Argentinien
Reading edition

4. Die Stadt am La Plata.
Buenos Aires.

Draußen im Land blühen jetzt die Kakteen. Wenn man mit einer der zahllosen Elektrischen hinausfährt und wenn nach den eleganten Straßen auch die Zone der Vorstädte mit ihren niedriger und ärmer werdenden Häusern zurückbleibt, bis nur mehr der durch Steppe, Sumpf und Busch führende Damm der Bahn der einzige Bindestrang mit der zurückgelassenen Zivilisation ist, dann ranken Kakteen zu beiden Seiten des Weges, seltsame, fleischig-wulstige Pflanzen. Wie Tiere ihre Jungen auf dem Rücken tragen, so haben sie ihre Triebe angesetzt, und dazwischen treibt der staubgraue Leib eine Blüte von seltsam flammender Schönheit, die auf dem häßlichen Pflanzenkörper so fremd anmutet, als hätte sich ein leuchtender Schmetterling auf ihn gesetzt.
Ist dies das Bild der Stadt, in der ich jetzt lebe? Sicher ist es ein krasser, willkürlicher Vergleich, und doch drängte er sich mir auf, als ich zum ersten Male von dem Turm der Pasaje Guemes über die Stadt blickte. Wie trostlos öde ist der Boden, aus dem diese Stadt erwuchs! Jede, aber auch jede angeborene Schönheit hat ihr die Natur versagt. Der Fluß, dessen unerhörte Breite ein Meer vortäuscht, ist, von hier oben gesehen, nichts als ein braunes ödes Feld. So träge steht die Masse der lehmschweren Flut, daß der Unwissende von hier nicht unterscheiden könnte, ist es Morast oder Wüste oder Wasser. Und nicht anders ist das Land, in das sich die Stadt mählich verliert. Keine blauen Berge am Horizont, keine fernen Wälder, nichts, auf dem das Auge friedlich ruhen, kein Punkt, nach dem die Sehnsucht schweifen könnte.
Unten am Fuß des Gebäudes aber ziehen elegante Straßen, dehnen sich Plätze voll Palmen und blühenden Blumen. Die Plaza und Avenida de Mayo, Plaza San Martin, der Palermo-Park mit seinen Teichen, Rasen und Hainen: alles ist künstlich geschaffen, ist einer Wüste abgerungen. Und alle diese Plätze, Gärten, öffentlichen Gebäude und reichen privaten Villen und Residenzen sind gebaut aus dem Erlös der Produkte dieses so trostlos öde scheinenden Landes. Dieses Land hat die Palmen gepflanzt und die Autos der Männer wie den Schmuck der Frauen bezahlt. Es allein ermöglicht die Einfuhr aller dieser wahnsinnig teueren Luxusartikel aus allen Ländern der Erde, die die Lager und Läden der Stadt füllen. Wie reich und vollsaftig muß dieses Land sein, das eine solche Blüte treiben konnte, aus dem in phantastischer Üppigkeit eine Hauptstadt erwachsen konnte, in der ein Viertel der Bewohner des ganzen Landes lebt, deren überreicher Luxus Zweck und Ziel aller Arbeit auf den fernen Estancias und Chacras, auf den Ranchos und Quintas zu sein scheint!
Eine Kakteenblüte voll fremdartiger Schönheit? — Nein, der Vergleich stimmt doch in keiner Weise! Dazu ist diese Stadt zu nüchtern, zu europäisch, zu amerikanisch. Ja, amerikanisch, das ist der Grundton, und es bedürfte nicht der Ansätze zu Wolkenkratzern, um an New York zu erinnern. Aber da unten die Plaza de Mayo könnte ebensogut in irgendeiner mexikanischen oder brasilianischen Stadt liegen, und die Avenida erinnert durchaus an einen Pariser Boulevard, ihre Läden an Oxford Street in London und die umliegenden Straßen an die Berliner Friedrichsstadt. Selbst in der Vorstadt ähnelt an einer Stelle die Wellblecharchitektur dem Rande von Chicago, während an anderer Stelle die auf Pfählen im Sumpf errichteten Bretterbuden einer polnischen oder wolhynischen Landstadt gleichen. Jede Nation mag hier Anklänge an ihr Heimatland finden.
Unten in der Avenida rollen in sechsfacher Reihe die Autos, Wagen an Wagen; wie bei marschierender Truppe Leib an Leib gepreßt, zieht es sich wie ein stählernes endloses Band, wie ein grau und gelb und schwarz lackiertes Trottoir roulant hin, das alles, was Geld und Macht und Ansehen hat, hin- und herträgt zwischen den die Straße gleich mächtigen Querriegeln begrenzenden Gebäuden, dem Regierungspalast und dem Kongreß. In den beängstigend engen Straßen aber, die beiderseits der Avenida wie schmale Rillen in die viereckigen Häuserblöcke eingeschnitten sind, drängt sich der Strom der Autos, Wagen und Fußgänger so dicht, daß sie von hier oben kaum belebt erscheinen.
Ist es anders als in der Fifth Avenue oder in den Steinschluchten um Woolworth oder Bankers Trust Building in New York City? Wer dem Pulsschlag lauscht, dem Pochen des Herzens, das in jeder Stadt schlägt, wird den Unterschied finden.
Hier fehlt der eine harte Klang, der das ganze Leben der Union durchzittert, der Rhythmus Dollar, Dollar, Dollar, der in den Riesenturbinen von Niagarafalls nicht anders pulst als in dem Blut der Tausende von Girls in weißen Blusen, die nach Geschäftsschluß die Straßen füllen als springlebendiger, weicher, warmer Strom.
Hier fehlt die harte Geste, das Vorwärtsdrängen, Zurückstoßen. Schon an der Art, wie sich der Straßenverkehr abspielt, wird es erkennbar, an der graziösen Leichtigkeit, mit der der elegante schlanke Schutzmann in dunkelblauer Uniform und blauem Tuchhelm mit seinem schneeweißen Gummiknüppel in weißbehandschuhter Hand den Strom der Autos lenkt. An der Höflichkeit und Liebenswürdigkeit der Menge wird es deutlich, die sich ohne Lärm, ohne Zwischenfall, ohne Schelten in den lächerlich engen Straßen bewegt, auf deren Bürgersteigen nicht zwei Personen nebeneinander gehen können.
Sicher spielt in den geschäftlichen Kreisen von Buenos Aires Geld keine geringere Rolle als in andern Handelsmetropolen, sicher wird hier im Verhältnis nicht weniger umgesetzt und verdient als in New York oder London, aber die Brutalität des Geldmachens fehlt hier. Man lebt leichter, verdient leichter und gönnt auch dem Nächsten seinen Teil, so daß die Geste auch des Geschäftsmannes hier liebenswürdige Höflichkeit bleibt.
Und weiter erkennt man bei näherem Zusehen, daß diese scheinbar so amerikanische oder europäische Stadt im Grunde ganz etwas anderes ist: durch und durch argentinisch; mag dies auch in dem noch unorganischen Stadtbild nicht deutlich werden, wo ein moderner englischer Geschäftsbau neben einem altspanischen Hause mit blumenumranktem Innenhof steht.
Buenos Aires ist eine Stadt, die ins Maßlose, Unbegrenzte strebt. Im Zentrum, das für zwanzig- oder zweihunderttausend Menschen gedacht und gebaut wurde, muß sich heute der Verkehr einer Menschenmasse von zwei Millionen abspielen. Darum hat man alle neuen Straßen in zehnfacher Breite angelegt. Kilometerweit hinaus führen breite Avenidas, die heute nur ärmliche, ebenerdige Häuser oder Buden und Hütten säumen, die aber vielleicht schon in zehn Jahren elegantes Leben füllt.
Diese Stadt will wachsen. Auch die City will heraus aus ihrer Enge. Und darum hat man im Zentrum ganze Reihen von Häuserblöcken niedergerissen und daraus die Plaza und Avenida de Mayo geschaffen. Darum sollen auch weitere Straßenreihen fallen. Die Ansätze dazu sind schon da. Bis die ganze innere Stadt mit einem Netz breiter Diagonalen durchzogen ist, die Luft, Licht und Raum schenken.
Städte sind Lebewesen, die wachsen, blühen und sterben. Drüben jenseits des lehmigen Wassers des La Plata und des blauen des Atlantik liegen Städte, in deren verwahrlosten Straßen der Menschenstrom kreist wie schweres schwarzes Blut in kranken Adern, deren Häuserfassaden die Spuren durchlebter Fieberschauer tragen oder die Anzeichen kommender. Nirgends empfindet man so stark wie in dieser jungen, so namenlos jungen Stadt, wie krank Europa ist, wie krank und unheilschwanger!
5. Einwanderung nach Argentinien.
Mariano Saavedra.

Die große Halle von Retiro, dem Bahnhof des Central Argentino, liegt im milchigen Licht der Bogenlampen. Gepäckträger umringen das vorfahrende Auto. Der Chauffeur fährt nach Taxe. Im Handumdrehen ist das Gepäck aufgegeben. Die Erlangung der Schlafwagenkarten kostet einen Gang ins Reisebureau, keine Bestechung, kein Schmieren, kein Aufgeld.
Ein leerer Bahnsteig, keine Menschenmenge, die sich vor der Sperre staut. Wagen, in denen jeder bequem Platz hat, sauber, geräumig; auch die zweite Klasse, die unserer dritten und vierten entspricht. In dem sonst so unsozialen Argentinien kennt man nur zwei Wagenklassen.
Mächtige Autobusse fahren vor dem Bahnhof vor. Eine bunte Menschenmenge, Männer, Frauen und Kinder, drängt heraus. Lastwagen, hochbeladen mit Gepäck, folgen. Es sind die Wagen der Einwanderungsbehörde. Die freie Beförderung zu den Bahnhöfen und weiter bis zur gewählten Arbeitsstelle, mag sie auch am äußersten Zipfel der Republik liegen, gehört zu den Vergünstigungen, die die Regierung Einwanderern gewährt.
Diese Vergünstigungen sind nicht unerheblich. Schon der Empfang ist besser als beispielsweise in den Vereinigten Staaten, trotz aller Vorsichts- und Kontrollmaßnahmen, die die argentinische Regierung zur Fernhaltung bolschewistischer Elemente immer mehr verschärft. Argentinien kennt kein Ellis Island, keine von aller Welt abgeschlossene Einwandererinsel, wo die Einwanderer jeder Willkür brutaler Beamten wehrlos ausgesetzt sind. Ist die ärztliche Untersuchung vorüber, der im übrigen die Passagiere der ersten Klasse ebenso unterworfen sind wie die Zwischendecker, und sind die Papiere geprüft, so kann jeder Einwanderer gehen, wohin er will, falls er es nicht vorzieht, ins Einwandererhotel zu ziehen. Es liegt unmittelbar am Kai. Ein hoher, heller Bau, luftig und reinlich wie ein Lazarett mit seinen fliesenbedeckten Böden und kachelbekleideten Wänden. Irgendwelchen Luxus gibt es natürlich nicht, und alles ist auf Massenbetrieb eingestellt. Allein gegenüber dem Schmutz, der Enge und Stickluft des Zwischendecks ist es ein Dorado. Was der Einwanderer braucht, ist da: Bäder, Hospital, ein Arbeitsvermittlungsamt, Post, Telegraph und vor allem eine Geldwechselstelle der Nationalbank, in der kostenlos fremde Währung eingewechselt wird; bei dem großen Aufschlag, den die Wechsler in der Stadt nehmen, ein gewaltiger Vorteil. Und vor dem Haus ein herrlicher Garten, mit Palmen und blühenden Blumen, der dem Einwanderer eindringlich vor Augen führt, in welch reiches, fruchtbares Land er gekommen.
Nach dem Gesetz steht den Einwanderern und ihren Familien fünftägige freie Unterkunft und Verpflegung zu. Das Gesetz wird sehr großzügig gehandhabt, und die Fälle sind häufig, daß Einwandererfamilien nicht nur Tage, sondern Wochen über die gesetzliche Frist hinaus kostenlosen Aufenthalt gewährt bekommen. In den Provinzen, in die sich der Einwanderer begibt, wird er gleichfalls zunächst frei untergebracht und verpflegt.
Dieses Anrecht steht jedem Reisenden der zweiten und der dritten Klasse zu, der sich einen entsprechenden Vermerk in seine Papiere eintragen läßt. Es sollte niemand versäumen; denn es ist keinerlei Verpflichtung eingeschlossen. Wer auf das Einwandererhotel verzichtet, wird doch unter Umständen gern die freie Bahnfahrt und Gepäckbeförderung für sich und seine Familie in Anspruch nehmen. Bei den teueren Bahntarifen und den weiten Entfernungen handelt es sich mitunter um sehr erhebliche Beträge.
Weiter aber sorgt der Staat für die Einwanderer nicht, und alle Anpreisungen von Kolonisations- und Landgesellschaften über kostenlose oder billige Zuweisung von Regierungsland usw. sind nur mit größter Vorsicht aufzufassen. Das gilt auch von dem sogenannten Heimstättengesetz, der Ley del Hogar, auf das die Auswanderungsgesellschaften mit Vorliebe hinweisen. Dieses Gesetz, das die Ansiedelung auf Regierungsland vorsieht, ist zwar vom Kongreß genehmigt und auch amtlich veröffentlicht worden, ist aber noch nicht in Kraft getreten, da die dazugehörigen Ausführungsbestimmungen noch nicht erlassen sind. Wann und ob sie überhaupt erlassen werden? — Quien sabe!
Das Einwandererhotel und die Fürsorge für die Einwanderer kostet die argentinische Regierung jährlich je nach der Stärke des Zustroms eine halbe bis etwa zwei Millionen Peso (etwa 900000 bis 3600000 Goldmark). Es hat Zeiten gegeben, in denen Argentinien freie Überfahrt gewährte und ein weitverzweigtes Agentennetz in Europa unterhielt, um Einwanderer zu bekommen. Es hat das jetzt nicht mehr nötig; denn Argentinien ist heute das bevorzugteste Einwanderungsland, und lediglich die hohen Überfahrtspreise und die Valutaverhältnisse begrenzen die Zahl.
Der Zug fährt durch die Nacht. Die hellen Straßenzeilen der Hauptstadt und die dunkle Fläche des La Plata bleiben zurück. Der Zug eilt durch weites, weites, ebenes Feld. Stoppelfelder auf Stoppelfelder, von den hohen Mieten des abgeernteten Getreides wie von Zwingburgen beherrscht. Dann Mais, eine im blassen Mondschein goldig schimmernde Fläche, endlos, unübersehbar.
In der Morgenfrühe passieren wir Rosario und dann wieder endlos weites Land: Mais, Stoppelfeld und unendliche Weide. Zwischen kilometerlangen Drahtzäunen Weideflächen, Stunde auf Stunde. Um die Station ein paar Häuser, und dann nichts als selten und spärlich ein Rancho zwischen Bambusstauden, eine Chacra, eine baumumstandene Estancia.
Vor mir liegt eine Nummer des „Argentinischen Tageblattes“ — nebenbei gesagt die rührigste und bestgeleitete deutsche Zeitung des lateinischen Amerika — mit einer Umfrage über die Möglichkeiten deutscher Einwanderung und Kolonisation. Führende Persönlichkeiten der deutschen Kolonie haben sich darin ausgesprochen. Während ich durch die menschenleere fruchtbare Weite sause, lese ich: „Argentinien ist auf eine große deutsche Einwanderung nicht vorbereitet, und alljährlich können nur ein paar tausend Einwanderer in Betracht kommen.“ Ein anderer, ein Bankdirektor, schreibt: „Selbst wenn jährlich nur 4000 bis 5000 unserer Landsleute einwandern, so ist das schon viel.“ Oder ein dritter, ein Großkaufmann: „Die wichtigste Aufgabe der deutschen Kolonie, so glaube ich, sollte sein, die Auswanderung aus der Heimat nicht zu fördern.“ Nachdem er davon gesprochen, wie die Auswanderungslust einzudämmen sei, schließt er: „Damit könnte auch in wirksamer Weise das Deutschtum in Argentinien und in der Heimat gefördert und geschützt werden.“
Draußen nichts als Mais, Weide und Vieh. Und das sind die menschenreichsten Provinzen: Buenos Aires und Santa Fé, in denen die Bevölkerungszahl noch nach Millionen und Hunderttausenden zählt. Weiterhin, in der Pampa, in Patagonien und im Chaco, da zählt man nach Zehntausenden und Tausenden. Nach Klima und Fruchtbarkeit kann Argentinien 300 Millionen Menschen ernähren, und nun soll es nur knapp für ein paar Tausend Einwanderer Existenzmöglichkeiten bieten!
Ich lese weiter: Ablehnung auf Ablehnung. Aber da schreibt auch einer, der nur als „Selfmademan“ zeichnet: „Alles, was bei dem gegenwärtigen Stand des Weltverkehrs von Deutschland hierher auswandern kann, vermag Argentinien aufzunehmen und mit seinen Erwerbsgelegenheiten dauernd festzuhalten. Keine Auswandererzahl ist zu groß, als daß sie nicht in den Rahmen unserer Volkswirtschaft eingepaßt werden könnte.“
Wer hat nun recht? Im allgemeinen ist die deutsche Kolonie für möglichste Einschränkung der Einwanderung, und es wird mir von allen Seiten nahegelegt, durch möglichst wahrheitsgetreue, d. h. pessimistische, Schilderungen mitzuhelfen, Einwanderer abzuhalten. Nun ist sicher richtig: Je weniger Illusionen der Einwanderer mitbringt, desto besser, und die Arbeit ist im allgemeinen wohl härter und die Anfangsschwierigkeiten sind größer, als man sich in Deutschland vorstellt. Aber mit dem bloßen Abraten ist nichts getan. Man kann ja nicht von Auswanderungslust sprechen, sondern nur von einer Auswanderungsnot. Und es wäre auch nicht wahrheitsgetreu, wollte man nur warnen und abraten. Es gibt hier Möglichkeiten, und zwar sehr erhebliche, zu Wohlstand und Reichtum zu kommen, nur ist der Weg hart, und nur ein zäher Wille kommt durch. Aber seinen Lebensunterhalt, und der ist im Verhältnis zu Deutschland reichlich, kann sich jeder erwerben, der guten Willens ist, wenn er ein heißes Klima und mancherlei Unzuträglichkeiten mit in Kauf nehmen will.
Es handelt sich nicht darum zu warnen, sondern zu helfen. Hier ist der Deutsche Volksbund in Argentinien mit gutem Beispiel vorangegangen, der eine Beratungsstelle und Stellenvermittlung für deutsche Einwanderer geschaffen hat. (Im deutschen Vereinshaus, Buenos Aires, Calle San Martin 439.) Schon Hunderten deutschsprechender Einwanderer ist hier kostenlos Arbeit und Stellung nachgewiesen worden. Da der Bund in allen größeren Plätzen Ortsgruppen unterhält, ist es ihm ein leichtes, sich nicht nur über den Arbeitsmarkt zu orientieren, sondern auch über die Zuverlässigkeit der Arbeitgeber. Nur so kann vermieden werden, daß Einwanderer, wie es bereits geschehen ist, in völlig unhaltbare Verhältnisse nach Misiones oder Chubut geschickt werden, von wo sie nach einigen Monaten elend, abgerissen und verbittert wieder zurückkamen. Über jeden Einwanderer wird genau Buch geführt, so daß mit der Zeit wertvolles Material über die Einwandererbewegung gesammelt wird. In der gleichen Richtung arbeitet auch der Verein zum Schutz germanischer Einwanderung und der deutsch-argentinische Zentralverband.
Wer nach Argentinien auswandern will, muß sich klar machen, daß er in Verhältnisse kommt, die von Grund aus neu sind, und daß er unabhängig von Beruf und Vorbildung zu jeder Arbeit und Unternehmung bereit sein muß. Im allgemeinen kann man sagen, daß die Aussichten für Kaufleute und geistige Arbeiter jeder Art schlecht, die für Handwerker und Industriearbeiter gut sind. Aber das eine wie das andere ist nebensächlich gegenüber dem Zentralproblem: die Kolonisation und Ansiedlung im größten Maßstabe. Argentinien ist ein Agrarland mit extensiver Wirtschaft. Geht man dazu über, den Betrieb intensiv zu gestalten, so lassen sich unbegrenzte Mengen von Ackerbauern und Farmern unterbringen, und ein wachsender Bedarf für industrielle, kaufmännische und geistige Arbeit wird geschaffen.
Was jetzt von Deutschland herüberkommt, läßt sich noch eine Weile in der bisherigen Weise unterbringen. Wächst jedoch der Einwandererstrom, ohne daß die Kolonisationsfrage gelöst ist, so muß es zur Proletarisierung der deutschen Einwanderer kommen. Den deutschen Einwanderern bieten sich unbegrenzte Möglichkeiten, aber erst dann, wenn die sehr schwierige hauptsächlichste Vorbedingung erfüllt ist: die Beschaffung von Land, Land und nochmals Land!
6. Die Landfrage.
Mariano Saavedra.

Wir reiten über den Kamp. Endlose Weite. Wie weiße, braune und schwarze Tupfen steht das Rindvieh im Grün des Alfalfafeldes. Weiterhin Pferde in Rudeln, dann Schafe gleich Lämmerwölkchen über den grünen Horizont ziehend. Kein Baum, kein Strauch, kein Haus. Nur die Drahtzäune, die den Kamp in einzelne Potreros teilen, laufen unermüdlich neben uns her, und ab und zu passieren wir ein klapperndes Windrad, das Wasser in die Viehtränken pumpt.
Man könnte in menschenleerer Öde sich verlassen glauben, kündete nicht der dunkle Schatten am Horizont die Estancia mit ihren Hainen und Gärten, Landhäusern und Wirtschaftsbauten. Dort die Estancia mit ihrem Schloß, in dem der Besitzer in der Regel kaum ein paar Wochen im Jahr weilt, und hier am Weg ein paar zerfallene Lehmmauern, die Reste eines Pächterhauses: das ist das Landproblem Argentiniens.
Argentinien ist das Land des Großgrundbesitzes. Seit den Zeiten des Diktators Rosas (geb. 1793, gest. 1877) haben die Regierungen ihren Günstlingen, verdienten Parteigängern, Generälen und Staatsmännern gewaltige Landkomplexe überlassen, Ländereien von der Größe eines Fürstentums wurden verschenkt oder zu lächerlich niederen Preisen verkauft. Heute ist die ganze Republik mit Ausnahme der augenblicklich wertlosen oder geringwertigen Regierungsländereien im äußersten Norden und Süden und des wenig zahlreichen mittel- und kleinbäuerlichen Besitzes in den Händen einer geringen Zahl von Großestancieros und Landgesellschaften. Komplexe von 100 und 200 Hektar, also etwa von der Größe eines deutschen Ritterguts, sind hier ein winzig kleiner Besitz. Man zählt nach Quadratleguas, einem Flächenmaß gleich 25 Quadratkilometern, und Estancien von 50, 75 und 100 Quadratleguas sind keine Seltenheit.
Diese gewaltigen Ländereien dienen lediglich der Viehzucht, und zwar einer Viehzucht extensivster Art. Weder der einheimische Landbesitzer, der Estanciero, noch der eingeborene Landarbeiter, der Gaucho, hat irgend Sinn und Neigung für Ackerbau. Da sich der reiche Argentinier nur ungern von seinem Land trennt und er andrerseits die gewaltige Wertsteigerung nicht missen will, die in dem Umreißen des rohen Kamps und seiner zeitweisen Bestellung liegen, verfiel man in diesem Land auf das eigenartige Pachtsystem des Medianero. Der Besitzer stellt Land, Vieh, Gerät und Samen einem Medianero, einem Pächter, zur Verfügung, der dafür so viel Land bestellt, wie er mit seiner Familie bewirtschaften kann. In den Ertrag teilen sich Pächter und Besitzer zu gleichen Teilen. Derartige Pachtverträge werden jedoch nur auf kurze Zeit, auf drei bis fünf Jahre, oft auch nur für ein Jahr abgeschlossen. Ist die Zeit abgelaufen, so muß der Pächter im wahren Sinne des Wortes sein Dach abreißen und dahin ziehen, wo er wieder Pacht findet. Dem Estanciero liegt ja nichts daran, dauernd Korn zu bauen. Er will lediglich den Boden seines Kampf verbessern und bessere Weide für sein Vieh bekommen. Darum legt er in der Regel dem Pächter die Verpflichtung auf, im letzten Jahr des Pachtvertrages Alfalfa zu bauen, eine Luzernekleeart, die das vornehmste Futter für Großvieh hierzulande ist.
Der Pächter hat also seinerseits gar kein Interesse daran, es sich irgendwie gemütlich zu machen. Inmitten der Öde des Kamps steht sein Rancho, eine Lehmhütte mit Wellblechdach, das der Kolonist mit sich führt. Er pflanzt keinen Baum, kaum Gemüse, und ist zu einem elenden Nomadenleben verdammt, falls es ihm nicht gelingt, sich so viel zu ersparen, daß er zum Arendatario, zum Pächter mit eigenem Vieh und Gerät, und schließlich zum Besitzer auf eigener Scholle aufzusteigen vermag.
Es ist ein brutales System, das seinen Zweck, den Wert des Landes zu steigern, zwar erfüllt — ein mit Alfalfa bestandener Kamp kostet 100 Prozent mehr als ein roher —, das aber in keiner Weise für deutsche Einwanderer in Frage kommt. Was der ins Land kommende Deutsche erhofft, ist Seßhaftigkeit auf eigener Scholle, die er mit der Zeit durch seiner Hände Arbeit erwerben kann.
Nichts ist aber schwerer als das. Die Schwierigkeiten liegen in den hohen Landpreisen, in der Wertlosigkeit der deutschen Valuta und in der Unsicherheit des Besitztitels.
Drei Wege führen zum Besitz von Grund und Boden: Kauf von privater Seite, Erwerb von Regierungsland oder von Ländereien einer Kolonisationsgesellschaft. Der erste Weg scheidet für die Besitzer von Markguthaben aus. Selbst für kleine Kampe sind bei dem derzeitigen Stand der deutschen Valuta Guthaben erforderlich, über die selbst der wohlhabende deutsche Einwanderer nicht verfügt.
Nun zum Regierungsland. Das ist die vielumstrittene Frage. Einmal, gibt es überhaupt noch Regierungsland, das für Kolonisation in Frage kommt, zum andern, wie steht es mit der Übertragung der Besitztitel?
Regierungsland gibt es sowohl in den nördlichen Territorien, in Misiones und im Chaco, als auch im Süden, in Rio Negro, Neuquen, Chubut und Santa Cruz. Die allgemeine Ansicht geht dahin, daß beide Gebiete für Kolonisation nicht in Frage kommen. Der Norden sei zu heiß, der Süden nur für Schafzucht geeignet. Nach den Temperaturen, die ich bisher in den Provinzen Buenos Aires und Santa Fé erlebte und die bis an 40 Grad reichen, möchte ich der ersten Ansicht beipflichten. Allein ich habe hier stets gefunden, daß man selbst sehen muß, und die Kenntnis der Porteños, der Bewohner von Buenos Aires, von den äußeren Gebieten des Landes geht in der Regel nicht sehr weit.
Was die Besitztitel betrifft, so wird immer wieder über die Schwierigkeit geklagt, solche zu erlangen. Die Regierung gibt wohl Land zu billigen Preisen ab, allein ohne Besitztitel. Mitunter sitzen Leute zehn, fünfzehn und mehr Jahre auf ihrem Kamp, dessen Wert sich inzwischen durch ihre Arbeit verfünffacht und verzehnfacht hat, und können keine ordentlichen Besitztitel erhalten.
Auf der Fahrt hierher erzählte mir ein Deutscher, der in eine Zuckerfabrik des Nordens auf Arbeit fuhr, seine Geschichte. Ihm war in Paraguay Regierungsland zu günstigen Bedingungen übertragen. Nachdem er sein ganzes Kapital hineingesteckt und ein paar Jahre darauf fleißig gearbeitet hatte, meldete sich eine argentinische Landgesellschaft als Besitzerin und wies rechtskräftige Titel vor. Alle Reklamationen der deutschen diplomatischen Vertretung blieben fruchtlos. Der Mann mußte sein Vieh verkaufen und Grund und Boden verlassen. Ich habe denselben Vorgang nicht einmal, sondern wohl ein dutzendmal gehört, nicht nur aus Paraguay, sondern auch aus Argentinien. Ich kann ihre Wahrheit nicht nachprüfen, allein die Häufigkeit, mit der man sie hört, macht stutzig. Der einzelne, ohne genügend Kapital, ohne Rückhalt und vor allem ohne Verbindungen und „amigos“ kann sich jedenfalls nicht genug vorsehen, ehe er sein Geld in Land anlegt.
Bleibt die Vermittlung der Kolonisationsgesellschaften. Die Mehrzahl arbeitet auf kapitalistischer Grundlage, andere auf genossenschaftlicher oder wie die des Baron Hirsch auf gemeinnütziger Basis. Nicht alle bestehenden Kolonisationsgesellschaften haben sich immer einwandfrei betätigt. Es sind Fälle vorgekommen, daß sie an Kolonisten Land gaben, das so mit Hypotheken überlastet war, daß die Käufer es nicht halten konnten. Von den Gesellschaften, die sich neu in Deutschland gebildet haben, sind ein Teil reine Schwindelunternehmungen, denen es lediglich auf Gimpelfang ankommt. Andere verfügen wohl über guten Willen, aber nicht über die erforderlichen Kenntnisse, Erfahrungen und Verbindungen. Daß in ihrem Vorstand Männer sitzen, die früher einmal in Argentinien waren, genügt nicht. Vor allem darf man nicht vergessen, daß zwischen Buenos Aires und dem Land ein himmelweiter Unterschied ist. Man kann jahrelang in der Hauptstadt sitzen, ohne vom Kamp etwas zu verstehen. Dabei mag von solch grotesken Fällen ganz abgesehen werden, daß sich hier bei amtlichen Stellen als Vertreter deutscher „Siedelungs- und Kolonisationsunternehmungen“ Herren meldeten, mit der Absicht, Land zu kaufen, die weder von Argentinien, noch von Landwirtschaft, noch von der spanischen Sprache eine Ahnung hatten.
Es ist bedauerlich, daß durch solche Schwindelunternehmungen der Gedanke der Kolonisationsgesellschaft diskreditiert wird und unter Umständen auch gutfundierte und gutgeleitete Gesellschaften zu leiden haben; denn dieser Gedanke stellt den einzigen Weg dar, eine große deutsche Einwanderung gut unterzubringen. Vorbedingung ist jedoch, daß deutsches und argentinisches Kapital zusammenarbeitet, unter enger Fühlungnahme mit den beiden Regierungen und unter Ausschaltung von Spekulationsgewinnen.
Der gegebene Mittler wäre das deutsch-argentinische Kapital, das bei gutem Willen ohne Schwierigkeiten über die erforderlichen Mittel verfügen würde, um selbst sehr großzügige Siedelungsunternehmungen zu finanzieren. Seit Ende 1919 ist auch die Frage einer Siedelungsaktiengesellschaft erörtert worden. Kommissionen haben getagt. Es ist jedoch nichts dabei herausgekommen. Nach den Äußerungen des Direktors der Überseeischen Bank hätten alle Berechnungen ergeben, daß nicht einmal eine bescheidene Verzinsung der aufgewendeten Kapitalien zu erwarten sei. Ich kann diese Behauptung noch nicht nachprüfen. Wenn aber das betreffende Komitee weiter einstimmig zu der Ansicht kam, daß mit einem derartigen Unternehmen den Einwanderern selbst kaum ein Dienst erwiesen würde, so wird man stutzig.
Bei dem großen Mehrwert, den eine großzügige Kolonisation für alle Beteiligten bedeuten würde, kann man sich des Gedankens nicht erwehren, daß einigen, und gerade den kapitalkräftigsten, Mitgliedern der deutschen Kolonie die Einwanderung aus der Heimat unsympathisch ist. Man hört mitunter die Meinung, daß sie die sozialistische Gesinnung deutscher Kolonisten fürchten. Vielfach sollen sie auch schlechte Erfahrungen mit deutschen Arbeitern gemacht haben.
Deutsches Kapital, das wohl verfügbar wäre — denn nach menschlichem Ermessen gibt es für mitteleuropäische Gelder kaum eine sicherere Anlage als in argentinischem Grund und Boden —, kann sich nur in Form von Maschinen, Werkzeug und Waren beteiligen. Schon aus diesem Grunde bedarf es der Mitwirkung argentinischer Firmen. Sperrt sich das deutsch-argentinische Kapital noch länger, so wird rein argentinisches Kapital die Sache machen, ja, es wird sogar behauptet, daß Ententekapital darauf lauere, sich der deutschen Einwanderung als eines guten Spekulationsobjekts zu bemächtigen, was nicht so unwahrscheinlich ist.
Ein derartiges Siedelungsunternehmen müßte als Kolonisations- und Handelsunternehmung gegründet werden, um die aus Deutschland gelieferten Waren in eigener Regie veräußern zu können und andrerseits die auf der Kolonie erzeugten Produkte direkt nach Deutschland zu liefern. Es müßte weiterhin versuchen, Einfluß auf die Verschiffung der Einwanderer zu nehmen, wenn es nicht eigene Schiffe erwirbt. Im Anschluß daran ließe sich die Frage der Verpflanzung deutscher Industrien nach Argentinien lösen.
Es muß etwas geschehen, womöglich ehe eine deutsche Masseneinwanderung hier eintrifft. Darum ist es Zeit zu einem lauten, weithin vernehmlichen Caveant Consules! Was die deutschen Einwanderer brauchen, ist nicht Warnung und Rat und bestenfalls Arbeitsvermittlung, sondern die rasche Beschaffung von billigem Land.
Auch der argentinische Staat sollte daran interessiert sein. Eine planmäßig geförderte und systematisch geleitete deutsche Einwanderung würde nicht nur dem Lande eine Fülle wertvollster Kräfte zuführen, sondern eine gerechte und großzügige Lösung der Landfrage würde der argentinischen Republik das schaffen, was ihr noch fehlt: einen gesunden und kräftigen Bauern- und Mittelstand, und damit die beste Sicherung gegen die sozialen Gefahren, die die gegenwärtige Besitzverteilung des Landes und die Latifundienwirtschaft unheilschwanger in sich bergen.
7. Die großen Estancien.
Estancia „La Louisa“.

Kein anderes Land läßt sich auf solch kurze, einfache Formel bringen wie die Republik zwischen dem La Plata und den Kordilleren: Argentinien ist sein Vieh und sein Korn.
Allerdings galt diese Formel nicht immer, wie sie auch für die Zukunft kaum Geltung behalten wird. Man denke, vor ein bis zwei Menschenaltern gab es in dem Viehland Argentinien nichts, was der heutigen Viehzucht gleichkam, und noch vor vierzig Jahren führte der heute größte Getreideexporteur der Welt für den eigenen Bedarf Weizen ein, und so wird auch der fortschreitende Übergang der argentinischen Landwirtschaft zum intensiven Landbau das zukünftige Bild ändern, ganz abgesehen von den industriellen Möglichkeiten, die die Ölquellen von Comodore Rivadavia, die Wasserfälle des Iguassu und die noch unerforschten Mineralschätze der Anden bergen mögen.
Vieh und Korn! Seit etwa anderthalb Jahrzehnten fing das Getreide an, in den Ausfuhrziffern in die Vorhand zu kommen. Allein trotzdem ist Argentinien noch auf lange Zeit in erster Linie ein viehzüchtendes und kein ackerbautreibendes Land, da die gesamte Struktur der landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse durchaus auf der Viehzucht beruht und den Ackerbau, wenigstens was die großen Estancien anbetrifft, gleichsam nur als einen landwirtschaftlichen Nebenbetrieb erscheinen läßt.
Die großen Estancien umfassen den weitaus besten und bedeutendsten Teil des anbaufähigen Landes. Von dem Willen ihrer Besitzer, der Estancieros, hängt es ab, ob und zu welchen Bedingungen Land zu Kolonisationszwecken verfügbar wird und in welcher Weise sich die argentinische Landwirtschaft entwickelt.
Ihre Grundlage sind eine unbegrenzte und schier unendliche Weidefläche, eine Fläche Land, die Deutschland, England, Frankreich und Italien an Ausdehnung übertrifft, und — die acht Kühe und der eine Stier, die die Spanier im Jahre 1553 hierher brachten. Heute ziehen nicht mehr riesige Herden, von halbwilden Hirten, den Gauchos, getrieben, in wochen- und monatelanger Wanderung auf der Suche nach frischer Weide über die Pampa, die Steppe, das Vieh wird in kleinen Herden in Potreros gehalten und über jedes einzelne Stück genau Buch geführt. Aber dem eingeborenen Volkselement, das von der Viehwirtschaft lebt, Herr und Knecht, haftet noch immer die ritterliche Großzügigkeit des Nomaden an, der ohne schwere körperliche Arbeit von dem natürlichen Überfluß seiner Herde lebt.
Ohne Dung und Pflege erneuert das jungfräuliche Land seine Säfte. Auf ihm wächst und vermischt sich das Vieh, ungehütet Sommer und Winter im Freien. Selbst die Mühe des Melkens und der Butterbereitung ist den meisten der Besitzer zu groß. Sie erübrigt sich auch, da der Gewinn ohnehin überreichlich ist und der Besitzer sich damit begnügen kann, das schlachtreife Vieh, einerlei ob Ochsen oder Kühe, an die Frigorificos, die Schlacht- und Kühlhäuser, zu verkaufen.
Dies ist das Bild der argentinischen Viehwirtschaft von heute. Es wird nicht das von morgen sein; denn schon sind die Anzeichen einer weitgehenden Intensivierung überall zu sehen. Von zwei Seiten geht sie aus: einmal von den Cabañas, jenen Estancien, in denen hochwertige Rassen zu Zuchtzwecken gezogen werden und in denen man das Vieh in modernen Stallanlagen hält, und dann von jenen Estancien, in denen weitsichtigere, energischere oder auch nur ökonomischer denkende Unternehmer (meistens Ausländer) zu Milchwirtschaft, Butter- und Käsebereitung und zu sonstiger landwirtschaftlicher Industrie übergegangen sind.
Aber einstweilen beruht noch die große Mehrzahl der Estancien auf der reinen Zucht von Schlachtvieh. Und auf großen Estancien kann es einem geschehen, daß man weder Butter noch Milch bekommt. —
Die Mittagssonne brennt auf das Land. Vor Hitze flimmert der Horizont, und in eiligem Galopp auf müden Pferden streben Capataze und Peone, die seit frühem Morgen unterwegs sind, der Estancia zu, der Schatteninsel im Sonnenmeer. Der dichte Hain von Eukalyptus und Paraiso wirkt wie ein Schutzdach vor der sengenden Sonne, die die Temperatur bis auf 40 Grad hinauftreibt. In ihm verstreut liegen das Haus des Mayordomo und das Wirtschaftsgebäude. Hier ruhen auch, mit Stricken an den Eukalyptusbäumen angebunden, die wertvollen Zuchtstiere, wahre Musterexemplare potenzierter Männlichkeit, die nur nachts zu den Kühen, die sie decken sollen, gelassen werden. Das Vieh draußen steht müde und apathisch um die Wasserbehälter, in die die klappernden Windräder Tag und Nacht frisches Wasser pumpen, oder es drängt sich, soweit Platz ist, in dichten Haufen im Schatten der wenigen Bäume, die als Alleen die zur Estancia führenden Wege einfassen, oder die an der Stelle einer ehemaligen Kolonistensiedelung blieben, als einziges Zeichen, daß hier einstmals ein Rancho stand.
Einst kannte dieses Land ja nicht einen einzigen Baum. Als die Spanier hierherkamen, gab es nichts als eine einzige unermeßliche Ebene, ein Meer von Steppe.
In all den Jahrhunderten, die seitdem verstrichen, sind keine Wälder gepflanzt worden. Nur um die Wohnhäuser der Estancieros setzte man einige Eukalyptus- und Paraisobäume, und es sind schon sehr moderne, gutgeleitete Estancien, in den systematisch Baumreihen und Buschgruppen als Sonnen- und Windschutz angelegt sind.
Statt Busch und Baum aber hat die fortschreitende Zivilisation der ehemals freien Pampa den Drahtzaun gebracht. Jenes Gesetz — ich weiß nicht mehr, aus welchem Jahre —, das die Einzäunung jedes Besitzes forderte, wurde die Grundlage der heutigen argentinischen Viehwirtschaft. Es machte dem freien Umherschweifen der Herden und ihrer wahllosen Vermischung ein Ende und ermöglichte damit erst eine systematische Aufzucht von Rassevieh.
So segensreich dieses Gesetz auch war, ist es der Anlaß, daß das ganze Land mit Draht durchzogen wurde, und man kann schon von einer Manie des Einzäunens sprechen. So scheiden sich beispielsweise die Provinzen durch Draht voneinander, die Bahngesellschaften sind verpflichtet, ihre Linien durch Draht einzuhegen, und jeder einzelne Besitz ist, wie gesagt, durch Draht geteilt. Millionenwerte stecken in diesen Drahtzäunen; denn das Meter Drahtzaun stellt sich auf einen Peso, und nach Angabe der Zollbehörde sind in dreißig Jahren etwa eineinhalb Millionen Tonnen Stacheldraht eingeführt worden.
Aber die Abgrenzungen durch Draht in sogenannte „Potreros“ ermöglichen erst eine rationelle Weide und Mästung des Viehs und auch eine genaue Kenntnis des Standes der Herden. Eine Anzahl Potreros untersteht dem Capataz, einem Vorarbeiter. Jeden Tag muß er die Umzäunung abreiten, um zu sehen, ob die Drähte fest genug gespannt sind, und er kontrolliert, ob die Windräder laufen und in den Behältern genug Wasser ist, ob die Weiden ausreichen, oder ob man noch ein paar Stück Vieh mehr halten kann, und ob sich kein Unkraut ausbreitet, das frisch gekaufte Herden an ihren Hufen eingeschleppt haben können.
Die Normalweidepflanze ist die Alfalfa. An Stelle des ursprünglichen harten Steppengrases waren mit der Zeit weichere Grasarten getreten. Aber der gewaltige Aufschwung der argentinischen Viehzucht rührt von der Einführung der Alfalfa genannten Kleeart her. Während auf dem rohen Kamp bestenfalls ein Stück Großvieh auf zwei Hektar gerechnet werden kann, zählt man bei Alfalfaweide zwei bis vier Stück Vieh auf einen Hektar. Der ungeheuere Vorteil der Alfalfa liegt darin, daß ihre Wurzeln auf der Suche nach Wasser acht bis zehn Meter tief in den Boden hinabkriechen und dabei wasserundurchlässige Tonschichten durchdringen, so daß dieser Klee auf einem Boden gedeiht, auf dem sonst nichts wächst. Nur wegen der Anpflanzung von Alfalfa verpachtet, wie schon erwähnt, der Estanciero zeitweise Teile seines Kamps an Kolonisten, die nach Ablauf ihres Pachtvertrages den Boden mit Alfalfa bestellt zurückliefern müssen. Im allgemeinen kann man dann für ein Alfalfafeld zehn bis zwanzig Jahre rechnen, bis der Boden neu umbrochen werden muß.
Die Großzügigkeit des Estancieros und nicht minder die Lethargie des Kreolen sind es, die den bisherigen Charakter der argentinischen Landwirtschaft bestimmen. Man hat intensive Arbeit nicht nötig, und bei den geringen Anforderungen, die der Eingeborene sowohl wie der eingewanderte italienische Landarbeiter an Komfort und Lebenshaltung stellen, während der Estanciero den größten Teil des Jahres in der Hauptstadt verbringt, ist das Land, das ein Garten sein könnte, überwiegend noch Weide.
Kaum daß um die Estancia ein Pfirsichhain und ein paar Gemüsebeete angelegt sind. Aber trotzdem drängt die ganze Entwicklung argentinischer Landwirtschaft auf die Einführung intensiver Bewirtschaftung und gibt damit dem europäischen Einwanderer ganz andere Möglichkeiten in die Hand als heute. Waren ehemals die Felle das einzige, was der Estanciero von seiner Herde verwertete — das Fleisch blieb liegen, ein Fraß für Geier und Jaguare —, so ist es heute das Fleisch, und morgen werden es ganz allgemein Milch und Butter sein und eine eingehende Nutzung landwirtschaftlicher Industrie jeder Art.
8. Sigue Vaca!
Estancia „La Louisa“.

Seit Wochen regnet es nicht. Der Boden ist trocken wie Zunder. Auf den Pfosten der Potrerozäune sitzen in regelmäßigen Abständen graugepudert die Habichte. Von den Hufen des Pferdes weht der Staub gleich gewaltiger Rauchfahne nach rückwärts. Aber sie ist wie ein dürftiges Fähnchen gegenüber der riesigen Wolke, die über den Horizont zieht. Breit und massig steigt sie gen Himmel.
Es ist eine Herde frisch gekauften Viehs, die zur Verteilung in die Ensenada getrieben wird. Dort sollen die aus dem Norden kommenden Rinder nach ihrer Qualität in kleine Herden geteilt werden. Ist dies geschehen, so wartet ihrer noch Bad und Impfung. Dies und Kastrieren, Markieren und Schneiden der Hörner ist neben der täglichen Kontrolle des Viehs, der Zäune, Pumpen und Tanks die Arbeit der Capataze und Peone, der Viehhirten der Estancia.
Es ist Arbeit, die ihr Vorgänger, der Gaucho, nicht kannte; er hätte auch für die modernen Hilfsmittel der Ensenada nur ein verächtliches Lächeln gehabt. Er hatte nichts als sein Pferd und seinen Lasso. Wollte in früheren Zeiten ein Estanciero zwecks Zählung oder Verkaufs seine Herde zusammentreiben, so geschah es auf freiem Feld, höchstens daß ein Pfosten den Platz bezeichnete, an den sich das Vieh mit der Zeit gewöhnte, so daß es willig mitzog, wenn die Gauchos es in dieser Richtung trieben. Aber seine Trennung und Absonderung geschah nur durch lebendige Gassen von Pferden und Reitern, die es oft genug durchbrach. Zum Markieren oder Kastrieren aber mußte jedes einzelne Stück mit dem Lasso gefangen und geworfen werden.
Heute ist der Lasso, jedenfalls auf modernen Estancien in den zentralen Provinzen, mehr ein Dekorationsstück, das aus Tradition noch am Sattel hängt. Wenigstens erlebte ich es, als ich vom galoppierenden Pferd aus den Lasso versuchte und natürlich fehlwarf, daß auch der unterweisende Peon bei Pferd wie Kuh und Schaf keinen besseren Erfolg hatte.
Die Ensenada hat den Lasso überflüssig gemacht. Ein weiter Corral, ein festumzäunter Platz, in den das Vieh getrieben wird. Auf die erste Abteilung, den Vorhof gleichsam, folgt eine zweite, die sich trichterförmig verengt und schließlich in einen engen Schlauch ausläuft, in dem zwischen schrägen festen Wänden kaum ein Stück Vieh Platz hat. Durch Fallgatter und Türen kann man bequem, ohne Anstrengung und Gefahr, jedes einzelne Stück in verschiedene Unterabteilungen, die auf den Gang münden, leiten.
Mit dumpfem Brüllen hat sich inzwischen die wandelnde Staubwolke dem Eingangstor der Ensenada genähert. Der voranreitende Peon zieht an einem Strick eine klappernde Lata, eine große leere Blechbüchse, hinter sich her. Willig folgt ihm die Herde. Versuchen einige Ungebärdige rechts oder links auszubrechen, so treiben die begleitenden Peone mit lautem Geschrei und geschwungener Peitsche sie auf den Weg zurück.
Der Corral ist voll. Die Staubwolke steht und steigt gerade gen Himmel. Unruhig schiebt und drängt sich die Herde hin und her. Das dumpfe Brüllen ist allgemein geworden. Aufreizend durchzittert es die Luft, die so dick voll Staub ist, daß man alles nur in ungewissen, verschwommenen Formen sieht. Von den Peonen sind einige abgesessen und haben zu beiden Seiten des Schlauchs Posto gefaßt. Die andern reiten an.
Lust faßt mich, mitzutun. Mit geschwungener Peitsche und lautem Geschrei gibt es ein Preschen auf die Rinder. Unwillig setzt sich ein Teil in Bewegung und drängt in die Trichter. Andere wollen nicht, brechen aus, gehen die Reiter an. Es gibt ein wildes, heißes Reiten. Immer wieder im Galopp um die Herde herum und mit Gewalt in sie hineingeprescht.
„Sigue vaca!“ „Vamos!“ „Sigue, sigue!“ und dazwischen ein indianerartiges Aufheulen in hohen Fisteltönen. Donnerwetter, trotz der Ensenada ist es harte Arbeit. Die Kehle ist heiser vom Schreien, Gesicht und Arme sind schwarz von Staub. Die braune Haut der Peone sieht sich an wie altes, brüchiges Leder.
Endlich haben wir einen Schub im Trichter. Das Tor wird geschlossen. Drinnen bleiben zwei berittene Peone und treiben die Rinder, die immer wieder umzukehren versuchen, in den Schlauch.
Der nächste Schub und der übernächste! Je weniger Vieh im ersten Corral bleibt, desto ungebärdiger wird es. Es sind ja jene Widerspenstigen, die bisher immer wieder auszubrechen verstanden, die übrigblieben und die nun hineingetrieben werden müssen.
„Sigue, sigue vaca!“ Die Kehle gibt nur mehr ein heiseres Brüllen her. Mund und Lunge sitzen voll Staub. Es ist ein eigentümliches Gefühl, in diese Masse Rinderhäupter hineinzureiten. Langsam schiebt sie sich vor, bis eines ausbricht und die ganze Herde kehrtzumachen droht. Da heißt es, sofort den Widerspenstigen zurückzutreiben.
Ein mächtiger Stier trottet vor mir zwischen den Kühen her. Zornig und tückisch schielt er, als empfinde er das Unwürdige seiner Situation. Plötzlich dreht er und will zurück. Eine Wendung mit dem Pferd, und die Last des angaloppierenden Pferdes prallt dem Stier in die Flanken, während gleichzeitig die schwere Peitsche ihm über den Rücken saust.
Die Brust des Pferdes ist Waffe und Werkzeug. Mit ihr reitet man das Vieh an, wie das Pferd auch gewöhnt ist, mit der Brust die Tore der Umzäunung zu öffnen. Bewundernswert ist die Ruhe der Tiere. Für den Neuling ist es ein unheimliches Gefühl, so mitten zwischen den Hörnerspitzen einer unruhig drängenden Rinderherde zu reiten, aber willig sprengt das Pferd immer wieder von neuem gegen jedes widerspenstige Rind. Es ist ein heißes, hartes, aber auch schönes, ritterliches Arbeiten. In der Luft liegt etwas von der Aufregung, Lust und Gefahr eines siegreichen stürmischen Schlachttages.
Ein anderes Bild: Eine Herde frisch eingetroffener Pferde jagt über den Kamp. Im Galopp geht es zur nächsten Ensenada. Sie müssen gezeichnet werden.
Es ist Sitte und Gesetz von jenen Zeiten her, als das Land noch keine Drahtzäune kannte, daß jedes Stück Vieh die Marke seines Besitzers, die gesetzlich eingetragen ist, führen muß. Diese Marke ist etwas Ähnliches wie bei uns ein Wappen und wird auch auf dem Briefbogen geführt. Wird ein Stück Vieh verkauft, so wird die Marke umgekehrt über die erste Markierung eingebrannt, zum Zeichen, daß der Besitzer das Pferd rechtmäßig verkaufte, und daneben wird das Zeichen des neuen Besitzers aufgeprägt.
Die Pferde stehen jetzt hintereinander im Schlauch, das vorderste zwischen zwei Gattern vorne und hinten eingepreßt. Von einer Plattform aus kann man ihm bequem mittels der Schlaufe der Peitsche eine bändigende Fessel über die Nüstern legen. Inzwischen glüht an dem kleinen Knochenfeuer, das mit Fett zu hellerer Flamme angefacht wird, das Brandeisen.

Das Tal des Rio Cayunco.

Inkasee.
Ruhig steht das gefesselte Pferd. Der Peon setzt ihm das Eisen auf den Schenkel. Jetzt spürt das Tier die Hitze. Wild schlägt es mit den Hufen gegen die Bretterwände und versucht, sich mit gewaltigem Ruck zur Seite zu werfen. Umsonst, schon hat sich der glühende Stahl unerbittlich in sein Fleisch gebissen. Das Gatter öffnet sich. Verzweifelt sich schüttelnd, stürmt es ins Freie. Das nächste!
Für besonders ungebärdige Tiere, vor allem für Stiere, dient eine Art Holzklammer, welche die Tiere so zusammenpreßt, daß sie ganz widerstandslos werden. Eine ähnliche Vorrichtung benutzt man zum Festklemmen des Kopfes, um die Hörnerspitzen kappen zu können.
Eine besondere Einrichtung erfordert das Baden, dem alle aus dem Norden kommenden Tiere unterworfen werden müssen, da sie durchweg mit Zecken behaftet sind. Die Anlage ähnelt der Ensenada. Nur endet der Schlauch in einem engen Kanal, der mit desinfizierender Lösung gefüllt ist. Langsam trotten die Rinder den engen Gang vor. „Vamos! Sigue vaca, sigue!“ Mit den Peitschenstielen treiben die Peone die Unheil witternden Rinder an. Jetzt steht das erste vor dem Kanal und stutzt. Aber schon hat es den Fuß auf die schräge Zementbahn gesetzt. Und damit ist sein Schicksal besiegelt. Es saust die steile Bahn hinunter und schlägt auf dem hochspritzenden Wasser auf. Ängstliches Brüllen, verzweifelt starrende Augen, aber ein mit langer eiserner Gabel bewaffneter Peon faßt die Hörner und taucht unerbittlich den Kopf in die dunkle Flut.
Rind auf Rind passiert. Will eines absolut nicht vor, so genügt ein rascher Griff, der ihm den Schwanz bricht, um es vorzutreiben.
Dazwischen traben die Kälber. Sie sind die Widerspenstigsten. Oft gelingt es ihnen, sich umzudrehen. Dann müssen sie rückwärts schreitend ins Bad getrieben werden. Oder zwei purzeln übereinander, geraten gleichzeitig mit einem ausgewachsenen Rind ins Bad und kommen unter dessen Füße; dann gibt es aufreibende Arbeit, sie vor dem Ertrinken zu bewahren.
Am Ende des Bades führt eine Rampe in zwei zementierte Einzäunungen, aus denen die kostbare Flüssigkeit wieder ins Bad zurückfließen kann. Hier steht zitternd und tropfend das verängstigte Vieh, während von der andern Seite das aufreizende „Sigue vaca!“ klingt und die Peone einen neuen Schub Rinder in den Trichter treiben.
Es ist spät geworden, als ich mich verabschiede. Schon ist der die Luft füllende Staub golden von der sinkenden Sonne.
„Buenas noches, caballeros!“ Mit vollendeter Ritterlichkeit ziehen die braunen Gestalten, von denen mehr als einer aussieht wie ein Strolch, die Hüte und schütteln mir kavaliermäßig die Hand. Es ist wohl nicht nur das alte stolze Indianerblut in jedem von ihnen, sondern auch ihre ritterliche, reiterliche Tätigkeit, die ihnen nur das Leben im Sattel, die Arbeit mit Peitsche, Lasso und Messer als die einzig manneswürdige erscheinen läßt.
9. Deutsche Kolonien in Santa Fé.
San Geronimo.

Der leichte Fordwagen jagt hüpfend und stoßend über die löchrige Straße, die sich neben den Drahtzäunen hinzieht. Zwischen den kleinen Weiden, auf denen das Vieh enger beisammen steht, Felder mit Korn und Mais. Der Charakter der Landschaft wird fast norddeutsch. Darüber ein blauer Himmel mit getürmten Haufenwolken, wie man ihn oft im bayerischen Hochland sieht. Dabei aber sitzt es auf den Wegen gelb und grünlich und orangerot von Schmetterlingen, wie Blütenfall.
Die erste Kolonie, die wir passieren, ist San Carlos. Es bedürfte nicht der Worte des Begleiters, um zu wissen, daß hier Italiener wohnen. Im nächsten Ort, der Anklänge an die Normandie zeigt, wohnen Franzosen, bis wir in San Geronimo ankommen, das Schweizern und Deutschen gehört. Friedliche, saubere Häuser mit großen Blumengärten, mit Sträuchern und Obstbäumen. Beides kennt der Eingeborene nicht. Es ist ihm zu mühsam. „Obst kommt nicht“, antwortet er, wenn man ihn frägt, oder: „Die Heuschrecken fressen es ja doch.“ Aber die Deutschen und Schweizer pflanzen es, und es gedeiht, trotzdem gerade hier die Heuschreckenplage besonders groß ist, wie die rings um das Dorf gleich Wällen aufgestellten Bleche künden, die vor der anmarschierenden Brut schützen sollen.
An der weiten grünen Plaza die Kirche. Daneben blütenumrankt das Pfarrhaus. Der Pater, der seit dem Kriege keinen Deutschen von drüben sprach und dessen Fragen, wie alles kam, kein Ende nehmen wollten, blätterte in der Chronik: Vor etwa 60 Jahren, im März 1857, kamen die ersten Deutschen herüber, 80 Familien aus der Gegend von Mainz, die das benachbarte Esperanza gründeten, heute eine blühende Stadt. Ein Jahr später kamen Schweizer aus dem Wallis und legten den Grund zu San Geronimo.
Später sitze ich bei alten Kolonisten, die jene Zeit noch als Kinder erlebten, und lasse mir erzählen, wie hart der Anfang war. Wohl hatte die Regierung das Land umsonst gegeben. Aber der erste Weizen mußte mit Hacken und Rechen in den Boden gelegt und mit der Sichel geerntet werden. An Nahrung gab es nur Fleisch von den benachbarten Estancieros. „18 Monate hatten wir kein Brot,“ erzählte der alte Kolonist aus dem Hessischen, „und unmittelbar vor dem Hause konnte man die Rehe schießen.“
Die damals hart und schwer um des Lebens Notdurft ringen mußten, sind heute müde und alt. Aber sie sind alle reich geworden. Nach deutschen Begriffen zum Teil Millionäre.
Noch ist San Geronimo deutsch, aber es gilt einen harten Kampf, es deutsch zu erhalten. Gibt es auch Familien, in denen noch die Enkel deutsch sprechen, so doch auch andere, in denen bereits die zweite Generation nur Spanisch kann. Als Kaufleute sind Argentinier ins Dorf gekommen, die Peone sind Eingeborene, der Schulunterricht ist spanisch. Halten die Eltern nicht streng darauf, daß im Hause deutsch gesprochen wird, so lernen die Kinder nur das ihnen viel leichter fallende Spanisch. Der Pater klagte mir sein Leid. Er kämpft tapfer für das Deutschtum und unterhält eine Privatschule, in der in Deutsch unterrichtet wird. Sie wird immerhin von 140 Knaben besucht, während die Mädchen deutschen Unterricht von — man höre und staune! — französischen Schwestern erhalten. So gibt es also doch noch Inseln, denen der Haß fernblieb.
Die Grundlage des Wohlstandes in San Geronimo wie in allen andern Kolonien ist der Weizenbau. Heute wird jedoch nach und nach die Ackerwirtschaft durch reine Viehwirtschaft ersetzt. Eine ganze Reihe von Gründen sprechen mit: einmal die Erschöpfung des Bodens, die Unsicherheit des Getreidebaues, bei dem einige schlechte Jahre mit Trockenheit und Heuschrecken um jeden Gewinn bringen können, während Viehzucht einen ständigen und sicheren Ertrag gewährt. Je weniger Getreide gebaut wird, desto weniger lohnt es sich für Dreschmaschinenunternehmer zu kommen. Mit ihrem Fernbleiben geht der Körnerbau weiter zurück, und heute baut San Geronimo nicht einmal mehr so viel Getreide, um den eigenen Bedarf zu decken.
So sind heute die Bauern zu dem Betrieb der Estancien, zur Viehhaltung, zurückgekehrt, allerdings einer wesentlich intensiveren, deren Grundlage die Milchwirtschaft ist. Nötig ist dies ja bereits durch die viel geringere Bodenfläche, über die die Chacra, das Bauerngut, verfügt.
Ursprünglich erhielten die Kolonisten von der Regierung nur eine Konzession, kinderreiche Familien zwei. Diese alten Konzessionen messen 33 Hektar, die neuen 25. Fast alle Kolonisten aber konnten ihren Besitz durch Kauf erweitern. Es gibt heute Kolonisten mit 20 Konzessionen. Die Regel aber sind vier bis sieben. Eine Familie kann etwa vier noch ohne Hilfe bewirtschaften. Die Kinder gehen sämtlich wieder in die Landwirtschaft. Der Besitz wird unter sie geteilt. Durch Zukauf sucht man eine allzu weitgehende Verkleinerung der Chacras zu verhindern.
Auf einer alten Konzession lassen sich zirka 60 Stück Rindvieh halten, so daß selbst ein kleiner Kolonist über größere Herden verfügt als ein deutscher Gutsbesitzer. Die Milch wird an Molkereien verkauft, für 6 bis 7 Centavos das Liter. Es gibt eine genossenschaftliche Molkerei am Ort, andere liefern nach Rosario oder Santa Fé oder direkt nach Buenos Aires. Die Magermilch dient der Schweinemast. Mit einer Kaseinfabrik ist der Anfang landwirtschaftlicher Industrie gemacht. Dazu kommen Hühnerzucht und Obstbau.
Infolge dieses intensiven Betriebes sind die Landpreise außerordentlich hoch. Eine alte Konzession von 33 Hektar kostet 12–14000 Peso. So kommt diese Gegend für Einwanderer nicht in Frage, höchstens um zu lernen, oder allenfalls als Pächter.
Einer der Kolonisten zeigt mir eine seiner Chacras, eine halbe Autostunde vom Ort. Die fünf Konzessionen, die sie mißt, sind an einen Italiener, einen ehemaligen Österreicher, verpachtet. Er ist als Medianero auf halben Gewinnanteil gesetzt. Aus der Milch allein zieht er als seinen Anteil im Jahr 3000 Peso. Daneben hat er aber auch von einer halben Konzession 326 Zentner Mais geerntet.
Ein großer Obst- und Blumengarten umprangt das Haus. Kaum eine Fruchtart fehlt da: Pfirsiche, Aprikosen, Äpfel und Birnen, von denen man im allgemeinen behauptet, daß sie hier nicht kämen, Quitten, Orangen, Mandarinen, Pflaumen, Feigen und selbst Dattelpalmen. Die meisten Bäume, die dicht voll Früchte hängen, sind 30 bis 40 Jahre alt, aber in einem Teil des Gartens steht auch eine Hecke dünner, doch immerhin übermannshoher Stämmchen. Sie ist aus Pfirsichkernen entsprossen, die im vorigen Jahr in den Boden gelegt, und an einem und dem andern der ein Jahr alten schmucken Bäumchen hängt bereits seidenweich und rund ein großer Pfirsich. Wäre nicht die Heuschreckenplage, das Land wäre das Paradies!
Auf der andern Seite ist der Corral, in den die Kühe zum Melken getrieben werden. Er ist besser eingerichtet und sauberer als die Tambos der Estancien. Die eine Seite nimmt eine offene Halle ein, in der die Kühe bei schlechtem Wetter gemolken werden. Weiterhin ist eine Einzäunung für Schweine, und gackernd laufen über den Hof Hunderte von Hühnern, bei dem billigen Futter und den hohen Eierpreisen — hier draußen 50 Centavos das Dutzend — sicher kein schlechtes Geschäft.
Es ist ein sonderbares Gefühl, das mich hier beschleicht. Hier ist Heimat und doch Fremde. Wie eine Figur aus dem „Lederstrumpf“ steht der alte Pionier mir dem wallenden weißen Bart auf seinem Grund. Er hat ein Leben hinter sich, wie wir es nur aus Geschichten kennen, aber er hat reiche Ernte eingebracht.
Ist dies heute noch möglich? Gibt es noch Teile in der Republik, in denen es der Fremde zu gleichem Glück und Wohlstand bringen kann wie jene Deutschen vor zwei Menschenaltern in Santa Fé? Der Gedanke beschäftigt mich, während wir im Auto zurücksausen durch die Abendlandschaft, die ganz von Goldstaub flimmert. Die Heuschrecken, die vom Wege aufschwirren, prallen gegen den Wagen. Eine ägyptische Plage, und trotzdem das blühende Land! Galt ihretwegen vielleicht einst Santa Fé für ebenso aussichtslos für Kolonisation, wie man es heute wegen Klima, Trockenheit und Wassermangel von den noch unerschlossenen Teilen der Republik wähnt? Jede Mühe und Fährlichkeit scheint es wert, mitzuhelfen, Raum und Brot für hungernde Menschheit zu schaffen.
10. Heißes Land.
Auf dem Paraná.

In den Straßen von Santa Fé stand die Glut, körperlich, sichtbar. Man schritt durch sie hindurch, wie durch greifbare Masse, und am Fuß der Häuser fehlte auch die kleinste Spur von Schatten.
Die Hitze stand über allem in der Stadt. Über allem, was man tat und sprach; es war, als sei alles gelähmt, belastet, betäubt von diesem schwülen, feuchten Hauch, der bis auf den letzten Tropfen alle Feuchtigkeit aus dem Körper zu pressen suchte. Und diese Schwüle sprach wohl auch aus den Worten des deutschen Lehrers, der davon renommierte, wie anders sie, die Auslandsdeutschen, den Krieg beendet hätten, wenn sie nur drüben gewesen wären, und wieviel mehr sie im Ausland gelitten als jene in der Heimat, denen es im Grunde an nichts gefehlt habe.
Die Nacht brachte keine Kühlung. Die Luft stand im Zimmer wie ein heißes Ölbad. Sobald man sich niederlegte, fiel die feuchtschwere Luft als drückende Hitzelast auf die Brust. Wieder aufgestanden und zu entrinnen versucht. Umsonst. Wie hineingegossen blieb der Körper in der stickigen Schwüle.
Nervenaufreizend summten die Moskitos, die immer wieder ihren Weg durch die Netze fanden. Nur wenn man den schweren starken Ventilator dicht ans Bett rückte, konnte man sich für Augenblicke das Gefühl der Kühlung vortäuschen.
Endlich brach das Unwetter los, das die Luft mit so überreicher Feuchtigkeit gesättigt hatte. Strömend floß, rann, stürzte das Wasser vom Himmel. Draußen rieselte und planschte es. Durch das Badezimmer trat ich aus dem unerträglich heißen Raum ins Freie. Die Hoffnung auf Kühlung trog. Auch hier war es nicht anders wie im Treibhaus. Schlaflos verging die Nacht.
Am frühen Morgen fuhren wir im kleinen Dampfboot über den Strom, über den Paraná. Wie eine Vision, phantastisch schwül, blieb die Stadt zurück. Vorbei an ärmlichen Häusern und Hütten, den Vorstädten Santa Fés, menschlichen Wohnstätten, die nur aus vier Pfählen und einem Schilfdach bestanden. Überdies war der Strom jetzt über seine Ufer getreten und hatte die armen, halbnackten Bewohner aus ihren armseligen Behausungen gejagt. Wie seltsame Fahrzeuge schwammen die Schilfdächer auf der gelben, trüben Flut.
Am jenseitigen Ufer baut sich die Stadt Paraná auf steilem Steinhang mit Türmen und Kuppeln auf. Dahinter ziehen sich die welligen Hügel der Provinz Entre Rios in unabsehbaren Reihen zum Horizont, nach der grenzenlos ebenen Eintönigkeit der Pampa ein überraschendes Bild.
Die steigende Sonne bringt die Glut des vergangenen Tages wieder. Wie eine Erlösung begrüßt man am Horizont, im Zollhaus auf den Koffern sitzend, den wie ein stockhohes Haus mit schaumaufwirbelnden Schaufelrädern rasch näherkommenden Mihanovichdampfer.
Kühle Kabinen, geräumige Salons und der fächelnde Lufthauch der raschen Talfahrt. Die Hitze der vergangenen Tage versinkt wie böser Traum.
Aber über dem ganzen Schiff liegt es wie ein Hauch tropischer Fremdheit. Es kommt den Paraná herunter von Asuncion, und Paraguayaner stellen den größten Teil der Passagiere. Gelbe bis dunkelbraune Gestalten mit tiefschwarzem Haar, und Frauen von seltsam fremdartiger Schönheit. Den Farmer mit der Pergamenthaut im saloppen Leinenanzug mit dem offenen Hemd ohne Kragen begleitet das junge Mädchen in schwarzer Seide, augenscheinlich seine Compañera, die in Paraguay in der Regel an Stelle der Gattin das Leben des Mannes teilt.
Alle, die auf diesem Schiff vom Norden herunterkommen, tragen irgendwie das Merkmal der Hitze. Irgendwie hat sie die blendende, glühende Sonne gezeichnet. Das gilt von dem zarten, träumerischen, berückend schönen Mädchen — fast ist es noch ein Kind — mit der pfirsichweichen mattbraunen Haut ebenso wie von jenen unförmig in die Breite gegangenen Frauen mit dem merkwürdig stechenden, heimtückischen Blick, deren ganzes Wesen Nichtstun, Lässigkeit, Schwelgen in erotischen Träumen kennzeichnet, während der Körper Tag für Tag untätig in Hängematten und auf Pfühlen liegt. Und sie zeichnete auch jene deutsche Frau, die mißmutig, gequält, verärgert mit dem geschwollenen, entzündeten Fuß, in den der Sandfloh seine Eier gelegt hatte, nach jahrelangem Aufenthalt im Norden, enttäuscht und verbittert, verblüht zurückkehrt.
Die Nacht im Liegestuhl auf dem kühl umhauchten Deck ist ein unerwartet geschenkter Ruhepunkt zwischen dem qualvoll heißen Santa Fé und Buenos Aires, das um diese Zeit auch nichts anderes ist als ein Glutofen, von dem die Zeitungen Temperaturen bis zu 40 Grad und täglich Todesfälle infolge Hitzschlag melden.
Ich muß an alle die Kolonisationsprojekte denken, die wir auf der Estancia durchgesprochen, von der Besiedlung des Chaco, von Misiones, Formosa und Paraguay. Kenner meinten, die Temperaturen seien dort auch nicht schlimmer, in gewisser Hinsicht sogar erträglicher als in Santa Fé oder Buenos Aires. Mag sein, wenn es auch wenig wahrscheinlich klingt. In jedem Fall ist diese erste große Hitzewelle, die den frisch aus Europa Kommenden nach so kurzem Aufenthalt überfällt, eine Warnung, ein Menetekel, nicht unvorsichtig, nicht ohne sorgfältige Prüfung jene Zonen aufzusuchen, in denen die Sonne als allmächtige, unumschränkte Herrin mit glühender Peitsche herrscht.
11. Gespräch über Deutschland mit dem Präsidenten der Argentinischen Republik.
Buenos Aires.

Im Hafen lag noch die beflaggte „Argentina“, der erste deutsche Passagierdampfer, der seit Kriegsausbruch in den La Plata eingelaufen war; die Sirenen, die zu ihrem Willkommen über die Docks gegellt, waren noch kaum verhallt. Es war ein starker Sympathiebeweis für Deutschland gewesen, und auch jene Zeitungen, die während des Krieges auf Deutschland nicht genug Schmähungen hatten häufen können, hatten freundliche Worte gefunden.
Die Casa Rosada, der Regierungspalast, flimmerte in der Sonne. Die rosaroten Wände glühten wie von innen erleuchtet. Hier war man immer deutschfreundlich und entschlossen, den Krieg zu vermeiden. Auch in jenen schweren Tagen, als das Ungeschick des deutschen Gesandten es dem argentinischen Präsidenten fast unmöglich machte, seine Neutralitätspolitik fortzusetzen. Damals stand Irigoyen fast allein gegen Volk, Presse und Parlament. Er schaffte es; der ungeheure Wille des einen Mannes siegte.
Verständlich, daß ich ihn sehen und sprechen wollte. Es war nicht leicht; denn natürlich ist er überlaufen, und überdies ist er eine zurückgezogene Natur. Die deutsche Gesandtschaft hatte es sogar für vollkommen ausgeschlossen erklärt, diese Unterredung zustandezubringen, aber das „Argentinische Tageblatt“ machte sie sofort möglich. Kaum hatte es von meinem Wunsche gehört, so erhielt ich eine Einladung in das Präsidentenpalais.
Es war wirklich nicht ganz leicht, bis in das Innerste der Gemächer vorzudringen, und wir entgingen übermäßig langem Warten nur dadurch, daß uns ein Vertrauter durch den Eingang des Präsidenten und mittels des ihm vorbehaltenen Fahrstuhles unmittelbar in das Vorzimmer des Präsidenten geleitete.
Als wir bei Irigoyen eintraten, saß er an seinem Schreibtisch, den mächtigen, fast ungefüge wirkenden Kopf über Schriftstücke gebeugt, die ihm einer seiner Sekretäre reichte. Als er den Kopf hob, schaute man in ein durchdringend blickendes Auge, wie ich es vorher nur bei Thomas Alva Edison gesehen. Eine seltsame Mischung von Güte und unbeugsamem Willen lag in Gesicht und Erscheinung des Mannes, der, auf Gehalt, Wohnung im Palast sowie allen Luxus und Prunk verzichtend, in den einfachsten Verhältnissen lebt, der nur einen Gedanken kennt: sein Land, und der keinen Augenblick zögert, seinen Willen einer Welt entgegenzusetzen.
Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als er jetzt auf uns zuging und uns in der natürlich höflichen und herzlichen Art des Südamerikaners begrüßte, dem republikanisches Empfinden und demokratische Form seit Generationen angeboren ist.
Man braucht nicht sehr lange mit Irigoyen zu plaudern, um dem faszinierenden Zauber zu unterliegen, den diese starke Persönlichkeit ausstrahlt, und man versteht ebensosehr die fanatisierende Wirkung, die er auf die Massen ausstrahlt, wie die innerliche Überredungskunst, die schon oft genug aus erbitterten Gegnern ergebene Freunde machte.
Was an dem Präsidenten der Argentinischen Republik am stärksten wirkt, ist die gerade Offenheit, mit der er seine Gedanken äußert und seine Ideen vertritt. Es zeigte sich dies ganz besonders, als wir auf die argentinische Völkerbundpolitik zu sprechen kamen. Man hatte gerade in deutsch-argentinischen Kreisen die Meinung geäußert, daß Deutschland mit seinen Sympathiekundgebungen gegenüber Argentiniens Haltung auf dem Völkerbundkongreß in Genf zurückhalten solle, da ein allzu großes Maß von Zustimmung und Sympathie Argentiniens Stellung gegenüber den Alliierten erschweren müsse.
Ich äußerte diese Bedenken, aber Irigoyen schüttelte nur den Kopf: „Unsere Haltung in Genf“, sagte er, „wie auch unsere Neutralitätspolitik während des Krieges war lediglich bestimmt durch unsere Interessen als souveräner Staat, durch unsere Auffassung von einer wirklich gerechten, völkerversöhnenden Politik, sowie durch unsere Sympathien gegenüber Deutschland. Was Dritte dazu meinen sollten, ist uns völlig gleichgültig und kann in keiner Weise unsere Entschlüsse oder unsere Politik beeinflussen.“
Im weitern Verlauf des Gespräches entwickelte Irigoyen seine Ideen über einen wirklichen Völkerbund. Und der sonst so ruhige abgeklärte Mann ereiferte sich dabei.
„Que esperanza!“ — rief er aus, „welche Idee, ein Völkerbund, dem nicht alle Staaten angehören! Wie soll ein solcher Staat den Frieden garantieren können?“
Und er sprach im Anschluß daran von seinen Sympathien für Deutschland, für das deutsche Volk, und welche Erwartungen er in die deutsche Zukunft setze.
Von seiten jener ultrareaktionären extrem monarchistischen Auslandsdeutschen wird immer wieder betont, wie sehr Deutschland durch die „Schmach“ seiner Niederlage und der Revolution in der Achtung des Auslandes gesunken. Und da auch Irigoyen von diesen Kreisen gerne als Kronzeuge angeführt wird, ergab es sich von selbst, daß das Gespräch auch diesen Punkt berührte.
„Unsere Sympathie“, meinte der Präsident, „gilt in erster Linie dem tüchtigen und arbeitsamen deutschen Volk. Ohne Rücksicht auf seine Regierungsform. Aber selbstverständlich ist es, daß wir als Republikaner für eine deutsche Republik doppelte Sympathien empfinden. Im Kriege muß schließlich immer einer verlieren, und die Niederlage kann die Bewunderung für das, was Deutschland geleistet, nicht verringern. Statt an Sympathien zu verlieren, hat das deutsche Volk durch die Revolution nur gewonnen, und zwar durch die Tatsache, daß es aus einem derartigen weltgeschichtlichen Zusammenbruch sich aus Anarchie in die Bahnen einer neuen ruhigen Entwicklung hinaufarbeitete.“
„Selbstverständlich ist es,“ fügte Irigoyen hinzu, „daß die Spuren eines derartigen Umwandlungsprozesses noch nicht verwischt sind und daß man noch mit einem Dezennium wird rechnen müssen, ehe die deutsche Republik sich völlig konsolidiert hat. Aber ich habe keinen Zweifel daran, daß Deutschland sich zu einem großen demokratischen Gemeinwesen entwickeln wird, in ähnlicher Weise wie die Vereinigten Staaten.“
Wir sprachen noch lange über den Krieg, die Revolution, die Blockade und den Hunger und das Elend, die in ihrem Gefolge einherzogen. Auch über Versailles und die Wirkungen, die eine Politik heraufbeschwören muß, die ein Volk durch unerfüllbare Forderungen zur Verzweiflung treibt. Das Gesicht Irigoyens war sehr ernst, sehr nachdenklich, als ich von den Konsequenzen sprach, die die Geschehnisse in Europa auch für die südamerikanischen Republiken haben müßten.
Es war spät geworden. Durch die weit offenstehenden Fenster sah man, wie die lehmgelben Wasser des La Plata sich rot zu färben begannen. Es sah aus, als spüle der Ozean von Osten her Blut an den Strand.
Ich stand auf; es war Zeit zu gehen. Mehr als Phrase war es, als ich Irigoyen zum Abschied sagte, daß die Unterredung mit ihm mein stärkster Eindruck in Südamerika gewesen. „Sie kennen ja jetzt den Weg zu mir,“ sagte er zum Abschied, „sobald Sie wieder nach Buenos Aires kommen, vergessen Sie nicht mich wieder aufzusuchen.“
Man ist außerordentlich höflich in Südamerika. So höflich, daß man keineswegs jedes Wort, das im Verlauf eines Gespräches fällt, als bare Münze nehmen darf. Aber von dem, was Irigoyen über seine Politik und über Deutschland sagte, blieb nachhaltig das starke Gefühl, daß hier ein Mann gesprochen, der unbedingt und unbeugsam zu seinen Worten und Entschlüssen steht.
12. Nach Patagonien.
Bahia Blanca.

Von der Station Constitucion, dem Bahnhof der Südbahn in Buenos Aires, aus dessen bretterbudenartiger Halle sonst die Ausflüglerzüge nach Quilmes und die eleganten Badezüge nach Mar del Plata laufen, fährt zweimal in der Woche der Neuquenzug, der bis nach Zapala an den Fuß der Kordillere führt. Die Rio-Negro-Neuquen-Bahn ist die nördlichste der vier Stichbahnen, die vom Atlantischen Ozean aus nach Patagonien hineinführen, gleichsam als ein schwacher Versuch, dieses ungeheure Gebiet zu erschließen.

Plaza de la Independencia in Santiago. Rechts der Hügel Santa Lucia, im Hintergrund die schneebedeckte Kordillere.

Bergarbeiterheim.

Salpeteroficina.
Patagonien ist für den Europäer im allgemeinen ein Begriff, unter dem er sich nicht viel vorstellen kann. Bestenfalls hat er ein unklares Bild von Wüste und Steppe, von winddurchwehter, eisiger Hochfläche, auf der Indianer und Schafe ein kümmerliches Dasein fristen. Aber auch der Argentinier der zentralen Provinzen und des Nordens besitzt, soweit er nicht geschäftliche Verbindungen nach dort unten hat, kaum eine bessere Kenntnis dieses Teiles seiner Heimat, der sich über nicht weniger als 18 Breitengrade erstreckt. Die meisten, zu denen ich von meiner Absicht sprach, Patagonien zu bereisen, meinten erstaunt: „Was wollen Sie da? Das ist die reine Wüste, höchstens für Schafzucht geeignet. Im übrigen kommen Sie da bereits bald in den Winter.“ Allerdings wird in dieses Urteil das Rio-Negro-Gebiet nicht eingeschlossen, das zwar nominell zu Patagonien gehört, aber einen Begriff für sich bildet, da die klimatischen und infolge der künstlichen Bewässerung auch die wirtschaftlichen Verhältnisse völlig andere sind als im mittleren und südlichen Patagonien.
Der Zug füllt sich. Estancieros und Chacreros, die nach kurzem Besuch in der Hauptstadt auf ihre Besitzungen zurückfahren, vor allem aber Kaufleute, Geschäftsreisende, Aufkäufer und Arbeiter, die zur Alfalfa- und Obsternte an den Rio Negro fahren. Vom Kupeefenster aus sieht man den Strom am Zug entlang streichen, und unter all den dunkelfarbigen, schwarzhaarigen tauchen mit einem Male ein paar blauäugige helle Blondköpfe auf. Junge Burschen in Lodenanzügen, die ihre Säcke schleppen. Auf den ersten Blick unverkennbar deutsche Offiziere, die mit Fahrkarten der Einwanderungsbehörde nach dem Süden fahren, um sich dort am Rio Negro oder in der Kordillere eine neue Existenz zu gründen.
Immer wieder stößt man auf das eine schwere Problem: da Frachtraum und mehr noch Valutanot es nicht ermöglicht, den gewaltigen Überschuß dieses Landes an Nahrungsmitteln dem hungernden Deutschland zuzuführen, sollte es da nicht gehen, all denen, die in Deutschland weder Brot noch Arbeit finden, hier eine neue Heimat zu schaffen?
Die Reise im Zwischendeck kostet beim heutigen Kurs 5000 Mark, der Aufenthalt in Buenos Aires selbst bei bescheidensten Ansprüchen 2–3000 Mark für den einzelnen. Es gehört also ein kleines Vermögen dazu, um nur herüberzukommen und hier mit nichts anfangen zu können. Und doch! — Wenn sich hier nur Menschen fänden, die statt zu debattieren und zu verhandeln rasch und tatkräftig helfen wollten!
Drei Richtungen stehen sich in der Siedlungs- und Kolonisationsfrage gegenüber. Jene, die den Einwandererstrom nach dem subtropischen Norden, in den Chaco, nach Formosa und Misiones, lenken wollen, die andern, die nur auf die zentralen Provinzen schwören, auf Buenos Aires, Santa Fé, Cordoba, Entre Rios und allenfalls die Pampa, und schließlich jene, die nur den Süden gelten lassen.
Auf eine kurze scharfe, aber leider im allgemeinen zutreffende Formel gebracht, kann man sagen: Die Herren in Buenos Aires halten stets die Gegend für die geeignetste zur Kolonisation, in der sie Kampe liegen haben, die sie entweder anbringen wollen, oder für die sie durch intensivere Wirtschaft fleißiger Kolonisten Wertsteigerung erhoffen. Die zentralen Provinzen haben das eine für sich, daß der Einwanderer auf gutes Land und in Verhältnisse kommt, die den europäischen verhältnismäßig am ähnlichsten sind. Da hier jedoch der Hektar 300, 400, 500 und mehr Peso kostet, ist es mir unklar, woher die Mittel hierfür aufgebracht werden sollen.
Im Norden gibt es viel billiges und auch gutes Land. Aber ob deutsche Familien dort auf die Dauer die sehr hohen Temperaturen ertragen?
So bleibt zunächst nur der Süden.
Der Früchteaufkäufer, der mir gegenüber sitzt, schwärmt davon. Er kauft für eine Engrosfirma in Buenos Aires ein. Seine Pflücker sind schon unten; denn die Chacreros verkaufen die Ernte meist auf den Bäumen. Er zahlt für den Cajon, für die Kiste Pfirsiche, die etwa 180 bis 200 Stück faßt, zweieinhalb Peso. Mit Pflücklohn, Fracht und sonstigen Unkosten stellt sich der Cajon auf 6 Peso. Verkauft wird er im Großhandel für 12 bis 14 Peso. Und bis die Früchte an den Konsumenten kommen, kosten sie ein bis eineinhalb Peso das Dutzend. „Muy lindo negocio“ — ein feines Geschäft —, meint schmunzelnd der Händler.
Draußen zieht erst unter klarem Sternenhimmel und dann bei grauendem Tag das Land vorbei. Noch öder, noch trostloser, noch flacher, wenn möglich. Stundenlang nur roher Kamp und der ewige Draht. Die Estancien müssen weit drinnen im Lande liegen. Kaum daß man ab und zu einen dunklen Schatten am Horizont sieht.
Erst hinter Pringles ändert sich das Bild. Sanft ansteigende Hügel, dann steile Felsen, tief eingeschnittene Flußtäler. Und gleichzeitig zwischen den Bergen grüne Gärten, Bäume — man staunt, richtige Bäume —, die Sierra de la Ventana, die einer Oase gleich die ewig gleichförmige Landschaft unterbricht.
Aber nach wenigen Stationen werden die Hügel flacher und verlaufen sich schließlich wieder in der unendlichen Ebene, graubraun, öde und tot.
Mit einem Male steht mitten in der Ebene ein Schiff. Schornsteine, zwei Masten und unterhalb des schwarzen Rumpfes ein leuchtender roter Streifen. Unvergleichlich phantastisch sieht es aus, bis das Auge langsam erkennt, daß die Ebene am Horizont ohne erkennbare Grenzlinie in Schlick, Sumpf und schließlich offenes Wasser übergeht.
Schiff auf Schiff. Dann die unheimlichen Türme der Getreidesilos: Bahia Blanca, die Metropole des Südens!
13. Die Metropole des Südens.
Bahia Blanca.

Die Geschichte mancher Städte des Landes ist nicht anders als in der Union. Vor achtzig, neunzig Jahren noch ein Indianerfort, vor einem Menschenalter ein Dorf, heute eine blühende moderne Stadt. Als typisches Beispiel mag man Bahia Blanca nehmen, aber auch dafür, wie sehr die Kurve des Erfolges in diesem Lande nicht nur für den einzelnen, sondern auch für ganze Gemeinwesen auf und ab geht, und wie auf übersteigerte Hoffnungen und Erwartungen empfindliche Rückschläge folgen.
Wenn man die Lage Bahia Blancas auf der Karte ansieht, drängt sich der Gedanke auf, daß diese Stadt, an einem natürlichen Hafen gelegen, der gegebene Mittelpunkt des Südens der Republik werden müsse. Orientiert man sich aber näher, so muß man wie überall die verschiedensten Urteile hören, die wie in allen Fragen von den größten Erwartungen bis zu dem pessimistischsten Urteil variieren, daß Bahia Blanca keine Zukunft habe und der Höhepunkt seiner Entwicklung bereits überschritten sei.
Es ist nicht leicht, sich in dem Widerstreit der Meinungen ein eigenes Urteil zu bilden. Sicher ist, daß das Übergewicht von Buenos Aires wie auf der Entwicklung jeder argentinischen Stadt auch auf der von Bahia Blanca lastet. Eine Möglichkeit, dieses Übergewicht wenigstens in etwas zu paralysieren, schien gegeben, als die Regierung der Provinz Buenos Aires aus der gleichnamigen Landeshauptstadt hinausverlegt werden sollte, um die bisherige Reibung zwischen den Verwaltungen der Provinz und des Landes zu verringern. Damals wäre Bahia Blanca die gegebene Hauptstadt der Provinz Buenos Aires gewesen. Allein den Politikern schien die Stadt wohl zu langweilig und abgelegen, und so entschloß man sich, in „La Plata“ in nächster Nähe der Metropole Buenos Aires aus dem Nichts eine Provinzhauptstadt zu schaffen, die trotz der großen Gelder, die man an sie wandte, doch nie etwas anderes werden kann als eine Vorstadt der Landeshauptstadt, und die südliche Metropole mit ihren völlig anderen Verhältnissen und Bedürfnissen wird nach wie vor vom Norden aus regiert.
Unter diesen Umständen ist es verständlich, daß sich in Bahia Blanca zeitweilig Autonomiebestrebungen geltend machten und der Wunsch, die Hauptstadt einer eigenen Provinz zu werden, die aus dem Süden der Provinz Buenos Aires sowie Teilen der Gobernacionen Pampa Central und Rio Negro bestehen sollte. In der Zeit vor dem Krieg waren diese Autonomiebestrebungen mehr wirtschaftlicher Art, und man versuchte durch direkte Schiffahrtslinien vor allem einen Teil des Auswandererstromes direkt nach Bahia Blanca zu leiten. Der Krieg jedoch und sein Ende mit seiner zeitweisen Ausschaltung der deutschen Schiffahrtslinien hat diese Bestrebungen und Hoffnungen auf lange Zeit zerstört. Der Auswandererstrom geht nach wie vor ausschließlich nach Buenos Aires, und es ist Zufall, wenn einzelne nach Bahia Blanca verschlagen werden.
Bahia Blanca ist nicht weniger langweilig und reizlos als die meisten argentinischen Städte, und auf den ersten Blick sieht man der Stadt, die weit vom Meer und den eigentlichen Hafenanlagen abliegt, ihre große wirtschaftliche Bedeutung nicht an. Die mächtige Plaza im Zentrum, die ehemals als Corral diente, in den nachts das Vieh vor räuberischen Überfällen der Indianer in Sicherheit gebracht wurde und auf der noch bis zum Jahre 1902 die Kühe einer benachbarten Molkerei weideten, ist heute allerdings durch Palmenalleen und Blumenbeete in einen Garten verwandelt. Auch sonst gibt sich die Stadtverwaltung die größte Mühe, Bahia Blanca einen möglichst großstädtischen Anstrich zu verleihen; dabei streift sie allerdings mitunter die Grenze des Lächerlichen. In Buenos Aires ist in der Hauptgeschäftsstraße, der „Florida“, von 6 bis 8 Uhr jeder Wagenverkehr verboten, da die enge Straße kaum die Masse der Fußgänger zu fassen vermag. Entsprechend ist auch hier die Hauptgeschäftsstraße in der gleichen Zeit ausschließlich für Fußgänger vorbehalten, obwohl sich die Zahl der Passanten wie der Fuhrwerke um ein Vielfaches vermehren müßte, ehe von irgendwelchem Gedränge überhaupt etwas bemerkbar wäre.
Aber kommt man in der Hauptgeschäftszeit in ein Kontor der großen Getreide- oder Wollfirmen, so gibt einem das Kommen und Gehen sowie das unaufhörliche Telephonieren doch zu denken. Es ist der Höhepunkt der Getreidebörse. Die Preise schwanken von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde, so daß das Geschäft, wie fast alles hier, in hohem Maße Spekulation ist. Die Getreidehändler stehen daher in ständiger telephonischer Verbindung mit ihren Aufkäufern in den Zentren der Getreideproduktion, teilweise haben sie sogar eigene Leitungen.
Dem Bild, das Zahlen übermitteln, fehlt immer die Anschaulichkeit. Man muß die Bahnstrecke nach Pringles und Tornquist hinausfahren, um einen Begriff von den ungeheueren Mengen des produzierten Getreides zu bekommen. Schnitt und Drusch sind zu Ende, und zu der Station bringen die zehn-, zwölf- und mehrspännigen Wagen die Säcke angefahren. Hier werden sie gestapelt und häufen sich zu gewaltigen Bergen. Auf der ersten Station sieht man staunend die erste Kette von Getreidebergen, auf der zweiten, auf der dritten und so fort das gleiche Bild. Die Menge des in den Hafenanlagen angefahrenen Getreides ist so groß, daß alle Geleise verstopft sind, und die Bahnverwaltungen die Zufuhr bis auf weiteres gesperrt haben.
Allein dieses überaus günstige Bild täuscht. Nach sieben mageren Jahren haben Bahia Blanca und der Süden das erste fette Jahr. Der Feind des Südens ist die Trockenheit. Im vergangenen Jahr hat es ungewöhnlich viel geregnet, daher die erstaunlich große Ernte.
Die Zukunft Bahia Blancas als Getreideexporthafen liegt im Süden der Provinz Buenos Aires und in der Pampa. Die nähere Umgebung der Stadt wie alles Land südlich davon ist wenig wertvoll, und ein großes mißglücktes Kolonisationsunternehmen in dieser Gegend ist ein warnendes Exempel.
Der zweite Hauptexportartikel Bahia Blancas, die Wolle, liegt augenblicklich darnieder. Der Wollpreis sinkt, und Händler und Produzenten halten zurück. Nach den phantastischen Preisen, die im Kriege für Wolle gezahlt wurden, ist die Reaktion nur natürlich. Aber es krampft einem doch das Herz zusammen, wenn man die riesigen Wollager sieht, die bessere Preise hier abwarten sollen, und an die stilliegenden Textilfabriken in Deutschland denkt und an den Mangel an Kleidung.
Dazu kommt natürlich Vieh. — In letzter Zeit sind mehrere Frigorificos gebaut worden, während ein großzügiger Obstexport aus dem Rio-Negro-Tal mit Marmelade- und Konservenfabriken noch Zukunftsmusik ist.
Ist der eine Zukunftsfaktor Bahia Blancas die Entwicklung seines Hinterlands, so ist der andere sein Hafen. Auch hier sind die Ansichten nicht weniger geteilt. Bahia liegt an einer langsam versandenden und verschlickenden Bucht. Wenn auch jetzt noch mittlere Ozeandampfer an den Kais anlegen können, so ist die Frage, welche Kosten es auf die Dauer machen wird, die Fahrstraße offen zu halten.
Der Hafen ist landschaftlich nicht weniger trostlos als die ganze Umgebung der Stadt. Schlick und Morast lassen nicht erkennen, wo das Land aufhört und das Wasser anfängt. Die Bucht wirkt wie ein brauner Sumpf.
Ein Gewirr von Schienensträngen, alle übervoll von getreidebeladenen Waggons, führt an die Molen. Hier liegt ein Schiff neben dem andern, alle harren auf Ladung. Aber wie eine ungeheure, zinnengekrönte Festung türmen sich die Getreidesilos, hoch die Kamine und Masten überragend.
Die Hafenanlagen sind sämtlich in privaten Händen, die einen in Ingeniero White gehören der Südbahn, die andern in Puerto Galvan der Pazifikbahn.
Die Bahnen englisch. Die Hafenanlagen und Silos englisch. Die Schiffe an den Molen — teilweise tragen sie noch deutsche Namen — unter dem Union Jack. Nirgends sonst drängt sich die ungeheuere wirtschaftliche Gewalt Großbritanniens so unerbittlich auf und die tyrannische Macht, mit der sie das gesamte Transport- und Verkehrswesen ganz Argentiniens zu Wasser und zu Lande beherrscht. Die Engländer können — und sie haben es getan — jedes Unternehmen, das ihnen nicht paßt, dadurch zugrunde richten, daß sie ihm keine Transportmittel stellen. Hier liegen die Grenzen deutschen Betätigungsdranges und Unternehmungsgeistes in Argentinien.
14. Deutsche Seeleute in Südamerika.
Bahia Blanca, Puerto Militar.

Die Kapitänskajüte der „Seydlitz“ ist die alte geblieben in all ihrer Traulichkeit und Behaglichkeit mit den vielen Familienbildern an den Wänden und auf dem Schreibtisch, und doch ist etwas anders. Ein unheimlich Fremdes strömt von Decke und Wänden, wittert durch Tür und Bullauge herein — das Schiff ist tot. Seit mehr als fünf Jahren liegt es unbeweglich, interniert, an der Kaimauer des argentinischen Kriegshafens, und wie im Herzen von Führer und Mannschaft im Laufe der langen Jahre etwas zerriß, so wirken die unerklärlichen Sprünge in allem Porzellan und Steingut auf dem Schiff, welche alle Toiletten, alle Badewannen und alle Waschbecken in Stücke splitterten, wie ein unheimliches äußeres Zeichen dieses Sterbeprozesses eines Schiffes, das einst ein lebendiges Glied der deutschen Flotte war.
In langer Reihe liegen die Schiffe hintereinander am Kai untätig. Die Welt leidet unter dem Mangel an Schiffsraum. Die Überfülle des Getreides staut sich in den Silos und Elevatoren von Puerto Galvan und Ingeniero White. Aber trotzdem, und trotzdem längst schon Frieden, können die Schiffe die Fahrt mit lebenswichtiger Fracht nach Deutschland, mit Getreide, Fett und Fleisch, die ihnen England bewilligte, noch immer nicht antreten.
Die Sonne flimmert auf dem glatten Wasserspiegel des Hafens, der hinter den riesigen Kaimauern stilliegt wie ein Teich, während auf der andern Seite die beginnende Flut das lehmgelbe Wasser der Bucht von Bahia Blanca hochgischtet.
Der Kapitän erzählt, wie sie vor fünf Jahren einliefen. Die meisten Schiffe gehörten zu dem Geschwader des Grafen Spee, der sich ein deutsches Schiff nach dem andern aus dem Stillen Ozean heranholte und in Hilfs-, Kohlen- und Transportschiffe verwandelte. Die „Seydlitz“ war Hospitalschiff und machte als solches die Schlachten von Coronel und Falkland mit.
Coronel, das ist es, von dem all die deutschen Seeleute in Südamerika noch leben. Die Augen des Kapitäns leuchten, wenn er erzählt, wie die Engländer sanken. In zwanzig Minuten war alles vorüber. Dann kam Falkland. Alle waren dagegen, daß man das englische Geschwader angriff, vom Grafen Spee angefangen. Aber der Chef des Stabes setzte seinen Willen durch. Trotzdem wäre vielleicht alles gut gegangen. Allein man hatte sich in der Magalhãesstraße mit einem englischen Segler, der Kohlen geladen hatte, zu lange aufgehalten, und inzwischen waren die beiden Dreadnoughtkreuzer, die die Engländer über den Ozean geschickt, zu dem britischen Geschwader gestoßen. Einen Tag, bevor die Deutschen angriffen, waren sie eingetroffen. Einen Tag zu spät!
Die Internierung war nicht hart, und sie sparte andrerseits den deutschen Schiffahrtsgesellschaften die Zahlung der andernfalls gewaltig hohen Liege- und Hafengelder. Trotzdem — fünf Jahre auf diesem trostlosen Fleck Erde!
Puerto Militar liegt am äußersten Ende der Bucht von Bahia Blanca, fast am offenen Meer. Der argentinische Kriegshafen teilt mit Wilhelmshaven Öde von Wasser und Land, mit Libau die Weitläufigkeit der Anlage, die in größtem Maße auf Erweiterung und Neubauten zugeschnitten ist.
Ein armseliges Pueblo an der Station. Dann führt eine breite Allee zu den verbotenen Zonen des Kriegshafens. Sein Hauptstück ist das mächtige Hafenbassin, in dem die gesamte argentinische Kriegsflotte, auch wenn sie sich verzehnfacht, noch Platz hätte. Auf der einen Seite liegen ein paar kleine Kreuzer italienischen Ursprungs, auf der andern die internierten deutschen Schiffe und nach der Ausfahrt zu die beiden mächtigen Dreadnoughts „Moreno“ und „Rivadavia“, der Kern und der Stolz der argentinischen Schlachtflotte.
Trotz der hohen Kampfkraft dieser beiden Schiffe, die auf nordamerikanischen Werften gebaut und das typische Gepräge amerikanischer Panzer mit ihren charakteristischen Gittermasten zeigen, ist der Wert der ganzen argentinischen Kriegsflotte einigermaßen problematisch. Das kritische Problem ist die Kohlenfrage. Wie man mir sagte, hat die argentinische Flotte im Kriegsfall für ganze 14 Tage Feuerungsmaterial. Diese Schwierigkeit wäre jedoch leicht zu überwinden, wenn die argentinischen Schiffe Ölfeuerung erhielten. Öl wird ja im Lande selbst, in Comodore Rivadavia und neuerdings in Neuquen, gebohrt. Aber vielleicht liegt Absicht darin, daß die Nordamerikaner Argentinien keine Schiffe mit Ölfeuerung bauten.
An das Hafenbassin stoßen zwei Trockendocks, ein kleineres und ein gewaltiges, das mir als das größte der Welt bezeichnet wurde. Jedenfalls können die großen Dreadnoughts hier gedockt werden, und der Norweger, der augenblicklich darin liegt, verschwindet mit Kamin und Masten vollständig, als wäre er ein Miniaturschiffchen.
Neben dem großen Dock erhebt sich die Casa de Bombas, das Maschinenhaus, das die Anlage zur Entleerung der Docks enthält. In der Mitte des Gebäudes liegen die Pumpen, in einem viereckigen Zementschacht von gewaltigen Dimensionen versenkt. Aus den Ecken langen die mächtigen Rohre gleich Riesenarmen in den Raum hinein zu den mit Mehrfachexpansionsmaschinen gekuppelten Pumpen. Der Gedanke wirkt fast unheimlich, wie auf eine Drehung am Schaltrad hin diese Maschinen das ganze Becken des Trockendocks leer zu saugen vermögen.
Noch ein paar Werkstätten und Kasernen; dann sind alle Sehenswürdigkeiten von Puerto Militar erschöpft. Man kann sie bequem in ein- bis zweistündigem Rundgang erledigen. Und fünf Jahre hier! Fünf Jahre nutzlosen, untätigen Wartens!
Der Kapitän fängt meinen Blick auf: „Nein,“ sagt er kopfschüttelnd, „wir haben es hier im Grunde recht gut gehabt. Wir können nicht klagen. Vielleicht war es ein Fehler der Kompanie, daß sie die Mannschaft an Bord behalten wollte. Durch das enge Zusammenleben und die Untätigkeit ist es natürlich zeitweise zu Reibereien und Disziplinlosigkeit gekommen. Damals hätten alle Leute leicht lohnende Arbeit beim Hafenbau gefunden. So sind die meisten der Arbeit entwöhnt. Erst später wurde Landurlaub gewährt und die Erlaubnis, Arbeit anzunehmen. Heute muß ich meine Leute zusammenhalten, um genügend Besatzung für die Rückreise zu haben.“
Nur an Stewards, Aufwäschern und dergleichen sei kein Mangel. Eine Fülle von Rückwanderern meldet sich zu diesen Posten, darunter Leute, die erst vor wenigen Monaten oder Wochen aus Deutschland hierher gekommen sind, Enttäuschte, die in Argentinien das Land, wo Milch und Honig fließt, zu finden hofften und die nun nach den ersten Schwierigkeiten die Flinte ins Korn werfen. Manche von ihnen, die im Frühling oder Sommer vergangenen Jahres herüberkamen, haben allerdings kein schlechtes Geschäft gemacht, trotz der verlorenen Hin- und Herreise. Ich denke dabei an jenen Paraguaysiedler, der im Frühling vorigen Jahres herüberkam und jetzt zurückkehrt. Damals hatte er sein ganzes Geld in Pesos umgewechselt, da er sich in Paraguay ansiedeln wollte. Aber es war ihm zu heiß und die Arbeit zu schwer. Wenn er jetzt zu Hause sein letztes Geld wieder in Mark einwechselt, hat er dank des Valutasturzes, wenigstens in Papier, mehr als er bei der Ausreise mitnahm. Ein gutes Geschäft! Und er hat nichts gearbeitet und keinen Cent verdient.
Wir sehen über die Hafeneinfahrt hinaus, wo die auf und ab tanzenden Bojen die Fahrrinne anzeigen. Immer kleiner werden sie und verschwinden, aber in ihrer Verlängerung sieht man fern am Horizont, scheinbar mitten aus dem Wasser ragend, einen Bau, der wie ein Haufen zusammengewachsener Leuchttürme wirkt. Es sind die Silos einer französischen Gesellschaft, die an der offenen See, noch weit über den Kriegshafen hinaus, große Hafenanlagen und Getreidespeicher baut.
Zukunftsmusik. Allein wer vermag zu sagen, wie die Produktion eines Landes wachsen mag, in dem Königreiche noch brachliegen.
15. Die Insel im Rio Negro.
Choele Choel.

In der Vorhalle ihres Bahnhofes in Bahia Blanca hat die Südbahn Produkte des Rio-Negro-Tales ausgestellt, Pfirsiche von Faustgröße, Äpfel und Birnen von noch erheblicheren Maßen, Trauben, Gemüse, Samen und schließlich Kürbisse und Melonen von geradezu ungeheuerlichem Umfang.
Man steigt in den Rio-Negro-Zug, der nur viermal in der Woche fährt, mit dem Gefühl, in ein Dorado der Fruchtbarkeit und Fülle zu kommen. Die Bahn geht erst den Rio Colorado entlang, um nach Überschreiten dieses Flusses eine vollkommen wasserlose Wüste, die früher so gefürchtete Travesia, zu durchkreuzen und dann das Rio-Negro-Tal bis nach Neuquen hinauf zu führen. Die Bahn wurde zur Zeit der letzten Grenzstreitigkeiten mit Chile aus strategischen Gründen gebaut. Ihr Bau wurde den Deutschen zu äußerst günstigen Bedingungen angeboten; denn die argentinische Regierung hätte gerne das englische Monopol im Verkehrswesen gebrochen. Allein in Deutschland war damals nur geringes Interesse für argentinische Unternehmungen, und es genügte, daß die interessierten englischen Bahngesellschaften einige abschreckende Artikel über das Projekt und die ganze Gegend in die Presse brachten, um auch die wenigen deutschen Kapitalisten, die Interesse gezeigt hatten, abzuschrecken. Die Bahn wurde dann natürlich von den Engländern gebaut und sie ist heute dank der Entwicklung des Rio-Negro-Tals ein glänzendes Geschäft.
Von dieser Entwicklung ist allerdings zunächst nichts zu sehen; auch nachdem die Travesia durchkreuzt und der Rio Negro erreicht ist, wechselt das Landschaftsbild nicht. Die Überraschung wächst, als sich auch bei der Station Choele Choel, der ältesten Kolonie des Rio-Negro-Tals, das Bild nicht ändert. Im Norden eine felsige Barranca, im Süden eng gewelltes Hügelland geben zwar dem durch die ewige öde Ebene ermüdeten Auge landschaftliche Abwechslung. Aber das Bild der Dürre und Unfruchtbarkeit ist nicht anders als bisher.
Aber das Pueblo liegt noch eine gute halbe Stunde von der Station entfernt, und in rüttelnder Fahrt mahlen die hohen Räder der leichten Kutsche hügelauf, hügelab durch tiefen Sand. Es liegt am Ufer des Rio Negro, der sich hier in zwei Arme spaltet, die in weitem Bogen die gleichnamige große Insel, die eigentliche Kolonie, umschließen.
Die Insel ist alter historischer Boden. Zur Zeit der Indianerfeldzüge war sie Hauptquartier, und aus dem Militärlager ging die erste Kolonie hervor. Mancherlei Schwierigkeiten, vor allem die furchtbaren Überschwemmungen, unterbrachen und hemmten die Entwicklung. Einen neuen Abschnitt und Aufschwung bedeutete erst das Kolonistengesetz von 1904, das die ganze Insel in einzelne Lose von 100 Hektar teilte. Die Korrektionsarbeiten am oberen Rio Negro, vor allem die Stauanlage der Cuenca Vidal, haben die Überschwemmungsgefahr auf ein Minimum beschränkt.

Am Fuße des Vulkans Ollague.

Bergarbeiterhütten in der Kordillere.

Arbeit in der Mine.
Auf einer Regierungsfähre setzt der Wagen über den Fluß. Dichte Baumreihen fassen die breit und rasch dahinströmende Flut ein. Aber sobald die fruchtbare grüne Zone unmittelbar am Fluß durchschritten ist, erstreckt sich zwischen den am Weg hinlaufenden Drahtzäunen bald wieder roher Kamp, zum Teil nur mit Gestrüpp und Strauchwerk umstanden, auf dem man kaum einige Kühe und Schafe sieht.
Nach vielstündiger Fahrt quer durch die Insel ist der Eindruck nach den großen Erwartungen, die man hegte, entmutigend. Erst am folgenden Tag, als ich unter sachkundiger Führung einzelne Chacras mit fruchtschweren Obstgärten und reichen Alfalfafeldern aufsuchte, änderte sich das Bild. Es ist hier, wie überall in Argentinien. Der erste Eindruck täuscht leicht und übertreibt nach der guten oder der schlechten Seite.
Schuld für dieses Stagnieren der Insel sind die Schieber und Spekulanten, die es bei der Aufteilung des Landes verstanden haben, sich einen großen Teil der Lose zu sichern. Nicht gewillt, Arbeit oder Kapital in den Boden zu stecken, zogen sie, lediglich um der gesetzlichen Bestimmung zu genügen, einen Drahtzaun um ihr Land und setzten einen Rancho oder eine Wellblechbaracke darauf, da das Gesetz die Errichtung eines Hauses fordert. Im übrigen warten sie darauf, daß die Arbeit der Anlieger den Wert ihres Bodens um ein Vielfaches steigert, um ihn dann mit hohem Gewinn loszuschlagen.
Da die wirklichen Ansiedler in der Minderheit und die Spekulanten in der Mehrheit waren, so verfiel das ohnehin ungenügende Kanalsystem, und die Insel zeigt heute nur dort fruchtbare reiche Landstrecken, wo die enger aneinanderwohnenden Kolonisten die Kanäle in Ordnung halten, oder an den Flußrändern, oder wo mittels motorischer Kraft, in der Regel mit Hilfe von Windrädern, berieselt wird.
Nach vierstündiger Fahrt ist die Insel durchquert, und noch einmal geht es über den Fluß. Wo die Fähre anlegt, sind die Bäume besonders hoch und dicht, und unter ihrem hohen Dach stehen freundliche, saubere, weiße Häuser. Es ist die Estancia eines Deutschen.
Die Geschichte dieses Deutschen, der einer der ältesten Pioniere des Südens und ein eifriger Anhänger des Rio Negro ist, ist typisch argentinisch. Als junger Kaufmann kam er herüber, fand eine bescheidene Anstellung, und erwarb sich in den Freistunden durch Briefmarkenhandel ein kleines Kapital. Mit diesem führte er die ersten Ansichtskarten nach Argentinien ein. Hiermit machte er ein Vermögen, das er in einem großen Briefmarkengeschäft anlegte, das glänzend ging und es ihm ermöglichte, weite Ländereien aufzukaufen. Er wurde nun Landwirt, erlitt jedoch mancherlei Rückschläge, bis ihm eine große Überschwemmung des Rio Colorado, an dem seine Hauptbesitzung lag, Haus und Vieh, Einrichtung und Gerät wegriß. Er siedelte nach dem Rio Negro über und schuf dort in wenigen Jahren auf billig erstandenem rohem Kamp eine blühende, reichen Ertrag abwerfende Estancia.
Der Besitzer zeigte mir Bilder aus den Anfangsjahren, und es erscheint fast unglaubhaft, daß diese dürftigen Stämmchen und bescheidenen Pflanzungen in der kurzen Zeit derart herangewachsen sind. Was den Besuch so interessant macht, ist die Tatsache, daß hier alle Stadien der Bewirtschaftung eng nebeneinanderliegen. Ein großer Teil ist noch roher Kamp. Die erste Arbeit ist das Roden. Mit Axt und Schaufel wird der Busch beseitigt und dann angezündet. Zum erstenmal geht dann der Pflug über die schwarzgebrannte Erde. Der gelockerte Boden wird mittels der automatischen Schaufel verteilt, um ihn zu planieren. An anderer Stelle sieht man diese von Pferden gezogenen, einfachen, aber hier unentbehrlichen Maschinen an der Arbeit. Es ist eine Kippschaufel, die die gelockerte Erde von den Erhöhungen abnimmt, um damit die Senkungen auszufüllen.
In den so bereiteten Boden wird im ersten Jahr Mais gesät, im zweiten Gerste oder Hafer, im dritten bereits Alfalfa, entweder allein oder mit Getreide, und damit ist die Goldquelle erschlossen. Das Alfalfafeld bleibt entweder ertragreiche Weide oder wird ohne Neusaat Jahr für Jahr auf Samen und Futter geerntet.
Die Wirtschaft beruht auf Vieh und Alfalfa. Aber daneben bieten Obst, Wein und Gemüse große Aussichten. Unmittelbar am Fluß wachsen selbst empfindliche Pflanzen ohne künstliche Bewässerung, und hier sind gewaltige Obst- und Gemüsegärten angelegt, die jedes Jahr vergrößert werden, Pfirsiche, Äpfel, Birnen, Pflaumen. Trotz der weiten Entfernung von der Bahn ist der Obstbau lohnend; denn es kommt ja nicht nur der Versand nach Bahia Blanca und Buenos Aires in Frage, sondern ebenso die Versorgung Patagoniens mit Obst und Wein. Die Estancia liegt unmittelbar an der Poststraße nach Valcheta, und ein spekulativer Unternehmer läßt hier jede Woche ein Fruchtauto laufen.
Am nächsten Tag traf ich den Mann auf einer benachbarten Obstplantage, als er gerade seinen Wagen voll Pfirsiche lud. Wie er mir erzählte, verkauft er die Fruchtlast, die ihn 80 Peso kostete, für 400 Peso.
Einzelne Gewinne, von denen man hört, sind phantastisch. So wurde eine Chacra von 200 Hektar zwei Monate vor der Ernte von ihrem Besitzer, einem in Europa lebenden Spanier, um 75000 Peso verkauft. Aus dem Alfalfasamen allein schlägt der Käufer im ersten Jahre bereits zum mindesten die Hälfte des Kaufpreises heraus. Allerdings ist dieses Jahr die Alfalfaernte besonders gut und sind die Preise besonders hoch. So plötzlich der Erfolg, so plötzlich kann der Rückschlag kommen.
Wenn wir abends unter den schattigen Bäumen vor dem reichgedeckten Tisch sitzen, auf dem alles, Fleisch und Brot, Butter und Obst eigenes Erzeugnis ist, da mag das Los des Siedlers und Pioniers beneidenswert erscheinen. Der eilige Besucher wird ja nichts gewahr von der unendlichen Mühe und Arbeit, um all das zu schaffen, was hier blüht und gedeiht, und eine einwandfreie Beurteilung der Aussichten wäre nur dann möglich, wenn man genau die Zahl jener wüßte, die alles einsetzten und elend zugrunde gingen.
16. Zwischenspiel.
Choele Choel.

Stundenlange Autofahrt kreuz und quer über die Insel vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag, bald in Staubwolken gehüllt, bald in Schlamm steckenbleibend, eine reiche Fülle von Eindrücken, wüste Dürre, verschlammte Kanäle, überschwemmtes Land, roher buschbestandener Kamp und wieder samenschwere Alfalfafelder und Obstbäume, zusammenbrechend unter der Last der Früchte.
Kleine Pueblos über die Insel verstreut als Kultur- und Wirtschaftszentren, Zukunftsanlagen, Almacen und Fonda und einige Schuppen. Aber auch hier betont eine ein Denkmal darstellende Pyramide aus ungebrannten Ziegeln den Stadtcharakter.
In der Fonda Chacreros und Händler und lange, schmutzige, weinbefleckte Tische. An der Wand klebt ein Plakat, daß am Abend ein Varietésängerpaar große Festvorstellung geben wird. Gegenüber der Tür die Schenke, an der andern freien Wand ein großer Spiegel mit Frisiertoilette, Rasiermesser, Kämme, Bürsten; denn die Wirtschaft ist gleichzeitig Frisiersalon.
Der Wein, den der Wirt verschenkt, ist Inselprodukt. Die Salesianerpatres haben neben ihrer Arbeit im Weinberg des Herrn auch einen irdischen Weinberg aufgetan. Kirche und Schule liegt in ihrer Hand, und nebenbei haben sie die beste Bodega, wie man hier einen Winzerbetrieb nennt.
Dem Salesianerkloster ist auch äußerlich nichts anzumerken. Ein einstöckiger, schmutziger Ziegelrohbau. Aber durch Zimmer und winklige Korridore kommt man mit einem Male in einen hochgewölbten Kreuzgang, ein erstaunlicher Anblick in einem Lande, das nur Wellblech- oder Lehmbauten kennt. Die Erklärung ist einfach. Einer der beiden Patres war früher Architekt. Welch seltsames Schicksal mag ihn zum Salesianermönch gemacht haben! Nun mauert er Jahr für Jahr Gewölbe an Gewölbe, Kreuzgang, Schlafsaal, Kelterei und Weinkeller. Daneben wird Jahr für Jahr ein weiteres Stück roher Kamp gerodet und als Weinberg bestellt. Daneben der Schulunterricht und die geistliche Tätigkeit.
Wir müssen alles ansehen, Weinberg und Kelter, die zementenen Gärbottiche und das hohe Steingewölbe mit den großen Lagerfässern, in ihrer Art einzig im Rio-Negro-Tal. Und schließlich geht’s die enge Treppe hinunter in den Keller unter dem Kreuzgang.
Während wir eine Sorte nach der andern probieren müssen, erzählt der andere Pater ununterbrochen. Über der speckigen, mehr grünlichen als schwarzen Sutane sitzt ein kugelrunder Kopf, in seiner blühenden Farbe wie aus Rosenquarz gedrechselt, und alles darunter ist rundlich.
Ein ferner Klang wie von Geigenspiel streicht durch das Kellergewölbe. Wir stehen lauschend. „Unser Rennreiter“, meint Pater Rosenquarz.
Und er erzählt: „Eines Tages kam ein junger Mann und bat um Herberge. In diesem gastfreien Land ist es allgemein Sitte, jedem, der da kommt, Herberge und Essen zu gewähren. Es sind Arbeitsuchende oder Abenteurer oder auch nur Wanderlustige, die in monatelangen oder jahrelangen Märschen halb Südamerika durchwandern. Ich habe manchen von ihnen kennengelernt. Einer war dabei, der ganz Brasilien und halb Argentinien durchwandert hatte. Da er dem Mayordomo, bei dem er um Herberge gebeten, gefiel, fragte ihn dieser, ob er nicht bleiben und Arbeit nehmen wolle. Aber ein entrüsteter Ausruf war die Antwort: ‚Was, arbeiten! Ich bin zwei Jahre durch Brasilien gewandert, ohne zu arbeiten, und ich denke es hier in Argentinien auch nicht anders zu tun!‘ Trotz dieses vielfachen Mißbrauches der Gastfreundschaft wird doch der Estanciero jedem, der morgens kommt, Frühstück und Mittagbrot und jedem, der nachmittags eintrifft, Abendessen und Nachtlager geben.“
Solch einer war es auch, der zu den Salesianern gekommen war. Monatelang war er durch die Republik gewandert und am nächsten Tage wollte er weiter. Aber im Gespräch stellte es sich heraus, daß er Rennreiter und als berühmter Jockei durch die ganze Welt gekommen war. Bei seinem letzten Rennen in Buenos Aires hatte er sich den Kopf so bös zerschlagen, daß es nichts mehr war mit der Reiterei. Eine gute Stelle auf einer Estancia, die man ihm verschafft, gab er mir nichts dir nichts auf und begann ein Wanderleben.
Aber außer den Pferden hatte er immer noch seine Geige gehabt, und die hatte er mitgenommen und spielte den Patres darauf vor. Und als sie sein Spiel hörten, da meinten sie, das wäre eine treffliche Gelegenheit, um ihren Schülern Musikunterricht zu geben, und auf ihren Vorschlag blieb der ehemalige Rennreiter als Musiklehrer und Laienbruder bei den Salesianern.
Auf unsere Bitten riefen sie den Musikanten zu uns und zum Wein, einen hohen, schlanken Menschen in billigem Leinenanzug, aber mit Akzent und Allüren eines Wiener Aristokraten.
Paris und London, Sidney und New York waren ihm in gleicher Weise geläufig, und zwischen den Erzählungen von Rennen und Siegen schwirrten nur so die phantastischsten Zahlen von Gehältern und Gewinnen. Aber jetzt scheint das alles weit hinter dem noch jungen Mann zu liegen, und er, ruhig und abgeklärt, als habe es nie etwas anderes gegeben, als habe er nie etwas anderes erstrebt und gewünscht, als auf einem weltvergessenen öden Fleckchen einer Insel im Rio Negro mit zwei ein wenig fetten und schmutzigen, aber vergnügten und tüchtigen Patres zu sitzen und braunen, wilden Söhnen von Italienern, Spaniern und Indios Musikunterricht zu geben.
Wir merkten ihm den Wunsch an, uns vorspielen zu dürfen, und baten ihn darum. Mit todernstem Gesicht lehnte er sich an den Tisch, und wie er den Bogen ansetzte, schwand der kranke Ausdruck der Augen — von dem Sturz war das Hirn wohl noch immer ein wenig durcheinandergerüttelt —, und wie er nun spielte, saßen alle lauschend, wir und die Patres und der Indianerjunge, der den Wein einschenkte.
Immer leidloser und immer befreiender wurden die Lieder, und man sah die Mücken nicht mehr, die massenhaft um den brandroten Wein schwirrten. Und er spielte doch nur Wiener Walzer, Operetten, „Dorfkinder“ und „Zigeunerprimas“, aber aus dem Spiel schluchzte himmelhoch und sehnsüchtig der ganze Gegensatz heraus von hier und dort, von einst und jetzt.
17. Das Land der Kanäle.
Allen, Territorium Rio Negro.

Ein beinahe unheimlicher Eindruck erfaßt einen, wenn man zum erstenmal mitten in die Zone intensiver künstlicher Bewässerung kommt. Ein Schauer streift einen, als sei hier in fast frevelhafter Weise das Gesetz der Natur überwunden, indem der Mensch das Wetter meistert oder vielmehr seinen Einfluß ausschaltet und sich in der Bestellung des Bodens von Regen und Sonnenschein unabhängig macht. Der schlimmste Feind der argentinischen Landwirtschaft, die Trockenheit, sie, die in regelmäßigen Abständen Tausende von Existenzen zugrunde gehen ließ, die Früchte jahrelanger Arbeit in kürzester Frist zerstörte, die das Korn versengte und das Vieh in Massen mordete: hier ist sie überwunden. Die Landwirtschaft ist industrialisiert, ist ein maschinenmäßiger Betrieb geworden, dessen Gedeihen abhängt von dem richtigen Gang des technischen Apparates, der aber unabhängig ist von den Launen der Witterung. Ein später Frost kann wohl die Baumblüte zerstören und die Obsternte gefährden, aber dies ist auch fast das einzige, was dem Landmann das Wetter noch antun kann. Im übrigen ist der jährliche Ertrag etwas, was man mit Hilfe der Bewässerung selbst regelt. Der Landwirt braucht nicht ängstlich zum Himmel schauen, sei es, ob endlich der ersehnte Regen fällt oder ob der Himmel seine Schleußen schließt, um von der verregneten Ernte noch etwas zu retten. Es regnet nur im Winter, wenn es gleichgültig ist, und der Farmer selbst gibt seinen Pflanzen das an Wasser, was sie brauchen.
Die steil abfallenden Steinwände des patagonischen Hochlandes, deren Fels rot zu glühen scheint von der darauf brennenden Sonne, begrenzen das weite Tal, das eine Kuppel von intensivster unabänderlicher Bläue überspannt. Wo das Wasser noch nicht hinkam, trostlose Dürre, kaum daß der Boden ein paar dornige Büsche trägt, und unmittelbar daneben, soweit die Feuchtigkeit reicht, blühendes Grün.