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Südamerika, die aufsteigende Welt

Brasilien

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Wappen von Brasilien
Wappen von Brasilien

50. Abend in Santa Anna.

Santa Anna do Livramento.

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Die Grenze führt mitten durch die Stadt. Es ist nur eine einzige, aber die eine Hälfte heißt Rivera, die andere Santa Anna do Livramento, und beide scheidet eine unsichtbare Mauer. Der Wagen, der in müdem Trott durch die sonnenheiße Stadt einen verzerrten Schatten nachschleift, hält. Im Türrahmen eines weißen Hauses lümmelt ein Neger mit Beamtenmütze. Grenzkontrolle.

Auch Brasilien hat angefangen, seine Grenzen zu sperren. Man braucht alle möglichen Visa und Zeugnisse. Der deutsche Konsulatsbeamte in Buenos Aires wollte mir unbedingt einen neuen Paß ausstellen. Ich wollte nicht; denn das kostet 56 Peso.

„Dann gebe ich Ihnen kein Visum.“ Er war sehr förmlich.

„Danke, brauche ich nicht.“

„Aber dann gibt Ihnen das brasilianische Konsulat auch keines.“ Er war sichtlich empört.

„Doch, wetten?“

Er wandte sich ab. Ich konnte froh sein, ohne Rüge fortzukommen.

Ich ging zum brasilianischen Konsulat und schickte dem Generalkonsul meine Karte hinein. Es war ein reichlich verfetteter, reichlich schwarzer Brasilianer. Hier unter den Argentiniern fällt einem der Rassenunterschied zwischen den beiden Völkern stärker auf.

Wir plauderten. Die Unterhaltung war sehr angeregt, über Brasilien, die beste Reiseroute, meine nächsten Pläne. Dann zeigte ich meinen Paß.

„Der genügt doch?“

„Selbstverständlich.“ Er sah gar nicht hinein. „Morgen können Sie das Visum holen.“

Mir liegt wenig daran, recht zu behalten. So schenkte ich mir einen zweiten Gang aufs Konsulat, um dem Beamten den trotzdem vidierten Paß zu zeigen. Vielleicht tue ich dem Mann auch unrecht, vielleicht haben die deutschen Konsulate Weisung, nach Möglichkeit Paß- und Visumgebühren einzunehmen. Schön, aber manchmal fällt es einem schwer, den Ausdruck „Wurzerei“ zurückzuhalten, besonders wenn sich dies Verfahren gegen frisch Herübergekommene wendet, die sich nicht zu helfen wissen und für die zehn oder zwanzig Peso ein Vermögen bedeuten. So traf ich später in Brasilien einen jungen Deutschen, der nach Argentinien ausgewandert war. Er fand keine rechte Arbeit und wollte nach Brasilien. Aber das deutsche Konsulat gab ihm kein Visum, da der Paß nicht auch für Brasilien ausgestellt war. Er mußte sich einen neuen Paß ausstellen lassen. Das kostete ihm seinen letzten Notpfennig.

Inzwischen war der Neger bei meinem Wagen angelangt und begann die Koffer abzuladen. Drinnen saß ein zweiter, nicht viel hellerer Brasilianer hinter einem Tisch. Er sah mich und dann meine Koffer an und nickte. Die Neger begannen das Gepäck wieder hinauszuschleppen. Ich wollte meinen Paß ziehen, aber er winkte nur zur Tür. Die Störung seiner Siesta hatte ihm augenscheinlich bereits lange genug gedauert.

Als das Pferd wieder anzog, war ich eigentlich etwas enttäuscht. Also auch das brasilianische Visum wäre überflüssig gewesen und das neue Impfzeugnis dazu, das ich mir in Buenos Aires besorgt hatte, nachdem ich mich zuletzt noch in dem chilenischen Hafen Arica hatte impfen lassen müssen.

Eigentlich ist es lächerlich. Kommt man zur See in Rio oder Santos an, so braucht man alle möglichen Führungszeugnisse und Atteste, auf dem Landwege aber wird nicht einmal nach einem Paß gefragt. Dabei ist Montevideo eine offene Einfallspforte, denn die Republik Uruguay kennt noch keinerlei Paßzwang.

„Wir sind sehr freiheitlich und sehr demokratisch“, hatte mir der uruguayische Konsul in Buenos Aires stolz gesagt.

Nach Passieren Dutzender von Grenzen bin ich über den Nutzen von Paßkontrollen ein wenig skeptisch geworden. Ich glaube nicht, daß durch sie unerwünschte Elemente tatsächlich wirksam ferngehalten werden; es kommt nur auf eine Belästigung der Harmlosen heraus. Aber die Einnahmequelle für den Staat dürfte nicht unerheblich sein, und so wird es einstweilen bei der Notwendigkeit von Pässen bleiben.

Der Weg zum Bahnhof, am andern Ende der Stadt, dehnte sich. Die niederen Häuser standen in übermäßig breiten Straßen so weit auseinander, daß es nicht den mindesten Schatten gab. Dazu ging es hügelauf, hügelab. Aber wenn man aus dem völlig flachen Argentinien kommt, ist schon das Sensation, und auf den Hügeln, die die Stadt säumen, stand sogar ein wenig Wald.

Aber die weite Fahrt war vergeblich. Der Zug ging erst am andern Morgen. Nicht einmal mein Gepäck konnte ich nach São Paulo aufgeben. Ich hatte es vorausschicken wollen, um, von ihm nicht beschwert, nur mit ein wenig Handgepäck zu reisen. Im Staate Santa Catharina hatte es eine Überschwemmung gegeben. Der Regen hatte den Bahnkörper weggerissen. Wann er wieder hergestellt sein würde? Ein Achselzucken. Man kann mit Booten passieren, meinte ein dritter.

„Überhaupt, es gibt nur Karten bis zur Landesgrenze“, erklärte der Stationsvorstand. —

Brasilien ist Bundesstaat; man merkt erst, wenn man im Innern reist, wie sehr sich die einzelnen Staaten voneinander abschließen und wie stark die Rivalitäten zwischen ihnen sind.

Das Hotel war eine Bretterbude. Es gab ein besseres, aber ich wollte landesüblich reisen. Ich mochte wohl als der vornehmste Gast gelten; so erhielt ich das letzte Fremdenzimmer in der Reihe. Um dorthin zu gelangen, mußte man durch alle andern hindurch. In dem ersten lagen ein paar Gauchos gestiefelt und gespornt auf den Betten, im zweiten saß eine Familie mit kleinen Kindern zu Tisch, im dritten stand ein junges Weib mit aufgelösten Haaren mitten im Raum. Das Haar war ein wenig fett, aber lockig und von einem ins Blaue spielenden Schwarz. Es fiel in Ringeln um ein ebenmäßiges, olivbraunes Gesicht. Wie zwei lebendige, verwunderte Fragen standen dunkle Augen darin. Daneben lag hinter einer löcherigen Tapetenwand mein Zimmer. Ich stieß die Fensterläden auf, um die schwüle stickige Luft hinauszulassen. —

Nach dem Abendessen bummelte ich noch ein wenig durch die nachtdunkle Stadt; vor allem wollte ich eine Gelegenheit für ein alltägliches, unvermeidliches Bedürfnis suchen; in solch kleinen Orten haben nur die vornehmsten Häuser ein eigenes Lokal dafür. Eine stockdunkle Straße war gerade geeignet. Zur Seite schien, ein wenig tiefer, eine buschbestandene Wiese zu liegen. Ich wollte schon hinabspringen, als ich plötzlich anhielt und erst mit dem Stock sondierte. Er fand keinen Grund. Ich warf einen Stein und hörte erst nach einer Weile ein klatschendes Aufschlagen. Es war ein Sumpf. Die Straße fiel in steilem Sturz jäh dahin ab. Ich überlegte, wie ich wohl wieder herausgekommen wäre. —

Später traf ich den Spanier, den ich auf der Station kennengelernt. Wir bummelten über die Plaza. Aus dem Café drang Musik. Das Kino warf einen frechen Lichtkegel auf die Straße. Einen Augenblick glaubte ich das olivbraune Profil meiner Nachbarin zu sehen. Dann spazierten wir wieder unter den dunklen Bäumen.

„Ach, Sie sind Deutscher!“ rief er aus, „ich hielt Sie für einen Engländer.“ — Mit einemmal war er wie ausgewechselt. „Muy amigos los alemanes!“ Er schloß mich in die Arme.

„Die Deutschen sind unsere Freunde! Wen sollten wir sonst haben? Die Engländer? Die Franzosen? Die alle wollen nur etwas von uns, aber die Deutschen — Und schließlich werden die Deutschen doch noch siegen.“

Um uns flanierte eine müßige Menge.

„Sehen Sie nur die Leute hier; hier und überall. Aber die Deutschen arbeiten. Ein Volk, das arbeitet, kann nicht zugrunde gehen, nie!“

Die zerfetzten Töne des letzten Operettenschlagers aus Rio wehten vom Café her über die Plaza.

51. Deutschbrasilianer.

Santa Maria.

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Gaucholand — die südliche Hälfte von Rio Grande do Sul, des südlichsten Staates der brasilianischen Union, ist damit gemeint. Die Brasilianer selbst nennen sie so, halb verächtlich, halb anerkennend. In jedem Fall heißt es etwas Fremdes. Gaucho, Pampa, das ist argentinisch, nicht brasilianisch. Und argentinisch ist fremd, fast feindlich.

Auch in Brasilien gibt es unendliche Flächen, unzählbare Herden, aber das ist im Innern, in Matto Grosso, in Gegenden, die dem Brasilianer in Rio oder São Paulo fremder sind als Europa. Brasilien heißt Urwald, Plantage, Reis und Baumwollfeld, Kaffeepflanzung.

In Kurven schmiegt sich die Bahnlinie den Hängen an. Es ist ein Paktieren mit der Landschaft. In Argentinien ist der schnurgerade Schienenstrang darüber gelegt wie ein Befehl. In Brasilien fehlt die grandiose Eintönigkeit der Pampa. Diese kahlen, grasbewachsenen Hügel sind eigentlich nur langweilig.

Gaucholand, Uruguay und Zentralargentinien, das ist geographisch eine Einheit. Ihre Vereinigung der gegebene Zielpunkt imperialistischer Politik am La Plata, zumal Gaucholand sich auch ethnographisch assimilieren ließe, denn hier fehlt das Negerblut, das der Bevölkerung der nördlichen brasilianischen Staaten seinen Stempel aufdrückt. Und selbst die Sprache zeigt Ähnlichkeit. Das Portugiesisch, das man hier spricht, ist dem Spanischen viel verwandter als das in Bahia oder Pernambuco gesprochene. In jedem Fall — sollte je die argentinisch-brasilianische Rivalität um die südamerikanische Vorherrschaft in einem Krieg zum Ausbruch kommen, hier werden die ersten Entscheidungen fallen.

Argentinien hat Tanks in England bestellt. Nein, schnellfahrende Panzerautos wären das Richtige auf diesem Gelände, dessen feste Grasnarbe überall gute Fahrbahn bietet. — Auf der Bank mir gegenüber sitzen Soldaten. Groß, blond, die deutsche Abstammung ist unverkennbar. Es sind Söhne deutscher Kolonisten aus dem Urwald.

Das kompliziert das Problem. Die dem Zentral- und Nordbrasilianer eigentlich wesensfremden Estancieros und Gauchos, die Viehzüchter und Viehhirten, bilden hier das nationale Element. Die Urwaldbevölkerung, die Kolonisten, die als eingesessene Bauern das wirtschaftliche Rückgrat von Rio Grande wie von Paraná und Santa Catharina bedeuten, sind fremdstämmig, sind deutschen, italienischen, polnischen, skandinavischen Ursprungs.

In welcher Richtung wird dieses zähkonservative Bauerntum politischen Einfluß nehmen, wenn es einmal zum Bewußtsein seiner Macht gelangt? — Die Vereinigten Staaten von Brasilien, wie sie offiziell heißen, sind kein organisches Gebilde. Wenig Gemeinsamkeit besteht zwischen dem tropischen, fieberheißen Norden mit seiner Negerbevölkerung und dem gemäßigten Süden, in dem infolge des Fehlens der früheren Sklaven und der starken europäischen, insbesondere auch deutschen Einwanderung eine ganz andere Rasse im Entstehen ist. Immer wieder reiben sich die Rivalitäten aneinander, immer wieder tauchen Gerüchte auf, die von den Loslösungsbestrebungen der Südstaaten erzählen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn in den drei Südstaaten, die kulturell wie wirtschaftlich weitaus am höchsten stehen, das Gefühl entstände: wozu sollen wir mit unserer Arbeit, unsern Steuern die lethargischen Nordstaaten mit finanzieren und die Hauptlast der Bundesfinanzen tragen? Vielleicht liegt hierin mit ein Grund dafür, daß die Regierung in Rio de Janeiro die jetzt von Europa herüberkommenden Einwanderer möglichst nach den Staaten Bahia und Pernambuco zu lenken sucht. —

Kurz vor Santa Maria stieg ein Bauernbursch ein, so blond, so urwüchsig, so deutsch, daß ich ihn anreden mußte. Man hätte meinen können, er sei unmittelbar auf einer Station in der holsteinschen Marsch oder der Lüneburger Heide eingestiegen. Und nicht anders antwortete er, kurz, wortkarg, in keiner Weise Überraschung oder Freude äußernd, hier einen Landsmann zu treffen. Wie anders hatte doch vor wenigen Tagen der deutsche Pächter im nördlichen Uruguay auf ein deutsches Gesicht reagiert.

Aber hier ist deutsch ja das Alltägliche, das Normale. Die Pampa, das Gaucholand ist zu Ende, und die Waldberge haben begonnen. Ihre Bewohner sind Deutsche. Seit drei Generationen in Brasilien ansässig, aber immer noch Deutsche. Oft genug sprechen sie nicht ein einziges Wort portugiesisch, und ich habe öfters in Bahn oder Hotel für Deutschbrasilianer den Dolmetsch machen müssen.

Vor 60, 80 Jahren kamen die Großeltern der heutigen Generation als Siedler in den Urwald. Der reichte damals bis an die Küste. Und dort in der Gegend des heutigen Porto Alegre, Blumenau und Joinville fingen sie an. Meile für Meile haben sie mit der Axt den dichten Wald geschlagen. An seiner Stelle stehen heute große Städte, dicht besiedelte Dorfgemeinschaften, intensiv bebautes Feld. Die Kinder und Enkel wurden reich. Das einst wertlose Land wertet heute nach Zehntausenden von Milreis.

Die zuerst durch die Einsamkeit des Urwalds und den Mangel an Verkehrsmitteln bedingte Isolierung der fremden Siedler blieb bestehen, auch als von Urwaldeinsamkeit längst keine Rede mehr war und ein dichtes Bahn- und Straßennetz die einstige Wildnis durchzog. Die Brasilianer taten nichts, die Kolonisten zu assimilieren. Sie schließen auch die Kinder und Enkel der Einwanderer nach Möglichkeit von Politik und Anteilnahme an der Regierung aus, stören sie aber nicht in ihrem eigenen kulturellen Leben. So entstanden völkische Fremdkörper, Sprachinseln, nicht anders als die von Maria Theresia im ungarischen Banat angelegten deutschen Kolonien. Die deutschen Kolonisten bauten und unterhielten, nachdem sie die Anfangsschwierigkeiten überwunden hatten, ihre eigenen Schulen und Kirchen, sehr prunkvoll mitunter, stellten Lehrer und Pfarrer an und schlossen sich in sozialer Hinsicht ganz von den angestammten Bevölkerungselementen ab. Auf ihren Dörfern duldeten und dulden sie keine „Fremden“, wie sie die Brasilianer nennen, nicht einmal als Wirt oder Kaufmann, und wo sie stark genug und genügend viele das volle politische Bürgerrecht erlangt haben, dringen sie auch auf deutschstämmige lokale Behörden. Aber damit erschöpft sich, auch in den ältesten Kolonien, das politische Interesse. Dorfkirchturmspolitik.

So beruht denn auch alles Gerede und Geschreibe von einer großdeutschen Politik in Südbrasilien auf einer völligen Verkennung der wirklichen Verhältnisse. Ich glaube, die Deutschbrasilianer dachten in ihrer Masse nicht im entferntesten an eine politische Verbindung mit dem alten Mutterboden, und von einer eventuellen Annektion von Südbrasilien durch das Deutsche Reich wären sie, ganz abgesehen von der Unmöglichkeit einer derartigen Angliederung, am allerwenigsten entzückt gewesen. So hat alles, was darüber geschrieben und gesprochen wurde, nur dazu gedient, böses Blut zu machen, die Feinde des Deutschen Reiches zu mehren, und es hat letzten Endes nicht wenig dazu mitgewirkt, daß Brasilien so rasch und willig in die Reihe unserer Gegner im Weltkrieg eingetreten ist.

Die Deutschbrasilianer sind Zwitterwesen. Sie sind keine Brasilianer im Sinne wie etwa die Deutschchilenen Chilenen sind, deren flammendes chilenisches Nationalgefühl mit dem der reinblütigen, alteingesessenen Nachkommen der spanischen Conquistadoren und araukanischen Indianer wetteifert. Aber sie sind noch viel weniger Deutsche. Sie hängen an der alten Heimat aus Tradition und aus einer sentimentalen Liebe heraus. Die wenigsten von ihnen würden dort überhaupt leben mögen oder können. Bei der großen Unbildung der Urwalddeutschen machen sich diese von den Verhältnissen in Deutschland, besonders nach der großen Wandlung des Krieges, kein auch nur entfernt richtiges Bild. Wie schlecht sie teilweise über die Lage in Europa unterrichtet sind, erfuhr ich erschreckend und doch wieder rührend durch die erstaunlich naive Frage eines Urwaldkolonisten, der mir folgendes sagte:

„Sagen Sie, Sie kommen doch jetzt aus Deutschland? Ist es wirklich wahr, was die Zeitungen hier immer wieder schreiben, daß Deutschland im Krieg verspielt hat?“

So konnte denn auch ein Aufstand der Deutschbrasilianer während des Weltkrieges zugunsten Deutschlands ernsthaft nicht in Frage kommen. Und wenn auch eine Weile die Möglichkeit bestand, daß die deutschen Bauern aus São Leopoldo bewaffnet nach Porto Alegre, der Hauptstadt des Staates Rio Grande do Sul, marschierten, so doch nicht im Interesse Deutschlands, sondern nur um die deutschen Landsleute dort vor den Ausschreitungen des Mobs zu schützen.

Die deutschen Kolonisten in diesem südlichsten Staat Brasiliens sind keine Brasilianer, aber sie sind Rio Grandenser oder vielmehr San Leopoldiner, oder Novo Hamburger, oder wie ihre Kolonie-Gemeinde heißen mag. Zäh wurzeln sie auf der Scholle, die sie dem Urwald abgerungen haben.

So gering ihr politischer Einfluß, so groß ist ihr wirtschaftlicher. Ihre Arbeitskraft und ihre wirtschaftliche Tüchtigkeit ist dem eingeborenen Element gegenüber so groß, daß sie dieses selbst auf seinem eigensten Gebiet, der Pampa, zurückzudrängen beginnen. Eine ganze Reihe deutscher Bauern hat angefangen, auch in der Pampa Land zu kaufen, um dort rationelle Viehzucht und Milchwirtschaft zu treiben. Ebenso sind die industriellen Betriebe in den Städten wie die Export- und Importhäuser zu einem großen Teil in den Händen von Deutschen.

Für die brasilianische Regierung besteht die große Schwierigkeit, sich dieses wirtschaftlich so außerordentlich wertvolle Element einzugliedern. Daß es auf dem nach der Kriegserklärung an Deutschland eingeschlagenen Weg der gewaltsamen Unterdrückung nicht geht, hat man bald eingesehen. Damals wurden deutsche Schulen, deutsche Zeitungen, deutsche Sprache überhaupt verboten. Allein dieses Verbot war, besonders was die Sprache anbelangt, von vornherein undurchführbar. Und andrerseits war es der Regierung selbst nicht so ernst damit; sie bemühte sich, die Deutschen gegen Ausschreitungen zu schützen. Schließlich hing alles von den lokalen Verhältnissen ab. Und während mancherorts die Deutschen böse Tage mitmachten, hat an anderer Stelle mancher Brasilianer, der sich abfällig über die Deutschen zu äußern gewagt hatte, ungesühnt seine gehörigen Prügel bezogen.

Nach dem Krieg wurden auch offiziell alle Beschränkungen aufgehoben, dagegen wurde die Bestimmung eingeführt, daß in den deutschen Schulen auch portugiesisch unterrichtet werden muß. Ich habe einmal einer Unterrichtsstunde in einer Urwaldschule angewohnt. Es war Rechenstunde, und der Lehrer stellte seine Fragen erst auf deutsch, dann auf portugiesisch. Allein da die Kinder zu Hause nur deutsch hören, und die Lehrer oft genug selbst nur mangelhaft portugiesisch sprechen, kann bei diesem Unterricht nicht viel herauskommen.

Eine wirksame Assimilierung der deutschen, ebenso der fast gleichstarken italienischen Kolonisten würde nur bei Vermischung durch Heiraten untereinander eintreten. Allein gerade in dieser Hinsicht schließen sich die Deutschen streng ab. Wie sie auf ihren Festen und gesellschaftlichen Veranstaltungen keine Brasilianer dulden, heiraten sie auch nur untereinander. Die Ehe mit dem brasilianischen Element ist verpönt; wie die wenigen vorliegenden Erfahrungen zeigen, übrigens mit Recht. Die brasilianische Frau stellt an den Mann Ansprüche, denen der kühler veranlagte Deutsche ohne Gesundheitsschädigung auf die Dauer nicht zu entsprechen vermag.

Trotzdem werden natürlich mit der Zeit, wenn nicht dauernd starker Zuzug kommt, deutsche Sprache und Kultur immer mehr verlorengehen, schon weil sich die starken klimatischen Einflüsse mit der Zeit geltend machen müssen. Wie diese auf die Dauer wirken, ist eine noch umstrittene Frage. Wenn die Deutschbrasilianer auch durchweg einen gesunden kräftigen Eindruck machen, so wird von ärztlicher Seite doch behauptet, daß sich bereits gewisse Entartungserscheinungen zu zeigen beginnen. Was besonders auffällt, sind die schlechten Zähne, denen man allerdings in ganz Südamerika begegnet. Die besser Bemittelten zeigen ähnlich den Nordamerikanern den Mund voll Goldplomben, während die Ärmeren bereits in jungen Jahren nur mehr bräunliche Stummeln haben. In jedem Fall besteht die Gefahr einer gewissen Inzucht; aus diesem Grund sind Reichsdeutsche bei den töchterreichen Kolonisten als Schwiegersöhne sehr beliebt, da sie — wie man dort sagt — „besseres Blut“ haben. —

In São Pedro steigt eine Negerin ein. Sie trägt schreiend bunten Kattun, lange Ohrgehänge, ihr Nacken ist wie aus Holzkohle geschnitten. Die Fülle ihrer Leiblichkeit droht durch die engen Wagenfenster aus dem Kupee zu quellen. Sie setzt sich unmittelbar neben die blonden, schlanken Soldaten. Beide sind gleichberechtigte Staatsbürger ein und desselben Landes.

52. Kolonisten und Kolonien in Rio Grande.

Santo Angelo.

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Im Hotel „Stadt Hamburg“ hatten mich und meinen Reisekameraden die Wanzen gemeinsam fast aufgefressen. Das verbindet immer. Nun kamen wir im Zug zufällig wieder zusammen. Wir plauderten daher bereits als alte Bekannte miteinander.

Das Hotel „Stadt Hamburg“ war übrigens geeignet, meine bisherigen guten Ansichten über das Deutschbrasilianertum wieder aufzuheben. Im Vertrauen auf deutsche Sauberkeit hatte ich mich zu Bett gelegt. Sehr lange dauerte es nicht. Dann hatten mich die Wanzen derart zugerichtet, daß ich trotz aller Müdigkeit wieder aufwachte. Der Lokalaugenschein beim Kerzenlicht veranlaßte mich, das Schlachtfeld zu räumen. Ich zog mich an, um mich draußen auf den ziegelsteingepflasterten Hof zu legen. Einen neidischen Blick warf ich noch auf meinen fest schnarchenden Schlafgenossen. Die fettesten Wanzen krochen ihm übers Gesicht, daß es eine Lust war; er wachte aber davon nicht auf.

Ich hatte diese Gleichgültigkeit und Immunität gegen Ungeziefer trotz all meiner Reisen auf dem Balkan, in Galizien, Rußland und Polen noch immer nicht erreicht, und so jagten mich auf dem Hofe die Moskitos alsbald wieder hoch. Ich ging zurück ins Zimmer, um das Moskitonetz zu holen, das ich erst von Wanzen säubern mußte. Als ich glücklich soweit war und in das Netz eingewickelt auf den Fliesen lag, ging ein derartiger Platzregen los, daß ich schleunigst wieder ins Haus mußte. Mein Reisekamerad schnarchte immer noch unentwegt.

Im Zug erzählte er mir dann, daß man in ganz Südbrasilien kaum ein Haus finde, einerlei welcher Nationalität sein Besitzer, das nicht verwanzt sei; nach meinen späteren Erfahrungen mußte ich ihm darin recht geben. In dieser Hinsicht haben die Deutschen von der Lethargie der Einheimischen angenommen; schließlich ist es auch zum Verzweifeln, wenn keine noch so gründliche Säuberung hilft. Ist ein Haus glücklich ungezieferfrei, so ziehen die lieben Tiere nach wenigen Tagen aus dem Nachbarhaus wieder ein.

Mein Reisekamerad war vor dreiviertel Jahren eingewandert. Er war ein junger Bursch, der seine vier Jahre im Feld gewesen war und dann hinüberging, ohne jemand zu kennen, ohne von dem fremden Land viel mehr zu wissen, als daß dort Deutsche wohnen. Bei ihnen dachte er Arbeit und Brot zu finden.

Aber beinahe wäre er dabei verhungert. Die deutsch-brasilianischen Kolonisten sind wie alle Bauern gegen Fremde mißtrauisch und gegen deutsche Landsleute sind sie es ganz besonders. Die „Deutschländer“ gelten bei ihnen als arbeitsscheu und anspruchsvoll; es ist schwer zu sagen, wer schuld daran ist, einzelne Bauernfänger und Schwindler, die sich kurz nach Kriegsende in den deutschen Kolonien herumtrieben, sich als Kriegsteilnehmer ausgaben und die teilnahmsvolle Gutmütigkeit der Deutschbrasilianer für sich ausnützten, oder die deutschnationale Propaganda, die drüben mit allen Mitteln gegen das heutige Deutschland und insbesondere seine Arbeiter hetzt.

Genug, der junge Einwanderer zog vergeblich von Hof zu Hof, überall abgewiesen, bis er schließlich am Ende seiner Kräfte und seiner Mittel Arbeit und Unterkommen fand. Von da an war er gesichert; denn sein erster Arbeitgeber empfahl ihn weiter, und so zieht er jetzt, immer an Hand von Empfehlungen, von einer Kolonie zur andern.

An sich wäre Arbeit genug vorhanden, so daß es nicht erst einer Empfehlung bedürfen sollte, um sie zu bekommen. Am liebsten arbeitet allerdings der deutschbrasilianische Kolonist nur mit seinen Familienmitgliedern. Wenn von einem besonders reichen Bauern die Rede ist, so kann man oft genug hören: ja der, der hat auch fünfzehn Kinder!

Kinder sind hier eben noch Segen, auch im wirtschaftlichen Sinne. Jedes Kind mehr bedeutet bereits nach kurzer Zeit eine wertvolle kostenlose Arbeitskraft. Volkswirtschaftler, die die Ursache für Kinderreichtum oder Kinderbeschränkung ausschließlich in wirtschaftlichen Gründen suchen, werden in Südbrasilien die volle Bestätigung ihrer Theorie finden; denn hier ist Kinderreichtum die Regel. Familien mit einem Dutzend Kinder sind nichts Seltenes, und auch solche mit 15, 16 und 18 Kindern kommen häufig genug vor.

Aus diesem Grund zahlt der deutschbrasilianische Bauer auch ungern und nur möglichst niedrige Löhne, wenn er schon fremde bezahlte Arbeitskräfte beschäftigen muß. Bei freier Unterkunft und Verpflegung gibt es nicht mehr als 2 bis 2½ Milreis für den Tag. Um bei diesen Löhnen und den hohen Kosten, die Bahnfahrt und Hotel ausmachen, das zum Ankauf eigenen Landes erforderliche Kapital in absehbarer Zeit zu ersparen, muß man schon die eiserne Energie meines Reisekameraden haben, der mir voll Stolz erzählte, daß er noch niemals auch nur einen einzigen Centavo für Tabak oder Bier ausgegeben habe.

Inzwischen waren wir in Cruz Alta von der Hauptlinie abgezweigt und hielten nun in Ijuhy. Von der hochgelegenen Station sah man auf dem nächsten Hügel die sanft ansteigende breite Straße mit den sauberen Häusern, auf dem höchsten Punkt die große Kirche. Vor wenigen Jahren war noch alles Urwald.

Von hier aus wird von Pionierbataillonen die Bahn gegen das angrenzende argentinische Misiones vorgetrieben. Die bisher fertiggestellte Strecke bis Santo Angelo wird noch von Militär betrieben. Aus diesem Grund müssen wir jetzt nochmals umsteigen, trotzdem der Zug auf dem gleichen Geleise weiterfährt.

In den Wagen sind jetzt lediglich Deutschbrasilianer, alles Landsucher, Landkäufer, Neusiedler.

In Neuland fahren wir ein, als der Zug endlich mit sinkendem Tag sich wieder in Bewegung setzt. Links und rechts der Bahn kaum gerodeter Urwald, dazwischen gestreut schmale Parzellen von Mais und Tabak.

Von hier bis an den Grenzfluß Rio Uruguay ist noch jungfräuliches Land, die letzten Ländereien, über die Rio Grande do Sul verfügt. Kurz vor dem Krieg wurden hier noch deutsche Einwanderer angesiedelt, mit allen Vorteilen, welche die „Immigração“ gewährt. Heute hat man die Einwanderung gesperrt, d. h. nicht offiziell, nicht formell. Wer einwandern will, erhält Land zu den gleichen Bedingungen wie die Eingeborenen auch, nur Vorteile und Vergünstigungen werden nicht mehr gewährt.

Rio Grande will das noch verfügbare Land für seine eigenen Landeskinder vorbehalten. In erster Linie sind dies die deutsch-brasilianischen und italienisch-brasilianischen Kolonisten; diese brauchen viel Land. Der väterliche Hof wird ja nicht unter die Kinder geteilt oder einer erbt ihn und die andern ziehen in die Stadt, sondern jeder Sohn erhält zur Hochzeit einen Besitz mindestens in der Größe des väterlichen. Zu diesem Zweck kaufen die Bauern frühzeitig in den frisch vermessenen Urwaldgebieten Lose für ihre Kinder, auf denen diese nicht anders anfangen, als es ihre Eltern getan, es sei denn der väterliche Wohlstand bereits so groß, daß den Nachkommen unter Kultur stehende Kolonien aus zweiter Hand gekauft werden können.

Im ganzen Wagen — es ist ein großer, durchgehender amerikanischer Wagen — hört man nur von Landpreisen und von Bodenbeschaffenheit sprechen, von Gegenden, wo noch Land zu haben und von den Bedingungen, zu denen es abgegeben wird. Dazwischen reden die Frauen untereinander leise von der Wirtschaft, von Schweinen und Mais. Man hört unverfälschte schwäbische, hessische und norddeutsche Mundart. Aus Bündeln wird gute alte deutsche Wurst geholt und Kuchen, wie ihn die Bauernfrauen in Deutschland auch backen. Es ist ein eigentümlicher Eindruck, deutsche Bauernschaft um sich zu haben, die in immer dichter werdenden Urwald hineinfährt.

Bald wird es allerdings so dunkel, daß der Mais wie die Wellen eines geheimnisvollen Wassers den Bahndamm umspült und die alten lianenumrankten Bäume sich wie Gespenster über ihn neigen. Schließlich hockt alles auf harten Bänken und schläft, bis der jähe Ruck in Santo Angelo uns weckt.

Unergründliche Nacht und unergründlicher Schmutz. Wir fragen nach der Witwe Schirach, die man uns als Quartiermutter empfohlen. In der Ferne schimmern ein paar ungewisse Lichter. Sie weist man uns. Wir schultern den Rucksack und treten den Marsch an, der eine Expedition durch Sumpf und Schlamm ist.

53. Kolonisten im Urwald.

Guarany.

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Wir ritten die Linie entlang. Linien heißen die breiten Straßen, die schnurgerade durch den Urwald führen und von denen die Nebenwege abzweigen, an denen die Kolonien liegen.

Die Linien sind die Hauptverkehrsadern der Kolonien. Alle Augenblicke begegnet uns denn auch ein Wagen, ein Reiter oder ein Viehtrieb. Erst nach ein paar Stunden Reiten wird es einsamer.

An den Linien liegen die Venden, ferner die Schulen, dann Brauerei- und Limonadefabriken, Schneide- und Mahlmühlen und was man sonst noch hier an kleingewerblichen Betrieben braucht, sowie die bevorzugten Kolonielose: manche Musterwirtschaft, aber auch mancher heruntergekommene Betrieb, in denen ein paar Polen oder ein Weißer mit einer Farbigen in einer Hütte hausen, die nicht mehr als gerade das zum Leben Nötige anbauen.

Beiderseits der Linie Mais. Dann Tabak, der mit Maniok wechselt, und wieder Mais. Mais ist die Hauptfrucht, die wichtigste Nahrung für Mensch und Vieh. Aus ihm bäckt der Kolonist sein Brot. Erst der Wohlhabende nimmt Weizen dazu. Weizen ist hier Luxus. Für seinen Anbau ist es bereits zu heiß. Er muß von der Serra, dem kalten Hochland, hergeschafft oder aus Argentinien importiert werden.

Um die Häuser steht Obst, vor allem Pfirsich, der ähnlich wie in Argentinien auf diesem Boden gleich Unkraut wuchert und bereits im ersten oder zweiten Jahr Frucht trägt, Yerba — Bäume, deren Blätter den Mate-Tee liefern, und wo Italiener siedeln, eine Weinlaube oder Weinberg.

Die Häuser selbst sind fast sämtlich aus Holz, von hübschen soliden Bauten bis zu einfachsten Bretterbuden. Daneben ein Schuppen für die geerntete Frucht und ein Pferch für das Vieh.

Je länger wir reiten, desto häufiger unterbrechen Waldpartien die Felder, und schließlich geht’s eine ganze Strecke lang durch ungerodeten Urwald. Lianenverfilzt schließen die alten Bäume gleich Mauern beiderseits die Straße ein. Es sind noch nicht kultivierte Kolonielose, deren Besitzer auf die Konjunktur warten, um sie mit hohem Nutzen weiterzuverkaufen. Wo eine neue Staatskolonie vermessen wird, macht sich alsbald die Spekulation breit. Wenn auch dem Gesetz nach jeder Bodenwucher vermieden und Land nur an jene abgegeben werden soll, die es tatsächlich bebauen, so ist doch unvermeidlich, daß der und jener, von den Koloniechefs und Vermessungsingenieuren angefangen, durch Mittelsmänner eine größere Anzahl von Losen in seine Hand bringt, die er erst zum Verkauf stellt, wenn alles Land in der Gegend vergeben und durch die Arbeit der Kolonisten auf den Nachbargrundstücken ein erheblicher Wertzuwachs eingetreten ist.

Eine Pforte in der Mauer steht offen. Ein schmaler Weg führt in den Wald. Ein schmales Spitzgewölbe aus Zweigen und Blättern. Grünliches Dämmern. Treibhausluft. Hintereinander gehen die Pferde.

Wo sich der Weg senkt, öffnet sich eine Lichtung. An den Hängen liegen noch geschlagene Stämme. Verkohlte Stumpen, zwischen denen sich handhoch Asche breitet, zeigen, daß hier frische „Roce“ gemacht wurde. Unten im Grunde steht zwischen hochtreibendem Mais an einem kleinen Wässerlein eine einfache Bretterhütte: der Anfang einer Kolonie. Es ist vollendete Urwaldeinsamkeit, aber lange nicht gleich der, in der Väter und Großväter der heutigen Deutschbrasilianer anfingen. Ein kurzer Ritt bringt bis an die Linie, nur ein paar Stunden sind bis zur nächsten Venda und nicht mehr als zwei Tagereisen bis an die Bahn. Man kann leicht und billig alles kaufen und heranschaffen, was nötig: Gerät und Lebensmittel, Nägel und Bretter. Und Freunde und Nachbarn sind nicht weit, die einem im Notfall helfen können.

Trotzdem bleibt genug an Einsamkeit und Härte des Lebens. Die Frau kommt uns aus der Küche entgegen. Die Küche ist ein offenes Feuer zwischen zwei Feldsteinen. Darüber hängt ein Kessel. Das ist alles.

Sie nötigt uns ins Haus. Es ist einfach aus Brettern zusammengeschlagen, vielleicht fünf Meter im Geviert. Eine Bettstatt und ein Tisch mit einigen Hockern, selbstgezimmert, bilden das ganze Mobiliar.

Das Haus stellt ein Minimum an Wohnung dar, und trotzdem ist es ein Palast gegen die Anfangszeit, als man in einer Laubhütte hauste und bei jedem Regen im Wasser lag.

Der Anfang, das war das Schlimmste; damals, als erst ein Pfad durch den Wald geschlagen werden mußte, um auf den eigenen Grund zu kommen, und dann das Roden begann. Bis Breschen für Luft und Licht hineingeschlagen sind, steckt der Urwald voll Moskitos und Schlangen, von anderem Ungeziefer nicht zu reden. Dann heißt es mit dem Fäustel das Unterholz buschen, darnach werden die großen Bäume geschlagen. Nach ein paar Wochen, wenn alles gut trocken, wird angezündet.

In den durch die Asche gedüngten Urwaldboden, der frischen Roce, wird der erste Mais gesät. Zwischen den Stumpen und halbverkohlten Stämmen werden reihenweise mit dem Stock Löcher gestoßen. Ein paar Maiskörner in ein jedes hinein, und nach ein paar Wochen steht der Mais bereits mannshoch. Hat man im September Roce gemacht, im Oktober gepflanzt, so kann man im März die erste Ernte einbringen.

Der Kolonist kommt aus der Roce herunter und begrüßt uns. Er erzählt, daß er von der ersten Ernte immerhin bereits 35 Sack verkaufte. Für den Sack 5 bis 6 Milreis. Aber das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, daß man jetzt nicht mehr von gekauften Nahrungsmitteln leben muß, daß man seinen eigenen Bedarf selbst baut und daß man jetzt daran gehen kann, sich Vieh zu halten.

Bisher hatte man nur ein Pferd oder Maultier, das im Wald weidete. Jetzt kann man sich Schweine kaufen und damit vor allem die eintönige Nahrung aufbessern, die bisher nur aus Mais und schwarzen Bohnen bestand.

Dicht neben dem Haus ist ein Pferch, in dem bereits ein paar Dutzend schwarzstruppiger Borstentiere grunzen. Schweinehaltung ist die große landwirtschaftliche Industrie in ganz Rio Grande. Jeder Kolonist, der nur ein wenig Glück mit ihnen hat, wird seinen Mais nicht verkaufen, sondern damit Schweine großziehen. Das Wichtigste an ihnen ist das Fett, das ausgelassen und in Blechbüchsen in die Hafenstädte verkauft wird. Was übrigbleibt, ißt man selbst oder verkauft es an die Nachbarn; denn hat man’s erst, so lebt man auch üppig.

Aber das dauert noch ein paar Jahre, und bis dahin heißt’s harte, schwielentreibende Arbeit. Auf dem Fußboden spielen die Kinder. Es sind im zweiten Ehejahr bereits ihrer zwei. Pro Jahr ein Kind. Auch Wald und Urwaldboden strotzen ja von Fruchtbarkeit.

Im Dach sind Löcher. Der Kolonist folgt unserm Blick. „Ja, das muß ich auch noch machen. Man kommt kaum zu allem.“ Im Urwald heißt es alles selbst machen, alles selbst können.

Die Frau bringt das Essen: schwarze Bohnen, Brot und etwas ausgelassenes Schweinefett. Wie wir abreiten, gehen die beiden zusammen in die Roce. Das Ein- und das Zweijährige bleiben allein zuhause. Die Schweine grunzen im Pferch.

Die Sonne steht hoch. Mann und Weib jäten nebeneinander im jungen Mais. Mann und Weib allein im Wald und nur aufeinander angewiesen. Es ist wie bei der Erschaffung der Erde.

54. Schirachs Erfolg.

Guarany.

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Mein Freund in Guarany war der Tischlermeister. Er war fast seit Gründung der Kolonie dort und kannte alle Kolonisten in der Umgebung. Er hatte den nötigen Lokalstolz, um nicht zu ruhen, bis ich alles gesehen. Das war recht interessant, aber auch ein wenig strapaziös; denn diese Ritte und Besuche gingen nicht ohne erheblichen Alkoholkonsum ab. Lag eine Venda an der Linie, so gehörte es selbstverständlich zum Geschäft, daß man abstieg und einen Schnaps nahm, und gar wenn mein Besuch einer Brauerei oder Schnapsfabrik galt; ich war froh, wenn wir einmal eine Limonadefabrik besuchten.

Diese vielen gewerblichen Kleinbetriebe sind ein besonderes Merkmal der deutschen Kolonien in Südbrasilien und ein Zeichen für die Rührigkeit der Siedler. Es wird dort eine Menge handwerksmäßig betrieben, wie z. B. Brauerei oder Brennerei, was wir längst nur mehr als Industrie- und Großbetrieb kennen. Man staunt, wie einfach man alles erzeugen kann. Eine Sudpfanne und ein Gärbottich, und die Brauerei ist fertig. Oder ein einfachster Destillationsapparat für die Brennerei oder ein, zwei Maschinen für die Limonadefabrik. Die Produkte dieser Kleingewerbsbetriebe im Urwald stehen recht hoch im Preis, für die Flasche Bier ein bis zwei Milreis. Aber nicht nur die Kleingewerbetreibenden dieser Art werden reich durch das Geschäft, sie beziehen auch Maschinen und Rohstoffe aus den Hafenstädten zu phantastischen Preisen. Ein Limonadefabrikant nannte mir die Preise, die er für Fruchtessenzen bezahlen muß. Darnach verdient das deutsche Exporthaus in Porto Alegre, von dem er bezieht, daran einige hundert Prozent.

Diese gewaltigen Zwischen- und Unternehmergewinne trägt der Kolonist, ebenso den Riesenverdienst des Handels, der jeden Gebrauchsgegenstand übermäßig verteuert. Trotzdem kommt auch der Siedler zu Wohlstand, selbst Reichtum, wenn er sich nur einigermaßen daran hält; so fruchtbar ist das Land.

„Wenn Sie sehen wollen, was wir in ein paar Jahren aus einem Stück Urwald machen können, müssen Sie unbedingt einmal zu Schirach hinaus“, sagte der Tischler.

So ritten wir eines Morgens los. Gegen Mittag waren wir auf der Schirachschen Kolonie. Sie lag in einem schmalen Tal, das von der Linie abzweigte. Unten bildete ein Bach die Grenze, dann ging es 250 Meter lang am sanften Hang hoch. Das Ganze war ein Kilometer lang, es war nur eine kleine Kolonie.

Aber jeder Fleck war ausgenützt. Zuerst kamen 400 Meter Pferch, in dem 23 Stück Rindvieh und 3 Pferde weideten. Zwischen den Grasenden standen noch die langsam verwitternden Stumpen der gefällten Urwaldbäume, und die verhältnismäßig kleine Weide genügt für den Sommer vollkommen; im Winter kommt noch ein Zuschuß von Salzcaña hinzu, die als Viehfutter regelmäßig angebaut wird.

Neben dem Weideplatz lag das Haus mit Schuppen, Scheune und Schweinestallungen. Davor Rasen, Blumen und dahinter ein großer Obstgarten. Der Boden lag voll von Pfirsichen, die der letzte Wind heruntergeschüttelt. Aber auch Birnen und Äpfel fehlten ebensowenig wie ein Bananengebüsch und eine große dichte Weinlaube, unter deren dichtem Blätterdach man herrlich kühl ging, während einem die reifen blauen Trauben nach Art des Schlaraffenlands in den Mund hingen.

Das Haus war, was selten ist, ein Ziegelbau mit Fachwerk; sauber und fest. Der Besitzer kam uns von der Veranda entgegen. Er konnte sich jetzt schon ab und zu ein Mußestündchen leisten. Mit Ausnahme von etwa fünf Hektar Wald, den er zur Deckung seines Holzbedarfs stehenließ, war alles gerodet und angebaut. Mais, Tabak, Maniok, Reis, Zuckerrohr — nichts fehlte. Wir liefen uns in der heißen Mittagssonne müde, bis wir alles angesehen hatten.

Man hört so oft, daß nur Landwirte es wagen sollten, in Übersee als Kolonist anzufangen, allein ich habe viel Nichtlandwirte drüben angetroffen, die es als Kolonisten zu etwas gebracht. Auch Schirach war Fabrikarbeiter gewesen, nicht einmal jung, 34 Jahre, desgleichen seine Frau. An Kapital hatte er ein Conto — das sind 1000 Milreis —, nach heutigem Geldwert etwa 10000 Mark, mitgebracht. Dafür hatte er das Haus gebaut. Er wollte sich gleich ein behagliches Heim schaffen. An Betriebskapital blieb ihm also nichts übrig. Heute, nach acht Jahren, wertet seine Kolonie etwa 14 Contos, mit totem und lebendem Inventar etwa 22. Sein jährlicher Reingewinn beträgt, abgesehen von dem sehr reichlichen Leben, das ihm seine Kolonie bietet, mindestens ein Conto. Unter Umständen können die Erträge auch viel höher sein. Beispielsweise kann ein Mann im Jahr auf einem halben Hektar 20000 Tabakpflanzen anbauen. Sie werden im Frühjahr gepflanzt, im Spätsommer wird geerntet. Bei einem guten Jahr gibt das einen Ertrag von zwei Contos.

Schirach sagte uns nicht, was er an seinem Tabak verdiente. Aber er zeigte uns die Stangen, an denen büschelweise die breiten Blätter zum Trocknen hingen, und die schwarzen Rollen fertigen Tabaks — die Kolonisten bereiten meist selbst ihren Tabak. Er besteht aus festgedrehten, ein wenig fettigglänzenden Rollen, die wie große Blutwürste aussehen. Sich daraus eine Zigarette zu drehen, ist keine Kleinigkeit. Erst schneidet man wie bei einer Wurst eine Scheibe ab, dreht und zerdrückt sie zwischen den Händen, rollt und zerkleinert dann den Tabak und wickelt ihn schließlich in ein trockenes Maisblatt ein.

Es liegt ein besonderer Reiz darin, sich seinen gesamten Lebensbedarf selbst herzustellen. Es kommt nichts auf den Tisch, was nicht auf eigenem Grund und Boden gewachsen, und als wir uns zum Essen setzten, war alles eigenes Erzeugnis, bis zu dem selbstgekelterten Wein und dem Zucker zum Kaffee.

Wir saßen in patriarchalischer Weise mit den drei hübschen Mägden und dem schwarzen Knecht zu Tisch. Schirachs hatten keine Kinder, und ihr Wohlstand schlägt eigentlich aller Theorie ins Gesicht, daß es nur der Kolonist mit vielen Kindern zu etwas bringt.

„Ach, wenn wir Kinder hätten!“ meinte die Frau. Sie war Ungarin, gleich ihrem Mann, und noch immer hübsch.

Als wir nach Tisch bei Wein und Zigaretten in Schaukelstühlen auf der Veranda lagen, mußte ich unwillkürlich daran denken, wie sich wohl das Leben dieses Mannes gestaltet hätte, wäre er als ungelernter Arbeiter in der Heimat geblieben. Er hätte es wohl nicht über den besitzlosen Proletarier gebracht.

Trotzdem er jetzt einen wohlhabenden Bauer vorstellt, war er noch immer Sozialist. Er konnte sich nicht genug von den Vorgängen in Europa seit dem Kriege erzählen lassen. Eine starke Unruhe war in ihm. „Ich hätte wohl drüben sein mögen!“

„Ach Gott!“ fiel die Frau ein, „denken Sie nur, er will alles verkaufen, und wieder woanders neu anfangen, jetzt, wo wir uns endlich etwas leichter tun können!“

„Ja, es freut mich nicht mehr“; er schaute gelangweilt über seine herrlich stehenden Felder. „Wenn ich jemand finde, der sie mir gut abkauft, gebe ich meine Kolonie gleich her. Vielleicht gehe ich auch wieder nach Europa zurück.“

Ich mußte an die Tausende denken, die über den Ozean ziehen, die hier im Urwald unter schwersten Entbehrungen neu anfangen und denen ein Besitz wie der Schirachsche wie ein fast unerreichbares Ideal in der Ferne vorschwebt.

„Na, vielleicht überlegen Sie es sich noch,“ sagte ich ihm zum Abschied, „das Land hier scheint mir dem Tüchtigen doch noch immer die besseren Chancen zu geben.“

Ehe ich heimritt, machte ich noch seinem Nachbar einen kurzen Besuch. Er hatte gleichzeitig mit Schirach angefangen, aber es noch immer zu nichts gebracht, trotzdem er zwei große Söhne hat. Er schimpfte auf das Land und erzählte dann von seiner Zeit als Potsdamer Garde du Corps. Es war ganz augenscheinlich, daß er auf seine ehemaligen Unteroffizierstressen auf dem weißen Kragen auch heute noch immer stolzer war als auf seinen Hof und Feld und auf all seine Freiheit und Selbständigkeit als brasilianischer Bauer.

55. Brasilianische Landgesellschaften.

Porto da União.

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Noch bei Morgengrauen fuhren wir bei Marcelino Ramos über den Fluß, der hier flußauf Rio Pelotas, flußab Rio Uruguay heißt. Dann ging’s quer durch Santa Catharina, fast einen Tag lang im Tal des Rio do Peixe entlang.

Die Bahn war erst seit kurzem wieder hergestellt, nachdem der Fluß den Damm unterspült und einen Personenzug von den Schienen heruntergeholt hatte. Reißend sah er noch immer aus, aber es war eine herrliche Fahrt an den tobenden, in Fällen und Stromschnellen sich überstürzenden Wassern entlang, die fast schmerzhaft blinkten und glänzten, sobald die Sonne auf ihnen lag.

Beiderseits des Flusses Wald. Wald in unendlicher Ausdehnung. Größtenteils brasilianische Koniferen. Mit ihren hohen, geraden Stämmen, die nur an der Spitze einen Kranz horizontal abstehender, spärlich mit Nadeln besetzter Äste tragen, sehen sie aus wie riesige Regenschirme, in deren Bezug ein Sturmwind bös gewütet hat.

An allen Bahnstationen Schneidemühlen und mächtige Stapel von Blockholz und Brettern. Aber so dicht stand der Wald noch, daß man sich fragte, woher denn all dies Holz eigentlich stamme.

An dieses Tal grenzen die Ländereien der wichtigsten brasilianischen Kolonisationsgesellschaft, der Kompanie Hacker. Und alsbald liegen in allen Waggons die Prospekte und Pläne dieser Kompanie, die zum Kauf ihrer Ländereien einladen.

Überall in Südbrasilien, in Hotels, auf den Bahnen trifft man die Propaganda dieser Landgesellschaften, und man begegnet so vielen ihrer Agenten, daß man sich fragt: „Woher nehmen diese Gesellschaften all das Geld nur allein für ihre Propaganda; wie teuer muß der Kolonist schließlich das Land bezahlen, oder wie billig muß der Kompanie seinerzeit die Konzession zu stehen gekommen sein!“

Die Frage der Einwanderung ist nicht zu trennen von der der Landgesellschaften, insbesondere da bei weiterem Anschwellen des Einwandererstromes die Kolonisation der brasilianischen Staaten keineswegs reicht, alle Landsuchenden mit geeigneten Ländereien zu versorgen. Dazu kommt ein anderes. Die am günstigsten gelegenen Ländereien an den Bahnen und Strömen sind zu einem großen Teil in den Händen von Kolonisationsgesellschaften, die sich häufig diese Komplexe sicherten, als sie durch einen mit ihnen liierten einheimischen Politiker von bevorstehenden Bahnkonzessionen erfuhren.

Es ist der Fall möglich, daß der kapitalkräftige Siedler vorteilhafter ein teueres Los bei einer Landgesellschaft erwirbt, als Land vom Staate zu geringerem Preis. Der Anteil der Transportkosten ist sehr groß. Der Sack Mais in Kolonien an der Bahn, mit kurzen Frachten zu den Hauptabsatzgebieten, ist beispielsweise etwa 11 Milreis wert, bei schlechteren Verkehrsverhältnissen kann er bis zu 7 Milreis und weniger heruntergehen, während in tagereisenweit von der Bahn abgelegenen Urwaldkolonien mit obendrein schlechten Wegverhältnissen der Händler dem Kolonisten nicht mehr als 2 Milreis für den Sack bietet.

Man braucht nicht lange in Brasilien zu reisen, um von den verschiedensten Seiten die widersprechendsten Urteile über ein und dieselbe Gesellschaft zu hören. Nach dem einen sind ihre Leiter sämtlich die gemeinsten Betrüger und Blutsauger, nach dem andern sind sie die reinen Wohltätigkeitsanstalten, und die Einwanderer können gar nichts besseres tun, als sich ihnen sofort und blindlings anzuvertrauen. Man wird ja sehr rasch lernen, ungerechte Erbitterung und Verärgerung auf der einen wie Interessenverknüpfung auf der andern Seite zu erkennen. Allein trotzdem ist nichts schwerer, als sich über die Qualitäten der einzelnen Gesellschaften ein zutreffendes Bild zu machen.

Die Preisunterschiede zwischen den Ländereien der Kolonisationsgesellschaften und des Staates sind sehr erheblich. Während staatliche Kolonielose von 25 Hektar in Paraná für 350 Milreis zu haben sind, und selbst in Rio Grande mit seinen hohen Landpreisen Staatskolonien nicht mehr als 1000, allerhöchstens 1500 Milreis kosten, muß man an Kolonisationsgesellschaften 2–3000 zahlen, es sei denn, daß es sich um Kolonien in ganz abgelegenen Gegenden handelt, wo schon Land für 5–800 Milreis zu haben ist.

An Kosten hat die Landgesellschaft im allgemeinen nur die für Vermessung und Wege hineingesteckt. Die in den Prospekten enthaltenen Angaben über Kirche, Schule usw. bleiben allzu häufig nur auf dem Papier.

Im Gegensatz zu den Staatskolonien wird aber streng auf Trennung von Nationalität und Konfession geachtet. Brasilien sucht gleich allen andern südamerikanischen Staaten in seinen neuen Kolonien möglichst die verschiedenen Nationalitäten zu mischen, allerdings überall mit dem gleichen Mißerfolg — national geschlossene Kolonien kommen wirtschaftlich stets rascher voran. Dagegen halten die auf rein privatwirtschaftlicher Grundlage basierenden Privatkolonien größtenteils auf Scheidung. So hat zum Beispiel die Hackergesellschaft nicht nur streng voneinander geschiedene Kolonien für Deutsche und für Italiener, sondern auch Kolonien für protestantische und katholische Deutsche. Ebenso wie in Südchile ist ja die Gegnerschaft der beiden Konfessionen gerade unter den deutschstämmigen Elementen unvergleichlich größer als in Europa. Wo man auf möglichst alle Landinteressenten spekuliert, wie es bei neuen, abgelegenen Kolonien geschieht, legt man wenigstens die verschiedenen Nationen auseinander. So siedelt beispielsweise die Petri-Meiersche Kolonisationsgesellschaft in ihrer neuen großen Kolonie Affonso am Paraná im Nordteil nur Italiener, im Südteil nur Deutsche an. Für beide Nationen ist auch von vorneherein ein eigener Stadt- und Hafenplatz vorgesehen. In dieser Kolonie hat sich übrigens ein Teil der mit der „Argentina“ in Buenos Aires eingetroffenen deutsch-ostafrikanischen Pflanzer angesiedelt.

Das Haupttätigkeitsfeld der Kolonisationsgesellschaften liegt in Santa Catharina und Paraná, teilweise auch in São Paulo. Neuerdings wird eine wachsende Propaganda für Matto Grosso gemacht. Nach den Prospekten ist Land und Klima überall herrlich, und viele mögen auch zufriedenstellende Käufe gemacht haben. Die Rio Grandenser Bauern kaufen z. B. viel von Kolonisationsgesellschaften. Allein für Unerfahrene bestehen doch große Gefahren. Es gibt gewissenlose Landgesellschaften, deren Geschäft hauptsächlich darin besteht, den Käufer um die Anzahlung zu bringen. Das verkaufte Land liegt dann entweder in einer Fiebergegend, oder hat keinen Absatz. Der Käufer muß es aufgeben, und die Anzahlung, meist ein Drittel des Kaufpreises, verfällt.

Überhaupt ist in bezug auf Fieber die größte Vorsicht geboten. Von Kolonisten wurde mir gegenüber beweglich geklagt, daß ihnen selbst eine so alte und renommierte Kolonisationsgesellschaft wie die Hanseatische Fieberland verkauft habe. Auch Hacker erlebte mit Fieberland ein böses Fiasko. Er hatte eine riesige Konzession am Paraná-Panema erworben. Aber das Fieber wütete dort so schlimm, daß bereits der größte Teil der Vermessungskolonne hinsiechte und sich nur ein kleiner Teil retten konnte.

Mit mir im Kupee saß ein junger Rio Grandenser Bauer, der sich auf der Staatskolonie Cruz Machado Land ansehen wollte. Hatten es ihm die lockenden Prospekte angetan, oder war er anderer Einwirkung erlegen, jedenfalls sah ich ihn in Capinsal, der ersten Hackerkolonie, mit einem andern Herrn aussteigen und Richtung landeinwärts nehmen.

So mag wohl etwas daran sein an der Mahnung an die Landsuchenden, die in allen Prospekten wiederkehrt, doch ja auch bis zu der empfohlenen Kolonie zu fahren und sich nicht etwa unterwegs von dem Agenten einer anderen Landgesellschaft beschwätzen zu lassen, um bei ihr sich Land anzusehen und zu kaufen.

Diese Mahnung sollten Einwanderer weitergehend dahin auslegen, überhaupt zunächst von keiner Landgesellschaft Land zu kaufen, ehe sie es nicht auf Grund eigener Erfahrungen über Bodenkultur- und Absatzverhältnisse zu beurteilen vermögen.

56. Fahrt auf dem Iguassu.

Porto Almede.

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Wir standen am Ufer des Iguassu und warteten auf die Barkasse. Jeden Augenblick glaubte ich das Puffen des Motors zu hören und hoffte das Boot an der nächsten Flußbiegung auftauchen zu sehen, aber dann war es wieder nichts.

„Manchmal wird es 5 Uhr, bis sie kommt“, tröstete Karl.

Karl war bisher Kellner in einem deutschen Hotel von Porto da União gewesen und ging jetzt daran, sich selbständig zu machen. Er hatte sich ein paar tausend Milreis erspart und erborgt. Mit denen wollte er eine Venda in Cruz Machado aufmachen.

„Gibt es denn dort noch keine?“ fragte ich.

„Doch, schon drei, aber es wird schon noch für eine vierte etwas zu verdienen geben. Die Kolonie wächst.“

Karls Vertrauen stand in krassem Gegensatz zu allem, was man mir in der Stadt gesagt.

„Was, Sie wollen nach Cruz Machado?“ hatte der Wirt gemeint, als er von meiner Absicht gehört. „Das hat gar keinen Wert. Cruz Machado taugt nichts.“

„Der Boden ist schlecht“, sagte der Besitzer der größten Venda. „Alle Einwanderer, die dorthin gehen, kommen wieder zurück. Es ist ein Verbrechen, Einwanderer nach Cruz Machado zu bringen.“

Auch der sehr verständige Arzt meinte, es gebe so viele Kenner dieser neuen Staatskolonie in Porto da União, daß ich hier alle Auskünfte viel besser einziehen könnte als draußen im Wald.

Cruz Machado ist gegenwärtig die bedeutendste brasilianische Bundeskolonie, in die ein großer Teil der in Rio eintreffenden Einwanderer geleitet wird. Ich bestand also auf meiner Absicht.

„Wozu wollen Sie dahin? Der Beauftragte des deutschen Reichswanderungsamtes selbst, der vor einigen Monaten hier war, ist auch nicht hingefahren. Außerdem können Sie jetzt gar nicht hin. Die Wege sind aufgeweicht. Es gehen keine Autos.“

„Ich werde schon hinkommen.“

„Und wenn; Sie werden nichts anderes sehen, als wir Ihnen gesagt haben. Was haben Sie dann?“

„Dann habe ich mit eigenen Augen gesehen.“

Man war etwas beleidigt, und ich stand jetzt mit Karl am Iguassu. Es war wirklich nicht so leicht, nach Cruz Machado zu kommen. Bis Porto Almede ging gelegentlich ein Motorboot, aber von da war es noch eine tüchtige Strecke ins Land.

„Wie weit?“

„Oh, so 30 bis 40 Kilometer.“

„Sie reiten einen Tag.“

„70 Kilometer mindestens“, meinte ein Dritter.

Auskünfte über Weglängen sind im ganzen Innern Südamerikas immer sehr unbestimmt.

Wir warteten; die Barkasse kam nicht. Wir hatten um 11 Uhr ein wenig gefrühstückt und rannten dann eilig an den Fluß hinunter. Jetzt brannte brasilianische Sommersonne mit größter Kraft.

Neben uns im Gras glühten mächtige Eisenstücke in der Sonne, Maschinenteile, Zahnräder, ein Zylinder, ein in zwei Teile zerlegtes Schwungrad.

„Für die Papierfabrik“, sagte Karl.

„Wann wird die gebaut?“

Er zuckte die Achseln.

„Die Sachen liegen schon ein Jahr da.“ Sie waren rot von Rost.

Illustration from Südamerika, die aufsteigende Welt

Deutsche Siedlung in Brasilien.

Illustration from Südamerika, die aufsteigende Welt

Maispflanzung.

Illustration from Südamerika, die aufsteigende Welt

Die ersten Anfänge einer Siedlung.

Papierfabriken fehlen in ganz Südamerika. Das ist sehr sonderbar. Es gibt, vor allem in Brasilien, Holz und Wasserkraft dicht beieinander in beliebigen Mengen, dazu Zeitungen, die einen Papierbedarf haben, größer als die größte deutsche Zeitung, aber das Papier kommt so gut wie alles von Übersee, viel aus Nordamerika, einiges aus Europa.

Vor uns floß der Iguassu, ruhig, breit, mächtig. Sein Wasser war fast so grau wie Buschwerk, Sumpf und Schlingpflanzen, die seine Ufer säumten. Nur die Stelle, wo das Motorboot anlegen sollte, war etwas ausgehauen. Am andern Ufer, gerade uns gegenüber, warfen riesige Palmen ein leise zitterndes Spiegelbild.

Die Barkasse kam noch immer nicht. Es war sehr heiß. Ich warf die Kleider ab.

„Lieber nicht“, meinte Karl.

„Warum?“

Ich war schon im Wasser. Es war lau, aber doch herrlich erfrischend. Ich vergaß das Boot und schwamm, bis ich weit über Strommitte war.

Dicht neben mir kräuselte sich die Flut. Etwas sich Windendes, Schillerndes. Eine Wasserschlange. Ich erschrak und machte einen Bogen. Außerdem fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, nach Alligatoren zu fragen. Überhaupt die Barkasse. Es war Zeit umzukehren.

Ich wendete. Karl war nicht mehr zu sehen. Die Strömung war viel stärker gewesen, als ich geschätzt, und ich war weit stromab getrieben. So gut es ging, holte ich gegen den Strom auf, aber ich kam doch gut ein Kilometer weiter flußab ans Ufer. Vor einem Steilhang lagerte sich ein schier undurchdringliches Gewirr von Wasserpflanzen. Glücklich kam ich heraus und trabte zu meinen Kleidern. Als ich da war, legte eben die Barkasse an.

Bereits wenige Kilometer hinter der Stadt traten die Waldberge bis dicht an den Fluß heran, hohe, dichtbewaldete Kuppen. Nur ab und zu sieht man ein Stück Hang gerodet. Daneben liegt zwischen Mais, Wein und Pfirsichbäumen ein Haus. Eine einfache Bretterhütte, aber herrlicher gelegen als die schönsten Villen an mondänen Plätzen.

Die Kolonisten, die hier am Ufer wohnen, haben beste Absatzgelegenheit auf billigem Wasserwege nach Porto da União. So wundert man sich, daß noch nicht mehr Boden urbar gemacht ist. Allein das Land an beiden Ufern gehört Kolonisationsgesellschaften. Sie haben es nicht sehr nötig zu verkaufen, von Porto da União soll eine Bahn Iguassu abwärts gebaut werden. Dann verdoppeln sich die Preise.

Diese Bahn ist nötig; denn der Iguassu ist nur bis Porto Almede schiffbar; dann beginnen die Stromschnellen: ein Krescendo von über Felsen stürzenden Wassern, bis sie ihren Höhepunkt in den Fällen von Santa Maria erreichen, kurz vor der Mündung des Flusses in den Paraná in einer Phantasie tosender Wassermengen.

Die Iguassufälle sind ein Weltwunder. Sie sind die größten der Welt. An Höhe und Wassermenge übertreffen sie noch den Niagara und die Viktoriafälle des Sambesi. Die Energiemenge, die da verstäubt, genügte für ganz Südamerika; aber bisher ist noch nicht die bescheidenste Pferdekraft gewonnen. Die Fälle liegen mitten im feuchtheißen, tropischen Urwald, Tausende von Kilometern von den industriellen Mittelpunkten der angrenzenden Länder Brasilien und Argentinien entfernt. Brasilien lenkt planmäßig seine Kolonisation Iguassu abwärts, und auch die projektierte Bahn von Porto da União bis an die Flußmündung soll der Erschließung dieser Region dienen, deren Wichtigkeit in absehbarer Zukunft vielleicht nicht hoch genug veranschlagt werden kann. In dem Augenblick, in dem der eine der beiden Besitzer der Fälle, Argentinien oder Brasilien, auch nur die bescheidenste Anlage an den Iguassufällen schafft, wird die Erschließung der Fälle in raschestes Tempo geraten, da dann Rivalität und Eifersucht auch den andern Staat zu fieberhaften Anstrengungen und großen Unternehmungen treiben werden. Aber bis heute blieb’s bei Studienkommissionen. —

Ab und zu legte das Motorboot an. Der Neger zog es dann mit einem langen Bootshaken unter die traumhaft überhängenden Weiden und Palmen, zwischen denen weiße und rote Blumen leuchteten und flammten wie eine Schar rastender bunter Vögel. Es ist nicht viel Verkehr flußab. Der bedeutendere geht stromauf: Mais, Schweine, Hühner, Eier und Früchte von den Kolonien in die Stadt.

Trotz der raschen Fahrt wurde es fast Abend, bis wir nach Porto Almede kamen. Die Waldhänge waren etwas stärker gelichtet, ein paar rote Dächer im Grün, das war der ganze Hafen. Hinter dem letzten Haus schien ein Strich über den Fluß gezogen, von da ab war das ruhige Grün des Stromes unruhig, gekräuselt, mit weißen Flecken durchsetzt: die Schnellen.

Das Motorboot, das nur selten verkehrt, fuhr am übernächsten Tag wieder nach Porto da União. Bis dahin mußte ich nach Cruz Machado und wieder zurück sein. Zunächst schien es allerdings hoffnungslos; denn, wo ich auch um ein Pferd oder Maultier anfragte, erhielt ich abschlägigen Bescheid.

57. Auf brasilianischer Bundeskolonie.

Cruz Machado.

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Wenn sich auf hoher See die großen Passagierdampfer begegnen, auf der einen Seite die Dampfer der Hoffnung, die sich neigen von den an die Reling drängenden Menschen, jubelnd, tücherschwenkend, von denen jeder einzelne eine Welt von Erwartung und Zukunftsglauben in sich trägt, auf der andern Seite die stillen Schiffe der Rückkehrenden, so hat solches Zusammentreffen immer etwas von dem Begegnen der Züge im Felde an sich. Die einen, die frisch an die Front fahren, laut und lärmend, voll Hoffnung, unbekümmerten Mutes und Leichtsinns, und die andern mit den roten Kreuzen und den stillen blassen Männern, beschattet vom harten Ernst bitterer Enttäuschung, aber auch starrer Entschlossenheit. Jeder Dampfer, der in die Heimat zurückkehrt, trägt unsichtbar solch rotes Kreuz, und jeder, der auf ihm fährt, die Narben der Enttäuschung, sei es sichtbar im Antlitz, sei es unsichtbar in der Seele. Auch jene, die die alte Heimat nur zeitweise aufsuchen, die nicht klagen können, auch jene, die erfolggekrönt zurückkehren. Irgendwie war es doch anders, bitterer, schwerer, zum mindesten anders. Und fast alle führte der Weg von der großen Hoffnung über die große Enttäuschung, zum schließlichen Erfolg, oder zum stillen Sich-Bescheiden, oder zum Zusammenbruch, aus dem nur das nackte Leben in die alte Heimat zurückgerettet wurde.

Wenn die Schiffe aus der Heimat drüben einlaufen, in der Bai von Rio, deren berauschender Zauber selbst Menschen trunken macht, die schon satt sind von der Schönheit der Welt, oder in dem Silberstrom, dessen braune Unendlichkeit grandios trostloser Wüste gleicht, aus der Buenos Aires gleich einer Fata Morgana aufsteigt, so zittert die Luft von all der ausströmenden Hoffnung und Erwartung. Jeder ist ein heimlicher König, auf den all die Reichtümer, die da am Strande ausgebreitet liegen, nur warten, daß er sie aufnehme.

Es soll niemand die Hoffnung genommen werden, der hinüberfahren will in das Land der Hoffnung. Aber ich sah doch Menschen, die bei der Landung die Welt in die Tasche steckten, die in der Einwandererbank der Hauptstadt noch den Kopf hochhielten, die in den verflohten, verwanzten Einwandererschuppen im Innern bereits klagten und dann im Urwald nach kurzer Zeit die Axt hinwarfen und wegliefen, um irgendwo unterzutauchen, oder andere, die in der Stadt am La Plata nur allzu rasch den Weg vom „Kaiserhof“ über den „Deutschen Bund“ zum Nachtquartier auf den Freitreppen des Colontheaters fanden.

Was ich in der neuen brasilianischen Staatskolonie Cruz Machado an Einwanderern vor mir sah, waren eben der Hundertsatz an Zähen, Energischen, die sich nicht abhalten ließen, den Weg ins Neue, in neue Heimat, auf jungfräulichem Boden zu versuchen. Der Weg ist nicht leicht.

Es ist unendlich schwer, eine solch junge, eben erst im Entstehen begriffene Kolonie zu beschreiben. Sie ist so, wie sie der einzelne Einwanderer als Vorstellung im Herzen trägt. Nur auf das Hoffen, Wünschen und Glauben kommt es an. Es ist ja nichts gegeben; alles existiert nur im Herzen, in der Phantasie. Auch Cruz Machado muß erst von der Summe der Willensenergien derer, die in ihr arbeiten wollen, geschaffen werden.

Die Auspizien sind gut. Das Einwandererhaus ist übervoll, und täglich kommen neue Familien an, voll Hoffen und Glauben. Die Kolonieverwaltung hat es übernommen, jeder Einwandererfamilie ein Haus auf ihrem, von ihr selbst gewählten Los zu bauen.

Hier beginnt die erste Schwierigkeit. Die Verwaltung kommt nicht nach. Der Andrang ist im Augenblick so groß, daß die Häuser nicht rasch genug gebaut werden können. So ist der Einwandererschuppen übervoll. Rechts eine Reihe Pritschen, links eine Reihe Pritschen. Darauf Männlein, Weiblein und Kinder in buntem Wechsel. Die Betten sind verwanzt, der Schuppen ist heiß, in den schmalen Gängen zwischen den Pritschen wimmelt es von Kindern. Zank und Streit ist nahe bei der Hand, wenn so viele Menschen so dicht beieinander wohnen. Die Neuankommenden nehmen wieder Platz weg. Die Unzufriedenheit der bereits Unzufriedenen trübt auch ihre Laune.

Da mag es nicht immer leicht sein, das Bild der Kolonie so froh und schön im Herzen zu tragen, wie es eben nötig ist, wenn man vorwärtskommen will.

Der brasilianische Staat übernimmt nicht nur die freie Beförderung der Einwanderer und ihres Gepäcks vom brasilianischen Hafen bis auf die Kolonie einschließlich Verpflegung (freie Überfahrt wurde in beschränkter Anzahl gewährt, ist aber gegenwärtig beinahe unmöglich zu erlangen) auf der Reise und in den Einwandererhäusern, er stundet auch die übrigens sehr niedrigen Sätze für Kolonielose und Häuser. Außerdem werden den Einwanderern ein Vierteljahr lang Lebensmittelkredite in Höhe von einem Milreis für jedes Familienmitglied gewährt, die durch Wegarbeiten abverdient werden müssen. Da auch Samen und Arbeitsgerät von der Kolonieverwaltung geliefert werden, ist theoretisch die Ansiedelung auf einer brasilianischen Staatskolonie ohne jedes Kapital mit Ausnahme des für die Überfahrt nötigen möglich. In der Praxis gibt es natürlich einige Schwierigkeiten, da doch für eine ganze Reihe von Bedürfnissen Geld erforderlich ist, und auch die Lebensmittelkredite zu völliger Sättigung bei der schweren Arbeit kaum ausreichen.

„Wir haben unsern Koffer verkauft,“ jammert mir die Frau, die vor dem Einwandererschuppen gerade ihre Sachen wäscht, „jetzt weiß ich nicht mehr, wohin mit den Sachen.“

„Und ich hab ihm Stiefel gegeben, dem Kerl“, fügt eine andere Frau hinzu und weint. „Keiner wollt’ was geben dafür.“ Sie halten zusammen, all die Schmeißfliegen, die den Mangel nutzend in jeder neuen Kolonie die Einwanderer umkreisen und ihnen für wahre Schandpreise ihre Sachen abnehmen. Aber nur durch Verkauf können sich viele Herübergekommene das nötige Bargeld verschaffen.

Die beiden Frauen weinen laut auf, als sie mir erzählen, was sie alles verkaufen mußten. Andere kommen hinzu und bringen andere Klagen vor. Jammern steckt an. Das ist das Gefährliche.

Sicher ist manche Klage berechtigt, und jeder, der Südamerika kennt, weiß, daß die zweifelsohne guten und praktisch durchdachten Einwanderermaßnahmen des brasilianischen Staates oft genug von Durchstechereien der untern Behörden durchkreuzt werden können. So erscheint mir glaubhaft, daß gewisse Beamte der Immigração auf Einwanderer, solange sie noch im Einwandererhaus auf der Blumeninsel bei Rio sind, einen Druck ausüben, sich auf Fazendas, auf Kaffeeplantagen, zu verdingen, statt auf eine Staatskolonie zu gehen. Die Kaffeefazendeiros brauchen dringend Arbeitskräfte, und wer will sagen, ob nicht der oder jener Beamte eine empfängliche Hand hat?

Aber auch in Cruz Machado selbst gab es mancherlei Klagen. Die Werkzeuge und der Samen würden in schlechtem Zustand und unvollständig geliefert. Der Lohn für die Wegearbeit werde nicht voll ausbezahlt, und dergleichen mehr. Klagen über Klagen von den einen, dann aber wieder Zufriedenheit und frohes Glück in den Augen bei andern, die sich schon durch die ersten Schwierigkeiten durchgebissen, denen der Mais schon Früchte trägt, die sich bald ein Schwein kaufen können, und die, wenn sie abends arbeitsmüde vor ihrer Hütte sitzen, im Geiste Wohlstand und Reichtum zwischen der frisch gemachten Roce emporsprießen sehen.

Auf der Kolonieverwaltung sah ich die Karten ein. Das ganze zur Verfügung gestellte, vermessene Land ist bis auf ein Zipfelchen vergeben. Doch sind bereits Vermessungskolonnen unterwegs, um weitere große Urwaldstrecken für Kolonisationszwecke zu vermessen. Urwald, nichts als Urwald, doch in nicht allzu ferner Zeit aller Voraussicht nach blühende, reiche Landstriche. Ich sah Kolonien, die fünf Jahre bestehen, nette kleine Dörfchen inmitten wogender, früchteschwerer Felder, zehn Jahre alte Kolonien, in denen es Vorangekommene schon zu kleinen landwirtschaftlichen Industrien brachten, wo schon ein Kirchturm zwischen Essen gen Himmel ragt. Und dann die großen, reichen Städte in Rio Grande, das große Vorbild und das Symbol der Hoffnung allen, die jetzt mit dem Einwandererbündel auf der Blumeninsel landen.

58. Kaffeefazendas.

São Paulo.

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Von dem feuchtheißen, ehemals so fieberschwangeren Santos führt in steiler Kurve die Bahn durch tropischen Urwald hinauf auf das kühle und gesunde Paulistaner Hochland, und hier, fast unter dem Wendekreis, liegt in 800 Meter Höhe São Paulo, die Hauptstadt des gleichnamigen Staates, die nur hinter der Bundesmetropole Rio de Janeiro an Größe und Einwohnerzahl zurücksteht, sie aber übertrifft an Rührigkeit und Energie ihrer Bewohner und an wirtschaftlicher Bedeutung.

Diese große, europäisch anmutende Stadt mit ihren breiten Boulevards, großen öffentlichen Palästen, großen Theatern ist ebenso wie der Hafen Santos und wie der ganze Staat São Paulo, der mit Minas Geraes zusammen den brasilianischen Bund regiert, eine Schöpfung des Kaffees.

Der Kaffee baute diese breiten Straßen, dieses dichte Bahnnetz, diese reichen Paläste und prächtigen öffentlichen Gebäude. Er zahlt die Seidenkleider und Florstrümpfe der Frauen und die Autos und mancherlei Passionen der Männer. Vom Kaffee lebt nicht nur der Staat São Paulo, von ihm lebt in der Hauptsache der gesamte brasilianische Bund. Er ist Hauptexportartikel, wirtschaftliches Rückgrat des ganzen Landes. Auch in der gegenwärtigen Krise richten sich aller Augen hoffend auf diesen Artikel, in dem die große südamerikanische Republik ein gewisses Weltmonopol hat. Wie wird die Ernte werden? Wie werden sich die Preise gestalten? Wird es den Valorisationskäufen der Regierung gelingen, die Preise so weit zu heben, daß trotz des erschreckenden Valutasturzes die Handelsbilanz des Bundes nicht allzu ungünstig abschneidet?

Abgesehen von den Verhältnissen auf dem Weltmarkt ist für São Paulos Kaffeebau zweierlei nötig: die Erschließung neuen Plantagenbodens und die ständige Zufuhr von Arbeitskräften.

Fährt man von São Paulo aus westwärts und nordwestwärts, so kommt man über Land, das ehemals Kaffeeboden war, das aber jahrzehntelanger Anbau der braunen Bohnen so ausgelaugt hat, daß man zu andern Kulturen überzugehen gezwungen war. So müssen sich die parademäßig aufmarschierten Reihen der Kaffeebäume immer weiter nach Westen schieben, wo ein Stück jungfräulichen Urwalds nach dem andern zu fallen hat, damit die Kaffeeproduktion auf der Höhe erhalten werden kann.

Noch ist der unerschlossene brasilianische Urwald groß, schier unermeßlich. Darum droht hier noch keine Gefahr. Anders aber steht es mit den Arbeitskräften. Der eingeborene Brasilianer arbeitet in den Kaffeefazendas nicht oder nur sehr ungern — er wird seine Gründe haben —, und auch frisch Herübergekommene bleiben nur in Ausnahmefällen als Arbeiter auf den Plantagen, so daß die Fazendeiros, die Plantagenbesitzer, ständigen Bedarf an Arbeitskräften haben, den sie aus den Einwanderern decken: Portugiesen, Spaniern, Italienern und neuerdings auch Deutschen. Der Bedarf danach ist groß. Als ich in São Paulo auf der Immigração weilte, waren dort nicht weniger als 20000 Arbeitskräfte als verlangt angemeldet. Bei einer derart großen und derart lebenswichtigen Nachfrage mag es immerhin vorkommen, daß Bestechung eine Rolle spielt und daß von Einwanderungsbeamten ein unzulässiger Druck auf die Einwanderer ausgeübt wird, um sie auf die Fazendas zu bringen. Der Gerechtigkeit halber muß jedoch anerkannt werden, daß von seiten der zentralen Einwanderungsbehörde sehr energisch gegen solche Mißbräuche eingeschritten wird, sobald sie zu ihrer Kenntnis gelangen.

Das Leben und die Arbeit auf den Kaffeefazendas wird sehr verschieden beurteilt: von dem einen als sicherer Aufstieg zu eigenem Besitz, von dem andern als reine Sklaverei. Zweifelsohne ist die Arbeit dort schwer, und das Leben niemals leicht. Die Temperatur in den Kaffeefazendas ist hoch. Das Land ist kahl. Die mannshohen Kaffeebäume geben keinen Schatten. Es gilt, sie das ganze Jahr über unkrautfrei zu halten. Das ist nicht leicht, denn das Unkraut wuchert üppig. Man muß sich schon fest daranhalten, wenn man 3–4000 Bäume im Jahr rein halten will. Und diese Arbeit ist herzlich schlecht bezahlt, etwa 160 Milreis im Jahr für 1000 Bäume. Da ist es gut, wenn man eine recht zahlreiche Familie hat, die tüchtig mithilft.

Das Pflücken des Kaffees macht extra Arbeit, die allerdings auch extra bezahlt wird: für den Sack zu hundert Liter werden 2 Milreis gezahlt. Eine Familie zu sechs Personen vermag 1400 Sack zu ernten.

Zu diesem Barlohn tritt noch freie Wohnung und freies Holz. Außerdem wird in der Regel die Erlaubnis erteilt, zwischen den Kaffeebäumen eine Reihe Mais und zwei Reihen Bohnen zu ziehen, mitunter wird auch noch sonstiges Pflanzland gegeben, so daß sich die Fazendaarbeiter Hühner und Schweine halten können.

Unter solchen Bedingungen haben zahlreiche Einwandererfamilien es dahin gebracht, sich nach einer Reihe von Jahren erst Land zu pachten und später kleine Kaffeeplantagen zu kaufen und auf eigene Rechnung zu bewirtschaften. Aber äußerste Sparsamkeit in den ersten Jahren gehört dazu und Verzicht auf alle Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten. Außerdem darf man nicht krank werden; ein Unglücksfall kann alles ruinieren, und man darf nicht auf eine Fazenda kommen, wo der Besitzer für die Lebensmittel, die jeder besitzlose Arbeiter für den Anfang auf Kredit nehmen muß, Wucherpreise verlangt. Sonst ist die Gefahr der Schuldenwirtschaft gegeben, die leicht zu einer Schuldknechtschaft werden kann.

Als ich in São Paulo auf dem deutschen Konsulat war, traf ich dort einen Mann und eine Frau, die von einer Kaffeefazenda in die Stadt geflohen waren. Der Fazendeiro hielt sie über den Kontrakt hinaus auf der Fazenda unter geradezu grauenhaften Verhältnissen. Als sich der Mann dagegen auflehnte und fort wollte, ließ der Plantagenbesitzer ihn niederschlagen und sperrte ihn in den Schweinestall. Mit einem andern dort arbeitenden Deutschen floh daraufhin die Frau, um die Hilfe des Konsulats anzurufen.

Solche Fälle mögen selten sein. Der geflohene Mann sagte mir selbst, daß er seit vielen Jahren auf Fazendas arbeite und daß er solche Verhältnisse bisher nie angetroffen habe. Allein, mögen sie auch noch so selten sein, Vorsicht tut doch bei jedem Vertragabschluß not. Wesentlich bessere Bedingungen würden sich erzielen lassen, wenn es gelänge, für die deutschen Einwanderer Tarifverträge durchzusetzen und eine Organisation zu schaffen, die dafür sorgt, daß solche Ausnahmefälle von Brutalitäten und Übergriffen nicht mehr vorkommen oder daß wenigstens ihre Ahndung auf dem Fuße folgt. Gar so schwer könnte das nicht sein; denn Brasilien lebt vom Kaffee, und ohne Zufuhr von Arbeitern für die Fazendas müßte es wirtschaftlich zusammenbrechen.

59. Die Großstadt der Tropen.

Rio de Janeiro.

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„Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit.“

Wenn der Dampfer in die Bai von Rio de Janeiro einläuft, vorbei an den umgischteten Kaimauern der alten Forts und unter dem Schatten der unheimlichen Felssäule des „Zuckerhuts“, schaut man den Berg, auf den der Satan den Erlöser führte, um ihn zu versuchen. Wenigstens machen die Brasilianer Anspruch darauf, daß der Corcovado, die steil über Stadt und Bucht ragende Felsklippe, der Berg sei, von dem das vierte Kapitel des Matthäus-Evangeliums erzählt.

Es läßt sich gegen diese Legende wenig einwenden; denn der Versucher hätte in ganz Palästina, ja in der ganzen Alten Welt keinen Fels finden können, zu dessen Füßen so überreich alle Herrlichkeit der Welt ausgebreitet ist.

Brasiliens Hauptstadt ist vielleicht die schönste Stadt der Erde. Das ist so bekannt und so oft geschildert, daß es müßig wäre, darüber noch ein Wort zu verlieren. Mehr noch, man sollte gar nicht erst versuchen, ihre Schönheit zu schildern; denn sie ist derart, daß sie über Maß und Beschreibung hinausgeht. Wenn man über die grünen, palmenbestandenen, in Blüten brennenden Hügel streift, die wie vielfach gereihte Perlenschnüre Stadt und Bai umgrenzen, geht das Maß des Schönen selbst über das hinaus, was die Augen aufzunehmen vermögen. Ins Extrem überschlagend möchte man ausrufen: „Ja, weiß der Himmel, Rio ist schön; aber das weiß ich nun schon. Laßt mich in Dreiteufelsnamen in Ruhe, ich kann nicht mehr.“

Wenn irgendwo, braucht man in Rio Zeit und Muße, um die Schönheit zu genießen, die dort auf den Beschauer einstürmt. Denn sie ist immer da, ob die über die Bucht gespannte, schmerzhaft blaue Kuppel wolkenlos ist und alle Farben an Leuchtkraft miteinander wetteifern, oder ob die aus schwarzen Wellen und weißem Gischt ansteigenden, mit allen Tropengewächsen überwucherten Felsen in mystisch-geheimnisvolle Nebel sich verlieren. Mag man über die Hügel wandern oder die Bucht durchkreuzen, die endlosen Praias, die Strandpromenaden, im Auto oder in der Elektrischen entlang fahren, auf den Corcovado steigen oder auf den Zuckerhut, die Schönheit wird nie weniger. Immer eine neue Bucht, eine neue Klippe, aus Palmen und Blüten wachsend, immer ein neuer Ausblick. Geht die Sonne auf, brennen Bucht und Berge in dem tiefsten Rot einer ungeheueren Feuersbrunst. Senkt sich die Nacht, so laufen vielfache Lichterreihen jede Strandzeile entlang, jeden Hügel hinauf. Die Berge stehen wie phantastische Schatten am Himmel, bis auf den unheimlichsten, den Pão d’Assucar, der aus den Lichterkränzen aufsteigt wie die gespenstische Vision eines riesenhaften Symbols altheidnischer Phallusfeste.

Wenn ich jemand beneide, so sind es jene portugiesischen Seefahrer, die, als erste in die Bucht einlaufend, die ganze Tropenwelt um die blaue Bucht noch in ursprünglicher, unberührter Herrlichkeit antrafen.

Das heißt jedoch nicht, daß Rio als Stadt nicht auch seine schönen Teile hätte. Keineswegs will ich mir das boshafte argentinische Wort zu eigen machen, das von Rio, wie überhaupt von ganz Brasilien behauptet: „La naturaleza todo, los brasileros nada“; das heißt, daß alles die Natur geschaffen, die Brasilianer nichts.

Freilich, die Stadt ist entstanden und gewachsen wie alle südamerikanischen Städte. Wahllos und unorganisch wurden Häuser und Straßen über Hügel und Täler geworfen. Aber einen großen Vorzug hat sie vor fast allen übrigen Seestädten, die Lage des Hafens.

Freilich der mächtige Eindruck eines modernen Hafens soll nicht geleugnet werden, der immer gleich bleibt, mochte man an einem Nebeltag die Elbe hochfahren und in vergangenen Tagen den Mastenwald des Hamburger Hafens vor sich sehen, oder auf der Themse unter Tower Bridge hindurchgleiten, oder in den Hudson einlaufen zwischen Docks, Riesenschiffen und den phantastischen Wolkenkratzern New Yorks. Aber immer schließt doch der Hafen die eigentliche Stadt vom Wasser und der freien See ab, bleibt kein Platz für Bäder und Strandpromenaden. Rio dagegen stößt mit seinem Zentrum, mit seiner City, in breiter Front an die offene Bucht, und der Hafen, Arsenale, Docks und Werften, alles was raucht, qualmt und lärmt, ist nach hinten verlegt, tiefer in die Bucht hinein, gleichsam an die Rückseite der Stadt. Was man beim Einlaufen von der Stadt zunächst vor sich sieht, wirkt wie ein Palast, wie ein Garten.

Illustration from Südamerika, die aufsteigende Welt

Bai von Rio de Janeiro, vom Gipfel des Corcovado aus. In der Mitte der „Zuckerhut“.

Illustration from Südamerika, die aufsteigende Welt

Auf dem Marsch durch den Urwald.

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Blumeninsel bei Rio de Janeiro.

Diesen Teil der Stadt so auszubauen, daß er den Vergleich mit jeder Hauptstadt der Welt aushält, hat die Brasilianer ein Vermögen gekostet, so viel, daß die Unzufriedenheit in den einzelnen Staaten, vor allem in denen des Nordens, groß wurde, weil so viel an den Prunk der Hauptstadt gehängt wurde, während es für ihre Bedürfnisse an Geld mangelte.

Wie Buenos Aires war die City von Rio ursprünglich ein Winkelwerk kleiner Gassen. Eine Bresche wurde hindurchgeschlagen, von einer Bucht zur andern, ein mächtiger Durchlaß für Luft und Licht, der den frischen Seewind bis ins Zentrum trägt. Die so entstandene Avenida Rio Branco grenzt auf der einen Seite an die Kais und die Hafenanlagen, auf der andern an die Praia, den freien Strand, die breiten palmenbepflanzten und beetumsäumten promenadeartigen Straßenzüge, die viele Kilometer weit die Buchten entlang führen.

Auf diesen Promenaden, sowie in den Straßen, die auf sie münden, sieht man am frühen Morgen ein eigenartiges Bild: Männlein und Weiblein wandern da, nur mit dem Badeanzug, höchstens noch mit Bademantel oder Badetuch bekleidet, an den Strand. Eine Badeanstalt in unserm Sinn gibt es in ganz Rio nicht; jeder badet, wo er gerade Lust hat, und an der Stelle, die seiner Wohnung am nächsten. In bestimmten Abständen führen Treppen oder schräge Rampen ins Wasser hinunter. Dieser Badebrauch beschränkt sich keineswegs auf die unteren Schichten. Auch die Damen der Gesellschaft baden hier, und man kann des Morgens häufig Damen sehen, die im Badeanzug ihr eigenes Auto an den Strand hinunterlenken.

Autos sieht man überhaupt in ungeheuerer Menge, kaum viel weniger als in New York oder Chicago. Pferde dagegen ziehen höchstens noch einen Leichenwagen. Nichts macht einen merkwürdigeren Eindruck als so ein schimmelbespannter Leichenwagen, hinter dem eine endlose Kette vielepferdestarker Automobile im langsamsten Tempo dahinschleicht.

Ja, die Stadt ist reich, und sie zeigt und verschwendet ihren Reichtum, sie, die kostbarste Blüte eines reichen Landes. Es war für sie keine Kleinigkeit, nicht nur zur schönen, sondern auch zur gesunden Stadt zu werden. Ursprünglich war Rio de Janeiro eines der schlimmsten Fiebernester an der brasilianischen Küste. So schlimm, daß zeitweise die Schiffe sich scheuten, es anzulaufen — man erzählte von Schiffsbesatzungen, die bis auf den letzten Mann dahingesiecht waren —, so schlimm, daß die brasilianischen Kaiser ihre Residenz aus dem Fiebersumpf heraus in die Berge verlegten, wo sie in Petropolis sich eine eigene Stadt bauten.

Heute aber ist Rio so gesund wie nur irgendeine Stadt der Welt. Hier, wo es bei einer Lage zwischen Wasser und Wald von Moskitos wimmeln müßte, kann man nachts im Freien ohne Moskitonetz schlafen.

Nur eines ist geblieben von den Lasten des Klimas: die Hitze. Kräuselt kein Wind die Wasser der Buchten, liegen sie da wie flüssiges Blei, dann lastet auch Tag und Nacht unerträglicher Druck auf allen Straßen, und man hebt sich morgens nicht erfrischt und müde von dem schweißnassen Lager.

Alles, was Geld hat, kann bis zu einem gewissen Grad auch der Hitze entfliehen. Man kann nach Leme oder Copacabana hinausziehen, wo die mächtigen Wellen des Atlantik an den Strand spülen, oder man kann auf den Bergen und Hügeln seinen Wohnsitz nehmen, die heute schon zahlreiche elektrische und Zahnradbahnen mit der Stadt an der Bucht verbinden. —

Es ist ein oft wiederholtes Phantasiebild, die City von New York oder Berlin in fünfzig oder hundert Jahren aufzuzeigen. Aber die Phantasie beschränkt sich bei diesem Bild auf die Übereinanderhäufung von Stockwerken und Verkehrsmitteln. Eine solche Phantasie auf Rio übertragen, böte ganz andere Möglichkeiten. Rio kann nicht nur die schönste, sondern auch die phantastischste und großartigste Stadt der Welt werden und gleichzeitig das wundervollste und eleganteste Seebad.

Es ist ja nur eine Frage des Ausbaus der Verkehrsmittel, um die ganzen Wohnviertel auf die frischen kühlen Berghügel zu verlegen, so daß am Hafen nur die Geschäftshäuser bleiben, die durch künstliche Kühlung und Ventilation vor der Hitze geschützt werden. Schnelle Verbindungen, in Tunneln laufende elektrische Schnellzüge würden an die Bucht, Badestrand und den offenen Ozean führen, so daß man von der Wohnung ebenso rasch zum Bad wie zur Geschäftsstadt gelangen könnte.

Wie heute schon eine Seilbahn freischwebend Hunderte von Metern weit auf den Zuckerhut führt, so ließen sich alle die einzelnen Bergkuppen miteinander verbinden, und auf einem zentral gelegenen würde eine Vergnügungsstadt mit Theatern, Kinos und Tanzpalästen sein.

Wer weiß, vielleicht!

60. Die Blumeninsel.

Rio de Janeiro.

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Tief innen in der Bucht von Rio de Janeiro, mehr als eine Stunde Motorbootfahrt von den Hafenkais, liegt die „Ilha das flores“, die Blumeninsel. Irgendwo versunken ist der Lärm des Hafens, das Kreischen der Krane, das Rasseln der Ketten, das Hämmern der Werften und Werkstätten, aber auch das Brausen der über die breiten Aveniden und Promenaden der Weltstadt sich drängenden Massen und der jagenden Autos. Eine einsame Insel in märchenstiller Bucht. Flache Dächer unter ragenden Palmen, die sich spiegeln in unwahrscheinlich blauer Flut.

Man könnte meinen, irgendein menschenscheuer Sonderling habe sich hier seine Zuflucht gebaut, oder die weitgestreckten Hallen bergen ein Sanatorium, eine Erholungsstätte für Menschen, die in vollkommener Stille und Einsamkeit kranke Nerven kräftigen wollen.

Auf diese Insel hat die brasilianische Regierung das Einwandererhotel verlegt, jene Stätte, die für die ersten Tage nach der Ankunft alle gastlich aufnimmt, die in Brasilien eine neue Heimat suchen. Es ist, als wolle man den Neuankömmlingen gleich das Schönste zeigen, was dieses an Schönheiten reiche Land bietet, als wolle man ihnen hier auf dieser stillen schönen Insel erst Muße gewähren, sich hineinzufinden in diese so ganz andere fremde tropische Welt, die jetzt das neue Vaterland werden soll. Als sollten sie hier erst noch einmal Kräfte schöpfen und Mut fassen, ehe sie hinausgeschleudert werden in einen unerbittlich harten Lebenskampf unter sengender Sonne. Wenige Tage hier in beschaulicher Muße, dann gehen die Transporte weiter, nach São Paulo, Santa Catharina und Paraná, wo blühende Kolonien aneifern und die Möglichkeiten aufzeigen, die der jungfräuliche Urwaldboden birgt, oder ins Innere des Landes, in jene unermeßliche, noch unerschlossene Steppe von Matto Grosso, in die Berge von Minas Geraes oder auch in den fieberheißen Norden von Bahia und Pernambuco. Wenige Tage der Ruhe und letzte reifliche Wahl; denn der einmal getroffene Entscheid ist nach viele Tage langer Fahrt am Bestimmungsort nur schwer noch zu ändern. Einmal nur gewährt die Einwanderungsbehörde freie Reise, freie Gepäckbeförderung und freien Unterhalt. Einmal an der selbstgewählten Arbeitsstätte heißt es, sich selbst weiterhelfen, wenn der Einwanderer nicht das findet, was er erhofft und erwartet.

Es ist gerade ein Dampfer des Brasilianischen Lloyd eingetroffen, der aus Hamburg viele Hunderte deutscher Freifahrer herüberbrachte, jene Glücklichen, denen es nach endlosen Laufereien, Plackereien und Scherereien mit Konsulaten und Behörden möglich war, die freie Überfahrt zu erlangen, die der brasilianische Staat für dreitausend deutsche Auswanderer auswarf.

Glückliche? — Heute sind sie es noch. Man sieht nur strahlende, leuchtende Gesichter. Auf dem Anlegeplatz spielen Kinder, im Wasser tummeln sich Schwimmer, deren weiße Leiber wie in durchsichtigen blauen Kristall gefaßtes Elfenbein wirken, in der offenen Wandelhalle unter den Palmen sitzen behaglich und zufrieden Männer und Frauen. Die Motorboote, die heute abgehen sollten, um die Einwanderer zur Stadt zu bringen, von wo mit Bahn und Schiff die Reise weitergehen sollte, sind nicht gekommen. Die Abreise ist um einen Tag verschoben worden. Man hat alles gepackt, alles erledigt, nun hat man noch einmal vierundzwanzig Stunden süßen Nichtstuns, noch einmal Frist auf der stillen Insel, ehe der Kampf beginnt.

Die wenigsten wissen, daß es ein Kampf ist, der ihrer harrt, zum mindesten wissen sie nicht, wie unerbittlich und hart er ist. Die schöne, üppige Insel in der von kühlen Winden umfächelten Bucht verführt dazu, alles ein wenig zu schön und zu leicht zu nehmen. Ich plaudere mit den nächsten. Als mein Name fällt, sammelt sich ein rasch wachsender Kreis um mich. Kaum einer unter den Einwanderern, der ihn nicht kennt, der nicht den einen oder andern der Aufsätze las, die ich seit anderthalb Jahren aus Südamerika geschrieben. Fast alle tragen ja schon seit Jahren den Plan in sich, jenseits des Ozeans sich eine neue Heimat zu suchen, und so haben sie gierig alles gelesen, was über die Länder geschrieben wurde, in die sie ziehen wollten.

Frage über Frage: Die meisten wollen das wiederholt hören, was sie sich zurechtgelegt haben über die Gegend, die Arbeit und Lebensweise, die sie sich aussuchten. Sie wollen das Bild bestätigt sehen, das sie gläubig hoffend im Herzen tragen. Es wird Enttäuschungen geben — für alle. Manche, die sie überwinden, werden nach schwerem Anfang den Weg zu Glück und Wohlstand finden, aber auch manche werden elend zugrunde gehen, wie ich so viele zugrunde gehen sah!

Das Land, der ganze Erdteil ist reich, unermeßlich. Aber nicht umsonst blüht und wuchert und treibt es aus ihm in tropischer Fülle. Wer die Schätze heben will, zahlt hohen Preis mit Jahren voll Mühe und Arbeit, häufig mit Gesundheit und Leben.

Eine aufsteigende Welt! Man mag Südamerika durchziehen, wo man will, durch die argentinische Pampa, über die chilenische Kordillere, durch die bolivianische Puna oder den brasilianischen Urwald, überall wird sich der Gedanke aufdrängen, daß hier eine neue machtvolle Welt in der Bildung begriffen ist, eine Welt, die gestützt auf überreiche natürliche Hilfsmittel einmal darangehen wird, sich ihren Platz als ausschlaggebender Faktor im weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Ringen zu sichern. Eine gewaltige Welle rasend schneller Entwicklung wird einmal auf diesem jungen und noch immer so wenig bekannten Kontinent sich erheben, und sie wird alle hochtragen, die den rechten Augenblick erfassen.

Freilich, auf den rechten Augenblick kommt es an; denn auf diesem seit Jahrzehnten durch Krieg, Revolution, Parteistreitigkeiten, Anarchie und Diktatur erschütterten Erdteil geht in raschem Wechsel die Entwicklung auf und ab, und ehe der große jähe Anstieg anhebt, mag mancher, der hoffnungsfreudig und arbeitswillig hinauszog, in den Wellentälern niedergehender Konjunktur, wirtschaftlicher Depression, politischen Streites und sozialer Unruhen begraben werden.

Aber einmal kommt der Aufstieg. Und während vielleicht einmal die Alte Welt zugrunde geht und versinkt, wird eines Tages neben Yankees, Mongolen und Russen die aus indianischem und europäischem Blut in der Bildung begriffene südamerikanische Rasse in die Geschichte eintreten. Von Europa aus nahmen die Schiffe der Konquistadoren ihren Weg, um die durch uralte Kultur dekadenten Reiche der Azteken und Inkas zu stürzen. Vielleicht geht einmal die Geschichte den umgekehrten Weg.

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