Drittes Buch. (continued 3)
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Der Freiherr hatte sich gezwungen, diesen Antrag mit einem Lächeln anzuhören. Endlich sagte er kurz: »Was Sie mir vorschlagen, kann ich nicht annehmen, denken Sie an einen andern Ausweg.«
»Es giebt keinen,« sagte Veitel, »aber es ist erst Mittag, ich kann warten bis um fünf.« Er machte wieder seine tiefen Bücklinge und wandte sich an der Thür noch einmal um. »Was Sie, gnädiger Herr, jetzt von Geld brauchen,« sagte er ernst, »das sind nicht die zehntausend Thaler allein; Sie werden in den nächsten Monaten noch nöthig haben eben so viel für Ihre Fabrik, und um zu retten Ihr Capital auf der polnischen Herrschaft. Wenn Sie mir cediren die Hypothek, haben Sie das ganze Geld. Und noch eine Bitte habe ich an meinen gnädigen Herrn: Geruhen Sie, nicht gegen Ehrenthal zu sprechen von unserm Geschäft; er ist ein harter Mann und würde mir schaden mein Leben lang.«
»Seien Sie ohne Sorge,« sagte der Freiherr mit einer verabschiedenden Handbewegung. Veitel entfernte sich.
Der Freiherr ging mit großen Schritten auf und ab. Was der ehrerbietige Mann ihm vorgeschlagen hatte, wühlte sein Inneres auf. Ja, es war Rettung für ihn aus dieser und aus kommenden Verlegenheiten, aber er konnte darauf nicht eingehen, das verstand sich von selbst. Er war lächerlich, der ihm den Antrag machte, und man konnte ihm nicht einmal zürnen, er verstand's nicht anders. Aber der Freiherr hatte sein Wort verpfändet, er durfte an die Sache gar nicht mehr denken.
Und doch, wie gering war für ihn die Gefahr. Die Documente blieben ruhig in Ehrenthals Hand, bis der Freiherr seine polnischen Gelder erhielt, dann zahlte er die Summe baar an Ehrenthal und löste seine Documente ein. Kein Mensch durfte etwas von dem Geschäft erfahren, und wenn es zum Schlimmsten kam, so ließ er eine neue Hypothek für Ehrenthal auf sein Gut ausfertigen, er bewilligte ihm noch eine Entschädigung, und der Geldmann gab sich zufrieden. Immer wies er den Gedanken von sich ab, und unaufhörlich kam er zurück. Es schlug eins, es schlug zwei Uhr; er klingelte dem Bedienten und befahl, anzuspannen, und frug gelegentlich, ob der fremde Mensch noch im Hause sei. Der Kutscher fuhr vor, der Fremde stand unten an der Treppe. Der Freiherr stieg die Stufen hinab, ohne ihn anzusehen, und setzte sich in den Wagen. Als der Diener mit abgezogenem Hut neben ihm stand und frug, wohin der Kutscher fahren solle, da erst fiel ihm ein, daß er es selbst nicht wußte. »Zu Ehrenthal!« sagte er endlich.
Ehrenthal hatte unterdeß einen unruhigen Vormittag verlebt. Der freche Eingriff, den ein Dritter in seine Rechte gewagt, flößte ihm den Argwohn ein, daß außer ihm noch eine andere unbekannte Macht gegen den Baron speculire. Er schickte zu Pinkus, überschüttete diesen mit Vorwürfen und suchte auf jede Weise zu erfahren, woher das Capital gekommen sei. Pinkus aber war auf's Beste geschult, er zeigte eine eherne Stirn und war grob. Darauf schickte Ehrenthal nach Itzig. Itzig war nirgend zu finden.
So war er in unholder Laune, als der Freiherr wieder bei ihm vorfuhr, er wußte am besten, daß diese neue Schuld nicht nöthig war, um den Edelmann im ruhigen Lauf der Jahre aus dem Besitz seines Gutes zu bringen, und zürnte ihm deshalb als einem Thoren, der sich eine so unnöthige Verlegenheit bereitete. Und er sagte ihm mit dürren Worten, daß der Tag gekommen sei, wo die Geldzahlungen aufhören müßten. Es gab wieder eine heftige Scene, der Freiherr ging erbittert aus dem Comtoir, setzte sich in seinen Wagen und beschloß, noch einen letzten Versuch bei einem früheren Kameraden zu machen, der als reicher Mann bekannt war.
Es war vier Uhr vorbei, als er hoffnungslos in seinem Quartiere ankam. An der Treppe lehnte eine hagere Gestalt, welche dem Vorübereilenden eine tiefe Verbeugung machte und ruhig stehen blieb. Die Kraft des Freiherrn war erschöpft. Er setzte sich in die Sophaecke, wie am Tage zuvor, und starrte vor sich hin. Es gab keine Rettung, das wußte er jetzt genau, keine andere als die, welche dort unten im Schatten des Pfeilers auf ihn lauerte. In einer wüsten Abspannung erwartete er, was kommen würde. Unthätig, ohne sein Haupt von der Lehne zu erheben, hörte er die Viertelstunden von vier zu fünf schlagen. Wieder schlug es in seinem Haupt, wie mit einem Hammer, jeder Schlag brachte ihn dem Augenblick näher, wo sein Schicksal zu ihm hereintrat. Der letzte Schlag der fünften Stunde war verhallt, der Klingelzug im Vorzimmer zitterte, der Freiherr erhob sich von seinem Sitz. Itzig öffnete die Thür und hielt zwei Papiere in der Hand.
»Ich kann nicht zahlen,« rief ihm der Freiherr mit heiserer Stimme entgegen.
Itzig verneigte sich wieder und bot ihm das andere Papier: »Hier ist der Entwurf zu einem Vertrage.«
Der Freiherr ergriff seinen Hut und sagte, ohne den Fremden anzusehen: »Kommen Sie zu einem Notar!«
Es war Abend, als der Freiherr zu dem Schloß seiner Väter zurückkehrte. Das bleiche Mondlicht glänzte auf den Thürmchen und den Vorsprüngen des Baues, schwarz wie Pech war der See, schwarz die Strebepfeiler, welche den Grund des Hauses zusammenhielten. Und farblos wie der Park und das Haus war das Gesicht des Mannes, der sich in dem Wagen zurücklehnte und die Lippen zusammenpreßte, als Einer, der nach einem langen Kampfe zur Entscheidung gekommen ist. Er sah gleichgültig auf das Wasser, auf die Mauern seines Hauses und auf das kalte Mondlicht am Dach, und doch war ihm lieb, daß die Sonne nicht schien, und daß er das Haus seiner Väter nicht im goldenen Licht des Tages anzusehen hatte. Er mühte sich, in die Zukunft zu denken, die ihm jetzt sicherer war, er überlegte alle Vortheile, die er von seiner Fabrik haben mußte, er dachte hinein bis in die Zeit, wo sein Sohn hier wohnen würde als ein befestigter reicher Mann, ohne die Sorgen, die den Vater in die Gemeinschaft mit niedrigen Geldleuten geführt und sein Haar gebleicht hatten. Er dachte an Alles, aber auch die liebsten seiner Gedanken waren ihm gleichgültig geworden, und er mußte sich zwingen, sie festzuhalten. Er stieg ab und griff nach der gefüllten Brieftasche, bevor er seiner Gemahlin die Hand reichte und Lenore mit einem Kopfnicken grüßte, welches ihren ängstlichen Blick beruhigen sollte. Er sprach herzlich zu den Frauen, und es gelang ihm, Scherze über den unruhigen Tag zu machen; aber er fühlte, daß etwas zwischen ihn und seine Liebsten getreten war; auch sie erschienen ihm fremd. Wenn sie sich an ihn lehnten und seine Hand faßten, so zuckte er leise, als müsse er die Hand zurückziehen. Und wenn seine Frau ihn zärtlich ansah, da lag in ihrem Blick, auf den er immer auch im größten Leid als auf die letzte Hülfe hingesehen hatte, jetzt etwas, das er nicht ertragen konnte, und er schlug das Auge zu Boden. Er schritt zu der Fabrik, wo die Leute noch auf die Ankunft des Herrn warteten, und erblickte seinen Namenszug, der aus bunten Lampen zusammengesetzt über der Thür brannte, darüber die siebenzinkige Krone seines Geschlechts; und er wandte die Augen ab, der Glanz der Lampen stach ihn in die Seele.
Um ihn jubelte die Freude, die Arbeiter brachten ihm ein Hoch nach dem andern aus, die Dorfmusik spielte wieder lustige Tänze. Sie spielte auch denselben Marsch, unter dem er einst mit dem Regiment oft vor seinem alten General vorbeimarschirt war, der den jungen Offizier wie ein Vater geliebt hatte. Er dachte an das narbenvolle Gesicht des alten Kriegers und an seine Kameraden, er dachte auch an ein Ehrengericht, das die Offiziere des Regiments einst über einen Unglücklichen gehalten hatten, der sein Ehrenwort leichtsinnig gegeben und gebrochen. Er ging in sein Schlafzimmer, und ihm war wohl, als es um ihn finster wurde und er nichts mehr von Allem sah, nicht sein Schloß und seine Fabrik, nicht den prüfenden Blick seiner Frau. Und wieder hörte er auf dem Lager eine Stunde nach der andern schlagen, und bei jedem Schlage mußte er denken: »Es giebt jetzt einen andern Mann vom Regiment, der mit grauem Haar dasselbe gethan hat, was damals einen Jüngling dazu brachte, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen. Hier liegt der Mann und kann nicht schlafen, weil er sein Ehrenwort gebrochen hat.«
V.
Die Frühlingsstürme fuhren über das Flachland, als Anton in das Geschäft zurückgerufen wurde. Der Winter war ihm eine Zeit harter Arbeit, großer Beschwerde gewesen. Aus der fremden Stadt war er mehr als einmal in Kälte und Schnee durch verwüstete Landschaften gereist, weit hinein in den Osten und Süden bis an die Berge Siebenbürgens und in die Weideländer der Magyaren. Er hatte viel Trauriges gesehen, niedergebrannte Edelhöfe, zerstörten Wohlstand, unsichere Menschen, Hunger, Rohheit und brennenden Haß der Parteien.
»Um welche Stunde kommt er?« frug Sabine den Bruder.
»In wenig Stunden, mit dem nächsten Bahnzug.«
Sabine sprang auf und ergriff ihr Schlüsselbund. »Und noch sind die Mädchen nicht fertig, ich muß selbst zum Rechten sehen. Heut Abend soll er bei uns essen, Traugott; auch wir Frauen wollen etwas von ihm haben.«
Der Bruder lachte. »Verzieht ihn nur nicht.«
»Dafür ist gesorgt,« sagte die Tante. »Wenn er einmal wieder im Comtoir sitzt, dann steckt er wie in einer Schublade, man kann ihn, außer Mittags, lange suchen.«
Unterdeß suchte Sabine unter ihren Schätzen, belud den Arm des Bedienten mit allerlei Packeten und sah ungeduldig in den Hof hinab, ob die Herren noch nicht aus dem Hinterhause in das Comtoir gehen wollten. Endlich huschte sie selbst in Antons Stube. Sie warf noch einen prüfenden Blick auf das Sophakissen, das sie für den Abwesenden gestickt hatte, und ordnete in einer Alabasterschaale alle Blumen, welche der Gärtner aufgetrieben hatte. Als sie so über der Schaale stand, fielen ihre Blicke auf die Wände des Zimmers, wo noch die Zeichnung hing, welche Anton in den ersten Wochen nach seinem Eintritt gemacht, und auf den kostbaren Teppich, den noch Fink über den Fußboden gezogen hatte. Zum ersten Mal seit langer Zeit war sie in diesem Raum, den ihr Fuß gemieden hatte, so lange der Andere ein Bewohner des Hauses war. Wo lebte er jetzt? Ihr war heut, als sei sie seit vielen vielen Jahren von ihm getrennt, und die Erinnerung an ihn kam ihr wie das bange Gefühl nach einem schweren Traume. Dem ehrlichen Mann, der jetzt hier wohnte, konnte sie offen sagen, wie werth er ihr geworden war, und freudig durfte sie der Stunde entgegensehen, wo sie ihm danken wollte für Alles, was er ihrem Bruder gethan.
»Aber Sabine!« rief die Tante erschrocken an der Thür. Auch die Tante hatte es leise in das Zimmer ihres Tischnachbars gezogen.
»Was hast du?« rief Sabine aufsehend.
»Aber es sind ja die gestickten Vorhänge, die du aufgezogen hast. Die gehören doch nicht in's Hinterhaus, in diese Herrenwirthschaft!«
»Laß sie hängen,« sagte Sabine lächelnd.
»Und die Ueberzüge, und diese Handtücher, das ist unerhört, es sind ja deine besten Stücke. Mein Gott! Die Ueberzüge mit Spitzen und auch das rosa Futter dazu.«
»Laß dir's gefallen, Tante,« rief Sabine erröthend. »Der heut zurückkommt, hat es wohl verdient, daß er das Beste aus den alten Schränken erhält.«
Aber die Tante fuhr fort, den Kopf zu schütteln. »Wenn ich's nicht selbst sähe, ich hätte es Keinem geglaubt. So etwas für den täglichen Gebrauch zu geben! Ich verstehe dich nicht mehr, Sabine. — Man wird ihn nach und nach um einige Nummern herabsetzen müssen; er merkt's nicht, das ist mein einziger Trost. Nein, daß ich das erleben mußte!« Sie schlug die Hände zusammen und verließ aufgeregt das Zimmer.
Sabine ergriff wieder die Schlüssel und eilte ihr nach. »Sie macht gegen Traugott unnütze Worte,« sagte sie sich leise im Gehen, »ich muß ihr beweisen, daß es nicht anders einzurichten war.«
Unterdeß war auch dem Reisenden zu Muthe wie einem Sohn, der nach langer Abwesenheit in das Vaterhaus zurückkehrt. Auf den letzten Stationen vor der Hauptstadt pochte sein Herz in freudigen Schlägen; das alte Haus und die Collegen, das Geschäft und sein Pult, der Chef und Sabine, alle fuhren in lachenden Bildern vor seinem Auge vorüber. Endlich hielt die Droschke vor der geöffneten Hausthür. Da standen die Frachtwagen, die Tonnen, der Leiterbaum. Da rief Vater Sturm mit einer Stimme, welche hell über die breite Straße klang, seinen Namen, riß den Wagenschlag auf und hob ihn heraus, wie ein Mann sein Kind aus dem Wagen hebt. Da eilte Herr Pix bis auf die Straße, schüttelte ihm lange die Hand und bemerkte in seiner Freude nicht, daß unterdeß sein schwarzer Pinsel diese Bewegungen benutzte, um auf Antons Pelz allerlei Striche und Punkte zu malen. Dann kam Anton bei der großen Waage vorbei und schüttelte mit der Hand vergnügt an den Ketten. Dann trat er in das vordere Comtoir, wo bereits die Lampen brannten, und rief herzhaft seinen Guten Abend! hinein. Mit lautem Ruf erhoben sich die Collegen wie ein Mann und drängten sich um ihn. Herr Schröter eilte aus der Hinterstube herzu, und als er sein »Willkommen!« rief und die Hand entgegenhielt, fuhr ein heller Strahl von Freude über sein ernstes Gesicht. Das waren glückliche Augenblicke, und Anton wurde weicher, als sich für einen gereisten Mann schickt. Und als er nach den ersten Fragen und Antworten aus dem Comtoir nach seinem Zimmer ging, da sprang im Hofe Pluto mit Ungestüm auf ihn zu und wedelte unmäßig mit dem zottigen Schwanze, und Anton hatte Mühe, sich seiner Liebkosungen zu erwehren. Vor seinem Zimmer kam ihm der Diener mit vergnügtem Lächeln entgegen und riß respectvoll die Thüre auf. Ueberrascht sah sich Anton um, der Raum war festlich geschmückt, im Kamin vor dem Ofen brannte ein behagliches Feuer, eine grüne Guirlande hing über der Thür, auf dem Sopha lag ein neues gesticktes Kissen, auf dem Tische stand ein zierliches Theeservice und daneben eine Alabasterschaale mit Blumen. »Das Fräulein hat selbst Alles aufgestellt,« vertraute ihm Franz. Anton beugte sich über die Schaale und betrachtete die einzelnen Blumen auf's Genaueste. Sie waren im Allgemeinen anderen Naturerzeugnissen ihrer Art nicht unähnlich, aber Anton starrte in sie hinein, als hätte er noch nie etwas Aehnliches gesehen. Darauf nahm er das Kissen, befühlte und streichelte die Stickerei und stellte sie voll Bewunderung wieder an ihre Stelle. Zuletzt nahm er auch die Katze in die Hand, klopfte sie auf den Rücken und setzte sie vorsichtig gleich einem lebenden Geschöpf wieder auf den Schreibtisch; und die Katze war nicht unempfänglich für solche Freundlichkeit, denn in dem rothen Scheine des Kaminfeuers glänzte sie hell und lebendig, und es klang durch das Zimmer wie ein leises Schnurren.
Wieder eilte Anton in das Comtoir, dem Chef über seine letzte Thätigkeit Bericht zu erstatten. Der Kaufmann nahm ihn in sein kleines Zimmer und besprach mit ihm die Ereignisse der vergangenen Zeit in so herzlicher Weise, wie man mit einem Freund über wichtige Angelegenheiten verhandelt. Es war doch eine ernste Unterredung. Vieles war verloren und nicht Weniges noch gefährdet. Erst in der Ferne war Anton mit dem ganzen Umfange der Gefahr bekannt worden, welche das Geschäft bedroht hatte. Und er erkannte, daß die Thätigkeit vieler Jahre nöthig sei, um die Verluste wieder auszugleichen und an Stelle der abgerissenen Fäden neue anzuknüpfen. Mit kurzen Worten sagte ihm der Kaufmann dasselbe. »Ihrer Umsicht und Energie verdanke ich viel,« schloß er, »ich hoffe, Sie werden mir helfen, das verlorene Terrain in anderer Weise wieder zu gewinnen; das Unvermeidliche werden wir tragen.« Und als Anton hinausging, rief er ihm lächelnd nach: »Es ist noch Jemand, der Ihnen zu danken wünscht; ich bitte Sie, heut Abend mein Gast zu sein.«
So trat Anton an sein Pult, öffnete das lang verschlossene und legte sich Papier und Feder zurecht. Aber aus dem Schreiben wurde heut nicht viel. Jordan weigerte sich, ihm Briefe zu geben, und in beiden Arbeitsstuben hörte die unruhige Bewegung nicht auf. Einer nach dem Andern verließ seinen Platz und kam zu Antons Stuhl. Herr Baumann klopfte dem Stubennachbar mehrmals leise auf den Rücken und ging dann immer wieder vergnügt auf seinen Platz zurück, und Herr Specht hockte in großer Aufregung an dem Geländer neben Antons Sitz, und seine Fragen und verwunderten Ausrufe schossen wie ein Bach auf Anton nieder. Herr Liebold legte das Löschblatt mehrere Minuten vor der Schlußstunde in das Hauptbuch und zog sich nach dem vordern Comtoir. Sogar Herr Purzel trat, die heilige Kreide in der Hand, aus seinem Verschlage; zuletzt kam auch Herr Pix in das Zimmer, um Anton im Vertrauen zu erzählen, daß er schon seit einigen Monaten keine Solopartie gespielt, und daß Specht unterdeß in einen Zustand gekommen sei, der mit Verrücktheit eine unverkennbare Aehnlichkeit habe.
Am Abend betrat Anton den obern Stock des Vorderhauses. Die Portière rauschte zurück, Sabine stand vor ihm. Ihr Mund lachte, aber ihre Augen glänzten feucht, als sie sich auf die Hand herabbeugte, welche die Todesgefahr vom Haupt des Bruders abgewandt hatte.
»Fräulein!« rief Anton erschrocken und zog die Hand zurück.
»Ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen, Wohlfart!« rief Sabine und hielt ihn mit beiden Händen fest. So blickte sie ihn schweigend an, verklärt durch eine Rührung, welche sie nicht bewältigen konnte. Als Anton das Mädchen betrachtete, welches mit gerötheten Wangen, so bewegt und dankbar zu ihm aufsah, da erkannte er, daß seit jenem Streich des slavischen Säbels auch seine Stellung zur Familie und zu ihr geändert war. Die Schranke war gefallen, welche bis dahin den Arbeiter des Comtoirs von dem Fräulein getrennt hatte. Und mit einer stolzen Freude, welche ihm das Herz schwellte, empfand er auch, daß er selbst in dieser Zeit ein Mann geworden war, wohl werth, daß ein Weib seiner Kraft und Ruhe vertraute.
Er erzählte ihr noch einmal, was sie durch viele Fragen aus seinem Mund zu vernehmen suchte, den Kampf um die Wagen, die Schrecken der wilden Zeit. Andächtig lauschte Sabine seinem Wort. Auch er war ihr ein Anderer, seine Züge waren bestimmter, seine Haltung sicherer, seine Rede fest. Ihr Auge suchte den klaren Glanz des seinen, und wenn ein voller Blick freudig auf sie fiel, schlug sie das ihre unwillkürlich nieder. Nie war ihr aufgefallen, wie hübsch und stattlich er war. Heut sah sie auch das. Ein offenes männliches Antlitz, darüber das kastanienbraune lockige Haar, zwei prächtige Augen von dunklem Blau, ein kräftiger Mund und auf den Wangen ein feines Roth, das in der wachsenden Empfindung sich veränderte, wie das Sonnenlicht auf der lachenden Flur. Er war ihr neu geworden und doch wie ein lieber vertrauter Freund.
Die Tante kam herein, die gestickten Vorhänge hatten in ihrer Seele eine Erschütterung hervorgerufen, welche noch anhielt und jetzt durch ein Seidenkleid und eine neue Haube an das Licht trat. Ihre Begrüßung war laut und wortreich und ihre Bemerkung, daß der neue Backenbart Herrn Wohlfart sehr gut stehe, wurde durch ein stilles Kopfnicken der Nichte bestätigt.
»Da habt Ihr den Helden des Comtoirs,« rief der Kaufmann. »Jetzt zeigt, daß Ihr Ritterdienste besser zu lohnen wißt, als durch schöne Worte. Tragt ihm auf, was Küche und Keller hergeben. Kommen Sie, mein treuer Gefährte. Der Rheinwein erwartet, daß Sie nach manchem schweren Polentrunk auch ihm eine Ehre erweisen.«
In dem ruhigen Licht der Lampe strahlte das Zimmer vor Behagen, als die Vier sich zu Tische setzten. Der Kaufmann hielt Anton das Glas über den Tisch: »Willkommen in der Heimath!« »Willkommen im Hause!« rief Sabine. Da sagte er leise: »Ich habe eine Heimath, ich habe ein Haus, in dem ich mich wohl fühle. Durch Ihre Güte habe ich Beides gewonnen. Viele Abende, wenn ich dort draußen in einer schlechten Herberge saß, unter wildfremden Leuten, deren Sprache ich nur unvollkommen verstand, da habe ich an diesen Tisch gedacht, und welche Freude es für mich sein würde, wieder Ihr Angesicht und diese Räume zu sehen. Denn das Bitterste auf Erden ist doch, sich in den Stunden der Ruhe allein zu fühlen, ohne einen guten Freund, ohne eine Stätte, an welcher das Herz hängt.«
Und als er spät am Abend aufbrach, sagte der Kaufmann beim Nachtgruß: »Wohlfart, ich wünsche Sie noch fester an dies Haus zu fesseln. Jordan verläßt uns mit dem nächsten Vierteljahr, um als Associé in die Handlung seines Oheims zu treten. Ich habe Sie für seine Stelle bestimmt. Ich weiß, daß ich keinen bessern Mann zu meinem Stellvertreter machen kann.«
Als Anton in sein Zimmer zurückkehrte, da fühlte er, was der Mensch nur in wenigen Stunden des Lebens ungestraft fühlen darf, daß er glücklich war, ohne Reue, ohne Wunsch. Er setzte sich auf das Sopha, sah auf das Kissen und die Blumen, und seine Gedanken flogen zurück über die letzten Stunden. Immer wieder sah er Sabine vor sich, wie sie sich auf seine Hand niederbeugte und ihm dankte. Lange saß er so in holdem Traume und legte sein müdes Haupt auf die seidenen Arabesken, welche Sabinens Hand gestickt hatte.
Da fiel sein Auge auf den Tisch, ein Brief lag auf der Decke, das Postzeichen war von Newyork, die Adresse von Finks Hand.
Fink hatte ihm in den ersten Jahren der Trennung einige Mal geschrieben, fast immer nur wenige Zeilen, nie etwas von seinen Geschäften, noch weniger von den Plänen, welche er im Hinterhause für seine Zukunft gemacht hatte. Dann war eine lange Zeit verstrichen, in welcher Anton ohne jede Nachricht vom Freunde geblieben war, er wußte nur, daß Fink viele Zeit auf Reisen im Westen der Union zubrachte, wo er als Bevollmächtigter des Handelshauses, an dessen Spitze sein Oheim gestanden, und im Interesse verschiedener Compagnien, an welchen der Verstorbene Theil hatte, thätig war. Aber mit Bestürzung las Anton heut Folgendes:
»Es muß endlich doch heraus, was ich dir armen Jungen gern verschwiegen hätte. Ich bin unter die Räuber und Mörder gegangen. Wenn du einen harten Kehlabschneider brauchst, wende dich nur an mich. Ich lobe mir einen Burschen, der aus freier Wahl ein Schuft wird; er hat wenigstens das Vergnügen, mit dem Teufel einen klugen Vertrag zu machen, und kann die Classe von Niederträchtigkeiten aussuchen, in der er sich behaglich fühlt. Mein Loos ist weniger angenehm. Ich werde durch den Zwang der Schelmereien, welche Andere ausgedacht haben, auf einem Wege fortgetrieben, welcher eine haarsträubende Aehnlichkeit mit der Chaussee hat, die sich Lawinen auf ihrem Sprunge nach der Tiefe bereiten. Wie das Felsstück in der Schneemasse, so stecke ich, von allen Seiten eingeengt, in der eisigen Kälte der furchtbarsten Speculationen, welche je großartiger Wuchersinn ausgedacht hat. Der Verstorbene hat die Güte gehabt, gerade mich zum Erben seiner Lieblingsprojecte, der Speculationen mit Land, zu machen. Lange vermied ich, mich selbst in die Einzelheiten dieses Geschäfts zu verlieren. Ich ließ ein Jahr lang Westlock diesen Theil der Erbschaft bearbeiten. Wenn das feig war, so fand ich eine Entschuldigung in der Masse von Arbeiten, welche mir die Börsengeschäfte des todten Herrn machten. Endlich wurde die Uebernahme auch dieser Thätigkeit unvermeidlich, und wenn ich schon vorher sehr bestimmte Ahnungen über die weite Ausdehnung des Luftsacks bekommen hatte, den der Todte statt eines Gewissens mit sich herum trug, so ist mir jetzt ganz unzweifelhaft geworden, daß die Absicht seines Testamentes war, sich für die kindischen Bosheiten, die ich gegen ihn geübt, dadurch zu rächen, daß er mich zum Spießgesellen von alten verwitterten Schurken machte, deren Schlauheit so groß ist, daß Satan selbst den Schwanz in die Tasche stecken und ihnen entlaufen würde.
Diesen Brief erhältst du aus einer neuen Stadt in Tennessee, einem anmuthigen Ort, der dadurch nicht besser wird, daß er auf Speculation von meinem Geld gebaut ist. Einige Holzhütten, die Hälfte davon Schenken, bis unter das Dach angefüllt mit einem schmutzigen und verworfenen Gesindel von Auswanderern, von denen die Hälfte an Fäulniß und Fieber darnieder liegt. — Auch was noch umherläuft, ist ein hohläugiges, verkümmertes Geschlecht, alle Candidaten des Todes. Täglich, wenn die armen Tröpfe die aufgehende Sonne erblicken, so oft sie den unbescheidenen Wunsch fühlen, etwas zu essen und zu trinken, täglich vom Morgen bis zum Abend ist ihr Lieblingsgeschäft, auf die Landhaifische zu fluchen, welche ihnen ihr Geld für Transportkosten, für Land und Improvements abgenommen, und sie in diese Gegend geführt haben, welche zwei Monate im Jahre unter Wasser steht und die übrige Zeit einem zähen Brei ähnlicher sieht, als irgend welchem Lande. Die Männer aber, welche sie auf diesem kothigen Weg in's Himmelreich weisen, sind meine Agenten und Bundesgenossen, und ich, Fritz Fink, bin der Glückliche, der hier allstündlich mit jedem Fluch der deutschen und irischen Zunge beworfen wird. Was noch gesunde Beine hat, schicke ich fort, was als Bewohner meines Hospitals umherschleicht, das habe ich mit Welschkorn und China zu füttern. In meiner Stube kriechen, während ich dies schreibe, drei nackte Paddykinder auf der Diele umher, ihre Mütter sind so pflichtvergessen gewesen, dies Jammerthal zu verlassen, und ich genieße den Vorzug, die froschartigen Scheusälchen über den Nachttopf zu halten. Eine angenehme Beschäftigung für meines Vaters Sohn! Wie lange ich hier festsitzen werde, weiß ich nicht, möglicherweise bis der Letzte gestorben ist.
Unterdeß bin ich mit meinen Associés in Newyork zerfallen, ich habe den Vorzug gehabt, eine allgemeine Unzufriedenheit zu erregen, die Theilhaber an der großen Westlandcompagnie sind zusammengekommen, man hat Reden gegen mich gehalten und Beschlüsse gefaßt. Mich würde das wenig kümmern, wenn ich einen Weg sähe, mich von dieser Bande loszumachen. Aber der Todte hat die Sache so schlau eingerichtet, daß ich fest geschnürt bin, wie ein Sklave im Negerschiff. Es sind ungeheure Summen in diese wüste Speculation geworfen. Wenn ich ihnen den Kram kündige, so bin ich sicher, daß sie Mittel finden werden, mich die ganze Summe, die der Todte gezeichnet hat, bezahlen zu lassen, und wie ich das durchsetzen soll, ohne nicht nur mich, sondern vielleicht auch die Firma Fink und Becker zu ruiniren, das sehe ich noch nicht.
Indessen wünsche ich deine Meinung über das, was ich thun soll, nicht zu hören. Sie kann mir nichts nutzen, denn ich weiß sie ohnedies. Ich wünsche überhaupt keinen Brief von dir, du einfältiger, altfränkischer Tony, der du glaubst, ehrlich handeln sei eine so einfache Geschichte, wie ein Butterbrod streichen. Denn habe ich Alles gethan, was ich konnte, die Einen begraben, die Andern gefüttert und meine Compagnons so sehr geärgert, als mir möglich ist, dann ziehe ich auf einige Monate weiter nach Westen, in eine ehrliche Prairie, wo weniger Gekrächz von Alligatoren und Nachteulen, und etwas mehr Aristokratism zu finden sein wird, als hier. Giebt es auf der Prairie Tinte und Stift, so schreibe ich dir wieder. Ist dieser Brief der letzte, den du von mir erhältst, so widme mir eine Thräne und sage in deiner salbungsvollen Art: Schade um ihn, er hatte auch seine guten Seiten!«
Darauf folgte eine genaue Darstellung der Geschäfte Finks und die Statuten der Landcompagnie.
Anton las den unerfreulichen Brief einigemal durch, dann setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb an den Freund, trotz dem Verbot desselben, die ganze Nacht hindurch.
Noch in dem ruhigen Licht der nächsten Tage behielt Anton die erhobene Stimmung. Wenn er im Comtoir arbeitete und mit seinen Collegen scherzte, immer fühlte er, wie fest sein Leben in den Mauern des großen Hauses Wurzeln geschlagen hatte. Auch den Andern wurde das bemerkbar. Am Mittagstisch war die Unterhaltung jetzt lebhafter als je. Nicht nur der Prinzipal, auch Anton und Sabine führten das Gespräch. In einer Zeit, wo das Geschäft wenig Freudiges brachte, kam in diese Drei ein neues Leben. Der Kaufmann richtete seine Rede fast ausschließlich an Anton, und wenn Anton erzählte, dann hörte der ganze Tisch aufmerksam zu, und zuweilen klang ein heiteres Lachen aller Collegen um die feierliche Tafel. Auch des Abends war Anton eine bevorzugte Person. Er wurde oft in das Vorderhaus geladen, dann saß er mit den Frauen und dem Prinzipal am kleinen Tisch zusammen, und dem Hausherrn war anzusehen, wie lieb ihm das persönliche Verhältniß zu einem Manne wurde, der so innig mit den Interessen seines Geschäfts verwachsen war und in dessen frischem und geordnetem Sinn er ein Bild seiner eigenen Jugend erblickte.
Für Sabine wurden diese Stunden ein Genuß. Es war ihr ein freudiger Fund, wenn sie im Gespräch über die Neuigkeiten des Tages, über ein gelesenes Buch, über Erlebtes und Gefühltes wahrnahm, daß der Mann, der jahrelang so nahe an ihnen gelebt hatte, in so Vielem mit ihr übereinstimmte. Seine Bildung, sein Urtheil überraschten sie, sie sah ein ehrliches Gemüth plötzlich in glänzenden Farben vor sich stehen, wie der Reisende staunend auf eine reiche Landschaft blickt, die ihm wogender Nebel lange verhüllt hat.
Friedlich fanden sich die Collegen in die ungewöhnliche Stellung ihres Genossen. Daß er dem Prinzipal das Leben gerettet hatte, wußten sie aus dem eigenen Munde des Chefs, und dieser Zufall wurde selbst für Herrn Pix ein Grund, die Einladungen Antons in das Vorderhaus ohne Bemerkung zu ertragen. Anton that das Seine, dem Comtoir seine Persönlichkeit werth zu erhalten. An freien Abenden lud er die Einzelnen auf sein Zimmer, nicht selten kam die ganze Gesellschaft bei ihm zusammen. Jordan beklagte sich lächelnd, daß er schon bei Lebzeiten vergessen sei, und das Comtoir gewöhnte sich, in Anton seinen Nachfolger, den stillen Rathgeber der Jüngeren zu sehen. Am liebsten war Anton mit Baumann zusammen, der in dem letzten halben Jahre wieder einige starke Anwandlungen von Missionsgelüsten gehabt hatte und jetzt nur durch die Ueberzeugung zurückgehalten wurde, daß in der schwierigen Gegenwart ein geübter Calculator nicht fehlen dürfe. Am eifrigsten aber bemühte sich um Antons Gunst der phantasiereiche Specht. Ihm hatte der Reisende einen romantischen Heiligenschein bekommen. Was Anton etwa erfahren hatte, das malte die Phantasie des Herrn Specht mit den grellsten Farben aus. Er war geneigt, anzunehmen, daß der College außer den Abenteuern, welche er eingestand, noch unendlich reizende und furchtbare erlebt hatte, die zu verbergen er durch geheimnißvolle Verhältnisse gezwungen war.
Leider war Specht's eigene Stellung zu den Collegen während Antons Abwesenheit mächtig erschüttert worden. Er war immer der Gegenstand gewesen, an welchem sich die gute Laune der Andern aufzurichten liebte, wie die Schlingpflanze an einem dünnen Bäumchen, und oft war er von den Blüthen fremden Witzes fast erstickt worden. Jetzt sah Anton mit Bedauern, daß der gute Herr Specht in dem Zustand allgemeiner Mißachtung lebte. Sogar sein Quartett hatte ihn aufgegeben, wenigstens schwebte zwischen ihm und den beiden Bässen eine finstere Wolke des Mißmuths. So oft Specht eine Behauptung aufstellte, welche nicht ganz unbestreitbar war, zuckte Pix die Achseln und warf ihm mit Verachtung das ungehörige Wort »Kürbis« entgegen. Fast Alles, was Specht sagte, war »Kürbis«; sogar bei Tische kugelte dieser Pflanzenkörper in den untern Regionen von einem Munde zum andern, und so oft das Wort ausgesprochen wurde, gerieth Herr Specht in leidenschaftlichen Zorn, brach tief gekränkt das Gespräch ab und zog sich aus der Gesellschaft der Andern in sich selbst zurück.
Anton besuchte an einem Abend den Verfehmten auf seinem Zimmer. Schon vor der Thür hörte er die scharfe Stimme des Collegen, welcher das berühmte Lied: »Hier sitz' ich auf Rasen mit Veilchen bekränzt« von dem erhabenen Ort seiner Behausung — Herr Specht wohnte drei Treppen hoch — in das Haus hinunter sang. Als Anton leise die Thür öffnete, saß Specht in kunstvoller Attitude, graziös auf einen Arm gestützt, bei seiner Lampe am Tisch und sang mit so innigem Behagen, daß Anton einige Augenblicke stehen blieb, den Begeisterten nicht zu stören. Es war kein großes Zimmer, welches Specht bewohnte, und die Erfindungskraft des Herrn hatte jahrelang gearbeitet, demselben einen Charakter zu geben, welcher von dem Wesen gewöhnlicher Stuben verschieden war. Es sah in der That keiner andern irdischen Behausung ähnlich. Alle Wände waren mit Bildern überzogen, mit Portraits berühmter Künstlerinnen, viele im Costüm ihrer Rolle, dazwischen ragten zahlreiche Consolen, auf denen kleine Vasen, Muscheln und Thonfiguren und andere Merkwürdigkeiten standen. Da der Consolen mehr waren, als der darauf zu stellenden Gegenstände, so hatte Specht die leeren mit Tassen und Champagnerflaschen interimistisch besetzt. Ueber dem Bett hing ein großer Ritterschild von glänzendem Messingblech, daneben große Fechthandschuhe und ein Köcher mit Pfeilen. Ueber den Pfeilen war ein Zettel an die Wand geschlagen, mit einem gemalten Todtenkopf und zwei gekreuzten Knochen und dem warnenden Wort: »Vergiftet!« Dahinter drei Ausrufungszeichen.
Am auffälligsten aber war die Mitte des Zimmers eingerichtet. Dort schwebte etwas über Manneshöhe ein ungeheurer Reifen, durch Bindfaden an einem Haken der Decke festgehalten. Darunter standen große Thongefäße, mit Erde gefüllt, und von den Gefäßen liefen zahlreich gespannte Schnüre bis zu dem Reifen. Unter dem Reifen stand ein Gartentisch aus knorrigen Baumästen und einige Stühle aus Weidenruthen. Durch diese Vorrichtung erhielt das Zimmer ein durchaus unerhörtes Aussehen, und die freie Bewegung der darin befindlichen Gliedmaßen wurde für jeden Andern, als den erfahrenen Bewohner sehr schwierig. Es war nicht abzusehen, welchen Zweck diese geheimnißvolle Vorrichtung hatte. Allerdings erinnerten der wilde Tisch, die Stühle und Erdtöpfe den menschlichen Geist gewissermaßen an Garten und freie Natur, während wieder die ausgespannten Schnüre eine entfernte Aehnlichkeit mit Strickleitern hatten, welche zum Mastkorb eines Schiffes hinaufführen. Zuletzt neigte sich Anton zu der Ansicht, daß diese Erfindung eine Menschenfalle vorstelle, welche nach dem Muster eines Spinngewebes gebaut und darauf berechnet war, die Köpfe und Beine boshafter Collegen festzuhalten. Wenigstens saß Specht selbst als Dirigent in der Mitte des Netzwerks, und sein Sirenengesang konnte wohl darauf berechnet sein, die Eintretenden durch vorgespiegelten grünen Rasen und falsche Veilchenkränze in's Garn zu locken.
Anton blieb außerhalb der Falle stehen und rief endlich Specht von der Thür an: »Was zum Henker haben Sie in Ihrem Salon für ein Bindfadensystem ausgebreitet?«
Specht sprang auf und versetzte mit glänzenden Augen: »Es ist eine Laube.«
»Eine Laube? Ich sehe ja nichts Grünes.«
»Es kommt,« sagte Specht und führte den Besuch zu seinen Gefäßen.
Bei näherer Betrachtung entdeckte Anton in den Töpfen einige schwache Epheuranken, welche bestäubt und verkommen wie die Ueberreste dämmeriger Traumbilder aussahen, welche dem erwachenden Menschen noch einige Augenblicke an den Fäden seiner Seele hängen, um gleich darauf für immer zu vergehen.
»Aber Specht, dieser Epheu wird's nicht thun,« sagte Anton.
»Er ist auch nicht allein da,« belehrte Specht geheimnißvoll; »sehen Sie, hier kommt noch Anderes.« Er wies auf mehrere magere, spargelähnliche Gebilde, welche sich aus den Töpfen erhoben und mit nichts Anderem zu vergleichen waren, als mit den unglücklichen Versuchen, zu keimen, welche die Kartoffeln zur Zeit des Frühjahrs in einem warmen Keller anstellen.
»Und was sollen diese Keime bedeuten?«
»Es sind Bohnen und Kürbisse,« sagte Herr Specht. »Das Ganze wird eine Kürbislaube; in einigen Wochen werden die Fäden von den Ranken belaufen sein. Denken Sie, Wohlfart, wie famos das aussehen wird! Von allen Seiten die grünen Ranken, die Blüthen und die großen Blätter. Das Ganze wird ein Zelt sein mit zwei Eingängen. Die meisten Kürbisse werde ich abschneiden, damit mir die Last nicht zu schwer wird, einzelne lass' ich hängen, es werden Netze darunter gemacht. Bitte, stellen Sie sich das ganze dicke Grün vor, dazwischen die gelben Blüthen, es wird reizend aussehen! Das wird ein Sitz, mit guten Freunden eine Flasche Wein zu trinken, oder vierstimmig zu singen.«
Ach die guten Freunde hatten Herrn Specht verlassen, er ließ sich aber alle Sonntage vom Bedienten eine halbe Flasche Wein holen, setzte vier Gläser auf den Tisch und trank eines nach dem andern aus.
»Aber Specht,« frug Anton lachend, »können Sie denn im Ernst glauben, daß die Kürbisse in Ihrer Dachstube wachsen werden?«
»Warum sollen sie nicht wachsen?« rief Herr Specht gekränkt. »Sie sind gerade wie die Andern. Die Pflanzen haben ja Sonne, ich sorge für frische Luft, ich gieße mit Rinderblut, sie haben Alles, was sie brauchen.«
»Aber sie sehen verzweifelt kränklich aus.«
»Das ist nur der Anfang, die Luft ist draußen noch kalt, und wir haben einige Wochen gehabt, wo der Sonnenschein fehlte. Später schießen sie auf einmal in die Höhe. Wenn Einer nichts von einem Garten hat, muß er sich zu helfen wissen.« Er sah sich vergnügt in der Stube um. »Sehen Sie, im Decoriren eines Zimmers will ich's mit jedem reichen Mann aufnehmen. Natürlich nach meinen Mitteln. Aus Oelbildern mache ich mir nicht viel, sie werden in der Regel schwarz; meine Bilder hier werden höchstens ein wenig heller. Es hat mich Geld gekostet, dafür ist es hier hübsch geworden. Mein Zimmer ist nicht groß, aber es ist wohnlich.«
»Ja,« entgegnete Anton, »außer für gewisse Unarten unruhiger Menschen, als Geradestehen und Umhergehen. Darauf muß man hier verzichten. Sie können nur solchen Besuch gebrauchen, der sich gleich an der Thür auf den Fußboden setzt.«
»Ruhig zu sitzen, ist ja eine Hauptregel bei der Unterhaltung,« versetzte Specht. »Leider sind die Menschen oft schlecht und ohne Herz. — Finden Sie nicht auch, Wohlfart, daß in unserm Comtoir einige Collegen gemüthlos sind?« sagte er leise.
»Manchmal etwas kurz,« erwiederte Anton, »aber die Meinung ist gut.«
»Ich finde das nicht,« seufzte Specht. »Ich bin jetzt ganz allein und muß meinen Trost außer dem Hause suchen. Wenn ich kann, gehe ich in's Theater, oder zu den Reitern, und wenn ein Zwerg kommt oder ein Seehund, und natürlich in die Concerte.«
»Aber das hilft doch nicht immer gegen die Einsamkeit.«
»Nein,« versetzte Specht; »denn es kostet Geld, und Sie wissen, ich habe keinen hohen Gehalt, und ich fürchte, ich werde auch nicht viel mehr kriegen, als jetzt. Von Hause aus hatte ich Vermögen,« sagte er wichtig, »aber ein Vetter von mir, der mein Vormund war, hat mich darum gebracht. Hätte ich's noch, könnte ich vielleicht mit Vieren fahren. Glauben Sie nur, ich wäre auch nicht glücklicher. Wenn nur der Pix nicht so grob wäre,« klagte er wieder. »Es ist schauderhaft, Wohlfart, das alle Tage anhören zu müssen. — Ich wollte ihn fordern, während Sie verreist waren,« rief er und wies auf ein altes Rappier, dessen Klinge hinter dem Bett hervorragte. »Aber er benahm sich schlecht. Ich schrieb ihm, daß es mir sehr leid thäte, ihn fordern zu müssen, und es wäre sehr gleichgültig, wo er sich mit mir duelliren wollte. Ich schlug ihm entweder den Berg auf der Promenade vor oder auch unsern Oberboden, wo Raum genug ist, und ersuchte ihn um eine Mittheilung über die Waffen, welche er gebrauchen wollte. Da schrieb er mir unhöflich zurück, er würde sich nur im Hausflur duelliren, wo er sich alle Stunden des Tages aufhielte, und was die Waffen beträfe, so könnte ich fechten, womit ich wollte, seine Waffe wäre der große Pinsel, er sei bereit, mir auf jede Backe eine Signatur zu machen. Sie werden mir zugeben, daß ich darauf nicht eingehen konnte.«
Das gab Anton zu.
»Jetzt hetzt er die andern Collegen wider mich auf,« fuhr Specht kleinlaut fort. »Der Zustand ist für mich unerträglich, ich kann gar nicht mehr mit den Andern zusammen sein, ohne daß ich beleidigt werde. Aber ich weiß, wodurch ich mich räche. Ich spare jetzt. Wenn die Kürbisse erst blühen, dann gebe ich Allen einen Satz, nur Pix lade ich nicht ein; wie er's damals mit Ihnen gemacht hat, Wohlfart. Ich will uns beide an ihm rächen.«
»Gut,« sagte Anton, »das gefällt mir. Aber wissen Sie was: da auch ich den Collegen eine Aufmerksamkeit schuldig bin, so wollen wir beide zusammen das Fest in Ihrer Stube geben.«
»Das ist ausgezeichnet von Ihnen, Wohlfart,« rief Specht glücklich.
»Und wir wollen nicht warten,« fuhr Anton fort, »bis die Kürbisse groß geworden sind, sondern wollen uns unterdeß durch anderes Grün helfen.«
»Gut,« sagte Specht, »vielleicht durch Tannenbäume.«
»Ich werde dafür sorgen,« fuhr Anton fort, »und endlich wollen wir Pix nicht ausschließen, sondern gerade dazu laden. Das ist eine viel feinere Rache, die Ihres guten Herzens am würdigsten ist.«
»Meinen Sie?« frug Specht zweifelhaft.
»Gewiß,« sagte Anton. »Ich schlage nächsten Sonnabend vor, die Einladung machen wir gemeinschaftlich.«
»Schriftlich,« rief Specht vergnügt, »auf rosa Papier.«
»Das ist recht,« sagte Anton. Darauf beriethen die Beiden in der Laube die nähere Einrichtung des Festes.
Die Collegen waren nicht wenig verwundert, als sie einige Tage darauf durch bunte Billete, die Herr Specht geheimnißvoll vor Anfang der Comtoirstunden auf den Platz eines Jeden gelegt hatte, zur Kürbisblüthe in Herrn Specht's Stube eingeladen wurden. Da Antons geachteter Name mit unterzeichnet war, so blieb ihnen nichts übrig, als die Einladung anzunehmen. Unterdeß zog Anton das Fräulein in das Geheimniß und erbat von ihr aus dem Garten einige vorhandene Epheustöcke und was sonst von Blumen gerade entbehrlich war, Specht aber arbeitete die ganze Woche bei verschlossenen Thüren in seiner Stube und am Tage des Festes bezog er mit Hülfe des Bedienten den leeren Bindfaden mit grünen Ranken, stellte einige blühende Sträucher in Gruppen, ließ sich eine Anzahl bunter Glaslampen holen und befestigte an den Ranken trichterförmige Erfindungen aus gelbem und weißem Papier, welche mit Kürbisblüthen ganz besondere Aehnlichkeit hatten.
Durch diese Vorrichtung erhielt das Zimmer das Aussehen, welches Herr Specht in seinen Träumen schon lange geahnt hatte. Am Abend des Festes waren die Collegen höchlich überrascht. Als Letzter trat Herr Pix herein, und auch er vermochte ein erstauntes »Donnerwetter!« nicht zu unterdrücken, als er die unglückliche Laube wirklich umrankt und mit gelben Blüthen bedeckt sah, welche in dem farbigen Lampenlicht schimmerten und von ihrem Draht freundlich herunternickten. Die großen Thongefäße waren durch Sträucher verdeckt, in der Mitte der Laube hing eine rothe Lampe wie ein Glühwurm herab, und auf dem Gartentisch stand ein riesig großer Kürbis. Anton nöthigte das Quartett in die Laube und besetzte mit den Uebrigen alle noch leeren Theile der Stube, auch das Bett war mit Polstern überdeckt und mußte als zweites Sopha dienen.
Als sich Alle gelagert hatten, trat Specht an den großen Kürbis und rief feierlich: »Sie haben mich lange mit dem Kürbis geneckt, hier ist meine Rache. Hier ist der Kürbis.« Er ergriff den kurzen Stiel und hob den obern Theil ab. Der Kürbis war hohl, eine Bowle stand darin.
Die Collegen lachten und riefen »Bravo!« und Specht schenkte die Gläser voll.
Dennoch war im Anfange eine gewisse Spannung zwischen Herrn Specht und den übrigen Herren nicht abzuleugnen. Zwar das verrufene Wort »Kürbis« wurde nicht gehört, aber seine Vorschläge fanden selten bereitwillige Aufnahme. Als Anton ein Bündel türkischer Pfeifen, die er in der Fremde für die Collegen gekauft hatte, herbeitrug und unter die Anwesenden vertheilte, da machte Specht den Vorschlag, daß Alle sich als Türken mit gekreuzten Beinen auf das Bett oder den Fußboden setzen sollten. Und dieser Vorschlag fiel durch. Auch als er die Behauptung aufstellte, daß die tscherkessischen Mädchen, welche bisher von ihren Eltern in die türkischen Familien verkauft worden, bei größerer Ausdehnung unserer Handelsverbindungen mit dem Orient bis zu uns kommen würden, um die Rolle der Kellnerinnen in den bairischen Bierkellern zu übernehmen, da konnte selbst diese Behauptung sich keine Anerkennung erringen. Aber nach und nach wirkte der milde Inhalt des Kürbis auf die strengen Seelen der Collegen.
Zuerst wurde der Zwiespalt unter den musikalischen Naturen des Hauses ausgeglichen. Anton brachte die Gesundheit des Quartetts aus. Das Quartett dankte mit einiger Befangenheit, da es sich gerade vor vier Wochen in Mißklängen aufgelöst hatte. Es ergab sich aus düstern Andeutungen der Bässe, daß Specht eine ungehörige Forderung an sie gestellt hatte. Herr Specht hatte sie benutzen wollen, um einer Roßbändigerin des Circus, der entzückenden Tillebi, ein Ständchen zu bringen. Die Bässe hatten sich geweigert, bei solchem nächtlichen Werk thätig zu werden, und Specht war auf diese Weigerung in heftigen Zorn gerathen und hatte geschworen, keinen Ton mit den Andern zu singen, so lange sie der Unvergleichlichen aus abgeschmackten Bedenken ihre Huldigung verweigerten. »Hätte er das Ständchen noch am Abend bringen wollen,« sprach Balbus, »so wären wir vielleicht um des lieben Friedens willen mit gegangen, aber er behauptete, es müßte um vier Uhr früh geschehen, weil das die Stunde sei, wo die Kunstreiter aufstünden, um ihre Pferde zu füttern. Das war uns doch zu arg. Unterdeß ist das Frauenzimmer mit einem Bajazzo durchgegangen.«
»Das ist nicht wahr,« rief Specht; »der Bajazzo hat sie gewaltsam entführt.«
»Jedenfalls hat er uns dadurch einen Dienst erwiesen,« sagte Anton, »denn er hat den Herren die Erfüllung Ihres kräftigen Schwurs unmöglich gemacht. Und so sehe ich keinen Grund, weßhalb Sie als Künstler und treue Collegen noch länger der Ausübung Ihrer musikalischen Virtuosität entsagen sollen. Wie ich höre, waren Sie, liebster Specht, ein wenig heftig, machen Sie den Herren darüber Ihre Entschuldigung, wie sie einem Mann von Ehre wohl ansteht, alsdann schlage ich den Herren vor, das Quartett auf der Stelle neu zu begründen.«
Da erhob sich Specht und sprach: »Nach dem Rath meines Freundes Wohlfart mache ich Ihnen meine Entschuldigung, bin übrigens bereit, Ihnen in jeder Art Rede zu stehen.« Worauf er sein Glas austrank und den Bässen heftig die Hand schüttelte.
Darauf wurden die Notenbücher gebracht und mit Behagen ließen alle Vier in der Kürbislaube ihre Stimme erschallen.
Noch blieb die Versöhnung mit Pix als das schwerste Werk. Specht sah seinen Gegner den ganzen Abend mißtrauisch an.
Pix saß gefühllos auf dem Bett und streichelte den Pluto, welcher mit ihm zur Abendgesellschaft gekommen war.
Specht goß Pix das Glas voll und stellte es auf den Bettpfosten. Pix trank es schweigend aus. Specht füllte das Glas von neuem und begann in weltmännischem Ton: »Nun Pix, wie finden Sie den Kürbis?«
»Es ist eine verrückte Idee,« sagte Pix.
Gekränkt wandte sich Specht ab und sah wieder unruhig auf seinen Gegner. Nach einer Weile streckte er die Füße mit scheinbarem Behagen aus, verbarg seine Hände in den Hosentaschen, und sprach über die Schulter: »Sie werden mir zugeben, Pix, daß man über manche Dinge verschiedene Ansicht haben kann und deßhalb doch nicht feindlich zu sein braucht.«
»Das gebe ich zu,« sagte Pix.
»Warum also,« fuhr Specht heftig fort und sprang auf, »warum sind Sie mein Feind? warum denken Sie gering von mir? Es ist hart, mit seinen Collegen in Feindschaft leben. Ich will Ihnen nicht verschweigen, daß ich Sie achte und daß mir Ihr Benehmen unangenehm ist. Sie haben mir Genugthuung verweigert und sind doch noch böse auf mich.«
»Erhitzen Sie sich nicht,« sagte Pix, »ich habe Ihnen keine Genugthuung verweigert und ich bin gar nicht böse auf Sie.«
»Wollen Sie mir das vor allen diesen Herren erklären?« rief Specht erfreut, »wollen Sie mit mir anstoßen?« Er holte sein Glas.
»Kommen Sie her,« sagte Pix versöhnlich, »ich habe gar nichts mehr gegen Sie, ich sage nur, das mit den Kürbissen war ein verrückter Einfall.«
»Es ist noch mein Einfall,« rief Specht, das Glas zurückziehend, »ich dünge mit Rinderblut, in einigen Wochen werden sie grün sein.«
»Nein,« sagte Pix, »das ist vorbei für immer, morgen früh werden auch Sie das einsehen. Und jetzt kommen Sie her und stoßen Sie an, von den Kürbissen soll zwischen uns nicht mehr die Rede sein.«
Specht stieß verdutzt an und wurde gleich darauf sehr lustig. Die Last war von ihm genommen, welche ihn lange gedrückt hatte. Er sang, er schüttelte allen Collegen die Hände und wurde groß in gewagten Behauptungen.
Als Anton mit den Collegen die Treppe hinabstieg, bemerkte er, daß Pluto etwas Gelbliches im Maule trug und eifrig daran kaute. »Es sind Specht's Kürbisse,« sagte Pix, »der Hund hat sie für Rindfleisch gehalten und sämmtlich abgebissen.«
VI.
Anton stand vor dem Bett des kranken Bernhard und sah mit innigem Antheil auf die verfallene Gestalt seines Freundes. Das Antlitz des Gelehrten war noch faltiger als sonst, seine Haut durchscheinend wie aus Wachs, unordentlich hing sein lockiges Haar um die feuchte Stirn, die Augen blitzten in fieberhafter Aufregung dem Besuch entgegen. »So lange waren Sie in der Fremde!« rief er klagend; »ich habe mich alle Tage nach Ihnen gesehnt. Jetzt da Sie zurück sind, wird es auch mit mir besser werden.«
»Ich komme oft, wenn ich Sie nicht durch unser Gespräch aufrege,« erwiederte Anton.
»Nein,« sagte Bernhard, »ich will ruhig zuhören, Sie sollen von Ihrer Reise erzählen.«
Anton begann seinen Bericht. »Ich habe in dieser Zeit gesehen, was wir uns oft mit einander gewünscht haben, fremde Menschen und ein stürmisches Treiben. Ich habe gute Gesellen auch in der Fremde gefunden, und doch ist mir bei Vielem, was ich erlebte, die Ueberzeugung gekommen, daß es kein größeres Glück giebt, als sich in seiner Heimath mitten unter seinen Landsleuten tüchtig zu rühren. Manches habe ich erfahren, was auch Sie gefreut hätte, weil es poetisch war und die Seele bewegte, aber zuletzt war das Widerwärtige doch im Vordergrund.«
»Es war dort, wie überall auf der Erde,« sagte Bernhard. »Wo ein großes Gefühl das Herz erschüttert und den Menschen vorwärts treiben möchte, wirft die Erde ihren Schmutz daran, und das Schöne verkümmert, und alles Große wird lächerlich gemacht. Es ist wo anders wohl auch nicht besser, als bei uns.«
»Das ist unser alter Streit,« sagte Anton heiter, »sind Sie noch nicht bekehrt, Ungläubiger?«
Bernhard zupfte mit dem Finger an seiner Bettdecke und antwortete niedersehend: »Vielleicht bin ich's doch, Wohlfart.«
»Ei,« rief Anton neckend, »und wer hat Ihre Bekehrung bewirkt? War's etwas, was Sie erlebt haben? Gewiß, so muß es sein.«
»Was es auch war,« sagte Bernhard mit einem Lächeln, das sein Gesicht wie ein heller Schein überflog, »ich glaube, daß es auch bei uns Schönheit und Liebenswürdigkeit giebt, ich glaube, daß auch bei uns das Leben große Leidenschaften bringen kann, heilige Freuden und bittere Schmerzen. Und ich glaube,« fuhr er traurig fort, »daß man auch bei uns unter dem Druck eines furchtbaren Schicksals untergeht.«
Besorgt hörte Anton diese Worte und sah, wie das große Auge des Kranken begeistert in die Höhe blickte. »Gewiß ist es, wie Sie sagen,« erwiederte er endlich, »aber das Allerschönste, was diesem Leben den höchsten Werth giebt, ist doch, wenn die Kraft des Menschen größer ist, als Alles, was auf ihn eindringt. Ich lobe mir einen Mann, der sich Leidenschaften und ein ernstes Schicksal nicht über den Kopf wachsen läßt, der selbst, wenn er Unrecht gethan hat, sich immer wieder herauszureißen weiß.«
»Wenn es aber zu spät ist und wenn die Macht der Verhältnisse stärker wird, als er?«
»Ich glaube nicht gern an die Macht der Verhältnisse,« sagte Anton. »Ich denke mir, wenn Einer noch so sehr umdrängt ist, und er will nur eine tüchtige Kraft daran setzen, so kann er sich wohl heraushauen; er wird Wunden davon tragen, wie ein Soldat in der Schlacht, aber sie werden ihm gut stehen. Und wenn er die Rettung nicht findet, so kann er wenigstens kämpfen als ein Tapferer. Und wenn er so unterliegt, werden die Augen Aller mit Theilnahme auf ihm ruhen. Nur wer sich ohne Widerstand ergiebt, wenn das Wetter hereinbricht, den verweht der Wind von dieser Erde.«
»Eine Flaumfeder wird durch kein Gebet in Stein verwandelt, sagt der Dichter,« erwiederte Bernhard und schnellte mit dem Finger eine Feder von seinem Kissen in die Luft. »Ich will Sie etwas fragen, Wohlfart,« fuhr er nach einer Weile fort, »kommen Sie näher heran. Denken Sie, ich wäre ein Christ, und Sie mein Beichtvater, vor dem man keine Geheimnisse haben möchte.« Er sah unruhig auf die Thür des Nebenzimmers und frug leise: »Was halten Sie von dem Geschäft meines Vaters?«
Betroffen fuhr Anton zurück, Bernhard sah in ängstlicher Spannung auf den Freund: »Ich verstehe wenig von diesen Dingen, ach, vielleicht zu wenig. Ich will nicht wissen, ob er für reich oder arm gilt, aber ich frage Sie als meinen Freund, was halten fremde Menschen von der Art, wie er sein Geld erwirbt? Es ist schrecklich und vielleicht ein großes Unrecht, daß ich, sein Sohn, so frage, aber mich zwingt etwas, dem ich nicht widerstehen kann. Seien Sie ehrlich gegen mich, Wohlfart.« Er erhob sich in seinem Bett und sagte, den Arm um Antons Hals legend, diesem in's Ohr: »Gilt mein Vater bei Männern Ihrer Art für rechtschaffen?«
Antons Herz zog sich von innigem Mitgefühl zusammen, er durfte nicht sagen, was er dachte, und er durfte nicht lügen. So schwieg er eine Weile, der Kranke sank in seine Kissen zurück und ein leises Stöhnen zitterte durch die Stube.
»Mein theurer Bernhard,« erwiederte Anton, »bevor ich dem Sohn eine solche Frage beantworte, muß ich erst wissen, weßhalb er einen Dritten frägt. Wenn Sie es nur thun, um durch meine Ansicht Ihr Urtheil über die Geschäfte Ihres Vaters zu vervollständigen, so muß ich Ihnen die Antwort verweigern, gleichviel, wie sie ausfallen würde. Denn was ich etwa kenne, sind nur die kalten, vielleicht unfreundlichen Ansichten Fremder, und solche Auffassung soll der Sohn eines Geschäftsmannes niemals zu der seinigen machen.«
»Ich frage,« sagte Bernhard feierlich, »weil ich um das Wohl Anderer in großer Sorge bin, vielleicht kann Ihre Antwort mehreren Menschen Angst und Noth ersparen.«
»Dann,« sagte Anton, »will ich Ihnen antworten. Ich kenne keine einzelne Handlung Ihres Vaters, welche nach kaufmännischen Begriffen unehrenhaft ist. Ich weiß nur, daß er zu der großen Klasse von Erwerbenden gezählt wird, welche bei ihren Geschäften nicht sehr darnach fragen, ob ihr eigener Vortheil durch Verluste Anderer erkauft wird. Herr Ehrenthal gilt für einen vorsichtigen und gewandten Mann, dem die gute Meinung solider Männer weniger gleichgültig ist, als hundert Andern. Er wird vielleicht Manches thun, was ein Kaufmann von sicherem Selbstgefühl vermeidet, aber er wird sicher auch gegen Vieles Widerwillen empfinden, was gewissenlose Speculanten um ihn herum wagen.«
Wieder kam ein zitternder Seufzer von den Lippen des Kranken, ein peinliches Schweigen folgte. Endlich erhob sich Bernhard und sprach so nahe an Antons Ohr, daß dieser den heißen Athem des Kranken auf seiner Wange fühlte: »Ich weiß, Sie kennen den Baron Rothsattel.« Anton sah erstaunt auf. »Das Fräulein hat mir selbst gesagt, daß sie eine Bekannte von Ihnen ist.«
»Es ist so, wie Fräulein Lenore sagt,« erwiederte Anton, mit Mühe seine Aufregung verbergend.
»Wissen Sie etwas von der Verbindung meines Vaters mit dem Freiherrn?« frug Bernhard weiter.
»Nur wenig,« sagte Anton, »nur was Sie selbst mir gelegentlich erzählt haben, daß Herr Ehrenthal dem Freiherrn Geld auf sein Gut geliehen hat. Jetzt in der Fremde habe ich gehört, daß dem Freiherrn irgend eine Gefahr droht, ich habe sogar Veranlassung gehabt, ihn vor einem Intriganten zu warnen.« Bernhard starrte angstvoll auf Antons Lippen, Anton schüttelte den Kopf; »es war aber Jemand,« sagte er, »der Ihrem Hause nicht fremd ist, Ihr Buchhalter Itzig.«
»Er ist ein Schurke,« rief Bernhard heftig und ballte seine magere Hand. »Er ist eine gemeine niederträchtige Natur. Von dem ersten Tage, wo er in unser Haus kam, habe ich einen Abscheu gegen ihn gefühlt, wie gegen ein unreines Thier.«
»Es scheint mir,« fuhr Anton fort, »daß Itzig, den auch ich aus früheren Zeiten kenne, hinter dem Rücken Ihres Vaters gegen den Freiherrn arbeitet. Die Warnung, welche mir im Interesse des Freiherrn kam, war so dunkel, daß ich wenig daraus zu machen wußte; ich konnte nichts thun, als sie dem Freiherrn so mittheilen, wie ich sie selbst erhielt.«
»Dieser Itzig beherrscht meinen Vater,« flüsterte Bernhard; »er ist ein böser Geist in unserer Familie; wenn mein Vater egoistisch gegen den Freiherrn handelt, so trägt dieser Mensch die Schuld.«
Schonend gab Anton das zu. »Ich muß wissen, wie es zwischen dem Freiherrn und meinem Vater steht,« fuhr Bernhard fort; »ich muß wissen, was zu thun ist, um der Familie aus ihrer Verlegenheit zu helfen. Ich kann helfen,« fuhr der Kranke fort, und wieder flog ein matter Strahl von Freude über sein Antlitz. »Mein Vater liebt mich. Er liebt mich sehr, jetzt in meiner Schwäche habe ich empfunden, daß sein Herz an mir hängt. Wenn er des Abends an mein Bett kommt und mit seiner Hand über meine Stirn streicht, wenn er sich mir gegenübersetzt, wo Sie sitzen, und mich stundenlang kummervoll ansieht, — Wohlfart, er ist ja doch mein Vater.« Er schlug die Hände zusammen und verbarg sein Haupt in den Kopfkissen. »Sie müssen mir helfen, mein Freund,« fuhr er wieder fort, »Sie müssen mir sagen, was geschehen kann, den Freiherrn zu retten. Ich fordere das von Ihnen. Ich selbst werde meinen Vater fragen. Ich fürchte mich vor der Stunde, wo ich mit ihm darüber spreche, aber nach dem, was Sie mir gesagt haben, sorge ich, auch er weiß nicht Alles, oder« fuhr er murmelnd fort, »er wird mir nicht Alles sagen. Sie aber müssen den Freiherrn selbst aufsuchen.«
»Vergessen Sie nicht, Bernhard,« erwiederte Anton, »daß es auch dem reinsten Willen nicht erlaubt ist, sich so in die Verhältnisse eines Andern einzudrängen. Wie gut unsere Absicht sein mag, dem Freiherrn bin ich ein Fremder. Mein Vermitteln wird ihm, wie Ihrem Vater, leicht als vorlaute Anmaßung erscheinen, und ich fürchte, wir werden auf diesem Weg wenig erfahren. Ich sage nicht, daß der Schritt unnütz ist, aber ich halte ihn für unsicher. Eher wird es möglich sein, daß Sie selbst auf die Maßregeln Ihres Vaters Einfluß gewinnen.«
»Gehen Sie doch zum Freiherrn,« bat Bernhard dringend, »und wenn er selbst gegen Sie verschlossen bleibt, so fragen Sie das Fräulein. Ich habe sie gesehen,« fuhr er fort, »ich habe es Ihnen verschwiegen, wie der Mensch sein liebstes Geheimniß verhüllt, heut sollen Sie auch das erfahren. Ich weiß, wie schön sie ist, wie stolz ihre Haltung, wie edel ihre Geberde. Wenn sie über den Rasen schritt, war sie wie eine Königin der Natur, ein heller Schimmer glänzte um ihr Haupt; wo sie hinsah, neigte sich Alles vor ihrem Blick — ihre Zähne wie Perlen und ihre Brüste wie Rosenhügel,« sagte er leise und sank in die Kissen zurück mit gefalteten Händen und blitzenden Augen.
»Auch er!« rief es in Anton. »Mein armer Bernhard, Sie schwärmen.«
Bernhard schüttelte den Kopf. »Seit dem Tage weiß ich, daß unser Leben nicht grau ist,« sagte er lächelnd; »es ist nicht grau, aber es ist grausig. Wollen Sie jetzt mit dem Freiherrn und mit seiner Tochter sprechen?«
»Ich will,« sagte Anton aufstehend. »Aber ich wiederhole Ihnen, ich beginne etwas Auffallendes, das leicht neue Verwickelungen herbeiführen kann, auch für uns beide.«
»Wer so daliegt, wie ich, der fürchtet keine Verwickelungen,« sagte Bernhard, »und Sie,« fuhr er fort und sah Anton prüfend an, »Sie werden in Ihrem Leben sein, was Sie mir heut gesagt haben, ein Mann, welcher sich durchschlägt, und wenn er auch Wunden erhält, seine Aufgabe ist, mit dem Geschick zu kämpfen. Mich, Anton Wohlfart, mich wird der Sturmwind verwehen.«
»Kleinmüthiger,« rief Anton weich, »das spricht die Krankheit aus Ihnen. Der Muth wird Ihnen mit der Genesung zurückkehren.«
»Hoffen Sie?« frug der Kranke zweifelnd; »oft thue ich's auch, nur manchmal überfällt mich die Muthlosigkeit. Ja ich will leben, und anders will ich leben, als bisher, ich will alle Mühe daran setzen, stärker zu werden, ich werde nicht mehr so viel träumen als jetzt, mich nicht mehr aufregen und quälen in meiner Kammer. Ich will versuchen, wie man lebt, wenn man ein tüchtiger Mann ist, der jeden Streich zurückgiebt, den er empfängt,« so rief er mit gerötheten Wangen und streckte die Hand dem Freunde entgegen.
Anton beugte sich zu ihm nieder, dann verließ er das Zimmer.
Am Abend trat Ehrenthal zu dem Bett des Sohnes, wie er immer that, wenn er das Comtoir verschlossen und den Schlüssel in seiner Schlafkammer versteckt hatte. »Was hat heut der Doctor gesagt, mein Bernhard?«
Bernhard hatte sich mit dem Kopfe nach der Wand gedreht, jetzt warf er sich plötzlich herum und sagte heftig: »Vater, ich muß etwas mit dir reden, verschließe die Thür, damit uns Niemand stört.«
Erschrocken lief Ehrenthal zu beiden Thüren, verschloß und verriegelte gehorsam, dann eilte er zum Bett des Sohnes zurück. »Was hast du, das dich kümmert, mein Bernhard?« frug er und fühlte mit der Hand auf die Stirn des Kranken. Bernhard entzog ihm sein Haupt, die Hand des Vaters sank auf die Bettdecke. »Setze dich hierher,« sagte der Sohn finster, »und beantworte meine Frage so aufrichtig, als wenn du zu dir selber sprächst.«
Der Alte setzte sich und sagte: »Frage, mein Sohn, ich will dir Alles beantworten.«
»Du hast mir gesagt, daß du dem Baron Rothsattel viel Geld geborgt hast, daß du ihm keines mehr leihen willst, und daß der Edelmann sein Gut nicht wird behalten können.«
»Es ist, wie ich habe gesagt,« erwiederte der Vater, vorsichtig wie in einem Verhör.
»Und was soll jetzt aus dem Baron und seiner Familie werden?«
Ehrenthal zuckte die Achseln. »Er wird herunter von seinem Gut, und wenn der Tag kommt, wo das Gut vom Gericht verkauft wird, so werde ich wegen meinem Geld bieten müssen auf das Gut, und ich hoffe, ich werde es kaufen. Ich habe eine große Hypothek, welche ist sicher, und eine kleine hinten am Ende, welche ist schlecht. Wegen der schlechten Hypothek werde ich erstehen das Gut.«
»Vater,« rief Bernhard mit schneidender Stimme, so daß Ehrenthal zusammenfuhr, »du willst einen Vortheil ziehen aus dem Unglück des Mannes, du willst dich an seine Stelle setzen. Ja, du bist auf das Gut des Barons gefahren und hast mich mitgenommen vielleicht mit dem Gedanken, die Verlegenheit des Edelmanns zu benutzen. Es ist schrecklich, schrecklich!« Er warf sich in die Kissen zurück und rang die Hände.
Ehrenthal rückte unruhig auf seinem Sitz. »Führe nicht solche Reden von Sachen, die du nicht verstehst. Die Geschäfte sind für den Tag; wenn ich Abends zu dir komme, sollst du dich nicht ängstigen um meine Arbeiten. Ich will's nicht haben, daß du die Hände aufhebst und rufst schrecklich.«
»Vater,« rief Bernhard, »wenn du nicht willst, daß ich vergehen soll vor Schaam und Kummer, so wirst du deine Absicht aufgeben.«
»Aufgeben!« rief Ehrenthal entrüstet. »Wie kann ich aufgeben mein Geld? wie kann ich aufgeben das Gut, um das ich mich bemüht habe bei Tag und bei Nacht? wie kann ich aufgeben das größte Geschäft, das ich gemacht habe in meinem Leben? Du bist ein ungehorsames Kind und machst uns Jammer um gar nichts. Was habe ich für ein Unrecht gethan, daß ich dem Baron gegeben habe mein Geld? Er hat's gewollt. Was thue ich für ein Unrecht, wenn ich kaufe das Gut? Ich rette mein Geld.«
»Verflucht sei jeder Thaler, den du darauf gewandt, verflucht der Tag, wo du diesen unglücklichen Entschluß gefaßt,« fuhr Bernhard auf und erhob seine Hand drohend gegen den Vater.
»Was ist das!« rief Ehrenthal aufspringend, »welcher böse Gedanke hat getroffen das Herz meines Sohnes, daß er so spricht zu seinem Vater? Was ich gethan habe, für wen habe ich's gethan? Nicht für mich und meine alten Tage. Ich habe dabei gedacht jeden Tag an dich, mein Sohn, der du bist ein anderer Mann, als dein Vater. Ich werde haben den Kummer, und du sollst gehen aus dem Schloß in den Garten und wieder zurück in das Schloß, und wenn du gehst, soll der Amtmann abziehen seine Mütze, und die Knechte im Hofe abziehen ihre Hüte, und sie sollen zu sich sagen: das ist der junge Herr Ehrenthal, welcher ist unser Herr, der da geht.«
»Ja,« rief Bernhard bitter, »das ist deine Liebe. Mich willst du zum Mitschuldigen machen einer ungerechten That. Du irrst, Vater; niemals werde ich aus dem Schlosse in den Garten gehen mit meinem Buche, eher will ich als armer Bettler mein Essen erbitten von der Gemeinde, als daß ich einen Fuß auf das Gut setze, das durch Sünde erworben ist.«
»Bernhard!« rief der Alte mit gerungenen Händen, »du wirfst die Steine auf mein Vaterherz, daß ich fühle die Last, wie sie mich drückt zu Boden.«
»Und du verdirbst deinen Sohn,« rief Bernhard in auflodernder Leidenschaft. »Sieh zu, für wen du geschachert und gelogen hast; aber so wahr es einen Himmel über uns giebt, du wirst Niemandem sagen, daß es geschehen ist für deinen unglücklichen Sohn.«
»Mein Sohn,« jammerte der Vater, »schlage nicht auf mein Herz mit deinem Fluche. Seit du bist gewesen ein kleiner Bocher, der sein Gebetbüchel in die Schule getragen hat, habe ich gehabt meinen Stolz, wenn ich auf dich gesehen habe. Ich habe dir gelassen allen Willen, zu thun, was dir am liebsten war; ich habe dir gekauft von Büchern, ich habe dir gegeben von Geld mehr, als du hast haben wollen; wo ich dir etwas absehen konnte an deinen Augen, ich habe dir's abgesehen. Wenn ich unten den ganzen Tag mich geärgert habe, mußte ich immer denken, mein Sohn soll lachen, weil ich mich ängstige.« Er nahm den Zipfel seines Schlafrocks und fuhr sich damit über die Augen, vergeblich bemüht, seine Fassung wieder zu gewinnen. So saß er als ein geschlagener Mann dem Sohn gegenüber.
Bernhard sah schweigend auf die gebeugte Gestalt, endlich streckte er die Hand aus: »Mein Vater!« rief er weich. Ehrenthal fuhr schnell mit beiden Händen nach der dargebotenen Rechten und hielt sie fest, als könnte sie ihm wieder entzogen werden, er schob sich näher heran, küßte und streichelte sie. »So bist du wieder mein guter Sohn,« sagte er gerührt. »Jetzt wirst du nicht mehr führen solche lästerliche Reden und du wirst nicht mehr zanken wegen dieses Barons.«
Bernhard zog hastig seine Hand zurück.
»Ich will ihn nicht drücken, ich will Nachsicht mit ihm haben wegen der Zinsen,« fuhr der Vater flehend fort und suchte die Hand des Sohnes.
»O, es ist umsonst, mit ihm zu reden,« rief Bernhard im tiefsten Schmerz, »er versteht meine Rede nicht!«
»Ich will Alles verstehen,« klagte Ehrenthal, »daß du mir wiedergiebst deine Hand.«
»Willst du deine Pläne gegen das Gut aufgeben?« frug Bernhard.
»Sprich nicht von dem Gut,« flehte der Alte.
»Umsonst!« murmelte Bernhard sich abwendend, und verbarg das Gesicht in seinen Händen.
Ehrenthal saß vernichtet dem Kranken gegenüber, auch er seufzte schwer auf. »Höre mich, mein Sohn,« bat er endlich mit leiser Stimme, »ich will sehen, daß ich ihm schaffe ein anderes Gut, welches er behaupten kann mit seinen Mitteln. Hast du gehört, mein Sohn Bernhard?«
»Geh,« rief Bernhard ohne Härte, aber mit der Energie eines tiefen Schmerzes, »geh, und laß mich jetzt allein.«
Ehrenthal erhob sich und verließ mit gesenktem Haupt das Zimmer, in der Nebenstube ging er heftig auf und ab, rang die Hände und sprach mit sich selbst. Und wieder öffnete er leise die Thür, trat an Bernhards Bett und frug klagend: »Willst du mir nicht geben deine Hand, mein Sohn?« — Bernhard lag abgewandt und rührte sich nicht.
Mit klopfendem Herzen nannte Anton dem Diener des Freiherrn seinen Namen. »Wohlfart?« rief der Freiherr gedehnt, und die Erinnerung an den Brief Antons stach verletzend in seine Seele. »Führe ihn herein.« Mit kühlem Gruß beantwortete er Antons tiefe Verneigung. »Ich bin Ihnen wohl noch den Dank schuldig für Ihr Schreiben von neulich,« sagte er; »daß ich es nicht beantwortet habe, wie die gute Meinung verdiente, müssen Sie mit meinen vielen Geschäften entschuldigen.«
»Wenn ich jetzt in derselben Angelegenheit komme,« begann Anton, »so bitte ich Sie, dies nicht für Zudringlichkeit zu halten. Mich führt der Auftrag eines Bekannten her, der die wärmste Ergebenheit gegen Sie und Ihr Haus empfindet. Es ist der Sohn des Kaufmann Ehrenthal. Er selbst wird durch Krankheit verhindert, Ihnen seine Aufwartung zu machen, er läßt Sie deßhalb durch mich bitten, daß Sie den Einfluß, den er auf seinen Vater hat, benützen möchten. Im Falle Ihnen seine Einwirkung irgend wie brauchbar erscheint, soll ich Sie ersuchen, ihm Ihre Wünsche mitzutheilen.«
Der Freiherr horchte hoch auf. Jetzt, wo ihn Alles verließ, wo er sich selbst aufgegeben hatte, drängten sich fremde Gestalten in sein Leben, dieser Itzig, Wohlfart, der Sohn Ehrenthals. Was ihm Wohlfart anbot, klang abenteuerlich, aber es konnte für ihn eine Hülfe werden gegen das, was unaufhörlich an seinem Herzen fraß, eine Hülfe gegen die Ansprüche Ehrenthals, gegen die furchtbare Gefahr, in der sein guter Name schwebte. »Ich kenne den jungen Mann nur wenig,« sagte er mit Haltung, »ich ersuche Sie, vor Allem zu erklären, wie ich zu der Ehre komme, ein so ungewöhnliches Wohlwollen des Herrn zu erhalten.«
Anton erwiederte warm: »Bernhard Ehrenthal hat ein edles Herz und sein Leben ist rein. Unter seinen Büchern aufgewachsen, versteht er wenig von den Geschäften seines Vaters, aber er hat die Ansicht gewonnen, daß dieser sich durch schlechte Rathschläge verleiten läßt, feindselig gegen Sie aufzutreten. Er hat Einfluß auf seinen Vater, sein feines Ehrgefühl ist sehr beunruhigt, und er wünscht dringend, seinen Vater von Maßregeln abzuhalten, welche er selbst nicht für ehrenhaft hält.«
Hier war Hülfe! Das war ein reiner Luftzug, der in die stickende Atmosphäre eines Krankenzimmers drang, aber dem Kranken machte die frische Luft Mißbehagen. Diese ehrenhaften Leute, die so bereit waren, zu verdammen, was ihnen nicht ehrenvoll erschien, waren ihm peinlich. Und schon jetzt, während er den Werth erkannte, den auch diese unsichere Aussicht für ihn haben konnte, fühlte er in seinem Herzen eine Abneigung, seine Lösung aus der Angst diesen Beiden zu verdanken. Dem eifrigen Wohlfart wenigstens, der Alles sein sollte, was zuverlässig und gewissenhaft heißt, ihm wollte er Näheres nicht mittheilen. Und so erwiederte er mit einer Freundlichkeit, die ihm nicht vom Herzen kam: »Meine Beziehungen zu dem Vater Ihres Freundes sind allerdings von der Art, daß die wohlmeinende Vermittelung durch einen Dritten in unserm beiderseitigen Interesse liegen möchte. Ob der junge Ehrenthal die geeignete Person dafür ist, vermag ich nicht zu entscheiden. Jedenfalls sagen Sie ihm, daß ich für den Antheil dankbar bin, den er an meinen Angelegenheiten nimmt, und daß ich mir vorbehalte, zu seiner Zeit mit ihm selbst darüber Rücksprache zu nehmen.« Nach diesem Bescheid erhob sich Anton, der Freiherr begleitete ihn bis an die Thür und — merkwürdig, er machte ihm dort eine tiefe Verbeugung.
Es war kein Zufall, daß in dem Augenblick, wo Anton durch das Vorzimmer ging, auch Lenore hereintrat. »Herr Wohlfart,« rief sie freudig und eilte auf ihn zu. »Liebes Fräulein,« rief auch er, und Beide begrüßten einander als alte Freunde.
Sie hatten im Nu die letzten Jahre vergessen, sie waren, wie vor Jahren, Ritter und Dame aus der Tanzstunde. Beide sagten einander, wie sehr sie sich seit der Zeit geändert hätten, und während sie das erzählten, waren sie in Empfindungen und Worten unvermerkt wieder jünger geworden um alle die Jahre, welche seit ihrer letzten Unterhaltung vergangen waren.
»Sie tragen Ihren Halskragen wieder aufrecht!« rief Lenore mit leisem Vorwurf. Anton strich ihn schnell herunter.
»Haben Sie noch den Capouchon von damals? Er war mit rother Seite gefüttert, gnädiges Fräulein?« frug er, »der stand Ihnen reizend.«
»Der jetzige hat blaues Futter,« sagte Lenore lachend. »Und denken Sie, die kleine Comteß Lara heirathet in der nächsten Woche, wir haben erst neulich über Sie und das Tagebuch gesprochen. Auch Eugen hat uns von Ihnen geschrieben. Wie allerliebst, daß Sie den Bruder kennen gelernt haben! Kommen Sie herein, Herr Wohlfart, ich muß wissen, wie es Ihnen seit der Zeit gegangen ist.« Sie führte ihn in ein Gesellschaftszimmer und lud ihn ein, auf dem Fauteuil Platz zu nehmen. Sie saß ihm gegenüber und sah ihn mit lachenden Augen an, deren Gruß ihn einst so glücklich gemacht hatte. Vieles in ihm war anders geworden, ja vielleicht schüttelte jetzt zuweilen ein anderer Mädchenkopf seine Locken in dem Zimmer der gelben Katze, aber als er die Gebieterin seiner jungen Jahre, das wilde ehrliche Mädchen als vornehme Dame sich gegenüber sah, da lebten alle Empfindungen der Vergangenheit wieder auf, und er athmete mit Entzücken den feinen Duft des eleganten Zimmers, in dem sie lebte.
»Da ich Sie sehe,« sagte Lenore, »ist mir, als wäre die Tanzstunde gestern gewesen. Es war eine fröhliche Zeit auch für mich! Seitdem habe ich vieles Ernste erfahren,« fügte sie hinzu und senkte ihr Haupt. Anton bedauerte das mit einem Eifer, der das Fräulein zwang, wieder heiter auszusehen und ihm freundlich in die Augen zu blicken.
»Was hat Sie zu meinem Vater geführt?« frug sie endlich mit verändertem Ton.
Anton sprach von Bernhard, von dem langen Siechthum des Freundes und seinen guten Wünschen für ihre Familie, er verbarg ihr nicht, daß sie selbst einen mächtigen Antheil daran habe, so daß Lenore auf ihr Taschentuch heruntersah und die Zipfel zusammenlegte. Er sagte ihr, wie sehr die Krankheit des Freundes ihn besorgt mache. »Wenn Sie Ihrem Herrn Vater die Vermittelung Bernhards empfehlen können, so thun Sie es. Ich werde eine stille Sorge nicht los, daß in dem Comtoir Ehrenthals eine Verschwörung gegen ihn ausgedacht ist. Vielleicht finden Sie ein Mittel, Bernhard oder mich wissen zu lassen, wie wir dem Herrn Baron von Nutzen sein können.«
Lenore sah ängstlich in Antons Gesicht und rückte ihren Stuhl näher an den seinen. »Sie sind mir wie ein alter Freund, Ihnen kann ich vertrauen, was mich ängstigt. Der Vater verbirgt der Mutter und mir, was ihn quält, ach, aber er selbst ist anders geworden von Jahr zu Jahr. Er hat für die Fabrik viel Geld gebraucht, und es fehlt ihm oft daran, das weiß ich. Alle Tage bitten die Mutter und ich den Himmel, uns den Frieden wieder zu geben; eine Zeit, wie damals, wo ich Sie kennen lernte. — Sobald ich etwas erfahre, sollen Sie es wissen. Ich will Ihnen schreiben,« rief sie entschlossen; »wenn Eugen auf Urlaub herkommt, soll er Sie aufsuchen.«
So verließ Anton die Wohnung des Freiherrn, aufgeregt durch das Wiedersehen der schönen Freundin, voll vom besten Willen, der Familie zu dienen. An der Hausthür stieß er auf Herrn Ehrenthal. Mit kurzem Gruß eilte er an dem gefährlichen Manne vorüber, der ihm die Bitte nachrief, recht bald seinen Sohn Bernhard zu besuchen.
Ehrenthal hatte einige traurige Tage verlebt, er hatte in seinem Leben nicht so viel geseufzt und den Kopf geschüttelt, als jetzt. Vergebens frug seine Frau Sidonie ihre Tochter: »Was hat der Mann, daß er so seufzt?« Vergebens suchte Itzig das gebeugte Gemüth seines Brodherrn durch lockende Bilder der Zukunft aufzurichten. Alle Unzufriedenheit, welche sich in der Seele des Händlers aufgesammelt hatte, entlud sich gegen den Buchhalter. »Sie sind der Mensch, welcher mir hat gerathen zu diesen Schritten gegen den Baron,« schrie er ihn am Morgen nach der Scene mit Bernhard an. »Wissen Sie, was Sie sind? Malhonnet sind Sie.«
Itzig sah erstaunt in das Gesicht ihm gegenüber und zuckte die Achseln. »Wenn Sie weiter nichts wissen,« sagte er, »was ist das für ein Wort »malhonnet«? Soll ich's aufschlagen in dem Buch, wo die fremden Wörter stehen? Reden Sie doch nicht so schwach, Ehrenthal.« Dann seufzte Ehrenthal wieder, sah Veitel böse an und verbarg den Kopf in die Zeitung.
Länger als zwei Tage vermochte er nicht den Schmerz seines Sohnes zu ertragen, welcher zusehends kränker wurde und alles Zureden der Eltern mit kurzen Worten zurückwies. »Ich muß ein Opfer bringen,« sagte Ehrenthal vor sich hin, »ich muß die Ruhe wiedergeben seinen Nächten und machen, daß er aufhört mit seinem Stöhnen. Ich will denken an meinen Sohn, und ich will dem Baron schaffen die andere Herrschaft bei Rosmin, worauf er jetzt stehen hat sein Geld, und wenn nicht, so will ich ihm retten das Geld darauf ohne einen Nutzen für mich. Ich verliere dabei einen Vortheil, den ich machen könnte mit dem Löwenberg von mehr als einem Tausend Thaler. Ich denke, das wird mir bewegen den Bernhard.« So setzte er entschlossen seinen Hut auf, zog ihn tief in die Stirn, um die rebellischen Gedanken, welche immer noch in ihm aufstiegen, kräftig zu unterdrücken, und schritt in die Wohnung seines Schuldners.
Der Freiherr empfing den unerwarteten Besuch mit der Angst, welche ihm jetzt bei jedem Eintritt eines Geschäftsmannes den Athem benahm. »Kaum ist der Warner hinaus, so kommt der Feind selbst. Jetzt wird er die gerichtliche Cession der Hypothek von mir fordern, jetzt kommt, was darauf folgen muß.« Aber freudig erstaunte er, als Ehrenthal mit höflichen Worten aus freien Stücken sich erbot, für ihn nach Rosmin zu reisen und nöthigenfalls von dort aus weiter, um ihn bei dem Verkauf der polnischen Herrschaft zu vertreten. »Ich will mir zu Hülfe nehmen einen sichern Mann, den Justizcommissarius Walther aus Rosmin, damit Sie sehen, daß Alles in Ordnung zugeht. Sie werden mir Vollmacht geben, zu bieten auf das Gut, und die Käufer so weit zu treiben, bis Ihre Hypothek gedeckt ist durch den Kaufpreis, den ein Anderer zahlt.«
»Ich weiß, daß dies nothwendig sein wird,« sagte der Freiherr, »aber um Gottes willen, Ehrenthal! was soll geschehen, wenn die Herrschaft in unsern Händen bleibt?«
Ehrenthal zuckte die Achseln: »Sie wissen, ich habe Ihnen nicht zugeredet zu der Hypothek, ja ich kann sagen, ich habe Ihnen abgeredet, wenn ich mich recht besinne. Wenn Sie mir damals hätten gefolgt, so hätten Sie vielleicht nicht gekauft die Hypothek.«
»Es ist aber einmal geschehen,« versetzte der Freiherr ärgerlich.
»Erst bitte ich Sie, Herr Baron, zu bezeugen, daß ich unschuldig bin.«
»Das ist ja jetzt gleichgültig.«
»Für Sie ist es gleichgültig,« sagte Ehrenthal, »aber nicht für mich und meine Ehre als Geschäftsmann.«
»Wie meinen Sie das,« fuhr der Freiherr auf, daß Ehrenthal zusammenschrak, »Sie wagen zu behaupten, daß mir etwas gleichgültig ist, was selbst Ihnen keine Ehre bringt.«
»Was werden Sie hitzig, Herr Baron,« rief der Händler; »ich spreche ja nichts gegen Ihre Ehre, soll mich Gott davor bewahren!«
»Sie sprachen doch davon,« sagte der unglückliche Mann.
»Wie können Sie mißverstehen einen alten Bekannten!« klagte Ehrenthal; »ich will nichts, als Ihre Versicherung, daß ich unschuldig bin an dem Kauf der Hypothek.«
»Meinetwegen ja,« rief der Freiherr mit dem Fuße stampfend.
»So ist es recht,« sagte der Händler beruhigt. »Und wenn ein Unglück geschieht, und Sie die Herrschaft behalten müssen, so wollen wir sehen, was dann zu thun ist. Es ist eine böse Zeit zum Geldleihen, aber ich will Ihnen doch vorschießen die Caution und die Gerichtskosten gegen eine Hypothek auf die Herrschaft.«
Darauf besprach er die Ausfertigung der Vollmacht und seine Reise nach der benachbarten Provinz. Als er den Freiherrn verließ, blieb dieser als ein Spielball entgegengesetzter Stimmungen zurück.
War er verloren, war er gerettet? Eine quälende Sorge kam ihm, daß diese Hypothek sein Schicksal entscheiden würde. Er beschloß, selbst hinzureisen und Ehrenthal nichts zu überlassen. Aber wieder überfiel ihn die Angst, daß er dem Mann jetzt ein großes Vertrauen zeigen müsse, damit dieser auch ihm nicht mißtraue. So trieb er kraftlos in einer See von Gefahren. Die Wellen hoben sich und rauschten gegen sein Leben heran.
Am Abend trat Ehrenthal wieder in die Krankenstube des Sohnes und legte eine für ihn ausgefertigte Vollmacht auf die Bettdecke.
»Kannst du mir jetzt geben deine Hand?« frug er seinen Sohn, der finster vor sich hinstarrte, »ich reise für den Baron, ihm zu kaufen ein neues Gut. Wir haben Alles mit einander besprochen. Hier ist die Vollmacht, die er mir ausgestellt hat; ich werde ihm noch vorschießen ein Capital; wenn er es versteht, kann er wieder werden ein angesehener Mann.«
Bernhard sah mit trübem Auge auf seinen Vater und schüttelte den Kopf. »Das ist nicht genug, mein armer Vater,« sagte er.
»Ich habe mich doch versöhnt mit dem Baron, und er hat mir zugestanden, daß ich keine Schuld habe an diesem Unglück. Ist dir das genug, mein Sohn?«
»Nein,« sagte der Kranke. »So lange du in deinem Comtoir den schlechten Menschen, diesen Itzig, duldest, wird kein Friede in mein Leben kommen.«
»Er soll fort,« rief Ehrenthal bereitwillig; »wenn mein Sohn Bernhard es verlangt, soll er fort zum nächsten Quartal.«
»Und du willst den Gedanken aufgeben, das Gut des Barons für dich zu erstehen?« frug Bernhard weiter, sich zu dem Vater wendend.
»Wenn es kommt zum Verkauf, will ich denken an das, was du mir gesagt hast,« erwiederte der Vater ausweichend. »Jetzt rede mir nicht mehr von dem Gut; wenn du wieder wirst sein mein gesunder Sohn, dann sprechen wir darüber.« So ergriff er die Hand, welche Bernhard ihm zu geben zögerte, hielt sie fest in der seinen und saß ihm schweigend gegenüber.
War er einmal in seinem Leben zufrieden, so war er es jetzt, wo er sich die Versöhnung mit seinem Sohn erhandelt hatte.
VII.
Welle um Welle schlug über das Haupt des Ertrinkenden.
Die Fabrik hatte im Winter einige Monate gearbeitet. Die Rübenernte des Gutes war mißrathen, der Anbau in der Umgegend, von dem der Freiherr Vieles erwartet hatte, war unzureichend gewesen. Manche der kleinen Landwirthe hatten ihre Contracte nicht erfüllt, andere hatten Schlechtes geliefert. Die Rüben fehlten, es fehlte das Capital, die Fabrik stand still, die Arbeiter verliefen sich.
Ehrenthal war in die polnische Landschaft gereist, den Freiherrn schüttelte das Fieber der Erwartung. Er bestellte Postpferde, um seinem Bevollmächtigten nachzureisen, er bestellte sie wieder ab, denn ihm graute vor dem Tage des Termins, vor dem Bieten, dem Schacher und der bebenden Angst bis zum Schluß des Protokolls. Und wenn er dem Händler nicht traute, auf den Anwalt in Rosmin konnte er sich sicher verlassen. So kam der finstre Tag, wo Ehrenthal mit dem Brief des Justizcommissarius Walther vor ihn trat. Das Capital des Freiherrn war nur dadurch zu retten gewesen, daß Ehrenthal die Herrschaft für den Freiherrn erstand. Die Eigenthümer der ersten Hypothek von hunderttausend Thalern hatten ihn hinaufgetrieben bis hundertundviertausend, dann waren sie fortgefahren, kein anderer Käufer war im Termin erschienen. »Die Herrschaft gehört jetzt Ihnen, Herr Baron,« schloß der Händler. »Damit Sie im Stande sind, die Güter zu behaupten, habe ich mit den Eigenthümern der ersten Hypothek verhandelt, sie werden Ihnen die Hunderttausend auf der Herrschaft stehen lassen. Ich habe für Sie erlegt viertausend Thaler und die Gerichtskosten.« Der Freiherr sprach kein Wort, sein Kopf fiel schwer auf das Holz des Schreibtisches. Der Händler erzählte, wie er die Herrschaft für den Freiherrn übernommen hatte. Vor der Thür brummte er: »Es ist vorbei mit ihm. Zum nächsten Quartal verliert er sein altes Gut, und er hat keine Kraft, zu behaupten das neue. Zuletzt werde ich kaufen müssen auch diese Herrschaft.«
Jetzt nahte der Termin, an dem der Freiherr die Interessen aller geliehenen Gelder bezahlen sollte. Er fuhr umher und suchte wieder Geld. Vergebens. Zuletzt kam er zu Georg Werner, der das Gut seiner Mutter übernommen hatte. Befangen empfing ihn der junge Herr, welcher einige Jahre lang Lenoren seine Huldigung gegönnt und sich dann vorsichtig zurückgezogen hatte. Die Verlegenheiten des Freiherrn waren kein Geheimniß mehr. Der Gutsnachbar zeigte den Antheil, der bei solchen Veranlassungen schicklich ist. Er bedauerte sehr, daß dem Freiherrn auf der neugekauften Herrschaft eine so große Hypothek ausgefallen war. »Wen haben Sie zum Termin geschickt?« frug er.
»Den Hirsch Ehrenthal,« erwiederte der Freiherr gedrückt.
Jetzt wurde der Nachbar beredt. »Ich fürchte,« rief er, »der Mensch hat Sie schlecht vertreten. Ich kenne diesen Wucherer. Er hat uns vor Jahren durch seine Schurkerei um eine große Summe gebracht. Mein Vater hatte auf seinem Gut oben in der Provinz einen Wald geschlagen und das Holz an einen Holzhändler abgeliefert. Ehrenthal machte mit diesem Mann ein Gaunergeschäft, er handelte ihm das Holz zu einem Spottpreise ab, der Andere entwich nach Amerika. Die beiden Schurken haben das Geld meines Vaters mit einander getheilt.«
Die Wange des Freiherrn wurde fahl, er stand auf, sprach von seinem Anliegen kein Wort mehr und entwich von der Schwelle des Nachbars wie ein Verbrecher.
Seit dem Tage brütete er in seinem Sessel finster vor sich hin; wenn er ausging, that er es nur, um sich auf Augenblicke zu betäuben. Er war rauh gegen seine Gemahlin, ganz unzugänglich für die Tochter. Die Frauen litten unsäglich.
Noch eine Hoffnung dämmerte ihm, die Vermittlung Bernhards. Und diesmal hatte er Recht, auf dem Wege war noch Rettung zu finden. Aber er ergriff nicht die Hand, die sich ihm uneigennützig darbot, nicht Anton ließ er rufen, sondern einen Andern, der ihm unheimlich war, wenn er ihn nicht sah, und dessen trödelhaftes Wesen ihm wohl that, so oft er ihn erblickte. Noch einmal in der letzten Stunde bot ihm das gnadenvolle Schicksal die freie Entscheidung über seine Zukunft. Ach, aber er selbst war nicht mehr frei. Es war der Fluch einer schlechten That, der jetzt sein Urtheil verwirrte.
Wieder stand Itzig vor ihm, der Freiherr sah die gekrümmte Gestalt von der Seite an: »Der junge Ehrenthal hat sich gegen mich erboten, meine Differenz mit seinem Vater beizulegen.«
Veitel fuhr in die Höhe, wie durch einen Schuß getroffen, »der Bernhard!« rief er heftig.
»So ist ja wohl sein Name, er soll krank sein.«
»Er wird sterben,« erwiederte Veitel.
»Wann?« frug der Freiherr mit seinen Gedanken beschäftigt, er verbesserte sich aber sogleich: »Was fehlt ihm?«
»Es sitzt hier,« sagte Veitel auf die Brust zeigend, »es arbeitet wie ein Blasebalg; wenn ein Loch reißt, hört der Wind auf.«
Der Freiherr zeigte ein bedauerndes Gesicht, aber er dachte nur, daß er selbst Eile habe. »Der Kranke soll so viel Einfluß auf seinen Vater besitzen, daß durch ihn die Einwilligung des Ehrenthal zu hoffen ist.«
»Was versteht der Bernhard von Geschäften, er ist ein Narr,« rief Veitel, unfähig, seinen Aerger zu verbergen. »Wenn man ihm ein altes Leder hinlegt, das mit Buchstaben beschrieben ist, so giebt er dafür jede Hypothek; er ist unwissend.«
»Wie ich sehe, gefällt Ihnen dieser Weg nicht?« frug der Freiherr rathlos.
Bevor Itzig antwortete, stand er lange nachdenkend, unruhig fuhren die Augen von dem Freiherrn in die Ecken des Zimmers. Endlich erwiederte er mit plötzlicher Freundlichkeit: »Der gnädige Herr haben Recht. Es wird am besten sein, wenn Sie und Ehrenthal an das Bett des kranken Bernhard gehen und dort mit einander abmachen Ihr Geschäft.« Wieder schwieg er eine Weile, und sein Gesicht röthete sich von stürmischen Gedanken. »Wollen der gnädige Herr mir überlassen, Ihnen Tag und Stunde anzusagen, wo Sie am besten sprechen den Bernhard Ehrenthal? Wenn Sie eingetreten sind in's Comtoir, dann werde ich schnell hinaufgehen zu Bernhard und ihm sagen, daß Sie gekommen sind. Unterdeß haben Sie die Gnade und warten Sie im Comtoir, und wenn es dauert eine halbe Stunde, bis ich wiederkomme, warten Sie; was auch der Ehrenthal sagt, und wie er auch schreit, warten Sie doch. Wenn ich Sie hinaufhole, wird Alles in Ordnung kommen, denn was der Bernhard von seinem Vater will, das kann er machen.«
»Ich werde Ihre Nachricht erwarten,« schloß der Freiherr, gepeinigt durch die Aussicht auf den schweren Tag.
Itzig verließ den Freiherrn und stürzte in wilder Aufregung nach seinem Lager im Hause des Pinkus. Heftig lief er in dem kleinen Zimmer auf und ab und ballte die Faust gegen Bernhard. Er öffnete den alten Schreibtisch und zog aus einer verborgenen Schublade zwei Schlüssel, die er auf die Tischplatte legte; immer wieder blieb er davor stehen und starrte sie an. Endlich versenkte er sie in die Tasche und sprang hinunter in die Caravanserei. Dort kauerte in einer Ecke der Galerie Herr Hippus, der kluge Freund Veitels. Hippus war in den letzten Jahren durch den Druck der Verhältnisse verhindert worden, stattlicher, jünger und ehrlicher zu werden, er sah vielmehr ungewöhnlich abgenagt und schadhaft aus. Jetzt hatte er sich in einen Winkel gedrückt, in welchen das warme Sonnenlicht fiel, und las in einem schmutzigen Roman. Als Veitel mit schnellem Schritt eintrat, senkte er den Kopf tiefer in sein Buch und schien an jedem Buchstaben mehr Antheil zu nehmen, als an dem jungen Geschäftsmann vor ihm.
»Macht Euer Buch zu und hört mich an,« rief Veitel ungeduldig. »Der Rothsattel wird vom Ehrenthal seine Scheine zurückerhalten, er wird mir die Hypothek geben, und ich werde ihm sollen verschaffen die Achttausend, welche noch Rest sind.«
»Seht doch, seht,« erwiederte der Alte, sein häßliches Haupt wiegend, »was man nicht Alles erlebt! Wenn der Ehrenthal sein Geld an einen Lumpen wegschenkt, der ihm sein Wort gebrochen hat, so wird es Zeit, daß auch wir fromm werden und zur Beichte gehen. Bevor wir weiter reden, kannst du mir etwas heraufbringen, was ich gern esse und trinke. Ich bin durstig und spreche kein Wort mehr.«
Veitel eilte hinab, das Verlangte zu holen, der Alte sah ihm nach und murmelte: »jetzt kommt's,« und starrte kopfschüttelnd über das Buch weg.
Als Veitel die geforderte Mahlzeit vor dem Advocaten aufgestellt hatte, frug er kurz: »Wie viel?«
»Dreihundert,« sagte der Alte, »und dafür muß ich mir's noch überlegen. Es ist nicht mein Genre, holder Itzig. In meinem Beruf stehe ich für weniger zu Dienst, wie du zu deiner Zeit erfahren hast; aber bei einer ehrenwerthen Arbeit im Styl des Herrn Cartouche und anderer Freunde von dir verlange ich eine bessere Bezahlung. Ich bin nur Freiwilliger. Und ich kann nicht sagen, daß ich Vorliebe für solche Geschäfte habe.«
»Hab' ich sie denn?« rief Itzig. »Wenn es ein Mittel giebt, dies zu vermeiden, so sagt's. Wenn Ihr wißt, wie man den Baron und Ehrenthal auseinander halten kann und Jeden ruiniren durch den Andern, so sagt's. Der eigene Sohn Ehrenthals wird Friede machen zwischen den Beiden, er wird zwischen ihnen stehen, wie ein nackter Bocher mit Flügeln auf dem Bilderbogen steht zwischen zwei Verliebten; und wir werden sein die Geprellten.«
»Wir?« sagte der Alte vergnügt. »Du wirst der Geprellte sein, du Dohle. Was gehn mich deine Geschäfte an?«
»Zweihundert,« rief Veitel sich ihm nähernd.
»Drei,« erwiederte der Alte und trank sein Glas aus, »aber ich thue es nicht allein, du mußt dabei sein.«
»Wenn ich dabei sein will,« sagte Veitel, »so kann ich's allein thun und brauche nichts von Eurer Hülfe. Hört mich an. Ich will machen, daß das Haus leer ist, daß der Ehrenthal und der Baron zu gleicher Zeit aus dem Comtoir hinaufgehn; ich will Euch ein Zeichen geben, ob die Papiere auf dem Tisch liegen, oder im Schrank. Es wird finster sein, Ihr werdet haben die Zeit von einer halben Stunde. Ja, ich will zuschließen; den Ausgang zur Hintergasse, der gewöhnlich verriegelt ist, werde ich aufmachen. Es ist so sicher, daß ein Kind von zehn Jahren könnte machen das Geschäft.«
»Sicher genug für dich,« sprach der Alte mürrisch, »aber für mich nicht.«
»Wir haben doch versucht, was man machen kann mit dem Gesetz, und es ist nicht gegangen,« rief Veitel, »so muß es gehen wider das Gesetz.« Er schlug mit der Faust auf das Geländer und preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. »Und wollt Ihr's nicht thun, so soll es doch geschehn; obgleich ich weiß, daß aller Verdacht auf mich fällt, wenn ich während der Zeit nicht in der Stube des Bernhard bin.«
»So ist's recht, du lustiger Itzig,« sagte der Alte und rückte an seiner Brille, um die zornige Entschlossenheit des Andern genauer zu betrachten. »Da du so tapfer bist, so will ich dich nicht im Stich lassen; aber Dreihundert.«
Der Handel begann. Die Beiden drückten sich in die Ecke der Galerie und sprachen leise mit einander bis zur Dunkelheit.
Einige Tage darauf saß Anton in der Dämmerstunde am Lager des kranken Bernhard: »Nur im Sprunge bin ich hergekommen, zu sehen, wie es Ihnen geht.«
»Schwach,« erwiederte Bernhard, »immer noch schwach; das Athmen wird mir schwer. Wenn ich nur in's Freie käme, nur einmal hinaus aus dem dunkeln Zimmer!«
»Erlaubt der Arzt Ihnen nicht, auszufahren? Wenn die Sonne warm scheint, komme ich morgen mit einem Wagen, Sie abzuholen.«
»Ja,« rief Bernhard, »Sie sollen kommen. Dann werde ich Ihnen auch etwas erzählen.« Er sah sich vorsichtig um. »Ich habe heut durch die Stadtpost einen Zettel ohne Unterschrift erhalten.« Er zog unter seinem Kopfkissen einen kleinen Brief hervor und übergab ihn mit geheimnißvoller Miene dem Freund: »Nehmen Sie, vielleicht kennen Sie die Hand.«
Anton ging zum Fenster und las: »Der Baron Rothsattel will Sie heut gegen Abend sprechen. Sorgen Sie dafür, daß Sie mit Ihrem Vater allein sind.«
Als Anton den Brief zurückgab, betrachtete Bernhard das Papier andächtig und steckte es wieder unter die Kissen. »Kennen Sie die Hand?« frug er.
»Nein,« erwiederte Anton, »die Schrift scheint verstellt, die Hand des Fräuleins ist es nicht.«
»Wer auch der Schreiber ist,« fuhr Bernhard kleinlaut fort, »ich hoffe Gutes von dem heutigen Abend. Wohlfart, dieser Streit liegt mir mit Centnerschwere auf der Brust, er nimmt mir den Athem, wie ein Gewicht fühle ich den Druck. Heut soll das besser werden, heut werde ich frei.«
Das Sprechen machte ihm Mühe. Nur in kurzen Sätzen fiel die Rede von seinen Lippen. »Also Wiedersehen auf morgen,« rief Anton. Als er sich erhob, knisterten weiche Damensohlen, die Mutter und Rosalie traten an das Bett des Kranken und begrüßten den Gast. »Wie geht's, Bernhard?« frug die Mutter, »du wirst heut mit deinem Vater allein sein, es ist heut große musikalische Akademie, die Rosalie wird auf dem Flügel spielen. Wir haben den Flügel in die Hinterstube gerückt, Herr Wohlfart, damit sie den Bernhard nicht durch ihre Uebungen stört.«
»Setze dich noch einen Augenblick zu mir, Mutter,« sagte Bernhard, »ich habe dich lange nicht in deinen schönen Kleidern gesehen. Du siehst heut hübsch aus, ein solches Kleid trugst du, als ich als Knabe das Scharlachfieber bekam. Wenn ich von dir träume, sehe ich dich immer in dem gelben Gewand vor mir. Gieb mir deine Hand, Mutter, und wenn du heut Abend Musik hörst, denke auch an deinen Bernhard, ich werde hier eine stille Musik machen.«
Die Mutter setzte sich zu ihm. »Er hat wieder das Fieber,« sprach sie zu Anton. Anton stimmte schweigend bei.
»Morgen fahre ich in die Sonne,« rief Bernhard aufgeregt, »das wird mein Vergnügen sein.«
»Der Wagen wartet,« erinnerte Rosalie, »wir müssen mit unsern Kleidern durch's Hinterhaus, wo es so unreinlich ist. Der Itzig hat dem Vater eingeredet, daß der Wagen vorn nicht vorfahren darf, weil er den Bernhard stört.«
»Schlaf wohl, Bernhard,« sagte die Mutter und reichte ihm noch einmal die runde Hand. Die Frauen eilten aus dem Zimmer, Anton folgte ihnen.
»Was sagen Sie zu dem Befinden des Bernhard?« frug die Mutter auf der Treppe.
»Ich halte ihn für sehr krank,« erwiederte Anton.
»Ich habe meinem Mann schon gesagt, wenn es weiter in den Sommer kommt, gehe ich mit Rosalie in's Bad, da wollen wir den Bernhard mitnehmen.«
Anton ging mit schwerem Herzen aus dem Hause.
Es wurde still im Hause, in den Zimmern Ehrenthals hörte man nichts, als die schweren Athemzüge des Kranken. Nur unter ihm im Boden rasselte es. Eine Maus nagte am Holz. Unruhig hörte Bernhard ihr zu. »Wie lange wird sie noch nagen, bis sie sich eine Oeffnung ausgehöhlt hat, dann kommt sie zu mir in die Stube.« Ein Frösteln überlief ihn, er warf sich auf seinem Lager herum, die Dunkelheit war ihm heut beengend, die Luft dick. Er klingelte so lange, bis die Aufwärterin kam und die Lampe hereinsetzte. Jetzt sah er sich ermüdet um. Die Stube sah ihm heut alt und verschossen aus, sie kam ihm fremd vor wie ein Gastzimmer, und er sich als ein Fremder, der hier nur zum Besuch war. Theilnahmlos blickte er auf seinen Bücherschrank und auf die Schublade, in welcher die theuren Manuscripte lagen. Den Brandfleck auf der Diele, den Ritz in der Thür, durch den das Licht in der Nebenstube alle Abende durchschimmerte, das Alles wollte er morgen verlassen, um mit Anton aus der engen Stube auszuziehen. Er dachte daran, ob sie nicht auf dem Wege fahren könnten, auf dem das Fräulein nach dem Gute fuhr und wieder zurück. Vielleicht würde er sie treffen. Sein Auge strahlte, er hoffte sicher, daß er das Fräulein auf dem Wege treffen müßte. Sie saß stolz aufgerichtet in ihrem Wagen, der Schleier flog um das blühende Gesicht, ihr weißer Arm hob sich und winkte grüßend zu seinem Wagen herüber. Ja, sie erkennt ihn, sie weiß, daß er ihrem Vater einen Dienst geleistet hat, vielleicht läßt sie stillhalten und frägt herüber in seinen Wagen, wie es ihm ergehe. So wird er mit ihr sprechen und den edlen Klang ihrer Stimme hören. Noch einmal wird sie ihm zunicken, dann werden die beiden Wagen auseinander fahren, einer hierhin und der andere dorthin. — Und wohin würde er fahren? »Hinein in die Sonne,« flüsterte er. — Und wieder lauschte er ängstlich auf das Nagen der Maus.
Ein eiliger Fuß durchschritt den Vorsaal, Bernhard richtete sich auf, und das Blut stieg ihm in's Gesicht. Es war der Vater Lenorens, der zu ihm kam. Leise öffnete sich die Thür, eine häßliche Gestalt schlüpfte herein und sah sich scheu im Zimmer um. Erschrocken rief Bernhard: »Was wollen Sie hier?«
Hastig trat Itzig an sein Bett und sprach mit kurzem Athem und einer Stimme, die eben so gepreßt klang, wie die des Kranken: »Der Baron ist jetzt in das Comtoir gegangen. Er hat mir gesagt, ich soll zu Ihnen gehen und Ihnen zureden, damit Sie die Forderung unterstützen, die er stellt an Ihren Vater.«
»Ihnen hat er das gesagt?« rief Bernhard. »Wie kann der Freiherr einem Mann, wie Sie sind, einen Auftrag geben?«
»Schweigen Sie still,« entgegnete Veitel rauh, »es ist jetzt keine Zeit für Ihr Gerede. Hören Sie meine Worte. Der Baron hat Ihrem Vater mit seinem Ehrenwort die Sicherheit für zwanzigtausend Thaler versprochen und er kann ihm diese Sicherheit nicht geben, weil er dasselbe Document einem Andern verkauft hat. Er hat sein Wort gebrochen und verlangt jetzt von Ihrem Vater, daß er auf seine gute Sicherheit verzichtet. Können Sie zureden, daß Ihr Vater zwanzigtausend Thaler verliert, so thun Sie es.«
Bernhard zitterte, daß ihm die Hände flogen. »Sie sind ein Lügner,« rief er. »Jedes Wort, das aus Ihrem Munde kommt, ist Betrug und Heuchelei und Hinterlist.«
»Schweigen Sie,« wiederholte Veitel in seiner Fieberangst. »Sie sollen Ihrem Vater nicht reden zu Schaden. Dem Baron ist nicht zu helfen, er ist eine Fliege, welche sich die Flügel am Licht verbrannt hat, er kann nur noch kriechen. Und wenn der Ehrenthal als Narr einem schlechten Rath folgt, den Sie ihm geben, weil Sie nichts verstehen, so kann er doch den Freiherrn nicht erhalten auf seinem Gut. Wenn er ihn nicht wirft, so thut's ein Anderer. Ich habe keinen Vortheil dabei, wenn ich Ihnen das sage,« fuhr er unruhig fort und horchte nach einem Geräusch vor dem Hause, »ich thu' es nur aus Anhänglichkeit an Ihre Familie.«
Bernhard rang nach Luft. »Gehen Sie hinaus,« rief er endlich, »es ist Alles Betrug und Lüge auf dieser Welt.«
»Ich hole den Baron und Ehrenthal herauf,« sprach Veitel und stürzte hinaus.
Laut scholl in dem Hausflur die zornige Stimme Ehrenthals: »Ich werde gehen zu den Gerichten, ich werde Sie anzeigen und Ihre Intriguen.« Veitel riß die Thür auf. Auf dem Lederstuhl saß der Freiherr und verbarg das Gesicht mit der Hand, vor ihm drohte Ehrenthal im Zorn zitternd, auf dem Pult stand die Cassette des Freiherrn mit den verhängnißvollen Schuldscheinen und der Hypothek. Veitel rief in das Zimmer: »Hören Sie auf, Ehrenthal, Ihr Bernhard ist sehr krank, er liegt oben allein und ruft nach Ihnen, und ruft nach dem Herrn Baron, er will Sie Beide haben an sein Bett.«