Erstes Buch. (continued 2)
Reading edition
Eben war Herr Braun eingetreten, der Agent eines befreundeten Hauses in Hamburg, und hatte aus seiner Tasche eine Anzahl Kaffeproben hervorgeholt. Während diese vom Prinzipal besichtigt wurden, gesticulirte der kleine behende Agent mit seinem goldenen Stockknopf in der Nähe von Antons Augen umher und berichtete von einem Seesturme und dem Schaden, den er angerichtet haben sollte. Da knarrte die Thür, und eine ärmlich gekleidete Frau trat herein. Herr Specht erhob sich und frug: »Was wollen Sie?« Man hörte klägliche Töne, welche mit dem Gepiep eines kranken Huhns Aehnlichkeit hatten, der Kaufmann griff schnell in die Tasche und das Piepen verwandelte sich in ein behagliches Glucksen. »Haushohe Wellen,« ruft der Agent. — »Gott vergelt es tausendmal,« gluckst die Frau. — »Macht 550 Mark zehn Schilling,« sagt Herr Baumann zum Prinzipal.
Jetzt wird die Thür heftig aufgerissen, ein starker Mann, mit einem Geldsacke unterm Arm, tritt ein, er setzt den Geldsack triumphirend auf den Marmortisch und ruft mit dem Ausdruck eines Mannes, der eine gute That vollbringt: »Hier bin ich, und hier ist Geld!« Sogleich erhebt sich Herr Jordan und sagt vertraulich: »Guten Morgen, Herr Stephan, wie geht's in Wolfsburg?« — »Ein furchtbares Loch,« klagt Herr Braun. — »Wo?« frägt Fink. — »Es ist keine schlechte Stadt, aber wenig Nahrung,« sagt Herr Stephan. — »Natürlich im Rumpfe des Schiffes,« antwortet Herr Braun. — »Fünfundsiebzig Sack Cuba,« bemerkt der Prinzipal als Antwort auf die Frage eines Commis.
Während nun Herr Stephan die Neuigkeiten seiner Stadt erzählt, darunter die traurige Geschichte eines Lehrjungen, der sich mit Hülfe einer Schlüsselbüchse erschossen hat, und während Jordan diese nothwendige Einleitung zu dem bevorstehenden Einkauf geduldig durchmacht, öffnet sich wieder die Thür, ein Bedienter tritt ein und ein Jude aus Brody. Der Diener bringt dem Kaufmann die Einladung zu einem Diner, und der Jude schleicht an die Ecke, wo Fink sitzt.
»Wozu kommt Ihr wieder, Schmeie Tinkeles?« frägt Fink kalt, »ich habe Euch schon gesagt, daß wir kein Geschäft mit Euch machen wollen.«
»Kein Geschäft?« ruft der unglückliche Tinkeles krächzend in abscheulichem Deutsch, so daß Anton ihn nur mit Mühe versteht. »Solche Wolle, wie ich bringe, ist noch nicht gewesen im Lande.«
»Wie hoch der Centner?« frägt Fink schreibend, ohne den Juden anzusehen.
»Was ich doch habe gesagt,« antwortete der Jude.
»Ihr seid ein Narr,« sagt Fink, »fort mit Euch!«
»Kein Lootse kann ihm helfen,« sagt Herr Braun.
»Meine Empfehlung an Herrn Commerzienrath,« sagt der Kaufmann.
»Mit einem Schwefelhölzchen hat er den Schlüssel angezündet,« ruft Herr Stephan zum Himmel blickend.
»Wai!« schreit der Mann im Kaftan, »was ist das: Fort mit Euch? Mit Fort kann man machen keine Geschäfte.«
»Was wollt Ihr also haben für Eure Wolle?«
»412/3,« sagt Tinkeles.
»Hinaus!« bemerkt Fink.
»Sagen Sie doch nicht immer hinaus!« bittet der Jude in Verzweiflung, »sagen Sie, was wollen Sie geben?«
»Wenn Ihr so unverschämt fordert, gar nichts,« sagt Fink, eine neue Seite seines Briefes beginnend.
»Sagen Sie doch nur, was wollen Sie geben?« bittet der Jude wieder.
»Nur wenn Ihr wie ein anständiger Mann redet,« antwortet Fink, den Juden ansehend.
»Ich bin anständig,« sagt der Jude leise, »was wollen Sie geben?«
»39,« sagt Fink.
Jetzt geräth Schmeie Tinkeles außer sich, schüttelt seine schwarzen Locken und verschwört sich bei seiner Seele Seligkeit mit lautem Geschrei, er könne nicht unter 41; worauf Fink ihm bedeutet, er werde ihn von einem Hausknecht hinausführen lassen, wenn er solchen Lärm mache. Darauf geht der Jude entrüstet vor die Thüre, steckt den Kopf wieder herein und ruft: »Also was wollen Sie geben?«
»39,« sagt Fink und sieht der aufgeregten Mimik des Händlers ungefähr mit demselben Interesse zu, mit dem ein Physiker die galvanischen Zuckungen eines Frosches betrachtet. Die Zahl 39 bewirkt in der Seele des Juden eine neue Explosion, er tritt wieder vor, verschwört seine Seele in den tiefsten Abgrund der Hölle und erklärt sich selbst für das nichtswürdigste Scheusal der Welt, wenn er für weniger als 41 ablassen könne. Als er sich auf wiederholte Ermahnungen Finks, ruhig zu werden, dazu nicht entschließen kann, wird der Hausknecht gerufen. Das Erscheinen desselben wirkt so weit beruhigend, daß Herr Tinkeles erklärt, er könne allein gehen und werde allein gehen, worauf er still steht und 40½ sagt. Der Agent, der Provinziale und das Comtoir sind still und hören der Verhandlung neugierig zu, während Fink dem armen Schmeie mit einer gewissen Herzlichkeit den Vorschlag macht, er solle sich ohne Weiteres entfernen, er sei völlig Narr und mit ihm kein Geschäft zu machen. Darauf wendet sich der Jude trotzig ab und geht hinaus. Und wieder fährt Herr Braun fort: »Dieser Sturm war ein seltenes Unglück, der Kaffe muß steigen;« und Herr Stephan beweist, daß die Selbstmorde und andere Unthaten seit Erfindung der Schwefelhölzer zugenommen haben; und Fink sagt zum Prinzipal, der einen unterdeß erhaltenen Brief durchliest: »Er wird's lassen, wenn ich ihm noch einen halben Thaler zulege. Wollen Sie mit 39½ abmachen?«
»Wie viel?« fragt der Kaufmann.
»120 Centner,« sagt Fink.
»Nehmen Sie,« sagt der Kaufmann und liest weiter.
Von Neuem wird die Thür aufgerissen, das Geschwirr geht fort, und Anton müht sich vergebens, zu verstehen, wie man die Wolle kaufen könne, nachdem der Verkäufer in so entschiedener Weise gegangen ist. Da öffnet sich, grade als wieder drei bis vier Stimmen durcheinander sprechen, ganz leise die Thür, Tinkeles schleicht auf den Zehen herein bis hinter Finks Platz und sagt, diesem die Hand auf die Schulter legend, wehmüthig und vertraulich: »Was wollen Sie noch geben?«
Fink wendet sich um und sagt ebenfalls mit vertraulichem Lächeln: »Weil Ihr es seid, Tinkeles, 391/3, aber nur unter der Bedingung, daß Ihr kein Wort weiter sprecht, sonst nehm' ich das Gebot zurück.«
»Ich spreche nichts,« antwortet der Jude, »sagen Sie 40.«
Fink macht eine Bewegung der Entrüstung und weist schweigend nach der Thür. Der Händler geht und dreht an der Thür um.
»Jetzt kommt's,« sagt Fink. Darauf kehrt der Händler zurück und spricht mit mehr Haltung: »39½, wenn Sie es dafür wollen nehmen.«
Nach einigem Zögern bemerkt Fink wie gelegentlich: »Es mag sein.« Worauf Schmeie Tinkeles ganz umgewandelt ist, sich als liebenswürdigen Freund der Handlung erweist und angelegentlich nach dem Befinden des Prinzipals erkundigt.
Und wieder knarrte nach diesem Intermezzo die Thür, neue Käufer und Verkäufer kamen, die Menschen sprachen und Federn knisterten, das Gold rollte unaufhörlich.
Auch der Haushalt, dem Anton jetzt angehörte, erschien ihm sehr fremdartig und mächtig.
Das Haus selbst war ein altes unregelmäßiges Gebäude mit Seitenflügeln, kleinen Höfen und Hinterhäusern, voll von Mauern und kleinen Treppen, von geheimnißvollen Durchgängen, wo kein Mensch welche vermuthete, von Corridoren, Nischen, tiefen Wandschränken und Glasverschlägen. Es war ein durchaus künstlicher Bau, an dem Jahrhunderte gearbeitet hatten, um ihn für späte Enkel so schwierig und unverständlich als irgend möglich zu machen. Und doch sah er im Ganzen betrachtet behaglich aus und umfaßte mit seinen Mauern eine große Welt voll Menschen und Interessen. Der ganze Raum unter dem Gebäude und unter seinen Höfen war zu Kellern gewölbt und bis an die Gewölbgurte mit Waaren gefüllt; das ganze Parterre gehörte der Handlung und enthielt außer den Comtoirzimmern fast nichts als Waarenräume. Darüber lagen im Vorderhause die Säle und Zimmer, in denen der Kaufherr selbst wohnte. Herr Schröter war nur kurze Zeit verheirathet gewesen, in einem Jahr hatte er Frau und Kind verloren, seit dem Tode seiner Eltern war eine Schwester Alles, was er von Familie besaß.
Streng hielt der Kaufmann auf den alten Brauch seiner Handlung. Alle Herren des Comtoirs, welche nicht verheirathet waren, wohnten in seinem Hause, gehörten seinem Haushalt an und aßen alle Mittage Punkt ein Uhr an dem Tische des Prinzipals. Am Morgen nach Antons Eintritt hatte Herr Schröter nur wenige Worte mit ihm gewechselt und ihn darauf Herrn Jordan und dem Provinzialgeschäft übergeben. Jetzt, einige Minuten vor der Mittagsstunde, war Anton in die Zimmer des ersten Stocks bestellt, um der Dame des Hauses vorgestellt zu werden. Erwartungsvoll stieg er die Teppichstufen der breiten Treppe hinauf, der Bediente öffnete und führte ihn durch eine Reihe von Gemächern in das Empfangzimmer. Anton sah auf seinem Wege mit Erstaunen den ruhigen und soliden Glanz der Einrichtung, die großen Wandspiegel, schwere Stoffe, Gemälde, Blumentische, zahlreiche Vasen und Fruchtschaalen von Stein und gemaltem Porcellan. Der Diener schlug eine Portiere zurück, und Anton machte auf dem glatten Parquetboden eine tiefe Verbeugung, als der Prinzipal ihn einer jungen Dame vorstellte und dazusetzte: »Meine Schwester Sabine.«
Fräulein Sabine zeigte über dem eleganten Sommerkleide ein feines bleiches Gesicht, von rabenschwarzem Haar eingefaßt. Sie war nicht älter als Anton, aber sie hatte die Würde und Haltung einer Hausfrau. Sie nöthigte Platz zu nehmen und frug ihn theilnehmend, wie er sich eingerichtet habe und ob er noch irgend etwas vermisse.
»Meine Schwester regiert uns Alle,« sagte der Kaufmann mit einem freundlichen Blick auf die Dame, »machen Sie hier Ihre Bekenntnisse, wenn Sie irgend einen wirthschaftlichen Wunsch haben; sie ist die gute Fee, welche den Haushalt in Ordnung hält.«
Anton sah zu der Fee auf und antwortete schüchtern: »Ich habe bis jetzt Alles weit glänzender gefunden, als ich von Hause aus gewöhnt bin.«
»Ihr Leben wird Ihnen bei alle dem mit der Zeit einförmig erscheinen,« fuhr der Kaufmann fort, »es ist eine strenge Regelmäßigkeit in unserm Hause, Sie haben viele Arbeit und wenig Zerstreuung zu erwarten; meine Zeit ist sehr in Anspruch genommen, auch nach dem Schluß des Comtoirs. Wenn Sie aber in irgend einer Angelegenheit Rath oder Hülfe wünschen, so bitte ich, sich vor Allem an mich zu wenden.«
Nach dieser kurzen Audienz erhob er sich und führte Anton nach dem Speisezimmer. Auf dem Wege setzte er ihm die Stellung eines Lehrlings im Geschäft auseinander. Anton fand seine Collegen bereits aufgestellt und in bescheidener Toilette das Mahl erwartend; Sabine trat ein und mit ihr eine ältliche Dame, eine entfernte Verwandte der Familie, welche dem Fräulein in der Wirthschaft half und sehr gutmüthig aussah. Die Herren vom Comtoir machten den Damen ihre Verbeugung und Anton erhielt seinen Platz am Ende einer langen Tafel, zwischen den jüngsten seiner Collegen. Ihm gerade gegenüber saß Sabine, neben dieser ihr Bruder, auf der andern Seite die Verwandte, neben dieser Herr von Fink und dahinter alles Uebrige genau nach Rang und Alter im Geschäft. Es war im Ganzen ein stilles Diner, welches eingenommen wurde, Antons Nachbarn sprachen nur wenig und mit gedämpfter Stimme, das Gespräch wurde fast ausschließlich von dem Prinzipal geleitet. Nur der Jokei von gestern benahm sich mit größter Unbefangenheit, erzählte kleine lächerliche Geschichten, wußte andere Leute vortrefflich in Stimme und Haltung nachzuahmen und bewies seiner Nachbarin, der gutmüthigen Tante, eine fast übertriebene Aufmerksamkeit. Kurz Anton, dessen Herz bereits voller Pietät und Ehrfurcht war, sah mit einer Art von frommem Entsetzen, daß Fink den ganzen Tisch so behandelte, als wäre die Tafel nur seinetwegen gedeckt und als hätte der Kaufherr nur deßhalb ein Geschäft, damit Fink, sein Volontair, leichtsinnige Scherze machen und alle Anwesenden dreist anreden könnte. Dabei glaubte er wahrzunehmen, daß der Kaufherr selbst den jungen Herrn mit Kälte behandelte, und ferner, daß Fink sich sehr wenig um dies zurückhaltende Wesen des Kaufherrn kümmerte. Der Diener im schwarzen Frack servirte mit größter Accuratesse, und als sich die Herren vom Geschäft mit einer Verbeugung erhoben und ihre Stühle wegrückten, nahm Anton aus dem Speisesaal die Ueberzeugung mit hinaus, daß er noch nie so vornehm und feierlich sein Mittagsbrod verzehrt habe.
»Mit Allen werde ich zurechtkommen, nur mit diesem Herrn Fink nicht,« sagte sich Anton den Tag über, »er ist zu dreist und zu stolz. Auch sitzen blieb er, als Alle von unserem Geschäft aufstanden. Er paßt nicht hieher,« entschied der neue Ankömmling mit einer Weisheit, in welcher mehr Instinct als Erfahrung war. Seit der Zeit sah Anton mit einiger Scheu auf Herrn von Fink, er mußte aber oft nach ihm hinsehen und sich viel um ihn kümmern, denn das Wesen des Gentlemans imponirte ihm doch sehr; der edel geformte Kopf, ein schmales Gesicht mit feinen Zügen, die sichere Haltung und die kurze Entschlossenheit in Bewegungen und Worten. Anton getraute sich kaum ihn anzureden, und Fink gab ihm keine Veranlassung dazu, denn er schien von der Anwesenheit des neuen Lehrlings nichts mehr zu wissen. Nur einmal, als Anton zufällig vor Fink die Treppe des Hinterhauses hinauf ging, redete ihn dieser an: »Nun Master Wohlfart, wie gefällt es Ihnen in diesem Hause?«
Anton blieb stehen und sagte, wie sich für einen guten Jungen schickt: »Ausgezeichnet! ich sehe und höre so viel Neues, daß ich noch gar nicht zu mir selbst kommen kann.«
»Sie werden das Alles gewohnt werden,« lachte Fink, »wie an einem Tage geht es das ganze Jahr ohne Veränderung fort. Am Sonntage ein Gericht mehr und ein Glas Wein vor jedem Couvert, und Sie werden gut thun, dazu Ihren Leibrock anzuziehen. Sie sind jetzt als Rad eingefügt in die Maschine, und es wird von Ihnen erwartet, daß Sie das ganze Jahr regelmäßig abschnurren.«
»Ich weiß, daß ich fleißig arbeiten muß, um das Vertrauen Herrn Schröter's zu erwerben,« antwortete der kleine Philister gereizt durch die rebellische Gesinnung des Volontairs.
»Eine tugendhafte Bemerkung,« spottete dieser; »in wenigen Wochen werden Sie sehen, mein armer Junge, welch' ein himmelweiter Unterschied ist zwischen dem Herrn des Geschäfts und den Leuten, welche seine Briefe schreiben und seine Kunden abfertigen. Kein Fürst auf Erden lebt so stolz und einfach unter seinen Vasallen, als dieser Kaffebeherrscher in seinem Reiche. Lassen Sie sich übrigens durch meine Rede nicht stören,« fügte er mit etwas mehr Gutmüthigkeit zu, »das ganze Haus wird Ihnen sagen, daß ich unzurechnungsfähig bin. Da Sie mir aber aussehen, wie ein hoffnungsvoller Comtorist, so will ich Ihnen noch einen ehrlichen Rath geben. Kaufen Sie sich einen englischen Sprachlehrer und machen Sie, daß Sie fortkommen, bevor Sie hier einrosten. Alles, was Sie hier lernen, wird Sie noch nicht zu einem tüchtigen Mann machen, wenn Sie anders das Zeug haben, überhaupt einer zu werden. Guten Abend!« Mit diesen Worten drehte Fink unserm Anton den Rücken und ließ diesen, wieder ärgerlich über den hohen Ton, den der Jokei angenommen hatte, zurück.
Wohl empfand unser Held nach einiger Zeit mitten in dem Rauschen des Geschäftslebens die ewige Gleichförmigkeit der Stunden und Tage; wohl ermüdete ihn das zuweilen, aber es machte ihn nicht unglücklich; denn durch seine Eltern war er an Ordnung und regelmäßigen Fleiß gewöhnt, und diese beiden Tugenden halfen ihm über manche langweilige Stunde hinweg.
Herr Jordan gab sich redlich Mühe, den Lehrling in die Geheimnisse der Waarenkunde einzuweihen, und die Stunde, in welcher Anton zuerst in das Magazin des Hauses trat und hundert verschiedene Stoffe und merkwürdige Bildungen persönlich mit allen Kunstausdrücken kennen lernte, wurde für seinen empfänglichen Sinn die Quelle einer eigenthümlichen Poesie, die wenigstens eben so viel werth war, als manche andere poetische Empfindung, welche auf dem märchenhaften Reiz beruht, den das Seltsame und Fremde in der Seele des Menschen hervorbringt.
Es war ein großes dämmriges Gewölbe im Parterre des Hauses, durch Fenster mit Eisenstäben nothdürftig erhellt, in welchem die Waarenproben und kleinen Vorräthe für den täglichen Verkehr lagen. Tonnen, Kisten und Ballen standen auch hier massenhaft durcheinander, und nur schmale gewundene Pfade führten dazwischen durch. Fast alle Länder der Erde, alle Racen des Menschengeschlechts hatten gearbeitet und eingesammelt, um Nützliches und Werthvolles vor den Augen unsers Helden zusammenzuthürmen. Der schwimmende Palast der ostindischen Compagnie, die fliegende amerikanische Brigg, die alterthümliche Arche der Niederländer hatten die Erde umkreist, starkrippige Wallfischfänger hatten ihre Nasen an den Eisbergen des Süd- und Nordpols gerieben, schwarze Dampfschiffe, bunte chinesische Dschonken, leichte malaische Kähne mit einem Bambus als Mast, alle hatten ihre Flügel gerührt und mit Sturm und Wellen gekämpft, um dies Gewölbe zu füllen. Diese Bastmatten hatte eine Hindufrau geflochten, jene Kiste war von einem fleißigen Chinesen mit roth und schwarzen Hieroglyphen bemalt worden, dort das Rohrgeflecht hatte ein Neger aus Congo im Dienst des virginischen Pflanzers über den Ballen geschnürt; dieser Stamm Farbeholz war an dem Sande herabgerollt, den die Wellen des mexikanischen Meerbusens angeworfen haben, jener viereckige Block von Zebra- oder Jacarandaholz hatte in dem sumpfigen Urwald Brasiliens gestanden, und Affen und bunte Papageien waren über seine Blätter gehüpft. In Säcken und Tonnen lag die grünliche Frucht des Kaffebaumes fast aus allen Theilen der Erde, in rohen Bastkörben breiteten sich die gerollten Blätter der Tabakpflanze, das bräunliche Mark der Palme und die gelblichen Krystalle aus dem süßen Rohr der Plantagen. Hundert verschiedene Pflanzen hatten ihr Holz, ihre Rinde, ihre Knospen, ihre Früchte, das Mark und den Saft ihrer Stämme an dieser Stelle vereinigt. Auch abenteuerliche Gestalten ragten wie Ungethüme aus dem Chaos hervor, dort hinter dem offenen Faß gefüllt mit oranger Masse — es ist Palmöl von der Ostküste Afrikas — ruht ein unförmiges Thier — es ist Talg aus Polen, der in die Haut einer ganzen Kuh eingelassen ist, — daneben liegen, zusammengedrückt in riesigem Ballen, gepreßt mit Stricken und eisernen Bändern, fünfhundert Stockfische, und in der Ecke gegenüber erheben sich über einem Haufen Elephantenzähne die Barden eines riesigen Wals.
Anton stand noch stundenlang, nachdem die Erklärungen seines Lehrmeisters aufgehört hatten, neugierig und verwundert in der alten Halle, und die Gurte der Wölbung und die Pfeiler an der Wand verwandelten sich ihm in großblättrige Palmen, und das Summen und Geräusch auf der Straße erschien ihm wie das entfernte Rauschen der See, die er nur aus seinen Träumen kannte, und er hörte die Wogen des Meeres in gleichmäßigem Tact an die Küste schlagen, auf welcher er so sicher stand.
Diese Freude an der fremden Welt, in welche er so gefahrlos eingekehrt war, verließ ihn seit dem Tage nicht mehr. Wenn er sich Mühe gab, die Eigenthümlichkeiten der vielen Waaren zu verstehen, so versuchte er auch durch Lectüre deutliche Bilder von der Landschaft zu bekommen, aus welcher sie herkamen, und von den Menschen, die sie gesammelt hatten.
So vergingen schnell die ersten Monate seines Lebens in der Hauptstadt, und es war gut für ihn, daß er auch in seinen Freistunden diese lebhafte Unterhaltung mit der ganzen Welt zu führen hatte, denn in Einem hatte Fink Recht gehabt: Anton blieb trotz dem täglichen Mittagstisch in dem parketirten Speisezimmer doch dem Chef des Hauses und der Familie sehr fremd und fühlte bald, daß eine Schranke gezogen sei zwischen den Herren vom Comtoir und den Personen des Hauses, die, so unbemerkbar sie für Fremde sein mochte, doch eisenfest stand. Er war so verständig, daß ihm nicht einfiel, darüber zu murren, aber er wurde doch manchmal dadurch gedrückt, denn mit dem Enthusiasmus der Jugend war er schnell bereit, seinen Prinzipal als das Ideal eines Kaufmanns zu verehren. Die Klugheit, Sicherheit und energische Kürze des Mannes und seine stolze Redlichkeit begeisterten ihn; er hätte sich gar zu gern mit schwärmerischer Innigkeit an ihn geschlossen, aber er sah außer den Geschäftsstunden wenig von ihm. Wenn der Kaufmann am Abend nicht in Conferenzen oder im Club war, so lebte er nur für seine Schwester, an der er mit einer rührenden Zärtlichkeit hing. Für seine Schwester hielt der Kaufmann Wagen und Pferde, die er selbst selten benutzte, ihr zu Liebe besuchte er auch Abendgesellschaften und gab selbst welche, zu denen Anton und seine Collegen nicht zugezogen wurden. Dann rollten die Equipagen vor das Haus, galonnirte Bediente flogen Trepp auf Trepp ab, und bunte Schatten schwebten an den erleuchteten Fenstern des Vorderhauses vorüber, während Anton in seiner Dachstube saß und mit Sehnsucht auf das glänzende Leben des Haushaltes sah, zu dem er doch auch gehörte: mit heißer Sehnsucht, denn unser Held war kaum neunzehn Jahr alt und kannte die geschmückte Geselligkeit eleganter Kreise nur aus den trügerischen Schilderungen der Bücher, welche er gelesen hatte. Dann sagte ihm zwar immer sein Verstand, daß er nicht in das Vorderhaus gehöre, und was daraus werden solle, wenn er mit seinem Dutzend Collegen, die so verschieden an Bildung waren, bei solchen Gesellschaften sich ausbreiten wolle. Aber was der Verstand, dieser alte Herr, sagt, wird von der jungen Dame Begehrlichkeit nicht immer ehrerbietig angehört, und Anton schlich manchmal mit einem leisen Seufzer vom Fenster zu seiner Lampe und den Büchern zurück und bemühte sich, die lockende Musik der Quadrille zu vergessen, indem er auf das Geschrei des Löwen und das Gurgeln des Brüllfrosches in irgend einem tropischen Land lauschte.
VI.
Der Freiherr von Rothsattel hatte sein Quartier in der Hauptstadt selbst eingerichtet. Es war nur von mäßiger Größe, aber die Form der Möbeln, die Arabesken der einfachen Wandmalerei, die Zeichnung auf Vorhängen und Teppichen waren so geschmackvoll zusammengepaßt, daß das Ganze in der guten Gesellschaft als ein Muster von Eleganz und Wohnlichkeit gerühmt wurde. Recht in der Stille hatte er das Alles vorbereitet. Endlich hielt der neugekaufte Wagen vor der Wohnung, der Freiherr hob seine Gemahlin heraus und führte sie durch die Reihe der Zimmer bis zu ihrem kleinen Boudoir, das ganz mit weißer Gaze decorirt war, die Decke eine Sonne von weißen Falten, und an allen Wänden weiß gefältelte Sterne. Da flog ihm die Baronin entzückt über so viel Aufmerksamkeit in die Arme, und der gute Herr fühlte sich zufrieden und stolz wie ein König. Schnell war die Familie eingelebt, die Ackerpferde führten vom Gut die unvermeidlichen Kisten, Truhen und Vorräthe von Lebensmitteln herbei, und nachdem einige Tage hindurch Strohhalme von Treppen, Fußböden und Teppichen abgefegt worden waren, konnte man daran denken, sich außerhalb des Hauses umzusehen und die nöthigen Besuche zu machen.
Ein großer Theil des Landadels pflegte die Wintermonate in der Hauptstadt zuzubringen, und die Rothsattel trafen mehrere Gutsnachbarn, viele Bekannte und Verwandte. Ueberall war man erfreut, die angesehene Familie in der Stadt zu begrüßen, und nach wenigen Wochen fanden sie sich mitten in einem großen Kreise zu fröhlicher Geselligkeit eingelebt. Der niedere Adel mit all seinen Titeln, welche ihm von den deutschen Regenten freigebig ertheilt worden sind, bildete eine stattliche, ziemlich abgeschlossene Corporation, und wenn in dem Völkchen auch nicht gerade ein Ueberfluß von geistreicher Bildung vorhanden war, so war doch das gesellige Behagen, mit dem sie untereinander verkehrten, vielleicht um so größer. Die Baronin wurde durch ihre sichere Liebenswürdigkeit eine Hauptgröße der Frauenwelt; auch ihr Gemahl, der in den ersten Wochen manchmal die Wanderungen durch den Wirthschaftshof und die Spazierritte in seinen Wald vermißt hatte, befand sich bald unter seinen Jugendfreunden nicht weniger wohl. Er wurde Mitglied einer adeligen Ressource, suchte seine alte Virtuosität auf dem Billard hervor, spielte mit Anstand Whist und L'hombre und trieb in müßigen Stunden etwas Politik und ein wenig Kunst. So verlebte die Familie eine behagliche und interessante Wintersaison, und der Freiherr und seine Gemahlin äußerten einander ihre Verwunderung, warum sie ihrem Leben nicht schon in frühern Jahren diese bescheidene und anständige Abwechslung gegönnt hätten.
Nur Lenore war mit dem Umzug nicht ganz zufrieden. Sie fuhr fort, die Befürchtung ihrer Mutter zu rechtfertigen, daß sie ein Original werden könnte. Es wurde ihr schwer, den zahlreichen ältlichen Tanten der Familie eine anmuthige Ehrerbietung zu bezeigen, und noch schwerer wurde ihr, lustige Herren aus der Nachbarschaft, gute Freunde ihres Vaters, die sie vom Gut her kannte, hier in der Stadt nicht zuerst anzureden, wenn sie ihnen auf der Straße begegnete. Auch das Behältniß war ihr peinlich, in dem sie die Bildung aus dem Mädcheninstitut nach Hause tragen mußte. Es war ein Zwitter von Tasche und Mappe, voll von langweiligen Heften und Lehrbüchern. Da die Mutter nicht gern sah, wenn der Bediente ihr die Schulbücher nachtrug, so schlenkerte sie das Ding verächtlich am Arm, so oft sie auf der Straße ging, blieb dabei von Zeit zu Zeit stehen und sah wie eine Juno mit dreistem Blick auf die Gruppen der Marktleute, auf Eckensteher, die sich prügelten, und auf andere Menschenknäuel, welche sich in den Straßen einer großen Stadt zusammenballen. Einst, als sie so auf der Straße stand, die Mappe als Zeichen ihrer Sklaverei am Arme und einen kleinen Regenschirm in der Hand, siehe, da kam ihr auf dem Trottoir der junge Herr entgegen, den sie im Garten umhergeführt und über den Teich gefahren hatte. Sie freute sich darüber; er war ihr eine freundliche Erinnerung an das Gut, an ihren Pony und an das Volk der Schwäne. Noch war er eine Strecke entfernt, als ihre Falkenaugen ihn beobachteten. Er kam näher und sah sie nicht. Da ihr die Mutter verboten hatte, irgend einen Herrn auf der Straße anzusprechen, so blieb sie in seinem Wege stehen und stampfte ihren Schirm befehlend vor ihm auf die Steine. Anton, der im Geschäftstrott war, blickte auf und sah mit der höchsten Freude, daß das schöne Fräulein vom See vor ihm stand. Er zog erröthend seinen Hut, und das Fräulein erkannte aus seinem strahlenden Gesicht mit Befriedigung, daß trotz der Büchertasche ihre Erscheinung noch eben so gewaltig auf ihn wirkte, als früher.
»Wie geht es Ihnen, mein Herr?« frug sie würdevoll, das Köpfchen zurückwerfend.
»Sehr gut,« sagte Anton; »wie bin ich glücklich, Sie hier in der Stadt zu sehen.«
»Wir wohnen jetzt hier,« sprach das Fräulein weniger vornehm, »für den Winter Bärenstraße Nr. 20.«
»Darf ich fragen, wie sich der Pony befindet?« sagte Anton ehrfurchtsvoll.
»Denken Sie, er hat zu Hause bleiben müssen,« klagte die Dame; »und was treiben Sie hier?«
»Ich bin in der Handlung von T. O. Schröter,« antwortete Anton mit einer Verbeugung.
»Also Kaufmann?« sagte das Fräulein, »und womit handeln Sie?«
»Colonialwaaren und Producte; es ist das größte Geschäft in dieser Branche hier am Platz,« antwortete Anton mit Selbstgefühl.
»Und haben Sie gute Menschen gefunden, die auch für Sie sorgen?«
»Mein Prinzipal ist sehr gütig gegen mich,« antwortete Anton, »in Kleinigkeiten muß ich für mich selbst sorgen.«
»Haben Sie auch Freunde hier, mit denen Sie sich amüsiren?« setzte das Fräulein ihr Examen fort.
»Einige Bekannte. Ich habe aber viel zu thun, und in den Freistunden muß ich für mich lernen.«
»Sie sehen auch etwas bleich aus,« sagte das Fräulein, ihn mit mütterlichem Wohlwollen betrachtend. »Sie müssen sich mehr Bewegung machen und fleißig spazieren gehen. — Es ist mir angenehm gewesen, Sie hier zu treffen; ich werde mich freuen, wenn ich höre, daß es Ihnen wohlgeht,« fügte sie, wieder in Majestät übergehend, hinzu. Sie sah ihn noch einen Augenblick an, grüßte mit dem Kopf und verschwand in dem Menschenstrom, während Anton ihr mit abgezogenem Hut nachsah.
Lenore fand nicht für nöthig, über das zufällige Zusammentreffen viele Worte zu verlieren. Nur als einige Tage darauf die Baronin ihren Gemahl frug: »Aus welcher Handlung wollen wir die Waaren nehmen, die der Haushalt braucht?« da sah Lenore von ihrem Buche auf und sagte: »Die größte Handlung hier am Platz ist von T. O. Schröter, Colonialwaaren und Producte.«
»Woher weißt du das?« frug der Vater lachend, »du sprichst ja wie ein gelernter Kaufmann.«
»Das kommt Alles von diesem Mädcheninstitut,« antwortete Lenore trotzig.
Ueber den geselligen Freuden vergaß der Freiherr nicht den Hauptzweck seines Aufenthaltes in der Stadt. Er zog sorgfältige Erkundigungen ein über die technischen Gewerbe, welche andere Gutsbesitzer eingerichtet hatten, er besuchte die Fabriken der Stadt, und bemühte sich, gebildete Techniker kennen zu lernen. Er bekam eine Masse von Nachrichten und erwarb einige Kenntnisse in Maschinen und Fabrikanlagen. Aber die Nachrichten, welche er erhielt, waren so widersprechend, und die Anschauungen, welche er selbst gewann, so unvollständig, daß er zuletzt für das Beste hielt, nichts zu übereilen, und abzuwarten, bis sich ein geschäftliches Unternehmen von besonderer und möglichst sicherer Rentabilität fände.
Es darf nicht verschwiegen werden, daß zu dieser Zeit auch der Familienschatz durch ein schönes mit vergoldetem Messing beschlagenes Kästchen vermehrt wurde. Es war von geflasertem Holz mit Arabesken von mattem Metall und mit einem sehr künstlichen Schloß, welches für einen Spitzbuben gar nicht zu öffnen war und den Dieb in die Nothwendigkeit versetzte, das ganze Kästchen zu stehlen. In diesem Behältniß lagen fünfundvierzigtausend Thaler in neuen weißen Pfandbriefen der Landschaft. Der Freiherr betrachtete die Pfandbriefe mit vieler Zärtlichkeit. Er saß in den ersten Tagen stundenlang vor dem geöffneten Kästchen und wurde nicht müde, die Pergamentblätter nach den Nummern zu ordnen, sich über den reinlichen weißen Glanz derselben zu freuen und die Tilgungspläne für das Capital zu entwerfen. Auch als er das Kästchen der Sicherheit wegen wieder in's Depositum der Landschaft gegeben hatte, war der Gedanke daran eine von den kleinen Freuden, welche der ritterliche Freiherr im Stillen hatte. Ja, der Geist dieses Kästchens spukte in seinem Haushalt fort. Die Baronin war verwundert, wenn ihr Gemahl zuweilen anfing, da zu sparen, wo er es sonst nicht gethan hatte; wenn er einige Male von Logenbilleten abrieth, weil man gute Wirthschaft treiben müsse, oder wenn er ihr mit einer gewissen Freude erzählte, daß er am vergangenen Abend zehn Louisd'or im Spiel gewonnen habe. Die verständige Dame wurde ernstlich besorgt, ob ihr Gemahl nicht durch einen Unfall in Geldverlegenheit gekommen sei; indeß beruhigten sie seine Versicherungen vom Gegentheil und ein zufriedenes Lächeln, welches in solchen Stunden über seinem Gesicht schwebte, sehr bald wieder. In der That waren die kleinen Anfälle von Sparsamkeit nicht consequent und nichts Anderes, als eine unschuldige Laune, denn in allen größeren Dingen hielt der Freiherr in gewohnter Weise auf anständige Repräsentation, und sein Auftreten war durchaus seiner Familie und seinem Wohlstande entsprechend.
Auch war es in der That nicht möglich, gerade jetzt zurückzulegen. Das Leben in der Stadt, die Einrichtung der Wohnung und die unvermeidlichen geselligen Ansprüche verringerten natürlich die Ausgaben nicht.
So kam es, daß der Freiherr, als er zur Abnahme der Winterrechnungen auf sein Gut gereist war, sehr verstimmt nach der Stadt zurückkehrte. Er hatte große Rechnung gemacht, er hatte gesehen, daß die Ausgaben des letzten Jahres größer gewesen waren, als die Einnahmen, daß der Revenüenanschlag des nächsten Jahres keine Deckung des Deficits versprach, daß fast zweitausend Thaler fehlten, welche geschafft werden mußten. Der Gedanke griff ihm an das Herz, daß er dies Geld von den weißen Pergamenten nehmen sollte, und dem Manne, welcher mit dem größten Anstand einen feindlichen Kugelregen ausgehalten hätte, wurde siedend heiß, wenn er dachte, daß er in diesem Falle einige Tausend Thaler wirklicher Schulden auf seinem Gute haben würde. Er war verständig genug, einzusehen, daß in seiner Speculation ein Fehler gewesen war. Wenn man ein Vermögen durch jährliche kleine Ersparnisse erwerben will, muß man seine Ausgaben einschränken; er aber hatte seine Ausgaben bedeutend vermehrt. Ohne Zweifel war diese Vermehrung sehr nothwendig gewesen, aber es war ein unglücklicher Zufall, daß das so zusammentraf. Seit seinen Lieutnanttagen hatte der gute Herr keine so peinliche Unruhe empfunden. Aus der Stadt zurück konnte er nicht, dafür gab es tausend Gründe; er hatte die Wohnung auf eine Reihe von Jahren gemiethet, was würden die Bekannten zu einer plötzlichen Abreise gesagt haben, wie hätte er seiner geliebten Frau und Lenoren das Opfer zumuthen können? So verschloß er den Aerger in sich. Er entschuldigte gegenüber den besorgten Fragen der Baronin seine Verstimmung durch eine Erkältung auf der Reise, aber tagelang nagte der Gedanke an ihm, daß er einen Verlust erlitten habe, daß er zurückgekommen sei; und je sanguinischer er vorher gewesen war, desto niedergeschlagener wurde er jetzt. Ja es geschah, daß er auf einem Spaziergange durch die Stadt bei einem Lotterieeinnehmer eintrat und ein Lotterielos kaufte, damit ein gütiges Geschick das gut machen möge, was schadhaft war. Zuweilen, besonders am Abend, wenn er aus heiterer Gesellschaft kam, lächelte er selbst über diese Verstimmung und schalt sie thöricht. Das ganze Unglück war so unbedeutend, es war ja keine Lebensfrage; in wenigen Jahren konnten seine Angelegenheiten wieder auf's Beste arrangirt sein. Nur an den nüchternen Morgen kam ihm der langweilige Gedanke wieder, und er konnte ihn nicht los werden.
An einem solchen Morgen wurde Herr Ehrenthal gemeldet, der ihm eine Summe für gekauftes Getreide zu zahlen hatte. Den Freiherrn überkam ein peinliches Gefühl, als der Bediente den Namen Ehrenthal aussprach; der Mann hatte ihm den Rath gegeben, Pfandbriefe aufzunehmen. Freilich sagte er sich im nächsten Augenblick, daß derselbe Mann ihm nicht den Rath gegeben hatte, nach der Stadt zu ziehen; aber er grollte ihm doch, und sein Gruß mochte wohl kälter klingen als gewöhnlich. Herr Ehrenthal war ein zu guter Geschäftsmann, um auf die Launen seiner Kunden viel zu geben. Er zählte sein Geld auf und war dabei freigebig mit den Versicherungen seiner Ergebenheit. Der Freiherr blieb unzugänglich, bis Ehrenthal im Abgehen frug: »Und sie sind gekommen, die Pfandbriefe, gnädiger Herr Baron?«
»Ja,« sagte der Herr mürrisch.
»Es ist jammerschade,« rief Ehrenthal, »daß fünfundvierzigtausend Thaler liegen sollen so todt, als ob sie nicht vorhanden wären in der Welt. Dem Herrn Baron ist's gleich, ob er einmal gewinnt ein Paar tausend Thaler oder nicht, aber unser Einem ist es nicht gleich. Ich kann in diesem Augenblick machen ein solides Geschäft und ein sicheres, und mein Geld ist versteckt, ich muß mir entgehen lassen einen baaren Gewinn von viertausend Thalern.«
Der Freiherr hörte aufmerksam zu, der Händler fuhr mit größerm Muthe fort: »Herr Baron, Sie kennen mich seit Jahren als einen ehrlichen Mann, Sie wissen auch, daß ich nicht ohne Mittel bin; ich will Ihnen einen Vorschlag thun: Leihen Sie mir zehntausend Thaler Pfandbriefe auf drei Monat; ich gebe Ihnen für das Capital einen Wechsel auf mich selbst, welcher ist wie baar Geld. Es sind zu gewinnen viertausend Thaler bei dem Geschäft; was gewonnen wird, das theile ich mit dem Herrn Baron statt der Zinsen zu gleichen Theilen. Sie sollen kein Risico haben, und wir machen das Geschäft zusammen. Wenn verloren wird, trage ich's allein und zahle in drei Monaten dem gnädigen Herrn die zehntausend Thaler zurück.«
Diese Worte des Händlers, so wenig aufregend sie wahrscheinlich in das Ohr des Lesers dringen, klangen dem Freiherrn wie ein Alarmsignal beim unbehaglichen Bivouac. Eine heftige Spannung, eine wilde Freude arbeitete in ihm. Kaum hatte er Ruhe genug, zu sagen: »Vor Allem muß ich wissen, von welcher Art das Geschäft ist, das Sie mit meinem Gelde machen wollen.«
Der Geldmann setzte das auseinander. Es war ihm der Antrag gemacht, eine große Quantität Holz zu kaufen. Das Holz lag auf einem Flößplatz im obern Theile der Provinz. Der Händler holte die Berechnung der Holzmasse, der Transportkosten bis zur Hauptstadt und des Werthes, den das Holz in der Hauptstadt haben würde, aus seiner Tasche und bewies dem Freiherrn, daß dabei in sechs bis acht Wochen ein sicherer Gewinn von bedeutender Größe zu machen sei.
Der Freiherr sah mit Aufmerksamkeit die Menge der Zahlen durch; wenn die Berechnung richtig war, so war der Gewinn sonnenklar; er that aber doch die bedächtige Frage: »Wie kommt es, daß der Eigenthümer des Holzes das Geschäft nicht selbst macht, und daß er sich einen so sichern Gewinn entgehen läßt?«
Der Händler zuckte die Achseln. »Wer ein Geschäft macht, kann nicht immer fragen, warum läßt der Andere die Waare so billig? Wer in Verlegenheit ist, kann nicht warten zwei bis drei Monat, das Eis liegt auf dem Fluß, der Mann braucht das Geld binnen hier und zwei Tagen.«
»Sind Sie sicher, daß das Eigenthumsrecht des Verkäufers unbestreitbar ist?« frug der Freiherr.
»Der Mann ist mir sicher,« sagte der Händler; »wenn ich ihm das Geld bis morgen Abend schaffe, ist das Holz mein.«
Dem Edelmann war es peinlich, die Verlegenheit eines Andern zu benutzen, so sehr sich auch sein Herz nach dem Gewinn sehnte. Er sagte mit Würde: »Ich halte es für unpassend, auf den Verlust eines Andern zu rechnen.«
»Warum soll er haben Verlust?« rief Ehrenthal eifrig. »Er ist Speculant, jetzt braucht er Geld; vielleicht will er machen ein größeres Geschäft; so muß er den Vortheil am kleinern überlassen einem Andern. Er hat sich erboten, gegen Zehntausend baar den ganzen Vorrath zu übergeben. Es ist nicht meine Sache, zu fragen, ob er mehr gewinnen kann mit meinem Gelde, als ich gewinnen kann durch sein Holz.«
Was Herr Ehrenthal sagte, war richtig; er verschwieg nur Einiges. Der Verkäufer des Holzes war ein unglücklicher Speculant, der, von seinen Gläubigern gedrängt, eine Auspfändung fürchtete und die unbescheidenen Hoffnungen derselben dadurch beendigen wollte, daß er seine Vorräthe an einen Fremden schnell und heimlich verkaufte und mit der erhaltenen Summe unsichtbar wurde. Vielleicht wußte Herr Ehrenthal das; vielleicht ahnte auch der Freiherr, daß es bei einem so leichten Gewinn eine Bewandniß haben müsse, wenigstens sagte sein Kopfschütteln, daß ihm die Sache keineswegs ganz klar war. Und doch hatte er wenig zu wagen und nichts zu verantworten; er lieh sein Geld an einen sichern Mann, den er seit vielen Jahren als wohlhabend und pünktlich kannte, und gewann dadurch die Aussicht, in kurzer Zeit einen bösen Geist los zu werden, der ihn rastlos quälte. Er war zu unruhig, um zu überlegen, daß er vielleicht einen Teufel vertreibe durch Beelzebub, der Teufel Obersten. Er klingelte nach seinem Wagen und sagte vornehm: »In einer Stunde sollen Sie das Geld haben.«
Ehrenthal dankte in seiner feurigen Weise für diese große Gefälligkeit, schrieb auf der Stelle einen wohlverclausulirten Sola-Wechsel über die Pfandbriefe und empfahl sich mit einer Unterthänigkeit, die sehr gegen das stolze Kopfnicken des Freiherrn abstach.
Seit diesem Tage lebte der Freiherr in banger Erwartung. Immer mußte er an die Unterredung mit dem Händler denken. Wenn er am Theetisch neben seiner Gemahlin saß und über Theater und Concert geplaudert wurde, irrte seine Seele ruhelos zwischen den Lücken der Holzklaftern umher oder wurde von langen rollenden Mastbäumen gedrückt; und wenn er die Arbeitsbücher seiner Tochter durchsah, so starrten ihm auf dem Deckel und am Rande zahlreiche Gesichter Ehrenthals entgegen, und jedes lachte ihn höhnisch an. So oft er auf seinem Jagdpferd ausritt, richtete sich der Kopf des Pferdes nach dem Strom, und mit finsterm Blick sah der Reiter auf die gefrorene Fläche hinab, sah die Eisschollen stromabwärts treiben und das hohe Frühlingswasser bis an die Steine des Randes fluthen.
Ehrenthal hatte sich lange nicht sehen lassen. Endlich, an einem sonnigen Morgen erschien er mit seinen unvermeidlichen Bücklingen, zog ein großes Packet aus der Tasche und rief triumphirend: »Herr Baron, das Geschäft ist gemacht! Hier sind die Pfandbriefe zurück und hier sind zweitausend Thaler als der Gewinn, welcher auf Sie fällt.«
Die Hand des Freiherrn griff hastig nach dem Packet. Es waren dieselben weißen Pergamente, die er mit schwerem Herzen aus der Cassette hervorgeholt hatte, und außerdem ein Bündel Cassenscheine. Diesmal hörte der Freiherr kaum auf den Wortschwall des Händlers, eine Last fiel ihm vom Herzen, er hatte seine Pfandbriefe wieder, und der Ausfall in seinen Finanzen war gedeckt. Ehrenthal wurde gnädig entlassen, die Pergamente eingeschlossen, und der Freiherr durfte sich heute keinen Zwang anthun, um ein liebenswürdiger Gesellschafter zu sein. Noch an demselben Tage kaufte er der Baronin einen Schmuck von Türkisen, den sie lange im Stillen gewünscht hatte.
Seit dem Tage war im Hause des Freiherrn heller Sonnenschein, und wenn es eine Erinnerung an die letzten Wochen gab, so äußerte sie sich nur in Kleinigkeiten. Der Kopf des Halbblutes vermied seit diesem Tage den Strom eben so sehr, als er ihn früher gesucht hatte, und wenn der Reiter auf der Straße von Herrn Ehrenthal gegrüßt wurde, so regte sich wieder ein lebhafter Widerwille gegen den glücklichen Geschäftsmann in seiner Seele, und sehr nachlässig war der Gegengruß, welchen er von der Höhe des Rosses zurückgab.
Aber noch ein dunkler Schatten aus der letzten Vergangenheit sollte über den Freiherrn fallen. Er las in dem Zimmer seiner Frau die Zeitung, als sein Auge auf einen Steckbrief fiel, durch welchen ein verschwundener Holzhändler wegen betrügerischen Bankerotts verfolgt wurde. Er legte das Blatt weg, ein kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Und er, der furchtlose Cavalier, nahm das Zeitungsblatt vom Tisch fort und versteckte es tief unter die Bücher seines Arbeitstisches. Wenn der Betrüger derselbe Mann war — Ehrenthal hatte ihm keinen Namen genannt — aber wenn er, der Edelmann, durch sein Geld und seinen Gewinn fremde wohlbegründete Ansprüche verkürzt hatte; wenn er Gehülfe eines Betrugs geworden war, und wenn er für diese Hülfe bezahlt worden war — diese Gedanken waren fürchterlich für sein stolzes Herz. Der Herr ging in der Stube auf und ab und rang die Hände; er eilte zum Schreibtisch, um den Gewinn einzupacken und fortzuschaffen, er wußte selbst nicht wohin, sich von der Seele, weit weg aus seinem Hause. Mit Bestürzung sah er, daß nur noch ein kleiner Theil des Gewinns vorhanden war. Wie gelähmt setzte er sich an den Tisch und legte den Kopf auf seine Hände. Es war etwas in ihm entzwei gegangen, das fühlte er, und er fürchtete, für immer. Heftig sprang er wieder auf, riß an der Klingel und ließ Ehrenthal zu sich fordern.
Zufälliger Weise war der Händler verreist. Unterdeß sprachen dem Freiherrn die freundlichen Stimmen, welche in der Menschenbrust mit klugen und gewählten Worten alles Bedenkliche in ein gutes Licht zu setzen wissen. Wie war die ganze Angst so thöricht! Es gab viele hundert Leute am Oberlauf des Stromes, die mit Holz handelten, es war ja sehr unwahrscheinlich, daß gerade jener Betrüger der Mann Ehrenthals sein sollte. Und selbst in diesem Fall, wie groß war sein eigenes Unrecht bei dem ganzen Ereigniß? Klein, sehr klein, für einen Geschäftsmann nicht zu erkennen. Ja selbst Ehrenthal, was konnte er dafür, wenn der Verkäufer das Geld zu einem Betrug verwandt hatte? Es war doch Alles ehrlich und gesetzlich gekauft worden. — So sprach es fortwährend begütigend in dem Freiherrn, ach, und welche Mühe gab sich der Herr, all diese Stimmen recht deutlich zu hören.
Als Ehrenthal endlich ankam und hastig zum Freiherrn eilte, trat ihm dieser mit einem Gesicht entgegen, das den Händler wirklich erschreckte. »Wie heißt der Mann, von dem Sie das Holz gekauft haben?« frug der Freiherr heftig an der Thür.
Ehrenthal stand betroffen, auch er hatte seine Zeitung gelesen und verstand, was in der Seele des Edelmanns vorging. Er nannte einen beliebigen Namen.
»Und wie hieß der Ort, wo das Holz lag?« klang die zweite Frage etwas ruhiger. Herr Ehrenthal nannte einen beliebigen Ort.
»Ist das Wahrheit, was Sie mir sagen?« frug der Freiherr tief aufathmend zum dritten Mal.
Da Herr Ehrenthal sah, daß er einen Kranken vor sich hatte, so behandelte er ihn mit der Milde, welche dem Arzt so gut ansteht. »Was sich der Herr Baron für Sorge machen!« sagte er kopfschüttelnd. »Ich glaube, der Mann, mit dem ich habe gemacht das Geschäft, hat seinen guten Vortheil dabei gehabt. Es sind große Eichenlieferungen ausgeschrieben, dabei sind für Einen, der dort oben wohnt, hundert Procent zu verdienen. Ich glaube, er wird sie haben verdient. Das Geschäft, welches ich mit ihm gemacht habe, ist gewesen gut und sicher, wie es kein Kaufmann von der Hand weisen wird. Und wenn er auch ein schlechter Mensch wäre, was haben Sie, gnädiger Herr, darum zu sorgen? Ich habe keinen Grund gehabt, Ihnen den Namen des Mannes und des Ortes zu verbergen, ich habe Ihnen doch Beides damals nicht gesagt, weil nicht Sie gemacht haben das Geschäft, sondern ich. Ich bin gewesen Ihr Schuldner, und ich habe Ihnen zurückgezahlt das Geld mit einer Provision. Mit einer guten Provision, das ist wahr. Ich habe seit Jahren Vieles bei Ihnen verdient, warum soll ich nicht zuerst Ihnen den Vortheil gönnen, den ich jedem Andern auch gegeben hätte? Was machen Sie sich Sorgen, Herr Baron, um Dinge, die nicht sind!«
»Das verstehen Sie nicht, Ehrenthal,« sagte der Gutsherr freundlicher; »es ist mir lieb, daß die Sache so steht. Wäre der Betrüger jener Mann gewesen, mit dem Sie gehandelt haben, so hätte ich unser Verhältniß abgebrochen, ich hätte Ihnen nie verziehen, daß Sie mich wider meinen Willen zum Mitschuldigen eines Betrugs machten.«
Ehrenthal wurde entlassen, und der Freiherr war von einer schweren Sorge befreit. Er beschloß, sich näher nach jenem beliebigen Namen und dem unbekannten Dorfe zu erkundigen. Er erkundigte sich aber nicht darnach; durch die überstandene Angst war ihm die Erinnerung an das Geldgeschäft sehr peinlich geworden, und er mühte sich, gar nicht mehr daran zu denken.
Er war ein zartfühlender, guter Herr, und Ehrenthal war derselben Meinung, denn als er die Treppe hinunterging, murmelte er vor sich hin: »Er ist gut, der Baron, er ist gut!«
VII.
Anton stand unter der gemeinsamen Oberhoheit der Herren Jordan und Pix und entdeckte bald, daß er die Ehre hatte, kleiner Vasall eines großen Staatskörpers zu sein. Was die unerfahrene Außenwelt höchst oberflächlich unter dem Namen Commis zusammenfaßt, das waren für ihn, den Eingeweihten, sehr verschiedene, zum Theil Ehrfurcht gebietende Aemter und Würden. Der Buchhalter, Herr Liebold, thronte als geheimer Minister des Hauses an einem Fenster des zweiten Comtoirs in einsamer Majestät und geheimnißvoller Thätigkeit. Unaufhörlich schrieb er Zahlen in ein ungeheures Buch, und sah nur selten von seinen Ziffern auf, wenn sich ein Sperling auf die Gitterstäbe des Fensters setzte, oder wenn ein Sonnenstrahl die eine Fensterecke mit gelbem Glanze überzog. Herr Liebold wußte, daß der Sonnenstrahl nach den alterthümlichen Gesetzen des Universums in keiner Jahreszeit weiter dringen durfte, als bis zur Spitze des Fensterbrets, aber er konnte sich doch nicht enthalten, ihm plötzliche Ueberfälle auf das Hauptbuch zuzutrauen, und beobachtete ihn deßhalb mit argwöhnischen Blicken.
Mit der Ruhe seiner Ecke contrastirte die ewige Rührigkeit in der entgegengesetzten. Dort waltete in besonderem Verschlage der zweite Würdenträger, der Cassirer Purzel, umgeben von eisernen Geldkasten, schweren Geldschränken und einem großen Tisch mit einer Steinplatte. Auf diesem Tisch klangen die Thaler, klirrte das goldene Blech der Ducaten, flatterte geräuschlos das graue Papiergeld vom Morgen bis zum Abend. Wer die Pünktlichkeit als allegorische Figur in Oel malen wollte, der mußte ohne Widerrede Herrn Purzel abmalen und durfte höchstens das antike Costüm dadurch andeuten, daß er mit künstlerischer Licenz Herrn Purzel die Strümpfe über die Stiefeln und das weiße Oberhemd über den Comtoirrock herüber malte. Alles hatte in der Seele des Herrn Purzel eine eisenfeste unveränderliche Stellung, unser Herrgott, die Firma, der große Geldkasten, der Wachsstock, das Petschaft. Jeden Morgen, wenn der Cassirer in seinen Verschlag getreten war, begann er seine Amtsthätigkeit damit, daß er die Kreide ergriff und einen weißen Punkt auf den Tisch malte, um der Kreide selbst die Stelle zu bezeichnen, wo sie sich den Tag über aufzuhalten hatte. Er stand nicht allein in seiner wichtigen Amtsthätigkeit. Ein alter Hausdiener war seine Ordonnanz, die als Ausläufer mit Geldsäcken und Papiergeld den Tag über nach allen Richtungen der Stadt trabte. Es ist wahr, daß die Ordonnanz an der Eigenthümlichkeit litt, gegen Abend sehr feurig auszusehen und in einer persönlichen Abhängigkeit von starkem Getränk zu stehen. Aber diese Eigenschaft vermochte nicht ihre Treue und Besonnenheit zu erschüttern, ja sie schärfte die Erfindungskraft der Ordonnanz, denn nie hat eines Menschen Gewand so viele geheime Taschen mit Knöpfen und Schnallen gehabt, als der Rock des Ausläufers, und nach jedem Glase, das er getrunken, steckte er die Banknoten in einen noch geheimeren Verschluß.
In dem vordern Comtoir war Herr Jordan die erste Person, der Generalstatthalter seiner kaiserlichen Firma. Er war der Aristo der Correspondenten, erster Commis des Hauses, hatte die Procura und wurde von dem Prinzipal zuweilen um seine Ansicht befragt. Er blieb für Anton, was er ihm schon am ersten Tage gewesen war, ein treuer Rathgeber, ein Muster von Thätigkeit, der gesunde Menschenverstand in Person.
Von den Correspondenten des Comtoirs, welche unter Anführung des Herrn Jordan Briefe schrieben und Bücher führten, war für Anton neben Herrn Specht, dem Sanguiniker, am interessantesten Herr Baumann, der künftige Apostel der Heiden. Der Missionär war nicht nur ein Heiliger, sondern auch ein sehr guter Rechner. Er war untrüglich in allen Reductionen von Maß und Gewicht, warf die Preise der Waaren aus und besorgte die Calculatur des Geschäftes. Er wußte mit Bestimmtheit anzugeben, nach welchem Münzfuß die Mohrenfürsten an der Goldküste rechneten, und wie hoch der Curs eines preußischen Thalers auf den Sandwichinseln war. Herr Baumann war Antons Stubennachbar und fühlte sich durch die gute Art unseres Helden so angezogen, daß er ihm in kurzer Zeit seine Neigung zuwandte und in den Abendstunden zuweilen seinen Besuch gönnte. Den Uebrigen stand er fern und ertrug mit christlicher Geduld ihre Spöttereien über seine Pläne.
Auch außerhalb des Hauses hatte die Firma noch einige Würdenträger. Da war Herr Birnbaum, der Zollcommis, welcher nur selten im Comtoir sichtbar wurde und nur des Sonntags am Tische des Prinzipals erschien, ein exacter Mann, der draußen auf dem Packhof herrschte. Er hatte die Zoll-Procura für die Geschäfte nach dem Auslande, das gewichtige Recht, den Namen T. O. Schröter unter die Begleitscheine des Hauses zu setzen. Wenn einer von den Herren der Handlung den Namen eines Beamten verdiente, so war es dieser Herr, er trug auch seinen Rock stets zugeknöpft, wie seine Freunde die Steuerofficianten. Ferner war da der Magazinier des Geschäftes, der die Controlle über die verschiedenen Magazine in der Stadt hatte, die Assecuranzen besorgte und auf dem Markte die großen Einkäufe in Landesproducten machte. Herr Balbus war durchaus kein feiner Mann, er war von Haus aus sehr arm, und seine Schulbildung war mangelhaft, aber der Prinzipal behandelte ihn mit großer Achtung. Anton erfuhr, daß er seine Mutter und eine kranke Schwester durch seinen Gehalt erhielt.
Aber die größte Thätigkeit unter Allen, eine kriegerische, wahrhaft absolute Feldherrnthätigkeit entwickelte Herr Pix, erster Disponent des Provinzialgeschäfts. An der Thür des vordern Comtoirs begann seine Herrschaft und erstreckte sich durch das ganze Haus, bis weit hinaus auf die Straße. Er war der Gott aller Kleinkrämer aus der Provinz, die ihre laufenden Rechnungen hatten, galt bei ihnen für den Chef des Hauses und erwies ihnen dafür die Ehre, sich um ihre Frauen und Kinder zu bekümmern. Er hatte die ganze Spedition der Handlung unter sich, regierte ein halbes Dutzend Hausknechte und eben so viele Auflader, schalt die Fuhrleute, kannte und wußte Alles, war immer auf dem Platz und verstand es, in demselben Augenblick einer Krämersfrau zur Entbindung ihrer Tochter zu gratuliren, einen Bettler gröblich anzufahren, einem Hausknecht Ordre zu geben und das Zünglein an der großen Waage zu beobachten. Wie alle hohen Herren, konnte auch er keinen Widerspruch vertragen und verfocht seine Ansicht selbst gegen den Prinzipal mit einer Hartnäckigkeit, welche unserm Anton einige Male Entsetzen erregte. Außerdem besaß Herr Pix als Geschäftsmann zwei Eigenschaften von wahrhaft wissenschaftlicher Bedeutung: er konnte von jedem Häufchen Kaffebohnen angeben, in welchem Lande dasselbe gewachsen war, und vermochte leere Räume im Hause und dessen Umgegend eben so wenig zu vertragen, wie die Luft und die Philosophie einen leeren Raum vertragen wollen. Wo ein Winkel, eine kleine Kammer, ein Treppenverschlag, ein Kellerloch aufzuspüren war, da siedelte sich Herr Pix mit Tonnen, Leiterbäumen, Stricken und allen erdenklichen Stoffen an, und wo er und seine Bande, die Riesen, sich einmal festgesetzt hatten, vermochte sie keine Gewalt der Erde zu vertreiben, selbst der Prinzipal nicht.
»Wo ist Wohlfart?« rief Herr Schröter aus der Thür des vordern Comtoirs in den Hausflur.
»Auf dem Boden,« antwortete Herr Pix kaltblütig.
»Was thut er dort?« frug der Prinzipal verwundert. — In demselben Augenblick hörte man oben im Hause lebhafte Stimmen, und Anton polterte die Treppe herunter, gefolgt von einem Hausknecht, beide beladen mit Cigarrenkisten, hinter ihnen die Tante, ein wenig erhitzt und sehr ärgerlich.
»Sie wollen uns oben nicht leiden,« sagte Anton eifrig zu Herrn Pix.
»Jetzt kommen sie uns schon auf den Wäschboden,« sagte die Tante eben so eifrig zum Prinzipal.
»Die Cigarren dürfen hier unten nicht stehn bleiben,« erklärte Herr Pix dem Prinzipal und der Tante.
»Unter den Wäschleinen dulde ich keine Cigarren!« rief die Tante; »kein Ort im Hause ist mehr sicher vor Herrn Pix. Auch in die Kammern der Dienstmädchen hat er Cigarren räumen lassen; die Mädchen klagen, daß sie es vor Tabakgeruch nicht mehr aushalten.«
»Es ist trocken dort oben,« sagte Herr Pix zum Prinzipal.
»Können Sie die Cigarren nicht irgend anderswo unterbringen?« frug der Prinzipal Herrn Pix rücksichtsvoll.
»Es ist unmöglich,« antwortete Herr Pix bestimmt.
»Haben Sie den ganzen Bodenraum zur Wäsche nöthig, liebe Tante?« frug der Prinzipal die Dame.
»Ich glaube, die Hälfte wäre genug,« warf Herr Pix dazwischen.
»Ich hoffe, Sie werden sich mit einer Ecke begnügen,« entschied der Prinzipal lächelnd. »Lassen Sie sogleich den Tischler einen Verschlag machen.«
»Wenn Herr Pix erst einmal auf dem Boden ist, so wird er unsere Wäsche ganz verdrängen,« klagte die erfahrene Tante.
»Es soll die letzte Bewilligung sein, die wir ihm machen,« beruhigte sie der Prinzipal.
Herr Pix lachte still, wie die Tante später behauptete, mit einem rebellischen Grinsen, und gab unserm Helden, sobald sich die beiden Autoritäten entfernt hatten, sofort den Befehl, mit den Kisten wieder hinauf zu ziehen.
Am größten aber war Herr Pix, so oft seine Vertrauten, die reisenden Commis des Geschäftes, auf kurze Zeit in die Handlung zurückkehrten. Dann setzte sich das Provinzialgeschäft im Hinterhause zusammen und verarbeitete die Neuigkeiten des Landes. Dann entfaltete Herr Pix seine genaue Bekanntschaft mit allen Geschäftsleuten der Provinz, mit ihren Vermögensverhältnissen und ihrer Gemüthsart und verfügte in kurzen, aber gewichtigen Worten, wie viel an Vertrauen und Credit den kleinen Handlungen zu schenken sei. Dann wurde Punsch getrunken und Solo gespielt, welches Spiel seines monarchischen Charakters wegen von Herrn Pix am meisten geschätzt wurde, doch behandelte er auch hier alle Compagniegeschäfte mit Verachtung.
Was aber Herrn Pix in dem Auge der Mitwelt das größte Ansehen gab, das waren die Riesen, welche um die große Waage herum nach seinem Befehle schalteten, hohe breitschultrige Männer mit herkulischer Kraft. Wenn sie die großen Tonnen zuschlugen und rollten und mit Centnern umgingen, wie gewöhnliche Menschen mit Pfunden, so erschienen sie dem neuen Lehrling wie die Ueberreste eines alten Volkes, von dem die Mährchen erzählen, daß es einst auf deutschem Boden gehaust und mit thurmhohen Felsblöcken Märmel gespielt habe. Bald merkte Anton, daß sie selbst nicht einem Stamme angehörten. Da waren zuerst sechs Hausknechte, alle von der Natur aus zähem Holz über Lebensgröße ausgeführt. Sie gehörten ganz der Handlung an, waren die regelmäßigen Untergebenen des schwarzen Pinsels, ja mehrere von ihnen wohnten im Hause selbst und hatten allnächtlich der Reihe nach die Wache. Von neun Uhr ab saß dann Pluto, der Newfoundländer des Fräulein, neben einer riesigen Gestalt schweigend im Schatten eines großen Fasses. Diese Hausknechte, wie groß sie auch waren und wie stark, sahen doch den Söhnen sterblicher Menschen noch in manchen Stücken ähnlich. Daneben aber bildeten die Auflader der Kaufmannschaft eine besondere Corporation, welche auf dem Packhof vor dem Thore ihr Hauptquartier hatte und von dort aus die Ladungen nach den großen Waarenhandlungen der Stadt schaffte oder abholte. Diese waren die mächtigsten unter den Riesen, und Einzelne unter ihnen von einer Körperkraft, wie sie in anderm Berufe nicht mehr gefunden wird. Sie hatten mit vielen Handlungen der Stadt zu thun, aber das alte angesehene Haus von T. O. Schröter war die irdische Stätte, auf der sie sich am liebsten herabließen, mit der kleinen Gegenwart zu verkehren. Seit mehr als einem Menschenalter war der Chef dieses Hauses der erste Vorstand ihrer Corporation gewesen. So hatte sich ein Clientenverhältniß zu der Firma gebildet. Herr Schröter empfing am Neujahr als Erster ihren Glückwunsch und wurde Pathe sämmtlicher Riesenkinder, welche im Lauf des Jahres bei ihrer Taufe die Arme der dienstthuenden Hebamme auf das Taufbecken hinunterdrückten und den Geistlichen durch ihre ungeheuren Köpfe so beunruhigten, daß er seine Stimme zur Stärke des Donners erhob, um den Teufel aus ihnen herauszutreiben.
Unter diesen Lederschürzen war Sturm, ihr Oberster, wieder der größte und stärkste, ein Mann, der enge Hintergassen vermied, um seine Kleider nicht auf beiden Mauerseiten zu reiben. Er wurde gerufen, wenn eine Last so schwer war, daß seine Kameraden sie nicht bewältigen konnten, dann stemmte er seine Schulter an und schob die größten Fässer weg, wie Holzklötzchen. Es ging von ihm die Sage, daß er einmal ein polnisches Pferd mit allen vier Beinen in die Höhe gehoben hätte, und Herr Specht behauptete, es gebe für ihn nichts Schweres auf der Erde. Ueber seinem großen Körper glänzte ein breites Gesicht von natürlicher Gutherzigkeit, welche nur durch die Würde gebändigt wurde, die ein Mann von seiner Stellung besitzen mußte.
Er stand zur Firma in einem besonders freundschaftlichen Verhältniß und besaß ein einziges Kind, an dem er mit großer Zärtlichkeit hing. Der Knabe hatte seine Mutter früh verloren, und der Vater hatte ihn als funfzehnjährigen Burschen in der Handlung von T. O. Schröter untergebracht in einer eigenthümlichen Stellung, die er selbst für ihn ausgedacht. Karl Sturm war unter den Hausknechten ungefähr dasselbe, was Fink im Comtoir war, ein Volontair, er trug seine Lederschürze und seinen kleinen Haken, wie der Vater, und war durch eignes Verdienst zu einem ausgedehnten Wirkungskreis gekommen. Er genoß das Vertrauen aller Mitglieder der Handlung, wußte in jedem Winkel des Hauses Bescheid, sammelte alle Bindfaden und Schnüre, alle Nägel und alle Faßdauben, hob alles Packpapier auf, fütterte den Pluto und unterstützte den Bedienten beim Stiefelputzen. Er konnte genau angeben, wo irgend eine Tonne, ein Bret, ein alter Waarenrest lag. Wenn ein Nagel einzuschlagen war, so wurde Karl gerufen; so oft ein Stemmeisen verlegt war, Karl wußte es zu schaffen; wenn die Tante den Wintervorrath von Schinken und Würsten aufhob, so verstand Karl am besten, diese Schätze einzupacken, und wenn Herr Schröter eine schnelle Bestellung auszurichten hatte, so war Karl der zuverlässigste Bote. Zu Allem anstellig, immer guter Laune und nie um Auskunft verlegen, war er ein Günstling aller Parteien, die Auflader nannten ihn »unser Karl,« und der Vater wandte sich oft von seiner Arbeit ab, um einen heimlichen Blick voll Stolz auf den Knaben zu werfen.
Nur in einem Punkt war er nicht mit ihm zufrieden: Karl gab keine Hoffnung, seinem Vater in Größe und Stärke gleich zu werden. Er war ein hübscher Bursch mit rothen Wangen und blondem Kraushaar, aber nach dem Gutachten aller Riesen war für seine Zukunft keine andere als eine mäßige Mittelgröße zu erwarten. So kam es, daß der Vater ihn als eine Art Zwerg behandelte, mit unaufhörlicher Schonung und nicht ohne Wehmuth. Er verbot seinem Sohne, beim Aufladen schwerer Frachtgüter anzugreifen, und wenn er plötzlich von einem Vatergefühl ergriffen wurde, so legte er die Hand vorsichtig auf den Kopf seines Karls in der unbestimmten Furcht, daß die Köpfe von Zwergen nur die Dicke einer Eierschale hätten und bei einem kräftigen Druck zerbrechen müßten.
»Es ist einerlei, was das Ding lernt,« sagte er zu Herrn Pix, als er den Knaben nach der Confirmation im Geschäft einführte, »wenn er nur Zweierlei lernt: ehrlich sein und praktisch sein.« Diese Rede war ganz nach dem Herzen des Herrn Pix. Und der Vater fing seine Lehre auf der Stelle damit an, daß er den Sohn in das große Gewölbe unter die offenen Vorräthe führte und zu ihm sagte: »Hier sind die Mandeln, und hier die Rosinen; diese in dem kleinen Faß schmecken am besten, koste einmal.«
»Sie schmecken gut, Vater,« rief Karl vergnügt.
»Ich denk's, Liliputer,« nickte der Vater. »Sieh, aus allen diesen Fässern kannst du essen, so viel du willst, kein Mensch wird dir's wehren; Herr Schröter erlaubt dir's, Herr Pix erlaubt dir's, ich erlaube dir's. Jetzt merke auf, mein Kleiner. Jetzt sollst du probiren, wie lange du vor diesen Tonnen stehen kannst, ohne hineinzugreifen. Je länger du's aushältst, desto besser für dich; wenn du's nicht mehr aushalten kannst, kommst du zu mir und sagst: es ist genug. Das ist gar kein Befehl für dich, es ist nur wegen dir selber und wegen der Ehre.« So ließ der Alte den Knaben allein, nachdem er seine große dreischalige Uhr herausgezogen und auf eine Kiste neben ihn gelegt hatte. »Versuch's zuerst mit einer Stunde,« sagte er im Weggehen, »geht's nicht, so schadet's auch nicht. Es wird schon werden.« Der Junge steckte trotzig die Hände in die Hosentaschen und ging zwischen den Fässern auf und ab. Nach Verlauf von mehr als zwei Stunden kam er die Uhr in der Hand zum Vater heraus und rief: »Es ist genug.«
»Zwei und eine halbe Stunde,« sagte der alte Sturm und winkte vergnügt Herrn Pix zu. »Jetzt ist's gut, Kleiner, jetzt brauchst du den übrigen Tag nicht mehr in das Gewölbe zu gehen. Komm her, du sollst diese Kiste zusammenschlagen; hier ist ein neuer Hammer für dich, er kostet zehn Groschen.«
»Er ist nur acht werth,« sagte Karl den Hammer betrachtend, »du kaufst immer zu theuer.«
So wurde Karl eingeführt. Am ersten Morgen, nachdem Anton gekommen war, sagte Karl zu seinem Vater im Hausflur: »Es ist ein neuer Lehrling da.«
»Was ist's für einer?« frug der Alte.
»Er hat einen grünen Rock und graue Hosen, es ist Mitteltuch; er ist nur wenig größer als ich. Er hat schon mit mir gesprochen, es scheint ein guter Kerl. Gieb mir dein Taschenmesser, ich muß ihm einen neuen Holznagel in seinen Kleiderschrank schneiden.«
»Mein Messer, du Knirps?« rief Sturm auf seinen Sohn heruntersehend mit tadelnder Stimme, »du hast ja dein eigenes.«
»Zerbrochen,« sagte Karl unwillig.
»Wer hat's gekauft?« frug Sturm.
»Du hast's gekauft, Vater Goliath; es war ein erbärmliches Ding, wie für ein Wickelkind.«
»Ich konnte dir doch kein schweres kaufen für deine kleine Hand?« frug der Vater gekränkt.
»Da haben wir's,« sagte Karl, sich vor den Vater hinstellend, »wenn man dich hört, muß man glauben, ich wäre eine Kaulquabbe von Gassenjungen, die ihre Hosen noch an die Jacke knöpft und hinten ein weißes Schwänzchen trägt.«
Die Auflader lachten. »Sei nicht aufsätzig gegen deinen Vater,« sagte Sturm und legte seine Hand behutsam auf den Kopf seines Sohnes.
»Sieh, Vater, da ist der Lehrling,« rief Karl und betrachtete Anton, der jetzt für ihn zum Inventarium des Hauses gehörte, mit prüfenden Blicken.
Herr Pix stellte Anton dem Riesen vor, und Anton sagte wieder mit Achtung zu dem Riesen aufsehend: »Ich war noch nie in einem Geschäft, ich bitte auch Sie, mir zu helfen, wo ich nicht Bescheid weiß.«
»Alles Ding will gelernt sein,« erwiederte der Riese mit Würde. »Da ist mein Kleiner hier, der hat in einem Jahre schon hübsch etwas losgekriegt. Also Ihr Vater ist nicht Kaufmann?«
»Mein Vater war Beamter, er ist gestorben,« erwiederte Anton.
»Oh, das thut mir leid,« sagte der Auflader mit betrübtem Gesicht. »Aber Ihre Frau Mutter kann sich doch über Sie freuen.«
»Sie ist auch gestorben,« sagte Anton wieder.
»Oh, oh, oh!« rief der Riese bedauernd und sann erstaunt über das Schicksal Antons nach. Er schüttelte lange den Kopf und sagte endlich mit leiser Stimme zu seinem Karl: »Er hat keine Mutter mehr.«
»Und keinen Vater,« erwiederte Karl ebenso.
»Behandle ihn gut, Liliputer,« sagte der Alte, »du bist gewissermaßen auch eine Waise.«
»Na,« rief Karl, auf die Schürze des Aufladers schlagend, »wer einen so großen Vater hat, der hat Sorge genug.«
»Weißt du, was du bist? Du bist ein kleines Ungethüm,« sagte der Vater und schlug lustig mit dem Schlägel auf die Reifen eines Fasses.
Seit der Zeit schenkte Karl dem neuen Lehrling seine Gunst. Wenn er am Morgen auf die Stiefelsohlen desselben Nr. 14 geschrieben hatte, so stellte er die Stiefeln mit besonderer Sorgfalt zur Seite; er nähete ihm abgerissene Knöpfe an die Kleider und war, so oft Anton an der Waage zu thun hatte, dienstbeflissen an seiner Seite, ihm etwas zuzureichen und die kleineren Gewichte auf die Waage zu heben. Anton vergalt diese Dienste durch freundliches Wesen gegen Vater und Sohn, er unterhielt sich gern mit dem aufgeweckten Burschen und wurde der Vertraute von manchen kleinen Liebhabereien des Praktikers. Und als die nächste Weihnacht herankam, veranstaltete er bei den Herren vom Comtoir eine Geldsammlung, kaufte einen großen Kasten mit gutem Handwerkszeug und machte dadurch Karl zu dem glücklichsten aller Sterblichen.
Aber auch mit allen gebietenden Herren der Handlung stand Anton auf gutem Fuß. Er hörte die verständigen Urtheile des Herrn Jordan mit großer Achtung an, bewies Herrn Pix einen aufrichtigen und unbedingten Diensteifer, ließ sich von Herrn Specht in politischen Combinationen unterrichten, las die Missionsberichte, welche ihm Herr Baumann anvertraute, erbat sich von Herrn Purzel niemals Vorschüsse, sondern wußte mit dem Wenigen auszukommen, was ihm sein Vormund senden konnte, und ermunterte oft durch seine lebhafte Beistimmung Herrn Liebold, irgend eine unzweifelhafte Wahrheit auszusprechen und dieselbe nicht durch sofortigen Widerruf zu vernichten. Mit sämmtlichen Herren der Handlung stand er auf gutem Fuß, nur mit einem einzigen wollte es ihm nicht glücken, und dieser eine war der Volontair des Geschäfts.
An einem Nachmittage sah das Comtoir in der Dämmerung grau und unheimlich aus, melancholisch tickte die alte Wanduhr und jeder Eintretende brachte eine Wolke feuchter Nebelluft in das Zimmer, welche den Raum nicht anmuthiger machte. Da gab Herr Jordan unserm Helden den Auftrag, in einer andern Handlung eine schleunige Besorgung auszurichten. Als Anton an das Pult des Procuristen trat, um den Brief in Empfang zu nehmen, sah Fink von seinem Platz auf und sagte zu Jordan: »Schicken Sie ihn doch gleich einmal zum Büchsenmacher, der Taugenichts soll ihm mein Gewehr mitgeben.«
Unserm Helden schoß das Blut in's Gesicht, er sagte eifrig zu Jordan: »Geben Sie mir den Auftrag nicht, ich werde ihn nicht ausrichten.«
»So?« frug Fink und sah verwundert auf: »und warum nicht, mein Hähnchen?«
»Ich bin nicht Ihr Diener,« antwortete Anton erbittert. »Hätten Sie mich gebeten, den Gang für Sie zu thun, so würde ich ihn vielleicht gemacht haben, aber einem Auftrage, der mit solcher Anmaßung gegeben ist, folge ich nicht.«
»Einfältiger Junge,« brummte Fink und schrieb weiter.
Das ganze Comtoir hatte die schmähenden Worte gehört, alle Federn hielten still, und alle Herren sahen auf Anton. Dieser war in der größten Aufregung, er rief mit etwas bebender Stimme, aber mit blitzenden Augen: »Sie haben mich beleidigt, ich dulde von Niemandem eine Beleidigung, am wenigsten von Ihnen. Sie werden mir heut Abend darüber eine Erklärung geben.«
»Ich prügele Niemanden gern,« sagte Fink friedfertig, »ich bin kein Schulmeister und führe keine Ruthe.«
»Es ist genug,« rief Anton todtenbleich, »Sie sollen mir Rede stehen,« ergriff seinen Hut und stürzte mit dem Briefe des Herrn Jordan hinaus.
Draußen rieselte ein kalter Regen herunter, Anton merkte es nicht. Er fühlte sich vernichtet, gehöhnt von einem Stärkeren, tödtlich gekränkt in seinem jungen, harmlosen Selbstgefühl. Sein ganzes Leben schien ihm zerstört, er kam sich hülflos vor auf seinen Wegen, allein in einer fremden Welt. Gegen Fink empfand er etwas, was halb glühender Haß war, und halb Bewunderung; der freche Mensch erschien ihm auch nach dieser Beleidigung so sicher und überlegen. Es wurde ihm schwer um's Herz, und seine Augen füllten sich mit Thränen. So kam er an das Haus, wo er seinen Auftrag auszurichten hatte. Vor der Thür hielt der Wagen seines Prinzipals, er huschte mit niedergeschlagenen Augen vorbei und hatte kaum Fassung genug, in dem fremden Comtoir sein Unglück zu verbergen. Als er wieder herauskam, traf er im Hausflur mit der Schwester seines Prinzipals zusammen, welche im Begriff war, in den Wagen zu steigen. Er grüßte und wollte neben ihr vorbeistürzen, Sabine blieb an dem Hausflur stehen und sah ihn an. Der Bediente war nicht zur Stelle, der Kutscher sprach vom Bock nach der andern Seite herab laut mit einem Bekannten. Anton trat herzu, rief den Kutscher an, öffnete den Schlag und hob das Fräulein in den Wagen. Sabine hielt den Schlag zurück, den er zuwerfen wollte, und blickte ihm fragend in das verstörte Gesicht. »Was fehlt Ihnen, Herr Wohlfart?« frug sie leise.
»Es wird vorübergehen,« erwiederte Anton mit zuckender Lippe und einer Verbeugung und schloß die Wagenthür. Sabine sah ihn noch einen Augenblick schweigend an, dann neigte sie sich gegen ihn und zog sich zurück, der Wagen fuhr davon.
So unbedeutend der Vorfall war, er gab doch den Gedanken Antons eine andere Richtung. Sabinens Frage und ihr Gruß waren in diesem Augenblick eine Beschwörung seiner Muthlosigkeit. In ihrer dankenden Verbeugung lag Achtung, und ein menschlicher Antheil in ihren Worten. Die Frage, der Gruß, der kleine Ritterdienst, den er der jungen Herrin des Hauses geleistet hatte, erinnerten ihn, daß er kein Kind sei, nicht hülflos, nicht schwach und nicht allein. Ja auch in seiner bescheidenen Stellung genoß er die Achtung Anderer, und er hatte ein Recht darauf, und er hatte die Pflicht, sich diese Achtung zu bewahren. Er erhob sein Haupt, und sein Entschluß stand fest, lieber das Aeußerste zu thun, als den Schimpf zu ertragen. Er hielt die Hand in die Höhe, wie zum Schwur.
Als er in das Comtoir zurückkam, richtete er mit entschiedenem Wesen seine Besorgung aus, ging schweigend und unbekümmert um die neugierigen Blicke der Herren an seinen Platz und arbeitete weiter.
Nach dem Schluß des Comtoirs eilte er auf Jordans Zimmer. Er fand bereits die Herren Pix und Specht daselbst vor, in dem gemüthlichen Eifer, welchen jede solche Scene bei Unbetheiligten zu erzeugen pflegt. Die drei Herren sahen ihn zweifelhaft an, wie man einen armen Teufel ansieht, der vom Schicksal mit Fäusten geschlagen ist, etwas verlegen, etwas mitleidig, ein wenig verächtlich. Anton sagte mit einer Haltung, die in Betracht seiner geringen Erfahrung in Ehrensachen anerkennenswerth war: »Ich bin von Herrn von Fink beleidigt worden und habe die Absicht, mir diese Beleidigung nicht gefallen zu lassen. Sie Beide, Herr Jordan und Herr Pix, sind im Geschäft meine Vorgesetzten, und ich habe große Achtung vor Ihrer Erfahrung. Von Ihnen wünsche ich vor Allem zu wissen, ob Sie in dem Streite selbst mir vollkommen Recht geben.«
Herr Jordan schwieg vorsichtig, aber Herr Pix zündete entschlossen eine Cigarre an, setzte sich auf den Holzkorb am Ofen und erklärte: »Sie sind ein guter Kerl, Wohlfart, und Fink hat Unrecht, das ist meine Meinung.«
»Meine Meinung ist es auch,« stimmte Herr Specht bei.
»Es ist gut, daß Sie sich an uns gewandt haben,« sagte Herr Jordan; »ich hoffe, der Streit wird sich beilegen lassen; Fink ist oft rauh und kurz angebunden, aber er ist nicht malitiös.«
»Ich sehe nicht ein, wie die Beleidigung ausgeglichen werden kann, wenn ich nicht die nöthigen Schritte thue,« rief Anton finster.
»Sie wollen den Streit doch nicht vor den Prinzipal bringen?« frug Herr Jordan mißbilligend, »das würde allen Herren unangenehm sein.«
»Mir am meisten,« erwiederte Anton; »ich weiß, was ich zu thun habe, und wünsche nur vorher noch von Ihnen die Erklärung, daß Fink mich unwürdig behandelt hat.«
»Er ist Volontair,« sagte Herr Jordan, »und hat kein Recht, Ihnen Aufträge zu geben, am wenigsten in seinen Privatgeschäften mit Hasen und Rebhühnern.«
»Das genügt mir,« sagte Anton, »und jetzt bitte ich Sie, Herr Jordan, mich einen Augenblick unter vier Augen anzuhören.« Er sagte das mit so viel Ernst, daß Herr Jordan stillschweigend die Thür seiner Schlafkammer aufmachte und mit ihm eintrat. Hier ergriff Anton die Hand des Procuristen, drückte sie kräftig und sprach: »Ich bitte Sie um einen großen Dienst, gehen Sie hinab zu Herrn von Fink und fordern Sie von ihm, daß er mir morgen, in Gegenwart der Herren vom Comtoir, das abbittet, was er von beschimpfenden Ausdrücken gegen mich gebraucht hat.«
»Das wird er schwerlich thun,« sagte Herr Jordan kopfschüttelnd.
»Wenn er es nicht thut,« sagte Anton heftig, »so fordern Sie ihn von mir auf Degen oder Pistolen.«
Wenn vor Herrn Jordan plötzlich aus seiner Tintenflasche ein schwarzer Rauch gestiegen wäre, wenn dieser Rauch sich zu einem fürchterlichen Geiste zusammengeballt hätte, wie in jenem alten Märchen, und wenn dieser Geist die Absicht ausgesprochen hätte, Herrn Jordan sofort zu erdrosseln, so hätte dieser Herr nicht bestürzter dastehen können, als er jetzt unserm Helden gegenüberstand. »Sie sind des Teufels, Wohlfart,« rief er endlich, »Sie wollen sich mit Herrn von Fink duelliren, und er ist ein toller Pistolenschütz, und Sie sind Lehrling und erst seit einem halben Jahr im Geschäft, das ist ja unmöglich!«
»Ich bin Primaner gewesen, und habe mein Abiturientenexamen gemacht, und wäre jetzt Student, wenn ich nicht vorgezogen hätte, Kaufmann zu werden! — Verwünscht sei das Geschäft, wenn es mich so erniedrigt, daß ich meinen Feind nicht mehr fordern darf. Ich gehe dann noch heut zu Herrn Schröter und erkläre ihm meinen Austritt,« rief Anton mit flammenden Augen.
Herr Jordan sah mit größtem Erstaunen auf seinen gutmüthigen Schüler, der auf einmal als phantastischer Riese vor ihm umher flackerte. »Seien Sie nur nicht so heftig, lieber Wohlfart,« bat er begütigend, »ich werde zu Fink hinuntergehen, vielleicht läßt sich Alles im Guten ausgleichen.«
»Ich verlange Abbitte vor dem Comtoir,« rief Anton wieder, »Abbitte oder Satisfaction.«
Es war wohlthuend, unterdeß die beiden Herren in der Nebenstube zu beobachten. Pix hatte als kluger Feldherr mit einem Ruck seinen Holzkorb in die Nähe der Kammerthür geschoben und saß scheinbar gleichgültig da, nur mit seiner Cigarre beschäftigt, während Herr Specht sich nicht enthalten konnte, das Ohr an die Thüre zu legen. »Sie schießen sich,« flüsterte Herr Specht, entzückt über die großen Empfindungen, welche dieser Streit hervorzurufen versprach. »Passen Sie auf, Pix, es wird ein furchtbares Unglück; wir Alle müssen zum Begräbniß gehen, Keiner darf fehlen. Ich wirke die Erlaubniß aus, daß wir Junggesellen die Leiche tragen dürfen.«
»Wessen Leiche?« frug Herr Pix verwundert.
»Wohlfart muß daran glauben,« rief Herr Specht wieder in dumpfem Flüsterton.
»Unsinn,« sagte Herr Pix, »Sie sind ein Narr!«
»Ich bin kein Narr, und ich verbitte mir alle Anzüglichkeiten,« rief Herr Specht wieder flüsternd und nach dem Beispiel Antons entschlossen, sich nichts gefallen zu lassen.
»Schreien Sie mir nicht so in's Ohr,« sagte Herr Pix unbewegt, »man kann nichts verstehen.« In dem Augenblick öffnete sich die Thür, Herr Specht sprang an ein Fenster und starrte angelegentlich in die finstere Regennacht, während Pix unserm Anton die Hand schüttelte und ihm erklärte, er sei ein tüchtiger Mann und das Provinzialgeschäft sei ganz auf seiner Seite. — Herr Jordan ging zu Fink hinab und kam bald wieder herauf; Herr von Fink war nicht zu Hause. Wahrscheinlich saß der Jokei ahnungslos in irgend einer Weinstube. Anton sagte darauf: »Ich lasse die Sache nicht bis morgen ruhen, ich werde ihm schreiben und den Brief durch den Bedienten auf seinen Tisch legen lassen.«
»Thun Sie das nicht,« bat Herr Jordan, »Sie sind jetzt zu zornig.«
»Ich bin sehr ruhig,« erwiederte Anton mit heißen Wangen; »ich werde ihm nur das Nöthige schreiben. Sie, meine Herren, bitte ich, daß Sie über Alles, was Sie hier gehört haben, gegen die Andern schweigen.«
Das versprachen die Herren. Darauf ging er auf sein Zimmer und schrieb einen Brief, in dem er Herrn von Fink sein Unrecht vorhielt und ihm schließlich die Wahl ließ, ob er durch Schläger oder Pistolen das verletzte Selbstgefühl Antons ausbessern wollte. Der Brief war für einen jungen Gentleman gut genug geschrieben und wurde neben den Wachsstock des Herrn von Fink in dessen Stube niedergelegt, nachdem Herr Specht dem Bedienten noch auf der Treppe eingeschärft hatte, mit Kreide drei große Ausrufungszeichen auf den Tisch zu malen; wahrscheinlich sollten sie die Stelle der Späne vertreten, welche die Boten der heiligen Vehme aus dem Burgthor der Angeklagten zu hauen pflegten. Anton blieb den Rest des Abends auf seinem Zimmer, wo er unruhig auf und ab schritt, bald die Scene der Beleidigung, bald die zu erwartende Scene dramatisch auseinander legte und jede Art von Gefühlen durcharbeitete, welche bei einem armen Jungen vor dem ersten Duell unvermeidlich sind.
Unterdeß wurde im Zimmer des Herrn Jordan große Sitzung des gesammten Geschäfts gehalten. Da Herr Pix und Herr Specht versprochen hatten, zu schweigen, beschränkten sie sich auf so mysteriöse und finstere Andeutungen, daß bei einem Theil der Herren die Ansicht entstand, ein Mord sei entweder schon vollbracht, oder doch jeden Augenblick zu fürchten, bis endlich Herr Jordan das Wort ergriff: »Da die Differenz doch kein Geheimniß ist, und die Sache uns Alle angeht, so ist es am besten, wenn wir sie unter einander besprechen und uns sämmtlich Mühe geben, die nachtheiligen Folgen zu verhüten. Ich werde aufbleiben, bis Fink zurückkommt, und sogleich mit ihm reden. Unterdeß muß ich Wohlfart das Zeugniß geben, daß er sich so gewandt benommen hat, wie bei einem jungen Mann ohne Erfahrung nur möglich ist.« Alle stimmten eifrig bei. Darauf geriethen der Zollcommis Herr Birnbaum und Herr Specht in eine lebhafte Erörterung über die verschiedenen Arten der Duelle, und Herr Specht behauptete, beim Schießen über das Schnupftuch würden den Duellanten mit einem seidenen Taschentuch die Augen verbunden, und dieselben auf ihren Standorten so lange im Kreise herumgedreht, bis der Kampfrichter mit seinem Stock aufklopfe, worauf ihnen frei stehe, hinzuschießen, wohin sie wollten. Herr Baumann stahl sich zuerst aus der Gesellschaft fort und ging zu Anton, drückte diesem herzlich die Hand und bat ihn dringend, nicht um rauher Worte willen zwei Menschenleben auf das Spiel zu setzen. Nachdem er Abschied genommen hatte, fand Anton auf seinem Tisch ein kleines Exemplar des Neuen Testaments aufgeschlagen und darin durch ein großes Ohr den heiligen Spruch bezeichnet: »Segnet, die euch fluchen.« Anton war gerade nicht in der Stimmung, den Sinn dieser Worte zu befolgen. Aber er setzte sich doch vor das Buch und las darin die Sprüche, welche er als Kind seiner guten Mutter so oft aufgesagt hatte. Er wurde weicher und ruhiger und ging in dieser Stimmung zu Bette.
Unterdeß drang das Gerücht von einem furchtbaren Ereigniß durch alle Schlüssellöcher, Ritze und Kammern des alten Hauses.
Sabine war in ihrer Schatzkammer. Dies war ein Raum, unwohnlich für einen Gast, aber für jede Hausfrau ein heimliches, herzerhebendes Zimmer. An den Wänden standen mächtige Schränke von Eichen- und Nußbaumholz mit schöner eingelegter Arbeit, in der Mitte ein großer Tisch mit geschnörkelten Beinen, darum einige alte Lehnstühle. Aus den geöffneten Schränken glänzten im Lampenlicht unzählige Gedecke von Damast, hohe Terrassen von Wäsche, Linnen und bunten Stoffen, Krystallgläser, silberne Pocale, Porcellan und Fayence im Geschmack von mehr als drei Generationen. Die Luft war mit einem kräftigen Duft erfüllt, der aus uraltem Lavendel, Eau de Cologne und frischer Wäsche aufstieg. Hier herrschte Sabine allein. Nur ungern sah sie einen fremden Fuß eintreten; was aus den Schränken genommen wurde und wieder hineinkam, hob sie mit eigenen Händen; nur der treue Diener hatte das Vorrecht, ihr an schweren Tagen zu helfen, und zuweilen Karl Sturm, sein Adjutant, der gewisse rosafarbene Pappkarten zum Zeichnen der Wäsche anfertigte und prachtvolle Zahlen darauf schrieb.
Heute stand Sabine noch spät vor dem Tisch, der mit weißer Wäsche belastet war; sie suchte die Nummern des feinen Damasts zusammen, zählte und sortirte Tischdecken und Servietten, band große Bündel mit rosa Bändern zusammen und hing die Nummerkarten daran. Zuweilen hielt sie ein Stück näher an das Licht und sah mit Behagen auf die weißen Arabesken, welche die Kunst des Webers hineingewirkt hatte. Da flog ein dunkler Schatten über ihr Antlitz und traurig sah sie auf einige wunderfeine Servietten, in welche zahlreiche kleine Löcher gestochen waren, je drei oder vier in einer Reihe. Endlich rief sie den Bedienten. »Es ist nicht mehr auszuhalten, Franz, auch in No. 24 sind wieder drei Servietten mit der Gabel durchstochen. Einer der Herren sticht in das Tischzeug! Das ist bei uns doch nicht nöthig.«
»Nein,« sagte der Vertraute kummervoll; »ich selbst habe ja das Silberzeug unter mir, ich weiß am besten, daß es nicht nöthig ist.«
»Wer von den Herren ist so rücksichtslos?« frug Sabine streng. »Es muß einer der Neuen sein.«
»Herr von Fink ist es,« klagte der Diener, »er sticht vor jedem Essen zweimal mit der Gabel durch die Serviette; es giebt mir jedesmal einen Stich durch's Herz, Fräulein Sabine. Aber Herrn von Fink kann ich doch nichts sagen.«
Sabine hing den Kopf über die zerstochenen Servietten. »Ich wußte, daß er es war,« seufzte sie. — »Aber das darf nicht so fortgehen. Ich werde Ihnen für Herrn von Fink eine besondere Nummer herausgeben, die müssen wir opfern, bis sich eine Gelegenheit findet, ihn zu bitten, daß er von seinen Angriffen abläßt.« Sie trat zu dem Schrank und suchte lange. Es war eine schwere Wahl. Zwar von den groben konnte sie ohne Schmerz einige Dutzend missen, von den feinen aber war ihr jedes Gedeck an's Herz gewachsen. Eines freilich mehr als das andere. — »Dieses mag hingehen,« sagte sie endlich betrübt, »hier fehlt ohnedies eine Serviette.« Sie sah noch einmal auf das Muster, kleine Pfauen, welche kunstvoll durch Blumengewinde schritten, und legte die Nummer auf den Arm des Dieners. »Herr von Fink bekommt keine andern Servietten, als diese,« befahl sie.
Franz zögerte zu gehen. »Er hat auch in seiner Schlafstube eine Gardine angebrannt,« sagte er unruhig. »Der Flügel wird nicht mehr zu brauchen sein.«
»Und sie war ganz neu,« klagte Sabine. »Morgen früh nehmen Sie die Gardine ab. — Was haben Sie noch, Franz? Ist etwas vorgefallen?« —
»Ach, Fräulein,« erwiederte der Diener geheimnißvoll, »drüben bei den Herren geht Alles durcheinander. Herr von Fink hat Herrn Wohlfart sehr beleidigt, Herr Wohlfart ist wüthend, es wird ein Duell geben, sagt Herr Specht, die Herren fürchten ein großes Unglück.«
»Ein Duell,« rief Sabine, »zwischen Fink und Wohlfart?« — Sie schüttelte den Kopf. »Sie haben wohl Herrn Specht mißverstanden,« fügte sie lächelnd hinzu.
»Nein, Fräulein Sabine, diesmal ist es ernsthaft. — Es wird ein Unglück geben, Herr Wohlfart ging im größten Zorn an mir vorüber, und er hat seinen Thee nicht angerührt.«
»Ist mein Bruder noch nicht zurück?«
»Er kommt heut spät nach Hause, er ist im Comité.«
»Es ist gut,« schloß Sabine. »Sie schweigen gegen Jedermann, Franz, hören Sie?«
Sabine setzte sich wieder an den Tisch, aber ihr Damast war vergessen. Sie blickte starr hinaus in den dunkeln Hof nach den Fenstern des Volontairs. »Er sticht durch die Servietten,« klagte sie leise, »er wird sich auch kein Gewissen daraus machen, eine Menschenbrust zu durchbohren! Das also war der Schmerz des armen Wohlfart! — Er kam zu uns, der wilde Gast, wie ein Wirbelwind über den blühenden Busch; wo er anschlägt, fallen die Blüthen zur Erde. Sein Leben ist Wirrwarr, Aufregung, Getöse. Was ihm nahe kommt, zieht er in seinen tollen Tanz. Auch mich! auch mich! Du stolzer und verwegener Geist, auch mir hast du die Seele aufgeregt. Ich mühe mich, ich ringe Tag für Tag, aber immer wieder erfaßt mich sein Zauber. So schön, so glänzend, so seltsam ist er! Er ärgert mich täglich und alle Tage muß ich an ihn denken, um ihn sorgen, über ihn trauern. O meine Mutter, hier war's, wo ich zum letzten Mal zu deinen Füßen saß, hier übergabst du mir die Schlüssel des Hauses! Du hieltest die Hände segnend auf mein Herz. »Der Himmel behüte dir jeden Schlag,« sagtest du unter Thränen und Küssen. Jetzt schütze die Tochter, Geliebte, du mein Vorbild für alle Ueberlegung, für die Ordnung deines Hauses, für sicheres Pflichtgefühl, behüte mir das laut pochende Herz. Mache mich fest gegen ihn, gegen sein verführerisches Lachen, gegen seinen übermüthigen Spott.«
So betete Sabine. Lange saß sie in feierlicher Berathung mit den guten Geistern des Hauses, dann fuhr sie mit dem Tuch über die Augen, trat entschlossen an den Tisch und fuhr fort, den Damast zu zählen und aufzuheben.
Anton war bereits ausgekleidet und im Begriff, sein Licht auszulöschen, als kräftig an die Thür geklopft wurde und der Mann eintrat, den er in diesem Augenblick am wenigsten von allen Sterblichen erwartete. Es war Herr von Fink mit seiner Reitpeitsche und seinem nachlässigen Wesen.
»Ah, Sie sind schon zu Bett,« sagte der Jokei und setzte sich rittlings auf einen Stuhl in der Nähe, »lassen Sie sich nicht stören! Sie haben mir einen gefühlvollen Brief geschrieben, und Jordan hat mir das Uebrige erzählt; ich komme, Ihnen mündlich zu antworten.« Anton schwieg und sah von seinem Kopfkissen finster auf den Gegner. »Ihr seid hier alle sehr tugendhafte und sehr empfindliche Leute,« fuhr Fink fort und schlug mit seiner Peitsche an das Stuhlbein. »Es thut mir leid, daß Sie sich meine Reden so zu Herzen genommen haben. Es freut mich aber, daß sie so entschlossen sind. Sie haben den ehrlichen Jordan in einen wahren Wärwolf verwandelt,« fügte er lächelnd hinzu.
»Bevor ich Sie weiter anhöre,« sagte Anton grollend, »muß ich wissen, ob Sie die Absicht haben, mir für Ihre Beleidigung eine Erklärung vor den übrigen Herren zu geben. Ich weiß nicht, ob nach der schweren Kränkung, die Sie mir zugefügt haben, ein Anderer, der mehr Erfahrung in Ehrensachen hat, sich mit einer solchen Erklärung begnügen würde. Ich habe das Gefühl, daß ich damit zufrieden sein müßte.«
»Da fühlen Sie richtig,« sagte Fink kopfnickend; »Sie können damit zufrieden sein.«
»Wollen Sie mir morgen diese Erklärung geben?« frug Anton.
»Warum denn nicht?« sagte Fink gleichgültig; »ich habe keine Lust, mich mit Ihnen zu schießen, ich will Ihnen gern vor sämmtlichen Correspondenten und Procuristen der Firma die Erklärung ausstellen, daß Sie ein verständiger und hoffnungsvoller junger Mann sind, und daß ich Unrecht gethan habe, Jemanden zu kränken, der jünger, und verzeihen Sie den Ausdruck, um Vieles grüner ist, als ich.«
Unser Held hörte diese Worte mit gemischten Empfindungen; es wurde ihm doch leichter um's Herz; aber die Manier Finks ärgerte ihn wieder sehr und er sagte sich im Bette aufrichtend entschlossen: »Ich bin mit dieser Erklärung noch nicht zufrieden, Herr von Fink.«
»Ei,« sagte Fink, »was verlangen Sie noch?«
»Sie gefallen mir auch in diesem Augenblick nicht,« sprach Anton, »Sie sind wieder rücksichtsloser gegen mich, als gegen einen Fremden schicklich ist. Ich weiß, daß ich noch jung bin und wenig von der Welt kenne, und ich glaube, daß Sie mich in vielen Dingen übersehen, aber eben deshalb wäre es hübscher von Ihnen, wenn Sie freundlich und gütig gegen mich wären.« Anton sagte dies mit einer Bewegung, welche seinem Gegner nicht entging. Fink streckte seine geöffnete Hand gutmüthig über das Bett und sprach: »Seien Sie nur nicht wieder böse und geben Sie mir Ihre Hand.«
»Ich möchte gern,« rief Anton mit hervorbrechender Rührung, »aber ich kann noch nicht; sagen Sie mir zuvor, daß Sie den Streit mit mir nicht deswegen so leicht behandeln, weil Sie mich für zu jung und zu gering halten, oder weil Sie von Adel sind und ich nicht.«
»Hört, Master Wohlfart,« sagte Fink, »Ihr setzet mir das Messer verzweifelt an die Kehle. Weil Ihr aber in Eurem reinen weißen Hemdchen so unschuldig vor mir liegt, so will ich ein Uebriges thun und wegen dieser Punkte mit Euch capituliren. Was meinen deutschen Adel betrifft, so viel darauf!« — hier schnalzte er mit den Fingern, — »er hat für mich ungefähr denselben Werth, wie ein Paar gute Glanzstiefeln und neue Glacéhandschuhe. Was aber meine Scheu vor Ihrer Jugend und der hoffnungsvollen Würde eines Lehrlings betrifft, so will ich mich wenigstens zu dem Bekenntniß verstehen, daß ich nach dem, was ich heut Abend an Ihnen kennen gelernt habe, Ihnen fortan bei jedem neuen Zank, in den wir gerathen werden, mit jedem Mordwerkzeug, das Sie vorschlagen, jede mögliche Genugthuung geben will. Damit können Sie sich begnügen.« — Nach diesem Trost hielt ihm Fink zum zweiten Mal die Hand hin und sagte: »Jetzt schlagen Sie ein, es ist jetzt Alles in Ordnung.«
Anton legte seine Hand in die dargebotene, und der Jokei schüttelte sie ihm kräftig und sagte: »Wir sind heut so offenherzig gegen einander gewesen, daß es gut sein wird, wenn wir eine Pause machen, sonst haben wir einander gar nichts mehr zu erzählen. Schlafen Sie wohl, morgen mehr davon.« Dabei ergriff er seine Mütze, nickte mit dem Kopf und schritt klirrend zur Thür hinaus.
Anton war, die Wahrheit zu gestehen, über diesen unerwartet friedlichen Ausgang so vergnügt, daß er lange nicht einschlafen konnte. Herr Baumann, der in seiner Schlafkammer das Bett an derselben Wand hatte, konnte sich nicht enthalten, nach Finks Abgang seinen Glückwunsch durch Klopfen an der Wand auszudrücken, und Anton beantwortete das Signal sofort durch ein ähnliches Klopfen, welches seinen Dank für die Theilnahme anzeigen sollte.
Am andern Morgen war das Comtoir eine Viertelstunde vor der Ankunft des Prinzipals vollzählig versammelt. Fink erschien als Letzter und sagte mit lauter Stimme: »Mylords und Gentlemen aus dem Export- und Provinzialgeschäft, ich habe gestern Herrn Wohlfart von hier in einer Weise behandelt, die mir jetzt, nach dem, was ich von ihm kennen gelernt habe, aufrichtig leid thut. Ich habe ihm gestern bereits meine Erklärung gemacht und bitte ihn heute in Ihrer Gegenwart freiwillig nochmals um Verzeihung. Zu gleicher Zeit bemerke ich, daß unser Wohlfart sich bei diesem Streit durchaus respectabel benommen hat, und daß ich mich freue, mit ihm in Geschäftsverbindung getreten zu sein.« Das Comtoir lächelte, Anton ging auf Fink zu und schüttelte ihm wieder die Hand, Herr Jordan that mit beiden Parteien dasselbe, und die Sache war abgemacht.
Doch blieb sie nicht ohne Folgen. Auch die Kunde von der ehrlichen Sühne, welche Fink dem Lehrling gab, und von der freundlichen Ausgleichung gelangte in das Vorderhaus. Und als Anton zusammen mit Fink beim Mittagtisch erschien, ruhten die Blicke der Damen mit Theilnahme und Neugier auf ihm, und der Prinzipal verbarg nicht ein freundliches Lächeln. Aber auch auf Fink fiel Sabinens Auge mit freudigem Glanz, und so oft sie zu ihm aufsah, war ihr, als hätte sie ihm etwas Großes abzubitten.
Bei den Herren vom Comtoir war die Stellung Wohlfarts auf einmal eine ganz andere geworden, er wurde von Allen mit einer Achtung behandelt, welche ein Lehrling sonst nicht durchzusetzen pflegt; Herr Specht erklärte ihn bei sämmtlichen Commis seiner Bekanntschaft — und seine Bekanntschaft war groß — für einen modernen Bayard, für den letzten Ritter Europa's, für einen furchtbaren Haudegen im Reiche der Conticurrenten; Herr Liebold wurde wahrhaft kühn in seinen Behauptungen, wenn er merkte, daß Anton auf seiner Seite stand, und sogar Herr Pix gönnte seinem Zögling von diesem Tage an augenscheinliche Hochachtung, er vertraute den Beobachtungen, welche Anton am Zünglein der großen Waage machte, eben so fest, wie seinen eigenen, und überließ ihm zuweilen sogar den schwarzen Pinsel, seinen geliebten Scepter, das Zeichen seiner Herrschermacht.
Die größte Veränderung aber trat in Antons Verhältniß zu Fink ein. Denn einige Tage nach dem Streit, als Anton hinter dem Jokei die Treppe des Hinterhauses hinaufstieg, blieb Fink an seiner Thür stehen und frug: »Wollen Sie nicht bei mir eintreten? Sie sollen mir heut Ihren Besuch machen und meine Cigarren probiren.«
Zum ersten Mal überschritt Anton die Schwelle des Volontairs und blieb verwundert an der Thür stehen, denn das Zimmer sah sehr fremdartig aus. Elegante Möbel standen unordentlich umher, ein dicker Teppich, weich wie Moos, bedeckte den Fußboden, und der ordentliche Anton sah mit Betrübniß, wie rücksichtslos die Cigarrenasche auf die prächtigen Blumen desselben geworfen war. An der einen Wand stand ein großer Gewehrschrank, darüber hing ein ausländischer Sattel und pfundschwere silberne Sporen; die andere Wand verdeckte ein eben so großer Bücherschrank aus kostbarem Holz, voll von Büchern in braunem Lederband, und über dem Schrank reichten riesige Flederwische, die schwarzen Flügel eines ungeheuren Vogels, von einer Stubenwand bis zur andern.
»Welche Menge von Büchern Sie haben!« rief Anton erfreut.
»Es sind Erinnerungen an eine Welt, in der ich nicht mehr lebe,« sagte Fink.
»Und diese Flügel, gehören sie auch zu Ihren Erinnerungen?«
»Ja, Herr, es sind die Fittige eines Condors; Sie sehen, ich bin stolz auf diese Jagdbeute,« antwortete Fink und hielt unserm Anton ein Packet mit Cigarren hin. »Setzen Sie sich, Wohlfart, lassen Sie uns plaudern, und zeigen Sie, ob Herr Specht Recht hat, wenn er Sie als liebenswürdigen Gesellschafter rühmt.« Er schob unserm Helden mit dem Fuße einen großen Fauteuil zu. Anton sank behaglich in die weichen Kissen und blies blaue Wolken nach der Decke, während Fink die Lampe des silbernen Theekessels anzündete. »Sie haben mir neulich gefallen, Wohlfart,« sagte Fink, sich der Länge nach auf dem Sopha ausstreckend, »verstehen Sie sich auf Pferde?«
»Nein,« sagte Anton.
»Sind Sie Jäger?«
»Auch nicht.«
»Treiben Sie Musik?«
»Nur wenig,« sagte Anton.
»Nun also, in Teufels Namen, welche menschliche Eigenschaft haben Sie denn?«
»In Ihrem Sinne wenig,« antwortete Anton ärgerlich. »Ich kann die Leute lieben, welche mir gefallen, und ich glaube ich kann ein treuer Freund sein; wenn mich aber Jemand übermüthig behandelt, so empöre ich mich.«
»Schon gut,« sagte Fink, »von der Seite kenne ich Sie. Für einen Anfänger war Ihr Debut gar nicht übel. Ich sehe, es ist Race in Ihnen. Lassen Sie hören, wer Sie sind. Von welchem Volke der sterblichen Menschen stammen Sie, und welches Schicksal hat Sie hierher geschleudert in dieses traurige Mühlwerk, wo Jeder zuletzt voll Staub und Resignation wird, wie Liebold, oder im besten Fall wie der pünktliche Jordan?«
»Es war doch ein gutmüthiges Schicksal,« antwortete Anton und begann von seiner Heimath und seinen Eltern zu erzählen. Mit Wärme schilderte er den kleinen Kreis, in dem er aufgewachsen war, die Abenteuer seiner Schulzeit und einige närrische Leute aus Ostrau, mit denen er verkehrt hatte. »Und so ist für mich ein großes Glück, was Sie für ein Unglück halten,« schloß er, »daß ich hierher gekommen bin.«
Fink nickte beistimmend und sagte: »Zuletzt ist der größte Unterschied zwischen uns Beiden, daß Sie Ihre Mutter gekannt haben und ich die meine nicht. Uebrigens ist es ziemlich gleichgültig, in welchem Nest Einer aufwächst, man kann fast unter allen Umständen ein tüchtiger Gesell werden. — Ich habe Leute gekannt, die weniger Liebe in ihrem Vaterhause gefunden haben, als Sie.«
»Sie haben so viel von der Welt gesehen,« sagte Anton rücksichtsvoll, »ich bitte Sie, mir zu sagen, wie Sie dazu gekommen sind.«
»Sehr einfach,« begann Fink. »Ich besitze einen Onkel in Newyork, der dort einer von den Aristokraten der Börse ist. Dieser schrieb meinem Vater, als ich vierzehn Jahr war, ich solle eingepackt und herübergeschickt werden, er habe die Absicht, mich zu seinem Erben zu machen. Mein Vater ist sehr Kaufmann, ich wurde emballirt und abgeschickt. In Newyork wurde ich bald ein gottverdammter kleiner Schuft und Taugenichts, ich trieb jede Art von Unsinn, hielt einen Stall von Racepferden in einem Alter, wo bei uns ehrliche Jungen noch auf offener Straße ihre Buttersemmel verzehren und mit einem Papierdrachen spielen. Ich bezahlte Sängerinnen und Tänzerinnen und mißhandelte meine weißen und schwarzen Domestiken so sehr durch Fußtritte und Haarraufen, daß mein Oheim genug zu thun hatte, um Entschädigungsgelder an diese freien Bürger zu bezahlen. Sie hatten mich aus meiner Heimath fortgerissen, ohne sich um meine Gefühle zu bekümmern; ich bekümmerte mich jetzt den Teufel um die ihren. Uebrigens je toller ich's trieb, desto mehr Geld bekam ich in die Hände. Ich war bald der verrufenste unter den jungen Bengeln, welche die vornehmen Unarten jenseit des Wassers cultiviren. Einst an meinem Geburtstage kam ich um sechs Uhr früh aus einem kleinen Souper nach Hause, bei dem ich aus Caprice den Spröden gegen einige zuvorkommende Damen gespielt hatte, und unterwegs fiel mir ein, daß diese Wirthschaft ein Ende nehmen müsse oder ich selbst würde ein Ende nehmen. Ich ging nach dem Hafen statt nach Hause, steckte mich in grobe Matrosenkleider, die ich unterwegs kaufte, und bevor es Mittag war, fuhr ich als Schiffsjunge auf einem dickbäuchigen Engländer zum Hafen hinaus. Wir segelten einige tausend Meilen um Cap Horn herum und auf der andern Seite des Festlandes wieder hinauf. Als wir in Valparaiso ankamen, erklärte ich dem Capitain, daß ich ihm für die Ueberfahrt dankbar sei, tractirte die ganze Mannschaft und sprang an's Land, um mit den zwanzig Dublonen, die ich noch in der Tasche hatte, auf eigene Faust mein Glück zu machen. Ich traf bald einen verständigen Mann, der mich auf seine Hazienda brachte, wo ich als Ochsenhirt und Reitkünstler nicht geringe Lorbeeren erndtete. Ich war etwa anderthalb Jahr dort oben und befand mich sehr wohl, ich wurde als eine Art dienstthuender Gastfreund behandelt, ich war verliebt, ich war bewundert als Jäger und tummelte mich tüchtig im Sattel, was fehlte mir? — Doch alle Freude ist vergänglich. Wir hatten gerade großes Rinderschlachten, und ich war fleißig beschäftigt, von meinem Pferd die Kühe in den Schlachthof zu escortiren, als plötzlich zwei Regierungsbeamte in unser Fest hineinritten. Diese behandelten mich selber mit vieler Artigkeit wie ein junges Rind, nahmen mich sammt meinem Pferd in die Mitte und führten mich zwischen ihren Steigbügeln Trott und Galopp nach der Hauptstadt. Dort wurde ich beim amerikanischen Consul abgeliefert, und da mein Oheim Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hatte, mich auszuspüren, und ich aus einem langen Briefe meines Vaters erkannte, daß dieser Herr sich wirklich über mein Verschwinden ängstigte, so beschloß ich, ihm den Gefallen zu thun und zurückzukehren. Ich unterhandelte mit dem Consul und reiste mit dem nächsten Schiff nach Europa ab. Als ich auf diesem bejahrten Erdhaufen ankam, erklärte ich meinem Vater, daß ich nicht Kaufmann werden wolle, sondern Landwirth. Darüber gerieth die Firma Fink und Becker außer sich, aber ich blieb fest. Endlich kam ein Vertrag zu Stande. Ich ging zunächst auf zwei Jahr in eine norddeutsche Wirthschaft, dann sollte ich einige Jahr in einem Comtoir arbeiten, dadurch hoffte man meine Capricen zu bändigen. So bin ich jetzt hier in Clausur. Aber alle Mühe ist umsonst. Ich thue meinem Vater den Gefallen, hier zu sitzen, weil ich merke, daß sich der Mann viel unnützen Kummer um mich macht, aber ich bleibe nur so lange hier, bis er sich überzeugt, daß ich Recht habe. Dann werde ich Landmann.«
»Wollen Sie bei uns ein Gut kaufen?« frug Anton neugierig.
»Nein, Herr,« antwortete Fink, »das will ich nicht. Ich würde es vorziehen, vom frühen Morgen bis gegen Mittag zu reiten, ohne an einen Grenzstein meines Landes zu stoßen.«
»Sie wollen also wieder nach Amerika zurück?«
»Oder anderswohin, ich bin in Erdtheilen nicht wählerisch. Unterdeß lebe ich in diesem Kloster als Mönch, wie Sie sehen,« sagte Fink lachend und goß aus einer großen Flasche eine Menge Rum unter ein geringeres Maß anderer Substanzen, rührte das Getränk um und trank zum geheimen Schreck Antons die feurige Mischung behaglich hinunter. »Frisch, Mann,« rief er, Anton die Flasche zuschiebend, »macht Euren Trank zurecht, und jetzt laßt uns lustig plaudern, wie sich für gute Gesellen und versöhnte Feinde schickt.«
Seit diesem Abend behandelte Fink unsern Helden mit einer Freundlichkeit, welche sehr verschieden war von dem nachlässigen Wesen, das er den übrigen Herren vom Geschäft gönnte. In Kurzem wurde Anton der Liebling des Mönchs in der Clausur, oft rief ihn Fink in sein Zimmer, ja er verschmähte sogar nicht, drei Treppen hoch in das Heiligthum der lederfarbenen Katze hinauf zu steigen, wenn er gerade gelaunt war, einen Abend im Hause zu verleben. Allerdings war das nicht oft der Fall. Anton merkte bald, daß sein neuer Freund eine in der Stadt sehr bekannte und vielbesprochene Person war, daß er unter der eleganten Jugend mit einem wahren Despotismus herrschte, und bei Herrenreiten, Jagdpartien und anderen nützlichen Thätigkeiten Anführer und vielbegehrte Autorität war. Er war jung, gewandt, von Adel, galt für unermeßlich reich und besaß eine Meisterschaft in allen Dingen, die mit einem Pferdehuf, einem Gewehrlauf und einem vergoldeten Theelöffel irgend in Verbindung gedacht werden können, und was über Allem stand, er behandelte Jeden, der in seine Nähe kam, mit der leichten Suffisance, welche von je bei dem großen Haufen unselbstständiger Menschen als Zeichen von überlegener Kraft gegolten hat. Fink war deßhalb viel in Gesellschaft und kam oft erst gegen Morgen nach Hause. Anton hörte ihn zuweilen ankommen, wenn er bereits vor seinem Buche saß; er bewunderte die Lebenskraft seines Freundes, der dann nach einer oder zwei Stunden Ruhe seinen Platz im Comtoir einnahm und während des ganzen Vormittags keine Spur von Mattigkeit zeigte. Gegen die strenge Ordnung des Hauses stach Fink auch dadurch ab, daß er sich die unerhörte Freiheit herausnahm, zuweilen eine Stunde nach Eröffnung des Comtoirs zu erscheinen und sich vor dem Schluß zu entfernen. Anton konnte nicht errathen, ob sein Prinzipal diese gelegentliche Selbstständigkeit für ein großes oder für ein kleines Verbrechen hielt. Jedenfalls schwieg er dazu.