Bolivien
Reading edition

34. Das Land Bolivars.
La Paz.

Sie wollen nach Bolivien? Und gar, um dort Einwanderungs- und Kolonisationsmöglichkeiten zu studieren? Nein, das lohnt wirklich nicht die Mühe. Minen, ja; wenn Sie Minengeschäfte machen wollen. Aber sonst, nichts als unfruchtbare Hochfläche oder fieberschwangere Tropen. Nein, es lohnt wirklich nicht die Mühe!
Das war das Urteil über Bolivien in Buenos Aires, und in Santiago lautete es nicht anders. Wenn so geurteilt wird, geschieht es nicht einmal so sehr aus Böswilligkeit als aus Unkenntnis. Was weiß man im allgemeinen von Bolivien? Ein Land im Herzen Südamerikas, ohne Küste, mit der Hauptstadt La Paz. Das ist so ziemlich alles. Vielleicht gibt es wenig Länder, die gleich unbekannt und die kennenzulernen doch derart der Mühe wert, wie dieses Land, das nach seinem Befreier Bolivar den Namen wählte.
Freilich, es war immer Stiefkind. Schon zur Kolonialzeit. Damals gehörte es als Alto Peru zum Vizekönigreich Peru. Allein obgleich die Metropole Lima nicht gar so fern war, blieb es doch Hinterland, Provinz, hinterste Provinz.
Und später, nach seiner Befreiung, hatte es auf allen Seiten neidische Nachbarn. Kein Staat an seinen Grenzen, mit dem es nicht einmal Krieg geführt, der ihm nicht einmal eine Provinz abgenommen hätte. Und als ihm gar Chile im Salpeterkrieg seine Küste entriß, wurde es völlig von der Welt abgeschlossen. Seine Waren gingen nicht mehr als bolivianische in die Welt, sondern je nach dem Verschiffungshafen als peruanische oder chilenische oder brasilianische. Und alle seine Nachbarn bauten gleicherweise eine unsichtbare chinesische Mauer um das abgeschiedene Hochland; alle machten es gleicherweise schlecht, wie es noch heute geschieht. Denn jeder hatte ein Interesse daran, daß nicht etwa fremdes Kapital oder Einwanderer weiter zögen in das Land der Andenhochfläche. Und so blieb es bis zu einem gewissen Grade, hätten nicht seine Minenschätze die Fremden ins Land gelockt — ein Tibet im Herzen Südamerikas.
Der Zug fährt über das Altiplano, das vielgeschmähte Andenhochplateau. Eine steinige breite Fläche wie eine ungeheure Tischplatte. Am Horizont verschwimmende braune Schatten, die Ketten der Kordillere. Wessen Herz gesund, der merkt an nichts, daß wir hier 4000 Meter über dem Meere sind.
Auf den ersten Blick sieht es freilich unwirtlich genug aus. Aber bald entdeckt man da und dort weite gelbe Flächen: Gerste, Kartoffeln, und selbst wo scheinbar nur Wüste und Steppe, ist der Boden doch überall bedeckt mit einem spärlichen Grün. Spärlich, aber doch immerhin genug, daß große Rinder-, Schaf-, Esel- und Lamaherden auf ihnen ihre Nahrung finden.
Und Bolivien ist schließlich nicht nur Hochland und Gummizone. Zwischen den Schneeketten der Kordillere und der fieberheißen Gummigegend an den Rios Beni und Mamoré erstrecken sich je nach der Höhenlage alle Klimate. Keine Pflanze, die hier nicht wächst, von den harten Gräsern arktischer Region bis zu der wuchernden Pracht der Tropen. Kein Mineral, das fehlt, von Eisen, Kupfer, Zinn und Gold in den Bergen bis zu Petroleum in den Niederungen.
Aber der größte Teil seiner Schätze liegt ungehoben. Keine Verkehrsmittel. Dazu die politischen Verhältnisse.
Bis vor etwa 20 Jahren das übliche Bild jener hispano-amerikanischen Republiken um den Äquator herum. Revolutionen und Revolten in stetem Wechsel. In den achtzig Jahren staatlicher Unabhängigkeit mehr als dreißig provisorische Regierungen, d. h. alle zweieinhalb Jahr bemächtigte sich ein anderer Parteiführer der Macht im Staate.
Seit der letzten liberalen Revolution im Jahre 1899 Ruhe und Aufschwung, bis auch die Liberale Partei den gleichen Fehlern erlag, die sie ehemals bekämpfte: Korruption, Machtmißbrauch, Wahlmache und Günstlingswirtschaft, so daß am 12. Juli 1920 die Republikanische Partei der liberalen Epoche in unblutigem Staatsstreich ein unrühmliches Ende bereiten konnte.
In mancher Hinsicht ist dieses Land noch so weit zurück, daß ihm gegenüber Argentinien und Chile als hochentwickelte moderne Staaten erscheinen. Das gilt vor allem von seinen sozialen Verhältnissen. Wenigstens in der Landwirtschaft ist das Arbeitsverhältnis noch rein mittelalterlich-feudal. Der Landarbeiter ist Höriger, Kolone, der Hand- und Spanndienste zu leisten hat.
Aber vielleicht ist es kaum anders möglich in einem Lande, wo eine winzige weiße Oberschicht über zwei Millionen Indianer herrscht, die weder lesen noch schreiben können, und — den einen Vorteil hat diese Zurückgebliebenheit: daß es in Bolivien keine soziale Frage gibt und daß dieses Land bisher in der Hauptsache verschont geblieben ist von Arbeiterschwierigkeiten, Streiks usw., unter denen seine entwickelteren Nachbarländer ständig zu leiden haben.
Eines allerdings wird notwendig sein: diese teilweise noch halbwilden indianischen Massen langsam zu erziehen und heranzubilden und gleichzeitig dem bisher ihnen gegenüber beliebten Ausbeutungssystem ein Ende zu machen. Sonst droht Bolivien zwar nicht die soziale Revolution — die in Argentinien und Chile immerhin schon zur Diskussion steht —, sondern etwas viel Schlimmeres: der blutige, erbarmungslose Indianeraufstand!
35. Markt in La Paz.
La Paz.

Markt. — Willst du eine fremde Stadt, ein fremdes Land kennenlernen, geh dorthin. Am gesammeltesten findest du dort noch alte Sitten, Trachten und Gebräuche.
Markt in La Paz. Man muß weit in den Orient fahren, um die gleiche Fremdartigkeit, die gleiche Farbenfreudigkeit zu finden. Aimaras vom Hochland in bunten Ponchos mit unbewegten, harten Gesichtern wie aus Coopers „Lederstrumpf“. Leute aus den Yungas, den Tälern des Innern, in kurzen Leinenpumphosen und Filzhüten mit riesenbreitem Rand, aber einem Puppenhutköpfchen. Cholas, Indianermischlinge, mit schwefelgelben Strohhüten und bunten Seidentüchern. Das erstemal ist man ganz benommen von der Buntheit der Farben, in die sich Männer wie Frauen, Indios wie Mischlinge kleiden. Dunkelviolette Überwürfe zu orangenen Röcken, oder indigoblaue zu purpurroten, grellgrüne zu leuchtend gelben. Ponchos in allen Farben gestreift. Dazu jede zweite Frau mit einem Säugling in buntgewürfelten Tüchern auf den Rücken gebunden, oder ihm ungestört und offen die Brust reichend, während sie verkauft. Und zwischen dem Menschenschwarm Esel- und Lamakarawanen, die vom Alto, dem Andenhochplateau, oder aus den Yungastälern die Lebensmittel in die Hauptstadt bringen.
Denkbar einfach spielt sich das Marktgeschäft ab. Es gibt zwar eine Markthalle, ähnlich dem Basar des Orients, allein sie faßt nicht den zehnten Teil der Verkäufer, und so sitzt die Mehrzahl in den umliegenden Straßen einfach auf dem Boden, vor sich die Ware ausbreitend.
Bunt wechseln hier alle Erzeugnisse der kalten, gemäßigten und heißen Zone miteinander ab. Fällt doch das Andenhochplateau mit seinen fast 4000 Meter Höhe dicht bei La Paz steil zu subtropischen und tropischen Gebieten ab. So liegen Gerste und Kartoffeln vom Hochland dicht neben Apfelsinen, Mandarinen und Ananas aus den Yungas, Äpfel neben Zuckerrohr und Kaffee, in gleicher Weise Produkte aus der Umgebung von La Paz.
Die ersten Male steht die einkaufende Europäerin hilflos vor der Menge von Gemüsen und Früchten, die ihr völlig unbekannt sind. Zunächst einmal die zirka 200 Kartoffelarten, die es hier in der Heimat der Kartoffel gibt, dazu die Chunos, auf Eis und in der Sonne zu Steinhärte getrocknete Knollen, die, dann wieder in Wasser geweicht, das Lieblingsgericht der Indios bilden, die Tuntas, durchs Wasser gezogene und an der Sonne getrocknete Kartoffeln, und dergleichen mehr. Eine Delikatesse, auch für Europäer, sind die Ocas, die in gefrorenem Zustand zusammen mit Miel de Caña, dem Saft des Zuckerrohrs, gegessen werden. Dazu die Fülle fremder Früchte, deren Königin die Chirimoya ist, eine mitunter kindskopfgroße Frucht mit herrlich süßem, weißem Fleisch.
Wie mit Gemüse und Frucht ist es mit Fleisch; denn auch alle inneren Teile, wie Kaldaunen, Magenwände und dergleichen, was in Deutschland Anrecht der Hunde beim Schlachten ist, liegt hier aus, und Stier- und Hammelhoden sind beispielsweise gesuchte Leckerbissen.
Besonders Sonntags, dem Hauptmarkttag, flammt und leuchtet die ganze Calle Recreo in buntesten Farben. Die Indias und Cholas, auf den Boden gekauert, blühen in ihren weiten, bunten Röcken und Tüchern gleich farbigen Blumen aus dem Boden. Zwischen goldenen Orangen, blassen Limonen, gelben Bananen liegt in bunten Lappen ein schreiender Säugling. Dazwischen gackern Hühner, schnattern Enten und blähen sich Truthähne, während die vollgepackten Lamas mit unglaublich dummen und arroganten Mienen durch die Menge schieben.
In einem unterscheiden sich die Marktfrauen von La Paz wohl von allen der Welt. Man kann alles nachprüfen, alles anfassen und dann weitergehen, ohne etwas zu kaufen, und man wird doch kein unfreundliches Wort hören. Überhaupt spielt sich das ganze Geschäft sehr eigenartig ab. Feste Preise gibt es nicht. Die Eingeborenen fordern zunächst so viel, wie sie meinen, daß der Gringo, der Ausländer, dumm genug ist zu bezahlen. Das ist in andern Ländern ähnlich, aber eine bolivianische Spezialität mag sein, daß der Weiße, wenn das Geschäft nicht anders zustande kommt, sich einfach die Ware nimmt und bezahlt, was er für angemessen hält. Nur in den wenigsten Fällen wird der Indianer dagegen aufzumucken wagen.
Er ist es ja auch nicht anders gewöhnt. Bereits am Eingang der Stadt erwarten die Zwischenhändler, meist Cholos, die Indianerkarawanen und nehmen ihnen ihre Lasten ab zu Preisen, die sie selbst ziemlich einseitig und willkürlich festsetzen. Auch der Weiße, der von den Indios ganze Lasten kauft, Gerste, Futter oder Brennmaterial, macht das Geschäft meist derart, daß er zunächst durch sein Dienstpersonal die Lasttiere, Esel oder Lamas in seinen Hof treiben und abladen läßt. Wenn er dann den Preis bietet, großes Jammern des Indianers, der aber doch meist zufrieden abtrollt, wenn man ihm noch ein paar Centavos für Coca drauflegt. Mitunter helfen allerdings ein paar Fußtritte nach.
An diese ganz anderen sozialen Verhältnisse muß man sich überhaupt erst gewöhnen. Vielleicht muß man sehr weit nach Afrika hineingehen, um noch diese Unterwürfigkeit des Farbigen dem Weißen gegenüber anzutreffen. Selbstverständlich, daß kein Weißer etwas trägt. Kauft man nur die geringste Kleinigkeit auf dem Markt, so ist man von einem halben Dutzend Indianerbuben umdrängt, die das Paket tragen wollen. Sollte aber gerade keiner Lust dazu haben, und der Weiße sieht sich suchend um, so mahnt ein eingeborener Polizist mit ein paar sanften Püffen den nächstbesten Indio an seine Pflicht dem Weißen gegenüber. Der Begriff „Blanco“, „Weißer“ ist dabei übrigens nicht wie in den Südstaaten der Union eine Rasse, sondern ein sozialer Begriff. Auch der Mischling und der Indio haben auf das gleiche Vorrecht Anspruch, wenn sie zu Stellung und Vermögen gekommen.
Mitunter kann man es auf dem Markt auch erleben, daß ein paar Polizisten mit Besen erscheinen, sich die nächsten Indios aufgreifen, den Widerstrebenden die Besen in die Hand drücken und sie erst einmal unter Aufsicht der Polizei den Platz kehren lassen, ehe die armen Betroffenen ihren beabsichtigten Geschäften weiter nachgehen können.
„Mamita“ oder auch „niña, niñita“ — „Mütterchen“ oder auch wohl „Schönes Kind“ — schallt es den über den Markt gehenden Europäerinnen entgegen. Fleisch, Früchte, Bauerntöpfe, bunte Tücher werden entgegengewinkt. Es ist ein fröhliches, buntes Bild unter dem leuchtend klaren Himmel von La Paz, und man könnte fast vergessen, daß hinter der fröhlichen Fassade ein armseliges, gedrücktes Volk steht, und im Hintergrund all dieser Unterwürfigkeit und sklavenhafter Demut lauert das eine — Haß gegen den weißen Herrn.
36. Gebirgsreise in Bolivien.
Pongo.

Noch immer ist die Wand der Cumbre in meinem Rücken. Wie der Weg sich auch schlängelt, bleibt sie und sperrt den Horizont, ungeheuer, unheimlich und so steil, daß man jetzt kaum versteht, wie diesen senkrechten Fels überhaupt ein Weg hinunterführen kann, gangbar für Mensch und Tier.
4600 Meter! Selbst wenn man aus dem 3600 Meter hohen La Paz kommt, ist der Marsch über die Höhe anstrengend genug. Jetzt sind bereits wieder 3800 Meter erreicht, und nach dem kahlen, nackten Fels der Kordillerenhöhe mit den letzten Schneeresten des Winters fängt bereits wieder das erste Grün am Wege an.
Es dämmert. Die Wand der Cumbre wächst zusammen mit den sich ballenden Nebelwolken und steigt ins Unendliche auf. Schwache, weiße Wölkchen, die an ihr hochziehen, entzünden sich am Abendhimmel und glühen wie irrlichternde rosenrote Flächen auf.
Tief unten rauscht der Fluß, den die Gletscher schufen. Immer schwärzer wird die Tiefe, daß bald nur mehr Rauschen aus undurchdringlichem Dämmern dringt.
Wie in einen Schlund rutscht man den steilen Weg hinunter. Bizarre Felsen am Wege türmen und häufen sich, täuschen Häuser vor. Und dazwischen wirkliche Reste verfallener Mauern und Häuser, daß man nicht mehr weiß, was Schein, was Wirklichkeit ist.
Aber jetzt Hundegebell. Lagernde Tiere und Menschen am Wege. Diese Mauern sind wirklich, sind bewohnte Häuser — die Posada.
Ein langgestreckter, niederer Bau. Ein fensterloses Zimmer neben dem andern, auf der andern Seite des Hofes ein Strohdach, unter das die Tiere bei Regen untertreten können. Das ist die Posada, staatlich konzessioniertes Wirtshaus, Relaisstelle, der Posthalterstation aus der Urgroßväterzeit noch am meisten vergleichbar. Es ist die übliche, vom Staat vorgesehene Unterkunftsstätte in jenen Gegenden, in denen es kein anderes Verkehrsmittel gibt als das Maultier.
Im ersten Augenblick mutet es seltsam und fast unbegreiflich an, daß in nächster Nähe der Hauptstadt des Landes, die mit nicht weniger als drei Bahnen mit dem Pazifik verbunden ist, ein weites, reiches, kommerziell und wirtschaftlich überaus wichtiges Gebiet liegt, für das es keine andere Verkehrsmöglichkeit gibt als eine kostspielige und anstrengende Maultierreise.
So mögen wohl — wie lange ist es her — die Poststraßen der Alpen, über den Gotthard und Brenner, ausgesehen haben, als noch keine Postkutschen fuhren, Maultierkolonne hinter Maultierkolonne.
Denn die Yungas sind ja keine abgelegene, ferne Region, in die man etwa eine Expedition unternehmen müßte, nein, es ist das Gebiet, das La Paz, Oruro und den ganzen Minendistrikt mit Bananen, Orangen, Zitronen, Kaffee und vor allem mit Coca versorgt, dem unentbehrlichen Stimulans des Hochlandindianers.

Indianerprozession in Copacabana. Nach einer von Jakob v. Tschudi veröffentlichten Zeichnung eines Indianers.

Eingeborne vom Rio Beni.

Indianerin am Webstuhl.
Karawane geht hinter Karawane, Maultiere und dann wieder Esel, struppige kleine Hochlandsesel mit langhängendem Zottelfell. Mit Früchten und Coca aus den Yungas, mit Gerste und Fleisch vom Hochland und mit Ware jeder Art von La Paz. Und dazwischen, spärlich allerdings, Reisende. Am seltsamsten wohl jene Dame, die ich unterwegs traf. Sie selbst, mit der ältesten Tochter hinter sich, auf dem Maultier; mit ihr der indianische Diener, ein Kind vor sich im Sattel und auf dem Rücken noch einen Säugling.
Kein angenehmes Reisen. Und so reist denn auch kaum jemand in den Yungas außer jenen indianischen Frachtführern und etwa der eine oder andere Fincabesitzer, der einmal im Jahr mit oder ohne Familie auf kurze Zeit auf sein Gut kommt, um nach dem Rechten zu sehen. Der Bolivianer reist ja überhaupt nicht gern, und wenn schon, dann eher nach Europa als in sein eigenes Land.
Schwierig, anstrengend und teuer, das war der sich immer wiederholende Refrain, wenn ich mich nach den Reisemöglichkeiten abseits der Bahn erkundigte.
Vor allem teuer! „Sie brauchen ein bis zwei Reittiere für sich, mindestens ein Packtier und ein Tier für den Führer, der gleichzeitig als Arriero die Tiere versorgt.“ Wie oft habe ich das gehört. Da kämen allerdings leicht bald 1000 Peso für eine kurze Reise heraus.
So geht’s freilich nicht. Und so habe ich auf Packtier und Führer verzichtet und bin allein losgeritten, das Nötigste in den Packtaschen, wie ich es von so manchen einsamen Ritten im Balkan und in Mexiko her gewohnt war.
Der Hof der Posada ist schon voll fremder Tiere. Eine Jagdgesellschaft, ein Minenbesitzer und ein paar Goldsucher haben bereits ihre Tiere eingestellt. Es gibt Beißen und Schlagen, bis jedes Tier sein Futter hat.
Futter! Da denkt man freilich an das, was erfahrene Yungasreisende in La Paz erzählten. Ein Tercio Cebada, ein Büschel Gerste auf dem Halm, kostet einen Peso. Mindestens drei bis vier Tercios braucht man, um sein Tier satt zu kriegen.
Da ist das Futter für den Menschen billiger, das ein siebenjähriger Junge bringt — gleichzeitig Kellner, Hausdiener und Pferdeknecht, kurz der einzige dienstbare Geist im Hause. Suppe und Fleisch, derartig mit Aji, dem einheimischen Pfeffer, gewürzt, daß Mund und Gaumen brennen wie Feuer. Ein Ungar müßte seine Freude daran haben; denn gegen Aji ist der magyarische Paprika die reinste Süßrahmbutter.
Der Junge klagt beweglich, er sei Waise und sein ganzes Gehalt bestehe in Schlägen, bis er ein entsprechendes Trinkgeld erhalten hat. Dann richtet er das Zimmer für die Nacht her, indem er das schmutzige Tischtuch fortnimmt. Sonst braucht er vor etwaigen diebischen Gästen nichts zu sichern; denn außer dem wackligen Tisch und einem dreibeinigen Hocker steht im Zimmer nichts als das leere Bettgestell, ein Rahmen auf vier Pfosten und darauf ein paar Riemen gespannt. Das Lager ist hart, die Nacht kalt. Schlafsack, Decke und Mantel genügen kaum. Draußen wiehern die Mulas. Ein Tier hat sich losgerissen und galoppiert über den Hof.
Ich trete noch einmal unter die Tür. Eine schmale Mondsichel steht am Himmel, und die Cumbre ragt in sie hinein. Und es ist wie scheues Wundern, daß ich noch vor wenigen Stunden auf jener senkrechten Wand stand und in eine unbegreifliche, märchenhafte Eis- und Felswelt sah.
37. An einem Tag aus Nordland in die Tropen.
Bella Vista.

Welch ein Kontinent! Immer neue Überraschungen und neue Szenen. Verblüffte schon in Chile das nahe Nebeneinander der verschiedensten klimatischen Zonen, so ist das nichts gegen Bolivien. Hier ist es die reine Hexerei. Hier ist Kälte und Hitze, Nordland und Tropen dicht beieinander. Mit einem Sprung etwa von Nordrußland nach den Kanarischen Inseln, weiß Gott, mit einem Sprung. Nicht etwa derart, daß man von vereinzelten eisstarrenden Höhengipfeln ins warme Tal hinunterstiege. Das kann man in Italien auch haben. Nein, in Bolivien liegen zwei gewaltige Gebiete, das eine kaum kleiner als Deutschland, das andere so groß wie Bayern, dicht beieinander. Wand an Wand kann man sagen: das Altiplano und die Yungas.
Die Wand der Kordillere, die beide voneinander scheidet, ist bei La Paz so schmal, daß man sie in einem Tag übersteigt, und kaum daß man von Pongo abwärts zieht, sieht man mit Verblüffung, wie das kümmerliche kurze Gras, das den genügsamen Lamas kaum dürftige Nahrung bietet, sich unversehens in kurzes Buschwerk wandelt. Schon geht man in niederem Wald. Saftiges Grün, bunte Blätter, wucherndes Schlingwerk und darüber wie Märchenvögel blaue, violette und rote Blüten.
Aber noch phantastischer ist der Wechsel, wenn man in San Felipe, trotzdem man hier schon auf 2000 Meter und einiges hinabgestiegen ist, die bequeme Karawanenstraße nach Coripata und Chulumani verläßt und nochmals aufsteigt auf die steilen Hänge, die zu beiden Seiten Weg und Fluß begleiten.
Nochmals hinauf auf 3600 Meter. Aber diesmal in steiler Steigung. Fast muß sich das Maultier ständig um sich selber drehen, wie es jetzt mühsam die engen Windungen der sich den Berg hinanwindenden Spirale aufwärtskriecht.
Der Gipfel des Berges ragt in die Wolken. Bald ist man mitten drin im Nebel, man sieht nichts mehr und erkennt nur an den niedriger und kümmerlicher werdenden Bäumen, wie langsam wir steigen.
Eine Steigung, die nie enden will. Und immer schlechter der Weg, die reinsten Treppen mit ausgetretenen, ungleich hohen Stufen. Dazu regnet es jetzt. Schon dicke Tropfen. Der wasserdichte Gummimantel ist nicht lange mehr wasserdicht. Bald dringt die Feuchtigkeit bis auf die Haut.
Die Höhe ist endlich erreicht. Fast unmittelbar fällt sie jenseits des schmalen Grates wieder ab.
Man glaubt, falsch geritten zu sein; denn der Weg ist kaum mehr als Geröll und Steinbruch, den der strömende Regen in die reinsten Grotten mit Wasserfällen verwandelt. Aber die Indios, die tropfnaß mit ihren Tieren an der andern Seite aufsteigen, nicken auf die Frage nach dem Wege.
Also hinunter, das Tier am Zügel! Ein Springen von Stein zu Stein, die Mula bald vorsichtig tastend, bald fast auf der Kruppe rutschend hinterher. Dazu Wasser, Wasser in Strömen. Aber sobald man bis auf die Haut naß ist, wird man vergnügt, denn nässer kann man nun nicht mehr werden.
Und wie könnte man auch verdrießlich sein, wo sich das Blattwerk immer phantastischer um einen rankt, Fächer, Teller, Schwerter, Grün in allen Schattierungen. Hunderte von Bäumen, die man nicht kennt. Und alles umrankt und verwoben durch schlingende, wuchernde Lianen.
Ab und zu erscheint der Berg gespalten, und den Einschnitt hinunter stürzt aus hundert Meter Höhe ein sprühweiß gischtender Wasserfall.
Langsam vertropft der Regen. Aus dem Grün hört man seltsames Rascheln, und fremde, bunte Vögel fliegen über den Weg, glitzernd farbige Schmetterlinge folgen.
Aber das Wunderbarste ist doch, wie jetzt Regen und Wolken weichen, und wie man nun, sobald die Bäume den Blick freigeben, das Land sieht, in das man hinabsteigt.
Gewiß, es gibt Landschaften von gewaltigerer Schönheit und auch von größerer Fremdartigkeit, aber es passiert einem kaum, daß man sie nicht längst im Bilde sah, ehe man sie wirklich betritt. Allein, wer sah je Bilder von den Yungas. Nicht einmal in La Paz gab es dergleichen.
So aber ist die Landschaft: Man denke sich den Schwarzwald oder den Wiener Wald. Waldberge. Aber Waldberge, die vom Tal aus tausend, zweitausend und mehr Meter ansteigen. Ungeheuere Kuppen, und von der Sohle bis zur Spitze mit dem gleichen, fremdartig, tropisch anmutenden Wald bedeckt.
Berge wie Lebewesen, unheimliche, fremdartige Lebewesen. Man sieht keine Felswände, Schründe oder Klippen, nur Wald, Wald. Was jenseits von ihm an Fels, Schnee und Eis der Kordillere sonst sichtbar sein mag, decken die Wolken.
Das Unheimlichste aber ist der Fuß der Berge. Unten, ganz unten muß ein Fluß fließen. Man sieht ihn nicht. So eng stoßen die Berge im Tal zusammen. Man sieht nur die Krümmungslinien, in denen die steil abfallenden und dennoch grünen Wände sich begegnen. Man möchte meinen, daß unten hinein kein Sonnenstrahl dringe und dort düster feuchte, dunstige Tümpel voll vorsintflutlichem Gewürm sein mögen.
All diese Wälder sind Urwald. Unbetretbarer, nie betretener jungfräulicher Wald. Er ist beiderseits des Weges durch und durch undurchdringlich. Man ist mitten drin und übersieht ihn doch von Höhenwegen aus. Steht ihm gleichsam Aug in Aug gegenüber. Der Mensch und der Wald. Seit Stunden, seit den Indianern auf der Höhe, kreuzt niemand mehr meinen Weg.
Es gibt nur den einen unfehlbaren Weg durch den Wald, unfehlbar, denn es gibt nicht eine Abzweigung. Und jeder muß die vorgeschriebene Tagesreise machen. Denn vor Tagesende gibt es kein Haus, nicht die geringste menschliche Spur. Ein endlos langer Tag durch Wald.
Ein vorspringender Rücken ist es, der das erste einsame Haus trägt. Bella Vista. Hier ist der Wald gerodet, hellgrüne Pflanzungen, Mais, Bananen, Zitronen, Orangen. Zu gleicher Zeit tragen die Orangenbäume brautweiße Blüten und vollsaftige, goldene Früchte. Gelbe Zitronen und Limas in dunkelgrünem Laub. An der Banane aber schält sich aus riesiger violetter Blüte die vieltraubige Frucht.
Der Regen hat aufgehört, die Wolken haben sich verzogen. Man sieht weithin talabwärts in das wellige, hügelige Grün. Nur an einzelnen Stellen ist es sonderbar rot gefärbt. Tief orangerote, kreisrunde Flecken unterbrechen das zarte Grün, gleichsam als durchbrächen ungeheuere Giftpilze den Waldboden.
Es sind Ceibas, Wollbäume, Bäume ohne Blätter, nur dicht bedeckt mit den orangefarbigen Blüten. Dicht vor den Häusern, auf die ich zureite, steht solch ein Baum, und wie zum Willkommen wirft ein Windstoß seine Blüten auf mich herab, während beiderseits des Weges Orangeblüten, schneeige und rosige Pfirsichblüten schimmern und goldene und gelbe Früchte glühen.
38. Was die Yungas erzeugen.
Coroico.

Auf steiniger, isolierter Kuppe liegt das Städtchen über 1700 Meter hoch, und man übersieht von ihm weithin das Gewirr der am Fuß des Berges mündenden Täler. Das dunkle Grün der Wälder hat sich unten an den Ufern der Flüsse, deren Spiegel sich hier schon auf 1000 Meter senkt, in lichte Farben gewandelt. Zuckerrohr, deren dichte Wedel wie niederer Palmenwald wirken.
Unten im Städtchen ist Markt. Markt?, möchte man fragen. Wozu? Wenn irgendwo, kann hier der Landmann erzeugen, was er braucht. Trägt ihm sein Feld doch alle Nahrungs- und Genußmittel, gibt es doch Holz in überreichen Mengen, Baumwolle und alle Faser- und Textilpflanzen, sogar Farbpflanzen, während der Boden Ton und Schiefer enthält.
Gestern abend schon sind vom Alto die Hochlandsindianer mit ihren Maultieren und Eseln in die Stadt gekommen, stumm und ernst hinter ihren hochbeladenen Tieren. Und heute sieht man auf allen Wegen die Yungeños dem Pueblo zuströmen, Menschen der gleichen Rasse, die das mildere Klima doch so ganz anders formte. Neben dem ernsten, schweigsamen Aimara vom Hochland mit seinen harten Zügen wirkt der Yungeño frauenhaft weich, wozu allerdings viel das reiche, tief den Rücken hinunterfallende Haar beitragen mag, das im Nacken ein Band zusammenhält.
Aus den großen Bündeln, die die Indianer des Alto vor sich liegen haben, schälen sich, in Heu verpackt, Korn, Gerste, Kartoffeln und Fleisch, das in seiner trockenen, braunen Steifheit mehr wie Leder erscheint als wie ein Nahrungsmittel. Und die Yungeños kaufen, kaufen, daß am Mittag bereits fast der ganze Markt leer ist. Es ist eine merkwürdige wirtschaftliche Erscheinung. Der Yungeño pflanzt wohl seine Banane, die sein hauptsächlichstes Nahrungsmittel darstellt, und vielleicht auch noch etwas Juca und Racacha, dicke, wurzelartige Knollen. Aber was er darüber hinaus braucht an Fleisch, Brot und Kartoffeln, kauft er vom Hochland, und für die Städter, denen die Banane nicht als Nahrungs- sondern als Genußmittel dient, kommt fast der ganze Lebensbedarf vom Alto herunter.
Was der Yungeño erzeugt, ist Luxus: Früchte, Kaffee, Alkohol (nicht zum Brennen, sondern zum Trinken) und Coca. Letztere Pflanze, deren getrocknete Blätter in ganz Bolivien, Peru und Nordargentinien als Nervenstimulans gekaut werden und ohne die der bolivianische Indianer nicht leben kann, sind das A und O aller Yungaskultur.
Der Gewinn, den die Coca abwirft, ist so hoch, daß da, wo der Boden einigermaßen geeignet ist, ihr Anbau jede andere Kultur verdrängt. Es gibt indianische Kleinbauern, die auf ihrem Grund und Boden nicht einmal die für den Lebensunterhalt wichtigsten Pflanzen, nicht einmal ein paar Bananen bauen, sondern die alles, bis auf das letzte Fleckchen, mit Coca bestellen und den gesamten Lebensunterhalt in der Stadt kaufen. Und die Einnahme aus dem Cocaverkauf ist so hoch — mitunter selbst für den Kleinbauern, der nicht mehr als ein paar Hektar bestellt, bis zu 9000 Peso —, daß er unbedenklich die durch die Fracht enorm hohen Preise für alle Lebensmittel, die höher sind als in La Paz, zahlen kann.
Freilich nötig wäre es nicht, selbst bei intensivster Coca-, Kaffee- und Rohrzuckerkultur nicht, daß das Alto die Yungas ernährt; denn von den weiten Yungas ist erst ein winziger Teil kultiviert, und oberhalb der Cocafelder und Bananenpflanzungen sind die Berge noch alle bedeckt mit undurchdringlichen Wäldern, an deren Stelle sich Weizen- und Gerstenfelder dehnen könnten, mehr als ausreichend, die ganze Yungasbevölkerung zu ernähren, und endlose Weiden für Viehherden, die die Hauptstadt des Landes mit Butter zu versorgen vermöchten, statt, wie es heute geschieht, sie mit hohen Kosten aus Peru oder Chile kommen zu lassen.
Wenn man nach dem Grund frägt, immer die gleiche Antwort: „falta de brazos“, „Mangel an Arbeitskräften“, und so sind die Yungasprovinzen, die sich wie eine köstliche Blume an die Hänge des Hochlandes schmiegen, heute fast nichts als Parasiten. Was sie erzeugen, ist Luxus, schlimmer noch — Gift. Über die Coca kann man ja zweierlei Meinung sein; sicher ist, daß der seit unzähligen Generationen daran gewöhnte Indianer nicht ohne sie leben kann. Aber auch aus dem Zuckerrohr wird nicht Zucker gewonnen — und Zucker braucht das Land; denn heute wird er noch zu hohen Preisen aus Peru und Argentinien eingeführt —, sondern lediglich Alkohol, vierziggradiger Alkohol, der bei den Indianern unverdünnt das Hauptgetränk für Mann und Frau bei ihren Festlichkeiten ist.
39. Eine Yungasfinca.
Coripata.

Die beiden Goldsucher aus Pongo waren vor mir hergeritten. Sie wollten den Rio Peri nach dem gelben Metall absuchen. Als ich an den Fluß herunterkam, fand ich noch die Spuren ihres Lagers; sie selbst waren schon fort. Sie hatten wohl nichts gefunden, oder die Moskitos hatten sie vertrieben, wie mir ein vorbeireitender Administrator einer Finca erzählte.
Auf den Höhen merkt man übrigens nichts von Moskitos, und trotzdem ich Moskitonetz und Schleier mitführte, hatte ich noch für keines von beiden Verwendung.
Dagegen war es doch schon recht heiß. Ich war ziemlich spät von Coroico abgereist, und das ganze Yungasgebiet kennt keinen ebenen Weg. Ständig geht es auf und ab bei stärkster Steigung, und selbst wo eine Straße am halben Hang entlang führt, geht sie in Kurven auf und nieder.
Coroico, Coripata, Chulumani, das ist das Herz der Yungas. Hier sind alle Hänge entwaldet. Es gibt keinen Baum mehr, alles Banane, Kaffee, Coca, alles gleich schattenlos.
So kam mir die Finca halbwegs nach Coripata gerade recht, um während der größten Mittagsglut kurze Rast zu machen. Aber als ich mit dem Administrator ins Gespräch kam, stellte sich heraus, daß er drei Jahre in Weimar auf einer landwirtschaftlichen Schule gelernt hat. Seit den sechs Jahren, die er wieder zurück und in den Yungas ist, war ich der erste Deutsche, den er gesprochen. So lud er mich zum Bleiben, und ich nahm gerne an.
Die bolivianische Finca hat mit der argentinischen Estancia die Ausdehnung gemein. Zehntausende von Hektaren sind die Regel. Allerdings sind hiervon stets kaum ein paar hundert, oft kaum ein paar Dutzend Hektar bewirtschaftet. Alles übrige liegt brach, unerforscht, und die Grenzen kennt der Besitzer in der Regel selbst nicht.
Die Hacienda, der Komplex der Wohn- und Wirtschaftsgebäude, ist noch wesentlich einfacher als in Argentinien. Lebt in Argentinien der Patron kaum ein paar Wochen und Monate auf seiner Estancia, so kommt er in den bolivianischen Yungas kaum einmal im Jahr auf wenige Tage hinaus, oft nur alle paar Jahre. Der Administrator aber ist ein schlecht bezahlter Angestellter, für den ein einfaches Lehmhaus aus luftgetrockneten Ziegeln mit Wellblechdach genügen muß.
Dieses Haus mit einem Schuppen für die Coca und dem mit Schiefer ausgelegten Hof, in dem die Coca getrocknet wird, ist eigentlich alles: Irgendwelche landwirtschaftlichen Maschinen oder Geräte, totes oder lebendes Inventar gibt es nicht. Das Maultier für den Administrator, wenn es hoch kommt, eine Kuh, das ist alles. Das Arbeitsgerät bringen die Peone selbst mit; es besteht nur in Hacke und Schaufel. Eines fehlt freilich nicht, auf keiner Finca. Das ist die Kirche, und sie ist stets der stolzeste Bau, massiv aufgeführt mit Glockenturm und Glocken; denn der bolivianische Indio ist in erster Linie ein treuer Sohn der Kirche, und was er irgend erspart, führt er außer dem Alkohol zunächst dem Pfarrer zu, den er reichlich mit Geschenken regaliert. Jede Messe auf einer Finca bringt dem Geistlichen nie unter einigen hundert Peso an Gebühren und Geschenken ein.
Rings um die Finca herum liegen in kleinen Bananenpflanzungen die rohgebauten, niederen Lehmhütten der Kolonen, der Hörigen. Jede Finca verfügt ja über ihre bestimmte Zahl höriger Indianerfamilien, die zur Arbeit für den Patron verpflichtet sind, und der Wert jedes Grundbesitzes richtet sich auch nach der Zahl der auf ihm ansässigen Kolonen. Man kauft und verkauft eine Finca nicht nach Hektaren oder Quadratleguas, sondern nach der Zahl der Kolonen, und im allgemeinen wertet jede Kolonenfamilie tausend Peso.
In rein mittelalterlich-feudaler Weise spielt sich auch die Arbeit auf der Finca ab. Jeder Kolone ist verpflichtet, zwei, drei oder vier Tage, je nach der althergebrachten Gewohnheit, für den Grundherrn zu arbeiten. Diese Arbeit ist nicht nur völlig unentlohnt, der Kolone muß auch noch Arbeitsgerät und Arbeitstiere selbst stellen. Er ist ferner zu unentgeltlichem Dienst im Hause des Patrons verpflichtet. Jede Kolonenschaft stellt allwöchentlich einen oder mehrere Pongos als Hausdiener. Ebenso wählt sich der Patron, beziehungsweise der Administrator aus der Reihe der Frauen und Mädchen allwöchentlich eine Mitani als Haus- und Küchenmädchen. Verreist er, will er etwas besorgen lassen, in der Stadt etwas kaufen oder verkaufen, so stellen die Kolonen so viele Apiris, wie er benötigt, um ihn auf ihren Mulas zu begleiten oder die Besorgungen zu erledigen.
Als Entgelt für diese Dienste erhalten die Kolonen Land zugewiesen, das sie in ihrer freien Zeit bebauen. Jeder Indianer hat denn auch seine Bananenpflanzung, von der er in der Hauptsache lebt, sein Cocal, sein Cocafeld, dessen Erträgnisse seine sonstigen Bedürfnisse decken müssen.
Am nächsten Morgen in aller Frühe hatte ich Gelegenheit, den ganzen Betrieb kennenzulernen. Es war Frontag, und der Hilacata, der Kazike oder Aufseher der Indianer, trat mit den Kolonen auf dem Hofe an. Dann ging’s zur Arbeit, Männer und Frauen getrennt.
Wir gingen erst zu den Männern, denen die schwere Arbeit obliegt. Es galt, neues Land für ein Cocal zu roden. Büsche und Bäume, die den Hang deckten, waren bereits abgebrannt, und jetzt waren die etwa dreißig Indios in langer Reihe dabei, mit Hacke und Schaufel die Wurzelstöcke zu entfernen. Langsam arbeitete sich die braune Kette den Berg hinauf. Vor ihnen stand in buntem Poncho, das fast meterlange Messer im Gürtel und das schwarzglänzende Haar bis auf die Hüften herabhängend, der Hilacata.
An anderer Stelle waren die Frauen dabei, im Cocal das Unkraut zu jäten. Auch hier ein Hilacata-Stellvertreter als Aufseher.
Am Abend saßen der Administrator und ich auf der luftigen Veranda beisammen. Hinter dem scharfen Bergrücken, zu dessen beiden Seiten Coripata wie ein Raubvogelnest klebt, verflammte der Abend. Aus dem dunklen Laub des Gartens heraus sah man das Leuchten der Orangen. Dahinter ließen gleich müden Pferden die Bananen ihre früchteschweren Köpfe hängen. Von den Indianerhütten her klang monoton eine Rohrflöte.
„Ständiger Ärger mit dem Pack!“
„Nun, ich glaube, jeder europäische Gutsbesitzer würde blaß vor Neid über solch billige Arbeitskraft. Entlassung geht ja nicht gut, wenn jeder Arbeiter seine tausend Peso wertet, und Lohnabzug gibt’s auch nicht. Was machen Sie denn, wenn die Leute widersätzlich sind oder faul?“
Er sah erstaunt auf. „Aber dafür hat man doch die Peitsche!“
„Die Peitsche?“
„Aber natürlich, glauben Sie denn, es ginge anders? Selbstverständlich habe auch ich eine, oder vielmehr zwei, eine dicke für die Männer und eine dünne für die Frauen.“
Ich mußte wohl ein sehr ungläubiges Gesicht gemacht haben. Denn er meinte: „Wenn Sie es nicht glauben, kann ich ja einen auspeitschen. Ein Grund findet sich immer.“
Ich dankte. Aber am nächsten Tag frug ich in Coripata den Munizipalsekretär, wie es eigentlich mit dem Recht der Fincabesitzer wäre, ihre Kolonen zu schlagen.
„Ein Recht“, meinte er, „besteht selbstverständlich nicht. Aber kein Richter oder Polizeipräfekt wird etwas dagegen einzuwenden haben, wenn ein Patron oder Administrator seine Indianer schlägt, in mäßigen Grenzen natürlich. Aber ab und zu muß der Indianer seine Prügel haben, damit er nicht verdirbt.“
40. Der Gastfreund.
Irupana.

Das Zimmer war das übliche, vier bis fünf Meter im Quadrat, weißgetünchte Wände, lehmgestampfter Fußboden, ohne Fenster, nur durch die Tür Licht und Luft erhaltend.
Wir saßen beim Abendessen, wir, d. h. der Hausherr und Gastgeber, mein Reisekamerad und ich. Die Frau des Hauses, eine Chola, den geschwefelten Strohhut auf den straffen, schwarzen, langen Zöpfen, die nackten Beine hellbraun und schlank, aß wie üblich nicht mit, sondern bediente die Männer. Von dem, was wir übrigließen, fütterte sie die Kinder, die, zwei- und vierjährig, vergnügt und halbnackt auf dem Boden herumkrochen, um dann selbst den Rest stehend in einer Ecke zu sich zu nehmen.
Mein Reisekamerad hatte mich mitgenommen, d. h. die Kameradschaft war recht kurz. Wir waren eine Strecke zusammen geritten, waren zusammen in den Regen gekommen und hatten uns dann gemeinsam in einer Chacra an den dort überreichlich wuchernden Orangen gestärkt, nachdem wir vergeblich nach dem Besitzer gerufen.
Aber solche kurze Bekanntschaft genügt hier zu Gastfreundschaft. Es ist das Merkwürdige, daß es hier in einsamer Gegend am Ende jeder Tagereise eine Posada gibt. Aber in Ortschaften fehlt oft genug jede Unterkunftsmöglichkeit. Wozu auch? Wer hierher kommt, hat selbstverständlich seine Geschäftsfreunde oder sonstigen Bekannten, bei denen er nächtigt, wie umgekehrt sie bei ihm, und andere Reisende gibt es nicht. Wohl hatte ich einen Empfehlungsbrief von der Regierung an alle Behörden. Aber von allen Behörden war augenblicklich niemand da, und so wäre ich fast in peinliche Verlegenheit gekommen, da die Nacht schon hereinbrach, wenn nicht mein Reisekamerad mich zu seinem „Compadre“ mitgenommen hätte, der ihm Gastfreundschaft gewährte. Dies geschah mit der größten Selbstverständlichkeit und natürlichsten Liebenswürdigkeit, und in der gleichen Weise nahm mich der Compadre auf, als kennten wir uns seit Jahren und als wäre es gar nicht anders denkbar.

Millunisee mit Huaina Potosi.

Gipfelgrat des Huaina Potosi.

Am Fuße der Eiswand des Huaina Potosi.
Die junge Cholafrau war ein selten zartes, schlankes Geschöpf mit feinem braunem Gesicht, und es wirkte merkwürdig, wie sie demütig, sklavenhaft an der Wand lehnte und den Rest der Suppe löffelte, während wir um den Tisch vor vollen Fleischschüsseln und gefüllten Biergläsern saßen. Aber das ist nun einmal Landesbrauch.
Nach Tisch gingen wir ins Café an der Plaza: ein kleines Zimmer, Stühle und Tische, augenscheinlich aus den verschiedensten Häusern zusammengeliehen, ein Billard und in der Ecke auf einigen über Kisten gelegten Brettern die Bar. Es gab nur Schnaps; denn die Frachtführer hatten seit langem aus La Paz kein Bier gebracht. Aber gleichwohl war der Raum übervoll, und es mußte wohl ein sehr gutes Geschäft sein; Ausstattung und Betrieb waren mehr als wildwestartig primitiv und der Besitzer Schenk- und Zahlkellner wie Barkeeper in einer Person.
Als wir heimgingen, zerbrach ich mir schier den Kopf, wie wohl die Unterbringung für die Nacht sein sollte; denn ich wußte, daß das Haus aus einem einzigen Raum bestand, an den sich nach rückwärts nur ein offenes Dach anschloß, unter dem gekocht wurde. Allein unsere Gastfreunde schienen keine Schwierigkeit zu sehen. Als wir zurückkamen, lagen die Kinder schon schlafend auf der Bank, und uns beiden wurde, als sei es gar nicht anders denkbar, das einzige Bett als Schlafstätte angeboten. Natürlich lehnten wir ab. Aber es bedurfte erst eines endlosen Hin- und Herparlamentierens, bis sich unsere Wirte endlich fügten und die Frau des Hauses die Kinder von der Bank wieder ins Bett legte. Während wir auf Schaffellen auf dem Boden unser Lager bereiteten, legte sie mit größter Ungeniertheit Rock und Bluse ab, schlüpfte zu den Kindern, ihr Gatte dazu, und bald hörte man nichts als tiefe ruhige Atemzüge.
Die Luft war stickig; denn die Tür war fest geschlossen. Dazu machte sich bald das übliche Ungeziefer bemerkbar, trotzdem ich meinen Schlafsack so voll Insektenpulver geschüttet hatte, daß ich selbst kaum schnaufen konnte.
Mein Reisekamerad wachte auf, und so kamen wir ins Gespräch, flüsternd, während vom Bett in der Ecke her das Atmen der Familie zu uns herüberdrang.
Mir war schon unterwegs das eigenartige Braun und der scharfe Schnitt der Züge meines Reisekameraden aufgefallen, und so fragte ich ihn, woher er stamme.
„Araber, aus Damaskus; nach dem ersten Balkankrieg kam ich herüber.“
Ich mußte plötzlich daran denken, wie ich in den Dezembertagen jenes unglücklichen Krieges vor dem verzweifelten Angriff der Bulgaren auf Tschataldscha bei dem Ritt an die Front unweit Derkeskoj jenem frisch aus Damaskus eingetroffenen Araberregiment begegnete, das sich in Aussehen und Haltung so sehr von den bei Kirkilisse geschlagenen und nach der Tschataldschalinie zurückflutenden Türkentruppen unterschied.
Ich fragte ihn, ob er jenem Regiment angehört, und als er bejahte, folgte Erinnerung auf Erinnerung an jene Zeit und Gedankenaustausch über das, was dann kam, den Weltkrieg, den Zusammenbruch, den Sturz des Kalifats und das Sinken des Halbmondes.
Es war eine seltsame Unterhaltung, die sich in dem engen, finsteren, schwülen Zimmer entspann, während vom Bett her jetzt lautes Schnarchen herüberdrang und das unruhige Hin- und Herwerfen der von Ungeziefer geplagten Kinder.
„Ich gehe jetzt bald wieder hinüber“, meinte der Reisekamerad.
„Wohin?“ fragte ich. „In Konstantinopel sind die Engländer, in Kleinasien Griechen und Italiener, in Syrien die Franzosen.“
„Allah wird es wenden...“ Er brach ab. Aber es war, als füllte sich plötzlich das Zimmer mit einer unheimlichen, die Wände sprengenden Kraft, und als dröhnten in der Ferne Trommeln und wieherten Rosse.
Als ich am nächsten Morgen bei grauendem Tag weiterritt, war es unmöglich, den liebenswürdigen Wirten Bezahlung aufzudrängen. So hing ich wenigstens der Kleinsten eine Holzperlenkette um den Hals, die ich vorsorglich in mein Gepäck getan.
Dann reichte ich dem Araber die Hand. Wir wußten, daß wir beide dasselbe dachten, und so brauchte es zum Abschied nur das eine Wort „Inschallah! — Gott gebe es!“
41. Auf einer Zuckerrohrplantage.
Cañamina.

Im hochgelegenen Irupana war es kühl gewesen, wie an einem bewölkten Frühlingstag in Deutschland. Aber hat man den Paß hinter sich, ist stundenlang über den sanft sich senkenden Rücken geritten und hat den Abstieg in scharfen Serpentinen zum Bett des Rio de La Paz hinunter vollendet, eines bei La Paz entspringenden Quellflusses des Beni, so wird es wärmer und wärmer. Ab und zu sieht man zwischen Büschen, an deren Stelle mehr und mehr Palmen treten, den Fluß heraufschimmern, ausgegossen zwischen die steilen Felsmauern wie flüssiges Blei. Das erstemal erschrickt man, wenn man dieses zwei- bis dreihundert Meter breite, mattfarbene Band erblickt, — wie soll man da hinüberkommen? Aber bald sieht man, daß es das sandige, steinige Flußbett ist, das der Fluß nur in einzelnen schmalen Linien durchzieht.
Es wird schwül wie in einem Gewächshaus. Seltsame Pflanzen schießen zu beiden Seiten des Weges hoch. Haushohe Kakteen von einem weißlichen, verwitterten Graugrün, die aufeinandergetürmt sind wie Reste zerbrochener Säulen oder wie unheimliche, schlanke Monolithe. Von ihren Stacheln hängt ein seltsames fahlgrünes Moos herunter, das auch alle andern Bäume und Pflanzen zu überziehen beginnt, eine Wucherpflanze, zäh wie Draht, die auf alle Äste und Zweige klettert, das letzte Grün der Bäume erstickend, bis von den gebeugten, sterbenden Stämmen gleich Greisenbärten nur mehr das tückische Moos hängt, und sie, bis ins Mark zerfressen, zusammenbrechen.
Unten im steinigen Flußbett aber glüht und brennt die Sonne zwischen den hohen Felsmauern wie in einem Feuerofen.
Sorgfältig die Spuren zwischen den Steinen lesend, sucht und findet man die Furt. Bis über den Bauch geht dem Tier die schmutzig braune Flut.
Jenseits mündet ein Tal. Zwischen Urwaldrankwerk führt ein schmaler Pfad. Bald darauf ein Bananenhain und Bambusrohrhütten. Vor einer der Hütten hockt eine alte Negerin, vom Halse herunter hängt ein Kropf, nein, ein Dutzend Kröpfe, in der schlaffen Haut liegen sie wie Bälle in einem Netz. Ein junges Weib neben ihr platt auf dem Bauch, die straffen Brüste vor sich ausgebreitet und an jeder einen Bengel säugend.
Es sind Neger, die hier arbeiten, des Fiebers wegen, das den Indianer gleich dem Weißen angreift. Hier beginnt die königreichgroße Finca des Sindicato Industrial, die erste Finca des Syndikats „Miguillo“. Der Weg zur Hacienda führt durch eine Allee von Sisalagaven, ungeheuern Pflanzen, die ihre harten, scharfen, spitzen Blätter wie Schwerter über den Weg strecken, so daß es schwierig erscheint, unverletzt dazwischen durchzukommen.
Von hier an beginnt das lichte Grün des Zuckerrohrs, sich in der Ferne wie eine unendlich frische, saftige Wiese von der dunklen Tönung des Waldes abzuheben.
Kreuz und quer über den Fluß, bis das Tal sich weitet, die Hügel zurücktreten und mitten im lichtesten Grün zwischen Palmen und Orangenbäumen die blanken Wellblechdächer der Hacienda Cañamina, des Hauptsitzes des Syndikats, in der Sonne blinken.
Wo sengende Sonne und Wasser im Überfluß zusammenkommen, da wächst die Caña, das Zuckerrohr. So viel Wasser braucht die Pflanze, daß selbst der reichliche Regen hier in den Yungas nicht ausreicht und zwischen den Reihen der bambusartigen Stauden ständig die Fluten künstlicher Bewässerung rinnen müssen, welche die von den Bergen herunterstürzenden Gießbäche speisen.
Einundeinhalbes Jahr braucht das Zuckerrohr bis zur Reife, bis die Neger oder Indianer tagtäglich mit ihren meterlangen, schweren, breiten Messern in die Cañaverales, die Zuckerrohrfelder, hinausziehen, um das Rohr zu schneiden.
Harte Arbeit; denn glühend sticht die Sonne, und unermüdlich umschwirren die Arbeiter Schwärme bissiger Moskitos. Aber immer gibt es Ruhepausen, in denen das süße Rohr eifrig geschält und gelutscht wird. Da sieht man überall die schmatzenden, kauenden Gruppen die dicken Stengel zerbeißen, und aus den Mundwinkeln trieft der schwere süße Saft.
Bald geht man über schwankendes Gewirr hochgehäufter Rohre, bis die Mulas kommen, um sie zur Mühle zu schaffen.
Auch für die Mühle ist der hundert Meter hoch herabstürzende Gießbach belebende und treibende Kraft, der in enge Röhre eingezwängt zum Peltonrad hinunterschießt, um die Trapiche, das Walzwerk, zu treiben, zwischen dem die Caña bis auf den letzten Tropfen ausgepreßt wird.
Während sich das trocken ausgelaugte Rohr in hohen Haufen stapelt, um später als Feuerungsmaterial unter den Kesseln zu dienen, rinnt der Huarapu, der durch die Trapiche ausgepreßte Saft, in große Bottiche, in denen er sich zum Most wandelt, bis auf mancherlei Umwegen durch Destillation und Rektifikation als Endprodukt der Alkohol gewonnen ist.
Auch hier ist es nicht Zucker, der aus der Caña erzeugt wird; Alkohol bringt mehr Geld. Er bringt viel Geld. Die Lata zu 20 Liter wird zu 43 Peso verkauft, mitunter steigt der Preis bis auf 75 Peso. Ein Hektar mit Caña bestellt, produziert etwa 130 Latas Alkohol. Es muß ein glänzendes Geschäft sein.
Der Administrator ist auch sehr zufrieden und er denkt daran, den Betrieb zu vervielfachen. Der Alkoholbedarf im Land nimmt auch ständig zu. Der Administrator ist ein außerordentlich liebenswürdiger Wirt, und so unterlasse ich denn, daran zu erinnern, daß ein ganzes ehemals gesundes, kräftiges Volk langsam am Alkohol zugrunde geht.
42. Weg im Fluß.
Tirata.

Das Wasser stieg höher und höher. Jetzt reicht es schon über den Gurt. Aber schlimmer war noch die rasende Gewalt, mit der es zwischen den Granitblöcken einherschoß. Schwer kämpfte das Tier. Jetzt glitt es, sank. Schon fühlte ich seinen Kopf neben dem meinen, schwamm frei im Strom.
Aber als, statt zu versinken, der Maultierkopf noch immer an meinem Gesicht schnupperte, erwachte ich langsam aus dem Traum. Schaukelnd lag ich in der zwischen einem Eukalyptus und einer Kaktee ausgespannten Hängematte, und „Jutta“, meine Maultierstute, die ich neben dem Lager angebunden hatte, stieß mich ärgerlich mit dem Kopfe, da sie augenscheinlich ihre abendliche Ration aufgefressen hatte und mehr haben wollte.
Über mir glitzerte am tiefdunklen Nachthimmel die ganze Überfülle des südlichen Sternhimmels, und langsam kam die Erinnerung zurück.
„Reiten Sie auf keinen Fall allein durch den Fluß. Sie kennen die Furten nicht, und dann: wir sind schon weit in der Jahreszeit, von einem Tag auf den andern können die Wasser kommen.“
So hatte der Administrator von Cañamina dringend abgeraten. Aber ich hatte mir nun einmal in den Kopf gesetzt, den Weg über den Rio de La Paz zu nehmen, der eigentlich gar kein Weg ist, sondern ein Wandern im Flußbett mit hundertfältigem Kreuzen des Flusses, und stellenweise führt der Weg überhaupt mitten im Fluß, weil rechts und links nichts ist als steile Felsmauern.
Beim Abreiten von Cañamina sah es auch wenig verlockend aus. Der Himmel überzog sich. Es fing an zu tröpfeln, und wir kamen ziemlich durchnäßt nach Miguillo. Hier fing es in der Nacht aber erst richtig an, und ich verstand, warum man hier nicht „Regenzeit“ sagt, sondern „Zeit der Wasser“, und nicht „Es regnet“, sondern „Wasser fällt“.
Da es aber am nächsten Morgen besser wurde, ritt ich, noch in der Dunkelheit, los. Es wurde rasch hell, als ich an den Fluß kam. Allein von der Spur, von der sie in Miguillo gesprochen, war bald nichts mehr zu sehen; sie verlor sich völlig zwischen den Steinen.
Also aufs Geratewohl los, und wenn steil an das Flußbett herantretende Felsen zum Kreuzen des Flusses zwangen, sorgfältig Breite, Tiefe und Stärke der Strömung geschätzt, und hinein ins Wasser. Ärgerlich nur, daß die Fluten des Flusses, der allerdings auch den ganzen Dreck und Unrat der Hauptstadt mit sich führt, unter dem schmutzigen Braun nie erkennen ließen, was sich unter den Wogen und Wirbeln verbergen mochte.
Das erstemal ging es ganz gut, wenn ich auch bis über die Knie ins Wasser kam. Aber dann wurde ich leichtsinnig, und beim Passieren einer nicht ganz unbedenklich scheinenden Stelle gerieten wir bis über den Sattel unter das gurgelnde Wasser. Einen Augenblick schien es, als sollte das Maultier seinen Halt verlieren und als würden wir beide von der Strömung fortgerissen. Aber dann faßte das starke Tier wieder Fuß und arbeitete sich mit ungeheuerer Anstrengung ans Ufer. Tropfnaß waren wir, doch es war wenigstens nur beim Schrecken geblieben.
Aber als die Mula dann auch noch in einer langgestreckten sandigen Mulde einmal bis zum Gurt in Schlamm einbrach und ich sie nur durch raschestes Abspringen wieder herausbrachte, wurde ich vorsichtiger: ich suchte die Spur, bis ich sie fand, und hielt mich von da an ängstlich an die wenigen Merkmale zwischen den Steinen: ab und zu die Spur eines Hufeisens oder eines nackten Fußes. Da aber auch Wind und Wasser stellenweise sonderbare Zeichen in den Sand gegraben hatten, die menschlicher oder tierischer Spur täuschend ähnlich sahen, segnete ich die Verdauung der Mulas und Esel, deren „Tierisches, allzu Tierisches“, von Zeit zu Zeit freudig begrüßt, unverkennbare Beweise bildete, daß ich mich auf dem richtigen Weg befand.
So war ich in zwölfstündigem ununterbrochenem Ritt nach Ornuni gelangt, der ersten Tagesstation, d. h. ganz Ornuni besteht nur aus einer windigen schiefen Bambushütte, in der zwei alte Indianerinnen hausen. Aber es gibt hier wenigstens frisches Wasser, ab und zu Futter und einige Bäume, die bei Unwetter bescheidenen Schutz gewähren, und so ist der Platz zum Übernachten immer noch besser als das steile, kahle, steinige Flußbett.
Am nächsten Morgen ging’s früh wieder heraus; denn die Tagesstrecke war wieder lang, und das Schwierigste stand noch bevor: die Angosturas, die Felsengen.
Das Flußbett wird enger und enger. Immer häufiger geht es in ständigem Zickzack kreuz und quer durchs Wasser. Aber der Pfad, der unter den Felsmauern hinläuft, wird immer schmaler, bis er sich völlig im Wasser verliert.
Man steht vor einem Schlund. Zwischen senkrechten Felswänden, die zum Himmel ragen, rauscht unheimlich gurgelnd und wirbelnd der Bergfluß herab. Es hilft nichts. Der Weg führt im Fluß, hinein ins Wasser.
Ich habe keine Ahnung, führt der Pfad im Wasser am rechten, am linken Ufer, in der Mitte, geht es erst links, dann rechts? Es hilft nichts... hinein!
Bis an die Bügel, bis an die Knie, bis zum halben Oberschenkel steigt die Flut. Unheimlich gurgelt und rauscht es. Mit aller Macht kämpft das Tier gegen den Strom. In Windungen führt die Klamm. Man sieht nichts als die alles einschließenden Felsmauern, und unter sich die reißende, schmutzige Flut.
So ging es hintereinander durch drei Schluchten. Dazwischen schwer passierbare Engen, wo man auf und ab über Granitblöcke und Felsgeröll klettern mußte. Kurz vor meiner Reise las ich den Roman eines bolivianischen Autors, Alcides Arguetas, in dem dieser Weg im Fluß die Hauptrolle spielt und seine Passage als gefährlichstes Abenteuer hingestellt wird. Freilich, wenn die Wasser fallen und wenn von den Felsen herunter die „Mazamorra“ hereinbricht, der gefährliche Bergrutsch, dann mag es eine verteufelte Lage sein in den Angosturas, in denen man gefangen ist wie in einem unentrinnbaren, tückischen Käfig.
Und trotzdem die Sonne schien, war auch ich im Grunde recht froh, als ich die letzte Enge passiert hatte und am Horizont des sich weitenden Tals das stark leuchtende Grün von Tirata vor mir sah, der ersten Finca am Fluß.
43. Die Seele des Indio.
La Paz.

Allerseelen. Die Glocken läuten. Übervoll sind die Kirchen. Man ist fromm und gut katholisch in Bolivien. In der Mitte auf den Bänken die Frauen und Mädchen der „Weißen“, olivbraun, im dunklen, den Kopf einhüllenden Manto, die sonst auf dem Prado flirtenden Augen auf das Gebetbuch gesenkt.
Die Orgel erklingt. In Seide und Gold eifert von der Kanzel der Priester: „Denkt der Verstorbenen, betet für ihre Seelen!“ Ja, ja, es sind die Malquis, die Toten, die wiederkommen und in ihre alten Körper schlüpfen, wenn man an sie denkt, unsichtbar zwar, aber darum nicht weniger wirklich. Sie sind mächtige Geister jetzt, die schützen und strafen können. Man darf ihrer nicht vergessen. Auch der Priester sagt es.
Es ist ein großes Fest, das für die Toten. Seit acht Tagen ist der Markt übervoll, weit über die Straßen hinaus gequollen, die er gewöhnlich füllt. Zu den Gemüsen und Früchten, die sonst feilgeboten werden, zu den Ocas, Tuntas und Chunos, zu den Bananen, Orangen und Limonen, zu den Ananas, Paltas und Datteln, zu dem Charqui, dem getrockneten Hammelfleisch, und dem Aji, dem brennend scharfen roten Pfeffer, sind noch als Votivgegenstände hinzugekommen die goldbemalten, nackten Holzpuppen, weiß natürlich, mit hellblondem Haar, Lamas und Puppen aus Teig. Vor allem aber sind Kuchen aufgebaut, über das Pflaster ausgebreitet, Kuchen in Hunderten von Arten und Formen, runde und eckige, Kringel und Brezeln. Ein europäischer Weihnachtsmarkt ist armselig dagegen.
Es wogt von roten, grünen, blauen, orangenen und violetten Ponchos und Sayas, den bunten Überwürfen der Männer und Frauen. Und die Indianer kaufen und kaufen. Der Indianer, der sonst für einen „Bob“ stundenweit die schwerste Last schleppt, der für ein Zehncentavostück als Draufgabe eine Viertelstunde lang in der demütigsten, jämmerlichsten Weise betteln und winseln kann, wirft heute mit den Fünf- und Zehnpesoscheinen nur so um sich. Er, der sonst armseliger vegetiert als ein Hund, lebt und arbeitet ja nur für seine Feste. Um wenige Tage zu schlemmen und zu prassen, darbt er ein Jahr lang.
Mit riesigen Körben kommen die Indianer und kaufen, kaufen, bis die Behälter übervoll sind und sie zu zweit, zu dritt und viert schleppen müssen. Aber man muß sich gut vorsehen. Die Toten kommen ja wieder, nehmen Gestalt an, essen und trinken mit. Sie sind tüchtige Esser und wackere Zecher, die Toten.
Wenn man feiert in Bolivien, tut man es nicht unter einer Woche. Am Tage vor Allerheiligen geht man zuerst auf den Friedhof, und erst sechs Tage danach verklingt die letzte Rohrflöte.
Natürlich ist das Fest auf dem Friedhof. Dort wohnen ja die Toten, und man muß zu ihnen kommen. Ist es entheiligend, zwischen Gräbern zu schmausen, zu zechen und zu tanzen? Ach nein, höchstens fremdartig für ungewohnte Augen; denn die Toten, der verstorbene Vater, der verschiedene Gatte, das tote Schwesterchen sitzen ja mitten darunter, essen und trinken mit, lachen, scherzen und freuen sich mit den Lebenden.
Ein lebensgefährliches Gedränge herrscht vor dem Friedhof, der hoch über der Stadt liegt und einen Blick auf das Eis- und Felspanorama der Anden bietet, der sich mit dem schönsten in der Welt messen kann. Auto auf Auto rattert heran. Wo kommen sie nur alle her? Und in ihnen leuchtet es in bunten Farben. Was sonst barfüßig, lastenschleppend über das holperige Pflaster trottet oder von früh bis spät auf dem Markt oder in den kleinen Kramläden auf dem Boden hockt, kommt heute im Auto daher. Besonders die Cholas, die Mischlingsfrauen, prangen in ihrem ganzen Staat. Seidene Tücher über weit abstehenden, kurzen Brokatröcken, graue oder lichtgelbe elegante Schnürstiefel, die bis über die halbe Wade reichen, die Ohrläppchen heruntergezogen von den schweren Perlengehängen. Auch die Indianerinnen, die sonst von Schmutz starren, sind heute in neuen, bunten Tüchern. Es flimmert, leuchtet und flammt in allen Farben.
Kaum kann die Kette der Schutzleute vor dem Gittertor des Friedhofes die Masse bändigen. Man ist zivilisiert in La Paz und duldet die tollsten Orgien nicht auf dem Friedhof. So trifft man eine Auswahl unter denen, die hineindürfen.
Diese Glücklichen lassen sich zwischen den Gräbern nieder. Erst ein Gebet, dann werden die Körbe ausgepackt. Wie riesige farbige Blumen sehen die kauenden, schmausenden Frauen in ihren bauschigen Röcken zwischen den niederen Miniaturgewölben auf den Gräbern aus.
Das andere Volk aber lagert sich rings um den Friedhof. Er wäre ja auch viel zu klein, all die Tausende aufzunehmen. Bis weithin an den Rand der Puna, der Hochfläche, leuchtet es bunt wie Frühlingsblumen in den Wiesen und in den Gerstenfeldern.
In zwei in spitzem Winkel aufeinanderstoßenden Reihen sitzen sie, auf der einen Seite die Männer, auf der andern die Frauen. In der Mitte zwischen den Vorräten die einladenden nächsten Angehörigen der Verstorbenen. Eine alte Frau teilt aus. Sie häuft die Teller: Kuchen, Früchte, Zuckerrohr. Die bereits Bedachten warten mit dem Teller auf den Knien, bis alle versehen sind. Dann ein Gebet und ein Kreuzschlagen, und mit einem Ruck werden als erste die Schnapsgläser geleert, die zwischen Kuchen und Früchten standen.
Ja, Schnaps! Das ist ja das Wichtigste. In mächtigen Blechkannen wurde er heraufgeschleppt. Und ein Mädchen steht auf, macht die Runde mit solch einem Blechtopf und schenkt immer wieder ein.
Lallen und Rufen, Schwelgen und Lallen, und dazwischen das monotone Murmeln von Gebeten. Bis irgendwo die erste Flöte erklingt, und der erste Tanzrhythmus anhebt. Einer steht auf: „Unser Toter war fröhlich in seinem Leben, und er will, daß auch wir es sind.“ Das ist das Zeichen zum Tanz. Freilich die hauptstädtische Polizei schließt früh die Friedhofstore. So zieht sich der zweite Teil des Festes immer mehr auf die Felder, die Umgebung und in die Häuser zurück.
Hier aber tönen jetzt in der Dämmerung überall die Rohrflöten zu den großen Trommeln. Und wer es hat, leistet sich noch ein paar Blechinstrumente dazu.
Inkamusik! Uralte Melodie. Sie kennt nicht mehr als fünf Noten. Es ist ein monotoner, aber unheimlich aufreizender Klang. Ein Rhythmus, der das Blut peitscht.
Sie tanzen. Ein einförmiges Stampfen und wildes Drehen. Die Röcke fliegen. Die Köpfe schaukeln im Takt. Nicht Ordnung noch Regel gibt es bei diesem Tanz. Da tanzen Mann und Weib, erhitzen sich immer mehr, greifen sich, fassen sich bei den Händen, wirbeln eng aneinandergepreßt. Da tanzt ein Mann allein oder eine Frau. Oder einer greift sich zwei Frauen oder ein Mädchen zwei Männer.
Die Nacht fällt. Unermüdlich quäkt die Rohrflöte, dröhnt die Trommel. Das Blut brennt, die Leiber taumeln. Aus dem lehmgestampften Hof schwankt ein Paar hinaus. Männer werfen Mädchen zwischen den grünen Halmen der jungen Gerste zu Boden. „Ya bailó“, „sie tanzte schon“, sagt man von dem Mädchen, das seine Jungfernschaft verlor. Es ist keine Schande, im Gegenteil. Es ist Bestimmung und Wunsch der Toten. Tod fordert Zeugung. Die Flöte quäkt. So sproßt aus dem Fest der Toten neues, junges Leben.
44. Indianerwallfahrt.
Copacabana (bolivianisch-peruanische Grenze).

Sobald der Dampfer die Enge von Tiquina hinter sich hat, beginnt der Tag zu sinken. Wie eine dunkle Masse hebt sich bald über die Flut die Sonneninsel des Titicacasees, deren Zacken eben noch scharfe Konturen in den Horizont schnitten.
Dämmer und Nebel weben. Es ist, als stiegen Gestalten aus dem See, dessen Inseln und Ufer Sitz und Wiege der Urvölker des Kontinents waren. Seine Wasser spülen an die Kaimauern der längst versunkenen Metropole Tiahuanacu. Von der Sonneninsel aus traten die Inkas ihren Eroberungszug an. Schatten vergangener Zeiten umwallen das Schiff. Das Herz klopft lauter.
Plötzlich erklingen Glocken hell und stark. Der volle Mond steigt auf, die Nebel versinken, die Schatten zerreißen. Unmittelbar aus dem See erheben sich steile Felsen, dazwischen öffnet sich ein weites Tal, aus dem die Glocken tönen. Licht schimmert.
Copacabana, die Wallfahrtskirche, die als kostbaren Schatz die „heilige Jungfrau vom See“ birgt, nimmt jetzt den Platz ein, wo ehemals Inkapriester opferten. Die Glocken klingen lauter, der Spuk versinkt.

Westwand des Illampu.

Indianerdorf in der Puna.

Nordostflanke des Illimani.
Wie ein mächtiger Tempel hebt sich der kuppelreiche Bau über die sich tief duckenden niederen Lehmhütten. Eine sauber gepflasterte Straße führt mitten hindurch. Plötzlich treten die Häuser zurück, ein weiter Platz öffnet sich. Hinter zinnenreichen Mauern liegt die Kirche. Geheimnisvolle Feuer flackern an ihrem Fuß. In dem ungewissen Dämmer erscheint der Bau wie eine phantastisch-gewaltige Burg.
Die Feuer vor der Kirche sind Garküchen, die köstlichen heißen Kaffee schenken. Die darumhockenden Indianerinnen weisen den Weg in die Pilgerhäuser, wo die gastfreien Padres den Wallfahrern kostenfreie Unterkunft gewähren.
Copacabana weist dieses Jahr nicht den sonst üblichen Massenbesuch auf. Der Dampfer war fast leer. Mitfahrer erzählen mir, daß sich in früheren Jahren die Passagiere Kopf an Kopf drängten. Revolution, Indianerunruhen, Kriegsdrohung mögen die Ursache sein, und vielleicht nicht zum mindesten die Verdoppelung der Tarife durch die Dampfergesellschaft. Teuerung auch hier.
Aber man genießt den Zauber dieses Ortes, der sich an landschaftlicher Schönheit mit den berühmtesten Wallfahrtsstätten des alten Kontinents messen kann, vielleicht noch mehr, wenn nicht alle Plätze von Menschen überfüllt sind. Und die Kirche wird trotz des geringeren Besuches nicht leer. Unermüdlich ertönt hier die Huldigung an die Jungfrau. Blumengeschmückt hebt sie sich auf ihrem Tragsessel über die Menge, im Blumenschmuck prangt die ganze Kirche. Das Braun und Gold der alten Altäre verschwindet völlig unter Rosen und andern Blumen.
Andächtig liegt die Menge auf den Knien, Indios und Cholas in bunter Anzahl. Dazwischen die Frauen, die ihre Kinder vom Rücken herabgenommen und vor sich gelegt haben. Die grellen Farben der Ponchos und Frauentücher leuchten wie bunte Flammen. Die Orgel tönt. Unermüdlich geht der Gesang: „Heilige Jungfrau Maria, Mutter Gottes, bitt für uns.“
Hinter der Kirche träumt der stille Frieden des Konvents. Die Inkablume läßt ihre roten Glocken hängen. Ein Brunnen rauscht.
Vor dem Tor hockt noch immer der zerlumpte Bettler, der sich, wenn jetzt der Tag zur Neige geht, enger in seinen zerrissenen Poncho wickelt.
Der Weihrauchduft hängt noch in den Kleidern, die Hymnen klingen nach im Ohr, als ich den Hügel hinansteige. Einen intensiven Goldglanz breitet die sinkende Sonne über die Landschaft. Wie sie jetzt in den See taucht, färbt sich seine Flut blutrot. Ein glühendes Kohlenbecken, liegt der See zwischen den Felsen. Krieg, Krieg, ruft das flackernde Rot, aber da tönen von unten herauf wieder Glocken. Das allzu grelle Licht verblaßt zu sanftem Rosa, und in stillem Frieden verscheidet der Tag. —
In seinem bekannten Werke über Südamerika bringt Jakob von Tschudi die Nachbildung einer Darstellung einer Prozession zur Ehre der Muttergottes von Copacabana. Die Originalzeichnung rührt von einem einheimischen indianischen Künstler her, und sie ist so eigenartig in ihrer naiven und doch bezeichnenden Schilderung, daß ich die Leser meines Buches mit ihr bekannt mache.
45. Indianeraufstand.
Copacabana.

Das Maschinengewehrfeuer war verhallt, die Revolution hatte gesiegt. Bewaffnete Aufständische an allen Straßenecken, die Gefängnisse voll von Ministern und Beamten der gestürzten Partei. Auf der Plaza von La Paz wollte das Viva-Rufen auf die neuen Machthaber kein Ende nehmen.
Aber mit sinkendem Tag legte sich der Jubel. Gerüchte rannten durch die Stadt, Gespenster. Begegnende tauschten hastige Worte: Was werden die Indios machen?
Die Indianer! Gewiß, die neue Revolutionsregierung hatte sich ja auch an sie gewandt. Recht und Freiheit allen Unterdrückten! Aber man konnte nie wissen. Auch als Bundesgenossen konnten sie gefährlich werden. War es nicht in der Revolution der neunziger Jahre, als die Konservativen gestürzt wurden? Damals hatte man die Hochlandsindianer bewaffnet; aber schließlich kannten sie weder Freund noch Feind, nur noch Blancos, Weiße, gegen die jahrhundertelang gebändigter Haß endlich Rachemöglichkeit fand. Eine ganze Schwadron, die sich, von den Indios gejagt, in eine Kirche geflüchtet, wurde dort abgeschlachtet, daß Fliesen und Pfeiler im Blut schwammen....
Die Nacht verging ohne Störung; — auch die folgenden Tage. Aber die Gerüchte blieben. Auf der Puna, dem Andenhochland, waren die Indianer aufgestanden.
In graubrauner Monotonie dehnt sich die grandios-traurige Unendlichkeit des Hochplateaus. Auf den Stationen Militär, Gendarmen, Gefangene. Es sind nur einige Fincas, heißt es, auf denen die Indianer sich empörten, die Gutshäuser angezündet und die Verwalter niedergemetzelt haben. Man wird mit ihnen bald fertig sein. —
Hinter der Kühle des Kreuzgangs des Klosters am See, den blutrot die Inkablume umrankt, liegt das Zimmer des Priors. Wir sitzen beisammen und plaudern. Neben der Bettstatt steht ein Gewehr. Auch in den Zellen der Mönche sah ich die Waffe.
„Warum?“
„Man kann nie wissen“..., über das kluge, faltenreiche Gesicht huscht kaum merkbares Lächeln, „— freilich, die Jungfrau von Copacabana ist unser bester Schutz. An sie werden sich die Indianer nicht wagen. Aber immerhin — es ist besser so.“
Die heilige Jungfrau von Copacabana ist mehrere hundert Jahre alt. Die ersten bekehrten Indianer schufen sie. Vielleicht wollen sie kommen, sich ihr Eigentum wiederzuholen.
Längs des gegenüberliegenden Seeufers dehnen sich kilometer-, meilen-, königreichweit die Fincas Goytias. Ein typisch amerikanisches Schicksal: vom indianischen Maultiertreiber brachte er es zum vielfachen Millionär und einflußreichsten Manne im Staat. Heute liegen die Fenster seines Palastes in La Paz in Scherben. Er selbst ist landflüchtig.
Die Hörigen auf seinen Gütern, die er mehr bedrückte als jeder Weiße, trotzdem er oder vielleicht weil er eines Stammes, einer Rasse mit ihnen ist, witterten Freiheit. Sie standen auf und schlugen ihre Sklavenhalter nieder. Die Revolution hatte doch Freiheit und Gerechtigkeit gebracht!
Aber keine Revolution kann an den Grundlagen ändern, auf denen dieser Staat ruht. Es ist die harte Herrschaft über die Masse der Farbigen, die eine kleine Schicht ausübt, die sich Blancos nennt, in deren Adern aber viel Indianerblut fließt. Und so schickt auch die neue revolutionäre Regierung Truppen gegen die Empörer, muß es tun, um ihrer eigenen Existenz und Sicherheit willen.
Die Truppen tun ihre Arbeit wie immer. Kurz, blutig, grausam. Sie tun es, obwohl ihre Haut die gleiche Farbe aufweist, ihre Züge den gleichen Schnitt wie jene, auf die sie ihre Maschinengewehre richten, sie tun es, obwohl sie selbst auf eisig kalter, winddurchbrauster Puna auf dem Lehmboden armseliger Hütten das Leben empfingen und aufwuchsen.
Gefangene überall, an allen Stationen, auch in La Paz. Offen werden sie über den Markt geführt. Die grauen Uniformen säumen die bunten Ponchos ein, aber die Gesichter sind dieselben. Eigentlich ist es nur eine dünne Decke, die die Herrschaft der „Weißen“ trägt, fatalistischer Glaube an die Macht der Blancos und die Uneinigkeit der Ureinwohner.
In dem Bündel eines der Indianer, das dieser heimlich fortzuwerfen versuchte, fand man noch einen mit Chunos zusammengekochten menschlichen Arm.
Es ist ein uralter, unerbittlicher Haß, der sich unter sklavischen Formen verbirgt und der unter der Decke glüht.
46. Der amerikanische Himalaja.
La Paz.

Eines schönen Tages wird nach Bolivien ein findiger Yankee kommen, dessen Sinnen nicht nur auf Minen und Bergwerke, auf Kupfer und Zinn eingestellt ist, wie es bisher bei allen seinen Landsleuten war, sondern der auch einen Blick für die unendliche Schönheit der Landschaft übrig hat. Er wird zu seiner Überraschung finden, daß dieses von Fremden und Touristen noch kaum berührte Land dicht aneinanderreiht: eine Eis- und Bergwelt, gegen die die Schweizer Berge klein und ärmlich erscheinen, die Tropenwunder Indiens und die gesunde, trockene Hitze Ägyptens. Und dieses alles ist von New York aus — sind erst einmal die Verbindungen ausgebaut — nicht schwerer erreichbar als Europa. Dann werden sich dort, wo bisher nur ärmliche Indios ihre Lamas trieben, Kurhäuser, Hotels und Sanatorien erheben. In weniger als Tagesfrist wird man im bequemen, bald zu heizenden, bald zu kühlenden Aussichtswagen durch alle Klimate der Welt fahren können, und auf die bisher unersteigbaren Eisberge werden bequeme Bergbahnen leichten Zutritt ermöglichen.
Doch halt! Eine Schwierigkeit vergaß ich, eine Sperre, die die Natur zog und die vielleicht doch verhindert, daß hier auf dem Dache Südamerikas einmal der bevorzugteste Luftkurort der New Yorker „Upper Ten“ ersteht. Die bolivianische Hochebene, von der aus die Bergwände gen Himmel streben und von der schluchtartig abstürzende Täler unmittelbar in die subtropischen und tropischen Provinzen hinunterführen, liegt 4000 Meter hoch. Nur ein ganz gesundes Herz vermag diese Höhe zu ertragen, und selbst den Gesunden, Kräftigen fällt in der ersten Zeit oft genug die Soroche, die Bergkrankheit, an. Obwohl ich selbst ohne allzu fühlbare Beschwerden von Antofagasta aus diese Höhe erreichte, so bekam ich doch die ganze Gewalt der Bergkrankheit zu spüren, als ich allzu leichtsinnig bereits am ersten Tag auf den Vulkan Ollague zu klettern versuchte. Von seinem Krater trieb mich in 5000 Meter Höhe die Soroche zurück.
Später lernte ich auch die 5000-Meter-Zone ohne Atemnot und Herzbeklemmung erreichen. Allein die Beschwerden und Schwierigkeiten der dünnen Luft steigen im quadratischen Verhältnis mit jedem Meter weiterer Höhe, und so ist noch ein weiter Schritt von den 5000 bis zu den 6000 und 6600 Meter Höhe, die die Eisspitzen des bolivianischen Bergmassivs erreichen und überschreiten.
Hierin und in dem Mangel jeglicher alpiner Hilfsmittel, in dem Fehlen von Schutzhütten und Stützpunkten, in der Unmöglichkeit, Führer oder Träger zu beschaffen, liegt der Grund, daß die ganze Bergwelt der bolivianischen Fels- und Eisriesen bis heute so gut wie unerschlossen ist; der Anfang zu einer alpinen Erforschung wurde erst vor einigen Jahren gemacht.
Ein Unternehmen wie die geplante Besteigung des Mount Everest beschäftigte monatelang die ganze Welt. Aufsätze und Bilder von dieser Expedition gingen, trotzdem sie nicht zum Ziele kam, durch die Presse aller Länder. Von den erfolgreichen, kaum weniger schwierigen Versuchen aber, die ein paar junge, unternehmende Deutsche an die Eroberung der Eisspitzen des „amerikanischen Himalajas“ wagten, ist kaum über Bolivien hinaus Kunde gedrungen.
Vier Deutsche, Adolf Schulz, Rudolf Dienst, Eduard Overlack und Bengel, waren es, die während des Krieges auf dem 6405 Meter hohen Illimani die deutsche Fahne aufpflanzten. Rudolf Dienst und Lohse bezwangen außerdem den um ein weniges niedrigeren, aber noch schwerer ersteigbaren Huaina Potosi, während sich den Anstrengungen des unermüdlichen Rudolf Dienst im Verein mit Schulz schließlich selbst der höchste Berg Boliviens, der Illampu, beugen mußte, an dessen steilen Eiswänden im Jahre 1898 der englische Bergsteiger Sir Martin Conway gescheitert war.
Monatelang hatte ich in La Paz von meinem Häuschen aus, das wie ein Nest am Berghang hing, das Massiv des Illimani vor mir. Ich sah es morgens in dem intensiven Rot des Rosenquarzes aufleuchten und sah es über das schimmernde Weiß seiner Schneefelder und Gletscher und über den Purpur des Abendglühens bis in die tiefen Schatten der blauen Stunde verdämmern. Einmal umritt ich in tagelangem Ritt das ungeheuere Massiv dieses Bergblockes und erlebte, zwischen Palmen und Bananen reitend, das Märchenwunder, aus blauem und grauem Felsgetürm die blendend weiße Eisspitze des Berges in den tiefblauen Himmel stoßen zu sehen.

Bergwerk in der bolivianischen Kordillere.

Mazamorra.

Der Morro bei Arica.

Südbrasilianische Kolonisten.
Um einen Begriff von den Schwierigkeiten der Besteigung des Illimani zu bekommen, muß man sich klarmachen, daß die indianischen Träger in blinder Gespensterfurcht vor den Berggeistern sich weigerten, die Gletscher zu betreten, daß Decken, Schlafsäcke und Lebensmittel unter der Firngrenze zurückgelassen werden mußten. Ohne genügende Mäntel, nur mit dem nötigsten Proviant wurde die Eisregion angegangen, nachts hockten die Bergsteiger frierend auf dem blanken Eis, tagsüber erklommen sie die Felsgrate und schleppten obendrein die schwere Fahnenstange mit der deutschen Flagge in der eiskalten, dünnen Luft.
Dabei empfingen die kühnen Besteiger, als sie nach ungeheueren Anstrengungen und Mühen schließlich wieder heruntergestiegen waren, zunächst nur Angriffe, Hohn und Spott. Es war mitten im Krieg, und man war um diese Zeit in Bolivien nicht sehr deutschfreundlich.
Die Behauptung der Bergsteiger, den Illimani bezwungen zu haben, wurde zunächst glatt als Lüge abgetan. Man suchte den Gipfel des Berges nach der angeblich dort aufgepflanzten Fahne ab, und als man sie nicht entdeckte, wurde von der Geographischen Gesellschaft von La Paz ein Dokument aufgesetzt, das das Nichtvorhandensein der Fahne feststellte und die Behauptung von der Ersteigung als unwahr zurückwies. Dieses Dokument sollte gerade im Observatorium der Jesuiten unterzeichnet werden, da stürzte einer der Herren, der nochmals mit dem großen Teleskop die Bergspitze abgesucht hatte, aufgeregt in das Beratungszimmer und schreckte die dort Versammelten mit dem Rufe: „Die Fahne ist da!“ Die Beleuchtungsverhältnisse hatten sich geändert, und tatsächlich konnte man deutlich die Flagge sehen.
Nun brach aber erst recht ein Sturm der Empörung aus, und unter Führung der alliiertenfreundlichen Presse entrüstete sich das ganze Land, daß man gewagt habe, die deutsche Fahne auf dem bolivianischen Berg aufzupflanzen.
Wochenlang dauerten diese Schmähungen und Angriffe. Die kühnen Bergsteiger ließen sich dadurch nicht anfechten. Es kam ihnen nicht auf den Ruhm, sondern lediglich auf die alpine Leistung an, und sie gingen darum nur noch unauffälliger an die weiteren Erstbesteigungen, die sie vorhatten. In der Folge wurde der unersteigbar scheinende Grat des Huaina Potosi bezwungen und endlich auch der höchste Gipfel Boliviens, der 6617 Meter hohe Illampu.
Diese letzte Besteigung war die kühnste von allen. Nach den ersten abgeschlagenen Versuchen, die Spitze zu erreichen, kehrten die beiden Männer, Dienst und Schulz, erschöpft in das letzte Lager zurück, das in einer Eishöhle aufgeschlagen war. Der Proviant war bis auf geringe Reste verzehrt. Die Träger, Bergarbeiter, konnten in ihrem Bergwerk nicht länger entbehrt werden, und man hatte sie mit den Decken und Schlafsäcken hinuntergehen lassen müssen. Die beiden gaben trotzdem den Versuch nicht auf. Da man noch eine Nachtrast im Eis ohne die Gefahr des Erfrierens nicht wagen durfte, ruhten sie den Tag über in der Sonne aus und gingen daran, mit Anbruch der Nacht beim Scheine des Mondes die Eisspitze zu erklettern. Nachdem sie Tag und Nacht geklettert, erreichten sie um 4 Uhr nachmittags in rasendem, eisigem Sturm die Spitze. Mit frosterstarrten Händen pflanzen sie eine kleine Fahne auf und müssen dann eilen, wieder hinunterzukommen. Vor sich haben sie keinerlei Stützpunkte mehr. Die Träger sind schon unten im Bergwerk. Da Gefahr besteht, daß sie in ihrem erschöpften Zustand den ganzen, auf dem Anstieg eingeschlagenen Weg nicht mehr leisten können, beschließen sie, auf gut Glück eine neue kürzere Linie zu versuchen, durch den großen Eisschlund, der sich zwischen dem Illampu und seinem 6560 Meter hohen Zwillingsgipfel Ancohuma auftut. Das Wagnis ist ungeheuerlich. Ist auf dieser Linie der Abstieg unmöglich, so fehlt den Erschöpften die Kraft, umzukehren und die Anstiegslinie wieder zu erreichen. Allein das tollkühne Wagnis gelang, und in etwa elf Stunden führten sie den Abstieg aus von den 6600 Metern des Gipfels bis zu 3260 Meter, wo das rettende Bergwerk sie aufnahm.
47. Mazamorra.
Arica.

Arme Mädel gibt’s, so unglückliche gibt’s... (Hay pobres mujeres, hay tan desgraciadas!) Mit Begeisterung sangen die Soldaten im Kupee, aber was dann folgte, konnte ich nicht verstehen, so laut kicherten die Indianermädel; es mußte wohl sehr unpassend sein, denn sie wurden rot, soweit das bei ihrer braunen Haut überhaupt möglich war, und stolz und triumphierend sahen sich die Soldaten um und fingen das schöne Lied immer wieder von vorne an.
Allein mit einemmal stockten sie mitten im Vers, es gab einen furchtbaren Ruck, alles purzelte durcheinander, der Zug stand. Die Gleise entlang liefen Leute, bauten einen Apparat auf, warfen einen Draht über die Telegraphenleitung und fingen an zu telegraphieren.
Ich stieg aus und ging nach vorn. Sehr weit über die Lokomotive hinaus kam ich nicht. Eine Mazamorra war heruntergebrochen. Ein unheimliches Bild: ein breiter, wandernder Strom zähen Lehmes, der sich die Hänge herunterwälzte. Fast sah es aus wie eine Heerschar von Ameisen oder wimmelnden Würmern, endlos, unaufhaltsam, unabsehbar.
Arbeiter kamen angelaufen, Scharen von Indianern, Spaten und Hacken über den Schultern, telegraphisch heraufgerufen von La Paz, das man noch unten im Grunde im Abendlicht verdämmern sah. Sie gruben und hackten, zogen Kanäle, daß das Wasser abfloß, und stauten den erhärtenden Schlamm beiderseits der Schienen. Ein Aufseher probierte, um den Weg abzukürzen, über die Morastdecke zu kommen; bis über die Knie sank er ein. Der Schlamm wollte ihn nicht wieder freigeben, wie mit Fesseln hielt er ihn gebunden. Grauenhaft, wenn einen auf einsamem Ritt in engem Tal die Mazamorra überfällt ...
Am folgenden Morgen passierten wir fröstelnd die dichtverschneite chilenisch-bolivianische Grenze. Dann ging’s hinunter in rasender Fahrt, eine Spirale hinunter, in die brennend heiße Wüstenzone der Provinz Tacna.
Sand, Stein, Staub. Nackter Fels, glühend, in sengender Sonne. Keine Pflanze, kein Tier und im Gegensatz zu den Salpeterprovinzen weiter im Süden auch kein Mineral. Tacna ist das Symbol der Unfruchtbarkeit, und dennoch kämpften drei Nationen blutig um den Besitz dieser Provinz, heute noch streiten sie sich darum. Noch war keine Einigkeit um ihre endgültige Zugehörigkeit zu erzielen, und jeden Augenblick kann neu der Krieg ausbrechen, der die kaum zur Ruhe gekommene Wirtschaft dieser jungen, unruhigen Länder wieder auf Jahrzehnte vernichten würde. — Mazamorra.
In Arica, der Hafenstadt der Provinz, wächst ein bißchen Grün, auf das man sehr stolz ist, und das blauende Meer hilft mit, die Trostlosigkeit der Landschaft zu überwinden. Vom Dampfer aus sieht man noch lange den Morro, den Steilfels, den die Chilenen im Pazifikkriege stürmten.
„Um des Morro willen, um des chilenischen Blutes willen, das diesen Fels gefärbt, können wir Tacna und Arica niemals wieder aufgeben“, hatten mir die Chilenen gesagt.
„Von diesem Fels“, erzählten mir die Peruaner, „stürzten die Chilenen die Gefangenen ins Meer hinunter. Diese Schmach wird erst gesühnt sein, wenn das rot-weiß-rote Banner Perus wieder über dem Morro flattert.“
Wer den Weltkrieg mitgemacht, kann nur traurig die Achseln zucken, kein Volk lernt vom andern.
Die schwarzen, feinen Striche der Langrohrkanonen heben sich noch lange vom klaren Himmel ab. Der Südchilene, der unverkennbar die Spuren deutschen Blutes im Antlitz trägt, streckt den hageren Arm aus und zeigt seiner Frau den Fels; als sechzehnjähriger Junge hat er ihn mitgestürmt. Die Frau an seiner Seite ist klein, zierlich, gazellenhaft, mit der pfirsichweichen, bronzebraunen Haut der Peruanerin. Um sie herum auf der auf dem Deck ausgebreiteten Matratze spielen drei blonde Kinder.
Auch die Frau an meiner anderen Seite ist bildschön. Einen Mann hat sie nicht, nur zwei schwarzlockige, schmutzige Kinder. Die Matratzenlager der beiden Familien pressen mein Feldbett so eng zusammen, daß kaum Raum daneben bleibt. Übervoll ist das Deck. Hier sagt man nicht „Zwischendeck“, geschweige denn „Dritte Klasse“, sondern einfach „Deck“. Die Schiffsgesellschaft gibt nicht mehr als das Recht, sich irgendwo auf dem Deck einen Platz zu suchen und dazu mittags und abends einen Löffel Bohnen. Dafür verlangt sie, für die Strecke von Arica nach Valparaiso, 85 chilenische Peso. Für den Gegenwert in Mark fuhr man im Frieden von Hamburg dorthin erster Klasse.
Ich fahre mit auf „Deck“ mitten unter den Rottos, den chilenischen Salpeterarbeitern. Es ist der beste Weg, sie kennenzulernen und zu erfahren, welche Strömungen die Massen bewegen. Immerhin, auf die Dauer ist das Vergnügen zweifelhaft. Wir fahren fast acht Tage, der Dampfer schlingert stark, alles ist seekrank. Auch alles übrige wird auf Deck erledigt. Meine Nachbarin, die ohne Mann, ist so seekrank, daß sie sich kaum rühren kann. So bleibt mir als Kavalier und schon im eigenen Interesse nichts anderes übrig, als ihr beizustehen. Dazu gehört auch, das Töpfchen über Bord zu gießen. Unter uns ist die erste Klasse. Manchmal weht der Wind stark schiffwärts. Dann werden die da unten von meiner Tätigkeit nicht sehr erbaut sein. Macht nichts, in der ersten Klasse können sie auch einmal etwas abbekommen.
Oben auf Deck ist alles rot, sozialistisch, maximalistisch. Man lebt nicht umsonst jahrelang in der Hölle der Salpeteroficinen. Sobald der Dampfer auf der Reede eines Hafens hält und es mit der Seekrankheit etwas besser geworden ist, wird eifrig diskutiert: Für und gegen Alessandri. Oder es wird gesungen, mit wahrer Inbrunst und Andacht. Die Frauen singen mit. Mitschiffs liegt neben ihrem Mann ein starkes, breithüftiges Weib. Die mächtigen Schenkel deckt nur ein dünner Rock. Sie hält ein schmutziges, abgegriffenes Heftchen in der Hand und sie läßt keine Strophe aus. Zu ihren Füßen spielt der Säugling. Als er zu schreien anfängt, knöpft sie die Bluse auf, legt die starken, gelblichbraunen Brüste frei und zieht, ohne die Stellung zu verändern, den Säugling heran, daß er daran liegt wie ein kleines Tier. Keinen Augenblick stockt dabei ihr Gesang, und in dem langgedehnten „Socialiii-sta“ liegt unendliche Hingegebenheit und inbrünstige Hoffnung.
Mit dieser Hoffnung und Inbrunst sahen sie Alessandri den Präsidentenstuhl besteigen. Noch trägt ihn dieser Glaube. Wird er ihn sich bewahren können?
Am Tage nach der Landung in Valparaiso bin ich in Santiago bei Alessandri im Präsidentschaftspalais. Er ist derselbe geblieben, der er als Kandidat des Volkes war. Ich wohne einer öffentlichen Audienz bei. Hunderte von Anliegen muß er in einem Nachmittag erledigen. Dabei liegt schon ein voller Arbeitstag auf ihm. Man merkt ihm weder Ermüdung noch Nervosität an; zu der ärmlichen Frau im zerrissenen Rock spricht er in gleicher Weise wie zum hohen Beamten.
„Sind noch viele Besucher da?“ fragt er den Adjutanten.
„Der ganze Saal ist voll.“
Aber Alessandri findet doch noch eine halbe Stunde für mich. Ich gehe von ihm mit dem gleichen Eindruck, den ich schon vor Monaten hatte, als er noch ein von allen besitzenden und führenden Schichten der Gesellschaft heftig befehdeter „Bolschewist“ war.
Die Aufgabe, die er sich gestellt, ist fast übermenschlich. Sie ist: einer kurzsichtigen, zäh an ihren Vorrechten festhaltenden oligarchischen Adelsclique soziale Reformen und Zugeständnisse rechtzeitig abzuringen, um zu vermeiden, was sonst unvermeidlich scheint: die Mazamorra, die anarchische, blutige, soziale Revolution.