeschleppt. Klappernd dreht sich die Maschine, und ein kleiner Indianerjunge streicht vorsichtig den Samen in den Latas, den Kannen, bis zum Rande glatt, damit das Maß genau stimme, und der Besitzer füllt über ausgebreitetem Segeltuch den goldenen Samen so sorgfältig in die zum Versand bestimmten doppelten Säcke, als handle es sich um wirkliches Gold. Für ihn ist es das auch. Trägt ihm doch jeder Hektar 500 Kilo Samen und rechnet er aus seinen wenigen hundert Hektaren auf einen Gewinn von 30000 bis 40000 Peso.
Mit Ausnahme der in der Nähe des Flusses liegenden Alfalfafelder empfängt das ganze Land Wasser mittels eines Kanals, der zwei Leguas oberhalb der Estancia vom Fluß abzweigt und durch ein System von Acequias Alfalfa, Obst und Wein bewässert.
Die ganze Anlage ist nicht älter als dreizehn Jahre. Um diese Zeit kam der Besitzer hierher, ein Spanier, der bisher einen Laden in Las Lajas hatte, kaufte um wenige Peso das wertlose Land und schuf in unermüdlicher, harter Arbeit das heutige Paradies.
Das Land ringsum, zum Teil Regierungsland, zum Teil Privatland, ernst um einen Pappenstiel gekauft, aber unverwertet gelassen, da seine unfruchtbare Dürre kaum Schafe und Ziegen ernähren würde, unterliegt denselben Bedingungen. Nur zwei Dinge braucht es, Arbeit und Wasser.
Wir reiten zum Fluß. Noch brennt die Mittagssonne. Langsam trotten die Pferde hintereinander auf dem schmalen Pfad durch die Alfalfa. Noch liegt ein leichter blauer Schimmer der absterbenden Blüte über dem grünen Feld. Doch die meisten Pflanzen hängen schon schwer unter dem überreichen Samen.
Ein breiter Streifen ungenützten Landes trennt das letzte Alfalfafeld vom Fluß, Überschwemmungsland. Denn noch ist ja der wilde Gebirgsfluß in keiner Weise reguliert, und Überschwemmungen drohen hier jede menschliche Arbeit zu vernichten. Sand und Kiesbank, grünumstandene Lagunen, Schilf, Gras und Buschwerk, durch das sich die Pferde kaum einen Weg bahnen können und das fast über unseren Köpfen zusammenschlägt, wechseln miteinander ab. Dann wieder das Kiesbett eines trockenen Flußarmes und Weiden in kleinen Gruppen. Die Sonne brennt auf unsere bloßen Arme. Über unsern Häuptern streicht ruhigen Fluges ein mächtiger Adler. In seinen Fängen windet sich lang herabhängend eine große Schlange.
Unsere Pferde saufen im Fluß. Man muß schon ein guter Schwimmer sein, um über den breiten reißenden Strom das andere Ufer zu gewinnen. Fast andächtig sehe ich auf die raschfließende Flut. Wie nutzlos vergeudetes Lebensblut verströmt sie. Nur ein winziger Bruchteil dieses lebenweckenden Elementes ist ja abgefangen. Statt Hunderte von Hektaren ließen sich Tausende und Zehntausende bewässern. Wir stehen hier am Anfang vielfältigen Werdens.
Vor den Hufen unserer Pferde schwirren immer wieder die Martinetes auf. Diese schmackhaften, hier nur allzu zahlreichen Vögel sind der einzige Feind der Kulturen, die weder Dürre noch Heuschrecken, noch Phylloxera noch irgendeine andere Reben- oder Baumkrankheit kennen. Aber wie der Weg höher hinaufführt, sandiger und steiniger wird, hören auch sie auf, und nur ab und zu huscht eine feiste Feldmaus vorüber oder ein putziges Gürteltier, das eiligst hinter einem Busch Deckung sucht.
Der Weg führt hoch oben am Rand der Felsmauern entlang, und man sieht weithin über das Land. Nur spärlich sind die grünen Flächen bebauten Landes oder die Baumgruppen, die menschliche Wohnung künden. Fast zufällig sind sie entstanden, indem da oder dort ein unternehmender Estanciero oder ein etwas weiterblickender Indio einen Kanal vom Fluß abzweigte.
Rasch wechseln beim eiligen Reiten Gedanken und Phantasien. Wenn hier planmäßig gearbeitet würde, wenn das Wasser der Flüsse nicht nur zu rationeller, groß angelegter Bewässerung genützt, sondern der regulierte Neuquen gleichzeitig als Transportstraße für den Absatz der Produkte dieses Landstriches verwendet werden könnte und sein Gefälle für den Antrieb elektrischer Maschinen, die ein weites Gebiet mit Licht und Kraft versorgten — da, das bäumende Pferd wirft mich fast aus dem Sattel. Grellgelb und schwarz züngelt dicht vor ihm eine Giftschlange auf. Die Pistole fliegt aus dem Futteral. Aber schon ist das Biest in einem Erdloch verschwunden. Die Gedanken sind plötzlich abgerissen. Noch ist hier ja Wüste, Einsamkeit, Weltabgeschiedenheit. Wer hier als Ansiedler anfängt, läßt weit hinter sich alles, was Kultur und Zivilisation heißt. In weiter Ferne liegt die Verwirklichung der Möglichkeiten, die dieses Land birgt, es sei denn, daß zu den beiden, die Wüste in Garten wandeln sollen, zu Wasser und menschlicher Arbeit, ein drittes kommt — das Kapital.
20. Deutsche Siedler in argentinischer Wildnis.
Am Cayunco.

Die Nebenflüsse des Neuquen vervielfachen die Möglichkeiten dieses Flusses der Gobernacion gleichen Namens. Wenn auch für Schiffahrtszwecke infolge des niedrigen Wasserstandes im Sommer nicht geeignet, so sind die Verhältnisse für künstliche Bewässerung hier stellenweise noch günstiger als am Hauptfluß.
Ich reite den Cayunco stromauf. Einige Leguas hinter der Mündung schließt sich das Tal zu enger Felsschlucht zusammen. Tief unten springt der Fluß über Felsblöcke. Aber noch hier oben am Wege ist der Stein seltsam ausgehöhlt, rundgewaschen und glattpoliert, zum Zeichen, daß manchen Winter übergroße Wassermassen die ganze Schlucht füllten.
Hinter der Enge öffnet sich ein weites Tal. Auf dem nördlichen Ufer rücken die Berge bis an den fernen Horizont zurück, während sie sich auf dem südlichen in sanftgewellte Hügel lösen.
Von Zeit zu Zeit künden grüne Flächen und Baumgruppen die Puestos von Indianern, die mit Hilfe primitiver Kanäle einige Hektar unter Kultur genommen haben.
Bei einer Ranchogruppe unter besonders hohen dichten Bäumen soll erste Rast gehalten werden. Allein statt der Indios, die wir um Mate, um Paraguaytee, angehen wollten, stoßen wir auf Männer, bei denen aller Sonnenbrand die mitteleuropäische Abkunft nicht verwischen konnte. Deutsche Laute nehmen den letzten Zweifel. Wir sind in einer deutschen Siedelung mitten in der Wildnis, an der Grenze der Republik.
Es sind junge Leute zwischen zwanzig und dreißig Jahren, die der für Deutschland ungünstige Ausgang des Krieges aus ihrer Bahn geworfen hat: aktive Offiziere des Heeres und der Flotte, Marineingenieure, Staatsbeamte, aber auch Handwerker und Landarbeiter. Da sie nicht über viel Geld verfügten, blieb ihnen die Qual der Wahl, wo sie das Land kaufen sollten, erspart. Sie mußten sich mit billigem Regierungsland begnügen.
Ich habe einige Tage unter diesen Siedlern gelebt, und ich muß sagen, einfacher kann man nicht gut leben, aber auch kaum glücklicher und zukunftsfroher sein. Wohl waren einige Lehmranchos da. Aber da sie noch von ihren früheren Bewohnern her voll Ungeziefer saßen, nutzte man sie lediglich als Gepäck- und Geräteschuppen, und alles, einschließlich der einen Frau, die ihren Gatten in die Wildnis begleitete, schlief im Freien.
Es ist ein herrliches Schlafen unter dem freien strahlenden Sternenhimmel, wenn auch das Aufstehen in der empfindlichen Kühle nicht ganz leicht ist. Bereits vor fünf Uhr steht alles um das mächtig flackernde Feuer, auf dem der Siedler vom Küchendienst bereits den Morgenkaffee bereitete.
Um fünf Uhr beginnt die Arbeit. Der ehemalige Indianerpuesto, in dem sich die Siedler zunächst niedergelassen, hatte einen alten verwahrlosten Kanal. Den galt es zunächst in Ordnung bringen, um möglichst rasch einige Hektar Gartenland und Weide bewässern zu können. Dann mußte ein Potrero gebaut werden, der bereits fertig ist, und jetzt ist man an der Errichtung eines Kolonistenheims, um vor Eintritt der kalten Jahreszeit unter Dach und Fach zu sein und um vor allem auch für die übrigen Frauen, die teilweise auf benachbarten Estancien, teilweise noch in Deutschland sitzen, eine gute warme Unterkunft zu schaffen.
Steine für den Unterbau liefert eine hinter der Siedelung hochsteigende Felswand. Lehmboden zum Ziegelbrennen ist zur Genüge da, Kalk hofft man noch zu finden, und so brauchen nur Holz und Wellblech zugeführt zu werden. Einer der Siedler ist Architekt, nach dessen Plänen und unter dessen Leitung gebaut wird.
Es sind etwa zwanzig Herren, die unter der Leitung zweier argentinischer Landwirte, eines Kolonisationschefs und eines Capataz, den Grundstock zu einer Siedelung legen.
Manche der Siedler stammen aus angesehenen, wohlhabenden Familien, und sicher war der Sprung in so ganz andere Lebensverhältnisse und die Gewöhnung an schwere körperliche Arbeit nicht leicht, und das Zusammenleben so verschiedenartiger Elemente auf so engem Raume mußte zu Reibungen führen. Aber wie sich alle in der Zwischenzeit ein paar tüchtige, schwielige Hände zugelegt haben, so hatte ich auch den Eindruck, daß sich die übergroße Mehrzahl nicht nur mit dem neuen Leben abgefunden hat, sondern daß sie alle völlig in ihrer Arbeit und in ihrem Unternehmen aufgehen.
Es ist ein eigen Ding um die Arbeit auf eigenem Grund und Boden. Zehnmal so leicht ist sie wie für fremde Rechnung. Die Siedler haben sich zunächst zu einem Jahr unentgeltlicher gemeinschaftlicher Arbeit verpflichtet, und sobald wie möglich sollen dann die einzelnen Familien auf eigenen Losen angesiedelt werden und jede eine gewisse Anzahl Hektar Bewässerungsland bewirtschaften, während der übrige Kamp genossenschaftlicher Viehwirtschaft dient.
Sobald es Abend wird, kommen die einzelnen Gruppen von der Arbeit, die einen vom Steinetragen, die andern vom Roden, die dritten vom Kanalbau. Unter den Pappeln und Weiden sitzt man auf den selbstgefertigten Bänken, ein Stück knusprigen Bratens in der Hand.
Rasch sinkt die Nacht. Von dem verglimmenden Feuer steigt ein leichter blauer Rauch. Aus dem Potrero tönt das Läuten der Glocke der Leitstute der Tropilla, und in das Läuten der Glocke, in das Quaken der Frösche vom Fluß her und das Zirpen der Grillen und in all die unbestimmbaren Geräusche der Nacht in der Wildnis klingt immer wieder das Lachen der jungen Frau.
Man sitzt und erzählt. Einer hat sich schon zurückgezogen, und aus der Ferne klingt sein Geigenspiel. Schwermütige Weisen — wie könnt’ es anders sein.
Es war viel Hoffnungsfreude und Zukunftsglaube unter den Siedlern. Im Geiste stand bereits das Haus, blühte das Feld. Aber als ich nach Jahresfrist nach Argentinien zurückkehrte, da war die Siedelung eingegangen, an Kapitalmangel, an Streitigkeiten der Siedler. Sie alle waren auseinandergeflogen, und ein Teil vegetierte dahin in Elend und Armut.
21. Auf dem Cayuncohochland.
Am Cayunco.

Zwischen den beiden Nebenflüssen des Neuquen, dem Cayunco und dem Agrio, erstreckt sich als Wasserscheide ein mächtiges Hochplateau. Vom Fluß aus scheinen dessen steil abfallende Wände das Tal wie mit unübersteigbaren Mauern abzuschließen. Aber wie man mir sagt, führt ein Reitweg auf die Hochfläche hinauf, und da Hufspuren und vertrockneter Pferdemist untrügliche Spuren geben, reite ich allein eines Morgens los.
Endlos dehnt sich der Weg. Die scheinbar so nahen Felsmauern rücken immer wieder ein Stück in die Ferne. Es zeigt sich, daß oberhalb der leicht und einfach bewässerbaren Flußufer sich weithin eine zweite Stufe dehnt, teilweise Ebene, teilweise leicht gewelltes Land, die nicht minder Frucht und Alfalfa tragen könnten wie das Land am Fluß, wenn, ja wenn es gelänge, hierhin Wasser zu bringen. Allein mit den einfachen Mitteln des bisherigen Kanalsystems ist nicht daran zu denken. Dazu gehörten schon Stauwerke, großzügige Anlagen, Ingenieurarbeit.
Zwischen Zampabüschen, die noch bei größter Dürre und absolutem Wassermangel gedeihen, führt die Hufspur. Der Boden ist reich an Salpetersalzen. Stellenweise ist er weiß von ausgeschiedenen Kristallen, und einzelne Pflanzen sind von unten her ganz damit bedeckt. Die Kristalle kriechen an Wurzeln und Stengeln in die Höhe, so daß es aussieht, als verwandelten sie sich langsam in steinerne Blumen des Todes.
Eine Reihe trockener Flußbetten kreuzt den Weg. Dann schlängelt er sich längs der Felsen hin, bis eine Schlucht sich auftut und steil und steinig der Weg sich aufwärts windet.
Mühsam keucht das Pferd. Auf Meilen sind wir beide die einzigen Lebewesen. Sind wir’s wirklich? Dort, von dem Felsvorsprung, hebt sich eine seltsame Silhouette vom Himmel ab, ein seltsam geformter Stein, ein bizarrer Strauch, oder ist es wirklich ein Guanaco? Beim Näherkommen zeichnet sich deutlich das braune zottelige Fell ab, der unwahrscheinlich lange Hals, der lächerlich kleine Kopf des Tieres, das wie eine tolle Laune des Schöpfers wirkt. In seiner unbeweglichen Haltung sieht das Tier nicht anders aus wie einer dieser grotesken Auswüchse der Felsen, die bald Drachen, bald menschliche Köpfe oder tierische Leiber scheinen. Fast könnte man noch zweifeln, ob es wirklich ein lebendes Wesen ist. Da bekommt es Wind von dem nahen Menschen und zieht in eiliger Flucht ab.
Wie Blut und Feuer brennt in der Sonne der rote Fels. Die Augen schmerzen, bis der Rand der Hochfläche erreicht ist und das jetzt wieder alles überwuchernde matte Grün der Büsche wohltuende Ruhe gibt.
Aber zwischen den Büschen verschwindet der letzte Rest der Hufspur. In den leichten Senkungen des Hochplateaus versinkt der letzte Richtpunkt am Horizont. Nach rechts, nach links, nach vorn, nach hinten eine einzige, gleichförmig eintönige Fläche. Nur Sonne und Kompaß bleiben als letzte untrügliche Wegweiser.
In mühsamem Galopp geht es durch das dornige Strauchwerk. In die grenzenlose Verlassenheit zittert ein Sehnen nach etwas Großem, Befreiendem, nach einem Ende dieser verzweiflungsvollen Öde. Aber hinter jede eben überwundene sanfte Hügelkette schiebt sich eine neue. Mit einem Male, als die Stimme, die zur Umkehr mahnt, schon laut und vernehmlich geworden war, scheint es, als höben sich Vorhänge, und von der letzten Kimme aus öffnet sich berauschend weit der Blick ins Agriotal hinunter.
Einem Amphitheater gleich öffnet sich die weite Schlucht. Immer weiter treten Felskulissen zurück, braun und grau und rot, bis über Hänge und Stufen hinunter tief unten im Grund wie fließendes grünes Licht das gewundene Band des Agrio aufleuchtet. Nach West und Nordwest aber baut sich in horizontweiter Ferne unter der leuchtenden Last des ewigen Schnees der Fels der Kordillere in intensiv blauen und weißen Farben auf.
Unbestimmte Sehnsucht ist es, die durch brennend heißen Sand und Dornbusch bis zu jenen unerreichbar fernen Bergen treibt. Zwischen Busch und Stein formt sich wieder Hufspur, die durch Schluchten hindurch langsam wieder abwärts führt zu jener Stufe oberhalb des Cayuncotals.
Eben oder nur in sanfter Wellung zieht sich die Terrasse Leguas weit. Herrenloses Land, unnützes Land, trocken und dürr. Wer hier Wasser hinbrächte, wer hier Weide und Acker erschlösse, nahrungspendend für Tausende!
Vor dem Reiter flüchtende Schaf- und Ziegenherden künden die ersten Spuren menschlicher Siedelung. Es sind Indianerpuestos unten am Fluß zwischen Pappeln und Weiden.
Der Weg führt plötzlich steil und rasch abwärts. Der Fluß rückt dicht heran. Jetzt trennt nur mehr ein steil abfallender Hang den Pfad von seinem blauen Spiegel.

Hörige Indianerinnen im Cocal.

Weg im Fluß.

Prähistorische Mumien vom Andenhochland.

Bolivianischer Friedhof.
Der Weg scheint zu Ende. Die Hänge, die voll von Papageienlöchern sind, lösen Felsen ab, die dicht an den Fluß heranrücken. Zwischen Wasser und Stein bleibt kaum so viel Platz, daß das Pferd vorsichtig tastend seine Hufe setzen kann.
Auf einer Sandbank am Fluß endet der Weg. Kristallklar strömt die Flut. Durstig trinken Mensch und Tier. Hinter dem über den Wasserspiegel Gebeugten knirscht der Kies. Ein Mensch ist aus den Felsen herausgetreten, sonngebräunt, verwildert, mit langem Bart und Haar. Einen mächtigen Kasten und ein Stativ hält er in den Händen. Weiß Gott, ein Nivellierapparat! — Es ist ein Vermessungsingenieur. Seit Wochen haust er hier in menschenfernster Einsamkeit, häuft meterhohe Steinpyramiden zu trigonometrischen Punkten und mißt das Land, das selbst auf den neuesten Regierungskarten nur eine weiße Fläche ist.
Er führt mich zu dem Indianerpuesto, wo er ißt und schläft. Hier kredenzt die braunhäutige Señorita den Mate, den in Argentinien üblichen Paraguaytee. Neben dem alten Indianer, der nicht lesen noch schreiben kann, der nichts kennt als seine Pferde und Schafe, sitzt als Gast und Hausgenosse der akademisch gebildete deutsche Ingenieur und ehemals königlich preußische Staatsbeamte, benutzt zum Trinken dieselbe Bombilla, das Röhrchen mit einem Sieb am untern Ende, und spricht mit dem Indio als Caballero zum Caballero. Der in Europa so ganz andere Verhältnisse gewöhnte Fremde muß immer wieder über die natürliche, kavaliermäßige Sicherheit staunen, mit der sich auch der einfachste Ureinwohner dieses Landes bewegt, und über das über alle sozialen Unterschiede hinwegleitende chevalereske Verhältnis gegenseitiger Höflichkeit und Achtung zwischen Patron und Peon.
Wie ich die beiden nebeneinander sitzen sehe, steigt mir eine Zukunftsvision dieses Staates auf, in dem sich aus den größten Gegensätzen des Klimas, des Bodens und der Menschen langsam und fast unmerklich ein neues Land und eine neue Rasse formen.