Chile
Reading edition

22. Über die Kordillere.
Los Andes.

Von Neuquen führen zwei Wege über die Kordillere der Anden nach Chile, der eine über San Carlos Barriloche und den Nahuel-Huapi-See, der andere über San Martin de los Andes, der erstere im Auto, letzterer nur zu Pferd oder Maultier benutzbar. So groß auch die Lockung war, über die Schneeberge zu reiten, die ich täglich vor mir sah, so entschloß ich mich doch, nach Buenos Aires zurückzufahren, um den ersten und Hauptverkehrsweg zwischen Argentinien und Chile zu benützen und über den Uspallatapaß mit der transandinen Bahn zuerst nach der Hauptstadt der chilenischen Republik zu fahren.
Vierundzwanzigstündige Schnellzugsfahrt bringt nochmals durch die seit Monaten wohlbekannte argentinische Landschaft. Pampa, flache, endlos weite unbegrenzte Ebene. Aber je mehr sich mit Tagesgrauen der Zug der Wein- und Obstzone von Mendoza nähert, desto mehr ändert sich der Charakter der Landschaft. Die Eindrücke vom Rio Negro und Neuquen wiederholen sich. Erst spärlich aufmarschierende Pappelreihen, die ersten Anzeichen künstlicher Bewässerung, dann dichter und dichter werdend Wein, Obstgärten und Alfalfafelder.
Mendoza ist das Zentrum des ältesten Wein- und Fruchtgebietes des Landes, eine friedliche Stadt; gepflasterte Straßen, Baumreihen und Häuschen, umrankt von Trauben. Hier wechselt die Spurweite, und die schmalspurige Andenbahn beginnt.
Von der Landschaft des Rio Negro kommt man in die des Neuquen. Die Kulturen verlieren sich zwischen Sand und Stein, die Berge, die als großartiges Panorama den Horizont säumten, rücken heran. Die Schienen gleiten in Flußtal und Schlucht hinein. Unten rauscht der Mendoza. Hie und da ist noch ein Kanal für die eine oder andere kleine Estancia mit wenigen Alfalfafeldern abgezweigt. Dann hört auch das auf. Die letzten Büsche verschwinden; kein Halm, kein Strauch, keine noch so dürre, bedürfnislose Distel. Nichts als Stein, nackter Fels; nur wo dem kahlen Stein die heißen Quellen entspringen, bei Cacheuta, inmitten ödester Felseinsamkeit mondänstes Leben.
Bald saust der Zug um scharfe Kurven. Täler verengen und weiten sich. Graues, schieferartig übereinandergeschobenes Gestein wird heller und rötet sich zu Sandsteinfarbe. Das letzte Grün verhaucht zwischen den Schluchten. Neue Felsen, neue öde, grandios einsame Steinhalden. Die Sonne brennt in den Steinkessel, die Bläue des Himmels vertieft sich. Im Zug wird es stiller und stiller. Tiefleuchtende Augen sehen voll stummer Andacht in diese Welt, so unbelebt, so unberührt. Hier ist Gottes ureigenstes Gebiet.
Nur das heisere Schnaufen des Zuges und der gellende Sirenenschrei der Lokomotive durchbrechen die Stille. Weiter und weiter. Als ginge es in steinernen Urwald hinein, in ein vormenschliches Zeitalter, mit einem Häuflein Menschen in hochmodernen Wagen.
Noch stummer, noch unbeweglicher, noch mahnender stehen die Felsen. Ein Grauen packt uns vor dieser Einsamkeit. Wer ist stärker, sie oder wir? Stumm stehen die Felsen. Kein Laut löst die Enge. Drei, vier Felsen, wie in Verzweiflung gerungene Hände, dicht aneinander und übereinander wachsend, dann wieder ein einziger großer Stein, ein mächtiger Koloß, ruhend, stark wie ein Gott, der die paar Menschen an sich herankommen läßt. Als der Zug, bei steilerem Anstieg wieder einmal in die Zahnradkette eingeschnappt, langsam keuchte, war einer ausgestiegen, der dann, als die Lokomotive plötzlich wieder anzog, nicht rasch genug wieder aufspringen konnte. Es gab ein verzweifeltes Rennen, bis der Zugführer verständigt war und stoppte. Auf den Zügen des italienischen Auswanderers malte sich das Grauen, als er uns wieder erreichte.
Scharf geht die Bahnlinie den Fels an. Steil wird die Trasse und gefährlich. Bald, in wenigen Wochen, in Tagen vielleicht werden zwischen jenen Felsblöcken die ersten Schneelawinen hinunterrollen. Der Mensch hat Schutzdächer gebaut, um seine Bahn zu schützen. Wie in einen Schlund tauchen wir unter das erste. Oder haben sie den Zweck, die Augen vor der immer großartiger werdenden Schönheit zu schützen? Wenn ein Schutzdach aufhört, sieht man verwirrt in die flimmernden Lichter. Die Sonne hat ihren Zenit überschritten. Regenbogenlichter spielen auf dem Fels. Dahinter die weißen Kuppen der Schneeberge und der bläuliche Schimmer von Gletschern. Wo sie herunterkommen, verändern sie den Fels. Rillen werden gewaschen, Blöcke verschoben. Man ahnt, daß auch hier Kämpfe spielen, der ewig währende, uralte Kampf zwischen Wasser und Stein.
Puente del Inca ist der letzte Punkt, bis zu dem die Zivilisation hochgedrungen. Dann stört nichts mehr die grandiose Monotonie der Berge. Nur der Schienenstrang, den der Mensch als Fessel über den Berg gelegt, verbindet menschliches Leben diesseits und jenseits der Kordillere. Wir sind jetzt in über dreitausend Meter Höhe. Das Blut pocht in den Schläfen. Der Kopf wird schwer von Wirrnis.
Aber als der Zug aus dem langen Tunnel heraustritt, der unter der Paßhöhe der Cumbre durchgestoßen, verwehen alle Spuren der Bergkrankheit. Nichts als restloses Aufgehen in dieser hinreißenden Schönheit des Landes. Der Fels fängt an zu opalisieren. Phantastisch bunte, lichte Farben legen sich über die Hänge: blau, wie Kobalt, rosenrot, violett, vom zartesten Grün bis zum intensivsten Giftton, Indigo, Purpur. Wie Pastellmalerei, zart und fein, spinnt sich das Bild der Farben über den Stein.
Von der Plattform des letzten Wagens ist es ein einsames Schauen, als schwebe man in unendlicher Einsamkeit den Fels hinan. Tiefste Frömmigkeit, wie nur die unmittelbare Todesnot der Schlacht sie brachte, füllt das Herz. Wenn man hier auf diese Höhe Menschen brächte, ihnen Nahrung erschließen könnte aus dem toten Stein, welch Geschlecht müßte hier erwachsen! Ein Geschlecht, das, in unmittelbarer Nähe des Schöpfers aufgewachsen, in seinem Herzen die starke, reine Flamme läutern müßte, die Flamme, die, hinuntergetragen in das dunstige, schlammige Tal, den Frieden bringen müßte den Menschen und Völkern, die heute einander töten, vernichten, vergiften, die wie Reptilien in eklem Pfuhl ineinander verschlungen und verbissen liegen.
Vorbei — ein neues Schutzdach blendet die Augen. Aber durch die viereckigen Löcher in seiner Decke fällt in dicken Streifen die Sonne herein. Wie Lichtpfeiler geleiten sie den Zug, und es ist, als arbeite sich die Maschine an ihrer Lichtspur aufwärts.
23. Das Paradies am Pazifik.
Santiago de Chile.

Ist es infolge der monatelangen Gewöhnung an die grenzenlose Eintönigkeit der Pampa, oder steht das Herz noch unter dem bangen Eindruck der steinernen Göttlichkeit der Kordillere, daß einen beim Hineingleiten in die chilenische Landschaft dies grünende, blühende, früchtetragende Land umfängt wie ein betörend schöner Traum?
Kaum daß der Zug den Tunnel unter der Höhe der Cumbre passiert hat und in rasend raschen Windungen auf 2000 Meter Höhe hinuntergeeilt ist, vorbei an dem indigoblauen Inkasee, dessen Tiefe noch niemand gelotet hat, kriecht bereits das erste Grün die Steinhänge hinan und weiden längs des sich aus Schmelzwasser bildenden Flusses Pferde und Rinder.
Auf das Grün folgt Kaktus in unheimlich fleischigen, dicken, übermannshohen Stämmen, pfeilgerade ohne Knollen, Früchte und Blätter zwischen dem Fels emportreibend, dann Felder, Gärten, Bäume, richtige schattenspendende Bäume, wie Argentinien sie kaum kennt, die Stationshäuschen von Veranden umgeben, blumenumrankt, und vor ihnen aufmarschiert in endloser Reihe ein Tisch neben dem andern, reichbeladen mit Früchten, Trauben, weiß, blau und rot, Äpfel, Birnen, eine Fülle fremder, absonderlicher Früchte, die der Reisende aus Europa noch nie gesehen.
Und der Eindruck eines paradiesisch schönen, phantastisch reichen Landes bleibt, mag man mit dem Zug weiter nach Westen über Santiago nach Valparaiso oder nach Süden nach Talca oder gen Norden nach Serena fahren. Er bleibt auch, wenn das in allen Farben brennende Herbstlaub von den Bäumen fällt und halbmeterhoch mit Blattgold die Wege deckt. Überzieht sich auch den einen oder andern Tag der Himmel und strömt wolkenbruchartig der Winterregen, die lehmigen Straßen in Gießbäche verwandelnd, so heben sich am nächsten Tag von der intensiven Bläue des Himmels traumhaft schön in blendender Weiße die bis tief hinab mit Schnee bedeckten Hänge der Kordillere ab. An ihrem Fuß aber wandelt man in strahlend warmer Sonne durch Gärten, in denen Rosen blühen, und aus deren dunklem Grün der satte Goldton reifer Orangen leuchtet.
Diese Gärten um Santiago! Kein Baum, kein Strauch, keine Pflanze der Welt scheint in ihnen zu fehlen. Von Kiefern, Pinien und Zedern, von den Eichen und Buchen unserer deutschen Heimat bis zu Palmen und Feigenbäumen voll reifer Früchte, bis zu Mandelbäumen und Paltas, deren Frucht mit Pfeffer und Salz aufgetischt im Herbst bei keiner chilenischen Mahlzeit fehlt.
Die Früchte aber, für die das milde Klima Mittelchiles zu warm ist, wie Äpfel und Birnen, kommen aus dem kälteren Süden, während der Norden subtropische und tropische Früchte liefert. Darum fehlt auf dem Markt von Santiago vielleicht keine Frucht und kein Gemüse der Welt. Dazu kommt über Valparaiso die ganze phantastische Tier- und Pflanzenwelt des Meeres, außer Fischen jeder Art Krebse, Hummern und Langusten, kreisrunde, tellergroße Taschenkrebse, eßbare Algen, stachelige Seeigel, Austern und Pfahlmuscheln.
In noch weiterem Maße als Argentinien erstreckt sich Chile durch alle Klimate und Zonen. Nicht nur, daß es sich nach dem Norden um mehr als vier Breitengrade, etwa 500 Kilometer, weiter dehnt als die Nachbarrepublik, die langgestreckte Enge des Landes bewirkt auch, daß jeder Punkt zu Lande wie zu Wasser rasch erreicht werden kann. So kann man in wenigen Tagen Bahnfahrt von dem völlig regenlosen Norden über das Zentrum mit seinem Mittelmeerklima in den Süden kommen, wo es, wie der Argentinier boshaft sagt, „13 Monate im Jahr“ regnet.
Mittelchile kennt nur Winterregen. Infolgedessen ist Landwirtschaft im allgemeinen nur mit künstlicher Bewässerung möglich. Aber anders als in der argentinischen Bewässerungszone, wo die Kanäle und Acequias das flache Land in planmäßige, langweilige Quadrate teilen, ziehen sich hier die wasserführenden Gräben an den Hängen der Berge entlang, und von ihnen dehnen sich abwärts malerisch wuchernde Gärten und Felder, mit Bäumen und Hecken umstanden, zwischen denen blühende Schlinggewächse ranken.
Es ist wohl das Schicksal von Paradiesen, daß sie stets den Wenigen vorbehalten bleiben. So ist auch Mittelchile, das Millionen sorgenlose Nahrung geben könnte, Sitz und Besitz weniger Großgrundbesitzer, die ihre „fundos“ mit teilweise noch halbleibeigenen Inquilinos bewirtschaften.
Während im argentinischen Bewässerungsland Wasser ein kostbares Element ist, bei dem mit jedem Tropfen gespart werden muß, strömt in Chile überall überreich das Wasser von der Kordillere, so daß hier die Anlage von Bewässerungskanälen im allgemeinen einfacher und billiger ist. Trotzdem ist noch ein großer Teil des Wassers für Landwirtschaftszwecke ungenützt, ebenso seine natürliche Kraft. Ein einziger Fall des Aconcagua, der Salto del Soldado, würde genügen, die ganze Andenbahn elektrisch zu betreiben. Bei der wachsenden Kohlennot der Welt liegen hier noch große Möglichkeiten. Chile hat auch das vor Argentinien voraus, daß es in seinen Kohlenfeldern bei Concepcion über reiche Schätze verfügt, und lediglich die in letzter Zeit häufigeren Streiks bewirkten den gefährlichen Kohlenmangel, der den größten Teil des Bahnverkehrs lahmlegte und jetzt auch die Industrie mit Stillstand bedroht.
24. Chilenische Präsidentenwahl.
Santiago de Chile.

Die Santiago einkesselnden Felsen, die sonst in matten Farben von dem abgetönten Gelb und Braun des Morgens bis zu dem rosigen, dann satten und schließlich flammenden Rot des Sonnenunterganges leuchten, glühen und brennen, sind über Nacht weiß geworden. Fast bis ins Tal hinunter ist der Schnee gekommen, der sonst nur auf den fernen Gipfeln blinkt. Unten aber in den reichen Quintas rings um die Stadt flammen im Grün die Goldorangen, und an strahlend klaren Tagen nimmt es diese Stadt an Schönheit mit der gelobtesten Landschaft Italiens auf.
Aber bald ziehen sich die Wolkenschleier vor. Es regnet und regnet. Oben in der Kordillere fällt dichter und immer dichter der Schnee. Die Nervosität jener, die noch rasch, ehe der Winter voll einsetzt, über die Anden wollen, steigt; ängstlich wird die Zeitung durchflogen, ob vielleicht schon die peinliche Nachricht drin steht: „Die Kordillere ist zu, aber man hofft, sie wieder freizubekommen“ — eine Hoffnung, die nur zu oft täuscht.
Meere verbinden, Berge scheiden! Nie wird einem das Wort klarer, als wenn man von Europa über Atlantik, Pampa und Kordillere in die zwischen Pazifik und Anden eingeklemmte Republik reist. Zwischen Amsterdam und Buenos Aires ist die Ähnlichkeit vielleicht größer als zwischen letzterem und Santiago. Und der Unterschied zwischen Chilenen und Argentinier, die doch beide aus dem gleichen Blute stammen — auch der indianische Einschlag in Argentinien geht ja auf die chilenischen Araukaner zurück —, fällt selbst dem ungeschulten Auge des Fremden auf.
Roosevelt nannte Chile das schönste Land der Welt. Man möchte es auch das gesegnetste nennen, und es möchte mir wohl wahrscheinlicher scheinen, daß das verlorengegangene Paradies unter dem milden, blauen Himmel Mittelchiles lag als in den heute trockenen und dürren Feldern Mesopotamiens. Wenn irgendwo in der ins Wanken geratenen Welt, so könnte man in Chile ein befriedetes, glückliches Volk erwarten. Statt dessen Volk und Land erschüttert von allen Fiebern politischer und sozialer Erregung. In diesem Land, das so reich ist, daß in einzelnen seiner Teile Massen von Korn, Kartoffeln und Früchten verderben, steigt in andern Teilen die Not von Tag zu Tag. In Santiago übertrifft die Teuerung des Lebens bereits die von Buenos Aires.
Und die gleichen Wetterzeichen, die der Fremde von Europa her gewöhnt ist: auch hier Streik und immer wieder Streik. Monatelang setzt die Arbeit in den Schächten von Concepcion aus, und immer rarer wird die Kohle. Erinnerung an das Zentraleuropa des Krieges und der Revolution: die Züge fahren immer unregelmäßiger, immer größer werden die Verspätungen. Zug auf Zug wird eingestellt. Schon geht seit Monatsfrist die nach dem Norden führende Bahn nicht mehr. Bis Serena wird von Santiago aus der Verkehr nur mühsam aufrechterhalten. Doch auch hier droht völlige Stockung. Aus der Provinz Atacama kommt die Nachricht, die Nordprovinzen verhungern, weil wegen Kohlenmangel die Stichbahnen stilliegen, die von den Küstenstädtchen Caldera, Carrizal und Huasco ins Innere führen. Im Süden aber verfaulen Berge von Kartoffeln.
Das ist der Boden, auf dem politische Erregung zur Siedehitze erglüht. Das große Pendel der Wahlbewegung hat zu schwingen begonnen, und alles, was an politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wünschen und Hoffnungen im Lande lebt, wird mit hineingerissen in diese eine Bewegung, von deren Ausgang jede Partei alles hofft und alles fürchtet.
Um die Pole, Barros Borgoño und Arturo Alessandri, hat das ganze Leben der chilenischen Republik zu kreisen begonnen. Als ich in den Märztagen des Jahres 1920 nach Chile kam, da sprach man in den Kreisen, die sehr viel Geld und sehr viel Einfluß haben, von Arturo Alessandri nur als von dem „Bolschewisten“ und „Maximalisten“. Man hielt seine Aussicht, von der Konvention der Allianza als Präsidentschaftskandidat nominiert zu werden, für recht gering. Als er doch überraschenderweise mit großer Stimmenmehrheit aufgestellt wurde, da meinte man in denselben Kreisen, das sei der dümmste Streich, den die Allianza Liberal hätte tun können; denn jetzt sei die Wahl des Kandidaten der Union Nacional mit Unterstützung der Konservativen sicher. Heute haben viele der gleichen Leute sich bereits mit Arturo Alessandri abgefunden, und die ganze Beurteilung dieses Mannes erinnert etwas an die Tonart der Pariser Blätter nach der Wiederkehr Napoleons von Elba. Als sein Schiff in den Hafen von Marseille einlief, schrieb die Pariser Presse: „Der Werwolf und Tyrann, Napoleon Bonaparte, ist in Frankreich gelandet.“ Langsam milderte sich dann der Ton, bis es kurz darauf hieß: „Unser geliebter, gefeierter Kaiser ist an der Spitze seiner Truppen in seine treue Hauptstadt eingezogen.“
Wird Arturo Alessandri ein ähnliches Schicksal haben? Der Fremde, der in die Politik des Landes nicht eingeweiht ist, vermag nur zu vermuten. Man sagt ihm, Überraschungen bei der Wahl seien das Gewöhnliche. Erst in den letzten Tagen, bevor die Wähler zur Urne schreiten, beginne das Geld und der Stimmenkauf seine Rolle zu spielen.
Aber andrerseits sieht, wer die politischen und sozialen Erschütterungen Europas leidend und handelnd miterlebte, in manchem auch klarer. Fast erschütternd war in Santiago die Ähnlichkeit mit Berlin, als kurz nach meiner Ankunft der vierundzwanzigstündige Generalstreik als Demonstration gegen die Verhaftung des radikalen sozialistischen Studentenführers Gandolfo einsetzte.
Ich war noch völlig fremd, hatte noch keine Zeitung gelesen, wußte nicht, um was es sich handelte. Aber das hastige Schließen von eisernen Rolläden der Geschäfte um die Mittagszeit, diese so plötzlich überfüllten Straßenbahnen und die nervöse, unruhige Eile, die mit einem Male das ganze Getriebe der Stadt ergriffen hatte, erinnerte erschreckend an so manche Tage in Berlin, wenn plötzlich das Gerücht des Generalstreiks auftauchte und man hastete, noch vor dem letzten Stadtbahnzug die weit im Vorort gelegene Wohnung zu erreichen.
Unter südamerikanischer Sonne glühen die politischen Leidenschaften heißer. Aber es fehlt andrerseits der günstige Boden für gewaltsame Erschütterungen, den Krieg und Hunger in den Seelen der mitteleuropäischen Völker bereitete. So muß man hoffen, daß jene recht behalten, die Unruhe und Umsturz für ausgeschlossen halten. Aber man darf doch nicht vergessen, daß die chilenische Präsidentenwahl des Jahres 1920 die erste politische Wahl ist, die einen sozialen Charakter hat.

Allerseelen auf dem Friedhof.

Indianische Wasserträgerin.

Musikanten in Copacabana.

Indianertanz.
Und noch eines, das man bei all der berechtigten Furcht vor maximalistischer Agitation nicht vergessen sollte: Maximalismus in russischem Sinn gedeiht nur, wo Not und Hunger herrschen. Geschieht in dieser Hinsicht alles, dieses Gespenst zu bannen? Dieser Tage kam ich mit einem reichen Getreidespekulanten ins Gespräch, und wir sprachen auch über Maximalismus. Er meinte: „Die eigentlichen Maximalisten sind wir. Mit 20 und 30 Peso die Tonne Weizen ist uns nicht gedient. Wir wollen 40, 50, 60. Wir sind Maximalisten. Wir wollen immer das Maximum.“ Er hielt es für einen Witz und lachte und war sich der bitteren Wahrheit, die er sprach, nicht bewußt.
25. Chiles deutscher Süden.
Temuco.

Sollte es möglich sein, Menschen wochenlang in tiefen Schlaf zu versenken und sie in diesem Zustand über den Ozean zu bringen, sie würden, in einer der Städte Südchiles erweckt, darauf schwören, Deutschland nie verlassen zu haben. Die viereckige grüne Plaza ist wohl etwas fremdartig, aber die Häuser ringsherum sind rein deutsch; alles ist peinlich sauber, frisch gestrichen, mit blühenden Blumen, in Läden wie in Gasthäusern deutsche Laute, deutsche Kirche, und über der Schule sogar die Inschrift: „Vergiß nicht, daß du ein Deutscher bist.“
Die heute blühendsten Provinzen des Landes, Valdivia, Llanquihue und der Süden von Cautin, sind das Werk deutscher Kolonisation. Vor zwei Menschenaltern begann südlich des Biobioflusses die Frontera, die Grenze, jenseits der das Gebiet der nur nominell unterworfenen Araukaner lag. Im Jahre 1850 kamen hierher, wo heute die blühende, reiche, fast rein deutsche Stadt Valdivia liegt, die ersten dreihundert Deutschen; weitere folgten, die an den Llanquihuesee und nach Puerto Montt zogen.
Die Nachkommen jener ersten Siedler sind heute zum großen Teil Millionäre — in Peso, nicht in Mark —, aber das Leben ihrer Großväter und teilweise noch ihrer Väter muß nach allen Erzählungen, die man hört, unsäglich hart und entbehrungsreich gewesen sein, wie es überhaupt das Schicksal aller Kolonisten zu sein scheint, daß die Früchte erst Kinder und Enkel erben.
Noch heute ist ein großer Teil der Provinzen Valdivia und Llanquihue Urwald, und eine neue deutsche Kolonie in diesem abgelegenen Gebiet würde mit ähnlichen, wenn auch nicht so großen Schwierigkeiten zu rechnen haben, wie jene ersten deutschen Kolonisten vor siebzig Jahren. Das Land, das in Kultur genommen werden soll, ist undurchdringlicher Urwald. Darum ist die erste Arbeit des Siedlers nach der Vermessung die Herstellung eines Pfades, auf dem er in mühseligem, meist stundenweitem Marsch im Winter auf unergründlichen, schlammigen Wegen — denn dann regnet es wolkenbruchartig Tag für Tag — sich seine Arbeitsgeräte und die Nahrung für sich und seine Familie heranschaffen muß.
Dann geht es an die Arbeit des Holzfällens, die der Ungeübte, Fremde, ohne Hilfe einheimischer Peone, meist Chiloten von der Insel Chiloé, kaum bewerkstelligen kann. Aus den Erinnerungen der ersten Ansiedler ist einiges erhalten. Eine jener alten Ansiedlerfrauen, die als Kind in den Urwald kam, berichtet, wie sie im Sommer ankamen und wie Vater, Mutter und ältere Geschwister vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung sich mit dem Fällen der Baumriesen mühten. Und als dann der Frühling seinen Abschied nahm, da war das Stücken Lichtung, an dem so unendliche Arbeit hing, noch jämmerlich klein.
Ist diese erste Lichtung geschaffen, so wird das übermannshohe Gewirr von Stämmen, Ästen und Blättern angezündet, sobald die Sonne des Sommers das Laub gedörrt hat. Allein so eisenhart und fest sind die Stämme, daß nur Blätter und Zweige verbrennen und selbst die dürren Äste kaum ankohlen. So müssen Stämme und Äste mit der Axt durchhauen, aufgeschichtet und neuerdings angezündet werden. Die größten Stämme bleiben liegen, oder man läßt sie überhaupt stehen. Noch heute sieht man im Süden überall, selbst an der Bahnstrecke, Felder, zwischen denen hohe, abgestorbene oder angekohlte Baumstämme in die Luft ragen.
Teilweise sind es ganze lichte Wälder solcher kahler Stämme, zwischen denen das Korn wächst, und im ersten Augenblick wähnt man, man führe durch jene Gegenden Frankreichs, in denen der Regen des beiderseitigen Trommelfeuers die Wälder getötet.
Zwischen den Stöcken und Stämmen wird der erste Weizen in den mit der Hacke aufgeritzten Urwaldboden gestreut. So wird Jahr für Jahr ein immer größeres Stück unter Kultur genommen, bis langsam nicht nur der eigene Bedarf für den Lebensunterhalt, sondern auch ein verkaufsfähiger Überschuß erzeugt wird.
Einfacher ist die Haltung des Viehs; dieses wird in den Wald getrieben, wo es sich die Nahrung selbst sucht. Auch die Wohn- und Arbeitsverhältnisse sind denkbar einfach. Als Wohnung dient ein Bretterhaus, als Fortbewegungsmittel die Carreta, ein primitiver zweirädriger Karren, dessen Räder häufig einfach zwei Scheiben Baumstamm sind. Das Zugtier ist überall der Ochse, der die Carreta mittels eines Joches primitivster Art zieht, von dem Treiber mit dem gestachelten Stab des klassischen Altertums gelenkt.
26. Llanquihue und Magallanes.
Valparaiso.

Das Herz Chiles ist sein Längstal, das sich zwischen Hochkordillere und Küstenkordillere von Nord nach Süd erstreckt. Hier ist seine Korn- und Fruchtkammer, hier führt der Hauptverbindungsweg, hier liegen seine reichsten Städte.
Bei Puerto Montt hört dieses Tal auf. Hier ist das Meer hereingebrochen und hat das Tal unter Wasser gesetzt. Die Küstenkordillere hat es in eine Reihe von Inseln zerlegt, während die Hänge der Hochkordillere statt auf das fruchtbare Tal zu münden, jetzt von den vielen Golfen und Kanälen genetzt werden, die sich zwischen Inseln und Festland hinziehen.
Hier bei Puerto Montt endigt für den Durchschnittschilenen sein Land. Früher war dies an der Frontera der Fall, bis die deutschen Einwanderer die Grenze des Kultur- und Machtbezirkes Chiles um einige hundert Kilometer nach Süden verschoben.
Chiloé, die nördlichste und größte der dem Festland vorgelagerten Inseln, ist noch bekannt. Hier führt eine Bahn von Ancud bis Castro, und vor einer Reihe von Jahren versuchte die Regierung auf Grund eines großangelegten Kolonisationsplanes die Insel zu kolonisieren. Trotz der guten Erfahrungen, die mit der deutschen Einwanderung gemacht waren, fürchtete man doch das allzu starke Überwiegen einer fremden Nationalität in geschlossener Siedelung und siedelte deshalb auf Chiloé Deutsche, Engländer, Franzosen und Holländer durcheinander an, möglichst fremdartige Nationen einander benachbart. Der Erfolg war, daß die meisten der Kolonisten, die sich gegenseitig weder verstanden noch helfen konnten, wieder abwanderten. Nur ein paar Deutsche und Holländer blieben.
Berühmt ist Chiloé wegen seiner Kartoffeln. Aber man klagt über die geringe Verwertungsmöglichkeit infolge der hohen Frachten.
Auf dem gegenüberliegenden Festland aber hört tatsächlich die Welt auf. Man sagt sich verstandesmäßig, daß die Täler dieses Gebietes wenigstens in ihrem nördlichen Teile von den blühenden Kolonien am Llanquihue nicht so sehr verschieden sein können und die gleichen Siedlungen, die gleichen Kolonisations- und ackerbaulichen Möglichkeiten bieten müssen, und daß auch in dem weiter südlich gelegenen Gebiet des Territoriums Magallanes, das klimatisch und landschaftlich norwegischen Fjords gleicht, infolge seines Holz- und Fischreichtums sich große Möglichkeiten eröffnen müssen.
Bei meinem ersten Besuch auf dem Kolonisations- und Einwanderungsamt in Santiago erkundigte ich mich sofort nach Plänen und Angaben über dieses Gebiet. Pläne gab es nicht, und im übrigen bekam ich die verblüffende Antwort: „sirve para nada“ (das hat überhaupt keinen Wert).
Die fraglichen Gebiete sind durchweg mit altem Hochwald bestanden, zum Teil mit dem wertvollen Holz der Alerce, eines in Chile einheimischen Nadelbaums. Die Golfe, Kanäle und Flüsse sind ebenso reich an Fischen wie an Choros, den Seemuscheln, die überall in Chile gern gegessen und hochbezahlt werden. Auch die Möglichkeiten für Ackerbau und Viehzucht können nicht ganz von der Hand gewiesen werden.
Aber in gewissem Sinne hatte der Beamte doch recht. Das Land ist wertlos, wenn auch nur gegenwärtig, und zwar um der verwickelten Besitzverhältnisse willen, die dort unten herrschen. Ich erlebte in der Folge bald selbst ein schlagendes Beispiel dafür.
Auf Grund eines Interviews, das in der größten chilenischen Zeitung, dem „Mercurio“, stand, in dem auch die Rede war von meiner Aufgabe, die Kolonisationsmöglichkeiten zu studieren, erhielt ich eine ganze Reihe von Antworten und Zuschriften. Einer derselben, die ganz besonders verlockend erschien, ging ich nach. Es handelte sich um eine ganze Halbinsel gegenüber Chiloé in der Größe von 50000 Hektar. Der Kaufpreis schwankte zwischen 5 und 30 Peso der Hektar. Der Besitztitel, ein ganzes Buch mit einem Vermögen von Stempeln darauf, war ordnungsmäßig ausgefertigt. Als ich jedoch die Unterlagen mit einem Regierungsingenieur, der die Gegend genau kannte, überprüfte, stellte sich heraus, daß dieses Land zwei Besitzer hatte, die beide ordnungsgemäße Titel in Händen hatten. Ein neuer Käufer müßte sich also zum mindesten mit den beiden bisherigen Besitzern auseinandersetzen, wobei keineswegs ausgeschlossen wäre, daß mit der Zeit nicht noch weitere Besitzer auftauchten.
So kam ich dazu, mich mit der Frage der Besitztitel in Südchile näher zu befassen. Hier liegen die Verhältnisse besonders verwickelt. Wer, sei es von der Regierung, sei es von Privaten, Land kauft, dessen Titel nicht ganz einwandfrei und siebenmalsiebenmal geprüft sind, riskiert einen Rattenkönig von Prozessen mit einem Dutzend plötzlich neu aufgetauchter Besitzer, die alle Rechte auf sein Land geltend machen.
Die Eigentumsrechte an diesen Ländereien gehen zum großen Teil noch auf Konzessionen zurück, die zur Zeit der spanischen Herrschaft an verdiente Feldherren und Soldaten verliehen wurden. Von den Nachkommen wurden Teile dieser Gerechtsame weitergegeben, verschenkt, verkauft und so fort, so daß heute mancher Komplex Dutzende und Hunderte von Besitzern hat. Um solches Land kaufen zu können, muß es erst „bereinigt“ werden. Zu diesem Zweck muß ein „Stammbaum“ angelegt werden, der von der ersten Konzession ausgehend alle weiteren Erben, Käufer und Besitzer feststellt. Mit allen diesen muß man sich mittels Abfindung auseinandersetzen, wenn man einen einwandfreien Besitztitel haben will, und selbst dann ist die Möglichkeit weiterer Komplikation nicht ganz ausgeschlossen, wenn nicht genaue Kenner der einschlägigen Verhältnisse die Bereinigung und den Kauf ausführen.
Vor dem noch unerschlossenen Land im Süden Argentiniens hat das Land südlich von Puerto Montt den Vorteil, daß es durch Abholzung seiner wertvollen Wälder sofort Gewinne ermöglicht, die unter günstigen Verhältnissen bereits in kurzer Zeit den Kaufpreis oder auch ein Mehrfaches davon wieder hereinbringen. Erforderlich wäre freilich eine Gesellschaft mit großem Kapital, die Einwanderer herüberbringt, Wälder abholzt und Werften anlegt, um dort eigene Schiffe zu bauen, mit denen sie den Abtransport des Holzes und weiterhin Fischfang, sowie den Transport der Ackerbau- und Viehprodukte aus den inzwischen angesiedelten Kolonien in eigene Regie nimmt. In den Wäldern ist noch verwildertes Vieh. Es sind Kohlenlager nachgewiesen. Die Anlage von Fisch- und andern Seetierkonservenfabriken sind weitere Möglichkeiten.
Natürlich lassen sich derartige Unternehmungen nur nach genauen und eingehenden Untersuchungen, zu denen Expeditionen ausgesandt werden müssen, ins Leben rufen. Aber die Möglichkeit wäre für die reichen Deutschen Chiles hier wie in den Provinzen Llanquihue und Valdivia unzweifelhaft gegeben, mittels einiger hunderttausend Peso ihren zur Auswanderung gezwungenen Landsleuten zukunftsreiche Siedelungsgebiete zu erschließen. Jetzt leben hier wie vor hundert Jahren nur wenige armselige Indianer. Vielleicht allerdings auch nicht mehr lange; denn auch hier sind bereits amerikanische Konzerne dabei, sich diese wie Königreiche großen Ländereien zu sichern.
27. Copihue.
Oh Copihue, oh Copihue, En la paz de la selva dormida Simbolizas la raza hecha flor. (Aus „La Flor Nacional de Copihue“.)
Dampfer „Taltal“ im Pazifik.

Es sind andere Bäume und sie tragen andere Namen — roble, quila, alerce —, die die dichten Wälder Südchiles bilden, aber oft könnte man doch meinen, es sei deutsches Land, schwermütiger, träumerischer deutscher Wald.
In diesem Wald hängt fremdartig wie ein Märchen die Blume, die Chiles Volk sich als Nationalblume erkor: die Copihue. In dichten Dolden schlingt sie sich um die Äste und tropft in schweren roten Blüten herab mit langen, schmalen, purpurnen Kelchen gleich Tropfen heißroten Blutes, die langsam und schwer aus tödlich getroffenem Herzen sickern.
War es die Erinnerung an die mit Blut geschriebene Eroberungsgeschichte ihres Landes, welche die Chilenen diese Blume zur Lieblingsblume wählen ließ? Oder ist sie dem Andenken des tapferen stolzen Volkes geweiht, das den Spaniern den zähesten Widerstand in ganz Amerika entgegenstellte, den sie erst nach unerhörtem Kampfe besiegen konnten, eigentlich erst nachdem sie seine Kraft durch den Alkohol gebrochen, und dessen Überreste jetzt einem tragischen Ende entgegengehen?
Auf dem Marktplatz von Temuco sieht man die ersten Araukaner. In der sonst so biederen, sauber blanken Stadt wirken die kleinen schwarzen Gestalten wie ein Faschingsscherz. Der Mann im bunten Poncho, die Frau mit Stirnbinde, Bänder in den straffen schwarzen Zöpfen, und die ganze Bluse mit reichem Silberschmuck behängt. Es sind keine schönen Frauen und Mädchen, aber sie haben märchenhaft kleine, schmale Hände und Füße.
Auf dem Wege, der von Las Casas hereinführt, begegnet man ihnen in langen Zügen, wie sie auf uralten Ochsenkarreten, mit Baumstammscheiben als Rädern, ihr Gemüse und Korn nach der Stadt fahren. Oft der Mann hoch zu Pferd, die Frau lastenbeladen, mit ihren kleinen Füßen im Schlamm daneben trippelnd. In den Straßen von Santiago sieht man die gleichen kleinen Hände, die gleichen Füße, die gleichen Züge, wie sie der Mann auf dem Pferde hat. Fließt doch ein gut Teil araukanisches Blut im heutigen chilenischen Volk, und es sind nicht die schlechtesten Eigenschaften, die die Chilenen der araukanischen Blutmischung danken.
Sie haben es ihnen schlecht vergolten. Die Araukaner, die eigentlich nie ganz unterworfen waren, wurden mit List und Gewalt um ihren Besitz gebracht. Es gab eine Zeit, wo es ein einträglicher Sport war, Araukaner betrunken zu machen, um ihnen dann in der Trunkenheit um ein Spottgeld ihr Land abzunehmen. Leider blieben auch die eingewanderten Deutschen daran nicht unbeteiligt, und mancher deutschchilenische Millionär in Osorno und Valdivia dankt solch unsauberem Landgeschäft seiner Vorfahren Besitz und Stellung.
Endlich besann sich die chilenische Regierung darauf, welch wertvolles Volkselement sie in den Araukanern besaß. Es wurden Vormunde für die Indianer eingesetzt und Geschäfte mit den Indianern ohne deren Zustimmung für ungültig erklärt. Zu spät! Überdies kehrte man sich vielfach nicht an die gesetzlichen Bestimmungen, und um für alle Fälle sicher zu sein, überfiel man die Indianer und schlug sie einfach tot. Die Rasse stirbt.
Bayerische Kapuziner sind es, die sich ihrer Rettung gewidmet haben. Draußen in Las Casas ist ihr Stammhaus. Schon sieht man ihre Spuren. Die Straße, die bisher ausgefahren, voller Löcher, unergründlich war, wird mit einem Male eben und glatt. Ein sauberer Zaun. Dahinter ein Blumengarten, dann Kirche und Kloster.
Ein Pater in wallendem Bart führt uns. Alles ist selbstgebaut, gezimmert, gemauert, gepflanzt. Die Kirche, der geschnitzte Altar, selbst die Orgel und ebenso Gemüsegarten, Bienenhaus und Stall.
Die Indianermission der Kapuziner nimmt unentgeltlich so viele Araukanerjungen auf, wie sie unterbringen kann. Sie lernen lesen, schreiben und rechnen und sie lernen vor allem Spanisch. Der Unterricht ist nicht einfach, denn keiner der Jungen kann etwas anderes als Mapuche, die Sprache der Eingeborenen. Und es sind sonderbare Klassen; denn neben Achtjährigen sitzen Achtzehnjährige auf der gleichen Bank.
Neben dem Schulunterricht geht der Handfertigkeitsunterricht. Einer der Fratres ist Tischler. Er hat eine große Werkstatt eingerichtet mit Drehbank, Hobelmaschine und Bandsäge. Bis auf die Eisenteile alles selbstgebaut. Sein Stolz ist ein deutscher Sauggasmotor, der die Werkzeugmaschinen und daneben die Dynamomaschine für die Lichtanlage treibt.
Andere Knaben werden als Lehrer ausgebildet — die Indianermission ist weitverzweigt — und in der untersten Klasse unterrichtet bereits ein junger Araukaner.
Die Patres sind voll Stolz, und sie können es auch sein, auf die Kulturarbeit, die sie geleistet. Allein ich werde ein Gefühl drückender Trauer nicht los. Die Klänge der „Copihue“, der Hymne auf die Blume, die die sterbende araukanische Rasse verkörpert, wehen mir durch den Sinn.
In Santiago im Konzertsaal hörte ich sie. Der Komponist dieser echt chilenischen Musik ist übrigens ein Deutscher, ein ehemaliger Hof- und Kammersänger, der Commendatore Oberstetter von der Münchener und Wiesbadener Oper. Der Krieg überraschte ihn in Brasilien. Er schlug sich tapfer durch ganz Südamerika durch, überall deutsche Musik hinbringend, und so hat er vielleicht besser deutsche Propaganda gemacht, als manche vom Auswärtigen Amt betriebene war, die Unsummen verschlang.
Tu que sabes de sangre vertida, Tu que viste la lucha potente. Die du weißt von vergossenem Blute, Die du sahst den verzweifelten Kampf.
Der hinreißende Marschrhythmus zuckt mir im Blut, wie ich dem jungen Araukanerlehrer zum Abschied die Hand drücke. Auch in seinen Adern brennt noch die Flamme, die seine Vorfahren gegen die spanischen Feuerschlünde anreiten ließ. Uralte Rhythmen! Sangen sie nicht auch uns im Blute, als wir bei Gorlice stürmten, als wir über die Berge am Isonzo in Italien einbrachen, als die letzte tragische Schlacht in Frankreich anhob?
Künstliche Züchtung hat das ursprüngliche Blutrot der Copihue in fleckenloses Weiß gewandelt — die Reste der Araukaner haben ihren Frieden mit den Eroberern gemacht. Die Überlebenden gehen langsam in der Rasse des Siegers auf. Die Copihue der schweigenden Wälder weiß von keinen furchtbaren Schlachten mehr zu erzählen.
28. Längs der Küste nach Nordchile.
Dampfer „Taltal“ im Pazifik.

Die täglich wachsende Teuerung der Lebenshaltung bezeichnet den Weg vom Süden Chiles nach dem Norden des Landes. Im regnerischen Süden Überfülle an Frucht, so groß, daß jedes Jahr gewaltige Mengen nutzlos verfaulen. Im regenlosen Norden absoluter Mangel, so daß jeder Zentner Mehl, jeder Sack Kartoffeln, jeder Korb Äpfel vom Süden nach dem Norden geschafft werden muß.
Allein trotzdem liegt das wirtschaftliche Schwergewicht des Landes im Norden. Hier dehnen sich in trostlos dürrer Pampa die Salpeterlager, auf deren Ausbeute der Reichtum, ja überhaupt die ganze Finanzwirtschaft des Landes beruht.
Meinen ursprünglichen Plan, auf dem Landweg nach Antofagasta zu fahren, konnte ich nicht ausführen, denn seit einiger Zeit fährt die Longitudinalbahn wegen Kohlenmangel nicht mehr. Der große Streik im Kohlenrevier von Concepcion nötigte die Eisenbahnverwaltung, Zug um Zug einzustellen, und man kann froh sein, noch gute Zugverbindung auf der verkehrsreichen Strecke nach Valparaiso zu finden, wo der Dampfer nach Antofagasta bestiegen werden soll.
Nach Überschreitung der Küstenkordillere führt die Bahn plötzlich ans Meer, und an den reichen Villen des Seebades Viña del Mar vorbeigleitend baut sich unmittelbar das Panorama Valparaisos überwältigend auf. Die Stadt scheint zwischen dem blauen Pazifik und den steilen Felsen kaum Platz zu haben, und so klettert Haus um Haus terrassenförmig die Felsen hoch. Einige Straßen sind asphaltiert, andere muß man bergmäßig über Geröll und Gerinne ersteigen, und an Regentagen mögen sie sich in wahre Sturzbäche wandeln, wie die Sandsacksicherungen vor den Fenstern an der Rückseite der gegen den Fels gelehnten Häuser zeigen.
Valparaiso ist nichts als Hafen, Stadt am Meer, im Meere fast. Stadt der Reeder, Stadt der Großkaufleute. Mochte im Weltkrieg, als der Verkehr durch die Magalhãesstraße aufgehört hatte und die Nordamerikaner den Panamakanal gesperrt hielten, hier auch vieles tot gelegen haben, heute ist es auf der offenen Reede, deren unbeweglicher Bläue man an stillen Tagen nicht ansieht, wie gefährlich hier der „Norder“ wüten kann, voll von kommenden und gehenden Schiffen. Fast jede Woche geht einer der großen Passagierdampfer durch den Panamakanal nach Europa oder den Vereinigten Staaten, und außerdem gibt es einige chilenische Dampfergesellschaften für den Lokalverkehr.
Die Zeiten sind gut für die Dampfergesellschaften. Der „Taltal“, der kleine schmucke Dampfer, von dessen Heck die chilenische Flagge weht und dessen tadellose Sauberkeit überrascht, liegt mit vielstündiger Verspätung noch immer im Hafen, als längst der volle Mond, einer riesigen Bogenlampe gleich, über der Bucht hochgezogen war. Kisten auf Kisten, Faß auf Faß, Alfalfabund auf Alfalfabund, und noch immer ist die Hauptladung noch nicht eingenommen, liegt in großen Prahmen wartend längsseits des Schiffes: einige hundert Kühe und Ochsen, die nach Antofagasta sollen.
Bei so viel Ladung bleibt für die Menschen kein Platz. Freilich die erste Kajüte mit bequemen Kabinen, Rauch- und Damensalon ist kaum halb voll. Aber die Zwischendecker werden von Fracht und Vieh immer enger zusammengepreßt. In dem Raume, der sonst bei jedem Schiff als Zwischendeck dient, steht in langen Reihen Ochse an Ochse, und immer mehr kommen vom Kran hochgezogen brüllend und strampelnd durch die Ladeluke in den Raum hinunter. Auf- und übereinander drängen sich die Tiere, die Ladeluke wird noch voll gestellt, und von den Peonen mit ihren Frauen und Kindern, die sich unten ein warmes Plätzchen sichern wollten, muß eins nach dem andern aufs offene Deck wandern, wo bereits eine Schicht Männer, Frauen und Kinder so enggedrängt aneinanderliegt, daß man kaum den Fuß dazwischen setzen kann. Auf dem breiten, bequemen Promenadedeck der ersten Kajüte schlendern ein paar einsame Nordamerikaner auf und ab.
Wie eine hohe Festungsmauer, die jedem Fremdling den Weg wehren will, baut sich die Küstenkordillere längs des Meeres auf, steil, steinig und unfruchtbar. Ein unfruchtbares, unzugängliches Land von Fels und Stein täuscht sie vor, und die Überraschung der ersten Spanier muß groß gewesen sein, hinter dieser Küstenmauer das frucht- und blütenreiche Längstal zu entdecken.
Allerdings wird diese reiche Vegetation immer spärlicher, je weiter man nach Norden kommt. In Coquimbo, wo der Dampfer am nächsten Tag gegen Abend einläuft, scheint das reiche Mittelchile im Elquital noch einen Ausläufer zu entsenden. Zwar die Felsen sind hier nicht weniger steinig drohend und laufen längs des Kammes in so scharfe Zacken aus, daß diese fast Baumwuchs vortäuschen. Allein die Dutzende von Booten mit Früchten, die ein Wettrudern nach dem Schiff veranstalten, zeigen an, wie gesegnet das Elquital ist.
Im Handumdrehen wimmelt das ganze Deck. Früchte werden ausgebreitet, unter den Zwischendeckern werden ganze Speiseanstalten aufgetan, aus großen Kesseln wird Hühnersuppe verteilt, einen Peso der Teller, gierig gekauft von den Zwischendeckern, deren Verpflegung nur dünne Bohnensuppe bildet. Dazu Früchte, Früchte in großen Mengen, Früchte, die man nicht kennt, die wie Mischung von Zitrone und Melone schmecken, oder mehr wie Gurke oder Kürbis.
Früchte und Überfluß an Lebensmitteln zum letztenmal. Am nächsten Tag in Taltal kommt kein Boot. Die kurzen, staubigen Straßen des kleinen Städtchens enden nur zu bald in Stein und Wüste. Dankt doch dieses selbst seine ganze Existenz nur dem Salpeter, der im Hinterland gefunden wird.

Copacabana am Titicacasee.

Kirche auf dem Ruinenfeld von Tiahuanacu. (Aus den Steinen der uralten Tempelbauten errichtet.)
Wüste von Stein, Sand, Geröll. Gut paßt dazu der ölige Schimmer von vergossenem Petroleum, der vor dem Städtchen auf dem Wasser schwimmt. Die meisten Dampfer entnehmen hier den großen Tanks nordamerikanischer Petroleumfirmen den flüssigen Brennstoff für ihre Kessel. Zwischen Felsspalten führt die Röhrenleitung zum Strand, läuft auf schmutzigem Eisensteg ins Meer hinaus, um in dicke Schläuche zu münden, die auf Flößen schwimmend in Windungen wie eine riesige schmutzige Seeschlange sich längsseits des Schiffes schlängeln.
Wie eine Zwingburg haben die Yankees die riesigen Tanks vor Taltal aufgepflanzt, dessen Salpeterwerke bisher in deutschem Besitz waren. Eine von den drei großen Gesellschaften ist drauf und dran, in Yankeehände überzugehen. Oben im Rauchsalon auf dem Promenadedeck sitzen die Nordamerikaner beieinander, die in der ersten Kajüte dominieren. Abgerissene Worte wehen durch den Raum: „Wir kriegen das ganze Salpetergeschäft noch in die Hand.“
Vorn auf dem Deck liegen eng gedrängt und schlechter untergebracht als das Vieh die ursprünglichen Herren des Landes, die eingeborenen Chilenen, gute, willige Arbeiter von Haus aus.
In dem engen Gang, der an der Maschine vorbei zur Kajüte führt, hockt eine Reihe Peone beisammen und saugt gierig den Duft der Speisen, die an ihnen vorbei in die erste Kajüte getragen werden. Da tritt zu den teilnahmslos Kauernden einer im schmutzigen Poncho, lang und hager, struppiger Stoppelbart. Unruhige Augen stechen unter einer blauen Schirmmütze hervor. Er redet heftig, eindringlich, mit eindrucksvollen Gesten. Bald hat sich ein dichter Kranz um ihn gebildet; in die bisher teilnahmslos blickenden Augen kommt Leben. Und es ist, als laufe ein Funke durch all die Reihen abgearbeiteter, abgerissener Männer, ein gefährlicher, aber auch leuchtender, strahlender Funke. — In der aufkommenden See stampft und schlingert schwer das kleine Schiff. Oben im Rauchsalon trennt man sich von flaschenbedecktem Tisch. Ein behagliches „Good Night“ verweht in der Luft.
29. Die Salpeterstadt.
Antofagasta.

Der erste Eindruck: Stadt und Hafen haben an dieser Stelle keine Existenzberechtigung! Eine offene Reede, gegen den Strand zu schwarze Klippen, über die schäumend weiße Brecher toben. Man wird ausgebootet wie fast in allen chilenischen Häfen, fährt an Prahmen und Leichtern vorbei, die voll besetzt sind mit Pelikanen und Möwen, passiert die Klippen und sieht sich plötzlich umgeben von Rudeln spielender Seehunde, die so dicht das Boot streifen, daß es fast kentert.
Auf dem engen Raum zwischen Meer und Berg führen breite, schnurgerade Straßen senkrecht gegen den Fels. Von der See sieht es aus, als liefen Sturmkolonnen die steinernen Wälle an. Mit einem Blick übersieht man Stadt und Straßen. Es ist ein sonderbarer Anblick, wie saubere, breit asphaltierte Wege plötzlich enden, und dann kommt nichts als glatte, steile, sonnendurchglühte Steinwand.
Wo heute eine moderne europäisch-amerikanische Stadt mit 65000 Einwohnern steht, lebten vor fünfzig Jahren nur ein paar indianische Fischer. Man bedarf keines Reiseführers, um zu wissen, in welch hohem Maße das alles künstliche Schöpfung ist, einzig und allein auf dem kostbaren Gut beruhend, das die trostlose Wüste des Hinterlandes liefert: dem Salpeter.
„Te Ratanpuro“, „Te Dulcinea“, in haushohen Lettern sind Reklamen auf die steilen Felswände gekalkt wie ein Wahrzeichen für diese Stadt, die nichts kennt als Geschäft, Geschäft und wieder Geschäft. Wenn man aus dem Süden des Landes kommt, möchte man zweifeln, daß diese so ganz andersartige Stadt auch zu Chile gehört. Sie wirkt vielmehr wie eine der Städte im Süden der Union, denen die Mischung von angelsächsischer und hispano-amerikanischer Kultur ihr charakteristisches Gepräge gibt.
Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn man die Straßen durchwandert. Angelsächsische Sauberkeit und Akkuratesse, aber auch angelsächsische Langeweile und Eintönigkeit. Straßen und Läden, wie sie ebensogut in jeder Londoner Vorstadt stehen könnten. Die blumen- und palmenumstandene Plaza, die in keiner mittel- oder südamerikanischen Stadt fehlen darf, wirkt hier fast fremdartig, als gehöre sie nicht zwischen diese sauberen, langweiligen Straßen, in denen sich ein englisches Geschäftsschild an das andere reiht.
Die Deutschen, die in Süd- und auch in Mittelchile im Wirtschaftsleben des Landes eine so maßgebende Rolle spielen, treten hier gegenüber den Angelsachsen völlig zurück. Dagegen nehmen die Slawen eine hervorragende Rolle ein, und zwar vor allem Südslawen ehemals österreichischer Nationalität. Kroaten, Dalmatiner, daneben Serben und Montenegriner. Eine Reihe großer Firmen und Salpeteroficinen sind in ihren Händen. Darüber hinaus aber sind sie durch die ganze Pampa Salitrera bis an die bolivianische Grenze vor allem als Wirte und Hoteliers verstreut.
Gerade diese Slawen an der Westküste Südamerikas haben im Weltkrieg sehr bald, größtenteils von seinem Beginn an, eine feindliche Haltung gegen den Staat angenommen, dem sie offiziell angehörten. Sie richteten ein eigenes jugoslawisches Paßbüro ein, und noch heute stößt man als Deutscher im Verkehr mit ihnen auf einige Schwierigkeiten, wenn sich auch ihr ganzer Haß noch immer gegen das entschwundene Österreich und gegen — Italien richtet.
Antofagasta ist bolivianischer Freihafen. Hier ist eine bolivianische Zollbehörde, und der Import und Export Boliviens geht zollfrei über diesen chilenischen Hafen. Dies ist das einzige, was Bolivien von der einst ihm gehörenden Stadt und der ganzen reichen Provinz Antofagasta geblieben ist.
Chile dagegen ist billig genug zu dieser Stadt gekommen, die ihr heute allein an Zöllen täglich 180 Peso Gold einbringt. Als Bolivien einen Ausfuhrzoll auf den von Chilenen auf seinem Territorium ausgebeuteten Salpeter legte, landete Chile im Jahre 1879 kurzerhand 200 Soldaten, die die bolivianischen Behörden vertrieben und die Stadt in Besitz nahmen. Damit wäre der Kampf um die Provinz Antofagasta eigentlich erledigt gewesen, wenn nicht Peru eingegriffen hätte und auf die Seite Boliviens getreten wäre. Dieses Eingreifen kostete die Peruaner, nachdem sie bei Iquique und Tacna geschlagen und die Chilenen in ihre Hauptstadt Lima einmarschiert waren, die Provinzen Tarapaca und Tacna-Arica. Erstere ist wertvolles Salpeterland, letztere eine wichtige strategische Position. Seitdem ist das Verhältnis zwischen Peru und Chile ähnlich wie das Frankreichs zu Deutschland, und Tacna-Arica wird vielleicht in Südamerika eine ähnliche Rolle spielen wie Elsaß-Lothringen in Europa.
Antofagasta ist eine Männerstadt und eine Stadt, in die man nur geht, um Geld zu machen. Einige Kinos und Kneipen bestreiten die kulturelle und Vergnügungsseite des Lebens. Kein Bad am Strand, kein Segelsport. Meer wie Fels scheinen gleicherweise unwirtlich. Kein Spaziergang, kein Garten, und fast wirkt es wie ein grotesker Witz, wenn man auf dem Felsen über dem kümmerlichen, fast nur angedeuteten Garten der Quinta Corrizo, eine Wegestunde von der Stadt entfernt, liest: „Schönster Ausflugsort Antofagastas.“ Nach einigen Tagen Aufenthalt verläßt man gern diese Stadt und vergißt dabei ganz, daß sie Zehntausenden, die in der trostlosen Pampa ein einsames Leben führen, Verkörperung alles Luxus, alles Vergnügens, aller Kultur ist.
30. La Pampa Salitrera.
Peineta.

Gesellschaft zur Erforschung der Wüste (Compañía Exploradora del Desierto) nannte sich die erste Salpeterkompanie, die im Jahre 1866 von der bolivianischen Regierung eine Konzession auf fünf Quadratleguas erhielt. — Desierto! Wüste! der Name paßt besser als das euphemistische „Pampa“. Wer die argentinische Pampa kennt, denkt bei diesem Namen doch auch im ungünstigsten Falle mindestens an Steppe, die genügsamen Schafen Nahrung bietet. Die chilenische Pampa aber ist Wüste im reinsten Sinne des Wortes, ein Grauen von Öde und Unfruchtbarkeit.
Man ist mitten in ihr, sobald man den Bannkreis der Stadt Antofagasta und ihren hochgelegenen Friedhof verlassen, dessen Boden aus Zement besteht, zwischen dem einige kümmerliche Bäume hochgepflegt werden. Eine steile Rampe den Berg hinauf — zwei Lokomotiven mühen sich schnaufend —, und noch ein letzter Blick auf das blaue Meer, und dann ist man in einer Rinne von Schutt und Geröll.
Eine Landschaft von trostloser Öde, der selbst die Grandiosität der Öde fehlt. Nicht der winzigste Halm, nicht das leiseste Grün. Nicht das mindeste Insekt, nicht der armseligste Wurm könnte hier leben. Es ist nicht einmal starrer, festgewachsener Fels, der die Landschaft bildet. Alles scheint Geröll, Schutt, Staub, Schmutz!
Es ist jetzt Winter. Aber man sieht Tropenanzüge und weiße Kleider, und die stechende Sonne erinnert an qualvoll heiße Tage im sommerlichen Buenos Aires. Wie muß es hier im Sommer sein! Und keinen Schutz vor der Sonne als das brennend glühende Wellblechdach. Zu beiden Seiten des Bahndammes schwärzlicher Staub, als hätte die Lokomotive hundert und mehr Meter breit das Land verrußt, dann Sand in hellerer Färbung bis zu den brüchigen Bergen, die, mehr und mehr zurücktretend, eine weite, öde Hochebene öffnen.
Die Berge, bald ferner, bald näher, das ist der einzige Wechsel in der Melodie von Monotonie, die die längs des Zuges stehenden Telegraphenstangen und Wellblechbaracken der Streckenarbeiter singen. Eine niederdrückende Landschaft. Jeder Vergleich für sie fehlt. Am ehesten gewinnt man eine Vorstellung von ihr, wenn man sich die Schutt- und Schlackenhalden der Industriereviere ohne Abwechslung unabsehbar aneinandergereiht denkt.
Wer von Salpeterfeldern liest, denkt leicht an weißschimmernde, glänzende Fläche — ich selbst erinnere mich, solche Beschreibung gelesen zu haben —, aber nur in den seltensten Fällen ist der Caliche, das Mineral, aus dem der Salpeter gewonnen wird, so hochprozentig, 50 bis 70 Prozent, daß es im weißen Glanz schimmert, und so bleibt der Charakter der Landschaft schmutzig-eintönig, auch als der Zug jetzt mitten durch die Salpeterregion fährt.
Jede Wüste hat ihre Oasen, auch die Salpeterwüste kennt sie. Allein es sind künstliche, von Menschenhand geschaffene. Statt Palmen Essen, statt blauer Lagunen und Teiche die dampfenden offenen Kessel, in denen der Caliche kocht, statt weißer, kühler Häuser die öden Wellblechcampamentos der Arbeiter. Kaum ein wenig Grün im Hofe des Administratorhauses. Das sind die Oasen der Salpeterwüste, die „Oficinas“, wie sie genannt werden.
Am Horizont, bald näher, bald ferner, tauchen sie jetzt immer zahlreicher auf. Es sind die Forts, die der Mensch in die Wüste gebaut hat. Dazwischen ein Schlachtfeld aufgerissenen, durch Pulver und Dynamit zerstörten Bodens, dem das kostbare Mineral entnommen wird. Geleise, Rampen, Feldbahnen, rauchende Lokomotiven und stöhnende Mulas vor schwerbeladenen Karren. Aber alles weit verstreut in der Wüste, in einer braungelben Öde, über die sengend und blendend die Sonne brennt.
Ab und zu hält der Zug, wo eine Zweigbahn zu einer Oficina führt. Da steht eine Wellblechbaracke als Station. Aber es gibt auch größere Stationen, wo eine ganze Zeile Häuser steht. Das sind die Städte der Pampa. Hier gibt es „Hotels“, „Restaurants“, Kinos, Läden und vor allem Kneipen, in denen der Arbeiter seinen Wochenlohn verspielen und vertrinken kann. Es sind buntgestrichene Häuser — aus Wellblech natürlich — mit pompösen Namen, die in der öden, durchglühten Wüste wie grell geschminkte, alternde Dirnen erscheinen. Und man weiß nicht, was erschütternder wirkt: ihr Anblick oder der der Gräber, die man nicht allzu selten längs der Bahn sieht, Gräber, wie im Felde: ein flacher Hügel mit einfachem Holzkreuz und davor ein Strohkranz oder ein Radreifen, wenn es nur etwas Rundes ist.
An beiden vorbei aber rollen Tag für Tag die Züge, die endlos langen Züge mit den schweren Säcken — so schwer, daß ein Mann sie keuchend gerade tragen kann — voll des weißglänzenden Minerals, dem die Chilenen bisher Steuerfreiheit und glückliche Aktienbesitzer in Valparaiso, New York, Paris oder London ein verschwenderisches, sorgenloses Leben verdankten.
31. Oficina.
Peineta.

Seltsam, daß im Süden wie im Norden Chiles die Landschaft an die Schlachtfelder in Frankreich erinnert. Gleicht der Süden mit seinen verkohlten Baumstümpfen zwischen den Feldern Gegenden, in denen nach mörderischer Schlacht neues Leben erblühte, so ähnelt die Salpeterwüste des Nordens jenen unglücklichen Landstrichen von Ypern und an der Somme, in denen der Eisenhagel die Eingeweide der Erde um und um wühlte.
Calichera, Salpeterfeld! — Heißer Stein, heiße Arbeit! Ein halbes bis ein Meter tief liegt der Caliche, das kostbare Mineral, unter taubem, wertlosem Gestein. Sprenglöcher werden gebohrt, mühsame, wochenlange Arbeit mit Schlegel und Eisen, mit selbstbereitetem Schwarzpulver gefüllt — Salpeter gibt es ja genug, Schwefel liefern die nahen Schwefelfabriken, Kohle die Bahn — und gesprengt. Die hohen, schwarzen Rauchwolken inmitten all der Sprengtrichter vollenden den Eindruck des Schlachtfelds.
In den heißen Kesseln der Sprengtrichter, die sich bald schützengrabenartig aneinanderreihen, geht die harte Arbeit des Losbrechens und Zerkleinerns des Caliche weiter. Das Mineral ähnelt in Form und Farbe dem es deckenden Stein. Der Laie vermag einen vom andern nicht zu unterscheiden, und auch der Aufseher bedarf der brennenden Lunte, um den Salpetergehalt des zu brechenden Minerals zu prüfen.
Ist es hoch salpeterhaltig, so brennt der Stein mit heller, sprühender Flamme, während der geringwertige kaum trübglimmende Funken gibt.
Hart poltert der gebrochene Stein in die von Mulas gezogenen Karreten. Im Galopp zur Rampe. Von da mit der Kleinbahn zur Oficina, der Salpeterfabrik. Jede Oficina baut sich auf wie eine Burg. Auf ihren Zinnen stürzt der Caliche aus den Kipploris in die Brecher und Mühlen, die ihn zerkleinern und mahlen, bis ihn ein Förderwerk in die „Cachuchas“ leitet. Cachuchas sind rechteckige, offene Kessel, wie riesige Badewannen, die, von Heizschlangen durchzogen, in langen Reihen aufmarschieren. Einige frisch gefüllt, kaum daß aus der Steinschicht die ersten unheimlichen Dämpfe aufsteigen, andere in vollem, brodelndem Kochen, schwadenumwallt. Bisweilen ist alles in beizenden Qualm und Rauch gehüllt, durch den man halbnackte Gestalten mit langen Eisenstangen in den Händen springen sieht. Manch einer fiel unvorsichtig ausgleitend in die siedende Brühe. Längs der Bahn sind genug Gräber.
In kochendem Sud löst sich der Salpeter aus dem Stein. Die wertvolle Lösung wird in die „Chulladores“ geleitet, während der schlammige Rückstand, der „Ripio“, durch geöffnete Bodenklappen in Loren fällt, die ihn auf die Halde führen. Doch auch der Ripio ist nicht wertlos. Er enthält noch Jod, und vor allem Wasser, das man ablaufen läßt und in grünlich-schmutzigen Becken sammelt.
Wasser! Das ist ja die große Not in der Salpeterwüste. Der Prozeß erfordert viel Flüssigkeit, und jeder Tropfen kommt meilenweit in langen Rohrleitungen von der Kordillere her. Die Tonne Wasser kostet anderthalb Peso, und ein mittelgroßes Werk verbraucht im Monat für 14000 Peso Wasser. So sucht man im ganzen Arbeitsprozeß Wasser zu sparen, und auch im Campamento ist der Wasserbedarf kontingentiert. Heiße Wüste und Wasserknappheit!
In den Chulladores setzen sich Fremdkörper aus der Flüssigkeit ab, und die konzentrierte Lösung wird in die Bateas geleitet. Die Bateas sehen aus wie die Klärbecken eines Wasserwerkes, offene, eiserne Tanks, quadratisch aneinandergereiht. Hier kristallisiert in zwei bis drei Tagen der Salpeter aus. Und jetzt erst bekommt er seine schöne glänzend weiße Farbe. Die Tanks voll fertigem Salpeter glitzern gleich Schatzkammern märchenhafter Schätze. Am Fuß der Bateas waten die Arbeiter, die den Salpeter in Säcke füllen, wie in silbernem Schnee.
Schätze! Sie zahlen nicht nur den ganzen teueren Apparat in der Wüste, wo der Unterhalt jedes Menschen drei, jedes Tieres sechs Peso pro Tag kostet, sie zahlen nicht nur die Steuern des Landes, sie geben auch reichen Überschuß.
Eine Oficina produziert im Monat 70000 Quintal (zu 46 Kilogramm), die Provinz Antofagasta allein 3,5 Millionen. Wie Kraken wandern die Oficinen über das Land, reißen den Boden auf und lassen wild zerfleischtes Land zurück. So geht es Jahrzehnt um Jahrzehnt. Die noch jungfräuliche Calichera aber ist noch unabsehbar, auf unbegrenzte Zukunft deckt sie den Weltbedarf. Auf dem Salpeter beruht Chiles Existenz; aber eine Gefahr steigt unheilvoll am Horizont auf: die fortschreitende Vervollkommnung in der Gewinnung künstlichen Salpeters; sie droht Chiles Weltmonopol zu zerstören und damit die Wirtschaft des Landes schwer zu schädigen.
32. Pampinos.
Calama.

Wir standen unter der Tür des Administratorhauses und sahen auf das Werk. Seine Lichterreihen bauten sich terrassenförmig auf, und darüber hoben sich vom sternklaren Nachthimmel die rauchenden Essen ab.
„Wie ein Schiff“, meinte nachdenklich der Administrator.
„Ja, wie ein Schiff.“ Ich mußte an die lange frauenlose Männerrunde der Beamten und Ingenieure denken, die immer die gleiche blieb, die nie wechselte. Immer die gleichen Gesichter, immer die gleichen Arbeiten, und kaum einmal im Jahr ein paar Tage Urlaub nach Antofagasta.
„Der Unterschied ist nur der,“ fuhr der Leiter des Werkes fort — er war vor dem Kriege als Kapitän zur See gefahren, und das Kriegsschicksal hatte ihn in die Pampa verschlagen —, „ein Schiff legt an, ein Schiff wechselt Ladung und Passagiere; wir aber, wir liegen ewig am gleichen Fleck im Ozean vor Anker.“ Das Werk lag jetzt wirklich wie ein phantastisches Schiff in der Wüstennacht. Unendlichkeit von Wüste und Himmel, gleich ewig, gleich drückend, gleich grausam.
„Noch ein paar Jahre als Pampino, dann —.“ Wir gingen zum Whisky zurück ins Haus.
Pampino, Pampabewohner, es ist ein eigener Menschenschlag. Allein, wenn sich Werkleiter und Beamte auch dazu rechnen, wenn man ihn wirklich und echt kennenlernen will, den „Pampino“, muß man ins Campamento, ins Arbeiterlager, gehen.
Ich habe als Student im Industrierevier gearbeitet, vor dem Hochofen, im Stahlwerk, im Walzwerk, und dieses Land von Ruß und Feuer, von Schlackenhalden und Essen schien mir seitdem das grauenvollste, die Arbeit als Hüttenarbeiter die schwerste und freudloseste. — Es war ein Irrtum. Die Salpeterpampa ist schlimmer. Wohl gibt es auch in europäischen Kohlen- und Eisenrevieren Arbeiterkasernen. Aber oft sind es freundliche Häuser mit Gärtchen. Es gibt doch Bäume, andere Häuser als Wellblechbaracken, andere Menschen als die täglichen Arbeitskameraden. Man kann in die Stadt gehen oder schließlich an Sonntagen auch ins Freie, ins Grüne.
Das Campamento — zwei Reihen Wellblechbuden, eine wie die andere, primitiv aus Blechtafeln zusammengesetzt. Vorne ein Wohnraum, dann durch eine kaum mannshohe Zwischenwand abgetrennt ein Schlafraum, dahinter ein Hof, gleichzeitig Küche, Vorratsraum, Rumpelkammer und alles übrige. Freilich, man kann die Unterkunft primitiv halten in diesem Landstrich. Es regnet ja nie. Aber das Wellblech gibt auch in gleicher Weise der sengenden Glut des Tages wie der beißenden Kälte der Nacht Zutritt.
Campamento und Werkleitung, das ist Todfeindschaft. Wie die Dinge liegen, künden auf den ersten Blick die schweren, eisernen Gitter, die doppelten Läden und die eisernen Querbalken, die in wenigen Augenblicken Verwalterhaus und Beamtenwohnungen in starke Festungen verwandeln können. Und dann ist gar nicht weit die Carabinerostation, zu der eine direkte Telephonleitung führt.
Dem Salpeter dankt Chile seinen Reichtum, aber auch die Verschärfung seiner sozialen Frage. Gewiß, der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit durchzieht die ganze Welt. Er muß auch in der Pampa zum Ausdruck kommen, ob aber in dieser scharfen, erbitterten Form? Man hört von gestürmten Oficinen, von erschlagenen Werkleitern, von Plünderungen, aber andrerseits auch von Gewalttaten gegen streikende Arbeiter, von ganzen Belegschaften, die von den Carabineros einfach in die Wüste getrieben wurden. In die Wüste, in der kein Halm wächst, in der kein Tröpfchen Wasser zu haben ist, wo die Sonne erbarmungslos sticht.
Man sagt mir, der Arbeiter verdient gut. Aber was sind 8, 10 oder selbst 12 Peso im Tag für die Arbeit und das Leben, das er führen muß? Dabei braucht ein Mann für das nackte Leben im Tag zweieinhalb bis drei Peso. Und alles, was der Arbeiter und seine Familie benötigt an Nahrung, Kleidung, Hausgerät, muß er in der Pulperia, der Werkkantine, kaufen, und die Werkleitung setzt die Preise fest.
Jede Oficina gibt ihr eigenes Geld aus, aus Kautschuk geprägte Fichas. Sie hinterlegt dafür eine gleichwertige Summe in Bankbilletten bei der Nationalbank. Das Kautschukgeld ist handlich und praktisch, aber auch sein sonstiger Zweck liegt auf der Hand. Es hat nur in der Salpeterzone Kurswert. Und dann: „Wenn die Arbeiter die Kasse stürmen,“ meinte der Zahlmeister zu mir, „so ist eben nicht viel verloren; die betreffenden Fichas werden dann einfach für wertlos erklärt.“ Zu ihrer Charakterisierung genügt schließlich, daß ihre Abschaffung ein Programmpunkt der radikalen Partei ist, die jetzt mit dem neugewählten Präsidenten Arturo Alessandri in Chile zum erstenmal zur Herrschaft gelangt.
Von manchen Werken wird allerlei an Wohlfahrtseinrichtungen getan. Man legt Plazas an, läßt Musikkapellen spielen, richtet Kinos ein. Aber ich habe auch Werke gesehen, in denen der Eintritt ins Kino für den Arbeiter einen Peso kostet, so daß die Werkleitung auch noch mit ihrer Wohlfahrtseinrichtung ein fettes Geschäft macht. Aber auch selbst wenn es wirkliche Wohlfahrtseinrichtungen sind, es bleibt ein Almosen. —
„Wenn die Regierung, die so viel an den Salpeterabgaben verdient, wenigstens darauf dringen wollte, daß die Werke hygienische, menschenwürdige Unterkunft schüfen!“ meinte der Unterbeamte, mit dem ich durch das Campamento ging. „In einem solchen Raum schlafen, wohnen und essen oft zehn Menschen zusammen.“
Bezeichnend für die bisherigen politischen Verhältnisse in Chile ist, daß die Arbeiter wohl das Wahlrecht haben, daß aber die Ausübung des Wahlrechts sehr erschwert ist, da sie dazu nach Antofagasta fahren müssen, fünf bis acht Stunden Bahnfahrt. Und da nur täglich ein Zug fährt, bedeutet das einen Lohnausfall von zwei bis drei Tagen, ganz abgesehen von den teueren Reisekosten.
Die Sonne brennt durch die Scheiben des Zuges. Die Wüste flimmert. Der Speisewagenkellner bringt Beefsteak mit Spiegelei, Preis 3,60 Peso. Die Frau, die es bestellt hat, trägt unter ihrem ärmlichen Kleid kein Hemd. Ihr gegenüber sitzt eine Bolivianerin in bunten Tüchern mit einem Säugling. Wie sie das Kleid abhebt, um den Säugling zu stillen, tropft von der braunen Brust langsam ein schwerer weißer Tropfen zu Boden.
33. Unter Vulkanen.
Ollague (chilenisch-bolivianische Grenze).

Von den Felsmauern herab, die oben blank von Eis sind, kollert ein brauner Stein, stürzend, sich türmend, ein Strom von Stein. Rasend rasch kommt er näher, füllt das Tal, prallt an den Bahndamm, staut sich zu beiden Seiten. Wir fahren mitten hindurch.
Lava! Bräunlich-schwarze, graue Lava. Hochgetürmt, daß der Zug fast darin versinkt. So frisch sieht sie aus, als sei sie eben erst vom Berg herabgeflossen, und ist doch hundert, tausend, vielleicht viele tausend Jahre alt.
Zone der Vulkane. Die weißen Schleier, die um die Spitzen der Berge hängen, sind nicht Wölkchen, die sich an ihren Zacken gefangen. Es ist Rauch, Wasser- und Schwefeldampf, der aus den Kratern steigt. Wie der Zug weiterfährt, sieht man durchs Glas deutlich, wie es aus runden und ovalen Kratermäulern weiß und gelb in die Höhe schießt.

Die heilige Jungfrau vom See in Copacabana.

Ein frischer Trunk.

Bepackter Hochlandesel.
Wir sind in der Werkstatt der Erde. Tief unter dem Boden, über den wir eilen, ruhen die Kräfte, die diesen Kontinent schufen, veränderten und verändern werden. Sah es nicht unten im Archipel südlich von Puerto Montt aus, als sei hier die See in das chilenische Längstal hineingebrochen und habe es in einen langen Meeresarm verwandelt und die ragenden Kuppen der Küstenkordillere in Tausende von Inseln?
Hier oben im Norden aber, wo der Salpeter quadratkilometerweit das Land bedeckt, möchte man glauben, als habe das ganze Land sich aus dem Meer gehoben, aus dessen verdunsteten Wassermengen das Seesalz zurückblieb, das stellenweise in blinkender dicker Kruste den steinigen Fels überzieht.
Aber schon die Salpetergegend war 1000 Meter, 1500 Meter hoch, Calama, wo die großen Salzseen sind, 2000, und die letzte Station, an der der Zug vorbeieilte, trug die Zahl 3223 Meter.
So wäre ganz Südamerika einst am Grunde des Meeres gelegen? Doch nein! Lag nicht östlich des Kontinents Atlantis, der sagenhafte versunkene Erdteil? Vielleicht war er nichts anderes als die Fortsetzung der argentinischen Pampas, und als sich in unvordenklichen Zeiten die chilenische und peruanische Küste aus den Fluten des Pazifik hob, da versank im Osten die weite Ebene in den Wassern des Atlantik, so daß sich der ganze Kontinent um seine Achse drehte wie der Balken einer ungeheuren Wage.
Die Berge beiderseits der Bahn sind rot und blau, in bunten Streifen gefärbt. Wie Hermelinbesatz zieht sich über scharfe Kämme und Grate der ewige Schnee, und darüber die weißen und gelblichen Wolken wie eine Warnung: Wir sind immer da, wenn wir auch zu schlafen scheinen, wir ewigen Kräfte, die wir die Welt wandeln und zerstören.
4000 Meter, fast Montblanchöhe! Die Luft von einer unwahrscheinlichen Klarheit und Durchsichtigkeit. Man meint Hunderte von Kilometern weit zu sehen und glaubt noch an den fernsten Hängen die kleinste Einzelheit erkennen zu können.
Wunderlich rot färbt sich der Boden. Ein ganz satter, warmer Ton. Erst beim Näherkommen sieht man, daß es nicht Fels noch Stein, sondern eine niedrige fleischige Pflanze ist, eine Art Fetthenne, die meilenweit über den nackten Stein kriecht.
Dann aber wird mit einem Schlag alles schneeweiß, glitzernd, kristallklar zu beiden Seiten der Bahn bis an den Fuß der Vulkane. Mitten hindurch fährt der Zug wie über einen gefrorenen See. Ein unheimliches Gefühl; denn an einzelnen Stellen sieht man noch dunkle Flut zwischen dem glitzernden Weiß.
Und das alles wie unter einer Kuppel von intensivstem Blau. Es ist, als hätten sich die vulkanischen Kräfte hier auf dem Dache der Welt einen Tempel gebaut, daß die Menschheit dahin wallfahre und sich in Demut beuge vor den ewigen Gewalten.
Aber nein, das Weiße ist Borax. Millionenwerte liegen hier. Man braucht sie nur aufzulesen, und weiterhin sieht man inmitten des glitzernden Weiß Schlote und Wellblechbaracken: die Boraxwerke von Cebollar, in denen das wertvolle Material für den Versand eingesotten wird. Seit Jahren wird hier gearbeitet und in die Welt hinausverschickt. Aber das Tischtuch, das hier die Natur über die Erde gebreitet, ist kaum kleiner geworden.
Und weiterhin ist der Boden gelb; es ist Schwefel. Und gleichfalls braucht es nicht mehr als die Mühe des Losbrechens. Grünlich gelbe Dämpfe wallen um die viereckigen Blöcke der Schwefelöfen, aus denen das goldgelbe Mineral fließt, Tränen in die Augen treibend und die Kehle würgend. Aber dem, der es fand und von der Erde hob, lauteres Gold in die Taschen.
Geld machen, Geld, Geld! Wie wird sich erst in absehbarer Zeit die göttliche Felseinsamkeit bevölkern mit Essen und Öfen, wenn erst weitere Schienenstränge die Kordillere durchziehen; denn die Bahn ist hier alles. Ohne sie blieben die weiten, großen Schätze der einsamen Erde tot. Über dem Vulkan aber steht Tag und Nacht, als stumme Warnung, die Rauchwolke.
Als Chile noch unter den Meeresfluten lag, soll das heute kalte und rauhe Andenhochplateau jenseits der Kordillerenkette ein paradiesisch schönes, tropisches Land gewesen sein, die Wiege der amerikanischen Völker. Uralte Ruinen künden, daß hier einst Weltstädte standen. Was mag aus diesem Gebiet hier werden, wenn sich die unheimlichen Kräfte wiederum regen, wenn neuerdings Kontinente versinken, Kontinente erstehen?
Auf der einsamen, im Weltmeer verlorenen Osterinsel steht eine ungeheuere Steinstatue mit traurig ergebenem Gesicht, nach Norden blickend. Als einst die Achse des Kontinents sich drehte und Atlantis versank, da errichteten seine entsetzten Bewohner, die das Meer über sich hereinbrechen sahen, auf der höchsten Höhe diese Statue, wie um den Zorn der Götter zu besänftigen, und als einziges Denkmal einer versunkenen Welt blieb sie von der Flut verschont.
Mag es so sein oder nicht. Die Mythe ist schön, und als in Ollague der erste Aimara an den Zug herantrat, um Llareta zu verkaufen, die als Brennmaterial dienenden torfigen harzreichen Polster einer Schirmblütlerpflanze, die er in unsäglich harter Arbeit in eisiger Felseinsamkeit gesammelt, da glaubte ich in den Zügen dieses Sprossen eines vielgeprüften Volkes die gleichen Züge trauriger und stummer Resignation zu lesen.