Drittes Buch.
Reading edition
I.
Ein böses Jahr kam über das Land, ein plötzlicher Kriegslärm alarmirte die deutschen Grenzländer im Osten, darunter auch unsere Provinz. Die furchtbaren Folgen eines heftigen Landschreckens wurden schnell fühlbar. Der Verkehr stockte, die Werthe der Güter und Waaren fielen, Jeder suchte das Seine zu retten und an sich zu ziehen, viele Capitalien wurden gekündiget, große Summen, welche in kaufmännischen Unternehmungen angelegt waren, kamen in Gefahr. Niemand hatte Lust zu neuer Thätigkeit, Hunderte von Bändern wurden zerschnitten, welche die Menschen zu gegenseitigem Nutzen durch lange Zeit verbunden hatten. Jede einzelne Existenz wurde unsicherer, isolirter, ärmer. Ueberall sah man ernste Gesichter, gefurchte Stirnen. Das Land war wie ein gelähmter Körper, langsam rollte das Geld, dies Blut des Geschäftslebens, von einem Theile des großen Leibes zu dem andern; der Reiche befürchtete, daß er viel verlieren werde, der Arme verlor die Möglichkeit, sich auch nur wenig zu erwerben. Die Zukunft erschien plötzlich verhängnißvoll, schwarz, verderblich, wie der Himmel vor einem schweren Gewitter.
Das Schreckenswort »Revolution in Polen« brachte so große Wirkungen auch in Deutschland hervor. Das Landvolk jenseit der Grenze, aufgeregt durch alte Erinnerungen und seine Gutsherren, hatte sich erhoben, es zog von fanatischen Geistlichen angeführt längs der Grenze hin und her, hielt Reisende und Waarensendungen an, fiel plündernd und brennend über Edelhöfe und kleine Städte und versuchte sich unter Häuptlingen militärisch zu organisiren, indem es seine Sensen grade schmieden ließ und alte Flinten aus dem Versteck hervorholte. Die Insurgenten nahmen eine große polnische Stadt unweit der Grenze ein, setzten sich dort fest und verkündeten ein Polenreich.
In unserem Staat wurden schleunigst Truppen zusammengezogen und nach der Grenze geschickt, dieselbe militärisch zu besetzen. Unaufhörlich führten die Dampfwagen der neuerbauten Eisenbahn Soldaten ab und zu, überall rasselte die Trommel; die Straßen der Hauptstadt füllten sich mit Uniformen. Die Armee gerieth in die Aufregung, welche bei der Aussicht auf Krieg regelmäßig entsteht. Die Offiziere rannten geschäftig umher, kauften Landkarten und tranken Toaste in jeder Art von Wein, die Soldaten schrieben nach Hause, ließen sich wo möglich etwas Geld schicken und mit mehr oder weniger Gefühl ihre Mädchen grüßen. Zahlreiche Soldatenbräute im Lande wurden durch bleiche Wangen kenntlich und erschreckten ihre Familien durch fürchterliche Träume von ermordeten Musketieren; zahlreiche Mütter kauften sich Wolle und strickten mit trübem Auge Kriegssocken für ihre armen Söhne und suchten vorsichtig alte Leinwand zusammen, um Charpie zu zupfen, was noch vom letzten großen Kriege her als nützliche Beschäftigung in wilder Zeit anerkannt war; zahlreiche Väter sprachen mit unsicherer Stimme von der Verpflichtung eines braven Sohnes, für König und Vaterland in den Krieg zu gehen, und erinnerten sich mit größerer Sicherheit an den Schaden, den sie einst dem argen Napoleon zugefügt hatten.
Es war ein sonniger Herbstmorgen, als die erste Nachricht von dem polnischen Aufstande in der Hauptstadt ankam. Dunkle Gerüchte hatten schon am Abend vorher die Einwohner neugierig gemacht, und Haufen unruhiger Geschäftsleute und erschreckter Müssiggänger standen auf dem Perron des Bahnhofes. Sogleich nach Oeffnung des Comtoirs von T. O. Schröter kam Herr Braun, der Agent, hereingestürzt und erzählte athemlos, aber mit dem innern Behagen, welches der Besitzer auch der unangenehmsten Neuigkeit verspürt, daß ganz Polen und Galizien und viele angrenzende Länder in vollem Aufstande loderten, unzählige fremde Geschäftsreisende und friedliche Beamte seien überfallen und getödtet worden, viele Grenzstädte ständen in Flammen und ein nichtswürdiger Krakuse in rother Mütze habe um einen Vetter von Herrn Braun bereits mit seiner Sense den Kriegstanz getanzt, in der Absicht, ihm den Garaus zu machen, sei aber durch eine Erinnerung, die ihm sein Weib mit der Mistgabel gegeben, wieder so weit zur Besinnung gekommen, daß er nur die Mütze des Vetters, die diesem vor Haarsträuben vom Kopfe gefallen war, durchstochen habe. Darauf sei sein Vetter baarhäuptig die hundert Schritte bis zur Grenzbrücke gelaufen, wo ihn unsere Grenzwache aufgenommen und durch einen Schluck aus der Feldflasche wieder in's Gleichgewicht gebracht habe, während der Krakuse, die gemordete Mütze auf seiner Sense schwenkend, mit Triumphgeschrei abgezogen sei.
Anton gerieth über diese Nachrichten in die größte Bestürzung, und er hatte Grund dazu. Kurze Zeit vorher hatte ein unternehmender Kaufmann aus Galizien eine ungewöhnlich große Sendung von Commissionsartikeln, deren Werth sich auf zwanzigtausend Thaler belief, an die Firma abgesendet und, wie bei solchen Geschäften dort üblich ist, den größten Theil des Werthes bereits in Wechseln gezogen. Die Wagencaravane, welche diesen Transport bringen sollte, mußte grade in dem insurgirten Gebiet sein. Außerdem war eine zweite Caravane mit Colonialwaaren auf dem Wege nach Galizien expedirt und nach der Berechnung jetzt ebenfalls in Feindesland. Und was über dem Allen stand, ein großer Theil der Geschäfte, welche das Haus machte, und ein großer Theil des Credits, welchen dasselbe bewilligte, war in den empörten Landschaften gemacht und bewilligt worden; Vieles, ja Alles, so ahnte Anton, ward durch diesen Krieg in Frage gestellt. Deßhalb stürzte er seinem Prinzipal entgegen, als dieser die Treppe herab kam, und erzählte ihm hastig das Wichtigste der Neuigkeit; während Herr Braun im Comtoir sich beeilte, den anderen Herren die Schauergeschichte vom tanzenden Krakusen in zweiter Auflage mitzutheilen, wobei ihm begegnete, daß diesmal außer der Mütze des Vetters auch noch dessen Rock und Stiefeln an der Sense des Krakusen hängen blieben, so daß der Bedrohte nur mit einem Hemd bekleidet bei der schützenden Grenzwache ankam. Beiläufig sei hier erwähnt, daß der arme Vetter bei der nächsten Wiederholung auch das Hemd hergeben mußte, und daß ihm später noch die Haare abrasirt und sein Leib durch Megären auf die nichtswürdigste Weise zerzwickt wurde. Weiter konnte Herr Braun, ein wahrheitsliebender Mann, nicht gehen, da der Vetter noch als lebender Mensch unter dem Schirm einer neuen Mütze umherwandelte.
Unterdeß vernahm der Prinzipal Antons fliegenden Bericht. Er blieb einen Augenblick stumm auf der Treppe stehen, und Anton, welcher ängstlich in sein Gesicht starrte, glaubte zu bemerken, daß er etwas bleicher aussah als gewöhnlich; aber er mußte sich wohl geirrt haben, denn der Kaufmann sah über Anton hinweg unter die Auflader, welche unruhig in dem Hausflur standen, und rief mit dem kühlen Geschäftston, welcher unserm Helden so oft imponirt hatte: »Sturm, schaffen Sie das Faß bei Seite, es steht mitten im Wege. Rührt Euch, Ihr Leute, in einer Stunde muß der Fuhrmann abgehen!« Worauf Sturm sein breites Gesicht bekümmert nach dem Auge des Kaufmanns richtete und mit der ungeheuren Faust nach draußen weisend, fast muthlos sagte: »Es trommelt, sie schlagen Generalmarsch; es geht los, unsre Leute marschiren. Mein Karl ist mitten darunter, als Husar, mit den Schnüren an seinem kleinen Rock. Es ist ein Unglück! Ach unsre Waaren, Herr Schröter.«
»Eben deßhalb eilt, Ihr Männer,« antwortete der Prinzipal lächelnd. »Der Wagen geht nach der Grenze, es ist Zucker und Rum darauf, unsere Soldaten wollen bei dem kalten Wetter ein Glas Punsch trinken.« Diese humane Rücksicht auf die Kehlen der Vaterlandsvertheidiger brachte das Behagen in die Seelen der Riesen zurück, sie lächelten grimmig und Sturm setzte seinen Haken mit furchtbarer Kraft an den nächsten Ballen und schwang ihn mit einer Verachtung in die Luft, welche bedeuten sollte: »Wir geben nicht so viel auf die ganze Polakenwirthschaft,« während die Uebrigen das Faß aus dem Wege rollten und kurze geschäftliche Späße über Soldatenpunsch machten.
Zu Anton gewandt sprach der Prinzipal: »Die Nachrichten sind nicht gut, aber wir wollen nicht Alles glauben.« Darauf ging er in das Comtoir, grüßte Herrn Braun fast heiterer als sonst und ließ sich von ihm noch einmal die Geschichte seines Vetters und das übrige Unglück erzählen.
Als Braun gegangen war, sagte er beruhigend den Herren vom Comtoir: »Ich hoffe, daß unsere Waaren an der Grenze liegen, Fuhrleute sind ihrer Pferde wegen vorsichtig, sie werden es vermeiden, den Insurgenten in die Hände zu fallen. Sind die Wagen auf feindlichem Gebiet, so müssen wir versuchen, sie heraus zu bekommen.« Zu Anton setzte er leiser hinzu: »Schreiben Sie sogleich an das Grenzzollamt und unsern Spediteur an der Grenze, sicher gehen Extrazüge dahin ab, ein Nachtzug kann Antwort bringen, morgen wissen wir Näheres.«
Damit war für heut die große Frage erledigt, und Alles im Comtoir ging seinen gewöhnlichen Gang. Herr Liebold schrieb seine großen Zahlen in's Hauptbuch, Herr Purzel setzte Häufchen von Thalern zusammen und schob papierne Handschuhhalter um große Bündel von Cassenanweisungen, und Herr Pix ergriff den schwarzen Pinsel, malte neben der großen Waage Hieroglyphen auf Packleinwand und beherrschte die Hausknechte mit gewohnter Entschiedenheit. Der Prinzipal selbst wendete sich an Herrn Jordan, nahm die eingegangenen Briefe, welche zum Theil eine Bestätigung der kriegerischen Nachrichten enthielten, besprach die geschäftlichen Antworten und übergab sie den einzelnen Commis. Darauf erschienen die Mäkler, die Agenten und Sensale, und wie gewöhnlich fielen vom Pult des Prinzipals kurze Bemerkungen, oder ein trockener Scherz, wenn die Geschäftsfreunde sich zu tief in die Schrecken des Bürgerkrieges einließen. Die kleine Nebenunterhaltung im Geschäft war etwas belebter, sonst Alles wie gewöhnlich. Beim Mittagstisch ging das Gespräch so ruhig vorwärts, als hätte nie ein polnischer Bauer seine Sense geschwungen, und nach Tisch fuhr der Prinzipal mit seiner Schwester und einigen Damen ihrer Bekanntschaft spazieren, und die Geschäftsleute, welche ihn sahen, sagten mit Verwunderung: »Er fährt heut spazieren, er hat's wie gewöhnlich vorausgewußt, es ist doch ein kluger Kopf, ein solides Haus. Allen Respect!«
Anton war den ganzen Tag an seinem Schreibpult in einer nervösen Aufregung, wie er bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er war beklommen und erwartungsvoll, und doch empfand er diese Stimmung mit Behagen, als ein großes Ereigniß. Er fühlte lebhaft die Gefahr des Geschäftes und seines Prinzipals, aber er war nicht mehr niedergeschlagen und muthlos. Ihm war, als trüge er Sprungfedern an Arm und Bein; seine Feder flog bei den gleichgültigen Geschäftsbriefen, die er zu schreiben hatte; trotz dem Gedanken an die Gefahr, welche in seiner Seele fortwährend Fanfare blies, war seine Fassungskraft nie schneller, sein Styl nie klarer gewesen, nie hatte er so hurtig Provision und Spesen ausgerechnet. Es waren Augenblicke einer erhöhten, fast freudigen Thätigkeit; er bemerkte das selbst und wunderte sich darüber. Bei seinem Prinzipal sah er dieselbe Stimmung, auch dieser schritt mit glänzenden Augen und schnellem Fuß durch die Comtoire.
Nie hatte ihn Anton so verehrt als heut, er sah ihm aus wie verklärt. Mit einer wilden Freude sagte sich Anton: »Das ist Poesie, die Poesie des Geschäfts, solche springende Thatkraft empfinden nur wir, wenn wir gegen den Strom arbeiten. Wenn die Leute sprechen, daß unsere Zeit leer an Begeisterung sei und unser Beruf am allerersten, so verstehen sie nicht, was schön und groß ist. Dem Mann steht in diesem Augenblick Alles auf dem Spiel, woran seine Seele hängt, sein Geschäft, das Resultat eines langen Lebens von rastloser Thätigkeit, seine Freude, sein Stolz, seine Ehre; und er steht kaltblütig an seinem Pult, schreibt Briefe über geraspeltes Farbeholz und giebt sein Urtheil über Kleesamen ab, ja, ich glaube, er lacht innerlich.« So dachte Anton, als er am Abend sein Pult abräumte und mit den übrigen Herren nach dem Hinterhause ging. Auch seine Collegen ließen jetzt ihre innere Aufregung merken, sie setzten sich in Jordans Salon zusammen und besprachen mit gemüthlichem Schauder bei einer Tasse schwarzen Thees die Neuigkeit und den Einfluß derselben auf das Geschäft. Alle waren geneigt, anzunehmen, daß die Firma zwar einigen Verlust erleiden werde, aber sie seien die Männer, mehr zu retten, als irgend ein anderes Geschäft retten werde. Herr Specht bemerkte hoffnungsreich, bei jeder Insurrection würden ungeheure Colonialwaaren verbraucht, und die Firma werde ein glänzendes Geschäft mit allen Flüssigkeiten nach der Grenze machen. Wenn die Insurrection nur ein Vierteljahr anhalte, sei der mögliche Verlust wieder gedeckt; denn trinken thäten sie Alle, Freunde und Feinde. Zuletzt sprach sich Herr Jordan dahin aus, daß man noch gar nicht wissen könne, wie die Sache verlaufen werde. Diese neue und gründliche Ansicht wurde von den Meisten adoptirt, worauf sich die Einzelnen in ihre Zimmer verfügten. In seiner Stube vernahm Anton durch die dünne Wand, wie sein Nachbar, Herr Baumann, beim Zubettegehen für das Geschäft und den Prinzipal betete. Dies ergriff Anton so, daß er mit großen Schritten in seiner Stube auf und ab ging, bis das Licht flackerte und der Gips auf dem Schreibtisch erschrak und in ein krankhaftes Zittern gerieth.
Es war spät geworden, als der Diener geräuschlos in Antons Zimmer trat und halblaut meldete: Herr Schröter wünsche ihn noch heut zu sprechen. Rasch folgte Anton dem Diener in den ersten Stock des Vorderhauses und trat erwartungsvoll in das braune Arbeitszimmer des Prinzipals. Der Kaufmann stand vor dem gepackten Koffer, sein Portefeuille lag auf dem Tisch und daneben das untrügliche Zeichen einer längeren Reise, die große englische Cigarrentasche von Büffelleder. Diese hielt hundert Stück, war seit alter Zeit ein Lieblingsgegenstand für die Bewunderung des Herrn Specht und galt dem ganzen Comtoir für eine Art Kriegsfahne, welche nur dann hervorgeholt und in den Wagen getragen wurde, wenn die Hauptmacht des Geschäfts auf ein außerordentliches Unternehmen auszog. Sabine war an dem Schubladen des Schreibtisches beschäftigt und trug schweigend zu, was ihre Sorgfalt dem Reisenden für nützlich hielt. Sie warf einen schnellen Blick auf Anton und senkte das Haupt, als sie in seinem Gesichte las, was sie selbst mit banger Ahnung erfüllte. Der Prinzipal trat Anton freundlich entgegen. »Ich habe Sie spät herbemüht, glaubte aber nicht, daß Sie noch außer Bett sein würden.«
Als Anton erwiederte: »Die Aufregung ließ mich nicht schlafen,« fiel wieder ein Strahl aus dem Auge der Schwester auf ihn, so sorgenvoll und so dankbar für seine Theilnahme, daß er mächtig gerührt wurde und nicht weiter sprach, um seine Bewegung nicht zu verrathen.
Der Prinzipal aber sagte lächelnd: »Sie sind noch jung, die Ruhe kommt mit den Jahren. Es wird nöthig sein, daß ich selbst morgen nach unsern Waaren sehe. — Ich höre, die Polen zeigen besondere Rücksicht gegen unsere Landsleute, es ist möglich, daß sie sich sogar mit dem Gedanken tragen, unsere Regierung sei ihnen nicht abgeneigt. Diese Täuschung kann nicht lange dauern, es wird kein Unrecht sein, wenn wir davon für unsere Waaren Vortheil zu ziehen suchen. Sie haben die Korrespondenz geführt und wissen selbst, was für mich zu thun ist. Ich werde nach der Grenze reisen und mich dort über die nächsten Schritte entscheiden.«
Mit ängstlicher Spannung hörte die Schwester auf seine Worte, sie suchte in seinen Mienen zu lesen, was er aus Rücksicht gegen sie nicht aussprach. Anton aber verstand, was die Rede bedeutete, sein Chef ging über die Grenze in das insurgirte Land.
Mit bittender Stimme sprach er näher tretend: »Könnte nicht ich an Ihrer Stelle die Reise machen? Ich fühle wohl, daß ich Ihnen noch keine Veranlassung gegeben habe, mir in so wichtiger Sache zu vertrauen. Ich werde mir wenigstens alle Mühe geben, bis zum Aeußersten, Herr Schröter.« Antons Wangen glühten, als er dies sagte, er fühlte in diesem Augenblick entschiedene Neigung, sich mit allen Krakusen um die Waarenballen zu raufen.
»Das ist brav gesprochen und ich danke Ihnen,« erwiederte der Prinzipal, »aber ich kann Ihr Anerbieten nicht annehmen, die Reise könnte Schwierigkeiten haben, und da der Vortheil mein ist, wird auch billig sein, daß ich die Mühe übernehme.« Anton ließ den Kopf hängen. »Ich beabsichtige im Gegentheil, Sie mit bestimmter Ordre hier zu lassen für den Fall, daß ich übermorgen Abend nicht zurück sein sollte.«
Sabine hatte ängstlich zugehört, jetzt faßte sie die Hand des Bruders und sagte leise: »Nimm ihn mit.«
Diese Unterstützung gab Anton neuen Muth. »Wenn Sie mich nicht allein schicken wollen, so erlauben Sie mir wenigstens, Sie zu begleiten, vielleicht kann ich Ihnen doch in Etwas nützlich sein, ich würde es wenigstens sehr gern sein.«
»Nimm ihn mit,« wiederholte Sabine flehend.
Der Kaufmann wandte den Blick langsam von der Schwester auf das ehrliche Gesicht Antons, welches von Diensteifer strahlte, und erfreut über den Eifer der Jugend, erwiederte er: »So mag es sein. Sie begleiten mich morgen früh bis zur Grenze. Sollte meine Abwesenheit für längere Zeit nöthig werden, so wird es vortheilhaft sein, Sie an Ort und Stelle zu informiren. Bis dahin mag Jordan die laufenden Geschäfte besorgen. Es ist nicht nöthig, daß von unserer Reise hier am Ort viel verlautet. Und jetzt schlafen Sie aus, Herr Wohlfart. Einer unserer Hausknechte erwartet auf der Eisenbahn die Nachtzüge; man hat mir versprochen, daß die Conducteure uns Antwort zurückbringen sollen. Ist die Antwort so, wie ich annehme, dann fahren wir mit dem ersten Zug. Schlafen Sie wohl!«
Anton verbeugte sich dankend und sah noch im Hinausgehen, daß Sabine in heftiger Bewegung den Hals des Bruders umschlang. Er ging nach seinem Zimmer, packte geräuschlos eine Reisetasche, holte die damascirten Pistolen heraus, welche ihm Fink hinterlassen hatte, und warf sich halbentkleidet auf das Bett, wo er erst spät den Schlummer fand. Gegen Morgen weckte ihn ein leises Klopfen, der Bediente meldete: »Die Briefe von der Eisenbahn sind gekommen.« Anton eilte in das Comtoir und fand dort bereits Herrn Jordan und den Prinzipal in lebhaftem Gespräch; bei seinem Eintritt rief ihm Herr Schröter aus den geschäftlichen Verhandlungen kurz zu: »Wir reisen!«
»Gut,« dachte Anton. »Wir reisen in Feindesland, wir schlagen uns mit den Sensenmännern und wir zwingen sie, unsere Waaren herauszugeben, denn daß sie uns zwingen könnten, darf nach dem Willen des Prinzipals nicht angenommen werden.«
Nie hatte Anton mehr mit den Thüren geklopft, schneller die Treppenstufen gemessen und kräftiger die Hände seiner Collegen geschüttelt, als in der nächsten Stunde. Als er so geschäftig durch den dunklen Hausflur eilte, hörte er ein leises Rauschen neben sich. Sabine trat schnell an ihn heran und faßte seine Hand: »Wohlfart, schützen Sie meinen Bruder vor Gefahr!« Anton versprach mit maßloser Bereitwilligkeit, dies in jeder Weise zu thun, fühlte nach seinen geladenen Pistolen in der Rocktasche und stieg in den Wagen, selbst geladen mit den edelsten und seligsten Gefühlen, welche je ein junger Held gehabt hat. Er zog auf Abenteuer, er war stolz auf das Vertrauen seines Prinzipals, gehoben durch das zarte Verhältniß, in das er zu der Heiligen des Geschäfts getreten war. Er war glücklich.
Das Dampfroß schnaubte und raste über die weite Thallandschaft, wie ein Pferd aus Beelzebubs Marstall. In allen Waggons des Zuges saßen Soldaten, sie hingen auf den Frachtstücken, sie guckten aus den kleinen Fenstern der Packwagen; überall glänzten Bajonette und Helme, überall steckten Tornister, Feldkessel und Trommeln. Auf allen Stationen standen die Haufen der Neugierigen, überall hastige Fragen und Antworten, überall aufregende Neuigkeiten, schreckliche Gerüchte und abenteuerliche Erzählungen. Anton war froh, als sie sich am Ende der Bahnstrecke aus der kriegerischen Masse lösten und in einer leichten Chaise mit Courierpferden der Grenze zu rollten. Auf der Landstraße war es still, leerer als gewöhnlich, nur kleine Detachements aus den Garnisonen nahe der Grenze wurden noch von den Reisenden überholt. Die Mannschaft sang lustig, als zöge sie zum Manöver, hier und da machte der Spaßvogel der Compagnie seinen Witz über die schnellfüßigen Civilisten, zuweilen ritt ein Offizier grüßend an den Wagen, wenn er den Prinzipal kannte, oder einen Auftrag für sein Nachtquartier vorauszusenden hatte. Der Kaufmann sprach zu Anton gar nicht vom Geschäft, aber mit großer Heiterkeit von allem Andern, von früheren Erlebnissen, von dem Treiben an der Grenze, von Schmugglern und Zollwächtern, und behandelte seinen Reisegenossen mit der vertraulichen Herzlichkeit, welche ein älterer Kamerad dem jüngern zu zeigen pflegt. Nur gegen die Pistolen bewies Herr Schröter eine Kälte, welche den kriegerischen Muth Antons ein wenig dämpfte, denn als dieser auf der zweiten Station seine Mordwerkzeuge sorgfältig aus einer Wagentasche in die andere trug, sah der Prinzipal mit feindseligem Blick auf die beiden Läufe, und als die Reisenden bei den letzten Häusern des Orts vorübergerollt waren, wies er auf die braunen Kolben, welche brüderlich aus der Tasche hervorragten, und sagte zu Anton: »Ich glaube nicht, daß Ihnen gelingen wird, durch die Puffer unsere Waaren wieder zu erobern. Sie sind geladen?«
Anton bejahte und erwiederte mit dem letzten Rest seines kriegerischen Selbstgefühls: »Es sind gezogene Läufe.«
»So?« sagte der Prinzipal ernsthaft, nahm die Pistolen aus der Tasche, rief dem Postillon zu, die Pferde anzuhalten, und schoß kaltblütig beide Läufe ab. »Es ist besser, wir beschränken uns auf die Waffen, die wir zu gebrauchen gewöhnt sind,« bemerkte er gutmüthig, indem er Anton die Pistolen zurückgab, »wir sind Männer des Friedens und wollen nur unser Eigenthum zurückhaben. Wenn wir es nicht dadurch erhalten, daß wir Andere von unserem Recht überzeugen, so ist keine Aussicht dazu. Es wird dort drüben viel Pulver unnütz verschossen werden, Alles Ausgaben, welche nichts einbringen, und Kosten, welche Land und Menschen ruiniren. Es giebt keine Race, welche so wenig das Zeug hat, vorwärts zu kommen und sich durch ihre Capitalien Menschlichkeit und Bildung zu erwerben, als die slavische. Was die Leute dort im Müßiggang durch den Druck der stupiden Masse zusammengebracht haben, vergeuden sie in phantastischen Spielereien. Bei uns thun so etwas doch nur einzelne bevorzugte Klassen, und die Nation kann es zur Noth ertragen. Dort drüben erheben die Privilegirten den Anspruch, das Volk darzustellen. Als wenn Edelleute und leibeigene Bauern einen Staat bilden könnten! Sie haben nicht mehr Berechtigung dazu, als dieses Volk Sperlinge auf den Bäumen. Das Schlimme ist nur, daß wir ihre unglücklichen Versuche auch mit unserem Gelde bezahlen müssen.«
»Sie haben keinen Bürgerstand,« sagte Anton eifrig beistimmend.
»Das heißt, sie haben keine Cultur,« fuhr der Kaufmann fort; »es ist merkwürdig, wie unfähig sie sind, den Stand, welcher Civilisation und Fortschritt darstellt und welcher einen Haufen zerstreuter Ackerbauer zu einem Staate erhebt, aus sich heraus zu schaffen.«
»Da ist doch Conrad Günther in der insurgirten Stadt vor uns, dann die Geschäfte der drei Hildebrand in Galizien,« warf Anton ein.
»Brave Leute,« stimmte der Kaufmann bei, »alle aber eingewandert, und der ehrbare Bürgersinn hat keinen Halt, vererbt sich selten auf die nächste Generation. Was man dort Städte nennt, ist nur ein Schattenbild von den unsern, und ihre Bürger haben blutwenig von dem, was bei uns das arbeitsame Bürgerthum zum ersten Stande des Staates macht.«
»Zum ersten?« frug Anton.
»Ja, lieber Wohlfart, die Urzeit sah die Einzelnen frei und in der Hauptsache gleich, dann kam die halbe Barbarei der privilegirten Freien und der leibeigenen Arbeiter, erst seit unsere Städte groß wuchsen, sind civilisirte Staaten in der Welt, erst seit der Zeit ist das Geheimniß offenbar geworden, daß die freie Arbeit allein das Leben der Völker groß und sicher und dauerhaft macht.«
Im Abendlicht kamen die Reisenden im Grenzort an. Es war ein kleines Dorf, welches außer den Zollgebäuden und den Wohnungen der Grenzbeamten nur ärmliche Hütten und eine Schenke zu zeigen wußte. Auf dem freien Platz zwischen den Häusern und um das Dorf herum bivouakirten zwei Escadronen Reiter, welche ihre Posten längs dem schmalen Grenzfluß aufgestellt hatten und mit einem Detachement Jäger die Grenze bewachten. In der Schenke war ein wildes Treiben, Husaren und Jäger zogen ein und zogen aus, Husaren und Jäger saßen Kopf an Kopf gedrängt in der kleinen Gaststube, bunte Dolmans und grüne Röcke lagerten um das Haus herum auf Stühlen, Tischen, Pferderaufen, wankenden Tonnen und jedem möglichen Geräth, welches irgend eine Methode des Sitzens verstattete. Wie unzählige Herren Pixe kamen sie Anton vor, so entschlossen verfuhren sie mit der Schenke und allem Inhalt derselben, lebendigem und flüssigem. Mit lautem Gruß empfing der jüdische Wirth den wohlbekannten Kaufherrn; durch seinen Diensteifer wurde der letzte Raum des Hauses für die Reisenden freigemacht, ein kleiner Verschlag, in welchem sie die Nacht wenigstens allein verbringen konnten.
Kaum war der Kaufmann vom Wagen gestiegen, als ihn ein halbes Dutzend Fuhrleute mit lebhaftem Freudenruf umringte, die Führer der Wagen, welche vor Kurzem durch das Geschäft expedirt waren. Ganz ohne Unfall war es mit ihnen nicht abgegangen. Wie der Aelteste erzählte, waren sie auf der Straße jenseit der Grenze durch den Anblick eines bewaffneten Bauernschwarms zur eiligen Rückkehr getrieben worden. Beim Umwenden war ein Rad des letzten Wagens zerbrochen, der Fuhrmann hatte in der Angst die Pferde ausgespannt und den Wagen jenseit der Grenze stehen lassen. Während der flüchtige Führer mit dem abgezogenen Hut in der Luft umher focht und seine Entschuldigungen machte, trat der commandirende Rittmeister zu dem Kaufmann und bestätigte die Aussage der Leute.
»Man kann den Wagen etwa tausend Schritt jenseit der Brücke an der Straße hängen sehn,« erklärte er, und als der Kaufmann um Erlaubniß bat, die Brücke zu betreten, sagte er zuvorkommend: »Ich werde Ihnen einen meiner Offiziere mitgeben.«
Ein junger Offizier der Escadron, welcher so eben von einer Patrouille zurückgekehrt war, tummelte sein feuriges Pferd vor der Schenke.
»Lieutnant von Rothsattel,« rief der Rittmeister, »begleiten Sie die Herren auf die Brücke.«
Mit Entzücken hörte Anton den Namen, an welchen sich für ihn so holde Erinnerungen knüpften. Er wußte auf der Stelle, daß der Herr auf dem wilden Pferde Niemand anders sein konnte, als der Bruder des Fräuleins vom See. Der Lieutnant, eine schlanke Gestalt mit kleinem Bart auf der Oberlippe, sah seiner Schwester so ähnlich, wie einem jungen Reiteroffizier in Beziehung auf das allerschönste irdische Fräulein nur möglich ist. Anton fühlte auf der Stelle eine freundschaftliche Hochachtung für ihn, welche der junge Herr aus Antons Gruß wohl herauslesen mochte, denn er dankte durch ein herablassendes Neigen seines kleinen Kopfes. Tänzelnd avancirte sein Pferd neben den Kaufleuten bis zur Brücke. Dort standen die Vedetten, ihre Pistole mit gespanntem Hahn in der Hand, unbeweglich wie Statuen, nur ihre Pferde verriethen manchmal durch eine anmuthige Schweifbewegung, oder ein Stampfen der Füße das muthige Leben. Die Reisenden eilten auf die Mitte der Brückenwölbung und sahen mit spähendem Blick die Landstraße hinab. Vor ihnen in der Ferne lag der riesige Wagen, wie ein weißer Elephant lag er verwundet auf einem Knie.
»Vor Kurzem war noch nicht geplündert,« sagte der Lieutnant, »die Leinwand hing noch dickbäuchig darüber. Ja, sie haben ausgeräumt; dort an der Ecke flattert die weiße Decke.«
»Es scheint nicht arg zu sein,« antwortete der Prinzipal.
»Wenn Sie ein Rad und ein Paar Pferde hinüberschaffen wollen, können Sie das Ding abholen,« bemerkte der Lieutnant nachlässig. »Unsere Leute hatten den ganzen Tag große Lust dazu. Sie hätten gern nachgesehen, ob etwas Trinkbares darin ist. Wir haben aber Befehl, die Grenze nicht zu überschreiten. Sonst ist's eine Kleinigkeit, den Wagen herüber zu schaffen, wenn der commandirende Offizier Ihnen erlaubt, die Posten zu passiren, und wenn Sie mit diesen da fertig werden.« Dabei wies er auf einen Haufen Bauern, welche jenseit der Brücke außerhalb Schußweite hinter einigen verkrüppelten Weiden lagerten und einen bewaffneten Mann als Posten auf die Landstraße vorgestellt hatten.
»Wir wollen den Wagen holen, wenn der commandirende Offizier erlaubt,« sagte der Prinzipal, »ich hoffe, es wird möglich sein, mit den Leuten dort zu unterhandeln.«
Und Anton konnte sich nicht enthalten zu murmeln: »Den ganzen Tag haben die Herren ein paar Tausend Thaler auf der Landstraße liegen lassen, sie hätten Zeit genug gehabt, den Wagen für uns zurückzuschaffen.«
»Man muß keine unbilligen Forderungen an das Heer machen,« antwortete der Kaufmann lächelnd, »wir wollen zufrieden sein, wenn sie uns erlauben, unser Eigenthum aus den Händen der Bauern zu holen.« Die Reisenden eilten zum Rittmeister zurück, und der Kaufmann theilte diesem seinen Wunsch mit.
»Wenn Sie Pferde und Menschen finden, so habe ich nichts dagegen,« erwiederte dieser.
Sogleich wurden die Fuhrleute zusammengerufen, der Prinzipal frug, wer ihn mit den Pferden begleiten wolle, er sei gut für den Schaden an den Pferden. Nach einigem Kratzen des Kopfes und einigem Schütteln der Hüte erklärten Mehrere ihre Bereitwilligkeit. Schnell wurden vier Pferde angeschirrt, ein Kinderschlitten des Schenkwirths hervorgeholt, ein Rad und einige Hebebäume darauf gelegt, und die kleine Caravane zog der Brücke zu, verfolgt von beifälligen Scherzen der Soldaten und begleitet von einigen Offizieren, welche an dem Feldzuge so viel Theilnahme verriethen, als sich mit ihrer kriegerischen Würde irgend vertrug.
An der Brücke sagte der Rittmeister: »Ich wünsche guten Erfolg, leider bin ich außer Stand, Ihnen meine Mannschaft zur Hülfe mitzugeben.«
»Es ist besser so,« antwortete der Prinzipal grüßend, »wir wollen als friedliche Leute unsere Waaren wiederholen und fürchten die Herren dort nicht, wollen sie aber auch nicht reizen. Haben Sie die Güte, Herr Wohlfart, Ihre Pistolen zurückzulassen, wir müssen den Bewaffneten zeigen, daß uns der Kriegsapparat nichts angeht.«
Anton hatte seine Pistolen in die Rocktasche gesteckt, wo sie wieder trotzig hervorsahen, er gab sie jetzt einem Schützen, den der Lieutnant von Rothsattel herbeiwinkte. So zogen sie über die Brücke. Am Ende der Grenzbrücke parirte der Lieutnant unwillig sein Pferd und brummte: »Diese Pfeffersäcke rücken eher ein als wir,« und der Rittmeister rief ihnen noch nach: »Sollten Ihre Personen in Gefahr kommen, so werde ich es für keine Ueberschreitung meiner Ordre halten, wenn ich Ihnen Lieutnant von Rothsattel mit Mannschaft zu Hülfe schicke.« Der Lieutnant stob zurück und commandirte den Zug, welcher in einiger Entfernung hielt, sehr kampflustig: »Still gesessen!« worauf er wieder bis an das Ende der Brücke vorsprengte und mit großem Interesse und kriegerischer Ungeduld den Civilisten nachsah. Zu seiner und des Kriegsheers Ehre muß an dieser Stelle bekannt werden, daß sowohl er, als sein Zug den Einrückenden warmen Empfang und ernste Unbequemlichkeiten herbeiwünschten, damit sie selbst das Recht erhielten, sich hineinzumengen und ein wenig einzuhauen.
Es war kein imponirender Einmarsch in das feindliche Gebiet, den die Kaufleute anführten; mit einer gewissen Gemüthlichkeit im ruhigen Schritt seine Cigarre anzündend ging der Prinzipal voran, ihm dicht zur Seite Anton, dahinter drei stämmige Fuhrleute mit den Pferden. So waren sie ungefähr auf dreißig Schritt einigen Bauern mit weißen Kitteln nahe gekommen, als diese ihre Gewehre anschlugen und durch einen polnischen Schrei Halt geboten. Der Prinzipal rief mit lauter Stimme in ihrer Sprache: »Ruft Euern Anführer.« Gehorsam schrie einer von den Wilden mit heftiger Handbewegung einem entfernten Haufen zu. Die Anderen behielten mit drohender Haltung ihre Gewehre im Anschlag und zielten, wie Anton ohne besonderes Wohlgefallen bemerkte, unter heimtückischem Augenblinzeln sämmtlich grade auf ihn. Unterdeß kam mit langen Schritten der Anführer der Bande heran. Er trug einen blauen Rock mit bunten Schnüren, eine viereckige rothe Mütze mit grauem Pelz besetzt und hielt eine lange Entenflinte in der Hand. Er war im Ganzen betrachtet ein brauner Kerl von gefährlichem Aussehen, verziert mit einem langen schwarzen Schnurrbart, der ihm auf beiden Seiten am Mund herunter hing. Als der Mann herangekommen war, redete ihn der Kaufmann in unvollkommenem Polnisch mit kräftiger Stimme an: »Wir sind Freunde! ich bin der Herr des Wagens dort und will mir ihn herüber holen; sagt Euern Leuten, daß sie mir dabei helfen, Ihr sollt ein gutes Biergeld haben.« Bei dem Wort »Biergeld« senkten sich die Gewehre hochachtungsvoll von selbst. Der Hauptkrakuse aber stellte sich pathetisch in die Mitte der Heerstraße und begann eine lange Rede mit Handbewegungen, von welcher Anton sehr wenig und sein Prinzipal nicht Alles verstand, die aber durch den Fuhrmann dahin erklärt wurde, der Mann bedaure, dem Herrn nicht dienen zu können, er habe Befehl von einem dahinter stehenden Corps, den Wagen zu bewachen, bis die Pferde ankämen, welche ihn nach ihrer Stadt schaffen sollten.
Der Kaufmann schüttelte gemüthlich den Kopf und antwortete im Tone des ruhigen Befehls: »Das geht nicht, der Wagen gehört mir, und ich muß ihn mitnehmen, ich kann nicht so lange warten, bis Euer Führer mir die Erlaubniß giebt.« Dabei griff er in die Tasche und hielt dem insurgirten Bewohner des blauen Rockes ungesehen von den Andern ein halbes Dutzend harte Thaler hin: »So viel für Euch und eben so viel für Eure Leute.« Der Anführer sah auf die Thaler, fuhr mit der Hand nach dem Kopfe, kraute sich heftig und drehte an seiner Mütze, worauf er endlich zu dem Resultat kam: wenn die Sache so sei, möge der gnädige Herr den Wagen nur fortnehmen.
Im Triumph zog die Caravane zu dem Wagen, die Fuhrleute ergriffen die Hebebäume und hoben mit vereinter Kraft die gesenkte Seite in die Höhe, lösten die Trümmer des alten Rades, setzten das neue an und spannten die Pferde vor, Alles unter thätiger Mitwirkung einiger Bauern, brüderlich unterstützt von dem Commandeur, welcher in eigener Person einen Hebebaum regierte. Darauf wurden die Pferde herzhaft angetrieben und der Wagen rollte der Brücke zu unter dem lauten hoi! hoi! des Krakusen, welcher dadurch vielleicht eine dissentirende Stimme in seinem Innern überschreien wollte.
»Gehen Sie mit dem Wagen voraus,« sagte der Kaufmann zu Anton, und da Anton zögerte, seinen Prinzipal allein unter den Bauern zurückzulassen, fügte dieser befehlend hinzu: »Ich will es haben.« So fuhr der Wagen langsam an die Grenze, und schon von Weitem hörte Anton das Lachen und die Grüße der Soldaten.
Unterdeß blieb der Kaufmann in eifrigem Gespräch mit dem Dolmetsch und dem Bandenführer zurück und schied endlich im besten Einvernehmen von dem Insurgenten, welcher mit slavischer Höflichkeit den Hauswirth auf der Landstraße machte und die Reisenden mit abgezogener Mütze bis in Schußweite von dem Militär begleitete. An der Brücke holte der Prinzipal den Wagen ein, machte das Halt! Werda! der Vedetten und das damit verbundene kriegerische Ceremoniell durch und empfing auf heimathlichem Boden den lachenden Glückwunsch des Rittmeisters, während der Lieutnant spöttisch zu Anton sagte: »Sie haben keinen Grund gehabt, die Abwesenheit Ihrer Schlüsselbüchsen zu bedauern.«
»Es ist besser so,« antwortete Anton, »es war ein glattes Geschäft. Die armen Teufel haben nichts gestohlen als ein kleines Faß Rum.«
Eine Stunde darauf saßen die Reisenden mit den Offizieren der Reiter und der Jäger zusammen in dem kleinen Verschlage der Schenke bei einigen Flaschen alten Ungarweins, welche der Wirth aus dem tiefsten Winkel seines Kellers heraufgeholt hatte. Nicht am wenigsten vergnügt war Anton. Er hatte zum ersten Mal in seinem Leben eine kleine anständige Kriegsgefahr durchgemacht und war im Ganzen mit sich zufrieden und jetzt saß er neben einem jungen Krieger, den er hochzuschätzen äußerst bereitwillig war, und hatte die Freude, diesem seine Cigarren anzubieten und von dem Abenteuer dieses Tages zu sprechen.
»Die Bauern haben ja im Anfange auf Sie angelegt,« sagte der junge Herr, nachlässig sein Bärtchen kräuselnd, »das war Ihnen wohl unbequem?«
»Nicht sehr,« erwiederte Anton so kühl als möglich; »einen Augenblick wurde ich stutzig, als die Flinten auf uns gerichtet waren, und hinter den Flinten andere Männer mit ihren Sensen die Pantomime des Kopfabschneidens machten. Es kam mir befremdlich vor, daß die Mündungen alle gerade auf mein Gesicht gerichtet waren. Nachher hatte ich am Wagen zu thun und dachte nicht mehr daran. Und als auf dem Rückwege jeder unserer Fuhrleute behauptete, daß gerade nur auf ihn gezielt worden sei und auf keinen Andern, da kam ich zu der Ansicht, daß diese Vielseitigkeit eine besondere Eigenschaft der Flintenläufe sein muß, eine Art von optischer Ungezogenheit, die nicht viel zu bedeuten hat.«
»Wir hätten Sie schon herausgehauen, wenn die Bauern Ernst gemacht hätten,« antwortete der Lieutnant wohlwollend. »Ihre Cigarren sind übrigens gut.«
Anton freute sich darüber und goß seinem Nachbar das Glas voll. So unterhielt er sich und blickte auf seinen Prinzipal, der heute besonders aufgelegt war, sich mit den bunten Herren über Krieg und Frieden zu unterhalten. Anton sah, daß der Kaufmann die Offiziere mit einer gewissen förmlichen Artigkeit behandelte, welche dem nachlässigen Ton, in welchem die Herren die Trinkgesellschaft begonnen hatten, wirksam steuerte. Bald wurde das Gespräch allgemein, und man hörte mit Aufmerksamkeit dem Kaufmanne zu, welcher von dem insurgirten Gebiet, mit dem er durch frühere Reisen bekannt war, erzählte und einzelne Führer des Aufstandes zu schildern wußte.
Nur der junge Herr von Rothsattel schien zu Antons großer Betrübniß nicht zufrieden mit der Aufmerksamkeit, welche seine Kameraden dem Civilisten gönnten, und mit dem Löwenantheil, den dieser an der Unterhaltung erlangt hatte; er warf sich nachlässig in seinen Stuhl zurück, sah wie zerstreut nach der Decke, spielte mit dem Säbelgriff und warf kurze Bemerkungen von den Lippen, welche eine ennuyirte Gemüthsstimmung andeuten sollten. Als der Rittmeister erwähnte, daß er am nächsten Morgen den Befehlshaber des Grenzcorps erwarte, und der Kaufmann darauf entgegnete: »Ihr Oberst wird vor morgen Abend nicht hier eintreffen, wenigstens hat er mir heut auf der Eisenbahn, wo ich mit ihm zusammentraf, so erzählt,« da kam in dem jungen Offizier der Teufel des Hochmuths zum Durchbruch und er sagte mit unartigem Ton: »Sie kennen unsern Obristen also persönlich? Er nimmt ja wohl seinen Zucker und Kaffe bei Ihnen?«
»Wenigstens geschah das früher,« sagte der Kaufmann artig, »ich selbst habe als junger Mann einige Mal den Kaffe für ihn abgewogen.«
Unter den Offizieren entstand eine gewisse Verlegenheit und einer der ältern versuchte von seinem Standpunkt aus eine Verbesserung der beabsichtigten Grobheit, indem er etwas von einer höchst respectablen Handlung sprach, bei welcher jeder Militär oder Nicht-Militär seinen Bedarf nur mit Vergnügen entnehmen könnte.
»Ich danke Ihnen für das gute Zutrauen, welches Sie zu meinem Geschäft haben, Herr Capitain,« sagte der Kaufmann lächelnd; »ich bin allerdings stolz darauf, daß mein Geschäft respectabel geworden ist durch meine und meiner Angehörigen angestrengte Thätigkeit.«
»Lieutnant Rothsattel, Sie führen die nächste Patrouille, es ist Zeit, daß Sie aufbrechen,« erinnerte der Rittmeister. Klirrend erhob sich der Lieutnant.
»Hier bringt Herr Warschauer eine neue Flasche, auf welche er große Stücke hält, es ist der beste Wein seines Kellers. Darf Herr von Rothsattel nicht erst den Wein versuchen, bevor er unsere Nachtruhe bewacht?« frug der Kaufmann mit ruhiger Artigkeit zum Rittmeister gewandt. Der junge Herr dankte mit Trotz und ging rasselnd aus der Stube. Anton hätte seinen Liebling prügeln mögen, so zornig war er auf ihn. Der Rittmeister aber beseitigte das kleine Zwischenspiel durch ein lebhaftes Gespräch, welches er einleitete.
Es war spät geworden, und Anton sah mit Verwunderung, daß der Kaufmann fortfuhr, mit ausgesuchter Artigkeit den Wirth zu machen und an dem Prüfen des Ungarweins ein Behagen zu empfinden, welches mit dem Zwecke seiner Reise nicht recht verträglich war. Endlich, nachdem eine neue Flasche entkorkt war, und auch der Rittmeister eine neue Cigarre des Kaufmanns bewundert hatte, warf dieser leicht hin: »Ich wünsche morgen nach der insurgirten Hauptstadt zu reisen und erbitte mir Erlaubniß dazu, wenn diese nöthig ist.«
»Sie wollen —« riefen die Offiziere rund um den Tisch.
»Ich muß,« sagte der Kaufmann mit Ernst und setzte ihnen kurz auseinander, weshalb er müsse.
Der Rittmeister schüttelte den Kopf: »Zwar läßt der Wortlaut meiner Ordre zweifelhaft, ob ich die Grenze für Jedermann zu verschließen habe, doch ist mir Absperrung des insurgirten Landes als der nächste Zweck unserer Aufstellung angegeben.«
»Dann würde ich meinen Wunsch dem Commandeur vortragen müssen, das würde mich länger als einen Tag aufhalten, und dieser Aufenthalt könnte den Zweck meiner Reise vereiteln. Wie Ihre Güte mir mittheilt, herrscht gegenwärtig unter den Insurgenten noch erträgliche Ordnung, es ist unmöglich, daß diese lange anhält. In den Rücksichten aber, welche ich dort finde, liegt für mich die einzige Möglichkeit, meine Waaren zu retten, denn die Frachtwagen kann ich nur mit Bewilligung der revolutionären Behörde aus der Stadt schaffen.«
»Und hoffen Sie diese zu erlangen?« frug der Rittmeister.
»Es muß versucht werden,« antwortete der Kaufmann. »Jedenfalls werde ich mich der Plünderung und Zerstörung meines Eigenthums dort nach Kräften widersetzen.«
Der Rittmeister überlegte. »Was Sie thun wollen, setzt mich in einige Verlegenheit; wenn Ihnen ein Unglück zustößt, wie ich fast fürchte, so könnte mir ein Vorwurf daraus gemacht werden, daß ich Ihnen gestattet habe, die Grenze zu passiren. Kann Sie denn nichts bewegen, diese Reise zu unterlassen?«
»Nichts,« erwiederte der Kaufmann, »nichts als das Gesetz.«
»Liegt Ihnen denn so viel an den Frachtwagen, daß Sie Ihr Leben dafür in die Schanze schlagen wollen?« frug der Rittmeister nicht ohne inneres Mißfallen.
»Ja, Herr Rittmeister, eben so viel, als Ihnen daran liegt, Ihre Pflicht zu thun; es hängt für mich mehr an dem Besitz dieser Frachtwagen, als ein geschäftlicher Vortheil. Ich muß hinüber, wenn mich nicht ein unbedingtes und unwiderrufliches Verbot der Staatsregierung daran hindert. Diesem würde ich mich zuletzt nicht entziehen, ich werde aber Alles versuchen, für mich eine Ausnahme zu erwirken.«
»Wohlan,« sagte der Rittmeister aufstehend, »ich will Ihrer Reise kein Hinderniß in den Weg legen. Sie werden mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie drüben unter keiner Bedingung etwas über die Stärke dieses Grenzpostens, die Aufstellung unserer Truppen und über das mittheilen, was Sie etwa von unsern projectirten Maßregeln gehört haben.«
»Ich gebe mein Wort,« sagte der Kaufmann.
»Ihre Persönlichkeit bürgt mir zwar dafür, daß Ihre Angaben über den Zweck der Reise die richtigen sind, zu meiner dienstlichen Information wünsche ich aber die betreffenden Papiere zu sehen, wenn Sie solche bei sich haben.«
»Hier sind sie,« sprach der Kaufmann eben so geschäftsmäßig. »Hier mein Paß in's Ausland auf ein Jahr, hier der Verladeschein des polnischen Verkäufers, die Copien meiner Briefe an das Grenzzollamt und den hiesigen Spediteur, und hier die Antworten derselben. Die Beamten des Grenzzollamts und der Spediteur können außerdem die Wahrheit dieser Angaben bezeugen.«
Der Rittmeister durchflog die Papiere und gab sie zurück. »Sie sind ein muthiger Mann, und ich wünsche Ihnen alles Glück,« sagte er mit amtlicher Würde. »Und wie wollen Sie reisen?«
»Mit Postpferden. Im Falle man mir die Pferde verweigert, werde ich sie kaufen und selbst fahren; einen Wagen wird mir unser Wirth überlassen, ich werde morgen bei Tage reisen, weil ich bei Nacht noch mehr Verdacht erwecken würde.«
»Wohlan, morgen mit Tagesanbruch sehe ich Sie wieder. Wie ich annehme, rücken wir selbst spätestens in drei Tagen in Feindes Land; falls ich bis dahin keine Nachricht von Ihnen habe, werde ich Sie in der eroberten Stadt aufsuchen. Wir brechen auf, meine Herren, die Sitzung hat bereits zu lange gedauert.«
So zogen die Herren vom Militär mit geschäftlichem Klirren ab, und Anton und sein Prinzipal blieben mit den leeren Weinflaschen allein in der Kammer. Der Kaufmann öffnete das Fenster und wandte sich dann zu Anton, welcher den letzten Verhandlungen in großer Aufregung zugehört hatte. »Wir werden uns hier trennen, lieber Wohlfart,« fing er an.
Bevor er aussprechen konnte, ergriff Anton seine Hand und sagte mit Thränen in den Augen: »Erlauben Sie mir mit Ihnen zu gehen, schicken Sie mich nicht in das Geschäft zurück. Es würde mir mein ganzes Leben hindurch ein unerträglicher Vorwurf sein, wenn ich auf dieser Reise von Ihnen gegangen wäre.«
»Es ist unnütz, vielleicht unklug, wenn Sie mitreisen. Was dort zu thun ist, kann ich sehr gut allein abmachen; wenn irgend eine Gefahr ist, was ich nicht glaube, so kann Ihre Gegenwart mich nicht davor schützen, ich würde nur das peinliche Gefühl haben, daß ich einen Andern um meinetwillen in Verlegenheit gebracht habe.«
»Ich würde Ihnen doch sehr dankbar sein, wenn Sie mich mitnehmen wollten,« bat Anton flehentlich, immer noch die Hand des Prinzipals haltend. »Auch Fräulein Sabine hat es gewünscht,« fügte er hinzu, indem er in weiser Steigerung den stärksten Ueberredungsgrund zuletzt aus seinem bewegten Gemüth heraufholte.
»Sie ist ein furchtsames Mädchen,« sagte der Kaufmann lächelnd. »Indeß, da Sie so freundschaftlich darauf bestehen, mag es sein. Wir reisen zusammen; rufen Sie den Wirth und lassen Sie uns die Reisegelegenheit besprechen.«
II.
Es war noch dämmrige Nacht, als Anton vor die Thür der Schenke trat. Ein dichter Nebel hing über der Ebene und bewegte sich unruhig in dem Zwielicht des nahen Tages; unten am Horizont bezeichnete ein rother Feuerschein die Gegend, nach welcher die Reisenden fahren sollten. Mit grauem Schleier verhüllten die Dämpfe der Nacht einen dunklen Haufen an der Erde. Anton trat näher und erkannte eine Anzahl Männer, Weiber und Kinder, sie kauerten am Boden, bleiche, ausgehungerte, tiefgefurchte Gesichter. »Sie sind aus dem Grenzdorf von jenseits,« erklärte ihm ein alter Wachtmeister, welcher in seinem Reitermantel daneben stand. »Ihre Dörfer brennen, sie waren in die Wälder gelaufen, heut Nacht kamen sie an das Wasser, streckten die Hände aus und schrieen jämmerlich nach Brod. Weil es meist Weiber und Kinder sind, hat der Herr Rittmeister ihnen erlaubt, herüber zukommen, und hat ihnen einige Brode zerschneiden lassen. Sie haben einen Mordheißhunger. Nach ihnen kamen größere Banden, alle schrieen: Brod! Brod! und rangen die Hände. Wir haben ihnen einige Pistolenschüsse über die Köpfe gefeuert und sie weggefegt.«
»Ei!« sagte Anton, »das ist keine tröstliche Aussicht für unsere Reise. Was soll hier aus den armen Leuten werden?«
»Es sind Grenzteufel,« sagte der Wachtmeister begütigend, »die Hälfte des Jahres schmuggeln und saufen sie, und die andere Hälfte hungern sie. Diese hier frieren jetzt etwas.«
»Kann man ihnen nicht einen Kessel mit Suppe kochen?« frug Anton mitleidig und griff nach seiner Tasche.
»Wozu Suppe?« sagte der Wachtmeister kaltblütig, »ein Schluck Branntwein wäre der ganzen Gesellschaft lieber; dort trinkt Alles Branntwein, auch was noch Säugling ist; wenn Sie etwas dran wenden wollen, ich will's ihnen austheilen und einen ehrlichen Soldaten nicht vergessen.«
»Ich werde beim Wirth bestellen, daß die Hausmagd etwas Warmes kocht, und Sie, Herr Wachtmeister, haben die Güte, zuzusehen, daß Alles in Ordnung zugeht.« Dabei griff er in die Tasche, und der Wachtmeister versprach bereitwillig, sein kriegerisches Herz dem Mitleid offen zu erhalten.
Eine Stunde darauf rollten die Reisenden in offener Britschka durch die Vorposten, der Kaufmann fuhr, Anton saß hinter ihm und blickte spähend in die Landschaft hinein, in welcher sich aus Finsterniß und Nebel bereits einzelne Gegenstände erkennen ließen. Ungefähr zweihundert Schritt waren sie gefahren, da tönte hinter einem dicken Weidenbaum an der Landstraße ein polnischer Zuruf. Der Kaufmann hielt die Pferde an, ein Einzelner näherte sich vorsichtig dem Wagen. »Kommt herauf, guter Freund,« rief der Kaufmann dem Fremden zu, »setzt euch neben mich.« Höflich nahm der Fremde seine Mütze ab und schwang sich auf den Vordersitz des Wagens. Es war der oberste Krakuse von gestern mit seinem hängenden Schnauzbart. »Haben Sie ein Auge auf ihn,« sagte der Kaufmann in englischer Sprache zu Anton, »er soll uns als Sauvegarde dienen und wird dafür bezahlt; wenn er mir auf den Leib rückt, so fassen Sie ihn von hinten.«
Anton holte die verachteten Pistolen aus einer alten Ledertasche an der Seite des Wagens und steckte sie vor den Augen des Krakusen recht sichtbar in die Taschen seines Paletots. Der Führer im Leinwandrock aber lachte vertraulich und erwies sich bald als ein Geschöpf von freundschaftlicher und geselliger Natur, er nickte verbindlich beiden Reisenden zu, trank Schlucke aus Antons Reiseflasche und machte Versuche, über seine linke Schulter mit diesem eine Unterhaltung anzuknüpfen, indem er ihn in gebrochenem Deutsch Euer Gnaden nannte und ihm offenbarte, er rauche auch Tabak, habe aber keinen. Zuletzt bat er um die Ehre, die Herren fahren zu dürfen.
So waren sie an einer Gruppe zerfallener Häuser vorbeigekommen, welche an einem Sumpf auf kahler Fläche standen, wie riesige Pilze, die an einer vergifteten Stelle in die Höhe geschossen sind; da sahen sie sich plötzlich von einem Haufen Insurgenten umringt. Es war Landsturm, wie sie ihn schon am Tage vorher gesehen hatten, einige Dreschflegel, einige gerade Sensen, alte Musketen, Leinwandkittel, viel Schnapsgeruch und glotzende Augen. Der Haufe fiel den Pferden in die Zügel und schickte sich mit Blitzesschnelle an, dieselben abzuspannen. Da erhob sich der Krakuse von seinem Sitz wie ein Löwe und entwickelte in seinem Polnisch eine ungeheure Beredsamkeit, wobei er mit Händen und Füßen nach allen Seiten hin gesticulirte. Er erklärte, daß diese Herren große Herren der Niemcy seien, welche nach der Hauptstadt reisten, weil sie mit der Regierung sprechen müßten; es werde Jedem den Kopf kosten, der auch nur ein Haar aus dem Schwanze ihrer Pferde ausrisse. Auf diese Rede erfolgten ebenso lebhafte Gegenreden, bei denen ein Theil die Fäuste ballte, ein Theil die Mützen abnahm. Darauf hielt der Führer eine noch stärkere Rede und stellte allen Patrioten ein Zerschnittenwerden in vier Theile in Aussicht, wenn sie wagen würden, auch nur ihre Pferdeköpfe scheel anzusehen. Darauf wurde die Zahl der geballten Fäuste geringer und die Zahl der gezogenen Mützen größer. Endlich machte der Kaufmann dieser Scene ein Ende, indem er die Pferde mit einem kräftigen Peitschenschlag antrieb und den letzten widerspenstigen Patrioten zu einem schnellen Seitensprung veranlaßte. Im Galopp stoben die Pferde vorwärts, einige lebhafte Interjectionen klangen hinter ihnen her, und eine Kugel pfiff unschädlich über die Häupter der Reisenden, wahrscheinlich mehr aus allgemeiner Vaterlandsliebe, als zu einem bestimmten Zweck abgeschossen.
So ging es einige Stunden fort. Nicht selten überholten sie Haufen bewaffneter Landleute, welche entweder schrieen und ihre Knittel schwangen, oder einem Geistlichen mit der Kirchenfahne nachzogen, die Köpfe gesenkt, geistliche Lieder singend. Die Reisenden wurden einige Mal aufgehalten und bedroht, zuweilen auch mit großer Ehrerbietung begrüßt, zumal Anton, der auf seinem Hintersitz für die Hauptperson galt.
Endlich näherten sie sich einem größern Dorf, die Haufen wurden dicker, das Geschrei lauter, unter den Bauernkitteln waren hier und da eine Uniform, Federbüsche und Bajonnette sichtbar. Hier zeigte der Führer Symptome von Unruhe und erklärte dem Kaufmann, weiter könne er sie nicht führen, hier müßten sie sich bei dem Befehlshaber melden. Der Prinzipal zeigte sich damit zufrieden, zahlte dem Führer seinen Lohn aus und ließ den Wagen bei dem ersten Haufen, welcher die Straße besetzt hielt, halten. Ein junger Mann in blauer Pikesche, mit einer roth und weißen Schärpe um den Leib, eilte heran, nöthigte die Reisenden, abzusteigen, und führte sie mit leidenschaftlichem Diensteifer der Hauptwache zu. Der Kaufmann behielt die Zügel der Pferde in der Hand und raunte Anton zu, er sollte den Wagen unter keinen Umständen aus den Augen lassen. Anton heuchelte Unbefangenheit und drückte dem getreuen Krakusen, der hinter dem Wagen herschlich, etwas in die Hand, damit dieser den Pferden einige Bündel Heu verschaffe.
Das Wachlocal war in einem Hause, dessen Strohdach durch den weißen Anstrich der Wände einen vornehmen Schimmer erhielt. Dort standen einige Jagdflinten und Musketen an Holzpfähle gelehnt, bewacht von einem jugendlichen Volontair in blauem Rock und rother Mütze. Daneben saß der commandirende Offizier, ein plattes Gesicht unter einem mächtigen, weißen Federbusch; er war mit einer ungeheuern seidenen Schärpe und einem Säbel mit schöngewundenem Korbgriff geschmückt. Dieser Herr gerieth in nicht gewöhnliche Aufregung, als er die Fremden erblickte, er drückte seinen Hut fest, strich sich grimmig den unordentlichen Bart und begann ein Verhör. Nach früherer Verabredung sagten ihm beide Reisende, daß sie das Obercommando in wichtiger Angelegenheit zu sprechen hätten. Ueber den Zweck ihrer Reise verweigerten sie jede Auskunft. Diese Erklärung kränkte die Würde des Befehlshabers. Er machte lieblose Anspielungen auf verdächtige Menschen und Spione und schrie seiner Wache zu, in's Gewehr zu treten. Fünf junge Männer in blauen Pikeschen stürzten aus dem Hause, stellten sich in Linie auf und wurden mit einem Aufwand von Commandowörtern befehligt, ihre Gewehre bereit zu halten. Anton sprang unwillkürlich zwischen die Blauröcke und seinen Prinzipal. Indeß änderte der Herr mit dem großen Säbel seinen mörderischen Entschluß, als der Kaufmann mit Gemüthsruhe an dem Pfosten stehen blieb, um den er die Zügel geschlungen hatte. Der Befehlshaber begnügte sich, ihm nochmals zu versichern, er halte ihn für höchst gefährlich und sei sehr geneigt, ihn als Verräther zu füsiliren.
Der Kaufmann zuckte mit den Achseln und sagte in ruhiger Höflichkeit: »Sie sind durchaus im Irrthum über den Zweck unserer Reise. Sie können uns nicht im Ernst für Spione halten, denn wir haben uns durch einen Ihrer Landsleute gerade zu Ihnen führen lassen, um durch Ihre Güte ein Geleit nach der Hauptstadt zu bekommen. Ich bitte Sie nochmals, uns nicht aufzuhalten, da unsere Geschäfte bei der Commandantur dringend sind, und ich Sie für jede unnütze Verzögerung unserer Reise verantwortlich machen müßte.« Der Commandeur fing nach dieser Rede von Neuem an zu wettern, er schnaubte heftig gegen den Kaufmann und Anton, trank endlich ein großes Glas Branntwein und faßte einen Entschluß. Er rief drei seiner Leute und befahl ihnen, sich mit den Reisenden aufzusetzen und dieselben nach der Hauptstadt zu transportiren. Ein neues Strohbund wurde in den Wagen geworfen, zwei confiscirte Burschen nahmen mit ihren Gewehren Platz hinter den Reisenden, vor ihnen setzte sich ein weißröckiger Bauer auf den Kutschersitz, ergriff die Zügel und fuhr gleichgültig seine Ladung, Verdächtige, Patrioten und Alles, im Galopp nach der Hauptstadt.
»Unsere Lage hat sich verschlechtert,« sagte Anton, »fünf Mann auf dem kleinen Wagen, und die armen Pferde sind ermüdet.«
»Ich sagte Ihnen, daß unsere Reise einige Unbequemlichkeiten haben würde,« antwortete der Kaufmann. »Die Menschen sind nie lästiger als wenn sie Soldaten spielen. Uebrigens ist diese Bewachung kein Unglück, wir werden wenigstens bei solcher Empfehlung in die Stadt gelassen werden.«
Es war Abend, als sie in der Nähe der Stadt ankamen. Ein röthlicher Schein am Himmel bezeichnete schon aus der Ferne das Ziel ihrer Fahrt, dann zahlreiche bewaffnete Banden, welche in die Stadt hinein oder von ihr her zogen. Darauf folgten ein langer Aufenthalt an dem Thore, ein Durcheinander von Fragen und Antworten, Beleuchtung der Reisenden durch Laternen und brennende Kienspäne, feindselige Blicke und unverständliche Drohungen, endlich eine lange Fahrt durch die Straßen der alten Hauptstadt. Um sie herum bald Todtenstille, bald ein wildes Geschrei zusammengelaufener Menschen, doppelt unheimlich, wenn die Worte den Hörenden unverständlich waren.
Zuletzt lenkte der Kutscher auf einen Marktplatz und hielt vor einem stattlichen Hause. Die Reisenden wurden durch ein Gedränge bunter Uniformen, beschnürter Röcke und heller Kittel gezogen und eine breite Treppe hinaufgedrängt. Dort stieß man sie in ein großes Zimmer und stellte sie einem Herrn mit weißen Glacéhandschuhen gegenüber, welcher in einen schriftlichen Rapport sah und ihnen kurz ankündigte, daß sie nach dem Bericht des Stations-Commandanten der Spionage verdächtig wären und vor einem Kriegsgericht verhört werden sollten. Der Kaufmann antwortete sogleich mit kräftigem Unwillen: »Dann bedaure ich, daß Ihr Untergebener eine große Unwahrheit gemeldet hat, denn wir haben die Reise bei hellem Tage auf der großen Landstraße bis hierher gemacht, in der bestimmten Absicht, Ihren Commandirenden zu sprechen; mein sind die Pferde und mein der Wagen, welche mich vor dieses Haus gebracht haben, und es war eine überflüssige Höflichkeit Ihres Stations-Commandanten, daß er mir solche Begleitung mitgegeben hat. Ich wünsche den Herrn, welcher hier befehligt, so bald als möglich zu sehen, nur ihm werde ich den Zweck meiner Reise mittheilen; haben Sie die Güte, ihm meinen Paß einzuhändigen.«
Der Herr sah in den Paß und frug mit mehr Rücksicht auf Anton blickend: »Aber dieser Herr? er hat das Aussehen eines Offiziers Ihrer Armee.«
»Ich bin ein Commis des Herrn Schröter,« erwiederte Anton mit einer Verbeugung, »und durch und durch civil.«
»Warten Sie,« sprach der junge Mann von oben herab und ging mit dem Paß in ein Nebenzimmer.
Da er einige Zeit ausblieb und Niemand die Reisenden hinderte, setzten sie sich auf eine Bank und nahmen die sicherste Miene an, welche ihnen möglich war. Anton warf einen besorgten Blick auf seinen Prinzipal, welcher finster vor sich niedersah, und betrachtete dann verwundert seine Umgebung. Es war ein hohes Zimmer, die Decke mit Stuck und Malerei verziert, die Wände verräuchert und beschmutzt, Tische, Stühle und Bänke standen unordentlich umher, sie schienen aus einem Schenkhause herzugeschleppt; an den Tischen beugten sich einige Schreiber über ihre Papiere, und an den Wänden saßen und lagen Bewaffnete, sie schliefen oder sprachen laut mit einander, zum Theil in französischer Sprache. Das heruntergekommene Zimmer in der trüben Beleuchtung machte auf Anton keinen ermuthigenden Eindruck, und leise sagte er zu dem Kaufmann: »Wenn Revolution so aussieht, sieht sie häßlich genug aus.«
»Sie verwüstet immer und schafft selten Neues. Ich fürchte, die ganze Stadt gleicht dieser Stube. Die gemalten Wappen an der Decke, und die schmutzige Bank, auf der wir sitzen, wenn solche Gegensätze zusammenkommen, dann darf ein ehrlicher Mann sein Kreuz schlagen. Der Adel und der Pöbel sind jeder einzeln schlimm genug, wenn sie für sich Politik treiben; so oft sie sich aber mit einander vereinigen, ruiniren sie sicher das Haus, in dem sie zusammenkommen.«
»Die Vornehmen sind uns unbequemer,« sagte Anton, »ich lobe mir unsern Krakusen, der war ein höflicher Insurgent und er hatte ein Herz für ein Achtgroschenstück, die Herren hier aber verfahren durchaus nicht geschäftsmäßig.«
»Warten wir ab,« sprach der Prinzipal.
Eine Viertelstunde war vergangen, da trat ein junger Mann von schlankem Wuchs und stattlichem Aussehen, gefolgt von dem Herrn mit den weißen Händen, aus dem Nebenzimmer, schritt artig auf den Kaufmann zu und sagte mit lauter Stimme, so daß auch die Schläfer auf den Bänken ihn hören mußten: »Ich freue mich, Sie hier zu sehen, ich habe so etwas erwartet; haben Sie die Güte, mir mit Ihrem Begleiter zu folgen.«
»Wetter! unsere Actien steigen,« dachte Anton. Sie folgten dem majestätischen Redner in ein kleines Eckzimmer, welches gewissermaßen das Boudoir des Hauptquartiers war; denn es stand eine Ottomane darin, weich gepolsterte Sessel, und ein zierlicher Schreibtisch von seltenem Holz. Verschiedene Anzüge und Uniformen hingen unordentlich über den Möbeln, und auf dem Tisch lag neben Papieren ein niedliches, kostbar ausgelegtes Taschenterzerol mit zwei Läufen und ein großes Petschaft von buntem Stein in Gold eingefaßt.
Während Anton die Beobachtung machte, daß es in dem Raum sehr elegant, aber auch sehr unordentlich aussah, sagte der junge Chef mit etwas mehr Haltung und etwas weniger Zärtlichkeit zu dem Kaufmann: »Sie sind durch ein Mißverständniß rauher Behandlung ausgesetzt worden, wie sie in unruhiger Zeit nicht immer zu vermeiden ist; Ihre Begleiter haben Ihre Angaben bestätigt. Ich ersuche Sie, mir mitzutheilen, was Sie zu uns führt.« Der Kaufmann berichtete kurz, aber genau den Zweck seiner Reise, nannte die Namen seiner Geschäftsfreunde am Ort und berief sich auf sie zur Bestätigung seiner Aussage.
»Ich kenne den einen oder andern dieser Herren,« antwortete der Commandant nachlässig. Er fixirte den Kaufmann scharf und frug nach einer Pause: »Haben Sie mir nichts weiter mitzutheilen?«
Der Prinzipal verneinte, aber der Andere fuhr schnell fort: »Ich begreife wohl, daß unsere ungewöhnliche Lage Ihrer Regierung verbietet, direct mit uns in Verbindung zu treten, und daß Sie, falls Sie irgend einen Auftrag an uns haben, die höchste Vorsicht beobachten müssen.«
Lebhaft fiel ihm der Kaufmann in's Wort: »Bevor Sie weiter sprechen, versichere ich nochmals, als Mann von Ehre, daß ich nur in meinen Angelegenheiten herkomme, und daß diese Angelegenheiten nur die angegebenen sind. Da ich aber aus Ihren Worten und aus Manchem, was ich auf dem Wege gehört habe, schließe, daß Sie mich für einen Bevollmächtigten, gleichviel von wem, halten, so fühle ich mich gezwungen, Ihnen zu sagen, daß ich in keinerlei Auftrag hierher hätte reisen können, weil ein Auftrag, wie Sie zu erwarten scheinen, unmöglich ist.«
Der vornehme Häuptling sah sehr ernst vor sich nieder und sagte nach einem Augenblick finstern Schweigens: »Gleichviel, Sie sollen darunter nicht leiden. — Der Wunsch, welchen Sie hier ausgedrückt haben, ist so ungewöhnlich, daß er bei einer regulären Obrigkeit durchaus nicht erfüllt werden könnte; wenn uns nicht vergönnt ist, Sie für einen Freund zu halten, so gebietet uns die Pflicht der Nothwehr, Sie und Ihr Eigenthum als feindlich zu behandeln. Aber die Männer meines Volkes haben, so oft sie zu den Waffen griffen, die verhängnißvolle Tugend gehabt, auch Andern einen großen Sinn zuzutrauen und um ihrer selbst willen auch da edel zu handeln, wo sie auf keinen Dank zu rechnen hatten. Seien Sie überzeugt, daß ich, so viel an mir liegt, dazu beitragen werde, Ihr Eigenthum frei zu machen.«
So sprach der Edelmann mit Selbstgefühl und in prächtiger Haltung, und Anton fühlte lebhaft, daß etwas wahrhaft Edles aus den Worten hervorleuchtete, aber er war schon zu sehr Geschäftsmann, um sich solchem Eindruck ganz hinzugeben und ein recht gemeines Bedenken fiel als Reif auf die aufkeimende Bewunderung. »Er verspricht uns Hülfe und hat sich noch nicht einmal überzeugt, ob das in der That unser Eigenthum ist, was wir aus seiner Stadt herausziehen wollen.«
»Leider bin ich nicht so souverain,« fuhr der Anführer fort, »daß ich Ihnen ohne Weiteres Ihr Verlangen erfüllen kann. Indeß hoffe ich, Ihnen auf morgen einen Freipaß für Ihre Wagen durchzusetzen. Vor Allem suchen Sie selbst zu ermitteln, wo Ihr Eigenthum sich befindet; ich werde Ihnen einen meiner Offiziere zum Schutz mitgeben. Morgen früh das Weitere.«
Mit diesen Worten wurden die Reisenden huldreich entlassen, und Anton sah beim Herausgehen, wie der Befehlshaber sich ermüdet in einen weichen Sammtstuhl setzte und mit gesenktem Haupte an dem Griff eines schönen Terzerols spielte.
Ein kleiner Herr mit einer großen Schärpe, fast noch ein Kind, aber von zuversichtlichem Wesen, begleitete die Reisenden aus dem Hause. Im Herausgehen wurden sie von mehreren Anwesenden artig gegrüßt, und Anton sah, daß das Vorzimmer sie noch immer für diplomatische Charaktere hielt. Der Offizier frug, wohin er die Herren begleiten solle, sein Auftrag sei, sie nicht zu verlassen.
»Zu unserm Schutz, oder zu unserer Bewachung?« frug Anton heiter, denn er hatte jetzt guten Muth.
»Sie werden mir keine Veranlassung geben, mich als Ihren Aufseher zu betrachten,« antwortete der kleine Krieger in elegantem Französisch.
»Nein,« sagte der Kaufmann, mit Theilnahme auf den Jüngling blickend, »aber wir werden Sie ermüden, denn wir haben noch heut sehr uninteressante und gewöhnliche Geschäfte abzumachen.«
»Ich thue nur meine Pflicht,« antwortete mit stolzer Haltung der Führer, »wenn ich Sie begleite, wohin Sie irgend wünschen.«
»Und wir die unsere, wenn wir eilen,« sagte der Kaufmann.
So schritten die Reisenden durch die Straßen der Stadt. Die Nacht war eingebrochen, aber unter ihrem Mantel wurde das wüste Treiben noch peinlicher. Haufen des niedrigsten Pöbels, Patrouillen des Heeres, Schaaren von flüchtigen Landbewohnern drängten sich schreiend, fluchend, singend durcheinander; viele Fenster waren erleuchtet, und der Lichterglanz verbreitete über den Straßen ein schattenloses, gespenstiges Licht. Ueber die Häuser wälzten sich dicht geballte, röthliche Wolken, es brannte in einer Vorstadt, und der Wind trieb Schwärme goldener Funken und lohender Holzsplitter über die Häupter der Reisenden. Dazu heulten die Glocken der Thürme mit schauerlicher Stimme eintönigen Klagegesang. Die Reisenden eilten schweigend durch das Gedränge, die trotzigen Worte ihres Begleiters öffneten ihnen einen Weg auch durch drohende Haufen. So kamen sie zu dem Hause, in welchem der Agent der Handlung wohnte. Das Haus war verschlossen, und lange mußten sie pochen, bis ein Fenster geöffnet wurde und eine ängstliche Stimme in den Straßenlärm hinunter rief, wer da sei?
Als sie eintraten, lief ihnen der Agent händeringend entgegen und fiel dem Kaufmann weinend um den Hals. Die Gegenwart des jungen Insurgenten verhinderte ihn, seinen Gefühlen Worte zu geben; er öffnete den Ankommenden seine Zimmer und bat mit kläglicher Stimme um Entschuldigung wegen der übergroßen Unordnung. Koffer und Kisten waren gepackt, Frauen und Dienstboten liefen ängstlich ab und zu, versteckten hier silberne Leuchter und packten dort wieder silberne Löffel aus. Unterdeß rang der Hausherr unaufhörlich die Hände, ging in der Stube auf und ab, beklagte sein Unglück und das Unglück der Handlung, segnete und bedauerte die Ankunft des Chefs in einem Athemzuge und versicherte dazwischen dem jungen Krieger mit gepreßter Stimme, daß auch er ein Patriot sei, und daß nur ein unbegreifliches Versehen des Dienstmädchens die Cocarde von seiner Hausmütze abgetrennt habe. Es war ersichtlich, daß der Mann und seine ganze Familie den Kopf verloren hatten. Mit Mühe und nur durch ernste Worte brachte ihn der Kaufmann so weit, daß er ihm in einer Fensterecke über den Stand der Geschäfte Auskunft gab. Die Frachtwagen waren in der Stadt angekommen, gerade an dem Tage, an welchem der Tumult anfing. Durch die Vorsicht eines Fuhrmanns waren sie in dem großen Hofraum einer entlegenen Herberge untergebracht worden; was seit der Zeit aus dem Transport geworden war, wußte der Agent nicht.
Nach kurzer Unterredung sagte der Kaufmann: »Ihre Gastfreundschaft nehmen wir heut Nacht nicht in Anspruch, wir werden dort schlafen, wo unsere Wagen sind.« Alle Einwendungen des Agenten wurden mit Entschiedenheit zurückgewiesen. Der ehrliche, aber schwache Mann schien wahrhaft bekümmert über die neuen Gefahren, denen sich sein Geschäftsfreund aussetzen wollte.
»In der Frühe hole ich Sie ab,« sagte der Kaufmann beim Scheiden; »ich beabsichtige morgen mit meinen Wagen abzureisen, vorher werde ich bei unsern Kunden einige Besuche machen, die, wie Sie wissen, nothwendig sind, dabei wünsche ich Ihre Begleitung.« Der Agent versprach, bei Tageslicht alles Mögliche zu thun.
So traten die Reisenden wieder in die Nacht hinaus, geleitet von dem Polen, welcher mit Verachtung die halblaute Verhandlung angehört hatte. Auf der Straße sagte der Prinzipal, seine Cigarre unwillig wegwerfend, zu Anton:
»Unser Freund wird uns wenig nützen, er ist hülflos wie ein Kind. Er hat versäumt, im Anfange dieser wilden Tage seine Pflicht zu thun, Gelder einzuziehen und Deckung für unsere Forderungen zu suchen.«
»Und jetzt wird Niemand den Willen haben,« sagte Anton bekümmert, »uns weder Zahlung zu leisten, noch Deckung zu geben.«
»Und doch müssen wir das morgen durchsetzen, und Sie sollen mir dabei helfen. Bei Gott, solche kriegerische Krämpfe sind für den Verkehr ohnedies unbequem genug, sie lähmen jede nützliche Thätigkeit des Menschen, und doch ist's diese allein, welche ihn davor bewahrt, ein Thier zu werden. Wenn aber ein Geschäftsmann sich noch mehr stören läßt, als nöthig ist, so begeht er ein Unrecht gegen die Civilisation, ein Unrecht, das gar nicht wieder gut zu machen ist.«
So kamen sie in einen Stadttheil, in welchem leere Straßen und die Todtenstille um sie herum noch unheimlicher gegen den fernen Lärm und die Röthe am Himmel abstachen. Endlich machten sie Halt vor einem niedrigen Gebäude mit großem Thorwege. Sie traten ein und sahen in die Wirthsstube, einen schmutzigen Raum mit geschwärzten Deckbalken, in welchem sich auf Holzbänken und Tischen schreiende und Branntwein trinkende Patrioten drängten. Der junge Offizier trat auf die Schwelle und rief nach dem Wirth. Eine dicke Figur mit rothglühendem Gesicht tauchte aus dem Dampf eines Schenktisches hervor. »Im Namen der Regierung Zimmer für mich und meine Begleiter,« forderte der Andere. Widerwillig ergriff der Wirth ein verrostetes Schlüsselbund und ein Talglicht und führte die Fremden in den Oberstock, dort öffnete er ein dumpfiges Zimmer und erklärte mürrisch, er habe keine andere Gaststube.
»Schafft uns ein Abendbrod und eine Flasche von Eurem besten Wein,« sagte der Kaufmann, »wir bezahlen Euch gut und auf der Stelle.«
Solche Andeutung verbesserte die Stimmung des dicken Gastwirths sichtlich, er kam sogar auf den unglücklichen Einfall, höflich auszusehen. Jetzt frug der Kaufmann nach den Fuhrleuten und nach den Wagen. Diese Fragen kamen dem Wirthe quer. Zuerst versuchte er gar nichts zu wissen und behauptete, es seien viele Wagen in seinem Hofe aufgefahren, und es seien wohl auch Fuhrleute da, er kenne sie nicht.
Vergebens bemühte sich der Kaufmann, ihm den Zweck seiner Herkunft verständlich zu machen, der Wirth blieb verstockt und verfiel wieder in mürrische Grobheit, bis der junge Pole dazwischen trat und dem Kaufmann bemerkte, mit solchen Leuten müsse man anders reden. Er stellte sich vor den Wirth, bezeichnete ihn mit mehreren Hundenamen und versprach, ihn auf der Stelle arretiren und abführen zu lassen, wenn er nicht die genaueste Auskunft gebe.
Der Wirth sah scheu auf den Offizier und erbot sich endlich, fortzugehen und einen der Fuhrleute heraufzuschicken.
Kurz darauf polterte eine lange Gestalt mit braunem Filzhut die Treppe herauf, stutzte beim Anblick des Kaufmanns und erklärte endlich mit erzwungener Freundlichkeit, er sei da.
»Wo stehn die Wagen, wo sind die Frachtbriefe?«
Die Wagen waren im Hofe der Herberge aufgefahren, die Frachtbriefe kamen zögernd aus der schmutzigen Ledertasche des Fuhrmanns.
»Ihr steht mir dafür, daß Eure Ladung vollständig und unversehrt ist?« frug der Kaufmann.
Mißvergnügt antwortete der Filzhut, er könne dafür nicht stehen. Die Pferde des Transports seien ausgespannt und in einem versteckten Stall verborgen, damit sie nicht von der Regierung mit Beschlag belegt würden; was von den Wagen heruntergekommen sei, könne er nicht wissen und nicht vertreten, jede Verantwortlichkeit höre bei solcher Unordnung auf.
»Wir sind in einer Diebeshöhle,« sagte der Kaufmann zu seinem Begleiter; »ich bitte um Ihre Hülfe, die Leute zur Ordnung zu bringen.«
Andere Leute zur Ordnung zu bringen, war gerade, was der junge Pole für seine Stärke hielt, denn er nahm lächelnd eine Pistole in die Hand und sagte verbindlich zu Anton: »Thun Sie wie ich und haben Sie die Güte, mir zu folgen.« Darauf faßte er den Fuhrmann beim Kragen wie einen erschossenen Hasen und schleppte ihn die Treppe hinunter in den Hausflur. — »Wo ist der Wirth?« rief er mit möglichst furchtbarer Stimme. »Der Hund von Wirth und eine Laterne.« Als die Laterne endlich gebracht wurde, führte er den ganzen Zug, die Fremden, den gefangenen Fuhrmann, den dicken Wirth und was bei dem Lärm sonst zusammengelaufen war, in den Hof. Dort stellte er sich mit seinem Gefangenen als Mittelpunkt eines Kreises auf, widmete dem Wirth noch einige Hundesöhne, schlug seinen Fuhrmann mit dem Kolben der Pistole auf den Kopf und sagte dann dem Kaufmann artig in französischer Sprache: »Der Schädel dieses Burschen klingt merkwürdig hohl, was wünschen Sie zunächst von diesen Tröpfen?«
»Haben Sie die Güte, die Fuhrleute zusammenzurufen.«
»Gut,« sagte der Pole, »und dann?«
»Dann will ich die Ladung der Wagen untersuchen, wenn das in der Finsterniß möglich ist.«
»Möglich ist Alles,« sagte der Pole, »wenn Sie sich die Unbequemlichkeit machen wollen, bei Nacht diese alte Leinwand zu durchforschen. Ich würde Ihnen zu einer Flasche Sauterne rathen und zu einigen Stunden Ruhe. Man muß in solchen Zeiten die Gelegenheit nicht versäumen, sich zu stärken.«
»Ich würde es vorziehn, auf der Stelle die Wagen anzusehen,« antwortete der Kaufmann lächelnd, »wenn Sie nichts dagegen haben.«
»Ich bin im Dienst,« sagte der Pole, »also frisch an's Werk, es sind Hände genug hier, um Ihnen die Lichter zu halten. — Ihr gottverdammten Schurken,« fuhr er polnisch fort, wieder den Fuhrmann knuffend und den Wirth bedrohend, »ich führe Euch Alle zusammen ab und lasse Standrecht über Euch halten, wenn Ihr nicht auf der Stelle die übrigen Fuhrleute dieses Herrn vor meine Augen schafft. Wie viel sind ihrer?« frug er französisch den Kaufmann.
»Es sind vierzehn Wagen,« erwiederte dieser.
»Vierzehn müssen's sein,« donnerte der Pole wieder die Leute an, »der Teufel soll all Euren Großmüttern das Aergste thun, wenn Ihr Euch nicht auf der Stelle vor diesem Herrn aufstellt.« Mit Hülfe eines alten Hausknechts wurde endlich etwa ein Dutzend der Fuhrleute herbeigeschafft, zwei waren nicht aufzutreiben; der Wirth gestand endlich, sie hätten sich dem Heere der Patrioten angeschlossen.
Der Pole schien nicht viel Werth auf diesen Patriotismus zu legen. Er sprach zum Kaufmann gewandt: »Hier haben Sie die Leute, sehen Sie nach der Ladung; wenn auch nur ein Stück fehlt, lasse ich über die ganze Gesellschaft Standrecht halten.« Dabei setzte er sich nachlässig auf eine Wagendeichsel und drehte die Spitzen seiner beschmutzten Glanzstiefeln beim Licht der Laterne hin und her.
Eine Anzahl von Laternen, auch einige Fackeln wurden gebracht, und auf einige ermuthigende Worte des Kaufmanns stiegen die Fuhrleute in die Wagenburg, welche in dem großen Hofe aufgefahren war, rollten einige leere Wagen bei Seite und eröffneten den Zugang zu ihrer Ladung. Die meisten waren schon früher im Geschäft des Kaufmanns gewesen und kannten ihn und Anton persönlich, einige zeigten sich dienstfertig und gutwillig, und während der Kaufmann den verständigsten unter ihnen vornahm und ausfrug, untersuchte Anton, soweit es in der Eile möglich war, die Beschaffenheit der Ladung, welche zumeist aus Wolle und Talg bestand. Einige Wagen waren unbeschädigt, der eine war ganz abgeladen, mehrere andere ihrer Decken beraubt und theilweise geplündert. Der Kaufmann trat zu dem jungen Polen. »Es ist so, wie wir annahmen,« sagte er; »der Wirth hat einige von den Fuhrleuten überredet, da jetzt Revolution sei, hätten ihre Verpflichtungen aufgehört; sie haben angefangen, die Ladung in einem Nebengebäude abzuladen. Kamen wir einen Tag später, so war Alles ausgeräumt. Der Wirth und einige Spießgesellen waren die Anstifter, ein Theil der Fuhrleute ist durch Drohungen eingeschüchtert worden.«
Auf diesen Bericht folgte eine neue Auflage von Donnerwettern aus dem Munde der kleinen Autorität; der Wirth, von dessen Gesicht alle Röthe verschwunden war, lag vor dem Offizier auf den Knieen und wurde von diesem bei den Haaren festgehalten und in gefährlicher Weise zerzaust. Unterdeß warf sich Anton mit einigen Fuhrleuten gegen die verschlossene Remise, schlug das Thor auf und beleuchtete die Wollsäcke und die übrigen gestohlenen Güter.
»Lassen Sie die Leute aufladen, sie mögen zur Strafe die Nacht arbeiten,« sagte der Kaufmann. Nach einigem Widerspruch fügten sich die Fuhrleute, besiegt durch eine Mischung von Drohungen und Versprechungen. Der Pole trieb die betrunkenen Gäste der Wirthsstube aus dem Hause, ließ das äußere Thor schließen und alles Beleuchtungsmaterial des Hauses in den Hof schaffen. Darauf zog er den Hauswirth unter fortgesetztem freundschaftlichem Haarraufen nach dem obern Stock, ließ ihn dort durch einige hülfreiche Patrioten mit großen Cocarden, welche unter den Gästen der Wirthsstube gewesen waren, an einen Bettpfosten befestigen und kündigte ihm an, daß er diese Nacht auf kein anderes Verhältniß zu seiner Bettstelle Anspruch habe. »Im Fall die Waaren vollständig aufgefunden und aus deinem Hause geschafft werden, wirst du Verzeihung erhalten; im entgegengesetzten Falle werde ich Gericht über dich halten und dich erschießen lassen.«
Unterdeß klirrte und rasselte es im Hofraum, und Menschenstimmen schrieen eifrig durcheinander. Anton ließ die Wagen belasten und die Ladung fest machen. In dem Eifer der Arbeit sah er kaum um sich und dachte nur auf Augenblicke an die fremdartige Umgebung und das Abenteuerliche dieser Scene. Es war ein großer viereckiger Hofraum, von niedrigen verfallenen Holzgebäuden, Ställen und Wagenschuppen eingefaßt, mit zwei Einfahrten, durch die Herberge selbst und ein gegenüberliegendes Thor; ein Raum von mehreren Morgen Ausdehnung, wie sie häufig bei den Herbergen des östlichen Europas zu finden sind, welche an großen Verkehrstraßen liegen und wie die Caravansereien des Morgenlandes bestimmt sind, großen Waarentransporten und einer schnell zusammenströmenden Menge nothdürftigen Schutz zu geben. Alle Arten von Wagen waren in dem Hofe in großem Viereck zusammengefahren, es war ein Gewirr von Leitern, Deichseln, Rädern, von großen geflochtenen Weidenkörben und grauen Leinwanddecken, von Heu- und Strohbündeln, alten Pechbüchsen und tragbaren Futterkrippen. Außer Stalllaternen und lodernden Kienfackeln leuchtete der rothe Himmel, noch immer zogen die Brandwolken, geballter Rauch und glühende Funken über die Häupter der Reisenden. Das fremdartige Dämmerlicht beleuchtete hier wenigstens ein Werk des Friedens. Die Fuhrleute arbeiteten eifrig unter lautem Zuruf, ein Haufen dunkler Gestalten verschwand bald im Schatten der Frachtwagen und Ballen, bald sprang er auf die Höhe der Wagen, und die lebhaften Gesticulationen der Arbeitenden gaben ihnen in dem rothen Licht das Aussehen von Wilden, welche ein unbekanntes nächtliches Werk ausführen.
Der Kaufmann ging zwischen dem Hof und Gastzimmer ab und zu, vergebens bat ihn Anton, sich doch einige Stunden Ruhe zu gönnen. »Für uns ist heut keine Nacht zum Schlafen,« sagte er finster, und Anton sah in dem düstern Blick seines Prinzipals die Entschlossenheit eines Mannes, der bereit ist, Alles daran zu setzen, um seinen Willen durchzuführen.
Es war gegen Morgen, als der letzte riesige Wollsack mit Ketten und Stricken hoch oben auf dem Wagen befestigt war. Anton, der selbst Hand angelegt hatte, glitt herunter und meldete seinem Prinzipal: »Wir sind fertig.«
»Endlich,« antwortete der Kaufmann tief aufathmend und ging hinauf in das Zimmer, um dies seinem freundlichen Begleiter anzuzeigen. Dieser hatte die Nacht auf seine Weise zugebracht; zuerst ließ er sich das Abendbrod und den Wein, welchen entsetzte Dienstmädchen auf seine Forderung heraufschafften, sehr wohl schmecken und behielt noch Zeit, eine wie die andere vornehm um die Taille zu fassen und ihnen einige aufmunternde Worte zu gönnen. Dann betrachtete er die unsaubern Betten und streckte sich endlich mit einem französischen Fluch auf einem derselben aus, sah gleichgültig in das zusammengezogene Gesicht des tückischen Wirthes, der ihm gegenüber auf dem Boden saß, starrte die Zimmerdecke an und sagte dem Kaufmann, welcher einige Male in die Stube trat, schon in halbem Schlummer Artigkeiten über seine Fertigkeit, die Nächte ohne Schlaf hinzubringen. Endlich schlief er fest ein. Wenigstens fand ihn der Kaufmann am Morgen hingestreckt auf der groben Leinwand, das feine Gesicht von langem schwarzen Haar eingefaßt, die kleinen Hände verschlungen, ein freundliches Lächeln um seinen Mund. So war er mit seiner Umgebung kein unpassendes Bild der Aristokratie seines Stammes, er selbst ein vornehmes Kind mit den Leidenschaften und vielleicht mit den Sünden eines Mannes, und ihm gegenüber auf dem Fußboden die rohe Gestalt des gefesselten Plebejers, der sich den Anschein gab, ebenfalls zu schlafen, aber oft mit bösem Blick auf den Liegenden hinschielte.
Der Aristokrat sprang auf, als der Kaufmann an sein Bett trat, er öffnete das Fenster und sagte: »Guten Tag! es ist Morgen, ich habe excellent geschlafen.« Darauf rief er eine vorbeiziehende Patrouille an, erklärte dem Führer kurz das Sachverhältniß, übergab ihm die Reste des Abendessens und den Wirth und befahl ihm ohne Weiteres, mit seinen Leuten im Hause Wache zu halten, bis er selbst zurückkehre. Dann trug er den Fuhrleuten auf, die Pferde anzuschirren, und führte die Reisenden in das Dämmerlicht eines unheimlichen Tages.
Auf dem Wege zum Agenten sagte der Kaufmann zu Anton: »Wir theilen uns in die nöthigsten Besuche; sagen Sie unsern Kunden, daß wir durchaus nicht beabsichtigten, sie zu drücken, daß sie bei Wiederherstellung einiger Ordnung auf die größte Nachsicht und Schonung rechnen können, ja unter Umständen auf eine Erweiterung ihres Credits, jetzt aber und vor Allem verlangen wir Sicherheiten. Wir werden in diesem Wirrwarr nicht viel abmachen, aber daß die Herren heut durch uns selbst an unsere Firma erinnert werden, das ist die Hälfte unserer Außenstände werth.« Leiser fügte er hinzu: »Diese Stadt ist ihrem Schicksal verfallen, wir werden in der nächsten Zukunft hier wenig Geschäfte machen, denken Sie daran und seien Sie fest.« Und zum Polen gewendet sagte er: »Ich bitte Sie, meinem Gefährten zu erlauben, daß er in Begleitung des Agenten einige Geschäftswege gehe.«
»Wenn Ihr Agent mir mit seiner Person für die Rückkehr dieses Herrn haften will,« erwiederte der Pole zögernd, »so mag es geschehen.«
Das Tageslicht hatte seine schöne Eigenschaft, den Blumen Farbe und den Furchtsamen Muth zu geben, auch an dem Agenten bewährt. Er erklärte sich bereit, mit Anton auszugehen. Unter dem Schutz der großen Cocarde, welche der Agent am Hute trug, eilte Anton von Haus zu Haus, er selbst bleich nach der ruhelosen Nacht, aber mit entschlossenem Herzen. Ueberall wurde er mit Staunen empfangen, welches nicht immer frei von Bestürzung war: Wie man in solcher Zeit daran denken könne, Geschäfte abzuwickeln, zwischen Waffenlärm und Sturmgeläut und in der Todesangst um eine furchtbare Zukunft?
Anton erwiederte kaltblütig: »Unsere Handlung ist nicht gesonnen, sich um den Kriegslärm zu kümmern, wo sie nicht dazu gezwungen wird; jede Zeit ist gut genug, um Verpflichtungen zu erfüllen; wenn für uns die Zeit war, hierher zu kommen, so ist auch für Sie Zeit, mit mir zu verhandeln.« Durch solche und ähnliche Vorstellungen gelang es ihm doch, hier und da ein bestimmtes Versprechen, Anerbietungen, ja sogar einige Deckung zu erlangen.
Nach einigen Stunden angestrengter Arbeit traf Anton in der Wohnung des Agenten wieder mit seinem Prinzipal zusammen. Als er Bericht abgestattet hatte, sagte der Kaufmann, ihm die Hand reichend: »Wenn wir noch unsere Wagen glücklich aus der Stadt bringen, haben wir so viel durchgesetzt, daß wir die unvermeidlichen Verluste an diesem Ort wohl ertragen können. Jetzt auf die Commandantur!« — Er gab dem Agenten noch Instruction und sagte ihm beim Abschied leise: »In wenig Tagen werden unsere Truppen einrücken, ich nehme an, daß Sie bis dahin Ihr Haus nicht verlassen. Dann sehen wir uns wieder.«
Der Agent rief mit aufgehobenen Händen den Schutz aller Himmlischen auf die Reisenden herab, verschloß und verriegelte hinter ihnen die Hausthüre und versteckte seine revolutionäre Cocarde in dem Ofen.
Die Reisenden eilten unter Führung des Polen mit schnellen Schritten durch das Gewühl. Wieder hatten sich die Straßen gefüllt, wieder zogen Schaaren Bewaffneter an ihnen vorüber, der Pöbel war wilder und aufgeregter, und das Geschrei war noch größer, als am Abend zuvor. Es wurde an die Häuser gedonnert und Einlaß verlangt, Branntweinfässer wurden auf die Pflastersteine gerollt und von dichten Haufen trunkener Männer und Weiber umdrängt, Alles kündigte an, daß die befehlende Macht nicht stark genug war, die Straßendisciplin aufrecht zu erhalten. Auch im Hause des Commandirenden war ein unruhiges Treiben, Bewaffnete eilten zu und ab, und die Botschaft, welche sie brachten, mußte ungünstig sein, denn in dem großen Vorzimmer wurde mit halblauter Stimme viel geflüstert, und unruhige Erwartung lag auf allen Gesichtern.
Der junge Pole wurde bei seinem Eintritt von seinen Freunden umdrängt und in eine Ecke gezogen. Nach hastigen Fragen faßte er ein Gewehr, rief Einige beim Namen und verließ das Zimmer, ohne sich weiter um die Reisenden zu kümmern.
Der Kaufmann und Anton wurden in das Nebenzimmer gewiesen. Dort empfing sie der junge Befehlshaber. Auch er war bleich und niedergeschlagen, aber hatte doch die Haltung eines vornehmen Mannes, als er den Kaufmann anredete: »Ich habe Ihren Wunsch bevorwortet, hier ist ein Passirschein für Sie und Ihre Wagen; ich bitte Sie, daraus zu entnehmen, daß wir die Bürger Ihres Staates rücksichtsvoll zu behandeln wünschen, mehr vielleicht, als die Pflicht der Selbsterhaltung rathsam macht.«
Der Kaufmann empfing das verhängnißvolle Papier mit glänzenden Augen: »Sie haben mir eine ungewöhnliche Rücksicht bewiesen,« sagte er, »ich fühle mich Ihnen tief verpflichtet und wünsche, daß es mir einst vergönnt sein möge, meine Dankbarkeit Ihnen zu beweisen.«
»Wer weiß,« antwortete der junge Befehlshaber mit trübem Lächeln, »wer Alles auf das Spiel setzt, kann auch Alles verlieren.«
»Vieles,« sagte der Kaufmann mit einer höflichen Neigung seines Hauptes, »aber nicht Alles, wenn man sich ehrlich Mühe giebt.«
In diesem Augenblick drang ein dumpfer Ton in das Ohr der Sprechenden, ein Geräusch, wie der Zug des heulenden Windes oder das Brausen der hereinstürzenden Fluth. Der Commandirende stand unbeweglich und horchte. Plötzlich erklang ganz in der Nähe ein mißtönender Schrei aus vielen Kehlen, einzelne Schüsse folgten. Anton, durch Nachtwachen und lange Spannung empfänglich gemacht für einen Schauer, schrak zusammen, er sah, daß die Hand seines Prinzipals, welche den Passirschein festhielt, heftig zitterte. Da wurde die Thür des Kabinets aufgerissen, einige stattliche Männer stürzten herein, mit zerrissenen Kleidern, die Waffen in der Hand, in den verstörten Gesichtern die Spuren des Straßenkampfes, an ihrer Spitze der Führer der Reisenden.
»Empörung!« rief der junge Pole seinem Befehlshaber zu, »sie suchen dich! — Rette dich! — Ich halte sie auf.«
Schnell wie der Gedanke sprang Anton zu seinem Prinzipal, er riß diesen mit sich fort, und beide flogen durch das Vorzimmer die Treppe hinab in den Hausflur. Hier stießen sie auf einen Haufen Bewaffneter, welche sich noch einmal gegen eine andrängende Volksmasse am Eingang des Hauses zu setzen suchten. Aber so schnell auch die Reisenden waren, schneller noch glitt ihr Gefährte der letzten Nacht die Treppe hinunter, flog an die Spitze seiner Freunde und warf sich unter lautem Zuruf mit ihnen einem hereinbrechenden Pöbelhaufen entgegen. Wild flogen die schwarzen Haare um sein entblößtes Haupt, und in seinem schönen, jetzt so farblosen Angesicht glänzten die Augen von der unwiderstehlichen Energie eines tapfern Mannes. »Zurück!« rief er mit heller Stimme dem wüsten Volke zu und sprang wie ein Panther von den Stufen des Portals weit hinein in den Haufen, mit flachen Schlägen seiner Klinge auf die Köpfe der Andrängenden hauend. Die Volksmasse wich zurück, die Gefährten des Tapfern stellten sich kampfbereit hinter ihm auf. Wieder ergriff Anton den Arm seines Prinzipals und zog ihn aus dem Hause mit der Hast, welche dem Menschen nur dann wird, wenn er widerstandslos einem mächtigen Triebe folgt. Schon waren sie hinter einem Vorsprung des Hauses, da fiel ein Schuß, und mit Entsetzen sahen sie noch, daß der junge Pole blutend auf den Rücken fiel, sie hörten seinen letzten Schrei: »Die Canaille!«
»Zu den Wagen!« rief der Kaufmann und warf sich in eine enge Quergasse. Aus der Ferne klangen noch einzelne Schüsse und das Geschrei der Uneinigen; die Reisenden durchbrachen das Gedränge neugieriger und erschreckter Einwohner, welche ihren Lauf durch entlegene Straßen hinderten, und kamen athemlos, das Schlimmste befürchtend, vor der Herberge an.
Auch hier war die Empörung ausgebrochen. Die zurückgelassene Wache hatte den Wirth losgebunden und sich schleunig entfernt, als die Nachricht von dem Tumult zu ihren Ohren gedrungen war. Jetzt füllte den Hof Zank und vielstimmiges Geschrei. Der Wirth, unterstützt von einem Haufen Straßengesindel, verhandelte heftig mit den Fuhrleuten. Ein Theil der Wagen war angespannt und zur Abfahrt bereit, von andern war die Decke wieder heruntergerissen, ein Trupp der Fuhrleute, offenbar die Minderzahl, stand davor und widersetzte sich dem andringenden Wirth und seiner Bande. Es war eine verzweifelte Lage. Der Kaufmann riß sich von Anton los, welcher ihn zurückhalten wollte, stürzte mitten in den Haufen der Streitenden und rief, den Passirschein hoch hebend, in polnischer Sprache: »Haltet ein! Hier ist der Befehl des Commandanten, daß unsere Wagen die Stadt verlassen sollen. Wer sich widersetzt, wird bestraft werden. Wir stehen unter dem Schutz der Regierung.«
»Welcher Regierung? du Schelm von einem Deutschen!« schrie der Wirth mit kirschrothem Gesicht; »die alte Regierung gilt nicht mehr, die Verräther haben ihren Lohn erhalten, und Ihr Spione sollt gleichfalls hängen!« So drang er auf den Kaufmann ein und hieb mit einem alten Säbel nach dem Haupt des Wehrlosen.
Unserm Anton grauste; aber wie der Mensch in den schrecklichsten Momenten von abenteuerlichen Ideenverbindungen befallen wird, welche wie Sternschnuppen durch die Finsterniß eines empörten Gemüthes schießen, so erhielt auch ihm der breite Rücken des Wirthes auf einmal eine auffallende Aehnlichkeit mit dem Rücken eines dicken Schulkameraden aus Ostrau, eines gutmüthigen Bäckersohnes, an dem er in vielen Balgereien den Knabenkunstgriff geübt hatte, seinen Gegner durch einen gewissen Ruck und Druck von hinten platt auf die Erde zu legen. Er sprang blitzschnell hinter den Wirth, faßte ihn mit der Stärke eines Riesen am Genick, gab ihm den Ruck mit aller Kunst und schrie dabei unwillkürlich: »Du Hanswurst.« — Der niedersausende Säbel verlor seine gefährliche Richtung, er traf den Arm des Kaufmanns, zerschnitt den Rock und drang in das Fleisch ein, das Blut färbte augenblicklich die weiße Leinwand, welche durch den Schnitt bloßgelegt wurde. Als der Dicke, wie ein Käfer zappelnd, auf dem Rücken lag, hielt ihm Anton wieder die treue Pistole vor und schrie in seiner verzweifelten Begeisterung: »Zurück, Ihr Schufte, oder ich schieße ihn todt!«
Diese schnelle Diversion bewirkte für den Augenblick mehr, als nach Lage der Dinge zu hoffen stand: das Gesindel, welches der Wirth aus seiner Schenkstube zusammengeholt hatte und welches zunächst in fremdem Interesse handelte, wich zurück, und ein halbes Dutzend Fuhrleute drängte sich mit Radstangen und andern Angriffswerkzeugen um den Kaufmann und schrie jetzt eben so laut, wie früher die Andern, daß dem fremden Herrn und den Wagen kein Leid geschehen solle. Der Kaufmann rief: »Jagt das fremde Volk hinaus!« faßte selbst den Säbel, welcher dem liegenden Wirth entfallen war, stürmte an der Spitze der Getreuen auf die Helfer des Wirths ein und trieb diese durch den gepflasterten Hausflur. Die Hartnäckigsten machten noch einen vergeblichen Versuch, sich in der Schenkstube festzuhalten, aber einer nach dem andern ward aus dem Hause geworfen, daß sie brüllend und fluchend davonliefen. Darauf wurde die Hausthür geschlossen, und der Kaufmann eilte nach dem Hof zurück, wo Anton noch immer vor dem unverbesserlichen Wirth kniete und diesen am Aufstehen hinderte. Die übrigen Fuhrleute hatten sich scheu zurückgezogen, der Kaufmann rief jetzt alle heran und befahl: »Spannt an!« — Zu Anton sagte er: »Dies Haus müssen wir sogleich verlassen. Besser auf dem Straßenpflaster, als in dieser Höhle.« —
»Sie bluten,« rief Anton, bestürzt zu dem Arm des Kaufmanns aufblickend.
»Es muß unbedeutend sein, ich kann den Arm bewegen,« antwortete der Kaufmann schnell. »Oeffnet das Hinterthor, hinaus mit den Wagen! Vorwärts, Ihr Männer! — Einer der Fuhrleute wird Ihnen helfen, den Wirth festzuhalten.«
»Und wo sollen wir hin?« frug Anton in englischer Sprache. »Sollen wir mit den Wagen hinein in das Blutvergießen der Straße?«
»Wir haben einen Passirschein und werden die Stadt verlassen,« erwiederte der Kaufmann hartnäckig.
»Man wird den Paß nicht respectiren,« rief Anton wieder und hielt dem ungeduldigen Wirth seine Pistole an die Stirn.
»Im schlimmsten Falle giebt es mehrere Herbergen in diesem Theile der Stadt, jede andere wird eine bessere Zuflucht sein.«
»Aber die Fuhrleute sind nicht vollzählig und haben zum Theil bösen Willen.«
»Den bösen Willen Einzelner bezwinge ich,« antwortete der Kaufmann finster; »die Gespanne sind vollzählig, es fehlen nur die Knechte. Wer Pferde besaß, blieb bei seiner Pflicht. — Das Thor ist geöffnet, hinaus mit den Wagen!«
Das hintere Thor führte auf einen offenen Platz, der mit Schutt und Bausteinen bedeckt und von einzelnen ärmlichen Häusern umgeben war. Der Kaufmann eilte an das Thor und trieb zur Abfahrt. Ein stämmiger Bursche kam von seinen Pferden zur Unterstützung Antons herbei. Es waren angstvolle Momente. In der Nähe des Hauses rangen Anton und sein Gehülfe mit dem liegenden Mann, und an der Thür heulten die häßliche Frau des Liegenden und die beiden Dienstmädchen. Als der erste Wagen durch das Hofthor hinausfuhr, wurde das Geschrei der Weiber lauter, die Wirthin rief Mord und Hülfe und die Mädchen ächzten um so herzhafter, je eifriger der junge Fuhrmann ihnen versicherte, dem Herrn Wirth solle kein Leid geschehen, wenn er nur ruhig liegen bleibe; und ihre Zeche würden sie auch bezahlen.
Da donnerten Kolbenschläge an das verschlossene Hausthor, die Weiber stürzten hin und öffneten; und so groß war die hoffnungslose Spannung der letzten Augenblicke gewesen, daß Anton mit einer gewissen Befriedigung ein starkes Commando Bewaffneter in den Hof dringen sah. Er erhob sich vom Boden und ließ den Wirth los. Der Kaufmann aber ging langsam, mit wankendem Schritt als ein gebrochener Mann den Feinden entgegen, welche im entscheidenden Augenblick seinen Willen hinderten.
Der Anführer des Trupps, einer von den Wächtern, welche der junge Pole am Morgen in die Herberge gerufen hatte, sagte zum Kaufmann: »Sie sind Gefangener der Regierung, Sie und Ihre Waaren dürfen die Stadt nicht verlassen.«
»Ich habe einen Passirschein,« antwortete der Kaufmann mit heiserer Stimme und griff nach der Brusttasche.
»Das neue Commando verbietet Ihnen die Abreise,« wiederholte der Bewaffnete kurz.
»Ich muß mich unterwerfen,« sprach der Kaufmann, er setzte sich mechanisch auf eine Deichsel und faßte mit beiden Händen nach dem Wagenkorbe.
Anton hielt den halb Bewußtlosen in seinen Armen und rief in der tiefsten Empörung: »Wir sind in dieser Herberge zwei Mal beraubt worden, wir waren in Gefahr, getödtet zu werden, mein Begleiter ist verwundet, wenn Ihre Regierung uns und die Wagen zurückhalten will, so schützen Sie wenigstens unser Leben und diese Güter, welche uns gehören. In dieser Herberge können die Wagen nicht bleiben, und wenn Sie uns von den Wagen trennen und fortführen, so wird Plünderung und Zerstörung derselben noch schwerer zu verhüten sein.«
Die Bewaffneten traten zusammen und hielten Rath; der Anführer rief endlich auch Anton. Nach langem Verhandeln wurde bestimmt, die Wagen in eine nahe gelegene Herberge von ähnlicher Beschaffenheit, aber etwas besserem Charakter zu geleiten. Anton erhielt die Erlaubniß, mit dem Kaufmann unter Bewachung in demselben Gasthofe zu bleiben, bis Weiteres über sie beschlossen würde. Der Kaufmann hatte unterdeß an die Leinwand des Wagens gelehnt theilnahmlos dagesessen. Anton theilte ihm schnell das Resultat der Unterhandlungen mit.
»Wir müssen es ertragen,« sprach der Prinzipal langsam und versuchte mit Mühe sich zu erheben. »Fordern Sie unsere Rechnung von dem Wirth.«
»Der Wirth wird seine Bezahlung durch uns erhalten,« sagte der Führer des Trupps und stieß den Besitzer des Hofes unsanft zur Seite. »Denken Sie jetzt an sich selbst,« fügte er theilnehmend hinzu und faßte den Arm des Verwundeten, um ihn zu stützen.
»Bezahlen Sie für uns und für die Pferde,« wiederholte der Kaufmann zu Anton gewandt, »wir dürfen hier nichts schuldig bleiben.«
Anton zog seine Brieftasche hervor, rief die Fuhrleute zusammen, übergab vor ihren Augen dem Wirth ein Cassenbillet und sagte ihm: »So zahle ich Euch, bis Eure Forderung festgestellt ist, vorläufig diese Summe. Ihr Männer seid Zeugen.« Die Fuhrleute nickten respectvoll und eilten zu ihren Wagen.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Voran ein Theil der Escorte, dann die Frachtwagen, welche langsam und unbehülflich über die Steine der Ausfahrt rasselten, einige ohne Fuhrmann, nur durch die eingeübten Pferde in der Reihe gehalten. Der Kaufmann stand am Thor, auf Anton gelehnt, und zählte leise wie im Traume, so oft ein Wagen durch das Thor fuhr; da der letzte hinausrollte, sagte er: »Abgemacht!« und ließ sich von Anton und dem Polen hinter den Wagen her führen.
In der nächsten Querstraße fuhr der Zug in den weiten Hofraum einer Herberge ein. Als nach langem Aufenthalt der letzte Wagen abgespannt war, und die Wache das Thor von innen verriegelt hatte, sank der Kaufmann ohnmächtig zusammen und wurde in das Haus getragen.
In einem kleinen Zimmer wurde der Verwundete niedergelegt; die Polen stellten eine Wache vor das Zimmer der Reisenden, eine andere in den Hof; Anton blieb mit dem Ohnmächtigen allein. Angstvoll kniete er an dem Lager des Kaufmanns nieder, öffnete ihm die Kleider und benetzte das Gesicht mit kaltem Wasser. Nach einer Weile kehrte Leben in das Angesicht des Prinzipals zurück, er öffnete die Augen, blickte dankend auf Anton und wies auf das Fenster.
Anton sah hinaus und sagte freudig: »Es führt auf den Hof, ich kann die Wagen zählen und übersehen. Hier glaube ich, sind wir in erträglicher Sicherheit; freilich sind wir Gefangene! Vor Allem aber erlauben Sie mir, nach Ihrer Wunde zu sehen, Ihre Kleider sind mit vielem Blut befleckt!«
»Die Schwäche kommt von der Anstrengung mehr, als vom Blutverlust,« antwortete der Kaufmann sich aufrichtend.
Anton öffnete die Thür und bat um einen Wundarzt. Der Wächter war bereit, einen solchen zu holen, und ließ nach Verlauf einer langen ängstlichen Stunde ein schäbiges Subject herein, welches eilig ein Barbiermesser und ein schmutziges Taschentuch hervorholte, das Messer an seinem Aermel strich und das Taschentuch in eine bedenkliche Nähe von Antons Kinn zu bringen wagte. Mit Mühe wurde ihm begreiflich gemacht, weshalb er gerufen sei. Anton schnitt den Rockärmel und das Hemde auf und untersuchte selbst die verwundete Stelle. Es war ein Schnitt in den Oberarm, er schien nicht gerade tief, doch war der Arm steif, und der Kaufmann fühlte heftige Schmerzen. Der Barbier versuchte einen Verband anzulegen und entfernte sich mit dem Versprechen, in den nächsten Tagen wiederzukommen. Der Kaufmann sank erschöpft durch die Schmerzen des Verbandes auf das Lager zurück, und Anton saß den Rest des Tages neben ihm, machte dem Arm Umschläge von kaltem Wasser und beobachtete den fieberhaften Schlummer des Kranken.
Bald versank er selbst in einen Zustand von Halbschlaf, eine dumpfe Abspannung, welche ihn gleichgültig gegen Alles machte, was außerhalb des Zimmers vorging. So kam der Abend und die Nacht, Anton tauchte jede Minute die Fingerspitzen in kaltes Wasser und schlich zuweilen vom Lager des Verwundeten nach dem Fenster, um nach den Wagen zu sehen, oder nach der Thür, um einige halblaute Worte mit der Wache zu wechseln, welche eine gutmüthige Theilnahme bewies. Unterdeß wüthete in der Stadt das Feuer und vor den Thoren donnerte das Geschütz angreifender Truppen. Anton sah gleichgültig auf die glühende Lohe, welche vom Winde getrieben wieder über die unglückliche Stadt flog, er hörte mit einer schwachen Verwunderung, daß der Donner des Geschützes immer stärker rollte und endlich in ein betäubendes Krachen überging, und wenn er Wehgeschrei oder Gebrüll auf der Straße hörte, klang es ihm so unbedeutend, wie das Läuten eines Frühglöckchens, das er von seiner Stube im Hause des Prinzipals hören konnte, und Niemanden aus der Morgenruh aufzustören vermochte, als höchstens einige fromme Mütterchen. Mechanisch griff er die ganze Nacht hindurch mit den Händen in das kalte Wasser und an den Arm des Liegenden und fuhr auf, so oft dieser stöhnte und sich bewegte. Als aber gegen Morgen der Kranke in einen ruhigeren Schlummer sank, vergaß auch Anton seine Arbeit, der Kopf fiel ihm schwer auf die Hände, welche er über den Tisch ausgebreitet hatte; er sah und hörte nichts mehr; er war unter dem Angstgeschrei und Kanonendonner, welche die Eroberung einer hartnäckig vertheidigten Stadt anzeigten, unter allen Gräueln eines blutigen Kampfes fest eingeschlafen, wie ein müder Knabe über seinen Schularbeiten.
Als er nach einigen Stunden erwachte, war der Morgen längst angebrochen, der Kaufmann lachte ihn von seinem Lager freundlich an und reichte ihm die gesunde Hand. Anton drückte sie erfreut und eilte wieder nach dem Fenster, »Alles in Ordnung!« Darauf öffnete er die Thür, die Wache war verschwunden. Und auf der Straße klang Trommelwirbel und der regelmäßige Tritt einziehender Regimenter.
III.
»Wir gaben Sie bereits verloren,« rief der eintretende Rittmeister dem Kaufmann zu. »Es ist hier arg gewirthschaftet worden, und meine Erkundigung nach Ihnen war ohne Erfolg; ein Glück war es, daß Ihr Brief mich in dem Gewirr auffand.«
»Wir haben unsern Willen durchgesetzt,« sagte der Kaufmann, »wie Sie sehen, nicht ohne Hindernisse —« er zeigte lächelnd auf seinen verbundenen Arm.
»Vor Allem lassen Sie mich wissen, welche Abenteuer Sie erlebt haben,« sagte der Rittmeister, sich zu dem Verwundeten setzend; »Sie haben mehr Spuren des Kampfes aufzuweisen als wir.« Der Kaufmann erzählte. Er verweilte mit Wärme bei Antons Heldenthat, dem er seine Rettung zuschrieb, und schloß mit den Worten: »Meine Wunde verhindert mich nicht, zu reisen, und meine Rückkehr ist dringend nothwendig. Die Wagen will ich bis zur Grenze mit mir nehmen.«
»Morgen früh geht ein Zug unsers Trains nach der Grenze zurück, diesem können Sie Ihre Wagen anschließen. Uebrigens ist die große Straße jetzt sicher. Von morgen wird auch der Postenlauf wieder beginnen.«
»Unterdeß erbitte ich Ihre Vermittelung, ich will noch heut durch Estaffette Briefe nach Haus senden.«
»Ich will sorgen,« versprach der Rittmeister, »daß Ihre Rückkehr morgen keine Verzögerung erleidet.«
Als der Offizier das Zimmer verlassen hatte, sagte der Kaufmann zu Anton: »Ihnen, lieber Wohlfart, muß ich jetzt eine Ueberraschung bereiten, die Ihnen, wie ich fürchte, wenig willkommen sein wird. Ich wünsche Sie an meiner Stelle hier zu lassen.« Erstaunt trat Anton an das Lager des Prinzipals. »Auf unsern Agenten ist in dieser Zeit nicht zu bauen,« fuhr der Kaufmann fort; »ich habe in diesen Tagen mit Freuden erkannt, wie sehr ich mich auf Sie verlassen kann. Was Sie noch nebenbei gethan haben zur Rettung meiner Stirnhaut, das bleibt Ihnen unvergessen, so lange ich lebe. — Und jetzt setzen Sie sich mit Ihrer Schreibtafel zu mir, wir überlegen noch einmal, was wir zu thun haben.«
Am nächsten Morgen hielt ein Postwagen vor der Herberge, der Kaufmann wurde von Anton hineingehoben und ließ an der Seite der Straße halten, bis die Frachtwagen einer nach dem andern zum Thore hinausgefahren waren. Dann drückte er noch einmal Antons Hand und sagte: »Ihr Aufenthalt wird Wochen, ja er kann Monate dauern. Ihre Arbeit wird sehr unangenehm und zuweilen ohne Resultate sein. Und ich wiederhole Ihnen, seien Sie nicht zu ängstlich, ich vertraue auf Ihr Urtheil, wie auf mein eigenes. Fürchten Sie nicht, uns einen Verlust zu bereiten, wenn Sie unsichere Schuldner zur Zahlung bringen können. Dieser Ort ist verwüstet und fortan für uns verloren. Leben Sie wohl, auf ein gutes Wiedersehn zu Hause.«