Zweites Buch.
Reading edition
I.
An einem Sonntagmorgen las Anton emsig in dem letzten Mohikaner von Cooper, während vor dem Fenster die ersten Schneeflocken ihren Kriegstanz tanzten und sich vergeblich bemühten, in das Asyl der gelben Katze zu dringen. Da trat Fink eilig in das Zimmer und rief schon an der Thür: »Anton, zeige mir deine Garderobe.« Er öffnete den Kleiderschrank, untersuchte den Leibrock und die übrigen Stücke mit großem Ernst, schüttelte den Kopf und schloß seine Musterung mit den Worten: »Ich werde dir meinen Schneider heraufschicken, laß dir ein neues Gewand anmessen.«
»Ich habe kein Geld,« antwortete Anton lachend.
»Unsinn,« versetzte Fink, »der Schneider giebt dir Credit, so viel du willst.«
»Ich möchte aber nichts auf Credit nehmen,« erwiederte Anton und setzte sich behaglich auf dem Sopha zurecht, um gegen seinen mächtigen Rathgeber zu Gunsten guter Wirthschaft zu plaidiren.
»Diesmal mußt du eine Ausnahme machen,« entschied Fink, »es ist Zeit, daß du mehr unter Menschen kommst. Du sollst in die Gesellschaft treten, ich werde dich einführen.«
Anton stand erröthend wieder auf und rief eifrig: »Das geht nicht, Fink, ich bin hier ganz unbekannt und habe noch keine Stellung, welche mir die Sicherheit giebt, in großer Gesellschaft aufzutreten.«
»Eben deßhalb, weil du keine gesellschaftliche Courage hast, sollst du unter Menschen,« sagte Fink strafend. »Diese jammervolle Schüchternheit mußt du los werden, so schnell als möglich; sie ist der dümmste Fehler, den ein gebildeter Mensch haben kann. Verstehst du zu walzen? Hast du eine Ahnung davon, was eine Tour in der Quadrille ist?«
»Ich habe vor einigen Jahren in Ostrau Tanzstunde genommen,« versetzte Anton.
»Einerlei, du sollst noch einmal Tanzstunde nehmen. Frau von Baldereck hat mir gestern vertraut, daß einige Familien für ihre flüggen Märzhühnchen einen Tanzsalon einrichten wollen, damit diese in Sicherheit vor Raubvögeln die Flügel bewegen lernen. Die Tanzstunde soll in dem Hause der gnädigen Frau sein, welche ihr eignes Küchlein darin für den Markt einrichten will. Das ist etwas für dich, ich werde dich dort einführen.«
Antons Seele wurde durch diese Zumuthung heftig alarmirt, er setzte sich erschrocken wieder auf dem Sopha zurecht, und sagte mit aller Ruhe, über die er in diesem Augenblick verfügen konnte: »Fink, das ist einer von deinen tollen Einfällen, es ist unmöglich, daß ich darauf eingehe; Frau von Baldereck gehört zu der hiesigen Aristokratie, und die Tanzgesellschaft bei ihr wird ohne Zweifel aus demselben Kreise sein.«
»Ohne Zweifel,« nickte Fink, »reines blaues Blut, die Urgroßmütter sämmtlicher Damen haben ohne Ausnahme im deutschen Urwald die Ehre gehabt, der Fürstin Thusnelda die Nachtmütze nachzutragen.«
»Siehst du,« sagte unser Held, »wie kannst du den Einfall haben, mich in diese Gesellschaft zu bringen, du würdest mir nur das bittere Gefühl bereiten, zurückgewiesen zu werden, oder, was noch schlimmer wäre, eine übermüthige Behandlung zu erfahren.«
»Soll man da nicht die Geduld verlieren?« rief Fink entrüstet. »Gerade du und deinesgleichen haben mehr Recht, den Kopf hoch zu tragen, als der größte Theil der Societät, welche dort zusammenkommen wird. Und gerade Ihr seid es, die durch ungeschicktes Benehmen, bald durch Schüchternheit, bald durch Kriecherei die Prätensionen der Landjunkerfamilien erhalten. Wie kannst du dich selbst für schlechter halten, als irgend jemand Anderen? Ich hätte nicht gedacht, daß eine solche Niedrigkeit auch in deiner Seele Raum findet.«
»Du irrst,« erwiederte Anton erzürnt, »ich halte mich nicht für geringer, als ich bin, aber es wäre thöricht und anmaßend wenn ich mich in die Gesellschaft Anderer eindrängen wollte, welche mich aus irgend einem Grunde nicht gern sehen. Gerade mein Selbstgefühl verbietet mir, mit Solchen zu verkehren, welche einen Mann deßhalb geringer achten, weil er in einem Comtoir arbeitet.«
»Ich sage dir aber, deine Person wird den guten Leuten nicht unangenehm sein, ich stehe dir dafür,« sagte Fink überredend. »Du kennst die Gesellschaft nicht und denkst dir Alles viel zu schwer. Es ist Mangel an Herren, ich gelte etwas bei der Frau vom Hause — nebenbei gesagt, ich bin nicht stolz darauf; — sie hat mich gebeten, einige junge Männer meiner Bekanntschaft bei ihr einzuführen; ich führe dich ein, die Sache ist ganz in der Ordnung. Sieh das Geschäft doch etwas näher an. Was ist diese Tanzstunde? Es ist eine Art Actienverein zur Verbesserung der Waden aller Theilnehmer, du bezahlst deinen Antheil am Stundengeld wie jeder Andere, und ob du eine junge Comtesse oder ein Bürgermädchen in der Mazurka herumschwenkst, Taille ist Taille, die Bälger tanzen alle gern.«
»Es geht doch nicht,« antwortete Anton kopfschüttelnd, »ich habe das Gefühl, daß es unpassend wäre, und möchte diesem gehorchen.«
»Ich will dir einen Vorschlag thun,« sagte Fink ungeduldig; »du sollst in diesen Tagen mit mir einen Besuch bei Frau von Baldereck machen. Ich werde dich als Anton Wohlfart aus dem Comtoir der Firma »T. O. Schröter« vorstellen; du sollst kein Wort von der Tanzstunde erwähnen; du wirst abwarten, wie die gute Dame dich aufnimmt. Wenn diese Tanzmutter etwas Anderes ist, als eitel Liebenswürdigkeit, wenn sie dir auch nur die geringste Hauteur zeigt, und nicht selbst von der Tanzstunde anfängt, so sollst du vollständige Freiheit haben, bei deiner Weigerung zu beharren. Dagegen kannst du nichts Stichhaltiges einwenden.«
Anton zauderte und überlegte. Die Sache schien ihm keineswegs so einfach, wie Fink sie darstellte, aber er war nicht mehr der Mann, kaltblütig zu prüfen und zu wählen. Seit Jahren verbarg er einen Wunsch im Grund seiner Seele, die Sehnsucht nach dem freien, stattlichen, schmuckvollen Leben der Vornehmen. So oft er die Tanzmusik im Vorderhause hörte, so oft er von dem Treiben der aristokratischen Kreise las, sehr oft, wenn er mit sich allein war, wurde in ihm eine holde Erinnerung lebendig, das hohe Schloß mit Thürmen im Blumenpark und das adlige Kind, das ihn über den Schwanenteich gefahren. Jetzt wieder stieg das Bild in ihm auf, in dem goldenen Licht, das seine Poesie in jahrelanger Arbeit dazugethan. Er sprang auf und willigte in den Vorschlag des erfahrenen Freundes.
Eine Stunde darauf kam der Schneider, von Fink geführt, und Fink bestimmte selbst das Detail der neuen Ausstattung mit einer Sachkenntniß, welche dem Schneider nicht weniger als Anton imponirte.
Am Nachmittag leckte die Novembersonne den Schnee von den Steinen der Straße. Da steckte Fink einige merkwürdig aussehende Papiere in seine Brusttasche, schlenderte als müßiger Wanderer durch die lebhaftesten Straßen der Stadt und sah sich mit scharfem Blick um, wie ein Polizeibeamter, der Beute sucht. Endlich lenkte er mit zufriedenem Gesicht auf das Trottoir der entgegengesetzten Straßenseite und stieß dort auf zwei elegante Herren, welche, wie er, einsam durch das plebeje Treiben der Sonntagsspaziergänger zogen. Es war der Lieutnant von Zernitz und Herr von Tönnchen, beide von großem Unternehmungsgeist und untadelhaften Allüren.
»Teufel, Fink!« —
»Guten Tag, Ihr Herren!«
»Was treiben Sie so träumerisch auf der Straße?« frug Herr von Tönnchen.
»Ich suche Menschen,« erwiederte Fink melancholisch, »ein paar treue Gesellen, welche verdorben genug sind, an diesem langweiligen Sonntage bei Tageslicht eine Flasche Portwein zu trinken und mir vorher in einem kleinen Geschäft als Zeugen zu dienen.«
»Als Zeugen?« frug Herr von Zernitz. »Wollen Sie sich hinter der Kirche duelliren?«
»Nein, schöner Cavalier,« erwiederte Fink, »Sie wissen, ich habe diese Unart verschworen, seit der kleine Lanzau meiner Pistole den Hahn abgeschossen hat. Gerade jetzt bin ich sehr friedfertig, ein geplagter Geschäftsmann, würdiger Sohn der Handlung Fink und Becker. Ich suche Zeugen für eine notarielle Urkunde, welche eiligst ausgestellt werden muß. Ich finde wohl einen Notar, aber die gewöhnlichen Gerichtszeugen sind heut am Sonntag auf den Kegelschub gelaufen. Es wäre menschlich von Ihnen, wenn Sie mir diesen unglücklichen Nachmittag durchbringen hälfen, eine Viertelstunde beim Notar, den Rest beim Italiener.«
Mit Vergnügen waren die Herren bereit. Fink führte sie zu einem bekannten Notar und bat diesen, vor beiden Zeugen eine Abtretungsurkunde auszustellen, da die Cession sofort erfolgen müsse und die Sache von größter Bedeutung sei. Er überreichte ein ehrwürdiges, in englischer Sprache geschriebenes Document, worin der Generaladvocat irgend einer County im Staat New-York urkundlich offenbarte, daß Herr Fritz von Fink Eigenthümer des Territoriums Fowlingfloor, sowohl des Grund und Bodens, als der darauf befindlichen Gebäude, Bäume, Gewässer und aller daran haftenden Nutzungen sei. Darauf erklärte er vor dem Notar, daß er alle nach dieser Urkunde ihm zustehenden Eigenthumsrechte an Herrn Anton Wohlfart, zur Zeit im Geschäft von T. O. Schröter, cedire. Zahlung dafür sei vollständig geleistet. Endlich bat er den Notar inständig, das Document schleunigst auszustellen und über die ganze Sache Stillschweigen zu beobachten. Der Herr versprach das, und die beiden Zeugen unterschrieben die Verhandlung. Beim Herausgehen bat er diese ebenfalls mit mehr Ernst, als er sonst zu verwenden pflegte, diesen Act als tiefes Geheimniß zu bewahren und vor Allem gegen Herrn Anton Wohlfart selbst ein unverbrüchliches Schweigen zu beobachten. Beide gelobten das mit einiger Neugierde, und Herr von Zernitz konnte nicht umhin, zu bemerken: »Ich will nicht hoffen, Fink, daß Sie hier Ihr Testament gemacht haben, in diesem Falle wäre ich Ihnen dankbar gewesen, wenn Sie mir Ihre Büchse vermacht hätten.«
»Wenn Sie die Büchse von dem lebendigen Fink annehmen wollen,« erwiederte Fink, »so werden Sie ihn sehr glücklich machen.«
»Teufel!« rief der gutmüthige Lieutnant fast erschrocken, »so war es nicht gemeint. Ich weiß doch nicht, ob ich das mit gutem Gewissen annehmen darf.«
»Thun Sie es immerhin,« sagte Fink freundlich, »ich habe das Rohr satt, es wird bei Ihnen in guten Händen sein.«
»Es ist ein kostbares Geschenk,« warf der Lieutnant mit Gewissensbissen ein.
»Es ist ein altes Rohr,« sagte Fink, »und morgen müssen Sie es ohne Widerrede annehmen, denn heut werden Sie mich nicht los, Sie sollen mit mir zu Feroni. Was aber die geheimnißvolle Abtretung der Güter betrifft, so handle ich hier nicht ganz freiwillig. Es ist eine Art politisches Geheimniß dabei, das ich auch Ihnen nicht mittheilen kann, schon deßhalb nicht, weil mir die Sache selbst noch nicht recht klar ist.«
»Ist denn das Gut groß, welches Sie abgetreten haben?« frug Herr von Tönnchen.
»Ein Gut?« frug Fink und sah nach dem Himmel, »es ist gar kein Gut. Es ist eine Bodenfläche, Berg und Thal, Wasser und Wald, ein freilich kleiner Theil von Amerika. Und ob dieser Besitz des Herrn Wohlfart groß ist? Was nennen Sie groß? Was heißt groß auf dieser Erde? In Amerika mißt man die Größe des Landbesitzes nach einem andern Maaß, als in diesem Winkel von Deutschland. Ich für meinen Theil werde schwerlich je wieder eine solche Besitzung mein Eigenthum nennen.«
»Wer ist denn aber dieser Herr Wohlfart?« frug auf der anderen Seite der Lieutnant.
»Sie sollen nächstens seine Bekanntschaft machen,« antwortete Fink. »Er ist ein netter Junge aus der Provinz, über dem ein merkwürdiges Schicksal schwebt, von dem er selbst zur Zeit noch gar nichts weiß und nichts wissen darf. Doch genug von Geschäften. Ich habe für diesen Winter etwas mit Ihnen vor. Sie sind zwei alte Knaben, aber Sie müssen doch noch einmal Tanzstunde nehmen.«
Bei diesen Worten traten sie in die Weinstube des Italieners, wurden von Feroni mit tiefen Bücklingen empfangen und vertieften sich schnell in Untersuchungen über die Reize der schweren Weine von Portugal.
Frau von Baldereck war eine Hauptstütze der allerbesten Gesellschaft, welche durch die Familien des Landadels, einige höhere Beamte und Offiziere gebildet wurde. Es war schwer zu sagen, welche Vorzüge der Dame eine solche Achtung gebietende Stellung verschafft hatten; sie war weder sehr vornehm, noch sehr reich, noch sehr elegant, noch sehr geistreich, noch sehr medisant, aber sie besaß von allen diesen Eigenschaften etwas. Sie hatte in ihrem Privatleben stets so viel als irgend möglich auf Grundsätze gehalten und hatte das Selbstgefühl gehabt, sich den Anspruchsvollen niemals aufzudrängen. Wegen dieser constanten Mäßigung war sie von der öffentlichen Meinung erhöht worden. Sie besaß eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft, war vertraut mit allen Heirathen und Verwandtschaften aller Familien der Provinz, stand in allen distinguirten Häusern auf der ersten Seite der Einzuladenden und machte als Wittwe selbst ein mäßiges Haus, welchem der Hahnfederbusch eines Jägers und zwei fette Rappen zu anständigem Schmuck gereichten. Frau von Baldereck war nach alledem eine regelrechte Dame, welche Personen und Ereignisse genau nach den Vorurtheilen der Gesellschaft, in welcher sie lebte, zu beurtheilen wußte; deßhalb wurde ihr Urtheil überall mit großer Achtung angehört. Daß sie außerdem nicht ohne Gutmüthigkeit war, rechnete ihr die Gesellschaft, für welche sie lebte, wahrscheinlich nicht so hoch an, als der alte Engel des Gerichts, welcher im Himmel über die Thaten der Menschen Buch führt, und welcher, nebenbei bemerkt, nach der Usance seines heiligen Geschäfts oben auf die Seiten des Buches statt des irdischen Credit und Debet die Wörter Schaf und Bock zu schreiben pflegt und alle Creditposten auf die rechte Seite, die Böcke aber auf die linke setzt. — Frau von Baldereck hatte eine junge Tochter, welche ihr sehr ähnlich zu werden versprach, und bewohnte einen ersten Stock mit großen Zimmern, worin seit einer Reihe von Jahren häufige Proben von Aufzügen, dramatischen Vorstellungen und lebenden Bildern abgehalten wurden.
Die einflußreiche Dame war gerade in vertraulicher Berathung mit einer Schneiderin, sie überlegte, wie tief der Ausschnitt der Kleider eingerichtet werden dürfe, um die tadellose Büste ihrer Tochter im besten Licht zu zeigen, und doch wieder in der Tanzstunde keinen Anstoß zu erregen, als Fink, ihr Liebling, gemeldet wurde. Eilig schob sie die Tochter, die Schneiderin und die Kleider bei Seite und erschien in dem Besuchzimmer mit der Gemüthlichkeit einer Hausfrau, welche für sich selbst nicht mehr übermäßige Ansprüche macht.
Nach den einleitenden Bemerkungen über die Ereignisse der letzten Abendgesellschaft und die langen Hängelocken der Comtesse Pontak sagte Fink, indem er angelegentlich einen Fußschemel maltraitirte, auf welchem ein schlafender Pinscher, von der Tochter des Hauses gestickt, unter den Fußbewegungen des Gastes stöhnte: »Ich habe Ihren Auftrag ausgerichtet, Lady Patroneß, und bringe Ihnen vorläufig drei Herren.«
»Und wer sind diese?« frug die Dame vom Hause erwartungsvoll, vergaß die Leiden des gestickten Pinschers und rückte näher an ihren Verbündeten.
»Zuerst Lieutnant von Zernitz,« sagte Fink.
»Eine gute Acquisition,« rief die gnädige Frau erfreut, denn der Lieutnant war, was man einen geistreichen Offizier nennt, er machte niedliche Verse in Familienalbums und zu verlorenen Vielliebchen, war unübertrefflich im Arrangement von mimischen Darstellungen und stand in dem Ruf, irgend einmal in ein Taschenbuch eine Novelle geschrieben zu haben. »Herr von Zernitz ist ein liebenswürdiger Gesellschafter.«
»Ja,« sagte Fink, »aber Portwein kann er nicht vertragen. Der Zweite ist Herr von Tönnchen.«
»Eine alte Familie,« bemerkte die Frau vom Hause; »ist er nicht etwas wild?« fügte sie schüchtern hinzu.
»Behüte,« sagte Fink, »die Familie hat immer viel Grundsatz gehabt; er ist gar nicht wild, nur zuweilen hat er die Eigenschaft, Andere wild zu machen.«
»Und der Dritte?« frug die Dame.
»Der Dritte,« sagte Fink, »ist ein Herr Wohlfart.«
»Wohlfart?« frug die gnädige Frau befremdet und sah ihren Besuch unruhig an, »die Familie kenne ich nicht.«
»Das ist sehr möglich,« erwiederte Fink kaltblütig, »es giebt zu viele Leute mit und ohne Namen, als daß man sich um Alle kümmern könnte. Herr Wohlfart ist vor einigen Jahren aus der Provinz hierher gekommen, um vorläufig die Geheimnisse des Handels durch eigene Anschauung kennen zu lernen; er arbeitet im Geschäft des Kaufmann Schröter, gerade wie ich.«
»Aber, lieber Fink!« schaltete die Dame ein.
Fink ließ sich nicht stören, er legte sich in den Armstuhl zurück und blickte nach dem Grau der Arabesken an der Decke. »Herr Wohlfart ist ein merkwürdiger und interessanter Gesell. Es hat mit ihm eine eigene Bewandtniß. Er selbst ist der bescheidenste und bravste Mann, der mir je vorgekommen, er ist hier aus einer Ecke der Provinz, aus Ostrau, der Sohn eines verstorbenen Beamten. Aber es schwebt ein Geheimniß über ihm, von dem er selbst noch nichts weiß.«
»Aber, Herr von Fink,« versuchte die Dame wieder einzufallen.
Fink sah eifrig nach den Schnörkeln der Decke und fuhr fort: »Er ist bereits in diesem Augenblick Eigenthümer eines Landgebietes in Amerika, die Besitzurkunde ist durch meine Hände gegangen, und im Vertrauen, er selbst hat keine Ahnung von diesem Besitz, und die Sache soll ihm auch vorläufig ein tiefes Geheimniß bleiben. Wie ich glaube, hat er alle Aussicht, in Zukunft mehr als Millionen zu besitzen. — Haben Sie den verstorbenen Großfürsten, hier nebenbei, gekannt?« Fink wies mit der Hand bedeutsam nach irgend einer Himmelsgegend.
»Nein,« sagte die gnädige Frau neugierig.
»Es giebt Leute,« fuhr Fink fort, »welche behaupten, daß Anton ihm sprechend ähnlich sieht. Was ich Ihnen sage, ist übrigens mein Geheimniß, mein Freund selbst lebt in vollständiger Unkenntniß aller dieser Beziehungen, durch welche möglicher Weise seine Zukunft bestimmt werden kann. Bekannt ist nur der Umstand, daß der verstorbene Kaiser bei seiner letzten Reise durch diese Provinz in Ostrau angehalten und sich längere Zeit mit dem Geistlichen des Ortes leise und angelegentlich unterhalten hat.«
Diese letzte Mittheilung war in der Hauptsache richtig, denn Anton hatte dasselbe vor einiger Zeit dem Jokei erzählt, wie man eine Erinnerung aus der Kinderzeit zu erwähnen pflegt. Er hatte sogar noch zugesetzt, daß der Geistliche seiner Heimath in dem letzten großen Krieg Feldprediger gewesen war, und daß der Kaiser ihn gefragt: »Sie haben gedient?« und eine Weile darauf: »Bei welchem Corps?«
Fink hatte nicht für nöthig gefunden, das kleine Ereigniß so ausführlich darzustellen. Frau von Baldereck aber war durch diese perfiden Andeutungen in eine gewisse neugierige Stimmung gebracht, sie erklärte sich bereit, Herrn Wohlfart in ihrem Hause zu empfangen.
»Und jetzt noch eine Bitte,« sagte Fink sich erhebend: »Was ich Ihnen über meinen Freund mitgetheilt habe, gütige Fee« — die Fee wog über sieben Stein — »das lassen Sie ein Geheimniß zwischen uns Beiden sein. Ihrem Zartgefühl durfte ich anvertrauen, was ich in jedem fremden Mund als eine Indiscretion gegen mich und Herrn Wohlfart ahnden müßte.« Er sprach den Namen so ironisch aus, daß die Dame fest überzeugt war, der geheimnißvolle, in einem Comtoir verpuppte Herr werde nächstens als Prinz der Aleuten und Kurilen oder in irgend einer andern unerhörten Würde auftreten.
»Wie aber soll ich,« frug sie beim Abschied, »den Herrn bei unsern Bekannten einführen?«
»Nur als meinen besten Freund, ich bürge in jeder Hinsicht für ihn und habe die Ueberzeugung, daß unser Kreis sich selbst den größten Gefallen thut, wenn er den Herrn mit Zuvorkommenheit aufnimmt.«
Als Fink auf der Straße war, murmelte er respectwidrig: »Diese alte Person fuhr wie eine Ente nach dem Köder und tauchte bis zum Steiß in meine Lügen unter. Als ehrlicher Leute Kind wäre der arme Junge von ihnen über die Achseln angesehen worden. Jetzt glauben sie zu wissen, daß irgend ein fremder Potentat, vor dem zu kriechen sie für eine Ehre halten, an dem Jungen Antheil nimmt. Jetzt werden sie ihn mit einer Artigkeit behandeln, die meinen Kleinen bezaubern wird. Ich hätte nicht gedacht, daß das alte Sandloch am Strande von Long-Island und die verfallene Vogelhütte darin mir je in meinem Leben zu einem solchen Spaß verhelfen würden.«
Der Same, welchen Fink ausgestreut hatte, war auf empfänglichen Boden gefallen. Frau von Baldereck hatte als kluge Frau bei der Tanzstunde auch ihre kleinen Privatinteressen im Auge. Sie war doch einmal vor Allem Mutter und hatte es in der That auf niemand Geringeren, als Herrn von Fink selbst abgesehen. Ihre Tochter war fünfzehn Jahr alt, und Fink besaß alle Eigenschaften, welche ihr an dem künftigen Gemahl ihrer Tochter wünschenswerth erscheinen mußten; er war eine in jeder Hinsicht ungewöhnliche Partie, und sie war deßhalb überzeugt, daß er ihre Tochter glücklich machen würde. Aus langer Erfahrung wußte sie, daß solche Privattanzstunden ein vortreffliches Mittel sind, erfahrenen, etwas blasirten Herren sehr junge Damen im besten Licht zu zeigen; die Hauptschwierigkeit dabei ist nur, diese Art Herren überhaupt zur Theilnahme an solchen Vergnügungen heranzuziehen. Sie hatte eine durchaus nicht unnatürliche Angst, daß Fink für die Tanzstunde kein Herz haben würde. Zu ihrer Ueberraschung hatte er sich mit ziemlicher Wärme bereit erklärt, einen ganzen Winter lang in ihrem Hause zu walzen, ja er hatte sogar zur Bedingung gemacht, daß Fräulein Eugenie ihn zum bevorzugten Tänzer im Voraus annehmen solle. Und deßhalb hatte die triumphirende Mutter sich gerade so sorgfältig mit dem Schnitt der Tanzkleider beschäftigt, als Fink seinen Schützling Anton bei ihr empfahl. Vielleicht hätte sie auch ohne seine ungewöhnliche Empfehlung ein Opfer gebracht und das Geschöpf des Comtoirs in ihrer Tanzstunde zu verantworten gesucht, indeß waren ihr die Andeutungen des Schelms doch sehr willkommen. Wahrscheinlich hatte sie selbst einige Zweifel über die abenteuerlichen Verhältnisse, denn Finks Weise war so, daß man ihm niemals recht trauen konnte; aber ihre Mutterliebe trieb sie, auch auf das Dunkle und Ungenügende Gewicht zu legen. Sie eilte in die befreundeten Familien, den Gewinn an Herren mitzutheilen und Herrn Wohlfart durch einige geheimnißvolle Andeutungen auszuschmücken. Als das Wenige, was sie sagen konnte, auf einmal von anderer Seite durch eben so geheimnißvolle Andeutungen zweier Herren von Charakter Bestätigung erhielt, wurde sie selbst in dem Glauben fest, daß hier ein ungewöhnlicher Fall vorliege. Nach wenig Tagen ging ein Summen durch die gute Gesellschaft, daß in der Tanzstunde ein bürgerlicher Herr von ungeheurem Vermögen auftreten werde, für den der Kaiser von Rußland in Amerika unermeßliche Besitzungen gekauft habe.
Einige Tage darauf wurde Anton durch Fink in das Haus der gnädigen Frau geführt, im neuen Frack, in regelrechten Glacéhandschuhen, ein Opferlamm finsterer Mächte, welche im Begriff waren, den Frieden seines Innern zu zerstören. Sie lauerten in dem Hause der gnädigen Frau und schnürten dem eintretenden Anton schon im Hausthor die Brust zusammen. Sie saßen auf der viereckigen Laterne, welche am Gewölbe des Hausflurs baumelte, sie hingen mit ausgebreiteten Händen an dem Holzgeländer der Treppe und steckten durch die großen Bogenlöcher des Geländers ihre Geisterzungen mit höhnischem Lachen gegen ihn aus. Fink sah mit unwilligem Blick, wie sein Opfer den röthlichen Schimmer der Beklommenheit erhielt, er raunte ihm noch zu: »Unterstehe dich nicht, vor diesem Volke roth zu werden,« warf dem Diener herablassend seinen Ueberrock zu und führte den Freund unter die Augen der gnädigen Frau. Diese war wirklich, wie Fink prophezeit hatte, eitel Zuvorkommenheit. Mit Neugierde und einem gewissen menschlichen Antheil sah sie auf den hübschen schüchternen Jungen, der mit seinem treuherzigen Gesicht vor ihr stand und vollständig geneigt schien, ihre Macht auf sich wirken zu lassen.
Anton sagte ihr mit einer tiefen Verbeugung: »Nur die Versicherung meines Freundes, daß Sie, gnädige Frau, mir nicht zürnen werden, hat mir den Muth gegeben, Ihnen persönlich meine Ehrfurcht zu bezeigen.« Und die Dame lächelte holdselig, oder wie der Unhold Fink diese Thatsache auffaßte, sie grinste, und entgegnete: »Herr von Fink hat mir die Hoffnung gemacht, daß Sie diesen Winter ein regelmäßiger Gast bei unsern kleinen Tanzübungen sein werden.«
Darauf konnte sich Anton nicht enthalten, zu erröthen, sehr glücklich auszusehen und zu versichern: »Ich würde mit Vergnügen theilnehmen, wenn ich die Meinung haben könnte, in der fremden Gesellschaft nicht lästig zu werden.«
Nachdem dies mit Eifer verneint worden war, trat Fräulein Eugenie herein, Anton wurde auch dieser vorgestellt, erhielt einen so schnippischen Knix, als fünfzehnjährige Damen fremden Herren zu machen pflegen, und stieg nach einer Viertelstunde, ganz entzückt über die Anmuth der Familie, mit seinem Mentor Fink die Treppe herab. Der unschuldige Junge hing sich vergnügt an den Arm des Freundes und versicherte diesem auf der Straße ernsthaft: »Ich habe mir nicht vorgestellt, daß es so leicht ist, mit eleganten Leuten zu verkehren.«
Fink brummte etwas in sich hinein, was ebenso gut eine Bestätigung dieser Ansicht als das Gegentheil ausdrücken konnte, und sagte: »Im Ganzen bin ich mit dir zufrieden. Du hast trotz deines neuen Fracks dagesessen, wie ein nackter kleiner Engel in einem durchsichtigen Battistkleide. Indessen das nackte Wesen steht dir nicht ganz schlecht. Nur das verfluchte Erröthen wirst du dir diesen Winter abgewöhnen müssen, bei einer schwarzen Cravatte ist es bekanntlich allenfalls noch zu ertragen, aber über einer weißen Halsbinde sieht es abscheulich aus. Du siehst dann aus, wie ein apoplektischer Amor.«
Frau von Baldereck dagegen fand von ihrem Standpunkt die Anspruchslosigkeit des geheimnißvollen Jünglings wahrhaft rührend, und als ihre Tochter mit Bestimmtheit aussprach: »Fink ist ein ganz anderer Mann und gefällt mir viel besser,« da schüttelte sie den Kopf und sagte lächelnd: »Das verstehst du nicht, mein Kind, es ist ein Adel und eine natürliche Grazie in den Bewegungen des Fremden, ein gewisser Charme, der ganz bezaubernd ist.«
Der große Tag, an welchem die Tanzstunde feierlich eröffnet werden sollte, war gekommen. Hastig kleidete sich Anton nach dem Schluß des Comtoirs an und trat in Finks Zimmer, diesen abzuholen. Der Mentor untersuchte mit prüfendem Blick den Anzug des Novizen. »Zeige dein Taschentuch,« sagte er. »Bunte Seide? Schäm' dich. Hier ist eines von meinen. Gieß dir etwas Parfüm darauf. Wo sind deine Handschuhe?«
Mit solchen Lehren führte er den Freund vor das erleuchtete Haus der Baronin.
Als Anton die Treppe des Hinterhauses hinabschritt, öffnete sich die Thür von Jordans Zimmer, und Herr Specht steckte seinen Kopf am Ende eines langen Halses über die Treppe und sandte dem Collegen seinen neugierigsten Blick nach.
»Er geht,« rief er in die Stube zurück, »es ist unerhört. So etwas hat sich noch nicht ereignet, so lange die Welt steht. Es sind lauter Adlige dort. Das wird eine schöne Geschichte werden.«
»Zuletzt, warum soll er nicht gehen, wenn sie ihn einladen?« sprach der gutmüthige Herr Jordan, um den stummen Vorwürfen der Collegen zu begegnen. Keiner wußte etwas dagegen zu sagen, nur Herr Pix rief ärgerlich vom Sopha: »Mir aber gefällt's nicht, daß er eine solche Einladung annimmt. Er gehört in das Comtoir und zu uns. Etwas Gutes wird er unter den Schwadronirern nicht lernen. Fensterglas in's Auge kneifen und Süßholz raspeln, und das wird noch nicht das Schlechteste sein.«
»Es soll merkwürdig bei diesen Tanzgesellschaften zugehen,« rief Specht. »Aeußerst frivol, Liebesgeschichten und Duelle jeden Tag. Aber Wohlfart hat immer einen Tik auf solche Dinge gehabt. Nächstens wird er an einem Morgen mit seinen Pistolen unterm Arm ausgehen, und wie er zurückkommen wird, das will ich gar nicht sagen. Auf seinen Füßen nicht, das ist sicher.«
»Unsinn,« erwiederte Pix ärgerlich, »es giebt dort nicht mehr Händel, als bei andern Leuten.«
»Und französisch muß er sprechen,« fuhr Specht unaufhaltsam fort.
»Warum nicht russisch?« rief Herr Pix.
Hier geriethen Herr Pix und Herr Specht in einen Streit über die Sprache, durch welche man sich im Salon der Frau von Baldereck verständlich mache. Aber alle Collegen waren darin einig, daß dieser Besuch der Tanzstunde für Wohlfart ein äußerst gewagter und verhängnißvoller Schritt sei, der unaussprechliches Unheil bereite und die gesammte menschliche Ordnung störe.
»Er ist gegangen,« rief die Tante, von einer Conferenz mit dem Bedienten zurückkehrend.
»Das ist wieder ein Streich seines Freundes Fink,« sagte der Prinzipal.
Sabine sah auf ihre Arbeit nieder. »Mich freut's,« sagte sie endlich, »daß Fink seinen Einfluß dazu benutzt, dem Freunde ein Vergnügen zu machen. Er selbst tanzt nicht gern, und ihm persönlich ist dies Kränzchen gewiß eher ein Opfer, als eine Freude.« Der Bruder sah die Schwester prüfend an, sie nickte ihm leise zu. »Und wie gönne ich's Wohlfart, daß er unter Menschen kommt! Er ist am meisten von allen Herren zu Haus. Fast jeden Abend, wenn ich zu Bette gehe, sehe ich bei ihm die Lampe brennen. Die Andern haben Verwandte oder gute Freunde von früher her, er ist ganz allein, er hat nichts, als was dieses Haus einschließt. Es ist hart, das ganze Jahr so zu leben.«
»Er hat sich bis jetzt brav gehalten,« sagte der Prinzipal, »wollen sehen, ob das Dauer hat.«
»Aber wie war es möglich, daß er in diese Gesellschaft —« rief die Tante. »Bedenkt doch, diese Frau von Baldereck —«
Sabine tippte mit dem Fingerhut auf die Tischplatte. »Fink hat's ihnen befohlen,« sagte sie, »und das war hübsch von ihm. Und zum Dank dafür soll er morgen trotz dem ernsten Gesicht meines Chefs sein Lieblingsgericht erhalten.«
»Also Schinken mit Burgundersauce,« rief die Tante. »Aber ich bitte dich, wie wird sich Wohlfart unter diesen Uniformen ausnehmen? Und wie wird er mit diesen Lebemännern fertig werden? Er kann's ihnen nicht gleich thun. Dazu gehört doch wenigstens Geld.«
»Dafür laß ihn sorgen,« erwiederte Sabine fröhlich. »Um den grämen wir uns nicht.«
»Er ist gegangen,« sagte Karl am Abend zu seinem Vater. »Kleine lackirte Glanzstiefeln, ich habe sie geholt. Herr von Fink verbot ihm, Schuhe anzuziehen. Und ein neuer Hut, Alles vom Kopf bis zu Füßen neu. So also sieht man aus, wenn man bei vornehmen Leuten tanzen will.«
»Du möchtest wohl auch tanzen gehen?« frug der Vater.
»Nein,« erwiederte Karl, »aber ich möchte sehen, wie sie's auf einem Balle machen.«
»Sieh in den blauen Mond nebenan, da kannst du es alle Sonntage sehen; es ist bei den Vornehmen auch nicht anders, nur daß sie einander etwas behutsamer anfassen, und außerdem mit Handschuhen.«
»Na, morgen wird's einen guten Staub in den Kleidern geben,« sagte Karl.
»Es ist ein staubiges Vergnügen,« bestätigte der Riese. »Es besteht im Umwenden, es besteht im Springen, man dreht sich zuerst auf die eine Seite und hernach auf die andere. Man versucht sich selber von der Erde zu heben, was immer unmöglich ist. Man wird heiß, man trinkt ein Glas oder auch mehrere und zuletzt wird eine Kußpolonaise getanzt. Wenn man heirathen will, ist das Ding nothwendig. So weit bist du noch nicht, bis dahin hat's noch manches Jahr Zeit.«
»Aber Herr Wohlfart ist auch noch nicht so weit,« erwiederte Karl. »Das wäre eine schöne Geschichte, wenn der jetzt ein Fräulein heirathete mit zwei Schimmeln und versilbertem Pferdegeschirr.«
»Ja, da wird wohl nichts helfen,« sagte der Vater kopfschüttelnd, »mit Tanzen fängt's an, mit der Hochzeit hört's auf. Es ist mir auch so gegangen.«
»Dich hätte ich auch sehen mögen,« rief Karl.
»Oho,« rief der Riese, »ich habe zu meiner Zeit getanzt wie ein Kreisel, Walzer, Hopswalzer, russischen Walzer und im Großvatertanz hatte ich nicht meines Gleichen.«
Karl sah den Vater mißtrauisch an. »Ja,« fuhr der Riese vergnügt in der Erinnerung fort, »wenn der Fußboden fest ist und gute Kameraden dabei, so lasse ich mir die Arbeit schon gefallen. — Es war großer Ball im Bürgerverein, ich war geladen, der Wilhelm mit, welcher damals noch ein schmächtiger Junge war. Ich gedenke es wie heute, ich hatte einen blauen Rock an mit blanken Knöpfen und stand mitten im Saal und sah auf die Gesellschaft, die sich um mich herumdrehte. Da fiel mir deine Mutter in die Augen, ach, ein niedliches Ding, wie eine Puppe saß sie da; neben ihr saß ihr Vater als Schlossermeister. »Guten Abend, Hans,« rief der Schlosser mich an, »bist du auch da?«
»Ich sollt's denken, Gevatter,« sagte ich und trat näher, und je mehr ich mir die Puppe besah, desto besser gefiel sie mir. »Dies ist meine Tochter,« sagte der Schlosser, »du kennst wohl das Mädel gar nicht mehr? Sie ist zwei Jahre auf dem Lande bei der Muhme gewesen.« »Wie sie hübsch geworden ist!« sagte ich, »sie ist rund und sie ist nett, wie gedrechselt.« Die Kleine wurde roth, und auch ich wurde feurig. »Na,« sagte der Schlosser, »wenn du mit ihr tanzen willst, immerzu! Greif sie nur nicht zu hart an.« »Nur zart,« sagte ich und führte sie zum Tanz. Wir mochten wohl contrair ausgesehen haben, das kleine Blitzmädel und ich, und ich glaube, die Leute lachten.
»Das hättest du nicht leiden sollen,« rief Karl, der sich ihm gegenübergesetzt und die Arme untergeschlagen hatte.
»Es war nicht böse gemeint,« sagte der Alte, »und deine Mutter gestand mir nach den ersten Tänzen, sie mache sich nichts daraus, wenn auch die Leute lachten. Ja, und sie sagte, es tanze sich gut mit mir. Natürlich tanzte ich den ganzen Abend mit ihr, nun erst recht. Und beim letzten Tanz gab es ihretwillen noch einen Handel mit dem Wilhelm, denn wie er sah, daß ich mit ihr tanzte, wollte er auch mit ihr tanzen, und wie er merkte, daß ich ihr den Hof machte und mich um sie herumdrehte und mir in die Haare fuhr und draußen vor dem Saale beim Blumenmädchen einen Strauß für sie kaufte und einen für mich, da kaufte er auch zwei Sträuße und drehte sich um sie herum wie ein Finkenhahn, bis ich ihn zuletzt bei Seite zog und ihm sagte: »Siehst du, Wilhelm, bei jedem Wagen, und bei jedem Faß, und bei jedem Collo sollst du deine Hand haben, wo ich meine habe, aber hier bei dieser Schlosserstochter nicht rühran!« »Warum nicht?« frug er. »Warum,« sagte ich, »weil wir Freunde sind, Wilhelm, und ich dir keinen Puffer geben möchte, und ich dich nicht abwalken möchte vor den Leuten.« »Weißt du was,« sagte er, »du bist schalu.« Da merkte ich, wie ich daran war. Seit dem Tage war ich verliebt. Auch du wirst merken, wie das thut. Es macht unruhig, und es bringt in Unordnung, und es macht hitzig, und man fängt an zu singen, man schreibt Briefe und kauft sich einen neuen Rock. So treibt's Jeder, und so habe ich's gemacht. Durch sechs Wochen, dann war die Hochzeit. Und dein Großvater bestand darauf, daß alle Auflader dazu geladen wurden. Und beim Polterabend tanzten wir Auflader mit einander eine Kegelquadrille, und ich war der erste Kegel. Das Haus erschütterte sich wohl, aber es ist kein Unglück geschehen, nur der Kronleuchter wurde zerbrochen.
»Potz Wunder!« rief Karl, »das hätte ich sehen mögen; schade, daß ich nicht dabei war!«
»Du ungezogener Knirps,« sagte der Vater, »wie konntest du dabei sein, an dich war damals noch gar nicht zu denken. Natürlich nicht, es war ja erst die Vorbereitung.«
»Wenn Wohlfart nur nicht zu spät nach Hause kommt, das kann Herr Schröter nicht leiden,« sagte Karl.
Unterdeß öffnete der Bediente die Flügelthüren zum Salon der Frau von Baldereck, und Fink und Anton betraten eine Reihe erleuchteter Zimmer, in denen sich eine große Anzahl eleganter Damen und Herren Thee trinkend, schwirrend und mit den Flügeln schlagend durcheinander bewegte. Die Mütter und Verwandten der jungen Damen waren geladen, um der Eröffnung der Tanzstunde beizuwohnen. Fink raunte dem Freunde noch in's Ohr: »Sei nur so unverschämt, als du kannst, es ist Alles dummes Zeug,« — und führte den Widerstandslosen vor das Angesicht der Frau vom Hause.
Anton wurde huldreich empfangen, machte seine Verbeugung und sah in seiner Angst nicht, daß die Blicke des Kreises, in den er getreten war, sich mit wahrhaft unverschämter Neugierde auf ihn hefteten. »Ich werde Sie der Gräfin Pontak vorstellen,« sagte seine gütige Patronin und führte den Schützling, der tief Athem holte, vor die Füße einer hagern langen Frau von unbestimmtem Alter, welche auf einem erhöhten Platz, von Damen und Herren umgeben, thronte. »Liebe Betty, hier Herr Wohlfart.« Anton sah in dieser Angststunde, daß die liebe Betty eine lange pergamentene Nase, wenig Lippen und ein recht hartes abstoßendes Gesicht besaß, er fühlte zwei stechende Blicke an seinem Gesicht herumpicken und senkte sein Haupt halb zum Gruß, halb mit der Ergebenheit eines Kriegsgefangenen. Die Gräfin saß kerzengerade bei seiner Verbeugung und frug von ihrer Höhe mit gleichgültiger Stimme: »Sie sind ein Freund des Herrn von Fink?«
»Zu Befehl, Frau Gräfin,« antwortete Anton.
»Und Sie leben noch nicht lange hier in der Stadt?« Jedes Gespräch in der Nähe hörte auf, mehr als zwanzig Augen stachen den armen Anton.
»Doch schon einige Jahre,« antwortete Anton wieder.
»Sie sind ja wohl ein Ausländer?« fuhr Betty in gemüthvoller Conversation fort.
»Ich bin in dieser Provinz geboren und erzogen,« antwortete Anton.
Ein »So?« kam eisig von den Lippen der Dame. »Und woher?«
»Aus Ostrau,« erwiederte Anton schnell das Haupt erhebend. Das Verhör wurde ihm drückend, er wußte selbst nicht, weshalb, und seine Schüchternheit verflog vor dem aufsteigenden Aerger.
»Mein Freund, stolze Herrin, ist ein halber Slave,« sagte Fink, zur rechten Zeit dazwischen tretend, »obgleich er leidenschaftlich dagegen protestirt, wenn man an seiner deutschen Herkunft zweifelt. Dafür macht er Hoffnung, dereinst ein guter Engländer zu werden. In diesem Augenblick theilt er meinen Wunsch, Gnade vor Ihren Augen zu finden. Ich empfehle ihn Ihrer Huld; Sie haben so eben eine Probe von Ihrem Talent gegeben, fremder Menschen Natur zu erforschen; gönnen Sie jetzt meinem Freunde, was wir Alle an Ihnen bewundern, Ihre sanfte Nachsicht mit fremder Unvollkommenheit.« — Die Frauen lächelten, einige der Herren wendeten sich ab, um ihr Lachen zu verbergen, und Betty saß mit gesträubten Federn da, wie ein Raubvogel, dem ein größerer seine Beute abgejagt hat.
Anton eilte, sich dem Blick dieser Gruppe zu entziehen, er schlüpfte in eine andere Ecke und gedachte sich durch ruhiges Beobachten der Gesellschaft von der Anstrengung seiner Präsentation zu erholen. Da schlug ein Battisttuch leicht an seinen Arm und eine dreiste Mädchenstimme frug: »Herr Wohlfart, kennen Sie Ihre alten Freunde nicht mehr? Es ist das zweite Mal, daß ich Sie zuerst grüßen muß.«
Anton wandte sich schnell zur Seite. Vor ihm stand eine hohe schlanke Gestalt mit blondem Haar und großen tiefblauen Augen, welche ihm lächelnd in's Gesicht sah. So sprechend war der Ausdruck des Entzückens auf Antons Antlitz, daß Lenore sich nicht enthalten konnte, ihm freundlich zuzunicken und zu sagen: »Ich freue mich, daß Sie hier sind. Die Herren sind mir alle fremde Gesichter. Aber wie kommen Sie hierher?«
Anton erklärte das in einer Stimmung, welche ihn fast der Herrschaft über seine Worte beraubte, verloren im Anblick des Fräuleins, welches jahrelang, ohne es zu wissen, in seiner Dachstube unumschränkt geherrscht hatte. Wie war sie in der letzten Zeit groß, voll und schön geworden! Und das luftige weiße Kleid und der Blumenkranz von nie dagewesenen Blumen im Haar! Mächtig glänzte das Auge in dem entzückenden Gesicht, und ihre Haltung war die einer Fürstin.
Schnell waren Beide in eifrigem Gespräch, es war zum dritten Mal, daß sie einander sahen, aber sie hatten so viel zu erzählen, als hätten sie Jahre gemeinsam verlebt.
»Wir werden heute Alle durcheinander tanzen und uns um unsern Tanzmeister gar nicht kümmern,« sagte endlich das Fräulein. »So ist mir's am liebsten. — Sie dürfen jetzt nicht länger mit mir allein sprechen, unterhalten Sie sich mit andern Damen. Ich gehe zu meiner Mutter. Wenn die Musik anfängt, kommen Sie zu mir, ich werde Sie der Mama vorstellen.«
So winkte sie ihm gnädig zu und schritt majestätisch durch den Saal in einen Kreis von Frauen.
Jetzt war Anton gefeit gegen alle Schrecken der Gesellschaft, seine Befangenheit war verschwunden, eine angenehme Begeisterung erfüllte ihn. Was konnten ihm doch diese hell gekleideten, buntgebänderten Gestalten sein, welche um ihn hüpften, oder fest gewurzelt standen? Sie waren ihm gleichgültig, wie eine Schaar kleiner Vögel, oder wie die Pflanzen auf der Wiese. Er suchte schnell Fink auf und ließ sich von ihm einem Dutzend Herren vorstellen, ohne irgend einen Namen der Vorgestellten zu behalten. Darauf bat er Fink sofort, ihn zu einzelnen der jungen Damen zu führen.
»Hast du mit der Tochter vom Hause gesprochen?« frug Fink.
»Nein,« sagte Anton lustig.
»Schnell hin, Unseliger,« ermahnte Fink, »mache dich gefaßt auf schlechte Behandlung.«
»Ist mir ganz gleichgültig,« sprach Anton, den Arm seines Freundes drückend, diesem in's Ohr, während er vor Fräulein Eugenie aufgestellt wurde.
Das Fräulein war so kalt gegen Anton, als sich nach der langen Vernachlässigung nur irgend erwarten ließ. Er hatte Mühe, einige kurze Antworten zu erlangen, und wurde durch den Anblick ihres Hinterzopfes beglückt, sobald Lieutnant von Zernitz an sie herantrat.
Auch diese Niederlage war ihm sehr gleichgültig. In seiner Nähe waltete Frau von Baldereck und beobachtete mit einem Auge die Gesellschaft, mit dem andern ihre Tochter und mit dem unnennbaren sechsten Sinn, welchen die Fledermäuse in so ausgezeichnetem Grade besitzen sollen, Herrn von Fink. Schnell trat Anton an sie heran und bat, ihn mit einem rosafarbenen Wesen, welches braunes Haar und silberne Kornähren zu tragen schien, bekannt zu machen.
»Sie meinen Comteß Lara?« frug die Dame vom Hause.
Natürlich verneigte sich Anton bejahend, Lara, Tara oder Gutgewicht war ihm in diesem Augenblick ganz gleichgültig. Die Comteß sah ihn befremdet an, er aber sprach mit gemüthlicher Wärme in sie hinein, von den Freuden der zu erwartenden Tanzstunde, von der allerliebsten Decoration des Salons, und wie schön man jetzt Säle auszuschmücken wisse, und von dem neuen Wintergarten in Paris, den er am Tage zuvor aus irgend einer Zeitung kennen gelernt hatte. Er schilderte ihr Springbrunnen und Glaskuppeln und vergoldete Gitter und künstliche Felsen mit tropischen Pflanzen und kleine Salamander, welche zur Freude des Publikums dazwischen umherschlüpfen, Alles mit einem Feuer, daß die kleine Dame in Rosa nach und nach aufthaute und endlich, als er bei den Eidechsen angekommen war, ebenfalls beweglich wurde und ihrerseits von zwei Feuermolchen erzählte, die sie einmal auf einem Stein gesehen, und von dem Entsetzen, das sie ihr eingejagt. Wenn sie Anton gesagt hätte, daß die beiden Molche mit untergeschlagenen Beinen auf dem Felsen gesessen und Bier aus einem Deckelglase getrunken hätten, so wäre ihm auch das als ein alltägliches Ereigniß aus dem Nachtgebiete der Natur erschienen. Da gerade, als Anton wieder den Uebergang machte vom Molch zu einer großen Ausstellung von Kürbissen, welche einige Wochen zuvor in der Stadt gewesen war, da dröhnte die Pauke, da schmetterte die Trompete, und das rosafarbene Kleid so wie die silbernen Aehren versanken vor seinen Augen in den Boden, er machte eine kurze Wendung und verließ das betroffene Fräulein, bevor er seine Rede geendet hatte.
Dort stand seine Königin im Gespräch mit ihrer Mutter, welche, jetzt kleiner als die hoch aufgeschossene Gestalt der Tochter, zu dieser aufsehen mußte. Der kriegerische Trotz Antons verschwand, als er vor die Baronin trat. Das waren die feinen Züge, das unaussprechlich vornehme Wesen, welches ihn einst so sehr in Erstaunen gesetzt hatte. Die letzte Vergangenheit hatte die Schönheit der Baronin nicht vermindert, und die Nähe, in welcher Anton sie jetzt betrachtete, erhöhte den Zauber, den ihre Erscheinung auf ihn ausübte. Die erfahrene Frau sah mit dem ersten Blick in Anton einen Neuling der Gesellschaft, seine Annäherung zeigte einen Ueberfluß von Hochachtung, und sein Hut, den er im Arme hielt, war von dem Druck wollig geworden und sah aus, wie mit einem Pudelfell überzogen.
»Dies ist Herr Wohlfart,« sagte Lenore mit einer empfehlenden Handbewegung, »hier ist der Herr, um dessen willen du mich schon einmal ausgescholten hast. Ja, mein Herr, ich habe damals, als ich Sie zuerst sah, von Mama Schelte bekommen, weil ich Sie so lange in unserm Garten aufgehalten hatte.«
»Das macht mich sehr unglücklich,« erwiederte Anton mit dem Ausdruck eines unsäglichen Leidens. »Ach, Sie können nicht ahnen, Frau Baronin, wie glücklich ich damals durch die Theilnahme des gnädigen Fräuleins geworden bin; ich ging zu fremden Menschen und in eine ungewisse Zukunft. Ihre freundlichen Worte haben mir Muth gegeben. Und oft sind sie mir seitdem in einsamen Stunden wieder in die Erinnerung gekommen, als eine gute Prophezeiung für meine Zukunft.«
»Sie wissen das so rührend zu sagen,« rief Lenore ihn unverwandt ansehend.
Die Baronin hörte verwundert den Erguß Antons und betrachtete den gefühlvollen Tänzer mit einer Neugierde, die nicht ohne leises Unbehagen war. Lenore aber unterbrach die beginnende Unterhaltung Antons mit ihrer Mutter, indem sie unruhig sagte: »Man tritt an, wir müssen zum Tanz.« Anton ergriff ihre Hand mit den Fingerspitzen und führte sie in den Kreis der tanzenden Paare.
»Er walzt erträglich, etwas spießbürgerlich, zu viel Zirkel, aber es ist Haltung darin,« brummte Fink.
»Ein distinguirtes Paar,« rief Frau von Baldereck in der Nähe der Baronin von Rothsattel, als Anton und Lenore vorbei walzten.
»Sie spricht zu viel mit ihm,« sagte Frau von Rothsattel zu ihrem Gemahl, welcher in diesem Augenblick zu ihr trat.
»Mit ihm?« frug der Freiherr, »wer ist der junge Mann? Ich habe das Gesicht noch nicht gesehen.«
»Er gehört zu den Poursuivants des Herrn von Fink, er ist nicht von Familie, er soll reiche Verwandte in Amerika oder Rußland haben. Mir gefällt das Entrée für Lenore nicht.«
»Nun,« erwiederte der Freiherr, »er hat das Aussehen eines frischen Jungen. Für dieses Kindervergnügen ist eine solche Gestalt immer noch besser, als die alten Knaben, die ich hier im Kreise sehe. Die Jüngeren amüsiren sich und ihre Tänzerinnen, während Benno Tönnchen sich nur belustigen wird, wenn er die Mädchen roth macht, oder ihnen das Rothwerden abgewöhnt. Lenore sieht recht gut aus. Ich gehe zu meinem Whist, laß mich rufen, wenn du den Wagen befiehlst.«
Anton hörte nichts von Allem, was über ihn und seine Tänzerin gesprochen wurde, und wenn die Gesellschaft um ihn herum so laut gesummt hätte, wie die große Glocke am höchsten Kirchthurm der Stadt, er hätte nichts gehört. Der Erdball war für ihn sehr klein geworden, nicht größer als der Kreis, den er mit seiner Tänzerin durchmaß, was etwa noch außerhalb existirte, war Finsterniß, Oede, ein Nichts, nur was er im Arm halten durfte, das nahm alle seine Sinne gefangen. Das schöne blonde Haar, so nahe an seinem Haupt, daß er mit seinen Locken die ihren berühren konnte, ihr warmer Athem, der seine Wange streifte, der unsägliche Reiz des weißen Handschuhes, der ihre weiche Hand versteckte, das Parfüm ihres Taschentuches, die rothe Blüthe, welche vorn am Kleide befestigt war, das sah und empfand er, und sonst nichts. Wenn sie im Tanz sich vertrauend von seinem Arm umschlingen ließ, wenn sie ihn fröhlich ansah auch während des Tanzes, wenn er sie athemlos anhielt und sie sich langsam von seiner Hand löste, ein Armband zurecht rückte oder ihr allerliebstes Taschentuch einen Augenblick an den Mund hielt, wie reizend waren nicht alle ihre Bewegungen. Wie bezaubernd der freundliche Gruß ihrer Augen oder ihr leises Lächeln, wenn Anton etwas sagte, was ihr gefiel.
Und er hatte das Glück, ihr zu gefallen; sie sagte ihm, er spreche allerliebst und es höre sich ihm gut zu. Ach, was er plauderte, war gleichgültig, er hätte vielleicht nicht weniger Erfolg gehabt, wenn er von Neuseeländern oder dem Kaiser von Japan gesprochen hätte. Denn nicht was er erzählte, sondern wie er es sagte, die stille Huldigung seiner Augen, der bebende Ton seiner Stimme, das drang schmeichelnd in die Seele seiner Tänzerin.
Die Pauke schwieg, der Trompeter setzte sein Blech ab, der Erdball löste sich auf in ein lichtloses Chaos. »Schade!« rief Lenore, als die letzte Note verklungen war.
»Ich danke Ihnen für dieses Glück,« sagte Anton, als er das Fräulein an ihren Platz führte.
Als er jetzt unter den fremden Menschen umhertrieb, wie ein steuerloses Schiff unter rauschenden Wellen, trat Fink zu ihm und sagte: »Höre, du Duckmäuser, entweder hast du süßen Wein getrunken, oder du bist ein heimlicher Intrigant. Woher kennst du die Rothsattel? du hast mir ja nie etwas von der Bekanntschaft gesagt. Sie ist eine hübsche Figur und ein classisches Gesicht. Hat sie denn auch Verstand?«
Anton hätte in diesem Augenblick seinem Freund erklären können, daß er ihn auf's Tiefste verachte. Eine solche Rohheit des Ausdrucks konnte nur aus einem ganz entmenschten Gemüth kommen.
»Verstand?« erwiederte er und sah Fink mit einem Blick tödtlicher Feindschaft an; »wer daran zweifeln kann, muß selbst sehr wenig besitzen.«
»Nun, nun,« sagte Fink erstaunt, »ich bin nicht in dieser trostlosen Lage. Ich finde das Mädchen, oder was ihrer würdiger sein wird, das junge Fräulein sehr einnehmend, ja, um in der Sprache eines gebildeten Menschen die Wahrheit zu sagen, ungewöhnlich liebenswürdig, und wenn ich nicht anderweitig kleine Verpflichtungen hätte, so weiß ich nicht, ob ich nicht genöthigt würde, das Fräulein, dessen Namen ich so eben auszusprechen wagte, für die Herrin meines Herzens zu erklären. So freilich darf ich sie nur von fern bewundern.«
Fink war doch nicht so schlecht. Er war in seinen Ausdrücken nicht immer gewählt, aber er hatte im Grunde ein sehr richtiges Gefühl und ein treues Gemüth. Deßhalb faßte Anton seinen Arm, drückte ihn kräftig und sagte: »Du hast Recht.«
»Wirklich?« fuhr Fink wieder in seiner gewöhnlichen Weise fort. »Na! du fängst gut an, ich will mich lieber mit einem Stück brennenden Schwefel in ein Pulverfaß setzen, als mit dir und deinem schüchternen Wesen. Uebrigens vergiß nicht, Fräulein Eugenie zum nächsten Tanz aufzufordern, du wirst einen Korb bekommen, denn sie ist bereits engagirt. Du hast dich bis jetzt gut gehalten, fahr' so fort, mein Sohn.«
Und Anton fuhr fort, seinem Lehrer Ehre zu machen. Wohl war er berauscht, aber durch einen stärkern Trank, als süßen Wein. Die Musik, die Aufregung des Tanzes und das fröhliche Geschwirr um ihn herum steigerten seine Begeisterung, er fühlte sich den ganzen Abend sicher, ja übermüthig, und betrug sich, einige kleine Verstöße abgerechnet, wie Einer, der täglich von Wachskerzen und servirenden Dienern umgeben ist. Er wurde bemerkt, er machte als Fremder einiges Aufsehen. Dunkle Sagen von seinen geheimnißvollen Verbindungen flogen aus einer Ecke des Saals, wo Mütter prüfend und richtend zusammensaßen, bis in die andere. Es wurde unzweifelhaft, daß dies heitere und harmlose Sichgehenlassen die Folge eines ganz besondern Selbstgefühls war. Er erfuhr Zuvorkommenheit von den älteren Frauen, bald auch von einzelnen Herren.
Und endlich kam der Cotillon. O du längster und merkwürdigster aller Tänze! du halb Spiel und halb Tanz! reizend, wenn du die einzelnen Paare im Kreise umhertreibst, noch reizender, wenn du ihnen erlaubst, ungestört und ein wenig versteckt zu plaudern. Wir hören, daß du dem Geschlecht der Gegenwart für veraltet und spießbürgerlich giltst. Wankelmüthiges Jahrhundert! Wissenschaft und Staatskunst werden nichts Neues erfinden, was so vielfachen Bedürfnissen des Menschengeschlechts Genüge thut, als du. Da ist das kindliche Gemüth, es kann sich als Pyramide aufstellen, es kann sich in Schlangenwindungen umherdrehen, es kann hier und dort hinlaufen, alte Herren vom Spieltisch zu Extratouren holen, es kann auf dem Stuhle sitzend drei bis vier junge Damen verächtlich vor sich stehen lassen, es kann von Tanzlust ergriffen plötzlich aufspringen, irgend eine Dame ergreifen und im Kreise umhertanzen, und kein Mensch kann es ihm verwehren. Da sind höher strebende Naturen, welche Gefühle haben oder Ehrgeiz oder Bosheit und Menschenhaß; allen bist du gefällig. Du giebst jedem Herrn das Recht, sich mehr als einmal eine Tänzerin nach seinem Herzen zu suchen, du erlaubst jeder Dame, in der allerzartesten Weise anzudeuten, welche zwei oder drei Herren ihre höchste Achtung genießen, du vertheilst an strebsame Cavaliere Schleifen und Orden, du heftest massenhafte Blumensträuße vor die Brust der gefeierten Dame. Du läßt aber auch verschmähte Herren zähneknirschend umherlaufen und sich irgend eine Surrogattänzerin suchen; du offenbarst die Lieblinge der Gesellschaft, aber du machst den Unbekannten und Unbeliebten noch einsamer und verlassener. Wenn du beginnst, werden die Blicke der Mütter besorgt, die Nasen vieler Tanten spitz. Du kindischer, lustiger, endloser Tanz! wie viele Glückliche hast du gemacht, wie viele stille Thränen hast du verursacht, wie manches Brautpaar hast du zusammengeführt, und welche Qualen der Eifersucht hast du erregt! Freilich hast du auch endlosen Staub aufgerührt, zahllose Toiletten unscheinbar gemacht, und manche grimmige Feindschaft hervorgerufen. So bist du in deiner Blüthenzeit gewesen, die Freude der Jugend, die große Angelegenheit der Mütter, die Furcht der ermüdeten Väter, ein Greuel nur für die Musiker.
Als dieser vielseitige Tanz herankam, suchte Anton wieder in Lenorens Nähe zu kommen; er bat sie um den Tanz.
»Ich wußte, daß Sie mit mir tanzen würden,« sagte sie aufrichtig; er holte ihr einen Stuhl, schob sich neben sie und war selig. Und als er die Aufgabe hatte, in der Tour eine fremde Dame zu holen, dieser etwas zu schenken, was in einem Körbchen mitten im Kreise aufgestellt war, und darauf mit ihr zu tanzen, da gab er der Welt die energische Erklärung ab, daß für keine andere Dame die Möglichkeit irgend einer Stellung in seinem Herzen vorhanden sei; er holte sein Geschenk aus dem Korbe, wartete, bis seine Tänzerin auf ihren Platz zurückkam, und überreichte dann ihr die rothe Schleife. Das war für Beide der größte Augenblick in dem ganzen großen Abend.
Was darauf folgte, war nur undeutliches Traumgesicht. Er sah sich mit Fink Arm in Arm durch den Saal schlendern, er hörte sich mit ihm und andern Herren über Allerlei sprechen und lachen, er bemerkte sich vor der Dame vom Hause einen Dank murmeln und eine Verbeugung machen; es kam ihm vor, als ob ihm ein Diener den Paletot überreichte, worauf er in die Tasche griff und ihm etwas in die Hand drückte. Schattenhaft und unklar waren alle diese Begebenheiten. Nur Eins sah er noch deutlich, einen weißen Damenmantel mit einem seidenen Capuchon und einer Quaste daran, o diese Quaste, sie war unsäglich entzückend! Noch einmal fiel ein Blick aus den großen Augen voll und glänzend auf ihn, und er hörte von ihren Lippen noch ein leises Flüstern, wie »gute Nacht.« Das Uebrige war wieder ein nichtssagender Traum, daß er neben Fink die Treppe herunterstieg und die spöttischen Reden des Freundes nur mit halbem Ohr hörte, daß er in seiner kleinen Stube ankam, die Lampe anzündete und sich umsah, ob er auch wirklich hier wohne, und daß er sich langsam entkleidete, sich noch in seinem Bett wunderte, daß er all diese Herrlichkeit erlebt hatte, und endlich ermüdet einschlief. Und ein Traum war's, daß sein Hausgeist, die gelbe Katze, sich auf ihrem Postament hoch aufrichtete und den Kopf schüttelte über den langen Zug fremdartiger Bilder und Gefühle, welche in der friedlichen Stube eingekehrt waren.
II.
Seit diesem großen Abend hatte die Tanzstunde regelmäßigen Verlauf. Als Anton das Fegefeuer der Einführung bestanden hatte, fühlte er sich unter den Florkleidern, den vornehmen Namen und den Sophakissen mit gestickten Wappen bald heimisch. Er selbst wurde ein nützliches Mitglied des Kränzchens, und zwar durch die bürgerlichsten aller Tugenden, durch Ordnung und Pflichttreue. Und das ging so zu. Das Kränzchen war keine gewöhnliche Tanzstunde, denn bei sämmtlichen Theilnehmern wurden die ersten Anfänge der Kunst vorausgesetzt; es hatte vielmehr den Zweck, einige neue Tänze einzuüben und nebenbei eine Vereinigung der befreundeten Familien in bequemer Façon hervorzubringen. Nun ergab sich bald, daß die bequeme Façon allerdings nach Finks Herzen war, das Einstudiren neuer Tänze aber von ihm und mehreren seiner Kameraden mit einer sträflichen Lauheit betrieben wurde. Er kam oft gegen Ende der Tanzstunde, er betrachtete den Salon nur als eine Gelegenheit, die jüngeren Damen zu necken und sich mit den reiferen Schönheiten eine Stunde zu unterhalten; er vertrat zum Entsetzen des Tanzmeisters den Grundsatz, wo man im Tanz nicht mit dem gewöhnlichen Schritt fortkomme, sei das einfache Pas des Galopps für alle Fälle gut genug, und das einzige Vergnügen bei unsern Tänzen sei, regelmäßig aus dem Takt und wieder hineinzukommen. »Aber, Herr von Fink,« klagte der Tanzmeister, »das heißt nicht mehr tanzen; dabei ist keine Kunst.«
»Es soll auch keine dabei sein,« sagte Fink, »was hat die Kunst mit unserm Tanzen zu thun? Was Sie die Jugend lehren, ist weiter nichts als eine gesellschaftliche Rotation um einen imaginairen Mittelpunkt. Mir ist das langweilig, ich gehe deßhalb in Kometenbahn.« Und er blieb dieser Ansicht getreu, er zwang die unglücklichen Opfer, welche er zu engagiren sich herabließ, sich quer durch die Reihe der Tanzenden zu stürzen, aus einer Ecke des Saals in die andere, aus dem Takt, wieder in den Takt, wie es seiner Laune passend schien.
Gegenüber dieser excentrischen Auffassung, welche leider in dem Kränzchen zahlreiche Anhänger fand, zeigte Wohlfart die Regelmäßigkeit eines Mannes, der mit Entzücken seine Pflicht thut, er erschien pünktlich, er machte jedes Pas, er tanzte jeden Tanz, er war immer in guter Laune und fand eine Freude darin, vernachlässigte junge Damen zu engagiren. Da bei der Sorglosigkeit Finks und seiner Genossen schnell Mangel an Tänzern eintrat, wurde Anton in Kurzem eine anspruchslose Hauptstütze des Salons, Liebling des Tanzmeisters und ein Vertrauter der jungen Damen, durch welchen heimliche Wünsche von den hellen Rändern des Saals zu der dunklen Mitte getragen wurden. Er selbst war in diesen Stunden ein seliger Mann, und die freudige Verklärung, welche auf ihm lag, fiel jungen wie älteren Damen als etwas Ungewöhnliches auf. Die einen wurden in der Ueberzeugung bestärkt, daß er ein guter Junge sei, und die letzteren in der keineswegs entgegengesetzten Ueberzeugung, daß er ein unbekannter Prinz sei. Er selbst wußte am besten, warum er so glücklich war. Alle seine Gedanken und Bewegungen bezogen sich im Stillen auf sie, die unbestrittene Herrin seines Herzens. Alle andern Tänze und jede Unterhaltung mit einer Dritten betrachtete er nur als gesellschaftliche Schnörkel, die er mit der Feder seines Herzens um den einen Namen beschrieb. Und er diente nicht ohne Erhörung. Er wurde von ihr wie ein alter Freund unter Fremden behandelt. Sie bat ihn leise, einen oder den andern Tanz mit ihr zu tanzen, ja sie bat ihn sogar einmal, zu Gunsten eines neu angekommenen Vetters auf seine Rechte zu verzichten. Und sie freute sich, als Anton über dies Ereigniß grenzenlos betrübt war, keine andere Dame aufforderte, sondern still den Tanzenden zusah. Niemals entfernte er sich eher, bis sie den Saal verlassen hatte, dann stand er unweit der Thür, um noch die letzten Aufträge, einen Gruß, einen Blick ihres glänzenden Auges zu erhalten. Und auch ihr Auge flog, so oft sie in den Saal trat, suchend in den Kreis der schwarzröckigen Herren, bis sie Antons braunen Kopf erkannt hatte, dann erst fühlte sie sich heimisch in dem erleuchteten Raum.
Auch mit vielen der Herren kam Anton in ein freundliches Verhältniß. Fink beeilte sich, ihn bei Feroni einzuführen. Zwar gefiel ihm Manches an seinen neuen Bekannten nicht, ihre Urtheile waren zuweilen roher, als ihm behaglich war, und er hatte mehrere von ihnen bald in Verdacht, herzlich ungebildet zu sein. Aber ihre Art zu sprechen und sich zu geberden imponirte ihm doch, vor Allem eine gewisse ritterliche Atmosphäre, die sie umgab, etwas Salonduft, etwas Stallluft und viel von dem Aroma der Weinstube. Da Anton eine harmlose Laune bewies, der nächste Bekannte des mächtigen Fink war und zuweilen eigenen Willen zeigte, wenn er nach Mitternacht gegen eine vorgeschlagene letzte Flasche protestirte, oder die abwesenden Damen gegen eine übermüthige Kritik mit frommem Ernst vertheidigte, so erhielt er unter den andern Herren der Tanzstunde das Renommée eines guten Kerls.
Gleich in den ersten Wochen hatte Anton Gelegenheit, seine angebetete Tänzerin in einer Situation zu sehen, welche die gewaltigsten menschlichen Leidenschaften aufregte. Die jüngeren Damen des Kränzchens waren natürlich unter einander alle ein Herz und eine Seele, jedoch verstand sich von selbst, daß einige in der Stille andere nicht recht leiden konnten. So entstanden Parteien. Bald bildeten sich zwei große Bundesgenossenschaften, zwischen denen Einzelne hin und her schwankten, die aber im Ganzen fest zusammenhielten und im Geheimen starke Antipathien gegen die Gegenpartei nährten. Es kam so weit, daß an einem Abend sämmtliche Damen der einen Partei eine weiße Camellie in der Mitte ihres Ballstraußes trugen und ein sehr auffallendes hellbraunes Band von dem Strauß herunterhängen ließen; dies hatte zur nothwendigen Folge, daß die Gegenpartei am nächsten Abend mit rothen Camellien im Strauß erschien und ein grünes Band darum wand. An der Spitze der Braunen stand Lenore, das Haupt der Grünen war Eugenie, die Tochter des Hauses. Im Vertrauen gesagt, die Grünen waren unerträglich. Sie machten Ansprüche ohne Berechtigung, sie waren moquant, sie gaben sich das Air, älter zu sein, als die Braunen. Weil Hulda Werner und Mechthild Fiorelli den Winter zuvor in der Residenz gewesen waren und auf den Hofbällen getanzt hatten, und weil Fanny Mareschalk bei einem lebenden Bild die Genoveva dargestellt hatte, mit ihrem kleinen Bruder und einem Rehkalb zur Seite, die durch Bänder an die hölzerne Rasenbank festgebunden waren, deßhalb erhoben sie solche Ansprüche. Zu den Braunen gehörten Theone Lara und die reizende Hildegard Salt, zwei innige Freundinnen, die immer Arm in Arm gingen, gleiche Ballroben trugen, und im Anfange des Winters geschworen hatten, einander nie zu verlassen, ein Schwur, gegen dessen Erfüllung sich die einzige Schwierigkeit erhob, daß ihre Eltern den Sommer über in den beiden entgegengesetzten Ecken der Provinz wohnten. Beide waren schwärmerische Naturen, die alle Gefühle mit einander theilten, Beide sangen, Beide spielten den Flügel, Beide liebten dieselben Dichter, Beide hatten einen unüberwindlichen Abscheu vor Herren mit Kinnbärten, Beide saßen wie zwei Sympathievögel zusammen und fanden ihr höchstes Glück darin, einander die Gefühle in's Ohr zu flüstern, die ihnen das Benehmen eines Herrn erregte, oder das melancholische Vorspiel eines Walzers. Diese Beiden schlossen sich bald innig an Lenore Rothsattel; sie, Valeska Panin und Hortense Leloup bildeten den Mittelpunkt der braunen Partei; Lenorens stattliche Größe ragte aus dem Kreise dieser Getreuen hervor, wie die Gestalt eines Häuptlings unter seinen Kriegern. Wenn ein Tanz beendet war, machte sich's von selbst, daß die Braunen zusammentraten; wenn sie in der Quadrille gegen einander tanzten, so erhoben sie unmerklich ihren Strauß und grüßten einander.
Natürlich war Anton braun, braun vom Kopf bis zum Fuß, und als er über seine Gemüthsstimmung ein offenes Bekenntniß ablegte, indem er an einem Abend in braun und weiß gestreifter Ballweste erschien, wurde er in der ersten Tour des Cotillons von allen Damen der Partei auf Verabredung geholt, ein Ereigniß, welches sogar bei den Ehrendamen am Rande des Salons große Aufregung hervorbrachte. Es thut dem wahrhaftigen Geschichtschreiber leid, zu melden, daß Fink unter die Grünen gerechnet wurde, nicht unbedingt, denn er behandelte, wie die Braunen behaupteten, seine grünen Tänzerinnen sehr nachlässig, aber da Eugenie Baldereck seine Dienste vorzugsweise in Anspruch nahm, so war es, wie Anton entschuldigend sagte, seinem Freunde nicht möglich, sich dem Einfluß dieser Farbe ganz zu entziehen. Nun begab sich Folgendes:
Theone Lara hatte ein Tagebuch, in das sie ihre Empfindungen mit einer schwarzen Krähenfeder durch winzig kleine Buchstaben einzeichnete. Außer der bereits früher erwähnten Geschichte von den zwei Molchen stand alles Andere darin, was ihr Herz jemals erregt hatte, ihre Ansichten über Natur, die Menschen und das Kränzchen. Es war ihr höchster Schatz. In einer himmlischen Stunde hatte sie Hildegard Salt in die Geheimnisse dieses Buches eingeweiht, Beide hatten einander geküßt und viel geweint und über diesem Buche ewige Freundschaft beschworen. Von da ab führten Beide das Tagebuch gemeinschaftlich. Ihre vertrautesten Gefühle, die allergeheimsten Bemerkungen waren darin aufgezeichnet. Nach einem Kränzchenabend, wo Lenore sehr nett gegen sie gewesen war, schlossen sie ihr Herz auch gegen diese auf und zeigten ihr wenigstens einige Blätter des Buchs. Seit der Zeit hatte auch Lenore zuweilen den Vorzug gehabt, etwas hineinzuschreiben. Da aber ihre Stärke nicht sowohl war, Gefühle aufzuzeichnen, als vielmehr Gesichter und lächerliche Männchen zu malen, so hatte sie einige Karrikaturen hineingesetzt, und Hildegard, welche Gedichte machen konnte, hatte zu jedem Bilde einige Zeilen gedichtet. In dieses theure Buch durfte kein fremdes Auge blicken, Niemand durfte das Heiligthum sehen und berühren. Theone trennte sich niemals davon. Am Tage und in der Nacht trug sie es bei sich. Bei Nacht lag es unter ihrem Kopfkissen, und während die Kammerjungfer sie anzog, steckte sie es heimlich oben in den Schnürleib hinein und trug es an ihrem warmen unschuldigen Herzen. Es war ein ganz kleines dünnes Buch in carmoisine Seide gebunden. Wenn Hildegard sie zärtlich ansah, oder Lenore sie mit dem Ballstrauß auf den Arm schlug, so deutete sie mit dem Finger heimlich auf ihre Brust. An diesem Abend hatte sie das Buch wieder an seine Stelle geschoben, während der ersten Tänze hatte sie es deutlich gefühlt. Nach einer Quadrille fühlte sie danach, das Buch war verschwunden.
Es war verschwunden, es war nicht mehr an ihr, es mußte während des Tanzes hinausgesprungen oder hinabgeglitten sein bis auf den Fußboden. Wie so etwas möglich war, ist ihr selbst und allen Betheiligten ewig ein finsteres Räthsel geblieben. — Sie war einer Ohnmacht nahe; kaum vermochte sie Hildegard bei Seite zu ziehen und ihr das Schreckliche zu klagen. Hildegard rief Lenoren, vernichtet standen die Drei neben einander. Das Bundesheiligthum war verloren, es war in fremde Hände gefallen, ja entsetzlich zu denken, vielleicht sogar in die Hände der Grünen. Auf jeder der letzten Seiten waren schelmische Bemerkungen, sämmtliche Herren waren darin aufgeführt, mit fremden Namen zwar, Fink hieß Zeisig, Tönnchen Nußknacker, aber wer konnte dafür stehen, daß sie nicht diese Chiffresprache herausbrachten? Und was mußte dann geschehen! Es war Untergang! Ruin der Tanzstunde, Familienzwist, Auflösung aller menschlichen Bande. Theone saß verstört, sie dachte einen Augenblick an Gift, dann wieder an Flucht, weit hinweg aus allen Ländern, in denen man tanzte. Lenore faßte sich zuerst. »Laß uns suchen,« rief sie, Hildegard am Arme fassend, »vielleicht liegt's noch irgendwo im Saale. Ich sehe nach der Mitte, den Herren unter die Füße, du unter die Sitze der Damen.«
So zogen sie mit einander durch den Saal, äußerlich lustwandelnd, in dem Herzen die Hölle, scheinbar mit einander plaudernd, innerlich weinend. Zuweilen redete ein langweiliger Herr sie an und zwang sie, still zu stehen und zu antworten, während die fliegende Angst in ihrem Haupte umherraste: »jetzt vielleicht findet's ein Anderer.« Sie kamen durch die Gruppe der Grünen, wo sie nach allen Seiten anhalten mußten, um zu lächeln und Freundliches zu sagen, sie kamen zu Eugenie Baldereck, die sie frug, ob es nicht zweckmäßig sei, noch einen Tanz anzuhängen, während sie daran denken mußten, daß in dem Buch ein unverkennbares Portrait zu sehen war mit der Unterschrift: »Naseweis, gefühllos, keck ist E...... B.......;« sie kamen, wehe, wehe! sogar in Finks Nähe, von dem eine schreckliche Zeichnung war, wie er mit Herrn von Tönnchen in einem Rebenstock saß, mit der Unterschrift:
Ein Zeisig und Nußknacker tranken sich voll, Der Zeisig sang: mein Schnabel ist spitz, Grün sind meine Federn und grün mein Witz: Der Nußknacker seufzte: ich bin so hohl, Ich weiß nicht, was das bedeuten soll.
So zogen sie zwei Mal durch den Saal; ein drittes Mal wagten sie's nicht mehr, sie hatten nichts gefunden. Trostlos kamen sie zu Theone zurück.
»Es giebt nur ein Mittel,« rief Lenore. »Wo ist Herr Wohlfart?«
Hildegard hielt sie zurück. »Du willst doch nicht einem Herrn —«
»Ich übernehme die Bürgschaft,« sagte Lenore stolz; »er ist treu, wo steht er?«
»Dort spricht er mit Frau von Baldereck.« Die beiden Suchenden gingen langsam an Anton vorüber, er drehte ihnen zwar den Rücken zu, aber als sie näher kamen, zog es ihn unwiderstehlich, nach der Musik zu sehen. Er wandte sich um, Lenore stand vor ihm, sie sah ihn bedeutsam an, er löste die Unterhaltung mit Frau von Baldereck, er sprach zu ihnen, sie hatten ihn. »Herr Wohlfart, ein kleines Buch in rother Seide, so groß, ist hier im Saale von Theone Lara verloren. Es ist uns unendlich viel daran gelegen, bitte, bitte, schaffen Sie es uns zurück.«
»Ist es gedruckt?«
»Nein, geschrieben, auch Sie dürfen nicht hineinsehen, es sind unsere Geheimnisse darin. Schwören Sie mir, daß Sie mit keinem Auge hineinsehen, wenn Sie es finden.«
»Ich schwöre es Ihnen zu,« erwiederte Anton feierlich.
»Ich danke Ihnen, bitte, seien Sie vorsichtig.«
Anton eilte in das Gewühl und beschäftigte sich die nächste Viertelstunde mit Suchen. Nichts lag auf dem Boden, nichts auf den Plätzen, keiner von den Dienern hatte etwas gefunden, das Buch war verschwunden. In tiefstem Mitgefühl brachte er den Damen die traurige Nachricht. Der Tanz begann. Theone vermochte vor Kopfschmerz nicht sich zu erheben, der innerste Schrein ihres Herzens war geöffnet, sein Inhalt auf den Markt geworfen, alle ihre Gefühle lagen nackt vor Jedermanns Auge, alle ihre Geheimnisse wurden Gemeingut einer rohen Außenwelt. Lenore fühlte das Unglück mehr vom Parteistandpunkt. Die Braunen waren in Gefahr, eine Niederlage zu erleiden, von der sie sich niemals erholen konnten. Und jetzt tanzen! Es war ein Tanz, wie auf einem Vulkan, der Boden war glühende Lava, jeden Augenblick konnte die Explosion erfolgen. Je länger die Verbündeten über ihr Schicksal nachdachten, desto schrecklicher wurden die Aussichten; denn immer noch fielen ihnen neue Gräßlichkeiten ein, die in dem Buche standen.
Als der Tanz beendigt war, begab es sich, daß Fink im Vorbeigehen vor Hildegard mit dem Fuß auf den Boden wippte und zu ihr gewandt sagte: »Dieser Boden klingt so hohl, ich weiß nicht, was das bedeuten soll, vielleicht liegt ein verlorener Schatz unter den Füßen.«
Hildegard stürzte zu Lenore und dem kranken Sympathievogel und rief außer sich: »Herr von Fink weiß es.« Die braunen Bänder flatterten in eine Ecke, die Mädchenköpfe fuhren zusammen und hielten Berathung. Endlich wurde entschieden, daß diese Aeußerung sehr beunruhigend sei, aber keine Gewißheit des Unglücks gebe.
Doch auch diese letzte Unsicherheit sollte verschwinden, denn Finks Benehmen wurde auffallend. Er vernachlässigte heut seine Partei, er suchte alle Braunen auf, er setzte sich zu Theone, welche die Greuel von Juliens Sterbescene und den Untergang des Hauses Capulet bereits drei Mal durchgekostet hatte und ihre Thränen gar nicht mehr zurückhalten konnte; er fing ein Gespräch mit ihr an, er zwang sie zu antworten, er beklagte ihr bleiches Aussehen und schalt auf das heiße Zimmer. Er quälte sie bis zur Ohnmacht und schloß endlich seine teuflische Rache damit, daß er sie auf Hulda Werner aufmerksam machte und frug: »Wie gefällt Ihnen das grüne Kleid? Sieht sie nicht aus wie ein Zeisig?« — Sein nächstes Opfer war Lenore. Sie stand unter ihrer Schaar noch immer mit dem Stolz einer Fürstin, aber einer entthronten. Vor allen ihren Getreuen redete Fink sie an. Sie war artiger gegen ihn, als je in ihrem Leben, sie preßte ihr Taschentuch zusammen, daß die Spitze riß, um sein Lächeln ruhig auszuhalten. Alles ging gut, bis zu dem Augenblick, wo er dem vorübergehenden Herrn von Tönnchen mitten im Gespräch zurief: »Benno, knacken Sie gern Nüsse?«
Benno Tönnchen, der auch ein Grüner war, sagte verwundert: »Nein, wenn Fräulein Lenore uns eine aufgegeben hat, so fürchte ich, wird sie für mich zu hart sein.«
Jetzt war es entschieden, kein Zweifel mehr möglich, Fink hatte das Buch. Die braunen Bänder rauschten auseinander, die Partei glich einem Schwarm entsetzter Küchlein, unter welche der Habicht stößt. Nur Lenore nahm sich zusammen und trat entschlossen auf Fink zu. »Sie haben das Buch, Herr von Fink, eine meiner Freundinnen hat es verloren und ist sehr unglücklich darüber. Sein Inhalt ist nicht für fremde Augen, er kann in dieser Gesellschaft großen Aerger verursachen. Ich bitte, daß Sie mir das Buch zurückgeben.«
»Ein Buch?« frug Fink neugierig, »was für ein Buch?«
»Verstellen Sie sich nicht,« sagte Lenore, »es ist uns Allen deutlich, daß Sie es haben. Ich kann nicht glauben, daß Sie es nach dem, was ich Ihnen über die Folgen gesagt habe, noch einen Augenblick behalten können.«
»Ich könnte es behalten,« nickte Fink. »Sie sind zu gütig, wenn Sie mir ein solches Zartgefühl zutrauen.«
»Das wäre mehr als unartig,« rief Lenore.
»Es würde mir das größte Vergnügen machen, mehr als unartig zu sein, wenn ich das Buch hätte. Ein Buch, das Ihnen, oder einer Ihrer Freundinnen gehört, das möglicher Weise Ihre Handschrift oder eine andere Erinnerung an Sie enthält, das werde ich Ihnen in keinem Fall zurückgeben, wenn ich es finde; und wenn ich erfahre, wo es liegt, werde ich es stehlen. Und wenn ich es habe, werde ich es Zeile für Zeile auswendig lernen. Ich werde Ihnen dadurch zu gefallen suchen, daß ich Ihnen einige Stellen daraus vortrage, so oft ich die Freude habe, Sie zu sehen.«
Lenore trat ihm einen Schritt näher, und ihre Augen flammten. »Wenn Sie das thun, Herr von Fink,« rief sie, »so werden Sie als ein Unwürdiger handeln.«
Fink nickte ihr freundlich zu. »Der Eifer steht Ihnen allerliebst, Fräulein; aber wie können Sie Würde von einem lustigen Vogel verlangen, wie ich bin? Die Natur hat ihre Gaben verschieden ausgetheilt, Manchem hat sie verliehen, Verse zu machen, Andere zeichnen kleine Bilder, ich habe von ihr einen spitzen Schnabel erhalten, den gebrauche ich. Haben Sie je einen würdigen Zeisig gesehen?« Er wandte sich lachend ab, faßte Benno Tönnchen beim Arm und ging mit ihm nach der Thür.
Lenore eilte zu Anton: »Herr von Fink hat das Buch, ich flehe Sie an, schaffen Sie es uns zurück, er hat sich geweigert. Er darf nicht weiter darin lesen, es wäre Theonens Tod.«
Anton ergriff hastig seinen Paletot und sprang dem Freunde nach, der bereits auf der Straße war. »Zu Feroni, Anton!« rief ihm Fink am Arm des Benno Tönnchen zu.
»Ich muß etwas im Vertrauen mit dir sprechen,« sagte Anton an seiner andern Seite.
»Jetzt nicht, du brauner Gesandter,« rief Fink, »ich will nichts mit dir zu thun haben.«
»Ich bitte dich, Fritz,« bat Anton sich an ihn drückend, »gieb das Buch heraus, die Mädchen ängstigen sich bis zum Vergehen.«
»Nur zu!« sagte Fink.
»Keine thut heute Nacht ein Auge zu,« rief Anton.
»Um so besser, wir wollen's auch nicht thun. Sie können sämmtlich zu Feroni kommen, wenn's ihnen zu Haus zu bangsam wird. Wir bleiben bis zum Morgen zusammen. Und du, Anton, wirst dich heut Nacht nicht ohne mich nach Hause schleichen, sondern du wirst aushalten, und zwar in stiller Todesangst.«
»Was ist das für eine Geschichte mit dem Buch?« frug Tönnchen am andern Arme.
»Sage nichts,« bat Anton leise.
»Eine tolle Confusion,« erwiederte Fink, »Sie sollen Alles erfahren.«
»Um Gottes willen, schweig,« bat Anton.
»Ich werde mich nach deinem Benehmen richten,« sagte Fink; »läufst du weg, so lese ich den Andern das ganze Buch vor.«
So kamen sie bei Feroni an. Anton überlegte, ob er sich auf Fink werfen und diesem mit Gewalt das Buch entreißen sollte. Aber der Erfolg war unsicher. Mit Ernst und Bitten war heut vollends nichts auszurichten. Nur List konnte helfen. Während er darüber nachsann, lagerten sich die Herren in dem kleinen Hinterzimmer, ihrer gewöhnlichen Trinkstube. Es waren außer Anton und Fink noch Zernitz und Tönnchen, der kleine Lanzau, ein Werner, ein Cousin Baldereck, (dieser ein junger Herr mit hervorstehenden Augen, der in dem Buch unter dem Namen Laubfrosch angedeutet war) und zwei Tronka, nicht von den Tronka-Hams, sondern aus der andern Linie, in welcher das Majorat ist, Söhne des alten Majoratsherrn.
»Was trinken wir?« frug Fink.
»Jeder seine Flasche,« erwiederte Zernitz.
»Warum nicht gar!« rief Fink.
»Nur nicht Ihren furchtbaren weißen Burgunder,« rief Guido Tronka. »Von unserer letzten Sitzung sind mir noch heute die Adern geschwollen wie Stränge.«
»Dann also Sekt und Porter, ein ehrliches Halb und Halb,« schlug Fink vor.
»Superbos!« rief der kleine Lanzau.
»Das ist eben so ein Höllengetränk,« klagte Zernitz.
»Küfer, Schenk, herbei!« riefen die Herren und die Bestellung wurde gemacht.
Unterdeß verfiel Anton auf ein verzweifeltes Mittel. Er ging hinaus, gab dem Aufwärter einen Thaler und den Auftrag, den Ofen der kleinen Hinterstube zu überheizen und ohne Rücksicht auf die Klagen der Herren immerfort Kohlen nachzuwerfen. Er selbst setzte sich so weit vom Ofen, als irgend möglich war, und sah mit Freude, daß Fink sich dicht an den eisernen Cylinder gerückt hatte. Bald mußte ihm die Wärme unbequem werden, dann zog er seinen Rock aus, wie er stets in solchen Fällen that, dann war es möglich, das rothe Buch vor seinen Augen aus der Rocktasche zu ziehen.
»Ich nehme mir die Freiheit, Sie von einem großen Ereigniß in Kenntniß zu setzen,« begann Tönnchen. »Haben Sie Tronka's Alice gesehen, Fink?«
»Nein,« sagte Fink eingießend, »ist's ein Pferd oder ein Frauenzimmer?«
»Natürlich ein Pferd!« rief Tönnchen.
»Bah, laßt heut die Stalljacke zu Haus,« sagte Fink.
»Es ist aber verdammter Ernst!« rief Tönnchen. »Guido hat zum Herrenreiten eingesetzt.«
»Zahlen Sie Reugeld,« sprach Fink zu Guido Tronka, »und bleiben Sie zu Haus. Den Ajax schlägt kein Traber in diesem Erdenwinkel.«
»Sehen Sie sich morgen meine Alice an,« bat Tronka wieder, »ich möchte Ihr Urtheil hören.«
»Haben Sie die neue Liebhaberin gesehen?« sprach Zernitz zu Anton, »sie hat brillante Augen.«
»Sie trägt magnifique,« rief der andere Tronka zu Fink herüber.
»Sie hat ja eine Hasenscharte,« rief der Laubfrosch verächtlich dazwischen.
»Wer ist nun das wieder?« frug Fink.
»Die Seppi, ein grünäugiges Scheusal,« schrie wieder der Laubfrosch Baldereck. »Gehen Sie denn gar nicht mehr in's Theater?«
»Nein,« versetzte Fink, »aber ich schicke meinen Reitknecht hinein. Wenn Sie Gefühle haben, bei denen er Sie unterstützen kann, so wenden Sie sich nur an ihn.«
Es wurde warm. Anton fühlte die Verpflichtung, die Herren zu beschäftigen. Er bat Herrn von Zernitz um eine komische Geschichte im Volksdialekt, die ihm der Lieutnant neulich anvertraut hatte, er stimmte laut in das Lachen des Laubfrosches ein, er verführte den ältesten Tronka, ein Abenteuer mitzutheilen, welches den Tod eines Hasen und einer Schnepfe verursacht hatte. Er griff nach der Kelle und goß die Gläser voll.
Es wurde wärmer. Die Herren rückten unzufrieden mit ihren Stühlen und riefen nach dem Aufwärter.
»Es verfliegt sogleich,« tröstete dieser.
»Ich finde es gar nicht warm,« sagte Fink ruhig, »im Gegentheil Sie können noch einlegen.«
Aber die Hitze wurde unerträglich, die Herren geriethen in Zorn, Feroni selbst wurde gerufen. Anton protestirte gegen das Oeffnen des Fensters, weil man vom Tanze noch zu warm sei, Fink erklärte die Temperatur für behaglich und behielt seinen Rock an.
Anton war in Verzweiflung. Endlich ergriff er das letzte Mittel, er zog seinen eigenen Rock aus, um den Freund zu gleichem Entschluß anzuregen. Sofort that Fink dasselbe, legte den Rock sorgfältig über seinem Stuhl zusammen und sah lächelnd auf Anton, der mit großer Aufmerksamkeit seine Bewegungen beobachtete.
»Das Buch steckt nicht im Rock,« nickte Fink ihm zu, »die Mühe war umsonst, denke auf etwas Anderes.«
Anton öffnete das Fenster. »Ich versuche nichts mehr,« sagte er resignirt, »du bist mir zu schlau.«
»Halt aus,« sagte Fink. Zernitz machte niedliche Witze, Tönnchen erzählte lügenhafte Geschichten von Tänzerinnen, der kleine Lanzau betrank sich. Endlich pochte Fink auf den Tisch. »Jetzt merkt auf. Ich wollte es verbergen, aber es ist nicht möglich, es schreit zum Himmel.«
Anton fuhr auf: »Ich bitte dich, Fritz.«
»Ruhig, Ofenheizer!« rief Fink. »Hört, Ihr Herren, ich habe heut ein geheimes Tagebuch der Braunen gefunden und habe es durchgeblättert.«
»Hurrah, heraus damit!« riefen sämmtliche Herren.
»Es sind gewiß Verse darin,« rief Zernitz.
»Es mag ein schöner Unsinn darin stehen!« rief Tönnchen, »Phantasie und Bosheit Unmündiger.«
Anton war wüthend.
»Allerdings steht Unsinn darin und die Verse scheinen mir schlecht. Hören Sie, Zernitz, was haben Sie mit der kleinen Lara gehabt?«
»Nichts,« sagte der Lieutnant befremdet, »ich habe ein paar Mal mit ihr getanzt, das ist Alles.«
»So muß es gekommen sein,« fuhr Fink nachdenkend fort. »Die arme Theone! Ich habe ein Lied gelesen, das die Comteß auf Sie gemacht hat. Na, zuletzt sind Sie kein übler Bursch, aber ich hätte es niemals für möglich gehalten, daß man mit solcher Schwärmerei von einem Mann sprechen kann.«
»Zeigen Sie her,« bat Zernitz angelegentlich.
»Hier?« frug Fink vorwurfsvoll, »vor dieser wilden Bande? Wenn Sie auch die Lara, die mir heute in ihrer Angst allerliebst vorkam, nicht gerade begünstigen, so haben Sie doch gar keinen Grund, die reine Leidenschaft des armen Mädchens hier zu profaniren.«
»Sie haben Recht,« sagte Zernitz. »Aber unter vier Augen werden Sie mir's zeigen.«
»Gewiß,« versetzte Fink. »Ihr wißt, ich habe kein Gefühl für alle Creatur, welche ihren Rock länger trägt als bis zum Knie, und wenn es etwas auf der Welt giebt, was mich kalt läßt, so sind es Backfische in Butter und in Kleidern. Aber der Wahrheit soll ihr Recht werden, die Mädchen, welche das Tagebuch mit einander geführt haben, sind seelengute Dinger, es ist auch nicht eine unartige Bemerkung darin.«
Er wandte sich zum Cousin Baldereck: »Von Ihrer Cousine ist auf jeder Seite mit einer Liebe und Herzlichkeit gesprochen, die eben so verdient als rührend genannt werden muß. — Das strengste Urtheil wird über mich gefällt, ich werde ein Zeisig genannt.«
»Auf die Art ist das Heft ziemlich langweilig,« sagte Benno Tönnchen.
»Ja,« erwiederte Fink, »wenn Sie nicht interessirt, was Hildegard Salt über Sie hineingeschrieben hat.«
»Viel Gutes wird's nicht sein,« versetzte Benno neugierig.
»Nein,« sagte Fink, »sie spricht von Ihnen in einem Ton, der Ihren Bekannten wahrhaft betrübend vorkommen muß. Sie werden groß und still genannt. Ihr Gesicht ein Muster männlicher Kraft, die Dichterin findet Sie voll Kenntnisse, voll Geist und voll Witz; sie frägt, ob ein solcher Mensch nicht zu bedeutend sei, um sich zu einem weichen Mädchen hinabzuneigen. Nun frage ich Alle, wie kann ein gescheidtes Kind, wie Hildegard Salt, sich so weit verirren, Sie in der Stille anzubeten? Denn Sie sind bei der letzten Flasche ein ziemlich kurzweiliger Gesell, Benno, aber wenn ich ein Mädchen wär' und mir ein Ideal aussuchte, ich würde lieber einen Nußknacker zu meinem Götzen machen, als Sie.«
Tönnchen verzog den Mund.
»Ist von uns auch etwas darin?« frug Herr von Werner, auch einer der Grünen, ein Bruder von vier schönen Schwestern, Nachbar der Rothsattel, von jungem Adel, aber reich, in Familieneifersucht aufgewachsen.
»Von Ihnen wenig,« versetzte Fink, »nur zwei Zeilen.« Er nahm das Buch hervor und sah hinein und suchte. — Anton ballte die Hände unter dem Tisch. — »Schmerzliche Fügung des Himmels, Lenore liebt und sucht vergebens ihr Herz zu verhüllen. Und der Geliebte gehört den Feinden an. O. Georg W. Jetzt kommen Punkte und drei Ausrufungszeichen.« Fink steckte das Buch wieder ein. Anton beruhigte sich, das konnte nicht in dem Buch stehen, auch sah er, daß die Nasenflügel Finks sich heftig bewegten, ein untrügliches Zeichen, daß er Schelmerei trieb.
Zernitz schob das Glas weg und rief: »Es ist indiscret, daß wir uns in diesem Raume über das unterhalten, was die Mädchen gefühlt haben.«
»Ich bin derselben Meinung,« rief Benno Tönnchen eifrig.
»Ich auch,« sagte Georg Werner.
»Sie müssen das Buch versiegeln und zurückschicken,« sprach der Frosch.
»O Ihr gemüthvollen Zettel,« rief Fink in der glücklichsten Stimmung, »weil Eure haarigen Köpfe von feinen Händen gekraut werden, wird Euer Herz zartfühlend. Ich möchte Eure Gesichter sehen, wenn ich aus dem Buche das Gegentheil herausgelesen hätte. — Ei, ei! und Keiner kennt den Shakespeare!«
»Comteß Lara und Hildegard sind zu feinfühlend, um das hineinzusetzen, was Ihre Bosheit gern gesehen hätte,« rief Zernitz.
»Die Rothsattel ist zwar stolz,« rief Werner, »aber sie hat keinen Grund, von mir etwas Anderes zu sagen, als was wahr ist. Ich habe sie immer im Stillen für ein tüchtiges Mädchen gehalten, das wohl verdient, einmal die Frau eines ehrlichen Jungen zu werden.«
Fink nickte ihm billigend zu, dann erhob er das Buch und blickte hinauf an die Decke. »Warum werde ich nicht auf der Stelle von dieser sündigen Erde unter bessere Geschöpfe versetzt? Ich bin ein Seraph, und Niemand merkt es, und Niemand wird es glauben, am wenigsten die Weiber. Hier, Anton, empfange das Buch! Nicht durch Ofenwärme, nicht durch Ueberredung oder Zwang ist es erobert; durch freiwilligen Entschluß der tanzenden Herren wird es ungelesen zurückgeschickt.«
Anton ergriff das Buch, eilte in die Schreibstube von Feroni, schrieb auf einen Zettel: »Fink hat einige Blätter gelesen, er wird schweigen, sonst Niemand eine Zeile,« siegelte Zettel und Buch in ein Couvert und sandte dies durch einen von Feroni's Leuten am späten Abend nach dem Hause der Comteß Lara mit dem ausdrücklichen und durch eine Kette von Versprechungen verstärkten Befehl, der Bote müsse unter allen Umständen durch Nachtwächter und Pförtner in das Haus und bis an die Grenzen des Schlafzimmers dringen, wo, wie er mit Grund annahm, Theone jetzt ihre schwarzen Locken durch Ströme von Thränen in träufelnden Bindfaden verwandelte.
Das Gelag nahm seinen Verlauf. Das heiße Zimmer, der starke Trank und ein gewisses nachdenkliches Wesen der meisten Herren machten der Sitzung früher ein Ende, als Finks Absicht war. Endlich brach er auf, weckte den verschlafenen Küfer und sagte zu Anton: »Bezahle die Rechnung.« Als Fink mit Anton nach Hause ging, begann er: »Sei ruhig, Tony, natürlich war Alles gelogen, was ich aus dem Buch erzählt habe. In Wahrheit war alle Bosheit darin aufgesammelt, deren eine Gesellschaft Turteltauben fähig ist.«
»Ich hab's gemerkt,« sagte Anton vergnügt, »in der nächsten Stunde werden deine Herren schön den Hof machen.«
»Einer oder der Andere soll die Geliebte, die ich ihm heut zugetheilt habe, noch heirathen, ich will mich jetzt auf's Kuppeln legen.«
Anton schwieg gekränkt. »Sei ruhig,« fuhr Fink behaglich fort, »auch du sollst deine Einwilligung zu den Partien geben. Sprich, wie gefallen dir meine Herren?«
»Sieh,« sagte Anton, »was sie sagen, erscheint mir oft gewöhnlich, aber sie haben Selbstvertrauen und eine sichere Haltung, die sie auch dann nicht verlieren, wenn sie sich gehen lassen.«
»Na,« sagte Fink, »es geht; sie sind in ihrer Clique, in dem müßigen Umherlaufen mit Cousinen und Sporen an den Beinen verkümmert, sie sollen im Ganzen genommen ein Beispiel sein, wie man nicht sein muß, wenn man amüsant sein will. Ihre Liederlichkeit ist nicht lustig und ihre Lustigkeit ist kläglich, in ein Paar Jahren sind sie schaal und ungenießbar, wie schlechter Most. Dieses Tönnchen wird schon säuerlich. Ich habe große Lust, sie dir nächstens betrunken zu zeigen.«
»Sprich nicht so liederlich,« bat Anton.
»Ach, du armer Junge,« sagte Fink. »Schließ die Thür auf und gieb mir meine Geldbörse zurück.«
»Du hast heut wieder eine große Rechnung bezahlt,« sagte Anton. »Ich bitte dich, sei nicht so freigebig, du demüthigst ja die Andern.«
»Sei ruhig, Anton,« erwiederte Fink, »ich halte mich über sie auf, folglich ist auch billig, daß ich für sie bezahle.«
»Ich hoffe, du wirst niemals für mich bezahlen,« sagte Anton.
»Nein,« entgegnete Fink, »du sollst das Privilegium haben, dein eigener Cassirer zu sein; ich bin zufrieden, daß du mir den Hausschlüssel trägst und bei mir noch deine Cigarre rauchst, während ich mich ausziehe. — Welche Stunde ist's?«
»Es ist gegen zwei Uhr,« erwiederte Anton vorwurfsvoll.
»Dann sind wir sicher die Letzten. Da ich herkam, konnte das alte Haus solche Excesse nicht vertragen. Als ich das erste Mal beim Frühlicht diesen Riesenschlüssel in's Schloß steckte, fürchtete ich, die alten Mauern würden über mir zusammenbrechen. Jetzt sind sie daran gewöhnt, der Hund, die Hausknechte und der Prinzipal. Oft bleibe ich nur deßhalb länger aus, um diese schauderhafte philiströse Hausordnung umzudrehen.«
Als Hildegard Salt nach einer feuchten Thränennacht gegen Morgen die ersten Anstalten zum Schlafen machte, wurde sie durch einen Brief von Theone Lara geweckt, in dessen vorderem Theile Theone mit schwarzer Krähenfeder die Ansicht aussprach, daß für sie auf dieser Welt kein Raum mehr sei, und in der zweiten Hälfte diese Ansicht dahin berichtigte, daß sie Hildegard und Lenore für nächsten Nachmittag zur Chocolade einlud, um wegen der glücklichen Rettung des Buches eine vertrauliche Festfeier zu begehen.
Auf dieser Conferenz der Braunen wurde die Entweihung des Buches durch Männeraugen lebhaft besprochen. Schrecklich war, daß Fink hineingesehen hatte. Aber auch Wohlfart hatte das Buch in Händen gehabt, und es war sehr zu fürchten, daß auch er es durchgelesen hatte. Lenore war überzeugt, Wohlfart habe nicht darin gelesen. Hildegard dagegen behauptete, er sei ein Mann, und kein Mann, auch der beste nicht, sei einer solchen Discretion fähig. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, ihn auf eine Probe zu stellen. »Wenn er hineingesehen hat,« sagte Lenore, »so hat er doch zuerst das Titelblatt angesehen.«
»Das Titelblatt durfte er ansehen,« warf ein brauner Vogel ein.
»Ich hatte ihm verboten, das Buch zu öffnen,« sprach Lenore, »und ich weiß, er hat keine Seite angesehen. Ihr Alle sollt zuhören, wie er meine Fragen beantwortet.«
Als Anton in der nächsten Tanzstunde erschien, trat ihm Lenore an der Spitze der Partei entgegen, ihre Miene war bekümmert, und alle Braunen bemühten sich, die Köpfe zu hängen und eben so traurig auszusehen: »Ach, Herr Wohlfart, was haben Sie gemacht! Das Buch, welches Sie an Theone geschickt haben, war ja nicht ihr Tagebuch, es war das Notizbuch eines Herrn, aus einer fremden Brieftasche.«
»Wie ist das möglich?« rief Anton bestürzt.
»Gleich auf der ersten Seite war eine Rechnung vom 29ten über einen Frack, vom 30ten eine Flasche Rothwein und zwei neue Sporen. Das Buch konnte uns nichts helfen.« Alle Braunen schüttelten den Kopf und sahen betrübt zur Erde.
Anton suchte sich zu entschuldigen. »Fink zog das rothe Buch aus der Westentasche und gab es in meine Hand, ich sandte es sogleich versiegelt ab.«
»Dann muß Herr von Fink das Buch vertauscht haben,« fuhr Lenore fort. »Warum haben Sie denn nicht hineingesehen?« frug sie vorwurfsvoll, »wenigstens auf das Titelblatt.«
»Das durfte ich ja nicht,« rief Anton, »ich hatte Ihnen ja versprochen, keinen Blick hineinzuwerfen. Ich rufe Fink.«
»Halt,« rief Lenore, »noch einen Augenblick! Hat er hineingesehen oder nicht?« frug sie siegreich zu ihrer Schaar gewandt.
Ein bewunderndes »Nein« kam von Aller Lippen. »Bleiben Sie, Herr Wohlfart, es ist das rechte Buch, das Sie zurückgesandt haben. Einige von uns bezweifelten, ob ein Mann, ob selbst Sie das Tagebuch ungelesen aus der Hand geben könnten, ich sagte, Sie wären das im Stande, und habe meinen Freundinnen das so eben bewiesen.«
»Ich danke Ihnen für das gute Zutrauen,« rief Anton erfreut.
»Alles traue ich Ihnen zu, was brav und ehrlich ist,« sagte Lenore und blickte ihn mit herzlichem Vertrauen an.
Das war ein großer Abend im Kränzchen. Anton war bis zum Cotillon von einem Kreis junger Damen umgeben, welche ihn mit rührender Vertraulichkeit behandelten, und als der Augenblick kam, in welchem farbige Schleifen an die Herren ausgetheilt wurden, wurden die Klappen seines Fracks von oben bis unten besteckt, und er sah aus, wie der bunteste Hofmarschall des Continents.
Aber noch Größeres begab sich. Die Partei der Grünen drohte zu zerfallen. Zernitz, Georg Werner und der kleine Lanzau tanzten heut nur mit den Braunen. Hildegard Salt verlebte eine schreckliche halbe Stunde an der Seite des Nußknackers, welcher sie während eines Walzers mit ritterlicher Artigkeit, ja man muß sagen, mit Gefühl behandelte und dadurch in die allergrößte Verlegenheit setzte; Lenore hatte gar von den ehrerbietigen Angriffen des Laubfrosches, des Georg Werner und des kleinen Lanzau zu leiden, welche sämmtlich auf einmal zu der Ueberzeugung gekommen waren, daß Lenore ihrer ernsthaften Huldigungen nicht unwürdig sei. Eugenie selbst war heut gegen die Braunen von aufrichtiger Herzlichkeit, sie hing sich an Lenorens Arm und küßte beim Abschied Theone im überströmenden Gefühl auf beide Wangen. Und Frau von Werner setzte sich neben die Baronin Rothsattel, kündigte für die nächsten Tage ihren und ihrer Töchter Besuch an, bat um die Erlaubniß, ihren Georg mitzubringen, und sprach unaufhörlich davon, wie glücklich ihre Kinder noch im nächsten Sommer darüber sein würden, daß die Tanzstunde sie in ein so intimes Verhältniß zu Lenore gebracht habe. Kurz, das ganze Aussehen der Tanzstunde war verändert. Mit Ausnahme der grünen Damen, welche über die Untreue ihrer Herren zürnten, war Alles in einer gemüthvollen, von Menschenliebe gleichsam überfließenden Stimmung, deren Gegenstand die Damen des braunen Bundes waren. Verlegen erkannten diese die Veränderung ihrer Stellung, die Herzlichkeit der Baldereck, die ernsthaften Huldigungen aller feindlichen Herren, ach, aber zu einem Genuß ihres Glückes konnten sie nicht kommen, in ihrer Brust fühlten sie die Nadelstiche des bösen Gewissens, und um sie herum bewegte sich in weitem Kreise die furchtbare Gestalt Finks, des Wissenden. Durch ein Wort konnte er den unbegreiflichen Zauber zerstören, der sie umgab. — Den ganzen Abend hielt er sich fern von allen Theilnehmern am Tagebuch, erst am Ende der Stunde trat er zu Lenore: »Ist Fräulein Eugenie heut nicht allerliebst? Ich gebe Ihnen zu, daß sie gefühllos ist, aber diese kleine Unart wird sich möglicher Weise im Laufe der Jahre in eine ganz entgegengesetzte Eigenschaft verwandeln.«
Lenore sah ihn verlegen an. »Kommen Sie mit zu Theone Lara,« sagte sie endlich. »Herr von Fink hat ein Recht auf unsern Dank,« rief sie dort, »wir Alle wollen ihn bitten, daß er über das Buch schweigt, wie er bis jetzt gethan.«
»Ich will mich dazu verpflichten,« versetzte Fink, »unter einer Bedingung. Ein Opfer muß ich haben. Ich muß die Dame erfahren, welche den Vers unter einen gewissen Weinstock geschrieben hat. Ich muß Jemand haben, den ich hassen kann, von dem ich bei Gelegenheit alles Schlechte rede, Jemanden, der dafür bezahlt, daß Sie so leichtsinnig waren, die Documente Ihres scharfen Witzes in meine Hände fallen zu lassen. Nennen Sie mir die Eine, und ich gebe Ihnen freiwillig das Versprechen, daß ich gegen Fremde nie ein Wort aus dem Tagebuche citiren werde.«
In der Gruppe entstand eine ängstliche Bewegung, Jede fürchtete die Beute des rachsüchtigen Indianers zu werden. Lenore sah auf Hildegard, welche vor Schrecken erblich, und sagte eifrig: »Ich habe die Zeichnung gemacht und ich habe die Verse darunter meiner Freundin dictirt; da Sie's gesehen haben, so bitte ich Sie um Verzeihung. Mehr kann ich nicht thun; und wenn Sie jetzt die Absicht haben, sich an mir zu rächen, so werde ich Ihren Haß zu ertragen suchen.«
»Schön,« sagte Fink lächelnd, »ich werde mich rächen, ich werde Sie von heut ab hassen. Uebrigens ist mir angenehm zu erfahren, daß auch das vergänglichste aller Gefühle, Mädchenfreundschaft, die Unglücklichen, welche davon befallen werden, zu heldenmüthigen Opfern begeistern kann. — Ah, Fräulein Hildegard, finden Sie nicht, daß Benno Tönnchen ein herzensgutes Kind ist? Auch seine Gestalt ist nicht schlecht. Etwas zu voll, werden Sie sagen, aber gerade dies volle Wesen macht ihn und seine Familie so ansprechend.«
Die letzte Folge dieses glücklichen Abends war, daß auf einer neuen Conferenz der Braunen beschlossen wurde, den treuen Ritterdienst Wohlfarts in außerordentlicher Weise zu belohnen. Nach längerer Ueberlegung wurde man einig, daß Theone gemeinschaftlich mit ihren Freundinnen eine prachtvolle Börse zu häkeln habe. Gleich am nächsten Morgen wurden Seide und Perlen gekauft. Lenore wollte, um sich nicht auszuschließen, die Kunst zu häkeln eigens erlernen. Auch strahlte bereits die erste Kappe der Börse in Braun und Gold, als Ereignisse eintraten, welche die Vollendung hinderten.
III.
Es ist eine traurige Erfahrung, daß die überirdischen Gewalten dem Menschenkind das Glück einer hochgespannten Empfindung nicht lange unverkümmert lassen. Sie haben die Sache so schlau eingerichtet, daß sich fast immer eine Saite unsers Innern abspannt, so oft sie den Wirbel einer andern zur Höhe herumdrehen. Natürlich entsteht daraus ein Mißklang. Diese schlechte Behandlung erfuhr auch Antons Seele.
Zunächst ereignete sich, daß das Comtoir fortfuhr, die Veränderung in Antons Leben mit kritischem Blick zu beobachten. Jede Art von Befremden herrschte in den verschiedenen Zimmern des Hinterhauses, in allen aber war man einig, daß sich Anton, seit er die Tanzstunde besuche, sehr auffällig und nicht zu seinem Vortheil verändere. In Wirklichkeit war diese Veränderung nicht groß. Es ist wahr, Anton war in den Freistunden weniger mit seinen Collegen zusammen, als sonst, er brachte viele Abende außer dem Hause zu und wenn er einmal in Gesellschaft der Hausgenossen aushielt, so war er wohl zerstreuter, ja vielleicht übte er auch geringere Nachsicht gegen die ihm wohlbekannten kleinen Schwächen der anderen Herren. Sein Verstand bewahrte ihn davor, sich wegen der plötzlichen gesellschaftlichen Erfolge zu überheben und die Collegen durch Erzählung seiner Abenteuer zu langweilen, aber er konnte sich doch nicht enthalten, zuweilen Vergleiche anzustellen zwischen dem Ton und Benehmen seiner Umgebung, die er übersah, weil er sie genau kannte, und dem Ton und Benehmen im Salon der gnädigen Frau, der ihm imponirte, weil er ihm neu war. Das Comtoir erklärte seine größere Schweigsamkeit für Stolz, seine häufige Abwesenheit für unziemlichen Leichtsinn, und er, der sonst ein Liebling des Hauses gewesen war, kam gerade deßhalb in die Lage, jetzt sehr streng beurtheilt zu werden. Er selbst empfand die kühlere Haltung der Gemäßigten, die auffallende Kälte der Entschiedenen als lieblose Behandlung. So kam es, daß er die Abende, an denen er keine Veranlassung hatte, auszugehen, fast nur mit Fink verlebte, und daß Beide zusammen nach wenig Wochen als aristokratische Coterie den andern Herren gegenüberstanden.
Anton wurde durch dies Verhältniß mehr gedrückt, als er sich selbst gestehen wollte; er fühlte es an seinem Arbeitspult, auf seinem Zimmer, sogar beim Mittagessen im Vorderhause. Seltener redete ihn einer seiner Collegen an; wenn Jordan eine Auskunft forderte, wandte er sich nicht mehr an ihn, sondern an Baumann; wenn der Cassirer zur Frühstücksstunde in das vordere Comtoir kam, so trat er nicht mehr an Antons Sitz; und wenn Specht sich von seinem Platz umwandte und mitten in den kaufmännischen Correspondenzen eine auffallende Frage an die Umsitzenden that, so wandte er sich zwar öfter als sonst an Anton, aber es erschien diesem als keine Verbesserung seiner Situation, wenn Specht ihm flüsternd in's Ohr schrie: »Ist es wahr, daß Herr von Berg Apfelschimmel hat?« oder: »Muß man bei Frau von Baldereck lackirte Stiefeln oder Schuhe tragen?« Am gewaltthätigsten wurde Anton von seinem alten Gönner Pix behandelt. Uebergroße Toleranz hatte niemals die Energie dieses Herrn geschwächt, und aus einem nicht recht verständlichen Grunde sah er in dem gegenwärtigen Anton eine Art Verräther am Comtoir, an der großen Waage und am Solo. Es war seine Gewohnheit, den eigenen Geburtstag so feierlich als möglich zu begehen. Er lud dann seine Vertrauten, in deren erster Reihe Anton stand, zum Abend auf sein Zimmer und setzte ihnen an diesem Tage ausnahmsweise Wein auf den Tisch und einen Napfkuchen, den er eigens beim Bäcker bestellte und den er in immer größeren Verhältnissen zu liefern bemüht war. In diesen Wochen kam wieder sein Geburtstag heran, und Anton war, obgleich Herr Pix sich in der letzten Zeit sehr schweigsam gegen ihn verhalten hatte, doch vorbereitet, den Abend bei ihm zuzubringen, er hatte deßhalb eine Einladung des Herrn von Zernitz bereits abgelehnt. Früh vor der Comtoirstunde ging er auf das Zimmer von Herrn Pix und gratulirte diesem. Herr Pix nahm den Glückwunsch sehr kühl auf und gönnte ihm keine Einladung für den Abend. Nach Tische begegnete Anton dem kolossalen Napfkuchen, welcher mit Hülfe eines Bäckerlehrlings mühsam die Treppen des Hinterhauses hinaufstieg, im Comtoir merkte er aus einer Aeußerung des Herrn Specht, daß diesmal sämmtliche Collegen aufgefordert waren, den Tag festlich zu begehen, an welchem Herr Pix durch sein Erscheinen eine Lücke der Schöpfung ausgefüllt hatte. Alle waren geladen, nur Anton und Fink nicht.
Mit Recht empfand Anton diese Zurücksetzung als eine Unart. Er empfand sie aber tiefer, als wohl nöthig gewesen wäre. Und zum Ueberfluß theilte ihm Specht im Vertrauen mit, daß Pix die Erklärung abgegeben habe, ein junger Herr, der mit Lieutnants umgehe und bei Feroni am liederlichen Tische sitze, sei kein passender Gesellschafter für einen soliden Kaufmann. Als er an diesem Abend einsam auf seiner Stube saß und unter sich die lustige Unterhaltung der Collegen hörte, da überkam ihn eine bange und gedrückte Stimmung, und keins von den glänzenden Bildern, welche in der letzten Zeit seine Mußestunden ausgefüllt hatten, auch das holdeste nicht, war mächtig genug, durch die dichte Wolke des Mißmuths durchzudringen, welche ihn umhüllte.